Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 120. Dienstag, den 25. Juni. 1912 47] Suitana. LNachdruS vervoien.) Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Der letzte Uebertritt trägt einen ganz anderen Charakter. Herr Marcel Barriere— der Sohn unseres grohen ver- storbenen Landsmann Guy Barriere— ist ein junger Mann von hervorragender Intelligenz, der auf dem besten Wege ist, einer der ersten Arabologen des Landes zu werden. In feinem eifrigen Studium arabischer Literatur und Denkungs- art wird man eine hinlängliche Erklärung des aufsehen- erregenden Schrittes finden können. Wir hoffen im Interesse des sympathischen jungen Mannes, daß sein Uebertritt zum Islam nicht nur seinem Gewissen die ersehnte Ruhe bringen, sondern auch seinem Umgang mit der arabischen Welt und seinem stets tieferen Eindringen in das Verständnis der arabischen Volksseele förderlich sein möge, zu unser aller Nutz und Frommen. Diese Bekehrung hat durch den Umstand, daß Herr Barriöre der Sohn einer Dame ist. die unter der einge- borenen Bevölkerung Propaganda für den Methodismus macht, einen Beigeschmack" von Sensation bekommen. Wir haben diese anierikanische Missionstätigkeit niemals mit freundlichen Augen oder sonderlichem Zutrauen betrachtet. Die Versuchung liegt nahe, Popularität bei den Arabern zu suchen, indem man uns Franzosen verleumdet. Es kann leider nicht behauptet werden, daß die Amerikaner, die uns die Ehre antun, unsere Gäste zu sein, dieser Versuchung immer auszuweichen verstanden haben. Es gibt Leute, die in diesem Schritte Herrn Marcel Barridres, der als loyaler Vollblutfranzose bekannt ist, eine Art— wir wollen nicht sagen Trotz— aber Mißbilligung gegenüber dem Auftreten seiner Mutter erblicken wollen. Vom französischen Gesichtspunkte aus könnte man ver- sucht sein, eine Wiederholung solcher Bekehrungen zu wün- schen, wohlgemerkt, wenn es sich um Männer handelt, wie Herr Barriöre es ist. Es kann nur beiden Völkern zum Vorteil gereichen, wenn wir so loyale und verläßliche Bundesgenossen im Islam besitzen. Unseren aufrichtigen Glückwunsch dem sympathischen und vielversprechenden jungen Manne."— Pastor Green und seiner Gattin kamen diese Artikel wie höchst unerwartete Bomben ins Haus geflogen. Im ersten Augenblick glaubten sie sogar, es handle sich um eine Mystifikation. Das Verhältnis zwischen Marcel und ihnen hatte sich allmählich zu solcher Schärfe zugespitzt, daß er ihnen von seinen Plänen nichts erzählt hatte. Er war in seine kleine Wohnung in Avenue de France übersiedelt, wo Justine ihm den Haushalt führte. Sie brauchte eben einen Menschen, der sich ein wenig ihrer an- nahm. Die jungen Männer der Kolonie hatten Justinens schlechte Meinung von ihnen nicht Lügen gestraft. Kurz nach- dem Frau Barriöre ihr gekündigt hatte, um sich mit arabischer Dienerschaft zu umgeben, hatte sie einen Siziliancr geheiratet, einen bildschönen Typus mit zündenden Blicken und schwarzem Stirnhaar über die Augen herab, einem von denjenigen, denen man ganz einfach Ja sagen muß. Als aber das Kind kam, saß er schon in La Plata und dachte weder an Tunis noch an Justine. Während Marcel Veranstaltungen zur Hochzeit traf, blieb Sultana bei Zleira. Das hatte seine Ilnannehmlich- keiten, aber es konnte Marcel nicht einfallen, mit einer Frau zusammenzuziehen, mit der er noch nicht verheiratet war. Daheim wagte sie nicht zu wohnen, weil sie fürchtete, Abdallah könnte sie, falls er aus dem Gefängnis käme, dort suchen. Da Marcel sie bei der alleinwohnenden Zleira nicht ans- suchen konnte, besuchte sie ihren Verlobten allabendlich, wenn eS dunkel wurde. Mabrula begleitete sie. Beide waren stets als Veduininnen gekleidet, aber verschleiert: sie hatten sich ja auch vor Zaied ben Bu-Kris in acht zu nehmen.—__ An demselben Abend, da der Uebertritt stattgefunden hatte, erhielt Marcel den Besuch seiner Mutter. Sie war ganz niedergeschmettert, von echtem und tiefem Schmerz bewegt. � „Ist es wirklich wahr, Marcel?" fragte sie schluchzend." „Ich bin zum Islam übergetreten." „Aber es kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du äN Mohammed und seinen Koran glaubst?" „Darüber wünsche ich mich nicht zu äußern." „Sicherlich glaubst' Du nicht an diesen Nonsens. Aber ist denn Dein Haß so weit gediehen, daß Du Dich auf eine so barocke Art an uns rächst?" „Ich hasse Dich durchaus nicht, Mutter. Warum sollte ich Dich im Grunde hassen? Wir sind nur so unendlich weit verschieden." „Du hast mich eben nie verstehen wollen." .„Ist es nicht, die Sache der Mutter, zuerst den Versuch zu machen, ihr Kind zu verstehen? Sie besitzt ja doch von Beginn an die meisten Vorbedingungen." „Du bist immer zu Deinem Vater gegangen. Und Ihr habt Euch beide darin geeinigt, mich beiseite zu schieben." „Tu mußt mir verzeihen, und es sei ohne alle Bitter« keit gesagt, aber ich bin nicht mehr imstande, mit— Dir von meinem Vater zu sprechen." Frau Green tat einen tiefen Seufzer und schwieg einen Augenblick,' während sie in einem Sofa Platz nahm. „Du willst mir also auch nicht sagen, was Dich zu diesem Uebergang bestimmt hat?" „Viele Gründe, aber besonders einer. Ich stehe im Be« griff, tmich mit einer Araberin zu verheiraten." Frau Green fuhr wieder empor. „Mit einer Araberin!! Eine Mohammedanerin?"' «Ja." „Und sie hat Deinen Glauben als Bezahlung verlangt?" „Was war mein Glaube?-- Sie selbst hat nichts verlangt, aber Du weißt, der Koran verbietet die Ehe mit ungläubigen Männern. Für mich ist das ganze nichts, für sie eine Gewissenssache, eine Seligkeitssache. Sie hat mir alles geopfert. Ich bringe ihr dies kleine Opfer, weil siy die schwächere von uns beiden ist und weil ich nicht will, daß ihr Leben von einer ewigen Angst vergiftet würde." Während sie so sprachen, hörte Marcel Sultana kommen. Er wußte, daß sie nicht hereinkommen würde, um das Ge» spräch nicht zu stören, und ging hinaus, um sie zu holen. Sie hatte aus Anlaß des großen Tages ihre reichste Tracht angetan und sich geschmückt wie eine Braut. „Hier siehst Du meine Perlobte, Mutter. Aber Ihr kennt einander ja schon." „Sultana! Du! Aber Du bist ja verheiratet!" „Und wieder verstoßen. Marcel und ich liebtett ein- ander, noch ehe ich meinen Mann kannte." „Und nun willst Tu ineinen Sohn und seinen Glauben nehmen und seine Mutter verjagen denn hier können Pastor Green und ich von nun an nicht mehr bleiben." „Ich habe nichts von Marcel verlangt— nichts. Ich will ihm gern Frieden und Glück schenken, soweit ich es kann. Ich bin bereit, ihm alles zu geben und verlange nichts dafür. Aber Sie dürfen ihn mir nicht nehmen, Frau Green. Zwischen uns ist es Ernst. Marcel hat mir gesagt, daß iH sein Leben bin. Und er ist das meinige." „Möge Gott Euch denn seinen Segen geben!" sagte Frau Green, sich erhebend, mit erstickter Stimme. Sultana fiel ihr weinend in die Arme. Marcel bat seine Mutter nicht, zu bleiben. Das Bei» sammensein an einem Tage, wie dieser war, konnte ja nur ausregend wirken. Marcel war an diesem Abend mehr denn je zuvor be- rauscht von seiner bräutlich geschmückten Freundin. Dieser Abend brannte sich unvergeßlich in sein Ge« dächtnis ein. Das Glück hatte Sultana gesund gemacht und wie durch eine Art Zauber wieder verschönt, und auch ihr Wesen war ein anderes. Das erotisch Leidenschaftliche und nervös Exaltierte war eine sanften und schwesterlichen Zärtlichkeit gewichen, die sie rührend und geradezu bezaubernd machte. Nun kannten fte einander besser, Und dis festen Pläne gaben ihre:n Verhältnis jene Ruhe, nach der Sultana sich so .lange gesehnt hatte. Marcel war seiner selbst sicher geworden. Er wußte nun mit täglich steigender Gewißheit, daß dies weder Spiel noch Blendwerk war. Er hatte in Sultana das gefunden, wonach sein Wesen verlangte. Sie war eine lebende Quelle mit Wirbeln und Tiefen, ein sprudelnder Born von Möglichkeiten, eine unentfaltete aber reiche Natur, 'ein Rätsel, mit dessen Lösung sein bohrender Verstand nie- mals fertig werden würde. Sowohl Justine wie Mabruka schliefen. Die beiden Liebenden genossen das Beisammensein so innig, daß sie sich nicht loszureißen vermochten. Sie schoben die Trennung von Stunde zu Stunde auf und ließen es hell werden, ehe sie schieden. Als aber Sultana heimging, durchschauerte sie ein Angst- gefiihl und Unbehagen, das sie selbst sich nicht zu erklären wußte. (Fortsetzung folgt.) 6] Gcfchicbtc des Shalden 6gil. Ms Thorstein das gewahr wurde, schickte er einen seiner Haus- leute zu Thrand und ließ ihm die Landmarkung zwischen ihm und .Steinar sagen. Als der den Knecht traf, sagte er ihm seinen Auftrag und hieß 'ihn das Vieh wo anders halten. Das da, wo jetzt das Vieh hinein- gekommen sei, das sei Thorstein Egilssohns Land. Thrand sagte:.Das ist mir vollständig gleichgültig, wessen Land das ist! Ich gedenke das Vieh da zu halten, wo rfiir die Weide am besten zu sein scheint!" Darauf trennten sie sich. Thorsteins Bote ging heim und sagte .seinem Herrn die Antwort des fremden Knechtes. Thorstein ließ es ruhig sein, aber Thrand blieb beim Vieh Tag und Nacht.— Einen Morgen stand Thorstcin mit der Sonne auf unb ging auf den Hügel, nach loelchem das Gut seinen Namen hatte. Er sah zu, wo Steinärs Vieh war. Darauf ging er auf das Moor hinaus, bis er zu dem Vieh kam. Am Meerbach steht ein mit Gebüsch bewachsener Felsen. Oben auf diesem Felsen schlief Thrand und hatte seine Schuhe aus- gezogen. Thorstein ging auf den Felsen hinauf. Er hatte eine kleine Axt in Händen und sonst keine Waffen. Er stieß mit dem Axtstiel nach Thrand und weckte ihn auf. Der sprang schnell und hart in bie Höhe. Er griff mit beiden Händen nach der Axt und zückte sie. Er frug, was Thorstein wolle. Thorstein sagte:„Ich will Dir sagen, daß dieses Land mir gehört. Eure Weide aber ist jenseits des Bachs. Es ist nicht ver- wunderlich, daß Du die Landmarkung hier noch nicht kennst." Thrand sagte:„Mir scheint, daß das nichts austrägt, wem das Land gehört. Ich berbfichtige das Vieh da zu lassen, wo es ihm am besten gefällt!" „Wahrscheinlicher ist das," sagte Thorstein,„daß ich selbst werde über mein Land bestimmen wollen, als daß ich Steinars Knechte damit betraue!" Thrand sagte:„Du bist sehr viel weniger weise, als ich dachte, Thorstein! wenn Du Dein Nachtquartier unter meiner Axt suchst und dabei Deine Würde gefährdest. Denn ich achte, daß ich Deine Kraft dreifach habe, und an Mut mangelt es mir auch nicht. Ich bin besser gewaffnet als Du." Tliorstein antwortete:„Auf die Gefahr denke ich es ankommen zu lassen, wenn Du das mit der Weide nicht änderst. Ich meine, unser Glück wird ebensoviel auseinandergehen als die Gerechtigkeit unserer Sache!" Thrand sagte:„Nun will ich Dir zeigen, Thorstein, wie ich Deine Drohungen fürchte!" Damit setzte er sich nieder und band feine Schuhe. . Thorstein aber zückte seine Axt hart in die Höhe und hieb ihm in den Hals, so daß, das Haupt in die Brust sank. Darauf hüllte er den Leichnam mit Steinen und ging heim. Diesen Tag kam Steinars Vieh nicht nach Hause. MS keine Hoffnung mehr darauf war, da nahm Steinar sein Pferd und sattelte eS und waffnete sich schwer- Er ritt nach Borg, und als er dort ankam, traf er einige Männer, die er anspracht Er frug. wo Thorstein wäre. Er säße drinnen. Da bat Steinar, daß Thorstein herauskäme; er habe etwas mit ihm zu verhandeln. Als Thorstcin da? hörte, nahm er seine Waffen und trat in die Tür. Er frug Steina', was er habe. „Saft Du meinen Knecht Thrand erschlagen?" fragte Steinar. „Ganz gewiß habe ich das getan," antwortete Thorstein.„Du brauchst keinen anderen im Veroacht zu haben." „Ich sehe," sagte Steinar,„daß Du Dein Land mit harter Hand zu oexjeidigen gedenkst, da Du zwei meiner Knechte erschlagen hast. Mir komlnk da? nicht wie eitle Heldentat vor. Dazu will ich Dir eine bessere Gelegenheit verschaffen. Ich werde mich nun nicht mehr auf andere Männer verlassen, das Vieh zu hüten. Aber das! sollst Du wissen: Mein Vieh wird Tag und Nacht auf Deinem Lande fein." „Die Sache steht so," antwortete Thorstein:„vorigen Sommer erschlug ich Dir den Knecht, welchen Du das Vieh hier auf meinem Lande weiden ließest. Danach aber ließ ich Euch den übrigen Sommer weiden, soviel Ihr wolltet. Jetzt habe ich Dir den anderen Knecht erschlagen aus demselben Grunde wie den vorigen; Du hast nun wieder freie Weide bis zum Winter. Weidest Du nächsten Sommer wieder auf meinem Lande, da denke ich Dir abermals! einen zu erschlagen, der das Vieh hütet, und wenn Du es selbst bist. Und weiter denke ich so zu tun, jeden Sommer, solange Du es auf diese Art weiter treibst." Da ritt Steinar nach Hause. Wenig später machte er sich auf in das Stafaholz hinauf. Da wohnte damals der Gode Einar. Er bat ihn um Hilfe und bot ihm Geld dafür. Einar antwortete:„Meine Hilfe wird Dir wenig nützen, glaube ich, wenn nicht mehr von den Vornehmen dabei sinv." Da ritt Steinar ins Reykjadal hinauf zu Tungu-Odd. Er bat ihn um Hilfe und bot ihm Geld dafür. Odd nahm das Geld an und versprach, Steinar zlk üntd» stützen, damit er vorwärts komme mit feinem Rechtsstreit wider Thorstein. Darauf ritt Steinar heim. Um den Frühling unternahmen sie, Odd und Einar, die Vor-- ladungsfahrt mit Steinar, und hatten ein gewaltiges Gefolge dabei. Steinar lud Thorstein wegen Knechteerschlagung und zwar auf dreijährige Verfehmung für jeden Totschlag. Denn so war es Gesetz, wenn jemandem ein Knecht erschlagen war und bis zum dritten Sonnenaufgang keine Knechtsbuhe abgeführt war. Awei Verfehmungen aber gaben eine Aechtung auf Lebenszeit. Thorstein unternahm keine Gegenlaoung. Kurze Zeit darauf sandte er Mannen südwärts. Sie kamen nach dem Moorberge und berichteten, was geschehen. Egil ließ sich nicht viel merken, spürte jedoch im stillen nach, wie es um den Streithandel stand und wer Steinar in dieser Sache unterstütze. Darauf zogen die Boten heim, und Thorstein erklärte sich mit ihrer Fahrt zufrieden. Wie der Streit auf dem Thinge geschlichtet ward, Thorstein Egilssohn sammelte für das Frühjahrsthing ein sehr großes Gefolge und kam eine Nacht früher als die anderen. Sie zelteten ihre Hütten, er und seine Thingmänner, soweit sie dort Hütten besaßen. Als sie damit fertig waren, da ließ Thorstein sie kommen und eine neue Hütte mit gewaltig großen Wänden auf» führen und zelten, größer als alle anderen Hütten, die auf dem Thingplatz waren. Steinar ritt mit großem Gefolge an. Auch Tungu-Odd führte eine mächtige Schar herbei, und ebenso brachte Einar aus dem Stafaholz ein großes Gefolge mit; sie zelteten ihre Hütten. Das Thing war sehr besucht. Sie brachten ihre Sache vor, Thorstein bot keinen Vergleich. Er antwortete denen, die sich um einen Vergleich Mühe gaben, daß er beschlossen habe, das Urteil abzuwarten. Ihn dünke die ganze Sache, die Steinar wegen Knechteerschlagung vorgebracht habe, geringfügig. Die Knechte Steinars hätten hinreichend viel Schuld auf sich geladen. Steinar ließ sich sehr großartig aus über seine Sache. Sie sei dem Gesetze gemäß, und er habe die Macht dazu in der Hand, dem Gesetz zum Siege zu verhelfen. Er war sehr herausfordernd. Am Tage waren die Männer zum Thinghügel gegangen und hatten ihre Sache vorgetragen. Am Abend sollten die Richter untersuchen und entscheiden. Thorstein war mit seinem Gefolge da; er sorgte sehr genau für die Thingordnung. So war es gewesen, solange Egil das Godord und die Häuptlingschaft gehabt hatte. Beide Teile standen in voller Waffenrüjwng. Da ,'ahen sie vom Thingplatz aus, wie ein Haufe Mannen unten längs dem Klufbach heraufgeritten kam; die Schilde blinkten; und wie sie an dem Thingplatz herankamen, sah man vorne einen Mann reiten in blauem Klappmantel, der hatte einen goldumwundenen Helm auf dem Haupte und einen goldgeschmückten Schild zur Seite und in den Händen einen Hakenspeer mit goldbeschlagenem Schaftring: er war mit dem Schwerte gegürtet. Da war Egil Skallagrimssobn mit achtzig Mann gekommen, alle wohlgewaffnet, wie wenn sie zum Kampfe gerüstet wären, eine ausgewählte Schar; die besten, kampftüchtigsten Bondensöhne des Gaues, in dem er wohnte, hatte er sich ausgesucht.. Er ritt mit dem Haufen zu der Hütte, die Thorstein hatte zelten lassen und die vorher leer geblieben war. Dort stiegen sie von ihren Rossen, und als Thorstein seinen Vater erkannte, ging er ihm entgegen mit seinem ganzen Gefolge und begrüßte ihn feierlich. Da lieh Egil das Gepäck hineintragen und die Pferde auf die Weide treiben. Als dies geschafft war, gingen er und Thorstein mit dem ganzen Haufen zum Thinghügel hinauf und setzten sich dort nieder, wie sie zu sitzen gewohnt waren.•. Daraus erhob sich Egil und sprach mit lauter Stimme:»Ist Oenund Sjoni hier auf dem Thingbügel?." — 479— Cenunb sagte, er sei eS—.ich bin froh, Egil, daß Du da bist. Nun wird alles gut werden, was hier zwischen �den Leuten steht." „Hast Du dazu geraten, daß Steinar, Dein Sohn, Ursache sucht finder Thorstein, meinen Sohn, und hier große Menschenmassen zu- sammengezogen hat, um Thorstein in die Steinlöchcr zu bringen?" „Das habe ich nicht," sagte Oenund,„ich bin unschuldig daran, baß sie sich nicht vertragen können. Ich habe genug geredet und gebeten, daß Steinar sich mit Thorstein vergleiche. Denn mir ist nach jeder Seite hin Thorstein, Dein Sohn, ein Mann gewesen, den ich geschont wissen wollte, zumal in Ehrensachen. Dazu veran- laßt mich die alte Busensreundschast, die zwischen uns war, Egil, seit wir beide hier zusammen auswuchsen." �„Das wird sich sehr bald zeigen," sagte Egil,„ob dies Dein wahrhaftiger Ernst ist oder etwa nur Gerede, obwohl ich mir das schwer denken kann. Mir kommen Tage in den Sinn, an denen es jeden von uns beiden unwahrscheinlich gedünkt haben würde, daß wir sollten Ursache widereinander suchen, oder unsere Söhne nicht still kriegen könnten, wenn sie mit solcher Narrheit umgehen wollten, wie ich höre, daß es hier aussieht. Es scheint mir gerate- ner, solange wir am Leben und dem Streite so nahe sind, daß wir diese Sache unter uns vornehmen und zur Ruhe bringen, aber nicht Tungu-Odd und Einar unsere Söhne aufeinanderhetzen lassen wie Packpferde. Mögen sich unsere Söhne etwas anderes ausdenken von jetzt ab und fürderhin, um ihre Güter zu mehren, als es auf solche Weise zu tun." Da stand Oenund auf und sprach:„Du hast recht geredet, Egil! Es ziemt un« nicht, dabei zu sitzen, wenn unsere Söhne zanken. Es soll uns nicht die Schande widerfahren, so untüchtig zu sein, daß wir sfe nicht zu vergleichen imstande wären. Nun will ich, Steinar, daß Du diese Sache in meine Hände legst und mich damit nach Gefallen schalten lassest!" „Ich weiß nicht," sagte Steinar,„ob ich meine Sache so hin- werfen soll, wv ich mir doch Beistand von so großen Männern ver- schaffr habe; jedenfalls will ich meine Sache auf keine andere Weise zu Ende führen, als so, daß es Einar und Odd gut erscheint." Dar- auf redete er mit Odd. Odd sagte:„Den Beistand, den ich Dir verheißen habe, sei es nun für die gesetzliche Durchführung der Sache oder welches Ende Du sonst annehmen willst, Steinar. den will ich Dir auch leisten. Du wirst zu verantworten haben, was dabei für Dich herauskommt, wenn Egil die Entscheidung hat. Da sagte Oenund:„Ich habe es nicht nötig, diese Sache unter Qdds Zungenwurzel zu lassen: ich habe weder Gutes noch Böses von ihm erfahren. Egil aber hat oft genug gut an mir gehandelt: ihm traue ich sehr viel mehr als anderen und ich will in dieser Sach� meinen Willen durchsetzen. Es wird gut für Dich sein, nicht uns alle auf der Gegenseite zu haben. Ich habe hier zu ent- scheiden, und dabei soll eS vorläufig bleiben." Steinar antwortete:„Du bist in dieser Sache sehr heftig, Vater, aber ich glaube, daß wir beide dies bereuen werden." Darauf gab er die Sache seinem Vater Oenund in die Hände, daß er sie verfolge oder vergleiche, je nach den Gesetzen. Und sobald Oenund die Entscheidung in die Hand bekommen hatte, trat er zu Thorstein und Egil und sprach:„Run will ich, Egil, daß Du allein in dieser Sache rechtest und richtest, so zwar, wie Du willst; denn Dir traue ich am meisten zu, diese meine Sache zu ordnen, wie auch jede andere!" Darauf reichten sich Oenund und Thorstein die Hände und riefen sich. Zeugen dafür, daß Egil Skallagrimssohn allein ent- scheiden solle in dieser Sache, nach seinem Willen und ohne jede Einschränkung, hier auf dem Thing. So schloß diese Verhandlung. Da gingen die Männer heim zu ihren Hütten. Thorstein ließ zu Egils Hütte drei Ochsen führen und sie zur Thingzchrung schlackten.___ Aber als Tungu-Odd und Steinar heimkamen zu ihrer Hütte, da sagte Odd:„Nun habt Ihr, Du Steinar und Dein Vater, Eure Sache zum Schluß gebracht. Nun rechne ich mich Dir gegenüber, Steinar, loS und ledig meines Hilfeversprechens. Denn so machten wir es unter uns aus: ich sollte Dir helfen,"daß Du in Deiner Sache vorwärts oder zu dem Abschluß kämest, der Dir behagte. Wie EgilL Urteilsspruch ausfällt, ist eine Sache für sich" Steinar antwortete, daß Odd ihm gut und männlich geholfen habe und daß ihre Freundschtft größer als vorher fein solle:„Ich erkläre Dich frei in der Sache, in der Du Dich gegen mich gebunden hattest!" Am Abend traten die Richter zur Untersuchung und Entschei- dung zusammen. Davon wird nichts Bemerkenswertes berichtet. Egil Skallagrimssohn ging auf den Thinghügel am Tage danach; mit ihm Thorstein und ihr ganzes Gesolge. Da kamen auch Steinar und Oenund, ebenso Tungu-Odd und Einar. Und als die Männer ihre Verhandlungen angemeldet hatten, da stand Egil auf und sprach so:„Sind Steinar und Oenund, Sohn und Vater hier, so daß sie hören können?" Oenund antwortete, sie seien da. Egil sagte:„So eröffne ich also die Vergleichsberhandlung zwischen Steinar und Thorstein urü) urteile also: Grim, mein Vater, kam hier ins Land und nahm alles Land, die Moore und weit herum den ganzen Gau, und erwählte sich die Baustätte „Zum Hügel" und bestimmte das Landcigen, das dazu geboren sollte, und gab seinen Freunden außerhalb davon ihre Land- nahrung, wie sie seitdem wohnen. Er gab Ant Baustätte zu Anabrckka, wo Oenund und Steinar bisher gewohnt haben. So wissen wir alle, Steinar, wo die Landmarken zwischen Borg und Anabrekka laufen, und daß der Meerbach die Grenze ist. Nun war es nicht so, Steinar, daß Du in Unwissenheit wärest, als Du auf Thorsteins Land weiden ließest und Eigentum von ihm unter Dich brachtest und meintest, er werde so heruntergekommen sein, daß er Dir zur Beute würde. Du, Steinar, Ihr beide, Oenund, mußtet das wissen, wie Ani das Land von Grim, meinem Vater, erhalten hatte.— Nun schlug Thorstein Dir zwei Knechte tot. Es ist allen Menschen ersichtlich, daß sie durch ihre eigene Schuko gefallen sind und also bußfrei, und das um so mehr, da sie selbst als Freigeborene bußfrei gefallen wärtn.— Aber dafür Steinar, daß Du meinem Sohne Thorstein sein Landeigen zu berauben ge-> dachtest, daS er mit meinem Willen von mir als Erben nach meinem Vater nahm, dafür sollst Du dieses Land zu Anabrekka verlassen und kein Geld dafür erhalten; auch soll Dir weder Bau- statt noch Aufenthalt hier im Gau südlich von der Lang« erlaubt sein, und sollst Anabrekka verlassen haben, bevor die Ziehtage vor- über sind, und sollst sofort nach den Ziehtagen jedes Mannes Hand» der Thorstein helfen will, straflos verfallen sein, wenn Du nicht abziehst oder sonst ein Stuck nicht hältst, das ich Dir aufgelegt habe." Als Egil sich niedersetzte, rief Thorstein sich Zeugen auf für die Handlung. Da sagte Oenund Sjom:„Das wird man sagen, Egil, daß daS Urteil, welches Du eben gefällt und verkündigt hast, schief genug sei. Ueber mich ist nur dies zu sagen, daß ich mich ganz und gar dahinein gegeben hatte, die Schwierigkeiten zu entfernen, die zwischen diesen unfern Söhnen waren; aber von jetzt ab will ich nichts sparen, das ich irgend vermag, um Thorstein Schaden zuzufügen." „Ich glaube," antwortete Egil, daß Euer Teil an unscrm Streit um so schlimmer sein wird, je länger er dauert. Ich dächte» Oenund, Du hast erfahren, daß ich mein Teil vor Leuten Eurer Art festzuhalten verstehe. Odd und Einar aber, welche eine so große Rolle bei dieser Sache gespielt haben, die haben ihre wohl» veroiente. Ehre davon l" (Schluß folgt.) Biologifche Bxpenmcntlcrkuiirt* Von Dr. Adolf Koeksch(Kilchberg) � Bei Pflanzen gelingt es noch verhältnismäßig leicht, durch Ver» änderung der Lebensbedingungen auch Veränderungen körperlicher Merkmale hervorzurufen. Bei Tieren ist das schon sehr viel schwieriger, und je spezialisierter sie sind, d. h. je energischer sie eine vom Ahnen ihres Stammes überkommene Anlage einseitig ausge- baut und, zu Ende entwickelt haben, um so aussichtsloser wird der Versuch, Gestaltliches dadurch umbiegen zu wollen, daß man das Geschöpf sein Leben unter ungewohnten Temperatur-, Licht, und Fouchtigkeitsverhältnissen zubringen läßt. Aber außer den gestaltlicken Eigenschaften hat jedes Geschöpf ja noch andere, die für seine Gcsämterscheinung mindestens ebenso charakteristisch sind, wie die sichtbar materialisierten: es hat seine bestimmte Nahrung und seine bestimmten Wohngebiete, feine be- stimmten, Fortpflanzungs- und Brutpflegegewohnheiten, hat seine eigene Art sich zu bewegen und hält im Wachstums- und Entwick- lungsverlauf sein ganz bestimmtes Tempo ein. Diese Eigenschaften bilden die biologischen Merkmale der Art. Uns interessiert an ihnen vor allem, daß sie sehr viel Wandel- barer sind als die gestaltlichen. Das haben schon vor reichlich hundert Jahren einige Forscher sehr gut gewußt, zur Basis wissen- schaftlicher Experimente hat man diese ErsaHrujlg aber doch erst in neuerer Zeit gemacht, als mit dem Aufkommen neolamarckistischer Gedankengänge die Frage, ob es eine Vererbung erworbener Eigen- schaften gäbe oder nicht, dringlicher denn je nach einer einwandfreien Losung verlangte und man zu der Überzeugung kam, daß Veränderungen biologischer Merkmale gewissermaßen das Hinter- türchen sind, durch das der Forscher in den Organismus sich ein- schleichen muß, wenn eS ihm möglich sein soll, Einfluß auf die Erb- masse des Tieres zu gewinne» und Veränderungen gestaltlicher Natur schon in verhältnismäßig kurzer Zeit aus dem konservativen Organgefüge hervorzulocken..... m Mit zu den wenigen, die wirklich erfolgreich au; d,esem Ge- biete bisher gearbeitet haben, gebört Dr. Paul Kämmerer(Wien). Er hat sein« Versuche mit Amvhibien angestellt und seit dem Jahre lSOf, über ihre Ergebnisse regelmäßig im„Archiv für Entwicklungs» Mechanik" berichtet. Natürlich ist es mir nicht möglich, im Rahmen eines Feuilletons dem Forscher auf allen Wegen zu folgen, ich be- gnüge mich daher, jene Fälle herauszugreisen, in denen es ihm ge- lungen ist, durch entsprechende Maßnahmen den Fortpflanzungs» instinkt der Geburtshelferkröte und des Laubfrosches derart abzij. äitbern, daß Tiere mit vollständig neuen biologischen(und teilweise auch neuen gcstaltlichcn) Merkmalen entstanden sind. Zunächst die in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz dc» und dort eingebürgerte Geburtshelferkröte. Sie nimmt unter unseren einheimischen Amphibien(zu denen bekanntlich die Sala» mander, Frösche, Kröten und Unken gehören) insojern eine«onder« fteüung ein, ft!9 iHr ganzes ForlpslaNzunaZgeschäst sich aus dem Lande vollzieht. Alle übrigen Lurche suchen schon vor der Paarung das Waffer auf; hier halten sie ihre Liebesspiele, hier legen sie auch ihre Eier ab und überlassen dann den Laich seinem Schicksal. Bei der Geburtshelferkröte hingegen finden sich die Geschlechter schon >auf dem Lande zusammen und zmar zweimal im Jahre: je im April und September; mit auf dem Rücken reitenden Männchen treiben sich die Weibchen zur Fortpflanzunaszeit im Felde herum, Eis eines Tages unter dem Reiz der massierenden Streichelbewe- «gungen des Liebhabers das weibliche Tier die mit 20— 60 Eiern verknotete Laichschnur von sich gibt, dabei unterstützt von dem Mann- chen, das mit dem Fußende seiner langen Hinterbeine den zähen Laichstrang geschickt zu fassen weiß und dadurch, daß es die Beine bald anzieht, bald streckt, den'Geburtsakt erleichtert. Da die Gallerthülle der Eierkette sehr klebrig ist, bleibt die Laichschnur an den Schenkeln des Männchens hängen und wickelt sich infolge der ununterbrochenen Strampelbewegungen an ihnen allmählich zu »einem Knäuel auf, der sich mit dem Trockenerwerden der Gallert- schale rasch zu einer engen Feffel zusammenzieht und fest an den Weinen haftet. Inzwischen hat das Weibchen sich losgemacht und iist seiner Wege gezogen. Es ist aus mit der Liebe, aber es ist nicht s(wie bei den übrigen Lurchen unserer Heimat) aus mit der Sorge um die Brut. Denn während der vier, fünf Wochen, die nun der- fftreichen, bis die Eier zum Ausschlüpfen reif geworden sind, schleppt das Männchen den Laich auf dem Lande mit sich herum, bis bei einem der Bäder, die der Krötenvater von Zeit zu Zeit in einer Pfütze zu nehmen Pflegt, die aufgeweichten Eihüllen platzen und die Embryonen als Larven von 16—18 Millimeter Länge sich ins Wasser entleeren. Hier leben sie als froschquappenähnliche Tiere Aber ein Jahr, um durchschnittlich im 1ö. Monat nach der Geburt «als etwa 2� Zentimeter lange, fertige Krötchen, die sich aller Larvenmerkmale entledigt haben, ans Land zu steigen. Sie Brauchen also verhältnismäßig lange Zeit zur Verwandlung; denn unsere übrigen Salamander- und Froschlurche haben ihre Meta- utorphose durchschnittlich schon nach vier bis fünf Monaten abge- schloffen. Es ist nun außerordentlich interessant, daß dieser normale Lebensgang mit seinen eigenartigen Fortpflanzungs- und Brut- Pflegegewohnheiten vollständig aufgegeben wird, wenn man die lbrunstreifen Eltern veranlaßt, das Fortpflanzungsgeschäft in einem i(mit allem sonstigen Krötenkomfort naturgemäß ausgestatteten) Kiaum zu vollziehen, dessen Lufttemperatur ständig auf einer Höhe von 25—30 Grad Celsius gehalten wird, und auch die Larven unter diesen Bedingungen ihre�Entwicklung durchmachen läßt. Die un- gewohnte Hitze scheucht nämlich die Tiere in die Wasserbecken ihres Terrariums hinein und statt(wie gewohnt) auf dem Lande, voll- Zieht sich der Zeugungsakt hier; im Wasser paaren sich die Ge- schlechter, ins Wasser legt auch das Weibchen den Laich, wobei ihm i>as Männchen Geburtshelferdicnste leistet; da aber die Gallerthülle ■am Wasser sofort aufzuquellen beginnt und dadurch ihre Klebrigkeit verliert, kann der Krötenvater sich die Eierkette nicht um die Hinter- extremitäten wickeln, er gibt die Brutpflege auf und der Laich Bleibt gleich dem der übrigen Amphibien unbehütet im Wasser »liegen. Von den Eiern entwickeln sich in der ungewohnten Umgebung freilich nur wenige, diese wenigen aber schlagen ein ganz »anderes Entwicklungstempo ein: statt erst nach 4—5 Wochen geben sie den Embryo auf einem viel primitiveren Stadium schon nach zwei Wochen frei, und statt in 15 Monaten vollzieht sich schon in 8— 4 Monaten die weitere Verwandlung der Larve zum fertigen Heßler. Ueberdies zeichnen sich die aus den Wassereiern hervor- gegangenen Kröten durch Riesenwuchs aus, sie gedeihen zu Voll- llröten von 6— 6% Zentimeter Körperlänge heran, die schon nach einem Jahre geschlechtsreif sind, während in der Natur die ausge- ävachsenen Tiere eine Länge von höchstens 4— 4,7 Zentimeter erreichen und erst nach zwei Jahren fortpslanzungsfähig werden. Im Laufe deg folgenden Laichperioden führte die durch äußere Mittel zunächst mechanisch erzwungene Abänderung, in den Laich- gewohnheitcn allmählich zu einer immer ausgeprägter auftreten- lden Jnstinktvariation, die sich darin äußerte, daß die mittlerweile cn die hohe Temperatur gewöhnten und daher wieder am Lande lebenden Tiere„zum Laichakt zielbewußt das Wasserbecken auf- suchten" und die Männchen ihre Eiaufladeversuche ganz unter- lließen. Dabei blieb es auch, wenn man die Warmraumtiere, denen Äas Wasserlaichen und die Nichtbrutpflege allmählich zur festen Ge- avohnheit geworden war, wieder in Frcilandverhältnisse zurückver- setzte; erst nach mehreren Laichverioden traten im Freiland Rück- ffchläge zu den alten Feßlcrgebräuchen ein. Aber das Haupt- ergcbnis dieser Versuchsreihe wird dadurch nicht berührt; es bleibt dabei, daß unter der Einwirkung ungewohnt hoher Lufttempe- aaturen die Geburtshelferkröten den Sinn für ihre komplizierten (Fortpflanzungs- und Entwicklungsgewohnheiten verlieren und zu dem primitiven Zeugungs- und Entwicklungstypus der übrigen Froschlurche übergehen. Diese Annäherung an die Frösche, Unken und gemeinen Kröten spricht sich übrigens auch darin aus, daß (statt der 20— 60 großen, sehr dotterreichen Eier allmählich 90— 120 llleine, dotterarme abgelegt werden; das Wasserleben verkürzt ja die Embryonalzcit um volle zwei bis drei Wochen, die Ausrüstung des einzelnen Eies mit Nährstoff braucht daler nicht mehr so groß zu sein und die überschüssige Zeugungsenergie kann auf die Pro- duklion einer erklecklich höheren Eicrmaye verwendet werden. Eigentlich pikant Mrd die Sache aber doch erst. Kenn fiRJft sich die Frage stellt, wie wohl die durch Riesenwuchs ausgezeichneten, ohne Brutpflege im Wasser zur Entwicklung gelangten Nachkommen der Warmraumtiere sich verhalten, wenn sie nach Eintritt der Ge- schlechtsreife selber dem Fortpflanzungstrieb erliegen. Auch in dieser Richtung hat Kammerer Versuche angestellt und gefunden, daß die von den Eltern erworbene Aenderung des Fortpflanzungs- instinkics sich auf die Kinder vererbt. Werden sie unter den gleichen Bedingungen gehalten wie die Eltern, so legen sie ihren Laich direkt ins Wasser ab und überlassen ihn dort ohne jeden Pflegeversuch seinem Schicksal, während sie— ins Freilandterrarium zurückver- setzt— ihre Eier zwar bald am Land, bald im Wasser abladen, aber auch jetzt niemals mehr Brutpflege ausüben. Auch bei Kreuzung normaler Tiere mit abgeänderten geht die Jnstinktvariation nicht verloren. Bringt man beispielsweise ein abgeändertes Männchen mit einem normalen Weibchen zur Paarung, so verhalten sich alle Männchen aus dieser Ehe wie der Vater, wissen also von Brutpflege nichts. Tut man dagegen ein normales Männchen und ein abge- ändertes Weibchen zusammen, so erscheint die ZlbäNderung erst wieder in der Enkelgeneration dieser Eltern; es folgt also zunächst ein Geschlecht, dessen Männchen alle brutpflegend, dessen Weibchen alle landlegend sind, und erst die Kinder dieser durchweg normalen Tiere sind wieder(zu einem Viertel) anormal, d. ch die Instinkt- Variation folgt den bekannten Mendelschen Spaltungsgesetzen. In eine ganz andere Richtung können durch kleine Abänds- rungen in den Lebensbedingungen die Zeugungsgewohnheiten des Laubfrosches hineingedrängt werden. Normalerweise lebt dieses Tier am Land und sucht nur zur Fortpflanzungszeit daS Wasser auf. Ihm wird der Laich in Ballen übergeben; Brutpflege ist un- bekannt. Kammerer richtete nun sein Terrarium folgendermaßen ein: er ließ die Lufttemperatur nie unter 16 Grad Celsius sinken, so daß die Laubfrösche in der behaglichen Umgebung ihr Winter- schläfchen vollständig vergaßen, und setzte, damit es den Tieren auch an Grün und Klettergelegenheiten nicht fehlte, ein paar Exemplare des indischen Blumenrohrs in den Käfig. Die jungen Blätter dieser Pflanzen sind tütenartig zusammengerollt, halten sich in diesem Zu- stand sehr lange, und so fest schließen die Rändernder Blattscheide zusammen, daß Wasser, das in den Trichter gerät, sich in chw! sammelt und hält. Es gelingt infolgedessen leicht, die� Blattüten in kleine Wasserreservoirs zu verwandeln und durch tägliche Be- netzung in diesem Zustande zu erhalten. Die Laubfrösche brachten, ihrer Gewohnheit gemäß, fast ihre ganze Zeit auf diesen Pflanzen zu. Und so gut gefiel es ihnen da oben, daß sie nicht einmal mehr zur Laichzeit von den Pflanzen herunterstiegen; statt das Wasser- decken, das am Boden bereit stand und ihnen im Jahre zuvor noch ganz recht gewesen war, zur Laichablag« aufzusuchen, benutzten sie die Blattüten als Wiegen für ihre Eiermassen, benahmen sich also ähnlich wie die javanischen Flugfrösche und andere exotische Baumlurchen, die ihre Eierballen zwischen den Blättern der Sträucher aufhängen, auf denen sie leben. Der Tütcnlaich kam zur Entwicklung, aber während der Laubfrosch unter normalen Umständen seine Verwandlung zum fertigen Tiere in vier Monaten vollendet hat, war in den lichtarmen Tütenreservoirs die ganz« Entwicklung so verzögert, daß erst nach Ablauf eines Jahres� die Larven sich zu Fröschchen umgebildet hatten.„Die Tendenz'— meint Kammerer—„den Fortpflanzungsakt eben da zu erledigen. wo sich das übrige Leben abspielt, dürfte für diese Jnstinktvariation des laichenden Laubfrosches ursächlich sein." Wie weit diese Jnstinktabänderung sich treiben läßt und � ob auch sie erblich fixiert werden kann, wie die der Geburtshelferkröte, werden wir später erfahren. kleines feuiUeton. Medizinisches. Czernh über Krebsheilung durch Thor- behandlung. Die Strahlenbehandlung— die Radiotherapie— der Geschwülste hat sich aus kleinen Anfängen allmählich zu großer Bedeutung emporgearbeitet, und dennoch steckt sowohl die theoretische Einsicht wie die praktische Anwendung derselben noch in den Kinder» schuhen. Nur der hohe Preis der reinen Radiumpräparate— ein Milligramm Radiumbromid kostet zirka 400 M.— war ein Hindernis für eine größere Anwendung derselben. Auf der Suche nach Ersatz ist es Professor Otto Hahn gelungen, da? Mesothorium zu entdecken. Ja, die Versuche mit diesem haben sogar ergeben, daß dasselbe noch wirksamer zu sein scheint, als das Radium. Wie der berühmte Krebsforschcr Exzellenz Czerny in der letzten Nummer der„Umschau". Wochenschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik in einem hochinteressanten und mit zahlreichen Abbildungen versehenen Artikel mitteilt, sind in dem Heidelberger Krcbsinstiwt mit Mesothorium ganz hervorragende Erfolge erzielt worden. An der Hand der Bilder, die den Krankheitszustand vor der Behandlung und das Aussehen nach derselben zeigen, kann man nur staunen über die bedeutende Wirkung diese? Heilmittels, das ganz bösartige Geschwülste geheilt hat. Wenngleich noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden sind. so ist doch zu boffen, daß die weiteren Fortschritts auch zu einer Heilung innerer Krebsgeschwülste führen werden.___ Werantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag:>6orwärlsBuchdruckere>u.Perlagsanstc>lt Paul Singer»jiCo., Berlin LVV.