Wnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 125. Dienstag, den 2. Juli. 1912 lNachdru« verboten.) 11 Der Mittiber.*) Von Ludwig Thoma' 1. Kapitel.*■—*- „Um d' Kathi is schad; dös beHaupt' i, weil's wahr is, und koa besserne Hauserin(Hausfrau) is weit uniadum net g'wes'n," sagte der Zwerger von Arnbach, und Männer und Weiber, die beim Leichentrunk sahen, nickten beistimmend. „De Ehr' muaß ihr a niada(jeder) Mensch lass'n, daß ihr d' Arbet guat von da Hand ganga is." „Han?" Die Fischcrbäuerin von Neuried redete undeutlich, weil sie ein tüchtiges Stück Wurst kaute; aber wie sie es hinunter- geschluckt hatte, wiederholte sie ihre Worte. „Daß ihr d' Arbet guat vo da Hand ganga is. sag i." „Und halt vastanna hat sie's aa," rief einer über den Tisch hinüber. «Freili Hot sie's vastanna. Und gar' so viel a guate Melcherin is sie g'wesen," sagte die Fischerbäuerin, die als Schwester der Verstorbenen heute ein Aufhebens machen durfte.„Solchene muaß it(nicht) viel geb'n, und it leicht, daß a mal a Kuah nach ihr ausg'schlag'n hat, und vo drei Strich hat sie so viel Milli ausg'molka, wia'r an anderne aus Vieri." „Und g'rath'n is ihr alssammete," rief die Huberin von Glonn,„sie hat a niad's Kaibi(Kalb) durchbracht: und bal (wenn) si oans no so g'ring herg'schaugt hat, is ihr it u>ng'° stanna." „Was mög'st?" fragte der Zwerger, den die Fischer- bäuerin anstieß.„Ah so! Geh, theat's d' Würscht no mal Herl" Und er gab der Nachbarin hinaus, die mit Messer und Gabel darüber ging und wehleidig sagte:„Es is schad um sie, weil sie gar so viel a guate Melcherin war." Der Schormayer von Kollbach hörte die Lobreden oder hörte sie nicht; er schaute verloren an sein Bicrglas hin; und wenn er den Deckel aufmachte und eines trank, geschah es auch gedankenlos und ohne Genuß. „Was hoscht jetzt an Sinn?" fragte ihn der Zwerger. „Wia?" „Was d' an Sinn hoscht? Uebergibst(den Hof), oda machst alloa furt?" „I bin do it alloa." „Ja no, bei Tochta werd aa it ledi bleib' n mög'n; und bal sie heireth, was is nacha?" „Dös woaß i jetzt aa it." „Geh, Zwerger, laß guat sei! Wer red't denn von Ueba- geb'n. bal ma d' Muatta erst vor a Stund ei'grab'n Hamm?" Der Schormat)er Lenz sagte es. und zeigte sich überhaupt als rechtsinnigen Menschen, der auch im Unglück seine fünf Sinne beisammen hat, indem er acht gab, daß beim Leichen- mahl alles mit Ordnung ging und Verwandte und Gefreun- dete herzhaft Zugriffen. „Ja no," antwortete der Zwerger,„mi red't grab; und wer woaß, wann ini Wieda beinand is. Und es is guat g'moant g'wen, Schormayer; des sell derfst g'wiß glaab'n." „Wia?" „J sag. daß i dir nix schlecht's moan, und nix für un- guat!" „Na, na!" „Bal d' Kathi bei'n Lcb'n blieb'n waar, kunnt'st freili no a fünf Jahr regicr'n, aber a so werd's dir hart o'kemma." „>ea, ja, „Sie is so viel a guate Melcherin g'wen, und in Stall überHaupts hat's koa besserne gar it geb'n," sagte die Fischer- bäuerin, indes sie einen Löffel Rübenkraut zum Schwein- fleisch nahm. „Der Herr gebe ihr die ewige Seligkeit und lasse sie ruhen in Frieden, Amen!" rief am untern Ende eine scharfe Stimme, die zu den frommen Worten nicht recht paßte. Und sie ging von der Asamin aus, die mit einem kleinen Gütler ein armseliges und streiterfülltes Leben führte. *) Witwer. Sie hatte aber auch mit der Katharina Schormayer eine Schwester begraben und mußte deswegen an diesem traurigen Tage gehört werden. „Amen!" responsierten die Verwandten und Gefreun- deten, und räusperten sich dazu; denn sie gönnten der Asamin nicht, daß sie das Wort führen sollte. Dann war es still; bloß daß man Gabeln und Messer auf den Tellern kratzen hörte, oder auch einen, der seufzte, oder einen, der sagte:„Ja no! Jetzt is scho amal a so." Nach einer Weile jedoch brachte der Zwerger die Unter- Haltung wieder in Fluß. „Des muaß mi sag'n, schö hat da Herr Pfarra g'redt, und g'rad fei' hat a sei Sach' fürbracht." „Er Hot überHaupts a guat's Mäuwerk(Mundwerk)," lobte der Schneiderbauer;„da is er ganz änderst wia der inser in Arnbach. Der sell ko gar nix." „Dös is wahr, bei dem muaß mi einschlafa, aba an Herrn Metz lob' i. Er hat der Schormayerin ihr Ehr geb'n, daß mi z'fried'n sei muaß." „Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes, hat a g'sagt, und desscll hat er aa g'sagt: durch ein weises Weib wird das Haus erbauet. I han ma's guat g'mirkt." Die Asamin ließ sich zu oft hören. „Mirk d' as no! Du ko'st as guat braucha!" schrie der Schneiderbauer grob und brachte viele zum Lachen. „Bal's aba da Herr Pfarra g'sagt hat!" „IS ja recht, mirk da's no g'rad!" „Von a Predigt ko sie a niada was hoam nehma, net grad i alloa." „Is ja recht." „Und des sell derf i do sag'n, daß mi de Predigt g'fall'n hat, und überHaupts is sie von mir so guat a Schtvesta g'wen als wia vo de andern; und des is amal wahr, daß er dös g'sagt hat. Ein fleißiges Weib, hat er g'sagt, ist die Krone des Mannes." „Is ja recht, bal's no du aa oane waarst!" „Nacha kriaget der Asam vielleicht gar was für di," sagte der Zwerger; und wieder lachten Verwandte und Ge- freundete. „Schaug no, daß du was kriagst für de Dei'; und des sell muaß i dir no sag'n..." „Sei amal staad!" mahnte Lenz so nachdrücklich, daß di Asamin einhielt. Und jetzt schob auch seine Schwester Ursula die Fleisch- platte vor den alten Schormayer hin. „Geh, Vata, iß dennerscht(denn doch) was!" „I wog it." „Dös is jetzt aa nix, bal du a so da hockst; is m des best' Sachl" „I mag it, sag' i." „Wickel's eahiu ei!" sagte die Fischcrbäuerin.„Dahoam mag er's na scho." Der Wittiber trank ein ums andere Mal und schaute mit leeren Augen vor sich hin, daß es den Schneiderbauern erbarmte. „Wie lang bist jetzt verheireth g'wen?" fragte er den stillen Mann. „I?" ',Ja, muaß do bald dreiß'g Jahr sei." „It ganz. Achtazwanzgi san mi beinand g'wen." „Is a lange Zeit. Da g'wohnt ma si z'samm." „Da g'wohnt ma si z'samm, ja, ja! Und jctz woaß i gar nix mehr, wo i hi'g'hör', und dahaam is nix, und änderst- lvo is aa nix." „Es werd scho wieder, Vata, laß no guat sei!" sagte Lenz. „Nix werd's Dös dastehst du net. Bal mi achtazivanz'g Jahr mitanand g'arbet hat, und is van Tag g'wen wia den andern, und auf oamal is's gar, dös is dumm ganga. Dös Hütt''s it braucht." „No schau, bei dir is no net allssammete aus." tröstete der Zwerger.„Du Host a Baargeld und kost zuaschaug'n, wann's d' heut übagibst." „Ja, bal i d' Arbet nimma Hab, was is denn nacha? Und alloa is d' Arbet aa nimma luschti. Dös is amal nix mehr und werd nix mehr." 498 Er schaute wieder vor sich hin und rührte nichts an von allem, was aufgetragen wurde. Den andern aber hatte die Trauer den Appetit nicht verschlagen; sie langten herzhaft zu, und über Essen und Trinken wurde es lebhafter. Von der seligen Schormayerin war nicht mehr so viel die Rede als von der Ernte und von den Viehpreisen; und jeder wußte etwas zu sagen, was feiner Kenntnis Ehre machte. Und wie sich der Eifer steigerte, wollte auch der Lenz zeigen, daß er gut beschlagen war. Die Fischerbäuerin wieder nahm sich der Ursula an und erzählte ihr von einigen Bauernsöhnen, die rund herum mit guter Aussicht fürs Leben zu heiraten waren. Und wenn ihr die Namen ausgingen, wußte gleich eine andere noch einen besseren zu rühmen; und über ein kurzes steckten die Weiber ihre Köpfe zusammen und waren vom Sterben mitten ins Heiraten gekommen. Die Asamin nicht. Ihre Meinung hatte in solchen Fragen erst recht keine Geltung, und überdem hielt sie es für richtig, iegt mit einigen Wünschen an den Schormayer zu gehen. Ohne daß es die andern viel bemerkten, fegte sie sich hinter den Wittiber und fing erst einmal kräftig zu feufzen an. Da er nicht darauf achtete, zupfte sie ihn am Aermel und fagte:„ Dös is a wahr's Kreuz!" Der Schormayer wandte sich um. Was willst?" A Kreuz is, fag i, daß d' Kathi hat sterb'n müass'n." Je laß du mi aus( zufrieden)!" " sa, glaabst, mi bekümmert dös nig? Sie is vo mir aa'r a Schwesta g'wen." woaß scho." " Und bal i aa g'rad an arme Güatlerin bi, des sell macht da gar nir aus. Vielleicht hon i mehra Derbarma( Erbarmen) mit dir als an anderne." dank da schö. Ja, is scho recht." Und er drehte ihr den Rücken zu. Aber die Asamin war darüber nicht traurig, sie schaute links und rechts, ob die Gespräche noch im Fließen waren; und wie sie das mit Befriedigung sah, faßte sie wiederum den Schwager am Ellenbogen. ,, Was hoscht denn?" Tirolla wollte fich entfernen. En Iniff seine fleinen Aeuglein zusammen mit einer verächtlichen Grimasse, schüttelte den Kleinen, ichivargen Kopf und weigerte sich, die Beleidigung zu wiederholen. Darauf rief der andere laut: en. En triff feine feinen Mengfein " „ Er sagt, er hat die Liebe meiner Frau fennen gelernt." Hehe!", meinten die Leute, das ist kein Scherz, das muß ernstlich untersucht werden. Ruhe, Luigi! Du bist hier ein Fremder. Deine Frau ist eine von den Unferigen. Wir alle kannten sie hier als Kind, und wenn Du beleidigt bist, fällt ihre Schuld ehrlich gestanden auf uns alle zurüd." Man nahm nun Cirotta ins Gebet: " Hast Du das gesagt?". „ Na, ja", gestand er. " Und hast Du wahr gesprochen?" " Wer hat mich je bei einer Lüge ertappt?" Cirotta war ein anständiger Mensch, ein guter Familienvater; die Angelegenheit nahm eine schlimme Wendung. Die Leute standen verlegen und nachdenklich da. Luigi ging nach Hause und sprach zu seiner Concetta: " Ich reise fort von hier! Ich will Dich nicht mehr kennen, wenn Du nicht beweisen kannst, daß die Worte dieses Halunken Berleumdung find!" Sie meinte natürlich, aber Tränen sind keine Rechtfertigung; fleinen Kinde, ohne Geld und Brot. Luigi stieß sie von sich, und so blieb sie denn allein, mit dem Die Weiber nahmen sich ihrer an, vor allem Katarina, die Gemüsehändlerin, eine fluge Füchsin, wiffen Sie, eine Art alter Sad, der mit Fleisch und Knochen vollgestopft ist und hie und da Falten wirft. " Signore," rief fie, hr wißt schon, daß unser aller Ehre mit betroffen ist. Es ist kein Leichtsinnsstreich, aus einer allzu hellen Mondnacht geboren; hier ist das Schicksal zweier Mütter in Mitleidenschaft gezogen, nicht wahr? Ich nehme Concetta zu mir ins Haus, sie wird bei mir sein, bis wir die Wahrheit ans Licht bringen." Sere Lucia, deren Stimme drei Meilen weit zu bernehmen ist, So geschah es auch. Und dann rückten Katarina und die dürre dem armen Guiseppe auf den Leib. Sie riefen ihn zu sich und begannen seine Seele wie einen alten Lappen nach allen Seiten zu zerren und auszuwinden. Na, mein Guter, sag mal, hast Du sie viele Male gehabt, die Concetta?" Der dicke Guiseppe blies die Wangen auf, überlegte und erwiderte: „ Einmal!" " Das hätte man auch ohne nachzudenken sagen können", be" Du, hat d' Kathi gor it dergleich'n tho, daß sie ihre merkte Lucia, wie zu sich selber. Verwandt'n a bissel was zuakemma laßt?" ,, Na, gar nir. 11 Roan Pfenning it?" Na, sag i." ,, Sollt'st nacha scho du a wengl was thoa, daß mi liaba bet' dafür." Bal's d' net gern bet'st, laßt d' as bleib'n." Sei no net gleich a so gach( hibig). Mi sagt ja grad, weil's a guat's Werf waar, wann mi an arma Menschen was gab." Du hoscht ihra Lebzeit'n gnua friagt, und hoscht as do bloß vabukt." J?" S Ja, du! Und jetz laß mi mei Ruah!". " Jeg da muaß i lacha. Wos hon denn i friagt von ihr?" red nir mehr." Der Schormayer war ein weniges aus seiner allertiefsten Trübseligkeit gerissen und zeigte seiner Schwägerin die breite Seite. Luada!" brummte er vor sich hin und trank einmal. ( Fortsetzung folgt.) Märchen der Wirklichkeit. Von Maxim Gorki. '( Autorisierte Uebersehung von A. Stein.); An dem Tage, da dies geschah, blies der Siroffo, ein feuchter Wind aus Afrika. Ein schlimmer Wind er fällt auf die Nerven, trübt die Stimmung, und das war der Grund, daß die Fuhrleute Guiseppe Cirotta und Luigi Meta miteinander in Streit gerieten. Der Streit entstand unmerklich, niemand wußte, wer ihn angefangen hatte; die Leute sahen bloß, wie Luigi dem Guiseppe an die Brust sprang und feinen Hals zu umflammern suchte, während sein Gegner den dicken roten Hals einzog, den Kopf geduct hielt und die schwarzen, fräftigen Fäuste schwang. Man trennte sie fofort und fragte: Um was handelt es sich?" Blaurot vor Born schrie Luigi: J „ Geschah das am Abend, in der Nacht oder in der Frühe?" fragte Katarina, genau wie ein Richter. Guiseppe wählte ohne nachzudenken den Abend. " War es noch hell?" " Ja", entgegnete der Dummkopf. " Sol Du hast also ihren Körper gesehen?" „ Na, natürlich!" " Sag nur, wie er aussieht!" Nun begriff er, wozu diese Fragen an ihn gerichtet worden waren und sperrte den Waund auf wie ein Sperling, dem ein Korn im Hals stecken geblieben ist. Er murmelte etwas unverständliches und geriet in eine solche Wut, daß seine großen Ohren sich blaurot färbten. ,, Was kann ich darauf sagen? Ich habe sie ja nicht wie ein Arzt untersucht." fragte zucia.„ Vielleicht hast Du aber dennoch eine Eigentümlichfeit Concettas bemerkt?" fragte sie weiter und winkte ihm, diese Schlange, mit den Augen zu. " Ißt Du die Früchte, ohne Dich an ihnen zu erfreuen?" „ Alles geschah so schnell, daß ich wirklich nichts bemerkt habe." " Dann hast Du sie nicht besessen!" sagte Katarina, die, sonst eine freundliche Frau, im Notfalle auch streng zu sein verstand. Mit einem Wort, sie verwickelte ihn dermaßen in Widersprüche, daß der Bursche zu guter Leßt seinen häßlichen Kopf zu Boden senkte und ein Geständnis ablegte. Nichts ist geschehen, ich habe alles aus Bosheit gesagt!" Die Weiber waren gar nicht erstaunt. „ So dachten wir auch", sagten sie, entließen danach den Missetäter und übergaben die Sache den Männern, die darüber zu Gericht fizen sollten. Am folgenden Tage versammelte sich unser Arbeiterverband. Cirotta stand da, angeklagt wegen der Verleumdung einer Frau, und der alte Giacoma Fasca, der Schmied, hielt eine nicht schlechte Rede: „ Bürger, Genossen, gute Leute! Wir beanspruchen selber Ges rechtigkeit und müssen deshalb auch gegeneinander gerecht sein. Mögen alle Leute sehen, daß wir den hohen Wert dessen, was wir beanspruchen, kennen, und daß die Gerechtigkeit für uns kein leeres Wort ist, wie für unsere Herren. Da steht ein Mann, der eine Frau verleumdet, einen Genossen Beleidigt, eine Familie zerftört und in eine andere Herzeleid hineingetragen hat, indem er seiner Gattin Qualen der Eifersucht und der Schande bereitete. Dieser Stier soll in aller Gegenwart wiederholen, was er Wir müssen ihm gegenüber streng sein. Was beantragt Ihr?" Bon meiner Frau gesagt hat!" Siebenundsechzig Männer erklärten einmätig: »Heraus mit ihm. April zum 1. Mai erheblichen Schaden zugefügt hat, ist ein regenreicher Vorsommer gefolgt. Die andauernden milden Landregeen, die meist bei warmer Witterung niedergingen, haben die Gartenkulturen gut gefördert und die Vermehrung des lliw geziefers stark gehemmt. So steht denn jetzt alles, was nicht ohne« hin geschädigt war. in kraftstrotzender Ueppigkeit. Die Gemüse« ernte hat ihren Anfang genommen und unsere gesamten Gemüse« kulturen versprechen reichen Ertrag zu geben; auch Bäume unlZ Sträucher, die infolge der ganz abnormen, monatelang anhaltenden Dürre des vorigen Sommers sehr geschwächt waren, beginnen neu aufzuleben und haben bereits kraftstrotzende Triebe entfaltet. ES ist im Hinblick auf die Zukunft der Gehölze, namentlich der Obst« bäume, nicht allzusehr zu beklagen, daß der Fruchtansatz in vielen Fällen den durch die vorjährige Dürre geschwächten Bäumen den Todesstoß gegeben, während ihnen der jetzt vielfach fehlende bezltf« mangelhafte Fruchtansatz die Möglichkeit bietet, die geschwundenen Kräfte zu ersetzen, also neu aufzuleben, was sie erneut zur guten Ausbildung von Fruchtholz befähigt. Wenn nicht widrige Umständet eintreten, dürfte die nächstjährige Obsternte eine glänzende werden« Auch im Sommer und Herbst können gelegentlich Naturereig« nisse eintreten, gegen die wir Gartenfreunde machtlos sind, so: hef-, tige Gewitterregen, Sturm- und Hagelschauer, die oft im Nu dia sorgfältigst gepflegten Kulturen in schwerster Weise schädigen oder gar vernichten. Abgesehen von solchen Naturereignissen, wozu auchj andauernde Dürre gehört, und mit denen wir immer rechnen müssen, liegt es jetzt aber in der Hand des Gartenpflegers, die Ernte durch sachgemäße Kultur möglichst ausgiebig zu gestalten. Zu den wichtigsten Sommerarbeiten gehört zunächst die au?« giebige Bewässerung bei Trockenheit. Vorhandenes Regen-, Teich« und Leitungswasser ist natürlich zu bevorzugen. Das Wasser aus Flußläufen ist meist stark durch Fabrikwässer usw. verunreinigt« Brunnenwasser meist zu hart(zu eisenhaltig). Es bleibt aber selten die Wahl, man muß die Wasserart nehmen, die jeweils zur Ver« fügung steht. Wo aber das Wasser aus Brunnen gewonnen wirN« lasse man es vor der Verwendung erst 12— 24 Stunden abstehen, da« mit es annähernd die Temperatur der Luft annimmt. Zu dieseirt Zweck ist die Aufstellung einer entsprechend großen Bütte notwendig bezw. eines Betonbassins, das für eine mittelgroße Laubenparzelle mindestens 4— 500 Liter Wasser fassen muß. Man gießt im«omme« niemals in den heißen Mittagsstunden, sondern am besten abend?« bei ungewöhnlicher Dürre dann noch einmal am frühen Morgen, und pumpt jedesmal nach Beendigung der Arbeit das Bassin wieder bis zum Rande voll. Holzbütten sind in der Anschaffung teuer, in der Haltbarkeit begrenzt und haben außerdem den Nachteil, undicht zu werden, wenn sie an heißen Tagen einmal vorübergehend nicht ganz gefüllt sind. Demgegenüber sind Betonbassins, möglichst solche aus Stampfbeton, von unbegrenzter Haltbarkeit und Dichtigkeik, wenn man die Vorsicht gebraucht, sie vor Eintritt strenger Fröste vollständig zu leeren und umgestülpt zu überwintern. Die Regengüsse der letzten Zeit haben nicht nur die Kulturen, sondern auch die Entwickelung des Unkrautes, und letzteres oft in beängstigender Weise, gefördert. Eine der wichtigsten Aufgabe des Gartenpflegers ist es nun, die mannigfach auftretenden Unkräute« energisch zu bekämpfen, weil sie einerseits die Kulturpflanzen über« wuchern, ihnen also Licht und Luft entziehen, andererseits ihnen aber auch die Nahrung nehmen und überhaupt den Boden aus« saugen. Für den ernsten Gartenfrend ist es nicht ohne Interesse, sich die einzelnen Unkrautarten etwas näher anzusehen, denn viela Unkräuter geben uns einen Wertmesser für die Bodenqualität und! für die wichtigsten Pflanzcnnährstoffe, die im Boden vorhanden sind! oder ihm fehlen. So weist das massenhafte Auftreten der Bogel« miere, eines unserer lästigsten Unkräuter, auf reichen Stickstoff« geholt im Erdreich hin, sagt uns also, daß wir vor der Hand aufs die teure Stickstoffdüngung mit Chilisalpeter, schwefelsaurem Ammo« niak, Blut- oder Hornmehl, Guano usw. verzichten können, wäh, rend andererseits das Auftreten von Sauerampfer, d. h. von Ver« tretern der Gattung R u m e x, auf Stickstoffmangcl hindeutet. Ichs werde auf dieses Gebiet später einmal eingehender zurückkommer», Eine große Zahl der Unkrautarten hat federleichte oder flug« fähige Samen, wie z. B. die Gräser jeder Art, Kreuzkraut, Löwen« zahn. Berufskraut usw. Derartige Unkräuter werden uns immev und immer wieder durch den Wind aus verwahrlosten NachbargärteiH und von benachbarten Brachäckern und Oedländereien zugetragen, Gegen die regelmäßig neu erfolgende Ansiedelung solcher Unkraut« arten sind wir also machtlos, gegen andere können wiv uns aber durch stets rechtzeitiges Behacken der Kulturen, schützen. Man behacke immer und immer wieder, sobald eins neue Unkrautdecke aufkeimt und lasse sie nicht erst Hochwachsen, blühen oder gar Samen reifen. Sobald Selbstaussaat erfolgt, ist das Grundstück auf Jahre hinaus mit Unkrautsämereien verseucht, die zum größten Teil im Boden ein Jahrzehnt und oft weit darüber hinaus lebensfähig bleiben und von denen dann bei jeder neuen Bodenbearbeitung oder Lockerung wieder eine Fülle in die zun» Keimen günstige Nähe der Oberfläche kommen, um dann wieder einen erneuten Unkrautteppich zu bilden. Hierdurch werden manche Ländereien auf Jahre hinaus so verseucht, daß nichts anders übrig bleibt, als wi iderholt hintereinander Hackfrüchte anzubauen, üament« lich Kartoffeln und Kohl, durch deren Behacken und Behäufeln das Unkraut stets rechtzeitig entfernt wird. Die Handhabung von Spaten und Hacke ist für unsere Garten� kulturen von größter Wichtigkeit. Man vertilgt damit nicht nur das Unkraut, sondern man hält den Boden auch locker, durchlüftet ihn und Mkcht i�n aufnahmefähig für Wärme und Niederschläge. Eine grundliche Bodenbearbeitung und Lockerung ist oft schon eine halbe Düngung. Auch eine fachgemäße Düngung ist jetzt im Sommer von Wichtigkeit. Die flüssige Sommerdiinqung mit Jauche, um die es sich zu dieser Jahreszeit handelt, wird in erster Linie im Gemüse- garten, und zwar für starkzehrende Gemüse angewendet. Hülsen- fruchte und Wurzelgemüse jeder Art vertragen keine frische, also auch keine Jauchedüngung. Letztere wird bei allen Gemüscarten an- gewendet, deren junge Triebe, Blätter, Blüten oder Früchte wir genießen, also bei Spargel, Rhabarber, Artischocken, Kohlgewächsen jeder Art mit Ausnahme von Kohlrüben, Gurken, Kürbissen utzd Tomaten. Die Auswahl des jeweils anzuwendenden Düngers mutz sich nach der Nutzung der zu düngenden Pflanzengattung richten. Stickstoff befördert bekanntlich das Trieb- und Blattwachstum, des- halb sind alle Gemüse, deren Triebe und Blätter wir genießen, für Stickstoffdüngung dankbar. Eine solche Düngung bieten wir mit Latrine, mit in Waffer aufgelöstem Geflügeldung, besonders Taubendung, und mit Hornspänen. In eine IM Liter fassende Bütte gebe ich zwei Eimer trockenen Taubendung, den ich acht Tage lang im Wasser vergären lasse, und dann in der Weise als Dung- cxtrakt verwende und das ich, je nach Wüchsigkcit der zu düngenden Pflanze, von dieser gesättigten Lösung 3— 5 Liter in eine Gießkanne mit Wasser gebe. Tomaten. Gurken und Melonen gibt man besser weniger Stickstoff, dafür mehr Phosphorsäure und Kali. Wem Ge- flügelmist als Stickstoffdüngung nicht zur Verfügung steht, der bc- schaffe sich bei einem Drechsler oder Schmied einige Pfund Horn- oder Hufspänc. Diese füllt man für sich allein oder mit Ofrnruß ge- mischt in einen kleinen Sack, den man mit einem Stein beschwert, und dann im Wasserbassin versenkt. Die Späne zersetzen sich hier so allmählich, daß man regelmäßig mit diesem Wasser gießen kann. Starkes Dungwasser gebe man aber nur gegen Abend, wenn es sein kann, gelegentlich eines Regens. Selbstverständlich muß Uebcr- düngung vermieden werden, da solche nicht nur das Wohlbefinden der Gewächse beinträchtigt, sondern auch einen ungünstigen Einfluß auf den Geschmack der betreffenden Gartenprodukte ausübt. Das beim Kochen abscheulich stinkende Gemüse von den städtischen Riesel- Feldern liefert ja eine drastische Illustration zu den Schattenseiten dex Ueberdüngung. Fürchtet man einmal zu stark gedüngt zu haben, so ist es ratsam, mit reinem Wasser nachzugießen, wodurch die zu kräftige Lösung im Boden noch verwässert wird. Für solche jGemüse, denen man nur beschränkt Stickstoff zuführen soll, empfehle ich Kuhjauche aus in Wasser gelösten strohfreien Kuhfladen herge- stellt. Diese erhält man in Groß-Berlin überall in den Meiereien, bei den großen und kleinen Volles. Weder diese Kuhfladen noch die aus ihnen hergestellte Lösung sieht appetitlich aus, dafür ist sie den Pflanzen aber um so bekömmlicher; Prietzke hat sich bollständig daran gewöhnt, und der Kuhstallgeruch behagt ihm mehr als der Patchouliduft gewisser Straßendämchen. Das Ausstreuen von Kunst-, konzentrierten und mineralischen pulverförmigen Düngemitteln ist gegenwärtig zu meiden oder doch mit größter Borsicht auszuführen. Diese Düngemittel, namentlich die Salze, dürfen mit Blättern und Blüten nicht in Berührung kommen, da dies schwere Verbrennungserschetnungen zur Folge hat, wodurch man sich ganze Kulturen zugrunde richtet. Ein walnutz- großes Stückchen Chilisalpeter jetzt auf die Grasnarbe gelegt, hat mach einiger Zeit das Verbrennen von einem Quadratmeter Gras- Fläche zur Folge, was wohl die Gefährlichkeit dieser Art der Dün- gung hinreichend beleuchtet. Im Sommer verwendet man die Pslanzennährsalze, wenn man deren Anwendung nicht umgehen kann, nur in Wasser gelöst. Man rechnet dann durchschnittlich ein bis zwei Teile des Nührsalzes auf 1000 Teile Wasser, also ein bis zwei Gramm pro Liter. Ich kann aber immer nur wiederholen, daß nicht im Moorboden, den wir nur stellenweise haben, wohl aber am vorherrschenden mageren Sandboden die Düngung mit minera- tischen Düngern ziemlich zwecklos ist und eine vollständige Aus- Zaugung des Bodens zur Folge hat, also schlimmen Raubbau dar- stellt. In Bodenarten, die reich an Humus sind, kann nian ab- wechselnd mineralischen Dünger geben, auch Topf- und Balkon- «pflanzen, die fast stets in fetter Erde(meist Mistbeet- und Kompost- erdej stehen, ist mineralische Düngung mit Vorteil anzuwenden. Geeignete Mischungen sind das Floranährsalz und die Albertschen Düngesalze, welche die Samenhandlungen auch in kleinen Por- ckionen abgeben. Ihre Anwendung ist da besonders vorteilhaft, wo es sich, wie bei den meisten Balkonpflanzen, um Erzielung eines reichen Blütcnschmuckes handelt. Bei solchen Balkonpflanzen, die nicht ihrer Blüten, sondern der üppigen Ranken halber gepflegt werden, wie wilder Wein, Efeu, japanischer Hopfen usw.. gibt man der Stickstoffdüngung, in erster Linie dem Taubendung, den Vorzug. Schwache Lösungen, ein bis zwei Gramm pro Liter Waffer, kann nian gesunden Balkonpflanzen von jetzt bis gegen Ende August täg- sich geben. Eine wichtige Arbeit bildet jetzt auch die Bekämpfung des Un- igeziefers. Im Gemüsegarten gibt es ja Pflanzen, die an den Blät- lern fast frei von tierischen Schädlingen sind, wie viele Rübenarten, Kopfsalat. Erbsen(vom Erbsenkäfer abgesehen, der bei uns selten äst), wer aber einmal Kohl und große Bohnen kultiviert hat, der kann ein Lied von den Raupen singen, die erstcre und von den schwarzen Blattläusen, die letztere oft im wahren Sinne des Wortes verantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: auffressen. Das beste Mittel gegen Läuse ist die Anivendüng einer nicht zu starken Abkochung von Quassiaholz mit grüner oder Schmierseife, auch Tabakstaub mit einem Zerstäubungsapparat früh am Morgen auf die noch taufeuchten Pflanzen geblasen, wirkt Wunder. Kohlraupen muß man immer und immer wieder ab- suchen; man wirft fie in kochendes Wasser, da sie, wie alle behaarten Raupen, vom Hausgeflügel nicht genommen werden. Ein winziger Schädling, der in verschiedenen Arten Zimmerpflanzen, Zierbäume, Bohnen, Gurken und Melonen heimsucht, ist die sogenannte Ro:c Spinne. Je trockener die Witterung, um so verderblicher tritt sie auf. Auf ihre Tätigkeit ist unter anderem der jährlich zu beobach- tcnde frühzeitige Laubfall der Linden in den Straßen und auf den Plätzen Berlins zurückzuführen. Die befallenen Blätter kränkeln, gilben und sterben schließlich ab. Da die Blätter aber die Lungen der Pflanzen sind, ist es selbstverständlich, daß von der Roten Spinne befallene Gewächse ihre Früchte nur unvollkommen oder überhaupt nicht ausbilden können, zumal sie bald verkümmern und absterben. Die Anwendung des obengenannten Spritzmittels ist hier mühevoll, da der Schädling hauptsächlich auf der Rückseite der Blätter lebt, die schwer in allen Teilen zu bespritzen sind. Auch an unseren Obstbäumen treten jetzt zahlreiche Schädlinge auf. Ich habe in diesem Jahre gegen die pilzlichen und tierischen Schädlinge der Obstbäume zum ersten Male die sogenannte kali- fornische Schwefelbrühe, ein in den Obstbaugebieten der Vereinigten Staaten weit verbreitetes Spritzmittel, mit durchschlagendem Erfolg angewendet. Allerdings sind einige Obstsorten, besonders der Sommerapfel Charlamowsky, gegen dieses, aber auch gegen jedes andere Spritzmittel empfindlich; dies» Bäume lassen bald nach der Bespritzung eine Anzahl Blätter fallen, erholen sich aber rasch. Die Brühe, die man fertig aus einer chemischen Fabrik bezieht, muß gut verschlossen gehalten werden. Bei der Sommerbespritzung gibt man einen Liter Brühe auf mindestens 30— 45 Liter Wasser. Will man mit der Bespritzung gleichzeitig den Apfelwickler bekämpfen, dessen Schmetterling um diese Zeit seine Eier einzeln an die in der Eni- Wickelung begriffenen Birnen und Aepfel ablegt, so muß man ihr Bleiarsenat(arscnsaures Blei) zusetzen, und zwar ein Kilogramm auf je 100 Liter Brühe. Es ist dies aber ein gefährliches Gift, das die chemischen Fabriken den Interessenten nur gegen Erlaubnis- schein, den die zuständigen Polizeibehörden ausstellen, abgeben dürfen. Immerhin wird diese Art der Bespritzung in Amerika all- gemein, bei uns schon in zahlreichen größeren Kulturen, auch in den Weinbaugebieten angewendet, kommt aber nicht für Sommer- und Herbstobst, sondern nur für spätes Winterobst in Frage, bis zu dessen Ernte die als feiner Nebelstaub verteilte Lösung längst wieder vom Nachttau und Regen abgewaschen ist. Wenn nicht bald nach dem Spritzen ausgiebiger Regen eintritt, wirkt eine rechtzeitige Bespritzung für die ganze Flugzeit des Apfelwicklers, die im nächsten Monat ihr Ende erreicht. IW. Kleines f euilleton. Hauswirtschaft. Warum gerinnt die Milch während der Gewitter? Die rasche Veränderung von Milch, Fleisch, Fleisch- brühe usw. bei Gewittern ist eine allbekannte Tatsache. Woher aber die Erscheinung eigentlich kommt, ist bisher ganz unbekannt geblieben. Im Volke glaubt man natürlich die mächtigsten Aeuße- ningen der bei einem Gewitter erscheinenden Naturkräfte, also die Elektrizität, dafür verantwortlich machen zu müssen. Neuerdings ist nun ein französischer Forscher, A. Trillat, der Sache nachgegangen. Er hat versucht, Milch in der Nähe von elektrischen Entladungen— die Blitze sind ja nichts anderes— zum Gerinnen zu bringen. Aber weder die Entladungen noch die dabei entstehenden Ozongase, auch nicht Ammoniumnitrat oder salpetrige Dämpfe vermochten die Er- schcinung herbeizuführen, ja, die letzgenannten Gase wirkten eher konservierend. Trillat fand aber, daß schon sehr kleine Mengen von Fäulnisgasen die Milch dahin veränderten, daß sie zu gerinnen begann. Nun sind allerdings nach Gewittern Fäulnisgase in größeren Mengen in der Luft vorhanden. Das kommt daher, weil der atmofpärische Druck geringer ist und so den im Erdboden vor- handenen Fäulnisgasen das Ausströmen erleichtert. Daß übrigens die Druckverminderung allein imstande ist, das Gerinnen und Vcr- säuern der Milch herbeizufiihren, hat Trillat dadurch nachgewiesen, daß er zeigte, wie Druckvermindcrungen bis zu 50 Millimeter der Quecksilbersäule keinerlei Einwirkungen auf die Milch auszuüben imstande sind. Und daß es in der Tat die Fäulnisgase selbst find. die die erwähnten Veränderungen bewirken, ergab sich aus Per- suchen bei normalem Lufdruck, wenn in der Nälje der Milch eine Quelle von Fäulnisgasen plaziert war. Auch die Gegenwart von Pflanzenerde, die also in Verwesung befindliche Stoffe enthält, brachte das Gerinnen der Milch hervor. Man kann daher mit ziem- licher Sicherheit annehmen, daß die Zersetzung animalischer Stoffe wie Milch, Fleisch, Fleischbrühe und dergleichen bei Gewittern daher rührt, daß die atmosphärischen Luftdruckverminderungen Fäulnisgase aus der Erde frei machen, welche die beobachtete Wir- lung üben.—_ vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstnlt Paul Singe.tCo., Berlin SW.