Ilnterkalkungsblatl des vorwärts Nr. 117. DonnerZtag� den 20. Juni. 1912 Machdruck vervotea.Z *1] Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Er selbst war ja nur ein Spürhund auf eigene Rechnung, kein Spion, den die Beduinen groß zu fürchten hatten, selbst wenn sie sich verrieten. Ueberdies hatte dieser Ritt durch das alte Stammland so manchen im Lehnstuhl daheim ausspekulierten Standpunkt Umgeworfen. Die brennende Tagesfrage in diesen Ländern: was soll ouf die Dauer aus diesen zehn, zwölf Millionen Muslim in Marokko und im französischen Nordafrika werden?— zwang sich zu jeder Tagesstunde auf und schien ihm hier schwer- wiegender als in anderen afrikanischen Kolonien, weil es sich hier nicht um Neger und Hottentotten handelte, sondern in weit überwiegendem Grade um Volksstämme, die, nahe ver- wandt mit den Europäern jenseits des Mittelmeeres, Europa in früheren Zeiten sowohl in Spanien als in Sizilien Kultur gelehrt und gezeigt hatten, was sie taugten, wenn sie nicht die Ueberwundenen, sondern die Herrschenden waren. Marcel war Franzose bis ins Mark. Aber vor allem war er ehrlich gegen sich selbst und andere und bemüht, gerecht zu urteilen. Die Sympathie, die er für die islamitische Bevölkerung gewonnen hatte und die durch die Dankbarkeit für ihre überströmende Gastfreundschaft täg- lich gesteigert wurde, machte es ihm leichter, die Lage der Dinge im Lichte ihrer berechtigten Wünsche und Hoffnungen zu sehen. Frankreichs offizielle Absicht, die zu verbergen man nicht mehr bemüht war, ging dahin, die Araber zu mohamme- danischen Franzosen zu machen— denn ihren Glauben ließ man vorläufig in Frieden. Aber die Erfahrung lehrte ja ge° ruigend, daß ein islamitischer Europäer nicht sonderlich wasch- echter ist als ein weißgetünchter Neger. Das hieß Oel und Wasser in ein Glas schütten. In dem„Franzosen" würde sich ein vollständiger Muslim erlwlten, der bei der ersten Er- schütterung den dünnen französischen Lack spränge. Marcel geriet nicht selten in Verlegenheit, wenn die Araber mit einem feinen Lächeln die Ehrlichkeit der franzö- fischen Kulturbestrebungen in Zweifel zogen. Denn man konnte ja mit Recht fragen, was Frankreich eigentlich tue, um das geistige Niveau der Bevölkerung zu heben. Was stellte man dem unwissenden Aberglauben der Beduinen entgegen, der die eigentliche Wurzel und Quelle des Fanatismus war? So wenig, daß es würdiger war, darüber zu schweigen. Diese Reise machte Marcel zur Gewißheit, was lange in seinem Hirn gedämmert hatte: daß die Assimilierung, an die er früher geglaubt, nichts als eine große Chimäre war, daß diese Kolonien niemals französisch fühlen und es darum auch nicht auf die Dauer bleiben würden. Ja, er wünschte nicht einmal das freie Frankreich weiterhin die Rolle eines Volks- Unterdrückers spielen zu sehen. Ganz andere ferne Zukunftsaussichten beschäftigten seine Phantasie. � Warum sollten diese nordafrikanischen Staaten mit ihrer kräftigen, unverdorbenen, zum großen Teile begabten Be- völkerung sich nicht, wie beispielsweise die Türkei, verjüngen und erneuern, als ein gesammeltes Reich, das die inneren Zwistigkeiten zu brechen imstande war, reich und stark werden können? Es hieß wohl von Frankreich viel verlangen, wenn es einer solchen EntWickelung Vorschub leisten sollte— obwohl an und für sich im Hinblick auf Englands Erfahrungen nicht gut einzusehen war, was es auf die Dauer dabei zu verlieren gäbe— aber man konnte recht wohl Franzose sein und dennoch mit einem Volke sympathisierm, das durch passiven Widerstand seine nationalen Eigentümlichkeiten, feine Sprache und feinen Glauben zu bewahren entschlossen war. Den Koran— der ja die ganze europäische Kulturarbeit hoffnungslos machte— rührte man nicht an: der Sprache aber war man schon zu nahe getreten, und auf alle Fälle versäumte man es ganz und gar, sich ihrer als Bundes- genossen zu bedienen. Weit draußen in den fernen Stämmen erörterte man einen Vortrag, in welchem ein französischer Professor das Arabische als tote Sprache bezeichnet hatte. Sein Ausspruch kam in die avabischen Zeitungen und durchlief das Land von einem Ende bis. zum anderen, als die tiefste Kränkung, die dem Lande zugefügt werden konnte. Und das Auftreten der Franzosen strafte diese Auffassung nicht Lügen. Marcel hatte es längst als eine große Dummheit be- trachtet, ein Volk aus puren nationalen Eitelkeitsrücksichten mit einer Sprache zu beschweren, für die es keinen Bedarf hat. wogegen es in hohem Grade nach anderen Kenntnissen verlangt. Wie viel klüger wäre es nicht gewesen, Eingang in dies lernbegierige Volk zu gewinnen, indem man es mit Büchern seiner eigenen Sprache überschwemmte! Tie Zähig- keit, mit der die Kabylen ohne Stütze einer Literatur an ihrer Sprache festgehalten hatten, obwohl auch fiir sie der Koran das heilige Buch war, ließ diejenigen, die sehen wollten, klar und deutlich erkennen, daß es reine Phantasterei war, in diesen Ländern— in denen überdies die Sizilianer, die mit der eingeborenen Bevölkerung ganz anders zu verkehren ver- standen, ja sozusagen Blut von ihrem Blute waren, in um so viel größerer Anzahl vertreten waren— an den Sieg der französischen Sprache zu glauben. Warum da nicht lieber dem Mißtrauen die Spitze abbrechen, indem man die Sprache, diesen mächtigen Faktor, zum Bundesgenossen machte? Noch mehr als dies: es wäre ein kluger Gegenzug gegen den Panislamismus gewesen, dem tunesischen Dialekt, der so viele Vorzüge in sich barg, zu Hilfe zu kommen und ihn zu einer geschmeidigen Schri-tsprache auszubilden, den- selben Bruch mit der klassischen Sprache einzuleiten, den Italien während der Frührenaissance dem Lateinischen gegenüber ins Werk gesetzt hatte. Die Gelehrten wären un- zweifelhaft empört gewesen, aber das Volk hätte man mit ein bißchen diplomatischem Vorgehen samt und sonders auf seiner Seite gehabt.— Wenn ein junger Mann auf feurigem Rosse sitzt, vom Räume berauscht, die Welt vor sich, Dankbarkeit im Herzen und der Brust voll erotischer Hoffnungen, dann liegt die Versuchung nahe, großen Plänen zu verfallen. Eines Tages kam es wie ein Blitz über ihn, daß er ja im Grunde dasselbe wolle wie Abdallah: das unterdrückte Volk befreien. Nur wollte er dep Weg des Friedens gehen und sah andere Zukunftsideale vor sich als jener. Er wollte in der Mitte stehen und beide Seiten mit gleicher Sympathie betrachten. War er erst einmal in seinen Studien der Sache ganz auf den Grund gekommen, so würde er dem französischen Volke viele Dinge zu sagen haben, die es nicht wußte, und auch den Arabern so manches, was zu hören ihnen not tat. �,.. Wenn bloß Sultana ihre Hand in die seine legte und ihm Kraft und gesunde Lebensfreude und den Glauben an sich selbst gab, dann sah er die Aufgaben, die seine Kräfte riefen, lebendig vor Augen. Es sollte ein Leben in Schön- heit werden, in heiligem ernsten Streben für die Hebung ihres Volkes. 29. Eines späten Abends war Si Salem bei Marcel zu Besuch. Er saß im Sofa, beide Knie unter das Kinn empor- gezogen, und fingerte nachdenklich in dem großen weißen Patriarchenbart. Am allermeisten erinnerte er an einen be- tagten Löwen, den hohes Alter und lockere Zähne zahm und friedfertig gemacht haben. Sein läffeebraunes Gesicht hatte mehr Runzeln als der Koran Verse hat. Die Augen selbst waren nur ein Paar lange Falten, die schräg gegen die Ohr- läppchen zuliefen, aber jedes in seinem Plan, so daß man an Dreiecke und andere geometrische Formen denken mußte, ohne jedoch etwas Nichtiges herauszubekommen. War er aber einmal sehr verwundert, da' in erweiterten sich diese Spalten und ließen etwas Glänzendes, Schwarzes sehen, das ganz warme Gefühle offenbaren konnte. Marcel ging im Zimmer auf und ab. Die Tage waren vorbei, da er ruhig in einem Strcckstuhl zu sitzZm und zu grübeln vermochte. Sogar sein friedliches Studierzimmer trug ein Gepräge tjön Nnnihe und Veranderungslust. Mehrere der Möbel standen verpackt; er hatte sich entschlosserr, im Verlauf der Woche in der Avenue de France eine Wohnung zu beziehen, in der Justine, die auZ Anlas; dieser Uebersiedelung vor Eni- zücken„ganz desperat" geworden war, ihn? die Wirtschaft führen sollte. Es war ihm nicht mehr rnöglich, unter einein Dache mit Pastor Green zu wohnen,?uit dein er nicht zwei Worte wechseln konnte, ohne in Harnisch zu kommen. Si Salem sah nun da und zerbrach sich den Kopf, wie er Marcel am besten in seiner Liebesnot helfen könne, ohne der heiligen Schrift zu nahe zu treten. Er war nicht zu alt, um sich nicht für die Herzenspein junger Menschen zu interessieren, und die Vertraulichkeit, die sein junger Schüler ihm bezeigte, das Zutrauen, das er in seine erprobte Er- fahrung setzte, erfüllten ihn mit Stolz. Aber selbst»venn Marcel sich beschneiden ließ— und daran mußte er streng festhalten, denn der Koran verbietet einem islamitischen Weibe, einen Ungläubigen zu heiraten— selbst dann war die Sache nicht ohne Schtvierigkeiten, falls Abdallah sich weigerte, Sultana freizugeben; Abdallah war ja Marabu und überdies nicht der Mann, der gewohnt schien, seine Wege von anderen kreuzen zu lassen. In seiner Eigenschaft als gelehrte Theologe hegte Si Sälen? persönlich nur eine höchst mäßige Achtung vor den zumeist?»?wissei?den Marabus, in denen er a?lßerdem eine sprengende, spaltende Macht erblickte, eine Art Apostel für Aberglauben und Unwissenheit, die der wahren Religion weniger Gewinn als Nachteil brachten. Insoweit fühlte er keine Skrupel, Marcel die zweckentsprechei?den Ratschläge zu geben. Sein altes Herz sagte ih?n, daß Marcel und Sul- tana ein Recht auseii?ander hätten. (Fortsctzcmg folgt.) 21 Gefebiebte cles Skalden 6gil. W i e Egils Vater Skallagrin? zu König Harald dem Schönhaarigen fuhr. ' Wie Kueldulf und Skallagriin Rache nahmen. Es war ein Mann, der hieß Guthorm, Sohn Sigurds des Hir- schen. Er war König Haralds Mutterbruder. Solange der König noch ein Kind war, war cr auch sein Pflegevater und Reichsver- iveser. Als dann der König seine Kämpfe um die Einwalthcrrschast begann, war Guthorm sein Heerführer und blieb es in allen Krie- gen, die der König um die Herrschaft in Norwegen führte. Als aber diese Kämpfe zu Ende waren, und Harald sich zur Ruhe gesetzt hatte, gab cr Guthorm alles Land zur Verwaltung, das des Königs ursprüngliches Erbe von Halfdan dem Schwarzen, seinem Bater, gewesen war. Guthorm wurde krank, und als es an ihn ging, sandte cr Bot- schaft zu König Harald und bat ihn, nach seinen Söhnen und dem Reiche zu sehen. Bald darauf starb er, und als König Harald es erfahren hatte, sandte ev Hallvard den Hanten und seinen Bruder aus, uin Guthorms Söhne ihm. zuzuführen� Die Brüder rüsteten sich aufs prächtigste zu der Fahrt. Sie wählten sich Gefolgschaft und nahmen das beste Schiff, das sie fniden konnten. Das war aber das Schiff, das Thorolf Kucldulfs Sohn gehört hatte, ehe der König ihn erschlug, und das sie seinen Leuten abgenommen hatten. Sie hatten günstigen Wind und kamen zeitig im Frühling an. Sic nahmen Guthorms Söhne und viel fahrende Habe mit sich und machten sich auf den Rückweg. Der Wind wehte ihnen etwas wem- gcr gut, doch geschah nichts Besonderes, bis sie nordwärts vor dem Sognefjord vorüberführen, vor dem die Sonneninseln liegen. Der Wind ivar gut, das Wetter hell; und sie waren sehr heiter.— Kueldulf und Skallgrim lauerten die ganze Zeit über auf den gebräuchlichen Wasserstraßen. Skallagriin hatte schärfere Augen als irgend ein anderer. Er sah Hallvard segeln und erkannte das Schiff; denn er hatte es früher mit Thorolfs, seines Bruders, Leu- tcn gesehen. Skallagrim gab wohl acht auf ihre Fahrt, und welchen Hafen sie z*» Nacht anliefen. Darauf kehrte cr zu seinen Leuten zurück und erzählte Kueldulf, daß er das Schiff erkannt habe, das Hallvard Thorolfs Leuten abgenommen hatte; es sei zu vermuten, daß da Männer darauf seien, auf die sich lohnte Jagd zu machen. Darauf rüsteten sie sich und zwei Boote, zwanzig Mann in jedem; das eine steuerte Kueldulf, das andere Skallagrim. Als sie an das Schiff kamen, legten sie an Land. Hallvards Leute hatten auf dem Schiffe Zelte aufgeschlagen und sich zum Schlafe hingelegt. Als Kueldulf und die Seinen herankamen, sprangen die Wachen, die an den Brückcnenden saßen, auf und riefen nach dem Schiffe hin, man solle aufstehen, Unfriede fahre über sie. Als aber Kueldulf an die Brücken herankam, da ging cr auf die hintere, Skallagrim aber auf die vordere der Brucken. Kueldulf hatte einen Streithammcr von der Art, Ae man Brünnentroll nannte, kn der Hand. Als er das Schiff betreten hatte, hieß er seine Mannen am äußeren Bord entlanggehen und die Zelttüchcr herunterhauen, die über das Schiff gespannt waren. Er selbst schritt hinten auf das Hochschisf, und da, erzählt man, überfiel ihn die Zauberstärke und mehreren seiner Fahrgenossen gleichfalls; die schlugen alles nieder. Ivas ihnen in den Weg kam. Ebenso tat Skallagrim, indem er durch das Schiff schritt. Beide ließen nicht ab, bis das Schiff geödet war. Als aber Kueldulf zum Hochschiff zurückkam, da zückte er die Streit- axt in die Höhe und schlug Hallvard in Helm und Haupt, daß die Axt bis zum Schaft hineinsank. Danach zückte er sie so hart an sich, daß Hallvard in die Luft gerissen und über Bord geschleudert ward. Skallagrim ödete unterdes den Vordersteven und erschlug Hallvards Bruder. Viele sprangen über Bord. Da nahmen Skalla- grims Mannen das Boot, auf dem sie gekommen tvaren, und erschlugen alle, die-im Meere schwammen. Da kamen sie um, Hall- vard und seine Leute, mehr als fünfzig Mann. Skallagrim aber nahm das Schiff, das Hallvard gehabt hatte, und alles Gut, das darauf war. Zwei oder drei Mann, die ihnen am unbedeutendsten erschienen, nahmen sie lebendig gefangen. Sie gaben ihnen Frie- den und fragten sie aus, wer aus dem Schiff gewesen war und wohin die Fahrt gehen sollte. Als sie all das der Wahrheit gemäß erfahren hatten, da stellten sie fest, was auf dem Schiffe tot lag, und es fand sich, daß mehr über Bord gesprungen und im Meere um- gekommen war als auf dem Schiffe. Auch die Söhne Guthorms waren über Bord gesprungen und so umgekommen; der eine von ihnen war damals zehn, der andere zwölf Jahre, sehr vielver- sprechende Knaben. Darauf ließ Skallagrim die, denen cr Frieden gegeben hatte» laufen. Er hieß sie König Harald aufsuchen und ihm genau bc- richten, tvas Arbeit sie getan, und wer dabei gewesen.„Bringt ihm," sprach er,„dieses Lied: Nun siegt des Herfen Rache ob des Königs Sache! Geht Wolf und Aar nicht minder über Fürstenkinder. Schwimmt zu Meer der tote prahlende Königsbote; Rab' und Adlern munden seine blutigen Wunden." Tarauf schafften sie das Schiff mit samt seiner Ladung zu ihren eigenen Schissen hinaus. Sie tauschten die Fahrzeuge; sie beluden das, welches sie genommen hatten und machten ihr eigenes leer; denn es war weniger wert. Sie trugen Steine hinein, brachen Löcher und versenkten es. Sobald sie günstigen Fahrwind bekamen, segelten sie auf das Meer hinaus. Wie Kueldulf und Skallagrim nach Island fuhren. Uebcr diejenigen, in welche die Zauberstärke fuhr, oder welche der Berscrkergang ankamt wird erzählt: während das geschah, waren sie so stark, daß nichts gegen sie ankommen konnte, aber sobald es von ihnen ging, waren sie schwächer als gewöhnlich. Mit Kueldulf war es auch so. Als die Zauberstärke von ihm ging, da spürte er die Müdigkeit von dem, was er geleistet hatte, und von allem zusammen wurde er so schwach, daß, er sich z??. Bett legen mußte. Der Wind aber trug sie auf das Meer hinaus. Kueldulf führte das Schiff, das sie den Königsmannen abge» nvmmen hatten. Sie bekamen, guten Wind und hielten ihre beiden Schisse nahe aneinander, so daß sie lange Zeit einander sehen konnten. Als sie aus das Meer gekommen waren, begann Kueldulss Krankheit schlimmer zu werden. Aber als sie sich zum Tode neigte» da rief cr seine Schiffsgenossen zu sich und sprach zu ihnen, cr glaube, daß sich ihvc Wege trennen würden.„Ich bin," sagte er, „nie krank gewesen; kommt es aber so, wie es mich am. wahrscheinlichsten däucht und ich sterbe, legt mich iie eine Lade und laßt mich über Bord. � Sehr anders geht es, als ich dachte, wenn ich nun nicht' nach Island kommen und das Land nehmen soll; bringt meine. Worte an Grim, meinen Sohn: wenn cr nach Island kommt und es sollte so werden, obwohl das unwahrscheinlich aussieht, daß ich früher dort bin als er, da soll cr seinen Hof so nahe als möglich" der Stelle aufrichten, an der ich ans, Land gekommen bin." Kurz. darauf starb Kueldulf. Seine Schiffsgenossen talcn, wie er ihnen geheißen hatte; sie legten ihn in eine Lade und ließen ihn über Bord. Als sie Island vor sich sahen,, segelten sie von Süden, her auf das Land zu; Sic fuhren westwärts vor ihm hin, weil sie erfahren halten, daß Jngolf sich dort angesiedelt hätte. Als sie aber vor Reykjanes kamen und den Fjord sich aufschließen sahen, da steuerten sie mit beiden Schiffen hinein. Da ward es wüstes Wetter und ge- wattiger Rcgen und Nebel, und da kamen die Schiffe auseinander. Da fuhr Kueldulss Schiff in den Borgarfjord hinein bis dahin, wo die Schären- zu Ende sind. Sie entschieden, sich zu ankern, bis das Wetter sich lege und es licht würde. Tann warteten sie die Flut ab und brachten das Schiff in eine Flußmündung und mit aller Kraft auswärts soweit als es ging. Danach entluden sie es und richteten, sich für der» ersten Winter eim Sie erforschten das Land am Meere entlang nach beiden Seiten: Als sie noch nicht weit gekommen rvaren, da fanden sie in einer der beiden Buchten die Lade Kueldusjs angetrieben. Sie fditfffJen. sie auf tie Landspitze, die dort irar. Sie setzten sie da weder und Haustein Steine darüber.— Skallagrim landete an einer Stelle, an der ein« hohe Landspitze in. das Meer hinausging, die nun durch eine schmale Enge mit dem Lande zusammenhing. Tarvus erforschte Skallagrim das Land. Es trarem gewaltige Moore und weite Wälder an, der Küste entlang zwischen! Bery und Bucht, gute Scchunidjagd und reichlicher Fischfang. Als sie aber das Land südwärts ausforschten', da tat sich ihnen ein großer Fjord aus. Sie fuhren hinein, und hielten nicht inne, bevor sie ihre Fahrgenosscn, von Kueldulfs Schiff gefunden hatten. Es war ein sehr frohes Wiedersehen. Sie erzählten Skallagrim, wo Kueldulf an Land gekommen wäre, und wo sie ihn beerdigt hätten. Sie führten ihn dahin und es schien ihm, als würde da in der Nähe eine gute Stelle für den Gutshof sein. Erim kehrte zu seinen eigenen Schiffsgenossen zurück, und beide Teile blieben d-en, Winter über da, wo sie angekommen waren.—• sFortsctzung folgt.) Zur Gefcbicbte der Huberhulofc» Schon bevor Hippokrates, der„Vater der Medizin"(460 oder 450 bis 370 v. Chr.), seine heute noch beachtenswerten Vor- schristen für die Behandlung der Schwindsucht aufstellte, kannte man im alten Griechenland Krankheitszustände, die mit der„weißen Pest" der heutigen Kulturnationen, der Tuberkulose, identisch waren oder ihr doch wenigstens stark ähnelten. Zwar pflegten die Griechen die Ausdrücke P h t i s i s fheute für Lluisis pulmonum, Lungenschwindsucht, gebraucht) und Tabes(dies Wort wird jetzt noch zur Bezeichnung der Tabes«lorsalis, der Rückcnmarksschwind- sucht oder Rückenmartsdarre. die mit der Tuberkulose nichts zu tun hat, verwandt) als einen Sammelbegriff für auszehrende Krank- heiten überhaupt anzuwenden, ohne die Lungentuberkulose als be- sonderes Krankheitsbild zu erkennen. Doch schon in Verhältnis- mäßig früher Zeit, als gerade die griechische Medizin anfing, sich aus einem taschenspiclerischen Priesterprivileg zu einer Wissenschaft zu entwickeln, bestimmte sie Hippokrates als ein„Lungengesclstvür, begleitet von Husten, eitrigem Auswurf, Blutauswurf, Fieber und fortschreitender Abmagerung". Seine Anweisungen zur Behand- kung dieses Leidens zeigen eine erfreuliche Klarheit und Logik gegenüber den oft mehr als phantastischen„Heilmitteln", deren sich zuweilen die Orientalen zur Bekämpfung der gefürchteten Krank- heit bedienten. Ebenso wie bei den Griechen bedeutete bei den Hindu— wir folen hier einem Aufsatze von Dr. F. Köhler im Heft 4 der„Zeit- schrift für Tuberkulose"— die EntWickelung der Priestermedizin zur Laienmedizin einen großen Fortschritt in der Erkenntnis der Krankhcitsvorgänge und ihrer Behandlung. Die Gefahr, die die Schwindsucht für die Volksgesundhcit bedeutete, wurde schon zur Zeit der Abfassung der„Gesetze des Manu" voll gewürdigt, auch wuroe die Frage der Vererbung und Ansteckung dieser Krankheit bereits erörtert. Man betrachtete die Lungenkranken gleich Aussätzigen als gemeingefährlich und verbot den Brahmancn, ein Mädchen zu heiraten, das, möchte es auch noch so reich sein, unter seinen Vor- fahren Lungenkranke aufzuweisen hatte. Die eigentliche Blütezeit der altindischen Medizin fällt in die sogenannte„brahmanische Periode", während der der Buddhismus gestiftet wurde. Aus dieser Zeit rühren die bedeutendsten medizinischen Schriften der Inder her, unter deren Verfassern besonders S u? r u t a durch sein Ayur-Veda, das„Buch des Lebens", hervorragte. In dieser Schrift widmet er der Schwindsucht ein eigenes Kapitel. Nach ihm soll der Arzt einen vorgeschrittenen, hoffnungslosen Fall nicht mehr behandeln, um seinen Ruf nicht aufs Spiel zu setze». Im übrigen empfiehlt er viel hygienische Maßnahmen und auch einige Medikamente. Man soll dem Kranken Aerger und Auf- regungen ersparen, wenn er kein Fieber hat, soll er lauwarme Bäder nehmen. Fußwanderungen, Reiten, Wagenfahrten werden zur Förderung des Stoffwechsels empfohlen, schließlich Höhenluft und der Aufenthalt in— Zicgenställcn. Seltsamer schon mutet die Ver- Ordnung an, dem Kranken das Fleisch schnellfüßiger Tiere zu geben, von Hirschen, Rehen, Antilopen, ferner von Raubtieren, Schlangen, Würmern und Ratten. Reiner Fleischsast in wässeriger und alkoholischer Lösung wird auch bereits als wirksam angepriesen. Weiterhin soll der Patient viel Gemüse, Butter und Wein gc- nießen, kurz, die ganze Behandlung läuft, wie die in unserer Zeit, auf eine Ucbcrcrnährung, eine Mästung hinaus. Aus dem alten Aegypten erfahren wir über die Lungen- schwindsucht so gut wie gar nichts; man fand in der Behandlung der Magen-, Brust- und Herzkrankheiten zuviel Schwierigkeiten, als daß man sich ernstlich an ihre Bekämpfung gewagt hätte. Erst aus späterer Zeit haben wir einige, wenn auch dürftige Nachrichten. Die Juden und Perser scheinen die Tuberkulose nicht gc- könnt zu haben. Jedenfalls finden wir bei den Juden keine Fleisch- beschaugesctze, die aus pcrlsüchtiges(tuberkulöses) Vieh anwendbar wären,»nd auch die Perser kannten keine Behandlungsmethode, die für die Schwindsucht charakteristisch gewesen wäre. Das tollste Sammelsurium von ein wenig zweckmäßigen Heilungsmcthoden, viel mystischen Gaukeleien und sehr viel haarq sträubcndcni Unsinn bietet die Art, in der die Ch i n e s e n der Schwindsucht zu Leibe gingen und die sie bei dem starren Kons fervatismus, mit dem dieses Volk überkommene Anschauungen hegt. auch wohl heute noch betätigen. Die gebräuchlichsten„Heil"mittel sind da unter anderem: Rabenflcisch, Auflegen verschiedenfarbiger Papierstllckchen aus die Schläfen, Beschwörungen durch den Bonzcm. getrocknete Eidechsen und Krötenschleim. Zur Lösung des Schleims! in den Atmungswegen verwandte man Lakritzenstangen, wogegen sich nichts einwenden läßt, aber auch Extrakt ar s menschlichem Kot. Im! großen und ganzen muß man sagen, daß mit Ausnahme der Hindus Medizin die Heilkunde der orientalischen Völker, zumal was die Behandlung der Schwindsucht betrifft, auf einer sehr niedrigen Stufe steht. Bei den Griechen spielen unter den Maßnahmen zur Bes Handlung der Schwindsucht diätetische Verordnungen eine große Rolle. Hippokrates rät körperliche Bewegung an, wenn der Kranke bei Kräften ist, andernfalls empfiehlt er möglichste Ruhe. Der Kranke soll sich vor Kälte und Wind in acht nehmen, bei Fieber das Baden unterlassen und die Freuden der Liebe meiden. Hippokrates war ein strikter Anhänger der Vererbungs» t h e o r i e der Tuberkulose, während sein weniger berühmter Kol-> lege Euryphon von Knidos als eifriger Verfechter der An'» steckungslehre galt. Weiter figurierten als Heilmittel sehr guter, alter Wein, mäßig genossen, sowie gutes und fettes Fleisch» und viel Milch. Auch hier sehen wir also, wie bei den Hindu, schow das moderne Prinzip der Ueberernährung als Grund- läge der Tuberkulosebehandlung. Bei den Römern waren nach Plinius dem Aelteren (23 bis 79 n. Chr.), dessen Wort„Die Sonne ist der Heilmittel größtes" heute in der Behandlung der Gelenktuberkuloser» wieder zu Ehren gekommen ist, Sonnenkuren üblich, auch Seereisen nach Aegypten, doch nicht wie jetzt wegen des dortigen Klimas. sondern wegen der Dauer der Fahrt. Interessant ist übrigens, daß nach den Untersuchungen von Prof. Rüge- Kiel das jetzige Aegypten völlig tuberkuloseverseucht ist und daß die Stadtaraber durch diese Krankheit direkt dezimiert werden. C e l s u s(1. Jahrh. vor Chr.) rät gleichfalls Seereisen und Klimawechsel an. Schwache Leute sollen, um frische Luft zu ges nießen, im Wagen ausfahren oder sich in der Sänfte austragen lassen. Weniger hoch schätzt er den Wein als Heilmittel eiir, schreibt aber, ebenso wie Hippokrates, dessen Wege er oft wandelt« stark gewürzte Speisen vor, im Gegensatz zur heutigen Medizin, die eine möglichst reizlose Kost fordert. Auch den Genuß von Milch! rät er an. Sonst gehören zu seiner Therapie verschiedene zwecklose Medikamente, die wir auch bei dem berühmten Botaniker und» Pharmakologcn Pedanius Dioskorides aus Anazarbea bei Tarsus im Cilizien finden, dessen Werke noch bis in 16. Jahrhundert Geltung hatten und im Orient noch heute sich hohen Ansehens) erfreuen.>, In der späteren Zeit, von Galen bis zu den Arabern, stehen Hygiene und Diätetik wieder an der Spitze der Tuber- kulosebehandlung. Galen schickt seine Kranken nach Lydien und» Oberäghptcn, auch nach Castellamare am Vesuv, wo er der frischen und mit Scbwcfeldämpfen vermischten Luft große Heilwirkungen zuspricht. Er isoliert die Kranken, schränkt den Besuch von Freunden und Verwandten ein und verordnet gute und reichliche Nahrung. Nach seiner Meinung ist die Schwindsucht nur iin Anfangsstadium heilbar. Von den arabischen Aerzten läßt nament- lich A v i c e n n a(Jbn Sina, 980 bis 1037), der„Fürst der Aerzte". seine Patienten Höhenluftknren gebrauchen und empfiehlt besonders das Gcbirgs- und Seeklima von Kreta. Sein fast ebenso bc- rühmtcr Kollege Averroes(Jbn Roschd, um 1100 bis 1198) zieht wiederum Aegypten und Aethiopien, den Sudan, als Kurorte vor. Im übrigen gelten bei den Arabern Besprengungen mit Milch, ja ganze MilchbädeA serner als innerliche Mittel Olivenöl und Zucker als mächtige Heilfaktoren. So sehen wir, daß schon in den Zeiten, da an crnktc For- schungsmethoden und experimentelle Heilkunde noch nicht gedacht werden konnte, die Grundlagen der heutigen Tuberkuloscbchandlung auf Grund generationenlanger Erfahrungen vorgebildet waren; aber erst der modernen Medizin blieb es vorbehalten, das zerstreute Material zu sammeln, in ein System zu bringen und eine einheit- liche Behandlung daraus herzuleiten. C. Bh, Zunftwefcn und kommunale Mfs- verbändc in Innerafrika. In der„Revue Socialiste" gibt Jules Malbran ge eine Dar« stollung der merkwürdigen genojsensckiaftlichen Organisationsformen, die das soziale Leben der großen Handelsstadt T i m b u k t u be- stimmen. Am Rande der Sahara und an der Grenze des Sudan gelegen, hat diese Stadt seit fünf Jahrhunderten die Elemente der verswiedensien Rassen aufgenommen, aber sie in den Rahmen einer eigenarlige» sozialen Ordnung eingefügt, die von den Zuständen in den benachbarten Gebieten scharf absticht. Die Bevölleruug setzt sich aus drei Klassen zusammen, die durch ilsre ber'chiedene?lb- stammuug charakterisiert werden, uan der die Berufsstellung der An- gehörigen abhängt. Die erste dieser Klassen, die Alfas, besteht aus eingeborenen Sudanesen. Ihnen sind die gelehrten Studien vorbehalten, ans ihnen rekrutieren sich die Lehrer lind Nichter. Ihre Kenntnisse sind keineswegs ailf den Koran und seine theologischen und juristischen Auslegungen beschränkt, wenn auch das heilige Buch die Grundlage des Unterrichts bildet. In der Stadt bestehen zwanzig Koranschulcn mit einem lintcrrichlsplan. der der Mittel- und der Hochschule entspricht. Aus der Hochschule wirken vier Professoren, die etwa hundert Schüler haben. Bemerkenswert ist> daß der gelehrte Beruf durchaus mcht den manuellen ausschließt. Die Alfas, die sich nicht ausschließlich mit Studien beschäftigen, sind Männer- und Frauen- s ch n c i d c r. Ihre Spezialität sind gewirkte Seidengcwänder. Manche unterrichten ihre Klasse im Handwerk. Die zweite Klasse der Bewohnerschaft sind die ArmnS, die von den Marokkanern des Dschindcr Pascha abstammen. Sie sind Lederarbeiter, besonders Schlihinacher. Hervorzuheben ist die gelverbliche Tätigkeit der Frauen, die vornehmlich Einbände, Kissen, Futterale uslv. auZ Laminsleder anfertigen. Die reichsten Armas ziehen Lehrlinge auf, die einfachere Arbeiten verrichten, wie die Herstellung von Sandalen uslv. mit bunter Seidenapplikation. Die dritte Klasse heißt G a- B i b i. Sie setzt sich aus den alten Einwohnern des Landes, Freigelassenen uitd Kindern von Sklaven znsammen. Ihre Angehörigen sind frei. Sie üben alle übrigen Berufe aus, denn jeder in der Stadt soll ein Handwerk haben. Sie sind in Zünfte gegliedert, denen ein Obmann vorsteht. Sogar die Eseltreiber haben ihre Zunft. Die Zünfte sind Arbeitergenossenschaften mit einem festen Statut. Ihre Hauptmerkmale sind die Geschlossenheit und die Erblichkeit. Die Profession ist nur innerhalb der Familie übertragbar. Die Erb- lichkeit bezieht sich nur auf die Kundschaft. Die außerhalb der Zunft stehende», die nicht Zulassung in sie finden, bekommen keine Arbeit, außer bei der französischen Verwaltung und bei den euro- päischen Händlern. Außerhalb des Gewerbes betreiben alle den Handel ohne Schranke», wie dies in Europa im frühen Mitttelalter der Fall «vor. In Timbuktu ist die Arbeiterklasse zum Unterschied vom ganzen Süden nicht verachtet. Von besonderem Interesse aber sind die solidarischen Verbände, die die Angehörigen der verschiedenen Klassen verbinden. In jedem der fünf Stadtviertel besteht eine hierarchische Organisation der Altersstufen. Nach der Beschneidnng gruppieren sich die Knaben zu Vereinigungen, die den Namen Tscheretere haben. Der Tscheretere wird von einem Vorsitzenden, feinem Stellvertreter, einem Sprecher und anderen Funktionären geleitet. Eine solche Gruppe hat durchschnittlich 40 Mitglieder. Ihre Aufgaben sind die gegen- seitige Hilfe und die Schlichtung von Streitigkeiten. Den Verbänden der Knaben sind solche der Jünglinge, Männer und Greise über- geordnet. Gegen das Urteil in einem Tscheretere kann an die Gerichts- barkeit des höheren, bis zu den Greisen hinauf, appelliert werden. Darüber gibt es noch eine letzte Instanz, die D f ch e m& a, die aus allen Mitgliedern der gleichgeordneten Gruppen des Ouartiers, dem der Appellierende angehört, und aus Delegierten aller übergeordneten Gruppen des Ouartiers besteht. Wer sich ihrer Entscheidung nicht fügt, ivird voi» allen Gruppen ausgestoßen und in Bann getan, d. h. als Fremder augeschen. Als Hilfsorganisation wird der Tscheretere in Anspruch ge- nominell, wenn ein Mitglied sich verheiraten, ein Haus bauen »vill usw. Die Genossen sind zur Hilfe bei drohender Buße verpflichtet. Die Frauen sind gleichfalls in Tschereteres organisiert. Aber die Entscheidung der Wedscha-Ba, der Gruppenvorsitzenden ist nur gültig, wenn sie von dem„Asekil" des entsprechenden Männ«-Tscheretere bestätigt wird. Malbrauge spricht die Hoffnung aus. daß diese alten Formeln von Solidaritätsorganisationen die rasche Organisation des Landes »mter der französischen Herrschaft erleichtern werden. Die Dschenikla ist auch bei verschiedenen Stämmen in Mauritanien vorhanden. Die Autorität der Häuptlinge besteht ihr gegenüber nur dem Namen «ach, da die Dschemlla nur die ihr Gefügigen mit dieser Würde be- kleidet.— Der Optimismus Malbrauges dürfte nicht unangefochten bleiben. Er erinnert an den der russischen Sozialrevolutionäre, die die sozialistische Gesellschaftsordnung an den Mir anknüpfen wollten. Die europäiswe Herrschaft muß mit dem Fortschritt der kapita- listischen Wirtschaftsformen die Basis der Einrichtungen zerstören, die im Innern Afrikas so merkwürdige Reminiszenzen an die städtische Demokratie des europäischen Mittelalters darbieten. Der Jmperialis- niuS des Finanzkapitals hat ivahrhaftig andere Ziele, als mittel- olterliche Idyllen in romantischem Sinn zu unihegen und Afrika in ein kleinbürgerlich-dcmokratischeS Utopia zu verwandeln. 0.?. kleines feuilleton. Sprachwissenschaftliches. Heber das Alter der deutschen Schrift hat der Historiker an der Berliner Universität Professor Tangl Untersuchungen angestellt, in denen er zu interessanten Ergebnissen über den ästhc- Dxrantwortl. Redakteur: Altert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: tischen Wert der Fraktur gelangt ist. Seit es germanische Schrift- stcllcr gibt, ist von ihnen die Unzulänglichkeit der Lateinschrifr zur Wiedergabe deutscher Wörter empfunden worden. Der Westgote Utfila Ivar der erste Schriflstcller, der die antiken Buchstaben um- formte, nm sie dem deutsche» Sprachgeist anzupassen. Der Franken- köuig Ehilpcrich führte einige Jahrhunderte später besondere der Laieinschrift fehlende Schriflzeichen amtlich in den' Gebranch ein. Olfricd, der erste große deutsche Dichter, klagte(im neunten Jahrhundert) lebhaft darüber, daß die Lateinschrist zur Darstellung deutscher Wörter zu arm sei. JMviesern diese von Taugl aus Licht gezogenen, über IWX) Jahre alten Stimmen zutreffen, kann man noch heute studieren. Der Germanist Professor Collitz von der Universität Baltimore berichtet, daß englische Studenteii im Examen lateinisch gedruckte deutsche Bücher zurückweisen; denn die ohnehin schlvere deutsche Sprache wird für den Ausländer noch viel schwieriger, wenn ihm die Schrift keinen Anhalt gibt. Hlisciroii von Haschen(Häschen, Haschen), Massen von Massen(Massen. Maßen) zu unterscheiden. Wenn sich kürzlich eine große deutsche Stadt mit Rücksicht auf den Freindeuverkchr genötigt gesehen hat. die lateinischen Straßenschilder durch deutsche zu ersetzen, um den Ausländern das ratlose Buchstabieren, z. B. Lehiesshansstrasse(statt dessen Schießhausstraße), und unserer Sprache unverdienten Spott zu ersparen, so geben solche modernen Vorkoinmnisse die Erklärung für die vor lölll) Jahren zuerst ge- äußerte Forderung einer der Sprache angepaßten Schrift. In den Anfängen der deutschen Kultur bricht ein starkes Sehnen durch nach einem eigenen passenden Schriftkleid für die heimische Sprache. Albrecht Dürer schafft dann die Bnchstabenform, die im wesentlichen linsere heutige Buch- und Zeitungsschrift zeigt: die genial der Muttersprache angepaßte Fraktur. Seitdem ist„Deutsch reden" und „Fraktur reden" im Sprichwort dasselbe. Die nach Tangl im Jahre 1477 lateinisch gedruckten deutschen Bücher mußten dem steigenden kunstgewerblichen Feingefühl weichen, das seit dem 16. Jahrhundert für deutsche Bücher streng deutschen Druck verlangte. Physikalisches. Was wissenschaftliche Organisation der Arbeit leistet. Die Fragen nach der Umsetzung von Menschcnkrast in Arbeit, die durch die Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft angeregt wurden, sind in zahlreichen, nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Untersuchungen beantwortet worden und beginnen nun auch praktische Resultate zu zeitigen. Besonders haben die in größten: Umfang ausgeführten Experimente des ameri- kanischeu Cariiegie-Jnstitutcs gezeigt, daß das Vorherrschen der Ei- weißstoffe, wie Fleisch, Eier, in der Nahrung die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt und daß die Leistungen von Arbeitern, die Vorzugs- weise von Früchten und Gemüsen leben, viel besser sind. Ein ganzes neues Wissenschaftsgebiet ist entstanden, das der industriellen Hygiene, auf dem besonders deutsche Gelehrte, wie Zuntz und Rubner, Ausgezeichnetes geleistet haben. Aber die wissenschaftliche Betrachtung der Arbeit als einer Umsetzung von Menschcnkrast in Leistung hat auch direkt organisatorische Erfolge gehabt, worüber Dr. Jules Amar in einem Aufsatz der„Revue" berichtet. Arbeitsteilung und Schnellig- keit sind die beiden Faktoren, die die Arbeit am wenigsten ermüdend und am ertragreichsten gestalten. Wenn man diese beiden Elemente miteinander verbindet, iverden die günstigsten Bedingungen gegeben sein, um lange zu arbeiten, viel zu vollbringen und wenig zu er- müden. Unter diesem Gesichtspunkt hat der Fabrikdirektor F. Winslow Taylor in einer großen Reihe von Betrieben eine Organisation der Arbeit durchgeführt, die die täglichen Leistungen verdreifachte und vervierfachte. Bei. den Verrichtungen wurde durch sorgfältige 'Einübung jede unnötige Wiederholung von Bewegungen vermieden, die eine große MliÄekanstrengung hervorrufen. Auch die Arbeitswerkzenge, die Transportvorrichtuugen usw. unterzog Taylor einer scharfen Kritik in bezug darauf, ob sie un- nötige Anforderungen au die Kräfte stellten. Durch Verbesserung der Werkzeuge und durch praktische Verteilung der Arbeit, durch Regelimg der auszuführenden Bewegungen und der Schnelligkeit dieser Be- wcgungen brachte Taylor jede Arbeit ans die günstigste Formel, die am wenigsten Ermüdung hervorrief. Nach 85 jährigen Versuchen in Fabriken und Werkstätten hat der amerikanische Gelehrte eine Methode ausgearbeitet und in einem umfangreichen Werk niedergelegt, die geeignet erscheint, eine Revolution in allen Formen der Industrie hervorzurufen. Von anderen Forschern wurden Versuche unternommen, die Arbeiten, die Taylor nicht in das Bereich seiner Studie», gezogen hatte, nach seinen Gesetzen praktisch zu orga- nisieren. Als Beispiel sei die Organisation der Maurerarbeit durch Gilbreth angeführt. Die Bewegungen der Maurer beim Legen von Ziegeln wurden dadurch von 18 auf 5, ja sogar 2 für jeden zu legenden Ziegel reduziert; das mühevolle Bücken und Wiederaufrickten des Körpers wurde vermieden durch Verwendung eines prakttschen Gerüstes und kleiner Haufen von Ziegeln, die im Handbereich auf- geschichtet waren. Infolge davon konnte ein Maurer statt 126 Ziegeln in der Stunde 356 legen, wodurch die Leistung fast um das Drei- fache erhöht wurde. In ähnlicher Form läßt sich in allen Hand- iverken eine wisienschasiliche Organisation der Arbeit durchfiihren, bei denen die Muskellätigkeit auf das notwendige Minimum be- schränkt wird. vorwärtsBuchdruckereiti.VertagSanstciltPaulSingeräiEo.iBerlinS�V.