Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 123. Freitag, den 28. Juni 1S12 501 Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. (.Schluß.) „Halte Dich an die Erde. Nur. Ich will hier nicht Fragen Mit Dir erörtern, die zu verstehen Du nicht fähig bist. Du kannst mich nicht im Ernste für Sultanas Tod verantwortlich machen. Hier hat ein Schicksal gewaltet, das stärker war als ich. Deinen Kummer verstehe ich. Die Ursache Deines und Deiner Mutter Zorn aber ist der Ruin Deines Vaters, und an diesem tragen nicht wir Franzosen die Schuld. Wäre Dein Vater— verzeih, wenn ich gerade herausspreche— wäre Dein Vater weniger verschwenderisch und Kif und Chira minder ergeben, dagegen aber auf die Erhaltung seines Besitzes be- dachtet gewesen, so wie wir Franzosen es sind, so wäre er heute noch ein wohlhabender Mann. Ihr habt meiner Mut- ter vorgeworfen, dasi sie Deinem Vater Geld lieh. Sie meinte, ihm einen Dienst zu erweisen, und sie glaubte es mit einem erwachsenen und verständigen Manne zu tun zu haben. „Dies Geld hat uns nur Unglück gebracht. Nun miissen wir unser Haus verkaufen, um das Darlehen zurückzuerstat- ten. Hat erst Bembaron das Seinige und seine Zinsen er- halten, so bleibt uns nichts. Und ich kann Zleira nie heiraten, weil sie meines Vaters Weib gewesen ist." „Du benimmst Dich nicht so, daß Du meine Hilfe ver- dienst, aber um Sultanas willen will ich Dir dennoch helfen. Wir haben schon vor ihrem Tode besprochen, wie ich Dir und Deiner Mutter am besten eine Hand reichen könnte. Ich kaufe Euer Haus und bezahle meiner Mutter, was sie zu fordern hat. Dann ist cS meines, eines Muslims Geld, das auf dem Hause steht, und Ihr könnt dort, so lange ich lebe, ohne Be- zahlung wohnen bleiben." „Vergib mir. was ich gesagt habe, Marcel," begann Nur sanft und zaghaft.„Ich habe immer an Deine Güte gc- glaubt." „Laß meine Hand und stehe nicht da wie ein schweif- wedelnder Hund! Ich hörte Dich zehnmal lieber»ms fluchen, wenn bloß der Haß in einem tieferen Charakter wurzelte, als der Deine es ist. Was Dein Verhältnis zu Zleira betrifft, so habe ich die Sache mit Si Salem erörtert, und glücklicher- weise sind Euere Theologen unsere Meister, wo es sich darum handelt, schwarz in weiß zu verwandeln. Wenn im Koran steht, daß ein Sohn sich nicht mit der Gattin seines Vaters verheiraten darf, so bedeutet dies, daß er es allerdings darf. Du brauchst nur einen kleinen Umweg zu machen, denselben, den ein Mann machen muß, um ein Weib zu heiraten, das er schon dreimal verstoßen hat. Du mußt bloß irgend jeman- den finden, der der Form halber Zleira ehelichen und sie dann verstoßen will. Dann ist sie nicht mehr Deines Vaters Weib und Du kannst sie heiraten." „Weißt Du dies bestimmt, Marcel?" „Si Salem ben Esjuk es-Serir hat es gesagt." „Dann ist es wahr.— Aber ich habe kein Geld, um sie zu kaufen." „Du sollst es' von mir haben. Ich habe es Snltana ver- sprachen. Uebrigens werdet Ihr ja nun ihre Mitgift erben. Und ich weiß durch Sultana, daß Deine Mutter außer ihrer Mitgift im Laufe der Jahre Geld zu ersparen verstanden hat, so daß Ihr keine Not zu leiden braucht." „Marcel, Du bist gut. Zürne mir nicht! Ich versichere Dir, daß ich kein Wort von alledem meinte, was ich vorhin sagte. Es war nur das. was ich von Abdallah hörte. Du weißt gut genug, daß ich Euch Franzosen immer geliebt habe." „Ich muß Dir sagen, daß man mit Leuten, wie Du es bist, nie ganz Freund und nie ganz Feind werden kann. Du bist ein Wetterhahn, ein großes Kind, das eine augenblickliche Liebe zu demjenigen faßt, der ihm Kuchen gibt, aber im nächsten Augenblick Böses und Gutes vergessen hat. In Eurer Familie sind es nur die Frauen, die etwas von dem alten Stahl in sich haben." „Du sollst sehen, Marcel, daß ich von nun an ein neuer Mensch werde." „Ich bin sehr gespannt," erwiderte Marcel mit einem feinen ironischen Lächeln. Die Sonne war hoch emporgestiegen und brannte schon. Sie gingen zur Zäuia, um Wasser in einer kleinen Metall» schale zu holen, die sie auf Sultanas Grab stellten. Marcel gefiel diese schöne arabische Sitte. Wenn die Vöglein kamen und sich an dem Wasser labten, schwangen sie sich dann wohl empor unter den Himmel und sangen Allah ein Lied von klein Sultanas Güte. 33. Marcel sollte dennoch nicht von Tunis, dem Lande der vielen Hochzeiten, abreisen, ohne selbst geheiratet zu haben- Nur kam eines Tages dahergeschwänzelt und stellte ihm vor. daß er Zleira während des kleinen Intermezzos, das die Rücksicht auf die Religion ihm vorschrieb, niemandem anzu» vertrauen wage als ihm selbst. Es bestand ja immer die Ge» fahr, daß der neue Ehemann, wenn er erst die Schönheit seiner Braut gesehen hatte, nicht mehr von ihr ablassen wollte, wozu ihn ja anch niemand zwingen konnte. Marcel schlug bereitwillig ein, wenn auch aus keinem anderen Grunde, als um auf diese Weise mit dem Weibe sprechen zu können, das Sultana bei sich beherbergt und bei dein sie ihre Tage beschlossen hatte. Die Hochzeit wurde in Hamzas Hause gefeiert, daS Marcel schon gekaust hatte. Sie fand nicht mit Pomp und Pracht statt, sondern wurde zu einem Erinnerungs- und Trauerfeste, an dem nur die Familie teilnahm. Zleira lag in ihrer Brauttracht auf Djeridas Bett in Bit Sola, jedoch Marcel war von so schweren Erinnerungen und Gedanken erfüllt, daß er ihre noch ebenso blendende orien» talische Schönheit sah, ohne etwas dabei zu fühlen. Aber bis weit in die Nacht hinein saß er allein bei ihr neben dem pompösen Bette und lauschte ihrer Erzählung. Nun erst konnte er durch einen Augenzeugen erfahren, wie das Entsetzliche sich zugetragen hatte. Abdallah Hatte die Spur der Flüchtlinge bis nach Tunis verfolgen können. Als er sich erst überzeugt hatte, daß Sul- tana nicht in ihrem Elternhause war, vermutete er sie sogleich bei Zleira und ernnttclte bald, wo sie wohnte. Er mietete Spione, die ihm binnen kurzem mitteilen konnten, daß sie Mabruka aus- und eingehen gesehen hatten. Des Abends war er selbst Sultana und Mabruka gefolgt und hatte sie zu Marcel gehen sehen. Nun wußte er, wem zuliebe sie ge» flohen war und kümmerte sich nicht mehr um Zaied. Die ganze Nacht hatte er in der Nähe von Zleiras Tür auf der Lauer gestanden und als sie endlich heimkamen, sprang er plötzlich hervor und drängte sich mit in das Haus. Zuerst war er nicht böse, sondern versprach Sultana, ihr zu ver- zeihen, wenn sie ihm bloß nach Gaffa folgte. Er wollte vor allem der Demütigung entgehen, daß Sultana ihn für immer verließ. Sultana aber ließ sich nicht beugen. Sie sagte ihm, sie sei frei und wolle Marcel heiraten. Zleira war beim Laut der erhobenen Stimmen in den Hof hinausgekommen und sah nun, wie Abdallah Sultana mit einem Faustschlag zu Boden warf, das Knie auf ihren Unterleib stemmte und sie mit seinen Händen erdrosselte. Darauf ging er ruhig fort. Mabruka war sogleich heimgeeilt, und sie hatten Sul- tana begraben, ohne jedoch— aus Furcht vor Abdallahs Rache— zu melden, welchen Todes sie gestorben war. Den- selben Abend aber hatte Mabruka ihm auf der Straße auf- gelauert und den Mord an ihrer Herrin gerächt. Nachts war Nur mit seiner Mutter und Zleira geflohen, in pani- schein Schrecken, in die Untersuchung hineingezogen zu werden. Erst lange, nachdem Mabruka gehängt und die Sache beendet war, hatten sie die Rückkehr gewagt.— Nachdem Zleira ihm alles erzählt hatte, was sie von Sultana wußte, rief Marcel Djerida und Nur herein, als Zeugen, daß er sein Weib sofort verstoße. Er überreichte ihr ein schönes Juwel als Erinnerung llnd sagte ihr freundliche Worte zum Abschied. Sein kurzer und trauriger Ehestand war zu Ende, und Nur blickte in eine hellere Zukunft. In der folgenden Woche verließ Marcel Tunis, das er nie mehr wiederzusehen gedachte. 34. Als Marcel ncuh Paris kam, wollte er mit seiner arabi- schen Vergangenheit so vollständig brechen, daß er sogar das Studium wechselte und Mediziner wurde. Seine Mutter war wieder in Amerika, und er hörte nur selten von ihr. Er war so allein wie irgend ein Mensch auf Erden. Justine führte ihm das Hauswesen wie früher. Verkehr suchte er nicht, sondern studierte mit eisernem Fleiß und war stets daheim, wenn nicht Hospitäler und Vorlesungen Beschlag auf seine Zeit legten. Er galt als glänzender Kopf,, aber ein wenig als Sonderling. Er war schroff und unzugänglich wie ein Felsen, und niemand gewann Einblick in fein Herz. Nach Ablauf von acht Jahren, in denen er seine«Studien beendet hatte, kehrte er plötzlich nach Tunis zurück und richtete sich ein, den Rest seiner Tage hier zu verbringen. In Hamzas Hause, das immer noch das seine war, traf ep dieselben drei Menschen, die er verlassen hatte. Hamza war nicht mehr zurückgekehrt. Keiner wußte, ob' er lebte oder tot war, aber niemand kümmerte sich auch darum. Nur hatte drei Kinder bekommen und kleidete sich mit Ausnahme des roten Fez europäisch. Winter und Sommer ging er in einem dicken grauen Winterrock, der ihm über die Schultern hing und den malerischen Bernus ersetzte. Dies waren die einzigen Veränderungen, die man an ihm beobachten konnte. Er mästete sich auf seinem Diwan und faulenzte den lieben ganzen Tag, war immer noch der- selbe wetterwendische Tunichtgut, zu dem die Schule und gute Anlagen ihn gemacht hatten. Sein Entzücken über Marcels Rückkehr nach Tunis aber war grenzenlos und ganz echt.— Marcel zog in Si Hamzas Palast, wo für sie alle Platz genug war. Justine führte sein Haus wie zuvor. Ihr kleines Mädchen, das die großen schwarzen Augen des nie wieder aufgetauchten treulosen Vaters besaß, hate sein ganzes Herz gewonnen, in welchem allmählich auch Rurs drei Würmchen ihren Platz fanden. Er hatte nicht mehr die weitumfassenden Pläne seiner Jugend, strebte aber danach, sich mit eineni engeren Kreise zu umgeben, dem er. wie er fühlen konnte, wirklich etwas war. Dies gab ihm eine Empfindung von Leben. Er suchte Klientel unter der eingeborenen Bevölkerung, vergrub sich im übrigen jedoch mehr und mehr in seine ur- sprünglichen Studien. Während de.s langen Pariser Aufenthalts hatte er er- kannt, daß die.'Vergangenheit sich nicht vergessen ließ. Er sah in sich selbst einen Baum, den der Blitz getroffen hak. Er stürzt nicht. Er steht— aber er grünt nicht mehr. Nun wollte er wenigstens gleich dem Baume an dem Lrte stehen, wo er einstmals gelebt hatte. Und dann waren ja noch die Kinder der anderen, für die man leben konnte, und der große stimmungsvolle Friedhof Sidi bel Hassen, wo klein Sultana lag. Zu Rouffeaus 200. Geburtstag. (23. Juni.) Rousscaus unsterblich Teil liegt nicht in seinen Werken. sondern in dem Einfluß, den sie ausgeübt haben. Wenn uns an seinen„Confessions" noch heute die ergreifende Leidenschaft einer großen Persönlichkeit fesselt, im ersten Teil der..Neuen Heloise" die träumerische Inbrunst der Empfindung entzückt, so sind die ästhetischen Eindrücke doch nichts gegen die ungeheure Wirkung seiner Bücher, die ein halbes Jahrhundert lang die geistige Ur- sache der größten Umwälzungen in Kunst. Moral und Geschichte waren und noch heute unbewußt unser Handeln, Fühlen und Denken bestimmen. Wie ein Frühlingsgott, wie der Balder der nordischen Mythe ist der arme Uhrmacherssohn, der Vagabund und „Wilde" durch die Welt gewandelt, den Samen seine? Geistes weit- hin ausstreuend. Nirgends aber hat er tiefere, leuchtendere Spuren des Wirkens hinterlassen als in Teutschland. In die gärende Kultursphäre Deutschlands fiel sein Wort wie des Schöpfers Gebot, das das ChaoS zu reiner Form gestaltet. Bis ins Tiefste aufge- wühlt und erschüttert hat er die Gemüter und ist so zum Seelen- sichrer geworden, der die größten deutschen Geister ins gelobte Land der Schönheit, der Sittlichkeit und des Ideals führte. Der Genfer Calvinist. den Voltaire„Halb-Gallier" und Halb-Deutschen" nannte, dessen Wiege so nahe bei der Albrecht von Hallers stand, schrieb ja nur französisch, dachte und fühlte germanisch. Nicht würdiger können wir diesen größten Propheten unseres Zeitalters feiern, als indem wir der entscheidenden Anregungen gedenken, die unsere Genien, unsere ganze Kultur ihm verdanken. Als die ersten grundstürzenden Ideen Rousseaui. die er in den beiden Preisschriften über die Schädlichkeit von Kunst und Wissen- schaft und Kultur überhaupt für die Sitten und über die un- natürliche Ungleichheit der ursprünglich gut und gleich geborenen Menschen darlegte, das allergrößte Aufsehen hervorriefen, fand seine viel angefeindete Lehre sogleich in dem jungen Lefsing einen gerechten und scharfsinnigen Beurteiler. Lessing sieht in diesem kühnen Weltweisen, der geraden Weges auf die Wahrheit zugeht und sein Herz Anteil nehmen läßt an seinen spekulativischcn Be- trachtungen, den Hekrold der Gcfühlsrcaktion gegen den gallischen „berüchtigten Witz", den Sturmvogel einer neuen Zeit, und er empfindet„eine heilige Ehrfurcht" vor dem Manne,„welcher der Tugend gegen alle gebildeten Vorurteile das Wort redet". Eni- zückt von der Frische und Helle seiner Sprache versucht er ihn zu übersetzen und gibt Mendelssohn den Anstoß zur Verbeut- schung der zweiten Preisschrift. Der Zauber dieses neuartigen Wesens und dieser hinreißenden Beredsamieit zog bald alle in seinen Baun; selbst ein so alter Veteran der Literatur, wie Bod- m e r, gab sich ihm ganz hin, wurde durch ihn zum Politiker, zum Jugenderzieher, zum Freiheit in Kirche und Staat verkündenden Dramatiker, und noch wenige Monate vor seinem Tode übersetzt der Achtzigjährige, begeistert von der„lachenden Grazie und einnehmen» den Blüte", Rouffeaus wundervolle Idylle:„Der Levit von Ephraim". Konnte Bodmer von sich sagen, daß ihn kein anderer Schriftsteller so tief ergriffen, so bekannte das gleiche ein Größerer von sich: K a n t. Es wird berichtet, daß der Magister Kant, der jeden Tag so regelmäßig seinen Spaziergang machte, daß die Königsberger..nach ihm ihre Uhren stellten", ein einziges Mal die bestimmte Stunde vergaß und zu Hause blieb: damals, als er Rouffeaus„Emile" las. Der pedantisch kühle Man» wurde aus all seiner Ordnung gerissen: eine neue Welt tat sich vor ihm auf.»Es war eine Zeit," so hat er selbst voll der durch Rousseau bewirkten Umwandlung seiner Weltanschauung berichtet,„da ich glaubte, der ganze Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe, darin weiter zu kommen, könnte die Ehre der Menschheit nmchcn, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendete Vorzug verschwindet; ich lerne die Menschen ehren." Die Auffassung des Menschen als einer auf sich gestellten moralischen Persönlichkeit, dieser stolzeste Gedanke des Kantschen Idealismus, ward so in dem Schöpfer der„Kritik der reinen Ver- nunft" erweckt; eine neue Wertung war durch Rousseau gegeben: jener„moralische Glaube", der das Wesentliche unserer Existenz aus dem sittlichen Gefühl, aus der Schönheit und Würde der menschlichen Natur herleitet. Der Vorrang des Moralischen vor dem Intellektuellen, die Bedeutung der sittlichen Persönlicbieit, die Rousseau betonte, ist der Mittelpunkt des Kantschen Denkens, die Grundlage seiner Philosophie, und so hat Jean-Jacques die größte Gcistestat unserer klassischen Kultur entbinden Helsen. Staut hat diese Ideen weitergegeben, und unter denen, die das Evangelium des Genfers mis seinem Munde begriffe», war Herder, der als Achtzehnjähriger so völlig von ihm erfaßt und eingerissen war. daß er seine Produkte aus dieser Zeit später drastisch„das Aufstoßen eines von den Rousseauschen Schriften überladenen Magens" nannte. Der geniale Ahner und Anreger unserer Literatur war eine dem Genfer vielfach verwandte Persönlichkeit, reizbar und schwärmerisch wie er, voll tiefer Empfindung für das Ursprünglich-Urwüchsige und das Rein-Menschliche. So hat er denn die Größe und Eigen- art des Menscken am tiefsten verstanden und am feinsten gedeutet, den„armen Selbstpeinigcr" gegen seine Feinde und gegen den ärgsten Feind in sich selbst in Schutz genommen. Aber ebenic» früh schon hat er an ihm scharfe Skritit geübt; denn Herder besaß in hohem Maße, was Rousseau völlig fehlte: historiscben Sinn. Er bekämpfte in ihm„jene durchgehende französische Ehr- und Aus- zeichnungssucht":„Nickis wird bei ihm simple Behauptung; alles neu. frappant, wunderbar: so wird das an sich Schöne übertrieben, das Wahre zu allgemein und hört auf Wahrheit zu fein". Wie Kant Ronsseaus Gedanken in der Philosophie fortbildete und vol- lendete, so machte sie Herder für die Dichtung fruchtbar: Auch die Poeten sollten zur Natur zurückkehren, zur originalen, nur der eigenen Stimme gehorchenden Schöpferlraft. Zu den reinen Quellen alles Großen sollte die Kunst hinabsteigen: zu den Stimmen des Gefühls, zu den Liedern des Volkes. Als er nach Straßburg ging, war dies seine fröhliche Botschaft und die„Neue Heloife" sein Lieblingsbuch. Nun trat ihm der Mann nahe, der seine Predigt in die Tat umsetzen sollte. G 0 et h e wußte zunächst mit Rousseaus Sckriften nicht diel anzufangen; in den„Ephcmeriden" schreibt er sich zwar einzelne Stellen aus seinen Werken auf, aber erst Herder führte ihn ein in die Welt des Philosophen, in der er»un eine Zeit lang lebte und webte; seine Dissertation verficht Rousseausche Gedanken, und unter diesem mächtigen Einsluß stehen dann alle seine Jugendwerke, der Götz, der Urfaust, vor allem der Werther, der nicht mir in der Technik sich eng an die„Neue Heloisc" anschließt, sondern auch von ihr die tief schürfende Analyse des Seelenlebens gelernt hat. Rousseau hat ja mit diesem Werk die Form des modernen Romans geschaffen, und so sind alle die großen Dichterpsychologen von ihm abhängig, Gottfried Kellers„grüner Heinrich" so gut wie etwa Hauptmanns„Emmanuel Quint". Auch in die Melodie des Tasso mischen sich Nousscau-KIänge und Goethes Melodrama„Proser- pima" gehört zu einer Dichtungsgatlung, die Rousseau in seinem „Pygmalion" begründet. Am tiefsten aber ist Goethe dem Vor- bild Jean-Jacques' in �.Dichtung und Wahrheit" verpflichtet, denn ohne die von ihm so sehr bewunderten.Confessions" hätte er wohl seine Selbstbiographie nicht geschrieben. Trotz dieser starken Ein- Wirkung hat der Dichter doch früh eine kritische Stellung zu dem grasten Schwarmgeist eingenommen, im„Satpros" seine Naturanbetung verspottet und später selten und nie mit besonderer Wärme von ihm gesprochen. Montesquien und Voltaire drängten die dunkel chaotische Erscheinung des Kulturstürmers zurück, der sein Abgott nur im„Sturm und Drang" gewesen war. Diese ganze wichtige Literaturbewegung ist direkt durch Rousseau hervor- gerufen. Lenz will dem Genfer eine B-ildsäule der Shakespeares gegenübtr errichten und nennt die„Neue Heloise"„das beste Buch, das jemals in französischen Lettern ist gedruckt worden"; Klin- gers Helden beten zum Bilde des„heiligen Mannes" und sein „Emile" ist ihnen der Führer durch das Labyrinth des Lebens,„das erste Buch der neuen Zeit". L e i s e w i tz'„Julius von Tarent" verdankt der„Neuen Heloise" seine Entstehung, H e i n s e findet durch Rousseau den Weg zur ewigen Natürlichkeit des Griechen- tums. Auch den Helden von Schillers Juaenddramen hat der Riese Rousseau den beseelenden Promctheus-Funken eingehaucht; den in der Stuttgarter Militärakademie Gefesselten durchstürmen die Freiheitsträume des Philisophen; sie gewinnen Ausdruck in den schwärmerischen Phantasien Kar! Moors; eine Stelle aus dem Rousseau gibt' die Anregung zum„Fiesco", und in einem langen Gedicht feiert er den Dulder als den wahren Christen, als zu gut für die Welt:„Mag der Wahnwitz diese Erde gängeln? Geh Du heim zu Deinen Brüdern Engeln, denen Du entlaufen bist." Selbst der reife Schiller nimmt noch in seinen ästhetischen Schriften Rousseausche Gedanken auf; aber sie sind durch das Studium der Kantschen Philosophie geklärt und veredelt: nickt zurück zur Natur, nicht fort von aller Kultur führt das höchste Streben der Mensch- heit, sondern durch die weise Schule der Kultur hindurch zu einer vollkommenen Stufe, in der die vollendete geistige Bildung zu einer zweiten bewustten Natur wird. Rousseans wichtige Mission für das Geistesleben unserer klassischen Zeit ist in dieser höcksten Läuterung durch Schiller voll- bracht, aber nicht sein Wirken überhaupt. Es ist in Hölderlin, in Jean Paul, in den Romantikern mächtig; es entfaltet sich auf allen Gebieten unserer Kultur. Werfen wir noch kurz einen Blick auf diesen allgemeinen Einflutz Jean Jacques', so mutz die ganze Empfindsamkeitsperiode auf ihn als eine der wichtigsten Quellen zurückgeführt werden, denn er hat vor allem Schwärmerei und Gefühlsüberschwang gepriesen, dann der F r e u n d s cha f t s k u l t u s, den er zuerst mit all seinen Ver- zückungen und Enttäuschungen durchlebte, und manch andere Frucht des neuen Seelenlebens, das er heranfführte. Er hat die Schön- heit des Hochgebirges in der„Neuen Höloise" entdeckt und alle, die heute die Alpen bewundern, schauen mit seinen Augen; er hat dem Naturgefühl eine subjektive Innerlichkeit, eine enge Beziehung zu unserem Sein gegeben, die den spezifischen Grund- ton aller modernen Lyrik ausmacht. So erschloß er der Kunst neue, ungeahnte Reiche: der moderne Roman, das bürgerliche Trauer- spiet, das in Hebbel und Ibsen seine Klassiker fand, die Selbst- biographie und psychologische Analyse verehren in ihm ihren Schöpfer. Aber nicht nur in der Dichtung, auch in der Musik hatte sein Wirten �ungeahnte Folgen. Die Einheit von Musik, Poesie und spreche, die er verkündete, nahm Ideen voraus, die später Richard Wagner zum Siege führte, be- fruchtcie auch die Sprachforschung, besonders Jakob Grimm. Ebenso haben Rousseaus geschichts-philosophische Gc- danien auf lange hin die Nachwelt beschäftigt. Sein Buch über den Gesellschastsvertrag wurde gleichiam das Gesetzbuch der fron- zösischen Revolution; Goethe zeigt sich von ihm beeinflußt. Die Früh-Romantiker, wie Friedrich Schlegel, haben es zwar bekämpft, aber die mystische Auffassung der romantischen Geschickns- schreibung vom Volkstum und der Vollsseele geht doch letzten Endes auf Rousseau zurück. Am umfassendsten und dauerndsten aber war der Einfluß des„Emile" auf das deutsche Er- ziehungswesen. Auf ihn gestützt unternahmen die Philaw- lhropinisten ihre Reform, schufen Basedsw und Salzmann ihre Institute; der„Eunle" war Pestalozzis pädagogiscke Bibel und gab Fröbel die Anregung zum Kindergarten. Alle die modernen Schulfragen, die Pflege des Sports, die Arbeitsschule usw., sie sind schon von Rousseau aufgeworfen, und so steht er noch heute mitten unter uns als Mitftretter und Mitarbeiter in allen Geisteskämpfen der Gegenwart, weil sein Werk eins der wichtigsten Fermente und Grundlagen der Kultur ist. Dr. Paul Landau. SeclanKen Rousseaus, Die Bekenntnisse. Ich beginne mit einein Iknternehmen, für das eS nie ein Bei- spiel gab, und dessen Ausführung keine Nachahmer finden wird. Ich will meinen Mitbrüdcrn einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeige», und dieser Mensch werde ich selbst sein. Ich allein. Ich erkenne mein Herz, und ich kenne die Menschen. Ich bin nicht geschaffen wie irgendeiner von denen, die ich gesehen, habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich anders geschaffen bin, als irgend jemand auf der Welt. Wenn ich auch nicht mehr»ocrt bin, so bin ich wenigstens anders. Ob die Natur gut oder schlecht daran getan, als sie die Form zerbrach, in die sie mich gegossen, darüber kann man erst urteilen, wenn man mich gelesen, hat. Mag die Posaune des jüngsten Gerichts erschallen wann sie will, ich werde mit diesem Buch in der Hand vor den ollerhöchsten Richter treten. Frei heraus werde ich sagen: Dies habe ich getan. dies habe ich gedacht, und dies>var ich. Ich habe das Gute und das Schlechte mit gleicher Offenheit gesagt. Ich habe nichts Schlechtes verschwiegen und nichts Gutes hinzugefügt; und wenn es mir begegnet ist, einen gleichgültigen Redefchmuck anzuwenden, so geschah es nur, um eine durch mein schlechtes Gedächtnis ent» sdandene Lücke auszufüllen. Ich habe vielleicht manches für wahr gehalten, von dem ich nur wußte, daß es so sein konnte, aber nie- mals etwas, das ich als falsch erkannte. Ich habe mich ganz so gezeigt, wie ich bin; verächtlich und gemein, wenn ich es war, gut, großnrütig und erhaben, wenn ich es war; ick habe mein Innerstes so entschleiert, wie du es selbst gesehen hast, ewiger Gott. Ver- sammle um mich die unzählige Schar meiner Mitmenschen, daß sie meine Bekenntnisse hören, über nieine Schändlichkeiten seufzen und über meine Erbärmlichkeiien erröten? Möge jeder von, ihnen seinerseits zu Füßen deines Thrones sein Herz mit derselben Auf- richtigkeit offenbaren; und möge ein einziger dir sagen, wenn er es wagt:„Ich war besser als dieser Mensch hier!" Schrift st ellerberu f. Ich näherte mich meinem vierzigsten Jahre und hatte anstatt eines Vermögens, das ich immer verachtet habe, und anstatt eines Namens, den man mich so teuer hat bezahlen lassen» Ruhe und Freunde, die beiden einzigen Güter, nach denen mein Herz be- gehrte. Eine elende akademische Streitfrage, die meinen Geist gegen meinen Willen erregte, stürzte mich in einen Beruf, für den ich durchaus nicht geschaffen war; ein unerwarteter Erfolg zeigte mir Reize, die mich verführten. Scharen von Gegnern griffen mich, ohne auf nrich zu hören, mit einer Leichtfertigkeit an, die mich verstimmte, und mit einem Hochmut, der mir vielleicht welchen einflößte. Ich verteidigte mich, und von Streit zu Streit fühlte ich mich in die Karriere hineingezogen, fast ohne daran gedacht zu haben. Ich war sozusagen Schriftsteller in einem Alter geworden, wo man aushört es, zu sein, und Literat gerade durch meine Ver- achtung dieses Standes. Von da an war ich etwas für das Publi- krun; aber auch meine Ruhe und meine Freunde entschwanden. Die Souveränität, ist unveräußerlich. Ich sage daher, daß die Souveränität, da fie nichts ist als die Ausübung des allgemeinen Willens, niemals veräußert werden kann, und daß der Souverän, der nichts anderes als ein Koellektiv- wesen ist, nur durch sich selbst repräsentiert werden kann; die Macht kann wohl übertragen werden, aber nicht der Wille. Wenn es in der Tat nicht möglich ist, daß ein Sonderwille in manchem Punkt mit dem allgemeinen Willen übereinstimmt, so ist es wenigstens unmöglich, daß eine solche Uebereinstimmung dauerhaft und beständig sei; denn der Sonderwille strebt, von Natur nach Auszeichnungen, und der allgemeine Wille nach Gleichheit. Es ist noch unmöglicher, eine Bürgschaft für diese Uebereinstimmung zu haben, wenn sie auch immer bestehen sollte; dies wäre nicht der Geschicklichkeit zu verdauien, sondern dem Zufall. Der Sou- verän kann wohl sagen: Ich will jetzt das, was dieser Mann da will, oder wenigstens was er zu wollen behauptet; aber er kann nicht sagen: Was dieser Mann morgen will, werde ich auch wollen; da es albern wäre, wenn der Wille sich Ketten für die Zukunft anlegte, und da es von keinem Willen abhängt, zu irgend etwas zuzustimmen, was dem Wohle des wollenden Wesens entgegen wäre. Wenn daber das Volk einfach zu gehorchen verspricht, so löst es sich durch diese Handlung auf, es verliert seine Eigenschaft als Volk; im Augenblick, wo es einen Herrn gibt, gibt es keinen Souverän mehr, und von da an ist der Staatskörper zerstört. Die Quellen des Uebels. Die erste Quelle des Unheils ist die Ungleichheit; anv der Ungleichheit find die Reichtümer entstanden; denn die Worte arm und reich sind relativ, und überall, wo die Menschen gleich sind, wird es weder Reiche noch Arme geben. Aus den Reichtümern find der Luxus und der Müßiggang entstanden; aus dem Luxus sind die schönen Künste und aus dem Müßiggang die Wissenschaften gekommen. Gewalt und Recht. Der Mensch ist frei geboren, und er befindet sich überall in Ketten und Banden. Mancher hält sich für den Herrn der anderen und ist doch mehr Sklave als sie. Wie hat sich dieser Wechsel voll- zogen? Ich weiß es nicht. Was kann ihn berechtigt erscheinen lassen? Ich glaube, diese Frage lösen zu können. Wenn ich nur die Kraft betrachtete und die daraus entstehende Wirkung, würde ich sagen: Solange ein Volk gezwungen ist zu gehorchen, und es gehorcht, so tut es gut; sobald es sein Joch ab- schütteln kann, und es abschüttelt, tut es noch besser. Denn indem es seine Freiheit durch dasselbe Recht wieder erlangt, durch das sie ibm geraubt wurde, ist es entweder berechtigt, sie sich wieder- zunehmen, oder man war nicht berechtigt, sie ihm zu entziehen. Freiheit und Gleichheit. Wenn man untersucht, worin eigentlich das größte aller Güter besteht, das das Hauptziel jedes Systems einer Gesetzgebung sein muß. dann wird es sich auf die beiden Hauptdinge Freiheit und Gleickheit fcfd&ränfen; Freiheit, h-cil jcde private Abhängigkeit eine !>em Staat' entzogene Kraft bcDiUct; Gleichheit, iveil ohne sie die Freiheit nicht bestehen kann. Ich habe schon gesagt, N>aS bürgerliche Freiheit ist: Iva? die Gleichheit betrifft, so Müs; man die» Wort nicht so verstehen, als ob alle Abstufungen von Macht und Neichtuni ab'olut die gleichen tvärcn: ab�r ivas die Macht angebt, so auuf; sie über jede Gctvalt- tätigkeit erbaben sein und nie anders, als auf Grund von Rang und Gesehen ausgeübt tvcrden: und was den Reichtum betrifft, so sei kein Burger so reich, um einen anderen taufen zu können, eind keiner so arm, um gezwungen zu sein, sich zu verkaufen: lvas von feiten der Großen Verminderung der Güter und des Kredits, und von feiten der Kleinen Verminderung der Habsucht und Begehr- lichkcit voraussetzt. Wollt ihr daher dem Staat eine feste Grundlage geben, so nähert die äußersten Rangstufen einander so viel als möglich: duldet weder übertrieben Reich noch Bettler. Türe beiden, natürlich unzertrennlichen Stände sind gleichmäßig unheilvoll für die öffentlich Wohlfahrt: v»S dem einen geben die Helfershelfer der Tyrannen hervor, ans dem anderen die Tyrannen: Zwischen ihnen spielt sich stets der Schacher mit der öffentlichen Freiheit ab; der eine kauft und der andere verkauft. Privateigentum. Der erste, der, nachdem er ein Stück Grund und Boden cingc- zäunt hatte, auf den Einfall kam zu sagen: dies gehört mir. und der Leute fand, die einfältig genug waren, um es zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Bürger und Mensch. Kein Mensch und Bürger, wer er auch sein mag, hat der Gesellschaft-ein anderes Gut darzubieten als sich selbst, alle anderen Güter sind ohne sein Zutun vorbanden; und wenn ein Mensch reich ist, so genießt er entweder seinen Reichtum nicht, oder die Gesellschaft genießt ihn ebenfalls. Wer im Müßiggang verzehrt, was er nicht erworben hat, stiehl! cS; und ein Rentner, dem der Staat sei» Nichtstun bezahlt, ist in meinen Augen nichts Besseres als ein Räuber, der auf Kosten der Vorübergehenden lebt. Außer- halb der Gesellschaft hat der isoliert lebende Mensch, der niemand etwas schuldig ist, das Recht, nach seinem Gefallen zu leben: aber in der Gesellschaft, wo er notwendigerweise auch Kosten'anderer lebt, ist er ihr durch Arbeit den Lohn für seinen Unterhalt schuldig: hierfür gibt es keine Ausnahme. Arbeit ist daher eine unumgäng- liche Pflicht für den sozialen Menschen. Reick oder arm, mächtig oder schwach— jeder müßige Bürger ist ein Spitzbube. Das Wesen der Erziehung. Alle? ist gut, wenn es au? den Händen des Schöpfers aller Dinge hervorgeht, olles entartet in den Händen deö Menschen. Er zwingt einen Boden, die Produkte eine? anderen zu nähren, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen: verwischt und verwirrt die Klimata, die Elemente, die Jahreszeiten: er ver- skümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven: er stürzt alles um, verunstaltet alles, er liebt die Mißbildungen, die Ungetüme; er will nichts so, wie die Nitur es macht, nicht einmal den Menschen; er muß für ihn dressiert werden wie ein zugerittenes Pferd; man «ruß ihn nach seinem Belieben krümmen und drehen wie einen ß?aum seines Gartens. Ohne dies würde alles noch viel schlechter gehen, und unser Geschlecht will nicht halb ausgebildet sein. In dem augcnblick- lichen Zustand der Dinge würde ein von Geburt an sich selbst über- lassener Mensch unter den andern als der allerverunstaltetste erscheinen. Vorurteile, Autorität. Notwendigkeit. Beispiel, alle diese sozialen Einrichtungen, von oenen wir überschwemmt sind, würden *n ihm die Natur ersticken und nichts an ihre Stelle setzen. Sie Würde wie ein Bäumchen sein, das der Zufall inmitten eines Weges aufsprossen läßt, uno das die Vorübergehenden bald um- kommen lassen, indem sie es von allen Seiten stoßen und es nach pllen Richtungen biegen und krümmen. Eigen wcrtderJugend. Was soll man sich von der barbarischen Erziehung denken, die die Gegenwart einer ungewissen Zukunft aufopfert, die ein Kind mit allen Arten von Ketten belastet und damit beginnt, es elend zu machen, um ihm in ferner Zeit Gott weiß was für ein angcb- liches Glück zu bereiten, das es voraussichtlich niemals genießen wird? Wenn man auch den Zweck dieser Erziehung für vernünftig hielte, nie kann man ohne Empörung mit ansehen, daß so viele Unglückliche unter einem unerträglichen Joch zu unaufhörlicher Arbeit verdammt sind, wie Galeerensklaven, ohne die Sicherheit, daß so viele Mühen ihnen jemals nützlich fein iverdcn! Das Alter der Fröhlichkeit verstreicht unter Tränen, Strafen, Drohungen und Sklaverei. Man quält den Unglücklichen zu seinem Besten und man sieht nicht den Tod, den man herbeiruft, und der ihn inmitten dieser traurigen Veranstaltung ereilen wird. Wer weiß, tvie viele Kinder der übertriebenen Klugheit eines Vaters oder Lehrers zum Opfer fallen? Metaphysik. Allgemeine und abstrakte Ideen sind die Quelle der größten menschlichen Irrtümer; niemals hat das Kauderwelsch der Meto» Physik vermocht, eine einzige Wahrheit zu entdecken, und es hat die Philosophie mit Ungereimtheiten erfüllt, deren man sich schämt, sobald man sie ibrer hochtrabenoen Worte entkleidet. kleines feuilleton. Rousseau als Musiker. Rousseau ivandte schon als Jüngling der Musik ein tiefes Interesse zu, das er sein ganzes Leben hindurch intensiv bekundete. Fehlte dem Komponisten des„Dovin du v i 1 1 a g 0", der lyrischen Szene„Pygmalion", der Ballett- oper„1-08 Muses galantes", des Opernfragments „D a p h i u i s e t C h 1 o e" und eines Bandes„Romanzen" auch die technische Schulung und das kompositorische Können, da? seinen Arbeiten einen die Zeit überdauernden Kniislivert hätten leihen können, so bat er als miisikaliscker Schriftsteller wie als schaffender Musiker doch solch tiefgebenden Einfluß aus die E n t>v i ck c l ii n g geübr. daß a»ch dem Musiker Rousseau ein Wort dankbarer Anerkennung gebührt. Wen» die zeitgenöisischen Fackleuie den Philosophen als Musiker nur sehr bedingt gelten lassen wollten, so liegt das in der Hauptsache daran, daß der Pvlennker und Kritiker Roilsseau in dem zur Zeit die musikalische Welt Frankreichs durcktobeiiden Streit der Buffonisten und Antibuffonisten. den Vertretern der iialieuiscken und sranzösisckcn Musik, so oft die Stellung wechselte, daß er sich bald beide Parteien zu Feinden machte. Hatte er zunächst für die französische Migik im allgemeinen und für ihren große» Bahn- brecker R a m e a n im besondere» gegen die Verfechter der Lullischen Richtung gekämpft, so wandte er ssck später mit gleicher Leidenschaft und Schärfe gegen die„Antibuffonisten" und das unmusikalische Frankreich überhaupt, um sich ani Ende wieder für den französischen Stil zu erklären. Kein Wunder, daß Rameau nach dem Besuch der Generalprobe des„dluses galantes" bei dem Generalpächter La Popeliniere sich überaus abfällig über das Werk äußerte und Rousseau einen Plagiator nannte. Das vernichtende Urteil Rameaus, der als cigentlicker Begründer der Hannvuielehre der bariiiouie- fremden Kompositionsart des musizierenden Philosophen begreif- lickcrwcise keinen Geschmack abgewinnen komile. tat in- dessen dem Erfvlg des l7S2 ausgeführten„Devin du viUage"(des.Dorfwcihrsagcrs) keinen Abbruch, ei» Werk. mit dem Rousseau das französische Singspiel begründete, wie er mit der 13 Jahre späier erschienenen lyrischen Szene „Pygmalion", bei der die Deklamation mit der Vom Orchester begleiteten Pantoininen wechselte, dem Melodram die Wege wies. Der„Dorswahrsager" erlebte seine Uraufführung am 18. Oktober 17ö2 in Foutainebleau. Der Erfolg war außer- ordentlich groß, und Frau Von Pompadour, die die Hosenrolle der Colin gemimt hatte. fand solches Gefallen an dein Werk, daß sie den, Autor SV Louisdor überweise» ließ und daiiir sorgte, daß das„Wahrsagen" in das Repertoir der Pariser Oper, aufgenommen wurde, wo es sich trotz seiner Schwächen und Mängel über 60 Jahre aus dem Spielplan behauplete. Als musikalische Jubiläumsgabe studiert jetzt die Komische Oper in Pari? RousieauS„Devin du viilage" ein. Der Generalprobe wird eine Aufführung in Ermenonville bei Paris, in der Eremitage, folgen, die Rousseau auf Einladung des MorguiS de Girardin bezogen halte, wo er am 2. Juli 1778 eines plötzlichen, wie einige behaupten, frei- willigen Todes starb und die später in den Besitz eineS anderen großen französischen Musikers, des Komponisten Audri Erneste Modeste Grelry überging. Rousscau-AuSgabcn. Von Rousscaus Werken existieren zahllose Ausgaben im französischen Original wie in deutschen Ueber- setzunge», aber keine einzige, die die wichtigsten Werke und auS den weniger wichtigen und der Korrespondenz das Wesentlichste zusammen- faßte. Kurz vor Rousseaus 200. Geburlstage erschien in der Ueber« sctzung von K. Grosse eine Volksausgabe des„Emil" in zwei Bänden a 1 Mark bei Alfred Kröner, Leipzig. Die in der Cotta- schen Wellliteratur erschienene Auswahl gibt in C Bänden zu 1 Mark die„Bekenntnisse", den„Emil", de»„Gesellschaftsvertrag" und den„Ur- sprung der Ungleichheit". Bei Reclam sind außer dem letzten, die gleichen Werke erschienen, außerdem»och die neue„Heloiie". Eine sehr schöne Ausgabe der unverkürzten Bekenntnisse gab in einer neuen Uebersctziing voil E. H a r d t der Verlag Wiegandt it. Grieben heraus(der Preis von 10 M. macht sie allerdings nur für Bibliotheken erschwinglich). Für den Leser, der nickt Muße hat, sich in die größeren sehr limfangreichen Werke Rousseaus zu vertiefen— den kürzeren Ge- l'ellschaflsvertrag sollte freilich jeder ganz lesen—, cmpsiehlt sich zur Einführung eine sehr geschickte Zusammenstellung aus seinen Werken, die Eduard S p r an g e r bei Eugen Diederichs in Jena veranstaltet hat(I. I. RousieaM Kulturideale. Preis 3 M., geb. 4 M.>. Doch wer über NonsseanS Leben und Lyhren Belehrung wünscht, niag zu Professor Paul Hemels in der B. G. Teubnerschen Sanim- lung„AuS Natur n.nd Gcisteswclt" bereits in zweiter Auflage er- schieuenen Werkchri(geb. 1,25 M.) greifen.__ kerantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.= Druck u. Verlagt LorwärtsBuchdruclerei u.Vcrlagsansto.lt Paul Singer�Eo., Berlin LW.