Hlnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 126. Mittwoch, den 3. Juli. 1912 lNachdruck seri>sl«n.» 2] Der Mttiber. Von Ludwig T h o m ct. Die Asamin gab viel und doch nicht alles verloren: sie wartete etliche Zeit, bis nach ihrer Meinung die Trauer wieder obenauf schwamm. Dann kriegte sie den Wittiber nochmal am Aermel. ».Ja Herrgott...1" >,GehI Muaßt it a so seil I sag nix mehr von an Geld!" t.Du kriagst scho koans." '-..Dös san mi arma Leut g'wohnt. Aba, paß auf. den brauna Rock von ihr und den Spensa kunnt'st ma do scho geb'n." „Wos für an brauna Spensa?" fragte mit einmal Ursula, und fragte es sehr scharf. „I ho do mit dir it g'red't." „Na, aba an Vata that'st o'betteln und schämst di gor it." „Dös is it bettelt, bal mi fragt!" „Dei Frag'n kenn i scho. und schama thuast di du gor it. Möcht sie's G'wand vo da Muatta!" „Was»vaar's nacha, bal mi an Spensa kriagat? Hascht du it gnua Sach? Is dös it da Brauch, daß mi an Verwandt'n was gibt? Da möcht i scho von Betteln sag'n und's Mäu recht aufreiß'n, als wenn sie koan Schwesta net g'wen waar von mi und's Bet'n net aa braucha kunnt!" Die Asamin deckte ihren Rückzug tapfer und gut, wie ein jeder sagen mußte, aber sie mußte eben doch zunickweichen und von allen Angriffen abstehen. Sie saß wieder am untern Ende des Tisches und blieb von den flinken Augen der Ursula bewacht, so daß kein lautes Gespräch mehr für sie eine neue Gelegenheit gab. „Und jetz geh i," sagte der Schormayer bald darauf und stand auf. „I geh mit dir, Vata." rief der Lenz. „Na, du bleibst do, und de andern aa. I find alloa' hoam, und koan Unterhaltung brauch i net. S' Good beinand!" Er schwankte etwas und hatte in Kümmernis und Nach- denken mehr Bier getrunken, als mancher Fröhliche ertragen könnte: aber die Türe erreichte er doch in einer mäßigen Bogenlinie. Die Trauerversammlung rief ihm Grüße nach und hielt eine Zeitlang Betrachtungen ab über die Schormayerin und ihr schnelles Sterben und über den Tod im allgemeinen. „Es is wirkst hart für eahm," sagte die Fischerbäuerin, -..und bal mi's recht sagt, is er z' alt zu'n no mal Heireth'n und z' jung zu'n Aufhör'n." Die Schneiderin rückte näher zu ihr und wisperte leise, daß es die Mannsbilder nicht hören sollten:„Ueberhaupts sag i dös: bei dem Alter is besser, wenn da Mo z'erscht stirbt, weil si inseroans leichter in d' Ruah gibt." „Da hoscht amal recht, und des sell is no allemal wahr g'wen, wia ma sagt: bal inser Herrgott an Hanswurst'n Hamm will, laßt er oan mit fufz'g Jahr Wittiber wer'n." Die Fischerin sah die Schneiderin bedeutsam an, und sie nickten mit den Köpfen und waren sich einig darüber. 2. Kapitel. Der Schormayer trat tiefe Löcher in die weiche Dorsgasse, wie er jebt an dem trübseligen Herbstnachmittage heimging. aber er achtete nicht auf den glucksenden Lehm, der ihm an den Stiefeln hängen blieb. Wenn er vom Wege abkam und beinahe knietief in den Schmutz trat, fluchte er still und lenkte in die Mitte der Straße ein, aber bald zog es ihn wieder links oder rechts an einen Zaun, und er blieb stehen und brummte vor sich hin: �.Nix mehr is: gar nir mehr." „Himmelherrgott!" sagte er, wenn ein Windstoß in die Obstbäume fuhr und ihm kalte Regentropfen ins Gesicht ' schleuderte. Ein Hund riß an der Kette und bellte ihm heiser nach: beim Finkenzellcr öffnete die alte Mariann ein Fenster und rief ihm zu:„Derfst ma's it übel ham, daß i net bei da Leich' g'wen bi: i hon an Wehdam in die Haren(Schmerz in den Beinen) und kimm it bei da Tür außi. I waar ihr so viel gern ganga, und derfst ma's g'wiß glaab'n, i bi ganz vokemma, wia'n i dös g'hört Hab. und weil sie gar so.. Der Schormayer hörte sie nicht: er bog scharf um die Hausecke und war nun bald, unverständliche Worte murmelnd, an der Einfahrt seines Hofes. Die Spuren vieler Tritte waren noch sichtbar; sie liefen mitten über den geräumigen Platz bis zur Haustüre, und bei ihrem Anblick raffte der Schormayer seine Gedanken wieder fester zusammen. s«.- „Da Hamm s' as raustrag'n. Ah mei! Ah was!" Er faßte zögernd nach der Türklinke, als vom Kuhstall herüber eine helle Weiberstimme klang. „Bauer!" „Was is?" „Schaugst it eina? D' Schellerin hat a Kaibi(Kalb) kriagt?" „Was nacha?" „A Stierkaibi." Die Stalldirne klapperte auf ihren Holzpantoffeln mit hoch aufgeschlagenen Röcken näher heran. „Vor a Stund is's kemma, und hat gar it viel ziahg'n braucha, und i ho mir z'erscht denkt, i schick umi zu'n Wirt, aba nacha is an Tristl sei Knecht da g'wen, und nacha..." „Ja, ja! Is scho recht.. Er trat ins Haus und schlug die Türe hinter sich zu. Im Flötz(Flur) stand noch der weißgedeckte Tisch, und darauf ein Kruzifix, auch war ein süßlicher Dust von Weih- rauch zu merken, und so blieb der Schormayer nachdenklich stehen und schaute die Stiege hinauf, über die sie vor wenigen Stunden seine Bäuerin heruntergetragen hatten. �> Er zog den Mantel nicht aus und hing den Hut nicht an den Nagel: wie er war. ging er mit schmutzigen Stiefeln in die Stube und setzte sich auf die Ofenbank. Es wurde schon Abend, und die Fenster schauten wie große Augen in die dämmerige Stube herein: eine Uhr tickte laut und aufdringlich, als daS einzige Ding, was hier zu ver- nehmen war, und ihr Schlag und die Stille und dunkle Winkel erinnerten den Schormayer an seine Verlassenheit. Er dachte wohl nicht viel dariiber nach und malte sich keine wehmütigen Bilder vor, aber er spürte die Einsamkeit, wie er sich so vornüber beugte und auf den Boden sah. Da waren einige weiße Flecken: und wie er nachdachte, woher sie kämen, trat ihm lebhaft und deutlich die traurigste Stunde seines Lebens vor Augen. Das waren Tropfen von Wachskerzen, und da herinnen waren die Weiber versammelt, als der Pfarrer die Leiche aus» segnete. Er hörte die Hammerschlägc, die von oben herunter tönten, als sie den Sarg zumachten, und dann schwere Tritte auf der Stiege, und das Schleifen der Totentruhe, und die tiefen Stimmen der betenden Männer und die hellen der Weiber, und dann wieder durch die Stille eine fette Sing- stimme, der eine andere erwiderte mit fremden Worten, die er oft und oft gehört, aber heute sich erst gemerkt hatte: „Roquicwat in pa-lia-ce! Ä-ha-men!" Eine zitternde, verschnörkelte Stimme, und dann das Klirren des Wcihrauchfasses, und gleich darauf ein weißer, beizender Rauch, der viele zum Husten brachte. Und ein Flüstern unter den Männern, die den Sarg aufhoben, und wieder viele dumpfe Tritte,'und schreiende Stimmen durcheinander. „Vater unsa, der du bischt in dem Himmel, geheiligt werde dein Name...". � Der Bauer fuhr zusammen, weil die Stubentüre aufging. „Wos geit's(Was gibt's)?" „I bin's," sagte die Stalldirnc, die auf Strumpfsocken hereinkam. „Was willst?" I ho ma denkt, ob's d' as Kaibi net o'schaugst, well 's gar so fei' is." „Morg'n nacho." �« „Und d' Kuah is aa guat bemand: gar it viel ei brocha. „So?", „Ganz leicht is ganga: i hätt an Tristl Knecht schier gar it braucht: aba no, mi woaß net." Der Bauer gab keine Antwort. Zenzr ging ans Fenster und schaute hinaus; gegen die Helligkeit erschien ihre Gestalt so groß und mächtig, daß sie der Schormayer zum erstenmal daraufhin anschauen mußte. Die hatte einen Buckel wie ein starkes Mannsbild und dicke Arme und volle Brüste. „Soll i dir a Kaffeesuppen kocha?" fragte sie. „Na." „Aba d' Ursula werd so schnell it kemma, und i ko d' as leicht macha." „I mag nix." Zenzi trat zur Ofenbank; und wie der Bauer sie nicht wegschickte, setzte sie sich neben ihn. Ihr Arm streifte den seinen, und eine Wärme ging von ihr aus, die ihm wohltat; den ganzen Tag hatte er das Ge- fühl gehabt, daß es ihn fröstle beim Alleinsein, und in der Stube hatte es ihn erst recht so überkommen. Zenzi drehte den Kopf nach ihm zu; ihr sinnlicher, breit gezogener Mund und ihre flackernden Augen versprachen Dinge, die selten einer verschmäht. Aber der Schormayer schaute sie nicht an. „Wia lang is sie jetzt krank g'wen?" fragte Zenzi. „A schlecht's Blüat hat sie scho lang g'hot," erwiderte er, „aba g'leg'n is sie it länger wia'r a viertl Jahr; dös woaßt ja selm." „An da Lungl hat's ihr g'feit(gefehlt), gel?" «x�a. „Ä meiniger Betta, Wo i in Deanst g'wen bi, Hot's aa'r a so g'habt und is alle Tag weniga worn. Da is g'scheidter, bal oans stirbt." „Ja, ja." „Dös ko mi net änderst macha, und da waar i jetzt net a so trauri." „Dös dastehst du z' wem," sagte er und streifte sie mit eincni Blick. „Moanst?" „Wenn ma so lang vaheireth is mitanand, da g'hört ma so z'samm, daß ma si dös gar it änderst ei'bild'n ko." „Aba d' Freud ko aa nimmer so groß g'wen sei." K.Wias für a Freud?" „No, a so halt," sagte Zenzi und stieß ihn mit dem Ellenbogen an. Er schaute sie wieder an; ihr Mund war zu einem sinn- lichen Lachen verzogen, und ihre Augen wichen nicht aus. „Ah mei!" sagte er.„An selle Dummheit'n denkt mi So net." „Waar ma scho gnua!" sagte sie.>,Da denkat i freist dro. Für was is ma denn vaheireth?" „Geah! Du bischt halt no jung und dumm. In Ehstand is ganz änderst als wia lediger." „Warum nacha?" „Weil mi halt g'scheidter werd, und älter aa, und weil mi an was anders z' denka Hot." „Tu bischt do net z' alt." (Fortsetzung folgt.) Sein Sieg. Von Wilhelm Holzamer, Der Hannes war noch ganz benommen. Er Küßte nicht, Kar i'S von seinem Traume in der Nacht, hatte er nach seinem Mittag- »schlaf wieder dasselbe geträumt, war er noch schlaftrunken, oder chatte es dieser vxrdammte Tag überhaupt an sich, einem die fünf Sinne wie an Stricke festzubinden? Nach seinem kargen Mittag- essen war er einfach eingeschlafen, er wußte gar nicht wie, nur einfach eingescklafen war er. Das war ihm auch noch nie so passiert. Ja, diese Geschichten, das war abspannend. So was hielt kein jGaul aus. So stark und kräftig er auch war, auch ihm ging das auf die Dauer an die Leber. Gott Strampach l Aber heute sollt's ein Ende nehmen. Wenigstens ein Ende. Heute versteigerten sie ihm das Häuschen und das bißchen Möbel. Dann war's fertig. Dann war er aber auch gezeichnet für sein Lebtag. Das war dann nicht mehr wegzuwischen. Jeder Gassenbub konnt's ihm dann zu- rufen. Und er mutzt sich's gefallen lassen. Für sein Lebtag hatte er dann die Schand zu tragen. Aber's war ein End. Er war's nun gerade satt. Er war abgerackert wie ein Karrengaul, wie ein altes, steifes Biest. Wenn sie einem sein bißchen Sach denn nehmen wollen, dann sollten sie's wenigstens kurz machen. Es blieb ihm immer so artig dumpf im Kopf. Das wollte gar nicht weggehen. Ob das wirklich vom Tag war, oder vielleicht vom Schlafen her war? Oder vom Traum?� Vom Traum? Was war's denn, was er geträumt hatte?. Sacker, das war's auch, der Traum. Der steckte ihm noch in den Knochen. Was war's denn rasch gewesen? Er besann sich auf seinen Traum: Er hatte geträumt, daß er seine Axt auf seinem Knie entzweigebrochen Hütt— das Knie tat ihm noch weh davon—, und daß er das halbe Stück Stiel ruhig neben sich gelegt häth aber das ander Stück, das mit der Axt, irgend wohin geworfen hätt, weit von sich, er wußte selbst nicht wohin. Und da hätt's jemand gc- troffen; Herrgott ja, richtig, und hätt ihn totgeschlagen, einsam totgeschlagen, einfach maustet, so wie ein Blitz vom Himmel einen trifft, plötzlich und furchtbar wie ein Strafgericht, und mausetor. Erbarmungslos tat. Herrgott ja. Wenn der Teufel sein Spiel macht! Es schuckerte ihn ordentlich, als tat ihm einer eiskalt Wasser über den Buckel gießen. Er wollte auf alle Fälle heut an sick» halten, wie's ihm auch in den Fäust zucken tat, und wollt sich beherrschen, wie sie's ihm auch machen täten. Der Traum sollt ihn gewarnt haben, daß es kein Unglück gäb. Denn es ist keine Kleinigkeit, sein Vater- und Mutterhaus so weggenommen kriegen wegen so ein paar lumpiger Schulden, und für ein paar Trnmpeln an den ersten besten, dem's zufällt. Und wer das in seinem Leben nid erlebt hat, der kann das nit wissen, wie das tut. Und die hohen Herrn Nichter wissen das gar nit, am wenigsten die, die aus den hohen Häusern stammen. Da weiß man nit, was Sorg und Schand heißt. Die sollten da gar nit mitreden dürfen. Die kennen nur das Wohlleben. Wer aber die Armut nicht erfahren hat am eignen Leib, der sollt auch über die Armut nit richten dürfen. Wenn's nach ihm ging. Ja, die reichen Leut und die hohen Beamten, und Recht und Gerechtigkeit, und wenn der eigene Bruder noch gar, ber_ eigene Bruder, na er wollt seine Axt heut festhalten, daß es kein Un- glück gäb. Er sah auf seine Uhr. Mechanisch. Denn eine Sekunde drauf mußte er die alte, dicke Spindeluhr wieder von neuem heraus- ziehen, um die Zeit zu sehen. Es war nun nach eins, und zwischen halb drei und drei sollte die Versteigerung sein. Der Hannes ging bin zu seinem Hoftor und lugte sehr bor- sichtig hinaus nach der Straße vorn, ob schon die Leute kämen, die steigern wollten. Aber die Straße war noch leer. Mechanisch griff er noch einmal nach seiner Uhr, machte sich aber diesmal auch nicht den leisesten Gedanken über die Zeit. Dann umschritt er sein Besitztum, das nun die letzten Minuten noch fein war. Er zündete seine Pfeife an, steckte die Hände in die Hosentaschen, tat ein paar kräftige Züge und setzte sich dann in Bewegung. Er ging langsam seinen Hof entlang. Er fühlte gar nichts, als nur etwas Unklares, Dumpfes, wie wenn einer lange im Nebel geht. Die Ställe waren schon leer. Das Rindvieh und den Gaul hatten sie ihm schon geholt. Die junge Geiß, die noch keine Milch gab, die hatten sie ihm gelassen. Die hätten sie auch gleich nehmen können. Dann blieb er stehen und kaute an seinem Kloben. Da hatte er sich abgerackert beinahe die dreißig Jahr lang, und wenn er seine Bubenzeit noch mitzählte, wo er mit dem Vater hatte schaffen müssen, wie der Joseph studiert hat und der Ferkelstecher nocf? in den Windeln gestrampelt hat, da warcn's noch mehr als dreißig Jahre. Und Herrgott von Bindheim, das war kein Fuchs dreck. Aber nun war er fünfundfünfzig, und so lange lebte er auch auf dem Hofe. Zwanzig Jahre mit seiner Frau, der Kathrin zusammen, bis die auch hatte ins Gras beißen müssen, ohne von ihrem Leben was gehabt zu haben. Fleißig hatten sie zu- sammen geschafft, das mußte ihnen ihr ärgster Feind lassen, und wenn's ihnen beiden so recht hart angegangen war. da hatten sie sich einander auf später vertröstet, wenn ihnen die Kinder mal groß wären, daß die ihnen helfen könnten, und daß sie dann wie andere Leut auch die Händ ein bißchen in den Schoß legen könnten, und wenn's halt auch erst zum Feierabendruhen war. Aber nein, 's war nichts damit geworden. Der Große, der Hannjörg, hat keine Lust an der Bauerei gehabt, hat partout Metzger werden wollen und fliegt nun draußen in der Welt herum, Gott weiß wo. Und das Lieschen, das hat sich auch nit daheim halten lassen, das ist in die Stadt dienen gangen und hat dann den Unteroffizier gehe!- ratet und hätt sich auch gescheiter in den Rhein hinein geschmisscm Gott verzeih ihm, er ist halt doch ihr Vater, und er wollt ihr ja nichts Böses wünschen, aber ein ehrlicher Taglöhner war ihm lieber gewesen als gerade ein Unteroffizier, für dem seine Sprenkel unv Sprüch er aber auch gar keine Fiduz hatte. Und dann war seine Frau, die Kathrin, gestorben, und er war ganz allein geblieben, und da war's eben kein rechter Zu- sammcnhalt gewesen mehr'mit dem bißchen Sach, und Glück hatt er auch keins gehabt, und so war's immer abwärts und abwärts gegangen, bis er dem Bruder Ferkelstecher jetzt reif vorgekommer» war, ihm alles zu versteigern. Er riß von den Ställen die Türen auf, ohne sich Rechenschast geben zu können, warum er das tat. Es warf um sich ein bißchen Luft zu machen für das, was sich sein schwerfälliges Gehirn nicht mehr ausdenken konnte, und wofür sein Wortschatz auch schdn längst erschöpft war, obgleich er's noch in sich fühlte wie verlorene Schmer-? zen, von denen man nicht weiß, wo man sie gerade hat. Er Latte sich Zeit feines Lebens nur gequält und abgerackert. Schon als Bub. Da sie den sauberen Bruder Joseph, den fetten, reichen Protz jetzt, hatten„geistlich studieren" lassen, weil er gr- scheiter als frre anderen im Dorf war. Gewiß war ja die Hanpt- fach von der Kirch bezahlt worden. Aber wie er dann aus der Kutte gesprungen war, da hatt's doch ganz an ihnen gehangen, und der Vater hatt sich nichts zu sagen getraut, und sie hatten alle zu- sammengeschasft, um's zu bestreiten, er, der Vater, und die Mutter, und was er damals nur an Wurst und Schinken, Butter und Eier nach Mainz geschleppt hatte, bei Wind und Wetter, wie er auf der Augustincrgasz den Halbapotheker gelernt hat! Das hat der Frefj- bacher heut all vergehen. Und wie er ihm seine paar armen Sonn- tagskreuzer zugesteckt hat. Da hat er gut Wort geben und schön danken können. Aber wenn die Laus in den Grind kommt! Der Ochs vergißt immer, daß er ein Kalb gewesen ist. Heut fitzt der Herr Bruder im Fett in Frankfurt, baut Häuser und spekuliert mit seiner Frau ihr'm Geld. Ja, Geld hat er und eine Frau dazu. Man soll kei'm. Menschen was Uebles nachreden, aber die vier Evangelisten haben der die Lebensgeschicht auch nit geschrieben, aber bei der Frau Potiphar im Alten Testament, da steht schon so was von ihr. Aber sie hat Geld und fünf Bälg dazu gehabt, und über's kanonische Alter ist sie auch schon hinaus gewesen, da war gut auf sie hereinfallen. Und nun kennt man die Familie nit mehr.— Der Bauer zog einen Brief aus der Tasche, der seine eigene unbeholfene Handschrift trug. Den hatte er ihm geschrieben, dem säubern Bruder Freßsack, daß er ihm doch mit ein paar lumpigen hundert oder tausend Märkelchen helfen mächt. Der Brief war dann aber ungeöffnet zurückgekommen, und hinten aufs Kuvert war geschrieben— Herrgott, war das eine feine Handschrift!— war geschrieben:„Ich wünsche, unbehelligt zu sein!" Er wünscht, unbehelligt zu sein. Worte hatte der Hannes nun keine mehr für diese Sache. Seine Pfeife war ausgegangen, und so wollte er seinen Brief mit des reichen Bruders Handschrist zu einem Fidibus machen, wie er das vom Ofen her gewohnt war. Aber er besann sich noch ein- mal und steckte den Brief wieder ein. Gegen die Schweinestalltür aber tat er einen Tritt, daß sie aus allen Fugen ging. Dann setzte er seinen Rundgang fort. Aber noch schlimmer war doch eigentlich der scheele Spitzbub, der Ferkelstecher hier, der ihm jetzt das bißchen Bettel der- steigern ließ. Und was hatte er nicht alles für den getan? Wie er noch so ein rotznäsiger Schreiberbub gewesen war, dem der Hunger an den Rockärmeln herausgeguckt hat, der aber schon die hohen Stan- gen im Kopf gehabt hat, da hatt er den fast ganz durchgefüttert. Dann war er der erste Schreiber auf dem Notariat geworden und gleich ein vornehmer Mann natürlich, vornehmer als der Notar selber, der Vater, Mutter. Bruder jetzt nit mehr zu kennen gebraucht hat. Es war wenig genug, was er damals daheim abgegeben hat, und wie dann Vater und Mütter gestorben find, da hat er auch nur getan, was er gerad gemußt hat. Gar nicht zu reden dann von der Kathrin, die immer für ihn gesorgt hat, als wär er ihr Kind statt ihr Schwager, und die ihm gewaschen und gebügelt hat, weil er das mit seinen paar Schreiberbatzen anderswo doch nit hätt bezahlen können. Und für die hohen Stangen hat doch immer was übrig bleiben müssen. Und dann hat er Hochzeit gemacht, mit der Musikantenanna, mit dieser kalbsäugigen Watschel- ent, die aufgeblasen ist wie ein Fastnachtskreppel und dumm wie ein Misthaufen. Da war der Hochmut dann gleich übers Dach hinaus gewachsen. -(Fortsetzung folg!.? Die Bayrifebe Gewerbefebau. Man wollte in München diesmal etwas ganz anderes machen, eine Ausstellung, die gar keine Ausstellung sein sollte. Bisher, wenn Kunstgewerbe, Möbel und all' das übrige, was man Jnnenarchitekwr beißt, zur Vorführung kam, so geschah das nach dein Prinzip des Raumes. Wenigstens seit Darmstadt und seinem ersten Dokument der modernen Kunst war das so. ES sollte nicht der einzelne Gegen» stand gezeigt werden, vielmehr die Synthese aus solchen Gegen- ständen. Man zeigte fertig eingerichtete Zimmer, zeigte Säle, wie fie für den Einbau bestimm: waren, zeigte Gärten, Kirchen, Fried- Höfe. Der Raum mit seinem geschlossenen Rhythmus, seiner Stimmung und seinem individuellen Pathos sollte das Publikum gefangen nehmen. Das war psychologisch ein ganz richtiges Ver- fahren, nur so gelang es, auch den Fernstehenden klar zu machen: wohin jetzt die Fahrt gehe, was man heute unter einem Schlafzimmer, einer Küche oder gar einem ganzen Eiirfamilienhans zu verstehen habe. Das Publikum nahm Interesse an diesem Anschauungsunterricht und trug Ideale heimwärts, wie künftighin die eigene Wohnung aussehen solle. Dos Ideal des Raumes hat sich als praktisch erwiesen. Es ist aber nicht nur praktisch, es ist in der Tat das, worauf es eigent- lich ankommt. Der einzelne Gegenstand bedeutet noch garnichtS, wenn es nicht gelingt, aus den mannigfachen Einzelheiten eine Ein- bsit, eben den Raum zu fügen. Erst das Zueinander von Stuhl. Fenstervorhang und Beleuchtungskörper gibt Wohnlichkeit und Schön- heit. Womit gesagt ist, daß das Prinzip des Raumes auch künftighin den Ausstellungen zu den besten Eindrücken helfen wird. Das andere aber ist nicht weniger wahr, und das war es, was München unterstrich: im Raum und seiner Gesamtwirkung können leicht die Einzelheiten und ihre Fehler übersehen werden. München war keck: wir wollen einmal auf die Unterstützung irä schönen Scheines verzichten, wollen einmal zeigen, daß jedes Einzel» stück, wie wir es hinstellen, ein eigener Wert ist. Ohne jede Milderung ohne jede Ablenkung wollen wir zehn Stühle. deren zwanzig, deren dreißig, nebeneinander stellen; und ein jeder soll für sich gesund und charaktervoll sein. Wir wollen dem Publikum Gelegenheit geben, die kleinste Ware rund herum zu be» trachten und zu beurteilen. Wir wollen keinerlei Illusion; wir wollen die nackte Wahrheit des brutalen Marktes. München Ivollte genau das, was die Leipziger Messe feit langem tut: ein Nebeneinanderreihen von Waren der gleichen Gattung, damit jedermann das eine gegen das andere zu prüfen vermag. Nur einen Unterschied wollte München gegen Leipzig fich wahren, allerdings einen entscheidenden. In Leipzig kommt wahllos alle Produktion der Saison zusammen; es gibt dort nur ein Ideal: die Nouveautö, den Schlager, das Un» gewöhnliche. München wollte für seinen Markt ein anderes Ideal aufpflanzen: die Qualitätsware. Es sollte bewiesen werden, daß Bayern auf allen Gebieten seiner Produktion Waren von sorg- fältigster Arbeit und von schönem Geschmack vorzuweisen habe. Wenn diese Absicht gelungen wäre, so könnten Bayern und mit ihm das ganze Deulschland sehr zufrieden sein. Dann wäre der OucklitätSgedanke zur Norm der Produktion geworden. Die Absichten der bayerischen Gewerbeschau waren hoch gespannt; sie find nicht in vollem Maße erfüllt worden. Noch scheint die Zeit nicht reif, um wirklich einen weitgedehnten Markt allein durch Qualitätsware bestreiten zu lassen. Es ist in Bayern nicht gelungen, die großen Hallen der Theresienhöhe nur mit guten und schönen Dingen zu füllen. Das will richtig verstanden sein. Es gibt in München selbst- verständlich eine Fülle von brauchbaren und schönen Dingen � unter den Beleuchtungs körpern, unter den Fraucnhandarbeiten, besonder? aber bei keramischen Gefäßen sind vortreffliche Stücke zu sehen. Das aber war nicht die eigentliche Absicht der Messe, wenigstens nicht die wichtigste. Um das Niveau handelte es sich: es sollte be- wiesen werden, daß die normale Produktion des Landes, die tag» tägliche, untadelig fei. Und das eben ist nicht gelungen. Konnte auch noch nicht gelingen; dazu ist der Gedanke der Qualitätsarbeit noch zu neu, dazu ist der Kapitalismus noch zu instinktlos, zu ge- waltiätig, zn sehr vom kurzsichtigen Egoismus besessen. Hierfür läßt sich ein schlagendes Beispiel zitieren: die Nürnberger Spielwaren- industrie. Sie fehlt in München fast völlig. Wie kommt das? Die Großkommissionäre haben den einzelnen Fabrikanten die Teil« nähme an der Gewerbeschau verboten, weil sie lein Interesse daran haben können, das Publikum wissen zu lassen, bei wen, im einzelnen die Nürnberger Spielwaren hergestellt werden. Die Großkommissto» näre, deren es nur wenige gibt, sind die Herren der gesamten Pro- duktion; ihnen ist es völlig gleichgültig, was produziert wird, wenn es nur Absatz findet. Nun wohnen aber die Käufer der Nürnberger Spielwaren über die ganze Erde verbreitet; der größte Teil dieser Erde aber ist erst halb zivilisiert, ist spanisch, südamerikanisch, asiatisch, afrikanisch. Da ist es nur selbstverständlich, daß das Be» dürfnis der exotischen Völker die Art der Prodicktion bestimmt. Was find die europäischen Kinder; ein Minimum gegenüber denen vom Balkan bis zur Südsee. Daher kommen denn die rohen Mecha» nismen und grellen Farbeneffekte und all die anderen plumpen Derbheiten der Nürnberger Spielwaren. Das Kapital der Groß» kommisfionäre fragt nicht nach Qualität und Schönheit; gegen die Macht des Kapitals konnte die Münchener Gewerbeschau nichts ausrichten. Auf einen, anderen Produktionsgebiet war sie scheinbar von größerem Glück begünstigt. Die Augsburger Textil- industrie zeigt erstaunlich gute, und, was Muster und Farbe be- trifft, ganz annehmbare Waren. Man wundert sich, wenn man weiß, daß auch diese Industrie zu einem Teil vom Export an die minder zivilisierten Völker lebt. Es ergibt fich der einzig mögliche Schluß, daß die in München gezeigten Waren zwar von der Augs- burger Textilindustrie gefertigt werden, aber nicht für die eigentliche Umsatzziffer maßgebend find. Diese Beobachtung dürste noch für viele andere Industrien, von denen wir auf diesem Stärkt relativ Gutes sehen, zutreffen. Es wäre falsch, anzunehmen, daß die in München stehenden Waren die Durchschnittsqualität der Landes- Produktion aufwiesen. Man darf nicht vergessen, daß eine Jury siebte, zurückwies und auswählte. ES wird unendlich Häßlicheres in Bayernland gemacht als in München zu sehen ist; dessen muß man sich stets erinnern, um nicht in Optimismus zu verfallen. Die Ausstellungsleitung begnügte sich aber nicht damit, aus Vorhandenem zu wählen; sie gab auch selber Anregungen, Neues zu produzieren. Dabei hatte sie Erfolg, aber auch Mißerfolg. Erfolgreich waren zu einem Teil die Wettbewerbe, so der für brauch- bare Stubenöfen. Was da die Hafnerinnung zu zeigen hat, ist ge- nau das Gegenteil von jenem schrecklichen Ungetüm, das, mit Ornamenten beklebt, unsere Zimmer verunstaltet. Die Oefen der Boye- rischen Gewerbeschau wahren ein erträgliches Maß und begnügen sich, die Seerosen meidend, mit guten Verhältnissen. Weniger glücklich verlief die Beeinflussung, die die AusstellungSleiwng den kleinen Tischlern von München und der Provinz zuteil werden ließ. Diese kleinen Betriebe versuchten es, nach Entwürfen, die man ihnen gab, oder die fie erwarben, sozusagen moderne oder gar künstlerische Möbel anzufertigen. Man spürt aber fast an jedem dieser Stücke da» Ungewohnte, sogar das Krampfhafte. ES lägt sich eben nicht von heute auf morgen die schöne Qualität zur Tradition erklären. Zu dieser Einsicht hilft uns dieMünchener Gewerbeschau immer und immer wieder. Und darin wurzelt vielleicht ihre eigentliche Be- deutung; solchen Sinnes kann sie ein Markstein für die Geschichte der deutschen Produktion werden. Das neue Ideal eines Oualitäts- Marktes, als Konkurrenz gegen die wahllose Messe von Leipzig, wird so leicht nicht wieder zu vergessen sein; Leipzig wird sich danach ein wenig reformieren. WaS aber noch wichtiger ist: e» werden die Fabrikanten, die dieses Menetekel des Oualitäts- markteS aufsteigen sehen, sich ein wenig zusammennehmen; sie werden einsehen, daß es auf die Dauer nicht geht, die Produktion auf daS Niveau der Halbzivilisation zu stellen. Noch durchgreifender aber als solche Beeinflussung der Produktion ist die Erziehung, die dieser Münchener Oualitätsmarkt den Konsumenten zu teil werden läßt, sie wenigstens zu teil werden lassen kann. Alle Kaufenden können da sehen, daß eS schon heute besseres gibt, als man ihnen gemein anbietet; nun können sie künftig kritischer sein. » Wenn auch daS Prinzip des Marktes gewahrt wurde, und die einzelnen Waren in Reih und Glied stehen, so hat man doch nicht versäumt, die Hallen lustig herzurichten. ES sollte Jahrmarkts- stimmung geweckt werden; einen fröhlichen Trubel wollte man, die bunte Heiterkeit einer Kirmes, einer Dult. DaS ist vortrefflich ge- lungen. Besonders Riemerschmid gab der großen Halle ein blau- rotes Ausjauchzen, ein Jodeln und Schuhplattlern. ES flattert von Bändern und Kränzen; Girlanden greifen durch die Lust, es regnet Rosen. Ein guter Gedanke war eS, eine ganze Reihe von Werkstätten aufzubauen; da können die vielen, die von den Prozessen des Hand- werk» und der Maschine keine Ahnung haben, nun sehen, wie daS entsteht und sich rundet, was sie jahraus, jahrein gedankenlos be- nutzen. Dadurch können diese Leute den Dingen näher kommen. Und das ist notwendig. Erst wenn wirNich das Volk in seiner Ganzheit klare Vorstellungen in sich trägt von dem, was eS an Waren braucht, sei es für die Notdurft, sei eS für die Darstellung seines WesenS, erst dann wird wieder eine Höhe der Qualität erreicht werden, wie sie sich uns auftut in den dem modernen Markt ein- verleibten Schränken mit alten, klassischen Geräten der Renaissance, de? Barock und des Empire. Alle diese bewundernswerten Gegen- stände sind die höchstens formalen Möglichkeiten, wie sie unter den damaligen Wirtschaftsverhältnissen wachsen konnten. Jeder dieser Krüge, jede Laterne oder was man sonst hier sieht, ist eine Potenzierung jener Zeit. Nun kommt alles darauf an, daß auch wir lernen, dem wichtigsten Gegenstand den Charakter unserer Gegenwart aufzuprägen. Robert Breuer. Kleines feirilleton. Sprachwissenschaftliches. Weidmannssprache. Das Wort W e i d w e r k mit seinen Verwandten erscheint besonders geeignet, uns die wunderbare Wandlungsfähigkeit der Svrache in der Bedeutungsentwickelung ihres Wortschatzes deutlich vor Augen zu stellen. Wer sollte heute meinen, daß die Wörter Eingeweide, Viehweide und W e i d w e r k zusammengehören, und doch sind sie desselben Ursprungs und gehen auf ein und den'elben Grundbegriff zurück. Dieses Wort Weide lautet althochdeutsch■woicka, während der Ngme des WeidenbaumeS wicka ist. Jenes bezeichnet zunächst: Futter, Speise; daher Eingeweide, eig. die genossene Speise, der In- halt von Magen und Darm, dann die mit Speisen gefüllten Ge- därme, endlich verallgemeinert: die Weichteile der Brust- und Bauch- höhle(Herz, Leber, Lunge und Gedärme). Auch die Jägerausdrücke Weide für die Aesung(b. h. Nahrung) des Fasans und des Rebhuhns, auch des Hasen, und W e i d l ö f f e l oder W e i d- messer für die Zunge von Hirsch oder Reh haben diese älteste Bedeutung beibehalten. Das Wort bezeichnete sodann den Futter ort, davon die Bezeichnungen: Viehweide, Weidegrund, Weidesläche u. a.; in übertragenem Sinne gehört auch Augenweide und Ohren weide hierher. Endlich galt unser Wort auch für das Suchen von Futter und Speise, also das Jagen, und zwar ursprunglich so allgemein, daß man auch den Fischfang mit darunter einbegriff; später schränkte man es in dieser Beziehung auf die Jagd ein, an die man bei Wörtern wie Weidwerk, Weidmann(früher auch W e i d n e r. jetzt nur noch als Familienname erhalten). Weidtasche, Weid- messer u. a. allein noch denkt. Auch weidlich bedeutet eigent- lich: jägermäßig, wurde dann aber von der Gemeinsprache ver- allgemeinert zu: frisch, tüchtig, gehörig; vergleiche zum Beispiel weidlich schwitzen. Aus dem Tierleben. Leuchtende Insekten. Obgleich die Wissenschaft stets be- müht sein sollte, die Gründe der Naturerscheinungen ausfindig zu machen, sie also in diesem eigentlichen Sinne zu„ergründen", liegt es doch in der Natur der Menschen, überall zunächst nach dem Zweck zu fragen. ES ist jedoch oft nur ein Streit um Worte, denn eS kommt fast auf dasselbe heraus, wenn die Frage nur überhaupt beantwortet wird. Daher ist eS beispielsweise nicht unberechtigt, sich nach dem Zweck der Leuchtorgane zu erkundigen, die viel» Tiere besitzen. Am sonderbarsten und wichtigsten ist der Vorgang des LeuchtenS bei den sogenannten Glühwürmchen. Ein Techniker könnte wahrscheinlich Millionen damit verdienen, wenn er eine Erfindung machte, diese Fähigkeit der kleinen Käfer nachzuahmen. Es ist das Ideal eines Lichts ohne Wärme, das hier verwirklicht ist, freilich nur in einem bescheidenen Grade hinsichtlich der Leuchtkraft. Unsere häufigsten Leuchtkäfer gehören zu der Gattung LamphriS und ihr bekanntester Vertreter ist daS Johanniswürmchen. Es gibt aber noch mehrere andere Gattungen von Leuchtkäfern, auch in anderen Weltteilen. Ein Mitarbeiter der„Nature* hat eine Uebersicht über die neuesten Forschungen an zwei dieser Gattungen PhotinuS und Lecontea gegeben, die sich gerade darauf gerichtet haben, den Zweck der Leuchtorgane für die Tiere selbst festzustellen. Bei wenigsten? vier Arten ist eS danach unzweifelhaft nachgewiesen, daß das Leuchten eine Funktion im Geschlechtsleben übernimmt. Unmittelbare Beobachtungen haben gelehrt, daß die Männchen und Weibchen der Gattung Photinns Lichtsignale miteinander aus« tauschen, vermöge derer sie sich suchen und finden. Ein Aufleuchten deS Weibchens z. B. wurde unmittelbar durch einen Lichtblitz de? fliegenden Männchens beantwortet, das sich dann zu Boden fallen ließ, wieder ein Lichtsignal aussandte und nach dessen Beantwortung sich dem Weibchen durch einen weiteren Flug näherte. In vielen Fällen gelang es sogar, die Weibchen zu täuschen. Wenn man nämlich ein Zündholz abbrannte und im Kreise herumschwang, um die Flug- bewegung deS Männchens nachzuahmen, so antwortete daS Insekten- Weibchen in der beschriebenen Weise und unterlag sichtlich dem Be- trug. Bis zur Beantivortung dieses künstlichen Lockmittels ver- gingen höchstens zwei bis fünf Sekunden. Ebenso ließ sich eine ganz kleine elektrische Lampe für solche Täuschungen verwenden, und übrigens erlagen ihr die Männchen ebenso leicht wie die Weibchen. Die Lampe konnte sogar bis auf einen Meter und noch weniger an das signalisierende Männchen herangebracht werden, ohne daß dieses den Betrug merkte. Ein Punkt aber hat sich bisher noch nicht auf- klären lassen. Die Männchen des Leuchtkäsers müssen noch eine be- sondere Fähigkeit besitzen, das Leuchten des Weibchen? von dem anderer Männchen zu unterscheiden, denn es ist niemals be- obachtet worden, daß ein fliegendes Männchen sich zur Erde nieder- gelassen hätte, wenn einer seiner Geschlechtsgenossen in der Nähe sein Licht spielen ließ. Ebensowenig antwortet ein Weibchen auf daS Leuchten eines anderen Weibchens. Dieser Umstand erscheint um so merkwürdiger, als doch beide Geschlechter sich durch künstliche Lichtquellen ganz anderer Art wie das Streichhölzchen oder die elektrische Lampe täuschen ließen. Außerdem ist jetzt festgestellt worden, daß daS Gewebe de? Leuchtorgans seine Leuchtkraft behält, wenn es im lustleeren Raum in Wafferstoff getrocknet wird. Sogar nach anderthalb Jahren noch konnte das Leuchten von neuem hervor- gerufen werde», wenn das Gewebe wieder befeuchtet wurde, und zwar um so stärker, wenn zur Befeuchtung nicht Wasser, sondern Wasserstoffsuperoxyd benutzt wurde. Endlich hat man beobachtet, daß die Gewebe noch nach dem Tode des Insekts einige Zeit fortleuchten können. Dagegen ist eS bisher nicht gelungen, die chemische Natur des Leuchtstoffs zu ergründen. Aus dem Gebiete der Chemie. Arsenik in Nahrungsmitteln. Wenn von Arsenik die Rede ist, wird den meisten Leuten alsbald Angst, als könnte eS sich nur um Vergiftungen handeln. So stark aber die Giftwirknng dieses Stoffes' in größeren Mengen ist, so wenig kann eS unter allen Umständen als schädlich bezeichnet werden. Besteht doch sogar in manchen Gegenden der Ostalpen beim Volke die Sitte des Arsenik- essenS, wobei mancher unbeschadet alt und grau wird. Außerdem hat auch die Medizin, die freilich viel mit Giften arbeitet, auch das Arsenik zu Kuren benutzt, die namentlich durch Förde- rung der Eßlust zur Erzielung eines besonderen Ernährungszustandes führen sollen. Man weiß jetzt auch seit geraumer Zeit, daß die Natur bereits diesen Weg gewissermaßen anzeigt, denn das Arsenik gehört zu den meistverbreiteten Stoffen aus der Erde. Wenn dem Menschen die Aufnahme von Arsenik schon in kleinsten Mengen schädlich wäre, müßte er sich von den meisten seiner gewohnten Speisen trennen. Schon um daS Jahr 1850 wies Stien den Gehalt von Arsenik in der Asche des gewöhnlichen Kohls, der Rüben und der Kartoffeln nach, später auch im Leinengewebe und im Roggenftroh. Der berühmte Chemiker Armend Gautier hat vor einigen Jahren übrigens gezeigt, daß Arsenik überhaupt einen Bestandteil des gesunden Menschen und Tierkörpers darstellt. Jetzt haben zwei Chemiker der Pariser Akademie der Wissenschaften die Ergebnisse neuer Unter- suchungen über den Arsenikgehalt in Nahrungsmitteln vorgelegt, und daraus geht hervor, daß Pilze 6 Milligramm Arsenik in je einem Gramm enthalten, schwarze Trüffeln sogar 20. japanischer Reis 7, gewöhnliche rote Bohnen 25, weiße Bohnen 10. graue Erbsen 9, Linsen 10, Artischocken tO, Zichorie 10, Lattisch 23, Spinat 9, grüne Erbsen 4, Sellerie 10, Karotten 5, Blumenkohl 8, Spargel 10 Milligramm usw. Sehr erheblich ist auch der Arsenikgehalt in Nüssen, geringer in frischem Obst._ Perantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckeret u.VerlagSanstaltPaulStNgerSiCo., Berlins�.