Nnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 122. Donnerstag, den 27. Juni.. 1912 49] Suitana tier5oiett'T Ein arabisches Frauenschicksal von Emil R a s m u s s e n. Mabruka fühlte sich bereits ihres Halses sicher. Es tvar jedoch nichtl das Volk allein, das sich enttäuscht fühlte, die Verurteilte frei ausgehen zu sehen. Auch unter den Mitgliedern des Gerichts herrschte eine unversöhnliche Stim- mung. Der Ermordete war nicht nur Mabrukas Gebieter und Wohltäter, sondern auch ein Marabu gewesen, dem man nicht Aergernis bereiten soll, indem man seinen Tod unge- rächt läßt. Man begann zu munkeln, es ginge nicht an, das Gericht und dessen Präsidenten, die Majestät selbst, hier sihen und auf dreihundert Frank warten zu lassen, und andererseits konnte der Rechtsspruch nicht aufgehoben werden, ehe nicht das Geld in die richtigen Hände abgeliefert war. Der Bey dagegen, minder blutdürstig als die Koran- theologen, wollte den jungen Franzosen, der eine so edelmütige Gesinnung bewies, und überdies erst kürzlich zum mohamme- danischen Glauben übergetreten war, nicht beleidigen. Er hielt es für richtig und dem Gerechtigkeitssinne entsprechend, auf den jungen Mann zu warten. Indessen lagen Abdallahs drei lange Vettern nicht auf der faulen Bank. Marcel hatte sie übertrumpft, hier aber war eine günstige Gelegenheit, ihn wieder zu übertrumpfen. Sie boten Mabrukas Schwiegervater an, ihm dreihundert Frank zu zahlen, wenn er sich weigerte, das Blutgeld von Marcel zu nehmen. Den Alten dünkte es natürlich ein glänzendes Geschäft, seinen Sohn gebührend gerächt zu sehen und obendrein bares Geld in die Hand zu bekommen. Die Sache mit dem Marabu interessierte ihn nicht weiter. Aber so ganz sicher war ja nicht darauf zu rechnen, daß Marcel überhaupt mit dem Gelde zurückkam. Er schlug darum augenblicklich ein. Als die Uzara erfuhr, daß Mabrukas Schwiegervater sich nicht mehr an dem Blutgelde genügen lassen, sondern unweigerlich die Mörderin gehängt sehen wolle, beschleunigte man mit innerer Genugtuung den Gang des Rechts. Selbst der Bey hatte nun nichts mehr in den Weg zu legen. Wieder wurde Mabruka von den Spahis hinausge- führt. Sie vermochte das Geschehene nicht länger zusammen- zuhalten: aber sie wußte, Marcel sei nach Tunis gefahren, um das Blutgeld zu holen und es stand für sie fest, daß er zurückkommen und ihr Leben retten würde. Als der Volkshaufe sie erblickte und es von Mund zu Mund flog, daß der Marabu nun doch gerächt werden sollte, leuchtete es in allen Gesichtern auf. Man konnte sich mit er- leichtertem Gewissen dem spannenden Schauspiele hingeben. Mabruka ging guten Mutes zum Galgen. Sie wußte, das Ganze war ja nur eine Art Schauspiel: Marcel war ein Mann, der sein Wort hielt. Der Henker, der kein Angestellter war, sondern in jedem einzelnen Falle unter der Hefe der Zuhälter gewählt wurde, verband ihr die Augen. Dies genierte sie mehr als der Strick, der jetzt um ihren Hals gelegt wurde, denn nun konnte sie nicht mehr nach Marcel ausspähen. Man richtete die tragikomische Frage an sie, ob sie noch etwas wünsche. Mabruka wünschte vor allem, die Sache hinauszuziehen und bat den Henker, ihre Mlahfa um die Beine gut zusammen- zubinden, da sie sich schäme, mit offenen Kleidern so hoch zu hängen. Als dies besorgt und Marcel noch nicht zurückgekehrt war, begann sie Herzklopfen zu bekommen. Es kam ihr ein neuer Einfall, der den dichtgedrängten Volkshaufen nicht wenig amüsierte. Sie wollte so ungern durstig zur Hölle fahren. Ob denn niemand so gut sein wollte, ihr ein Glas Wasser zu bringen? Man schlägt die letzten Wünsche eines Delinquenten nicht ab. Ein reitender Spähi wvrde nach Dar el Bey geschickt. Eben als er mit dem Wasser zurückkehrte, kam auch Marcel an, vor dem das Volk, in der Hoffnung auf eine neus Sensation, neugierig beiseite wich. „Mabruka! Dein Schwiegervater weigert sich, den Blut- preis zu nehmen. Ich kann Dich nicht retten, aber ich werde für Deine Seele beten. Sage mir nur erst, warum Du Abdallah getötet hast!" „Er hat ja Sultana ermordet!" schrie sie. Ein Murmeln ging durch die Massen. Marcel stieß einen Schrei aus und sank bewußtlos zu Boden. Er ersparte es hierdurch zu sehen, wie der rohe Henker Mabruka hinrichtete. 32. Ganz zeitlich an einem stillen Junimorgen saß Marcel auf Sidi bel Hassen bei Mabrukas Grab und las im Koran. Er besaß nicht viel Glauben an die Kraft seiner Gebete, aber er hatte sein Wort gegeben und hielt, was er einer armen Seele gelobt, die sich in guten und bösen Tagen treu erwiesen hatte. Dann stieg er hinauf in den rückwärtigsten und höchst- gelegenen Teil des Friedhofes und setzte sich zwischen die Blumen eines Grabes, das, wie er nach langen systematischen Untersuchungen und Beratungen mit dem Friedhofspförtner ermittelt hatte, die letzte Ruhestätte der kleinen Sultana sein mußte. Da niemand sich des Grabes annahm, hatte er die übliche längliche Erhöhung darüber mauern und sie mit weißem Marnror bekleiden lassen. tsr hatte es vor den anderen Gräbern nicht auffallend machen wollen. Mochte die Natur es mit ihrem Blumenflor bedecken und die Sünde verhüllen, die sie beging, indem sie dies junge Geschöpf zu leiden geboren werden ließ und es just da von sich stieß, als das Leben sich ihm zu öffnen begann. Es war aller Grund, Blüten zu verschwenden über dies Kind, das sein siebzehntes Jahr nicht geschaut, aber schon alles erlebt hatte, was ein Weib durchleben und durchleiden kann, Und es war Grund zu vergessen-- Marcel hatte täglich ihr Grab besucht. Nun stand er im Begriffe, abzureisen. Alle strahlenden Zukunftspläne lagen da unten im Grabe bei Sultana. Was hatte er noch in diesem Lande zu tun, wo jeder Schritt ihm zur Oual ward! Er fühlte, es lag über ihm wie ein Schicksal, daß er wiö ein Baum war. der herausgerissen und umgepflanz wird, so oft er in einem neuen Erdreich Wurzel geschlagen hat-- und nie, nie Früchte tragen darf. Während er in so traurigen Gedanken dasaß, hörte er hinter seinem Rücken Schritte sich nähern. Er sah sich um. „Nur! Endlich! Wo seid Ihr doch gewesen?'� „Ich nehme Deine Hand nicht mehr. Wenn ich nicht feige wäre, so tötete ich Dich." „Könntest Du Dich nicht ein wenig näher erklären?" fragte Marcel unerschütterlich. „Du bist es, der Sultana getötet hat. Du und keini anderer. Nun hinterher durchschauen wir alles. Mutter hat mir das bißchen erzählt, das sie wußte. Sultana hat mir ein wenig gesagt, das ich nun erst verstehe. Und Mabruka hat Zleira dies und das mitgeteilt. Aber so wenig ich weiß, so ist es dennoch genug, mich verstehen zu lassen, daß Du meiner Schwester nachtrachtetest, noch ehe sie verheiratet war, und daß Du sie von ihrem Manne fortgelockt hast. Darum liegt sie jetzt im Grabe." „Ich habe Sultana geliebt, und sie hat mich geliebt. Keins von uns hat jemals einen anderen geliebt. Sie war! frei, als sie zu mir kam, und ich hätte sie geheiratet." „War sie auch in jener Stacht frei, da Du Dich in meist Haus schlichst wie ein Dieb?". -„Nein, diesen Vorwurf hast Du das Riecht mir zu machen'. Das heißt, wenn Du, der Du mit der Gattin Deines Vaters lebst, überhaupt das Recht hast, einem Menschen etwas vor- zuwerfen. Ich selbst bereue nur eins: daß ich sie in jener Nacht nicht entführte. Ich glaube, Sultana dachte ebenso, und sie ist die einzige, ysif deren Ansicht ich in dieser Sache Gewicht lege. Wären wir damals geflohen, so lebte sie noch, und unser Kind lebte, und wir wären alle drei glücklich." „Und Abdallah?" „Er hat sie mißhandelt— sie langsam gemordet— und es wäre meine heilige Pflicht gewesen, sie zu befreien." „Hättest Du nicht vom ersten Tage an. da Du sie hier auf dem Friedhof trafst und dazu bewogst, sich zu entschleiern, ihr Herz behext— denn es war sie und keine andere, von der Du mir- danials erzähltest!—, so wäre sie mit Abdallah glück- lich geworden. Aber Du hast Deine bösen Blicke auf sie ge- warfen, und die wirkten wie ein Fluch. Ihr Franzosen seid schuld an' dem tSIuche, der unser ganzes Haus betroffen hat. Mein Vater ist fortgereist als ruinierter Mann. Er hat uns aus Tripolis' geschrieben, daß er nie mehr hierher zurück- kehrt, weil er nicht als Bettler in Tunis umherschleichen will. Er hat vor seiner Abreise alles zusammengescharrt, war er konnte, und wir sitzen mit leeren Händen da. Alles durch Eure Schuld. Ihr bringt Fluch über unser ganzes Volk, bis wir uns eines Tages erheben und Rache nehmen werden. Erinnerst Du Dich, was ich damals vor zwei Iahren von der Trikolore sagte, die sich schützend über unsere Gräber breitet? Sieh Dich heute um! Wohin ist die Trikolore ge- kommen?" Marcel hakte Nur ruhig aussprechen lassen, um sich ein wenig klar zu werden, wohin das Ganze eigentlich ziele. Nun sah er sich um und stutzte über Rurs Beobachtung. All die roten und blauen Blumen waren wie fortgeblasen. Glan- zende gelbe Blüten, die die Bauern„böse Kräuter" zu nennen pflegen, schössen zu Millionen auf und überspielten wie eine Flut geschmolzenen Goldes alle die anderen Blumen. Selbst die Bäl'.me, die blühenden Akazien, leuchteten in derselben gelben Farbe, die in diesem Monat hier unumschränkt herrschte. „Siehst Du," fuhr Nur in seiner Bildersprache fort,„diese gelben Blumen, sie sind mein großes zahlreiches Volk, das in aller Stille die Trikolore verschwinden läßt. Und siehst Du die einzelnen roten Lilien, die sich über all die gelben Blüten erheben?" Er wies auf den blutroten Gladiolus, der hier und dort wild zwischen den Gräbern wuchs. „Kennst Du sie? Das ist Sif el Arab, das Schwert der Araber. Sie stehen da wie eine stumme Drohung gegen alle Unterdrücker. Du sprachst an jenem Morgen davon, daß hier drinnen alles bloß ein zufälliger Wirrwarr sei. Du bemerktest nicht, daß es etwas gibt, das niemals zufällig ist, und das ist die Richtung. Alle diese Gräber wenden sich gen Osten. Selbst nach dem Tode liegen wir da und schauen gen Mekka. Ihr könnt uns Eure Sprache und Eure Heere senden— umsonst! Solange wir nicht nach Paris sehen, sind wir nicht verloren — und wir wollen alle Tage nach wie vor unser Antlitz nach Mekka wenden." (Schluß folgt.) Hiia der GcFcbicbtc des Hlpen- verkebrs» In immer stärkerem Matze wächst die Zahl derer, die allsommer- lich und— nach dem Emporkommen des Wintersports auch im Winter— die Alpen aufsuchen, um dort Erholung oder reichen Genutz zu finden. Das Reisen wird immer mehr erleichtert, manch- mal auch verbilligt, und so sind Gebirgsfahrten längst nicht mehr das Privileg wohlhabender Leute. Wir finden die Alpen erhaben, schön, interessant und bringen aus ihnen Erinnerungen und Eindrücke fürs Leben heim. Aber diese Erkenntnis ist erst sehr spät entstanden, spät auch unter den Bewohnern der Alpen selbst. Zu VergnügungS- und Erholungsreisen in ihre Bergwelt hat sie sich erst im IS. Jahrhundert verdichtet. Bis zum Ende des l8. Jahrhunderts herrschte im allgemeinen noch die den alten Römein geläufige Vorstellung! und die war dem Ge- birge nicht gerade günstig. Wohl gab es schon vor und zu Beginn der Kaiserzeit viele römische Landhäuser am Gardasee und am Comersee, dort, wo die Starrheit und Herbheit des Gebirges weich, wo südliches Klima und südliche, farbenprächtige Vegetation es um« schmeicheln: aber die inneren Teile erzeugten in den Römern das Gefühl der Ungastlichkeit und trostlosen Verlassenheit, ja des Grauens. So hatte der Oberitalien umschlietzende Alpenkranz für sie im wesentlichen nur den Wen und die Bedeutung eines Walles, der ihr Land gegen die Barbaren schützte und ihnen andererseits gesicherte «usfallpforten gegen Germanien bot. Augustus begann mit dem Ausbau der bereits vorhandenen und von der Urbevölkerung be- nutzten Patzwege zu Militärstratzen, und eine zweite Periode umfangreicher Stratzenbanten fallt in die Zeit de? Septimins Severus(gestorben 211 n. Chr.). Diese Alpenstratzen, die autzer den Legionen auch der Kaufmann benutzte, haben Jahrhunderte hindurch ihren Zweck erfüllt, bis sie schließlich gegen die anstürmenden germanischen Stämme nicht mehr gehalten werden konnten und diesen die Vernichtung des wankenden Wesiroms erleichterten. Daß bereits in vorrömischer Zeit mehrere der heutigen nord» südlich führenden Alpenpässe begangen worden sind, beweisen die Reste prähistorischer Befestigungen an ihren Ausgängen und andere Funde an den Saumwegen selbst. Auch ganzen Völkerscharen boten die Alpen schon damals kein unüberwindliches Hindernis für das Vordringen nach Süden, von den Gallierscharen an, die um 383 v. Chr. Rom verbrannten, bis zu den Cimbern und Teutonen fast drei Jahr- hunderte später. Dagegen haben die alten Bernsteinstrahen die Alpen nicht gekreuzt, sondern umgangen. Nicht selten scheint es, als seien Pässe lokaler Arrt in der Vorzeit und noch im Mittelalter häufiger benutzt worden als heute, z. B. die Pfade über die die süd- lichcn Nebentäler der Rhone trennenden Gebirge des Kanton Wallis; man scheute, um von Dorf zu Dorf zu gelangen, den Umweg über das Rhonetal. Reber berichtet, daß früher die beiden Visper Täler nach Chippis am Aufgang des Eifischtales, ein- gepfarrt waren, und daß die in Zermatt Verstorbenen in ihren Särgen mühsam über die Gletscher nach Chippis zum Kirchhof ge- tragen wurden. Heute hat das längst aufgehört. Als die ältesten Alpenpässe können wir bezeichnen: den Ligurischen Küstenpatz, den Patz über den Moni Genevre, den wahrscheinlich Hannibal ein- geschlagen hat, den Kleinen und den Großen St. Bernhard, den Septimer und Julier, den jetzt eben fahrbar gemachten Jausen, den Brenner, an dessen Nordseite bei Matrei und Sistrans etruskische Altertümer gefunden worden sind, endlich die Ploecken, die aus dem Ober-Gailtal nach Tolmezzo führt und sehr früh eine wichtige Handelsstraße war. Den Gedanken, den großen St. Bernhard zu einer Militärstratze auszubauen, hatte bereits Cäsar erwogen. Augustus führte ihn aus, die Straße wurde jedoch nur zum Teil fahrbar hergestellt, während der kleiue St. Bernhard ganz fahrbar ausgebaut wurde. Anscheinend wurde damals auch schon der Julier angelegt, nicht aber der Brenner; wenigstens nicht als ununterbrochener Stratzenzug. Gleichzeitig mit dem Bau der augustäischen Straßen erfolgte die Unterwerfung, der keltischen und rärischen Alpenvölker. Damic schwand auch einiger- maßen die Abneigung der Römer gegen die Alpen; im zweiten nach» christlichen Jahrhundert faßte römische Kultur in ihnen Fuß und drang bis aus die oberbaherische Hochebene vor. Die Technik des römischen Straßenbaues war bewunderungS- würdig und durchaus zweckentsprechend. Als Militärstratzen gedacht, mußten die neuen Alpenwsge so angelegt werden, daß sie jcderzeir benutzbar waren. Deshalb vermied man es, ganz unten in der Talsohle zu bauen, wo die Straßen Schneeverwehungen und Zer- störungen durch das Wasier des Talbaches ausgeietzt gewesen wären, sondern hielt sich in größerer Höhe ani Abhang oder aus den Terrassen und Vorhöhen.- Im Interesse der Sicherheit scheute man auch keine Umwege. Die römische Brennerslraße, die als Ganzes aus der Zeit des Septimius Severus herrührt und mit einigen antiken Meilensteinen im Innsbruck« Ferdi- naudeuni vertreten ist, verlies im Gegensatz zur hertzigen Straße im allgemeinen höher. Sie folgte nördlich von Bozen nicht gleich dem engen Tal de? Eisack, wo heute Strom, Straße und Eisenbahn sich enge zusammendrängen, sondern stieg auf das Plateau des jetzt durch eine Zahnradbahn von Bozen erreichbaren Ritten und erreichte das Eisacktal erst bei Waidbruck. Und ebenso sieht man südlich von Innsbruck, jeitzeits der Stephansbrücke über den Nuzbach, die alte Römerstraße steil hinauf nach Schönberg gehen, während die bequemere, moderne Straße, die im Tal der Sill bleibt, die Höhe in vielen Kehren gewinnt. Der Tourist bevorzugt diese alte Straße, weil sie Ausblicke auf das Stubaital und seine Ferner gewährt. Sichtbare Reste der ursprünglichen römischen Alpenstraßen sind nicht selten neben den modernen Chausseen zu finden. Es sind entweder KieS- oder Gerölldämme oder Steinplattenpflasterungen von mäßiger Breite, z. B. aur der Südseite des MalojapasseS bei Cafaccia, am Großen St. Bernhard und auf dem Rittenplateau. Besonders gut erhalten und ausgedehnt find die Reste an der sogenannten Birnbaumer Straße zwischen Heidenschast und Oberlaibach in Krain. Das Mittelalter hat an Alpenstraßen nur das Vorgefundene übernommen und nichts Neues geschaffen. Der St. Golthardpaß wird zwar im 13. Jahrhundert zum erstenmal erwähnt, aber er ist viel früher entstanden. Die Römerzüge der deutschen Fürsten folgten den antiken Heerstraßen. Am beliebtesten war für diese Unterneh- mungen semer Bequemlichkeit und geringen Höhe wegen der Brenner- patz, der nach Oehlmanns Berechnung allem öömal von den Kaisern überschritten worden ist, während sie den Großen St. Bernhard 2-t, der seldst ganz ltcht unempfindlich ist. Dsrum sagt Habcrlandt in seinem berühmten «us der Naturforscherversannnlung von 1904 gehaltenen Vortrag: �Er(der Blattstiel) gehorcht blind der Blattspreite, wie die Hals- imistukitnr dem Kops eines Vogels, der auS dem Dunklen ins Helle- späht." Ehe wir von den interessanten Experimenten sprechen, mit denen Haberlandt dies nachwies, sei noch von einem neuen Zugang zu dem Innenleben der Pflanze etwas gesagt, den wir ebenfalls diesem Forscher zu verdanken haben. Vor wenigen Fahren vcr- öffentlichte er in den..Berichten der deutschen botanischen Gesell- schaft" eigentümliche Beobachtungen über verwickelte Lichtsinnes- vrgane einiger niederer Pflanzen, die er dort zum erstenmal er- klärte, llnter den mit den Bärlappgewächsen verwandten Sekt- Hincllen kommt eine Art vor: 8. Helvetica, die sich auch im Moose t-nscrer Wälder öfter findet. Da sie stets im Schatten anderer Pflanzen stehen, sind bei ihnen die Lichtaiifnahmcapparatc selten Vollkommen ausgebildet. In den sonst farblosen'Epidermiszellen der Blätter befindet sich hier ausnahmsweise einmal Blattgrün, ein winzig grünes Bechcrchcn, das ganz im Hintergründe der Zelle sich unter dem verhältnismästig großen Refiettor der stark vorge- wölbten Außenwand bestrahlen läßt. Wie ein Märchn, ein wissen- schaftlichcs allerdings, klingt es, daß dieser Chloroplast dem Licht 5ogar nachläuft. Fällt das Lickt der Sonne nur von der Seite auf das Blatt, dann fährt der Chloroplast aus seiner Ruhe auf und kriecht wie eine Amöbe faul dem kellen Licktfleck nach. Dieser kleine rätselhafte Wanderer in den Zellen der Selagincllcnblättcr hat die Eigentümlichkeit— und daS ist die eigentlich Haberlandtschc Eni- Deckung hier—, daß er von einer ziemlich starken, nur aus der dem Lichte zugewandten Seite sich befindlichen Haut überzogen ist, die mit dem Blattgrüntöpschcn hinter dem Licht hcrwandcrt, tveil sie «der an den Wanderungen des Blattgrüns teilnimmt, haben wir es in ihr mit dem Urbild der Netina lNchhaut) zu tun. Dixse Annahme lvird noch dadurch bekräftigt, daß Haberlandt herausfand, die Struktur der lichtempfindlichen Plasmahaut sei eine ähnliche wie bei der Retina der niederen Tiere. Der Beweis, welcher Teil der Pflanze, ob der Stengel oder das Blatt der lichtempfindliche sei, gestaltete sich für Haberlandt ein- fach. Er umwickelte zu dem Zweck den Stengel mit lichtundurch- ilässigem Papier und rückte das Blatt aus der fixen Lichtlage. Es stiebte aber doch langsam wieder die vorige Stellung' an, die das Blatt unter Krümmung des Stengels in senkrechte Lage zu den ein- fallenden Lichtstrahlen schob. Nun wurde die Oberfläche des Blattes ebenso verhüllt und der Stengel wieder freigelegt. In welche Stellung die Pflanze auch gerückt wurde, sie verharrte darin, war taub gegen die Einflüsse der Beleuchtung. Etwas schwieriger war es, zu beweisen, daß nun tatsächlich die Oberhautzellen als" die Lichtsinnrsorgane der Pflanzen funktio- ■nieren und nicht andere Faktoren hier maßgebend sind. Um das zu geigen, mußte womöglich die Funktion dieser Organe ausgescküiltet werden. Das gelang sehr einfach dadurch, daß man die Blätter ainter Wasser tauchte. Denn da der wässerige Zelllaft ungefähr Das gleicl« Lichtbrechungsvermögen hat, wie das Wasser selbst, so war"damit die Wirkung der Linsenapparatc aufgehoben— und kaisächlich vermochten sich auch nun nicht mehr die Blätter in die ckixe Lichtlage zu rücken. Die Wissenschaftler aber galen sich damit wicht zufrieden, und nun schaltete Haberlandt die Linsenfunktion tder Oberhautzellen dadurch aus, daß er die Blattoberfläche nur mit Wasier benetzte und dann mit einem zartesten Glimmerplättchcn Gelegte, so daß hierdurch eine ebene Grenzfläche hergestellt wurde. Auch jetzt versagten die Blätter vollständig. Wenn die Oberhautzcllen Linsen sind, müssen sie auch Bilder widerspiegeln können. Der rührige Forscher, der vor keinem Wahrheitsbeweise seiner überraswenden Theorien zurückschreckte, Zhat auch dies gezeigt und tatsächlich Bilder in diesen Wundcraugen Der Pflanzen zustande gebracht. Er stellte zwischen dem Spiegel Des Mikroskops und dem Fenster cm zweites Mikroskop auf und fah nun wirklich auf den Innenwänden der Qbcrhautzellen die winzigen Bildcken des zweiten Mikroskops. Ob dies Vermögen Der Pflanze, Bilder aufzunehmen, physiologisch für sie irgendeinen Wert hat, ist sehr fraglich, physikalisch ist das Experiment zweifellos ischr interessant. Das alles macht die zusammenfassenden Worte Grance's berechtigt:„Das sind wahrhaft erstaunlickw Dinge, die aus den„Facettenaugen" der Blätter strahlen! Die nüchternen Laboratoriumsversucke machen die ausschweifendsten Dichterphanta- fien zuschanden. Der Begriff des„Pflanzenauges" wird, so abenteuerlich er uns noch heute erscheinen mag, nicht mehr ver- ischwinden." kleines femUeton- Aus der Borzeit. Aus einer K ü n st l e r w e>>kst a t t vor 20099 Jahren. izmS Becken der Dordogne, das lwch seine außerordentliche Fülle von prähistorischen Funden Frankreick, bereits so manchen kostbaren Schatz bescherc hat, ist auch der Fundort für zwei BaS-Neliefs, Die eine männliche und eine weibliche Gestalt darstellen. In der Gerantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: Zeitschrift„Anthropologie" worden die ersten Photographien dieser denkwürdigen Entdeckung veröffentlicht und der glückliche Entdecker, der Archäologe Dr. Lalanne, erläutert sachkundig die Bedeutung der seltsamen Bildwerke. Die Funde fanden sich, aus dem Felsen herausgehauen, in einer Schicht der Aurignacepoche, der ältesten jungpaläolithischen Kultur, in der ja auch schon früher Zeugnisse bildkünstlerischer Tätigkeit, aber nur kleine Rundfiguren aus Elfenbein oder Stein, nicht so verhälMismäßig große Reliefs, ans Licht getreten waren. Nach den mäßigsten Schätzungen der Prä- Historiker miiffen die Skulpturen ein Alter von 13 000 bis 20 000 Fahren haben. Zwar sind die Umrisse nur in großen Zügen und mit einer gewissen Roheit aus den. Stein herausgehoben, aber es sind augenscheinlich genau beobachtete und naturgetreue Bildnisse dieser uralten Vc'taJvcn und sie zeigen den Menschen der Steinzeit viel ähnlicher dem heutigen Typus, als man wohl geglaubt hatte. Das eine Basrelief stellt eine nackte Frau dar, die in der rechten Hand ein Bisonhorn bält. Die Figur ist aus einem Kalksteinblock herausgehauen, in einer Reliefdöbe von etwa 2 Zentinieter und einer Gesamlgröße der Figur von 40 Zentimeter. Mit Ausnahme de? Kopfes ist der ganze Körper poliert; man bemerkt an gewissen Stellen Spuren einer roten Be- inalung. Nickt weit davon hat der Steinzcitkünstler einen Mann in Dreiviertel-Profil dargestellt, in der Haltung eines Bogenschützen, der zum Schusse bereit ist. Der Oberteil des Kopfes nud die unteren Gliedmaßen fehlen; die Größe beträgt so 40 Zenti- meter. Die Körperformen der Frau erinnern deutlich an das Aussehen noch heute existierender primitiver Stämme, besonders der afrikanischen Buschmänner. Da man überhaupt nur wenige prähistorische Darstellungen des Menschen besitzt, etwa 10 Statuetten, nichr größer als 7 oder 8 Zentimeter, zum großen Teil beschädigt, und nicht mehr als 5 oder 6 Zeichnungen, die wahrscheinlich einer jüngeren Zeit angehören, so ist die Bedeutung der neuen Funde schon an und für sich außerordentlich. Aber nicht minder wichtig ist die immerhin schon entwickelte Technik, mit der diese Figuren anS dem Stein herausgelöst sind. Die Art der Arbeit läßt sich erkennen, da mit den SkulpMren zusammen eine große Anzahl von Werkzeugen gefunden wurden, die bei der Kunslübung verwendet worden waren. Wir tun hier einen Blick in eine Künstlerwerkstatt vor zwanzigiausend Fahren und müssen die Geschicklichkei! bewundern, mit der dieser Mensch der Urzeit eine so wenig nachgiebige Materie wie den Flintstein so mannigfach zu formen und sein Werkzeug so wohl seiner Hand anzupassen wußte. Es besteht eine merkwürdige Aehnlichkcit zwischen dem Hand- werkszeug des heutigen Biidhauers und dem seines primitiven Ahnherrn. Da finden sich zuerst Instrumente, die bestimmt find, im Groben aus dem Stein herauszuarbeiten. Das sind Hacken, hammerartige Werkzeuge, Aexte. Sägen und Steinhobel. Alle diese Werkzeuge waren der Hand vollkommen angepaßt, und wir dürfen daraus den Schluß ziehen, daß unser Künstler«in Rechtshänder war. Sehr zahlreich sind die Stichel vertreten, kleine und große, einfache und doppelte, dicke und dünne. Die Stichel haben treffliche Steinklingcn mit fein„geniuichelten" Oberflächen. Sehr reich vertreten sind auch die Hohlschaber, von denen ja die jüngere Steinzeit bereits über die ver- scknedensten Formen verfügte. Aber der Künstler begnügte sich nicht damit, seine Werke ans dem Stein herauszuhauen und zu stickielu, sondern er verlieh ihnen auch Farbenpracht durch eine mit Ocker und Mangan ausgeführte Bemalung. Den Farbstoff zerdrückte er auf einer Schieferplatte und Lalanne hat eine solche aufgefunden von 27 Zentimeter Länge und 13 Zentimeter Vreue�in oblonger Form, die noch ganz und gar mit einem roten Farbstoff bedeckt war. AnS dem Tierleben. Vögel im Sturm. Die Beobachtung des Vogelfluges hat schon jahrhundertelang Naturforscher gefesselt, aber eine streng wissenschaftliche Untersuchung ist erst möglich geworden, seit alle Einzelheiten deS Fluges durch den kinematographischcn Apparat bis ins kleinste festgehalten werden können. Aus der Fülle der so ge- machten Beobachtungen teilt Georg Henner in„Ueber Land und Meer" einige interessante Beispiele mit. Obwohl der Bogel den plötzlichen Windstoß fast momentan pariert, so wagt er sich doch fast nie während eines SlurineS in die Lüfte. Auch er hat, ivenngleich er unendlich vollkommener gebaut ist als die beste Flugmaschine, in dem Chaos der Luftwirbel einen schweren Stand. Mehrfach sind Flngunglücke von Vögeln verzeichnet worden. Ein Volk Hühner, das in einen Windwirbel geraten war, hatte so heftige Zusammenstöße auszustehen, daß einzelne Tiere tot zur Erde fielen. Manche Vögel, so besonders die Möwen, scheine» stürmisches Wetter bereits einige Zeit vorher zu ahnen und bringen sich in Sicherheit, che der Wind mit vollen Backen losbläst. Mit einem sehr starken Wind im Rücken fliegt kein Vogel gern, da er ihm die Federn zerzaust. Dagegen fliegen Vögel, insbesondere solche, die kurze Schwingen haben, fast immer nur gegen den Wind auf, der ihnen das Hochkommen erleichtert. Ein verhältnismäßig schwerer Vogel wie unser Storch muß erst ein paar Luftsprünge machen, um so den nötigen Raum zur Entfaltung seiner Schwingen zu gewinnen. Ebenso hat man so manche Flugmaschinen mit Stelzen versehen, um den Abflug von der Stelle aus, ohne vorheriges An- laufen vom Boden, zu ermöglichen._ liorwartsBuchdruckerei u.Berlagsanstczlt Paul Singer�Eo.,Perlir. LWi.