Nnterhaltungsvlatt des Dorivärts Nr. 130. Dienstag, den 9. Juli. 1912 MuchdruS(nDdKlt.; 6] Der Alittiber. Von Ludwig Thomcl, S. Kapitel. Rosina Buchberger. die verwitwete Kaltnerin von Jnze- uioos, war aber ein schieches(häßliches) Frauenzimmer, so viel sich abschätzen ließ. Denn genau konnte man ihr Gesicht nicht erkennen, weil die rechte Hälfte übermäßig angeschwollen war, und weil sie gegen ihr heftiges Wehtun ein wollenes Tuch um den Kopf gewickelt hatte. Der Schormayer sah nicht viel mehr als ihre spitzige, etwas angerötete Nase und zwei streit- süchtige Augen und das Maul, das nur durch die Zahn- geschwulst etwas behaglicher in die Breite gegangen war. Daß sie in ihren argen Schmerzen noch bissige Worte hatte und so gar nicht zu Wehmut und Milde gestimmt toar, ließ auf eine schreckhafte Säure in ihrem Wesen schließe»! und was ein Mann ist, der achtundzwanzig Jahre lang die frauenzimmer- lichen Eigenschaften in der christlichen Ehe hat aufblühen sehen, der kennt sich aus. Nach der ersten Viertelstunde wußte der Schormayer, daß er eine schlechte Fuhr hätte, wenn er sich die Kaltnerin ein- spannen würde: aber diese Erkenntnis machte ihn nicht traurig, sondern er wurde dazu aufgelegt, den Tretter und die Limmcrin und die ihm zugedachte Person zu foppen und auf aller Kosten einen ordentlichen Spaß zu haben. Daß sie nach der kürzesten Zeit ihre Heimlichkeiten miteinander und gegen ihn hatten, merkte er gut, weil seine Augen durch keine Wünsche geschwächt waren; und er beschloß, sie mit Freund- lichkcit zu hintergehen. Zuerst war er mit dem Limmer und dem Viehhändler im Stall gewesen und hatte jedes Stück geprüft und abge- schätzt, und der Tretter hatte sich viele Mühe gegeben, ihm eine alte Kuh anzupreisen. Da wurden alle Fehler zu Vorzügen, und was noch so offensichtlich war, wurde abgeleugnet: und gefiel dem Schormayer die hintere Partie nicht, dann lobte der Tretter die vordere, und hatte der Schormayer vorne was auszusetzen, dann tätschelte der Tretter die Kuh hinten voller Bewunderung. Aber so oft er auch in die Hand spuckte und sie zu einem treuherzigen und richtigen Abschluß des Handels hinstreckte, der Schormayer schlug nicht ein, sondern beutelte den Kops wie einer, der Fliegen abwehrt. Wie sie hernach mit den Limmerischen in der Stube saßen und ein Weibsbild mit eingebundenem Gesichte recht zufällig bei der halbgeöffneten Türe hereinschaute und gleich wieder zurückfuhr, schrie ihm der Tretter nach, es solle nur herein- kommen und sich zu ihnen setzen. Und da ließ es sich überreden und setzte sich an die Kante der Bank und war also diese Rosina Buchberger. „So. du bischt da Schormoar vo Kollbach?" sagte die Limmerin.„G'hört hon i schon an öfte'n vo dir, aba bekannt bischt du mi nix g'wen." „Wia's halt geht; mi siecht si zwar und kennt si net." „Daß dei Bäurin an Hirgscht(den Herbst) g'schtom is, han i wohl vanumma. Sie is vo Arnbach g'wen, gel?" i„Ja, von Gruaba z' Arnbach is sie g'wen." „Aha, gel ja? Was Hot ihr nacha g'fcit, daß sie schter'm hat müass'n?" «A da Lungl." „Siehgst as do, a da Lungl! Da laßt si nimma viel richt'n, bal oans da it den recht'n G'sund Hot. Wia alt is sie g'wen?" ..Fufzgi waar si auf Liachtmeß wor'n." »,Dös waar freili no koan Alterl Da brauchat si's no gor it!" Die Limmerin schüttelte bedauernd den Kopf, und dann deutete sie mit dem Daumen auf das verhüllte Weibsmcnsch, das mit untergeschlagenen Armen nebendraußen hockte. „Ihrer Mo Hot aa so fruah weg müass'n; is no koane vierz'gi g'wen." „So?" sagte der Schormayer und drehte den Kopf nach der Kaltnerin zu.„Is sie Wittiberin?" „Scho bald seit a'r an Johr." „Was Hot nacha eahm g'feit?" „Z' tot g'suffa Hot er si," gab jetzt die Kaltnerin zur Antwort, und ihre Stimme klang trotz der Geschwulst und dem Zahnbunde noch scharf genug. „Dös is eahm jetzt aa vczie'cha," meinte die Limmerm gutmütig. „Ja— vazie'cha!" machte die Witwe und schnupfte uy« willig auf. „Ueber an Tot'n soll ma guat red'n," mischte sich der Tretter ein;„aba was wahr is, derf ma sag'n. Bal sie it g'wen waar, hätt' da Kästner Hof it lang g'habt; der Hot naß g'fuattert, so lang i'n kennt Hab, und de letzt Zeit is er aus'n Rausch nimma'r außi kcmma, aba sie hat's Sach z'sammg'halt'n. und g'rad lobenswert. Dös muaß wahr sei." „Hat's scho braucht!" sagte die Witwe bitter und feind- selig und zog das Gesicht hinter den Bund zurück, daß man nur mehr die Nasenspitze sah. Sie nahm auch keinen Anteil mehr am Gespräch, das über Viehstand und Haushaltung einen bedächtigen Gang nahm. Bis daß der Schormayer einmal auf die Seite gehen wollte und die Stube verließ. Wie er zurückkam, merkte er wohl, daß sie einen geschwin- den und eifrigen Diskurs über ihn gehabt hatten. Dem Tretter steckte noch ein angefangener«Latz im Maul, den er mit einem Husten in der Mitte abbrach und mit einem Schluck Zwetschgenschnaps hinunterspülte; die Witwe aber war zum Tisch herangerückt und streifte den Eintretenden mit flinken Augen. Der patschte in die Hände und sagten„So, Tretter, jetzt müass'n mir ins wi?da auf'n Weg macha!" „Ja, was waar denn it dfrst" wehrte die Bäuerin' eifrig ab, und der Limmer meinte, das ginge doch gar nicht, daß der Schormayer nicht auch ein Stück Geselchtes probiere, und der Tretter weigerte sich, und die Witwe sagte so liebenswürdig, als es ihre Natur erlaubte: „Du werft nix vasamma, wann's d' no bleibst." „Aha!" dachte der Schormayer.„Aha!" „No vo mir aus," sagte er;„bleib i hast no a wengl. denn des söll is wabr, daß dahoam neamd auf mi wart'." „Hoscht koane Kinda?" fragte die Limmerin. „Zwee; aba de san scho lang aus da Schul':'s Madl möcht heireth'n, und da Bua möcht rcgier'n." „So, de san scho so groß?" „Ja: schier über'n Kopf aus g'wachs'n." „Hoscht Vadruß damit?" „Na, sell it. Aba g'freu'n ko's mi aa it, daß i übageb'n muaß." „Dös brauchst d' ja it, bal's d' it mogst," sagte die Witwe. „Freili ko nn neamd zwinga dazua, aba woaßt a scho, wia's is. A lediga Mensch bedeut it viel auf an Hof. Da g'hört a Bäurin eina; es is gmal net änderst." „Na stellst da halt oani eu" „Han?" „A Bäu'rin stellst da'r ei, na biich-t Wieda aufg'richt." Die Kaltnerin war recht lebendig geworden und probierte es mit einem freundlichem Lachen, aber der geschwollene Backen gab ihm einen schmerzhaften Zug. „No mal heireth'n moanst?" „Wos denn! Du brauchst no it vazag'n, und bist no bei die best'n Jahr." „Dös nämli sag i aa," schrie der Tretter lärmend und schob dem Schormayer ein gefülltes Schnapsglas hin.„Da, trink amal, daß d' a Schneid kriagstl" „Dank schö; auf's Wohls?i!" „Sollst d' scho lcb'n aal Herrgottsaggcrament. wann oana so bei'n Zeug is wia du, und red't von Uebageb'n!" „Ja. mei Liaba. an Fufz'ga g'spllr i guat!"_ „Schang' an Ertl Kaschpa o!" sagte die Limmerin.„Der is nah bei sechzgi g'wen, wia'r a de Gleixnerin g'heireth Hot; und jetz is sie scho mit'n dritt'n Kind in da Hoffnung." „Geh?" „Freili. Gel, dös muaßr aa sag'n?" fragte sie ihren Mann. Und der Limmer nickte zustimmend mit dem Kopf. «Is scho wahr: an Ertl de sei' bringt jetzt dös dritt"' fr o *„Na wäar's ja no gar it so weit g'seitl" lachte der Schor- Miayer. „Durchaus it." bestätigte die Limmerin.„Aba was ls denn, mögt's net a bisse! was'z ess'n? A G'selcht's(Ge- räuchertes) mit an Kraut Hütt' i." „Thua's no her!" lärmte der Tretter; und weil auch der Schormayer nicht ablehnte, ging die Bäuerin in � die Küche. Die Kaltnerin rückte noch um eines näher und schien mit der Zeit eine umgängliche und gesprächsame Person werden zu wollen. „Js schad', daß d' a G'schwär Host," sagte der Tretter zu ihr. „Warum?" „Weil ma it siecht, wia's d' ausschaugst. Si is sinscht it so unsauber!" versicherte er dem Schormayer, der freundlich nickte. „Mir feit(fehlt) sinscht gar nix," sagte die Kaltnerin eifrig,„und's Kranksei is mir eppas Fremd's, und z'weg'n dem Zähnweh schauget i gar it um, wann i an Arbet Hütt', aba weil i nix z' thoa Hab', bleib i halt in da Stub'n.", „Bist da auf da Visit'?" fragte der Schormayer. „Ja und na, wia ma's nimmt. I hocket mi it her bloß zu'n Hoamgart'n, aba i bin in Kaff mit'n Atzenhofer von da, nnh jetz is mir ganz passet, daß i bei'n Limmer untasteh ko." „So, du willst was kaffa? Js dös na a größers Sach'? „Eppas über vierz'g Ta'werk." „Alloa Werst na wohl it furt haus'n woll'n?" >.N... ja." „Dös leid'n mi gar it, daß du Wittiberin bleibst," sagte l>er Tretter.„Gel, Limmer, dös gibt's it?" >„Besser waar g'schafft, wann's an Beistander hätt." „Was na für oan?" greinte die Kaltnerin.„Vielleicht wleda so oan, der all's vasauft, was i derarbet?" „Oehö! Es werd scho anderne aa no geb'n! Paß no auf, was da'r i für oan auftreib l" (Fortsetzung folgt.) Die Volksseele des Tapfen Jos. Von Rudolf Greinz. (Schluß.) Der Oberlehrer war innerlich entzückt über die Urwüchsigkeit iieS Alten. Das schien nun wirklich ein geeignetes Studienobjekt für ihn zu sein. Nun taute der Alte doch etwas auf. „Ja, Sie haben es allerdings viel schöner hier oben auf den Bergen als wir armen Leute in den Städten!" sagte der Ober- lehrer diplomatisch. „Arm! Möcht' wissen, wo dö arm sein, dö Tuifl. dö faulen!" fuhr nun der Zapfen Jos ganz springgiftig in die Höhe.„Saufen tuan's und fressen und Geld haben's g'nua und arbeiten tuan's nix!" ereifert« er sich.„I mag gar nimmer in die Predigt giah'n, weil i mi z' diel gift'!" „Ach so. Der Herr Pfarrer erzählt Ihnen wohl all das schlechte Zeug von den Städtern." „Joa. Und sehen tua i mir aa grad' g'nua. Wenn unsere Burschen vom Militär kommen. Die reinsten Haderlumpen sein's." „Sie sind ja ein richtiger Bergpolitiker!" sagte der Oberlehrer lächelnd. „Was bin i?" frug der Zapfen Jos empört. Er verstand das Wort offenbar nicht. „Ich meinte, ein Mann mit gesunden Ansichten!" verbesserte sich Dr. Bünting schnell. „Ah so. Joa, sell(das) wohl!" nickte der Zapfen Jos befrie- digt. Dann starrte er eine Weile nachdenklich vor sich hin. Auch der Fremde redete kein Wort. „Oes versteaht's wohl nit viel von der Bauerschaft?" fragte der Jos nach einer Weile mitleidig. „Nein. Aber ich interessiere mich sehr dafür. Und besonders für die Bauern." „Jatz wohl!" sagte der Jos geschmeichelt. „Ich wallte mal ein bißchen hören, was Sie über die Welt denken!" steuerte der Oberlehrer nun direkt auf sein Ziel los. „I? Nit viel!" sagte der Jos.„Es is nit soviel was Rares. Schinden und rackern muaß man sie und Steuern zahlen, damit dö hcärrischen Tuifl's feinste Leben haben!" Der Oberlehrer sah ein. daß er sich auf diese Weise wohl schwerlich mit dem Alten verständigen würde. Er wollte ja doch eigcmtlich ergründen, wie es mit dem Seelenleben eines echten Naturmenschen bestellt sei.„Sagen Sie mal, was haben Sie da eigentlich für Gefühle bei Ihrer Arbeit?" fragte er. »3?" jagte der Jos verwundert und hielt einen Augenblick wit ieas Rauchen ißne.„Koanel" erklärte er bestimmt. Ö"P-. „Keine?" Der Oberlehrer glaubte, daß der Alte ihn mißbe?» standen habe.»Fa. Hm. Sehen Sie. Ich meine, wenn Sie nun so bei der Arbeit sind und sagen wir zum Beispiel die Saat aus- streuen, haben Sie da nicht ein eigenes Glücksgefühl, daß ein jedes dieser Körner, das Sie dem Erdboden anvertrauen, gedeiht und Früchte trägt? Erfüllt Sie das nicht mit einem Gefühl des Stolzes, der Dankbarkeit, des... „Raa!" erklärte der Zapfen Jos energisch und sah den Fremden halb belustigt, halb mitleidig an.„Raa! Fluachen tua i. daß es grad' so Hilbert(widerhallt), über dö Hennen, dö malefizischen, und dö Mäus' und dö Vögel, dö mir's ganze Getroad stehlen, dö Sakra, dö verdammten!" Der Oberlehrer hatte sich jetzt in sein Liebliegsthema hinein- geredet und war völlig bei der Sache.„So. Hm!" machte er nachdenklich.„Ja. Und Ihre Seele empfindet die gar nichts dabei?" Mei' Seep?" Der Jos brach in ein dröhnendes Gelächter aus, daß die kleinen Fensterscheiben der Stube klirrten.„I Hab' loa Seen" Nun wurde der Oberlehrer doch ein wenig aus feiner Fassung gebracht.„Wie? Sie haben keine Seele? Sie sind choch ein rechtgläubiger Katholik und glauben doch an die Unsterblichkeit Ihrer Seele?" „Joa!" gab der Jos zu.„In der Kirch'n schon. Aber im Stall und aufm Feld, da Hab' i koa Zeit dazua!" Dr. Bünting überlegte eine Weile. Der Zapfen Jos, der seinen Gast für unbedingt geistesgestört hielt, machte jetzt ein ganz heiteres Gesicht und schien sich vorzüglich zu unterhalten. „Und angesichts der Natur, der Berge, was haben Sie da für ein Gefühl?" forschte der Oberlehrer weiter. „J? Kaans!" „So. Hm. Aber zum Beispiel, wenn Sie in den Stall gehen und Ihren Tieren Futter geben, was für Gedanken haben Sie dabei?" „I? Koane. Fluachen tua i und einihauen tua i auf dö Sakra, wenn's mi derzürnenl" „Hm." Der Oberlehrer schüttelte millbilligend sein Denker- Haupt.„Ja. Und wenn so ein Tierchen auf die Welt kommt. Sagen wir ein junges Huhn—" „Um die Hennen beiümmer' i mi überhaupt nit. Das is den Weiberleuten ihr' Sach!" erklärte der Zapfen Jos mit Würde. „Also sagen wir ein Kalb oder ein Schweinchen?" „Joa. Bei die Kälber und bei die Facken bin i alleweil dabei. Dös is eppas(etwas) anders!" gab der Jos zu. „Nicht wahr?" sagke der Oberlehrer erfreut darüber, daß er nun endlich einen Weg gefunden hatte, auf dem er näheren Ein- blick in das Seelenleben des Zapfen Jos gewinnen konnte.„Da haben Sie doch Ihre Vorstellungen dabei. Gedanken über—" „Freilick!" bestätigte der Jos und zog wie eine Dampfmaschine aus seiner Pfeife. Dem Oberlehrer wurde es schon beinahe übel von dem vielen Rauch.„Mit dö Kälber und Facken Hab' i a Freud'. Da köpf(denke) i mir aus. wie viel so a Stuck wert sein kunnt' und ob die Preis' bis auf» nächsten Viechmarkt in die Höh' giah'n." „Was?" rief nun der Oberlehrer ehrlich empört.„Während daS arme Muttertier Qualen und Schmerzen aussteht, rechnen Sie? Ja, haben Sie denn gar kein Herz, kein Mitgefühl für das Tier?" ..Raa!" sagte der Jos ganz ruhig.„Zu was denn? Diä Viecher sein ja zu dem da!" Der Oberlebrer sah ein, daß er und der Zapfen Jos sich auch in diesem Punkte niemals würden verständigen können. Eine Weile saßen die beiden stumm nebeneinander auf der Ofenbank. Der Jos qualmte in aller Seelenruhe und Behaglichkeit aus seiner Pfeife. Und der Oberlehrer dachte darüber nach, wie er dem Seelenleben des alten Bauern doch noch auf den Grund kommen könne. Ein Seelenleben mußte doch jeder Mensch haben. Und erst gar ein Mensch, der noch von keiner Kultur verdorben war. Bei einem solchen mußte die Seele ja viel reiner und klarer hervortreten. das Gefühl, wo es vorhanden war, tiefer und inniger sein wie beim Kulturmenschen. „Sie haben einen Sohn? Ist das Ihr einziges Kind?" brach der Oberlehrer das längere Stillschweigen. „Raa. Viere Hab' i g'habt. Sein alle g'swrben bis auf'n Lenz. Und's Weib is aa schon g'swrben!" berichtete der Jos. „Armer Mann! Da haben Sie wohl Ihren Teil mitgemacht!" „Joa!" meinte der Jos.„Es is viel z'sammkommen in dem- selbigen Langes(Frühjahr) vor zwanzig Jahr','s Weib krank und g'swrben. Die Lahn(Muhr) is abergangen und hat mir cr Stuck Feld vertragen. Zwoa Kälber sein mir krepiert. Es hätt' nit viel«'fehlt, wär' die Stolza, die beste Kuah im Stall, aa no> hin worden." „Und zum zweitenmal haben Sie nicht mehr geheiratet?" er-, kundigte sich der Oberlehrer teilnahmsvoll. „Raa. I Hab' in oanmal g'nuag g'habt. ES is soviel a zwiders Raffelscheit(altes, zänkisches Weib) g'wesen. Jatz führt mir die Schwester die Wiartschaft schon viele Jahr'." „So. Hm. Ja. Wenn nun aber Ihr Sohn heiratet, das wünschen Sie wohl sehnlichst?" „Was?" Der Zapfen Jos Wz in die Höhe gesprungen vox lauter Zorn..Nnterstiah'n soll er sie, der Zoch, der verdammte!" schrie er empört.„Bauer bin i da! Verstanden! Und übergeben wird nitl Könnt' mir einfallen! Wir haben Schulden g'nua auf'm Hof und fretten uns kaum durch! No a Kutt(Schar) Fratzen erhalten und si no mehr schinden und plagen! Dös gibt's nit! Dös erlaub' i nit, so lang i leb'! Verstanden?" „So beruhigen Sie sich doch nur!" bat ihn der Oberlehrer ganz ängstlich. Der Jos erholte sich nach und nach von seinem Zorn und setzte sich wieder auf die Ofenbank. „Sagen Sie mal,"— fing Dr. Bünting aufs neue an— „wenn nun ein guter Freund oder Anverwandtet stirbt, was machen Sie da?" ..I? I geh' abi auf Tschars zum Begräbnis und nachher zum Unterwirt zur Zehrung(Leichenschmaus)!" „Ja— und Ihre Seele? Haben Sie denn keinen Seelen- schmerz?" fragte der Oberlehrer innerlich empört.„Empfinden Sie denn gar nichts?" «Raa!" sagte der Zapfen Jos grob. „Aber heute zum Beispiel muß Ihnen doch anders zumute sein wie an einem gewöhnlichen Tag. So gewissermaßen feierlich." „Raa!" erklärte der Jos. „Wir haben doch morgen Ostersonntag. Das Fest der Aus- erstehung in unserem Glauben und in der Natur. Da müssen Sie doch wenigstens ein erhebendes Gefühl haben!" „Naal" erwiderte der Jos. „Aber Sie müssen doch noch irgend einen Sinn für die Feier- tage des Jahres haben, die Sie über den Alltag emporheben!" „Dö verflixten Feiertag' kann i überhaupt nit leiden und Ostern schon gar nit. Weil loa Arbeit g'schieht im Haus. Jatz hat man grad' auf'm Feld z'tuan. Und da kommen oan' dö damischen Feiertag' alleweil dazwischen!" „Sie sind aber wirklich ein roher Mensch!" entfuhr es jetzt dem Oberlehrer in ehrlicher Empörung. „Was bin i?" fragte der Jos mit einem gewissen unheimlich bissigen Ausdruck im Ton. „Ein roher Mensch! Kein Gefühl, kein Herz, keine Seele!" rief der Oberlehrer. „Dös werd' i Dir g'rad auf die Nasen aufibinden, was i mir denk'! Du Tolm(Dummer Kerl), Du narreter!" schrie der Jos nun seinerseits erbost.„Zu was fratschelst mi denn aus? Bist verrückt oder b'soffen?" „Na, erlauben Siel" stellte sich der Oberlehrer in Positur. „Meinst, i rauf mit Dir? Du bist mir viel z' lötz(schwach, minderwertig), Du Loderle!" meinte der Zapfen Jos verächtlich. „Sonst Hütt' i di langst schon beim Kragen g'nommen und bei der Stub'n außig'feuertl" „Ja, was für einen Ton erlauben Sie sich denn?" „Du kommst mir völlig vor wie a Spion vom Steu'ramt, weil d' gar alles wissen hast wollen!" sagte der Zapfen Jos mißtrauisch. „Ich wollte, ich wäre vom Steueramt!" erklärte der Oberlehrer empört.„Ich würde Sie noch ganz gehörig besteuern!" „Was tatest?" Der Zapfen Jos näherte sich schier unheimlich dem Fremden. Steuer müßten Sie zahlen für Ihre seelische Roheit! Eine eigene neue Roheitssteuer würde ich einführen!" „Neue Steuern tatest einführen, weil wir no z'wenig haben! O du Hearrntuifl, du höllischer, du verfluachter! Hab' i mir do glei denkt, daß hinter der Ausfratschlerei was dahinter steckt!" Den Jos packte schon wieder sein Zorn. Wenn er vom Steuer- amt was hörte, da war er überhaupt nie gut zu sprechen.„Jatz schaust aber glei, daß d' autzikimmst oder i schmeiß' di außi, daß du di den ganzen Berg abi überkugelst! I will dir schon die neuen Steuern geben, dir! Fragt oan um's Seelenheil aus wia a Pfarrer und nachher tat' si'S lei um a neue Steu'r handeln!" „Sie verstehen mich nicht!" wollte der Oberlehrer einlenken. „O. i versteah di guat, du linker Schächcr du!" schrie der Zapfen JoS wütend.„Was sie um's Steu'ramt handelt, dös der- steah' i alles! Außi, sag' i, beim Loch, du Finanzerspitzel! Ha, drum bist grad' zu die Osterfeiertag' auferkommen, weil d' woaßt, daß wir um dö Zeit an neuen Schnaps brennen! Und da möchtest mi gern anzeigen, wenn i epper nit a jed's Lackele richtig ver- steu'r! I kenn' mi schon aus mit dir! Du wärst a h'sonders feiner mit deiner Seel'l" Der Oberlehrer mochte es nun endlich einsehen, daß es keine weiteren geistigen und seelischen Berührungspunkte zwischen ihm und dem Zapfen Jos gab. Und zu körperlichen Berührungen wollte er es denn doch nicht kommen lassen. Da hätte er dem Zapfen Jos gegenüber sehr wahrscheinlich den kürzeren gezogen. Er hatte auch gerade den richtigen Moment gewählt, die Stube zu verlassen. Denn hätte er noch länger gezögert, dann würde ihn der Jos sicher hinausgeworfen haben. Noch geraume Zeit, als Dr. Bünting den steilen Berg wieder hinunterstieg, Härte er den Jos hinter sich drein schimpfen. Er kam in keineswegs rosiger Stimmung bei seinen Wirts- leuten drunten an. Die Lust zu weiteren Studien über das Seelenleben der Tiroler Bauern war ihm vorläufig vergangen. Noch am selben Tage verließ er zur großen Erleichterung seiner Wirtsleute das kleine Dörfchen und beschloß, für Heuer seine Osterreise auf kultivierte Gegenden zu beschränken. Vielleicht kommt er nächstes Jahr wieder und versucht sein Glück in einer anderen Gegend. Es sind ja nicht alle Bauern so grobe Klacheln wie der Zapfen Jos, In den Verdacht, daß er mit Steueramt oder Finanz in irgend» welchen Beziehungen stehe, darf aber der Herr Oherlehrer nirgends kommen. Denn in diesem Punkte versteht das Seelenleben den Bauern keinen Spaß. Da fängt die Volksseele gleich zu kochen gn. Die Grolk berliner Kunft- ausftettung. L Da es zwecklos ist, mit jedem Jahie wiederkehrend eine Klag» über die Unbegrenztheit, die äußere und noch mehr die innere, der Moabiter Ausstellungen anzustimme», fügen wir uns dem Schicksal und nehmen da§, was es in dem Glaspalast zu sehen gibt, als Symptom des gegenwärtigen Kunstbetriebes. Was da an Bildern bängl und an Figuren steht, gefällt dem Publikum; damit ist das Daseinsrecht solcher Produktionen gerechtfertigt. Das Publikum will sich ein wenig vergnügen; es möchte Landschaften sehen, heitere» anmutige Gegenden, trotzige Felsen, brausendes Meer; es möchte Bildnisse anschauen, interessante Männerköpfe, liebenswerte Frauen? es möchte von Zeit zu Zeit ein geschmackvolles Stilleben vorgesetzt bekommen, um dann wieder irgend eine laute Szene aus dem Lebe» oder aus dem Mysterim der Vergangenheit genießen zu können. Geographisches. Nalurwissenschnftliches, Historisches. Psychologisches» ein wenig Romantik, ein wenig Lyrik und dann und wann ein Drama, so hat es das Publikum gern. Dagegen läßt sich nichts einwenden und nichts tun; auch beim Bildermalen und Figuren- aushauen wird die Produktion durch den Willen des Konsumenten bestimmt. Gewiß, die Kunst, wie sie über die Jahrhunderte lebendig bleibt, Michelangelo, Rembrandt, van Gogh, fragt den Teufel nach solchem ökonomischen Gesetz; auch sie untersteht ihm, ohne Zweifel» dennoch ist das Wesentliche ihres Seins und Bleibens zeitlos. Aber wir sprechen hier ja nicht von Kunst solcher Art; wir spazieren durch den Moabiler Glaspalast, sind artigen Gemütes, sind Publikum und haben ein wenig Lust an der Produktion der Maler und Bildhauer. ES ist ganz falsch, von dem Maler und dem Bildhauer zu verlangen, daß sie zugleich Künstler seien; es ist aber auch töricht, über ein Bild oder eine Plastik das Urteil zu sprechen, weil da höchsten Sinnes kein Kunstwerl ist. Sind doch auch die meisten Romane» die wir lesen, die meisten Musikstücke, die wir hören, keine Kunst- werke; sie reichen aber gerade hin, dem anspruchslosen Menschen» vielleicht selbst dem verwöhnten, ein angenehmer Zeitvertreib zu sein. Es bat seine Berechtigung, daß man zuweilen in den Kintopp geht. Es kommt nur darauf an. daß man sich dessen bewußt bleibt, ob mair sich just ein wenig vergnügt, ob»tan im Heiligtum der Kunst steht. Dieser Abgrenzungen darf man nicht vergessen; es wäre unwürdig» wollte ich nicht sagen, daß eine Stunde im Kaiser-Friedrich-Museum oder im Aquarium unendlich wertvoller ist, als ein ganzer Tag inr Moabiter Glaspalast. Es wäre aber fanatisch, wollte ich nicht hin- zufügen, daß sich ganz gut und ganz amüsierlich in der Großem Berliner ein Nachmittag verbringen läßt. Das Mveau steigt. Während der letzten fünf Jahre haben die Maler viel zugelernt, sie haben sich des falschen Pathos entwöhnt» sind redlich und nüchtern geworden. Der Impressionismus wurde ihrer aller Lehrmeister. Es gibt heute kaum einen Maler, der nicht durch Mauel oder Monet, durch Menzel oder Liebermann, durch Hodler oder van Gogh beeinflußt wäre. ES ließen sich mit Leichtig» keit die Beispiele häufen von Leuten, die noch vor kurzer Zeit blink» waren und hölzerne Finger hatten, und die heute einigermaßen zw sehen und darzustellen vermögen. Der Impressionismus öffnete ihnen die Augen und machte ihnen die Hände geschmeidig. Wie leicht wäre es, Linien zu ziehen von Courbet über Leibi und Trübner zu einer ganzen Schar der Heutigen; wie vielem wurde Slevogt, wie vielen Corinth ein Mittler; w» gibt eS einen Straßenmalcr, bei dem wir nicht am Pissarro oder an Sisley dächten, wie oft müssen wir "sagen: siehe da, ein kleiner Daumier, ein geschickter Schüler des Cvzanne, eine nette Mischung aus Goya und Meunier. Ach ja, was wären diese deutschen Maler der Gegenwart ohne den französischem Impressionismus. Doch, das soll uns jetzt wenig kümmern; wir sind zufrieden, durch die Beweglichkeit diesm Augen und Hände wirk- lich etwas vom Lebenstemperament der modernen Zeit zu spüren» wir sind es doppelt, weil solcher Vortrag zugleich mit einigem Ge» schmack geschieht. Das ist das zweite: unsere Maler und Bildhauer find geschmackvoller geworden. Das geschab nicht nur darum, weil sie der Natur näher kamen; sie wurden durch die Absichten und Er- folge des modernen Kunstgewerbes beeinflußt. So etwas hat es schon früher gegeben; die Maler des Rokoko, auch die um Terborch und Vermeer haben ohne Zweifel von dem profitiert, waS damals die Architekten und die Dekorateure der Jnnenräume machten. Das hat sich nun wiederholt. Man malt, man kann es kaum anders, milde Farben, und wenn die Töne schom kräftig angeschlagen werden, achtet man darauf, daß sie musikalisch zusammenklingen. Es wirft in den Bildern, auch in den Figuren der Heutigen, selbst in denen der Vielen und Vielzuvielen. ein ge- wisser, erträglicher Grad kultureller Erzieh mg. Diese Zunahme an Bildung und guten Manieren hilft wesentlich dazu, das Niveau unserer Maler und Bildhauer als ein gehobenes, durchaus erträg- liches, beinahe sympathisches, erscheinen zu lassen. Wobei man nur nicht vergessen darf: daß die Kunst dort anhebt, wo da» Niveau aufhört. — 520— fiuttn Eingang.\il den Räume?, die Aedeneinandet liegend die Längsachse des Glaspalastes andeuten, hängen Kollek- tionen der Berliner. Ganz links AlfredMohrbutter: eigen- «rtige, auf zärtliche Melodie gestimmte Stilleben, farbig überstäubt »nie Schmetterlingsflügel. Am besten: ein Alter vor einigen Porzellanen und Gläsern; gelbblauer Effekt. Daneben Hans L ooschen, ein breit und saucig gewordener Knaus. Episoden, eine„Eingeschlafene Näherin" oder„Im Atelier" oder„Vor der Kirche" mit fließendem Pinsel hingeschmissen. Nur: es steckt hinter isolcher Leichtflüssigkeit kein Formensinn und wenig Notwendigkeit. Er kann auch anders. Das beweisen die großen Temperabilder, die für das Stadthaus in Nordhausen bestimmt sind; darauf ist alles akademisch durchgezeichnet und zahm ausgetuscht. Ein wenig Stim- mung, Mitfühlen, ist schon in diesen Historien, aber die Komposition läßt viel zu wünschen. Es ist peinlich zu sehen, wie das mittelste Mld in fünf einzelne Teile zerfällt: von links nach rechts: die Reifi- -gen und Neugierigen, dann der Priester und sein Gefolge unter Idem Kircheuportal, dann Otto I. und Mathilde, dann der rotbe- mantelte Priester und seine Umgebung, dann die gepanzerten Weiter. Solch eine Addition ist kein MÜ>, selbst wenn die Details ganz ansehbar find. Es folgt Kahser-Eichberg; er macht sStimmungslandschaft, Sturm, Nebel. Ohne den franzosischen Im- lpressionismus undenkbar; aber auscinanderflietzend, wattig, unbe- [stimmt. Da ist Max U t h wesentlich besser. Früher malte er herb und schwer, Regenabende in dunklen Dörfern. Heute ist er ganz tlicht, beinahe bunt und immer in Bewegung. Er seht die Farbe in Zleinen Tupfen; er will uns glauben machen, daß die Blätter schwin- gen und die Sonne rieselt. Solchen Absichten verwandt ist Fritz Würger. Auch er hat sich gewandelt, auch er vertauschte einen ffchwerflüssigen Naturalismus mit einem graziös interessierten �Spiel. Er'malt Bildnisse; doch gibt er mehr ein farbiges Ornament «ls exakte Wirklichkeit. Er scheint von Lenbach gekommen und durch Hodler gegangen zu sein. Gegen ihn gehalten wirkt Klein- Ehevallier beinah« robust und trotz der scheinbaren Bravour «ungeschickt. Das donnernde Blau, in das er die Fischer und die Kähne, das Meer und den Strand eintaucht, klebt auf der Leinwand rund läßt kein Leben, keine Stimmung sich entfalten. Da weiß «Hoeniger in seinen kleinen Formaten unendlich mehr Pulsschlag «inzufangen; er malt das heutige Berlin, die Brücken und Straßen, vollgestopft vom Verkehr, verhangen vom Staub und Dunst, lieber «allem liegt ein violetter Schleier; solch: Manier, die bei Pissarro Matur war, hilft in de.« Tat einiges, das Gewirr zusammenzufassen. Ein tüchtiger Zeichner ist Eichhorst; er zeichnet sozusagen ab- ssichtslos, während er mit dem Pinsel die Farben aufträgt. Man «dürfte an Holbein denken; freilich nur solange, als der Oualitäts- runterschied einem bewußt bleibt. Dem Grade nach ist Eichhorst so- ■viel wie ein Chargenspieler auf dem Theater, einer, der Charakter- ssiguren darstellt: einen alten Bauern, der auf dem letzten Loche «pfeift und hüstelt und mit den Händen zittert. Genau die Um- ?ehrung solcher Präzifionstechnik ist Schulte im Hofe; ein Wildnismalcr, der durch seinen Mangel an Kraft immer geschmack- voll bleibt. Seltsame Wandlungen hat O t t o H. Engel durch- gemacht; einst(und auch heute nochl malte er eckig und korrekt, hart im Umriß und schrver in der Farbe, die hageren, starkknochigen Griesinnen. Heute ließ er sich durch die weiche Anmut Ludwig von Hofmanns und die große Form Lieberinanns verführen. Doch hat ahm solche Kreuzung nur gut. Den Abschluß dieses Ouerfchiffcs Bildet eine Wand mit Bildern vom alten Meyerheim. Darge- sstellt ist die Lebensgeschichte einer Lokomotive und ähnliche Giganto- machie aus Borsigs Reich. Das geschah reichlich langweilig; aber, «da diese naturalistischen Dekorationen schon in den siebziger Jahren entstanden, kann man sie immerhin als eine Illustration jener Zeit Betrachten. Wenn man sich indes erinnert, daß damals schon Menzel iseine besten Werke ge'chaffen hatte, spürt man wieder heftig den «Unterschied zwischen itm Niveau des Pinselgeschicks und den unbe- greifbaren Höhen der Kunst. RobertBreuer. Liemes fernlkton. Aus der Vorzeit. Aus der Urgeschichte der Schrift. Wann und wie der Mensch zuerst darauf verfiel, für das gespnchene Wort bestimmte Zeichen zu ersinnen und dadurch eine Schrift zu be- gründen,«oiro wohl für immer im Dunkel der Vergangenheit vcr- hüllt bleiben. Nur so viel läßt sich wenigstens vermuten, daß die .älteste Schrift eine Bilderschrift nach der Art der Hieroglyphen gewesen sein dürfte, s» daß auch der Urmensch gewissermaßen init ibem Anschauungsunterricht begonnen hätte. Auf die Begründung «dieser Annahme gehen auch die Untersuchungen aus, die Dr. Courtic Zunächst in den berühmten südfranzösischen Höhlen angestellt und ?dann an den Resten der Urbewohner anderer Gegenden verfolgt «hat. Dieser Forscher bezeichnet es wenigstens als möglich, daß die rohen Gemälde des vorgeschichtlichen Menschen, die sich in den er- wähnten Höhlen gefunden haben, nicht nur der Befriedigung der -ersten künstlerischen Triebe, sondern auch dem Ausdruck von Worten und Wortbildungen gedient haben. Es läßt sich aber kaum «nnehmen, daß die Schrift an einem Ort i>er Erde gefunden sei, .■und sich boi« dort aus über die Menschheit verbreitet habe. Viel- mehr dürfte sich diese EntWickelung an istehreren Stellen selbständig vollzogen haben, und zwar stets in der gleichen Folge, iridem man von der Bilderschrift zu Syncholen, dann zur Bezeichnung einzelner Silben und schließlich zur Feststellung von Buchstaben gelangte. Als ein Beweis dafür wird zunächst Mexiko und Südamerika an- geführt. Als die Spanier unter Cortez nach Mexiko gekommen waren und bald jesuitische Missionare nachfolgten, bedienten sich diese für ihren Unterricht im christlichen Glauben noch bildlicher Zeichen. Dennoch hatten die damaligen Bewohner von Mexiko, die Azteken. die erste Stufe der Fortbildung schon überschritten, denn auf den berühmten Denkmälern der Halbinsel Uukatan finden sich Schrift- zeichen, die ohne Zweifel weit älter sind, und ebenso ist eine solchs Urschrift in Peru entdeckt worden. Bisher ist ihre Entzifferung noch nicht gelungen, Ebensowenig wie die Deutung der Bilder an den Höhlenwänden in Südfrankreich, aber Dr. Courtie hält diese Aufgabe für nicht unlösbar. Am bekanntesten und am längsten richtig gedeutet sind die Hieroglyphen der alten Acgypter, aber auch in Chaldäa und im alten China bestand eine ähnliche Bilderschrift. Noch jetzt läßt sich an einigen der weniger verwickelten chinesischen Schriftzeichen eine gewisse Aehnlichkeit mit der Form des bezeich- netcn Gegenstandes erkennen. Daß der vorgeschichtliche Mensch sich schon mehr gewohnheitsmäßig mit der Herstellung einer Schrift beschäftigt haben könnte, hat Courtie schon vor zehn Jahren an dem Fund gewisser Steinwerkzeuge nachzuweisen gesucht, die nach ihrer Form und Beschaffenheit Wohl zum Eingraben der Zeichen auf Steinen gedient haben konnten. Schließlich besteht dem Sinn nach auch kaum ein Unterschied zwischen einem Wortzeichen, daS einen Pfeil bedeutet, und dem Bilde eines solchen, und es erscheint fast selbstverständlich, daß eine solche Bilderschrift sich überall an- fänglich entwickelt«hat. Reste derartiger Ur«kunden sind ziemlich reichlich vorhanden und in verschiedenen Erdgegenden gefunden worden, so in Wales und in Irland, in der Schweiz und Italien, auf der Insel Kreta, in verschiedenen Teilen des Orients und auch in Nordafrika. Psychologisches. Tierpsychologie. Die.klugen" Elbcrfelder Pferd« haben da? Interesse iveiterer Kreise für das Seelenleben der Tiere erweckt und allgemein hat nian gefragt: wie stellt sich die Wissenschaft zu diese«» Problemen? In der deutschen Literatur fehlt eS so gut wie ganz an uinfassenden einwandfreien Darstellungen der Tierpsychologie, uird es ist deshalb nur lebhaft zu begrüßen, daß Rose Thesing die von der Pariser Akademie preisgekrönte Schrift des Psychologen Georges Bohn„Die neue Tierpsychologie" ver» deutscht hat.(Verlag Veit u. Co. Leipzig 1S12. 183 Seiten. Preis 3 Mark.) Der Verfasser verlvirft alle Theorien, die einen besonderen Sinn und Zweck oder eine bestimmte Absicht„der Natur" in dein Bau und Leben des Tieres ailnehmen, und sucht mit rein kausalen Erklärungen auszukommen. Ein besonderer Abschnitt ist dem Versuch gewidmet, auch die Darwinsche SclektionStheorie auszuschalten, die ja auch sonst schon von naturlvissenschafliicher Seile kritisiert worden ist. Bei der erperimentellen Analyse der LebenSlätigkeiten der niederen Tiere führt der Verfasser jede tierische Reaktion unmittelbar auf physikalisch- cheinische Vorgänge zurück. Die psychischen Vorgänge bei den Wirbeltieren lassen sich xestloS durch Assoziationen erklären, die schon bei Gliederticren auftreren. Das interessanteste und wertvollste Kapitel des Buch«S ist das über die Analyse der Instinkte. An dein Sichtotstellen, dem Nestaufsuchen, Nahrungfinden, der Maskierung (Miinikrh) und den sogenannten„sozialen" Instinkten weist Bohn auf Grund genauester Beobachtungen nach, daß niemals eine ererbte Gewohiiheit schlechlhin sich durchsetzt, sondern daß egoistische Bc- dürfniffe mrd individuelle Erfahrungen der Tiere die Hauptrolle bei Jiistiiiklhandlungen spielen. Vögel z. B. bauen nichi unter allen Umständen das ihnen charakteristische Nest; in der Gefangenschaft schichten sie es anders, auch wenn ihnen das nötige Material zur Verfügung steht. Junge Vögel, die niemals den Gesang ihrer Art- genossen gehört haben, ahmen leicht die Stimmen anderer Vögel nach ohne den eigenen Sang je ertönen zu lassen. Die Rückkehr in« Nest geschieht nur auf Grund eigener erlernter Ortskenntnis („Orientierungsflüge" bei den Bienen). DaS„soziale" Leben der Ameisen ist von inehreren Forschern auf daS zufällige Zusaminen- treffen individueller Handlungen zurückgeführt worden. Werden doch auch Pflanzen und Tiere infolge günstiger LebeiiSbcdmgungen zu Geineinschaslen zusammengeführt I Für den Bienen.staat" hält der Verfasser die bisherige Analyse der Tätigleiten zu einer solchen Erklärung noch nicht für ausreichend. Der Wert des Buches liegt vor allem in der systematischen Zu- sammenstellung der ticrpsychologischen Forschungen bis zuin Jahre ISÜS und in dem Versuch einheitlicher Erklärung. Gegen die prin- zipielle Stellung wäre mancherlei zu sagen(so sind nach Bohn Empfindungen keine Bewußiseiitserscheinungen, sondern nur„ge- wisse" Nerveitprozesse). Allein die Sammlung des Materials und die rücksichtslose Bekämpfung der phaniastischet. Schwatzereien auf diesem Gebiet war ein Verdienst. Sprache und Stil sind von erfreil- lichcr Klarheit. Die ersten Abschnitte bieten für den Laien einige Sckwierigkcitcn durch zahlreiche Fremdworte. Die theoretischen Er- läuterungen knüpfen aber iimner an Experüncnte an. die das Vcr- ständnis erleichtern.__ E. M. Werantwortl. Redalteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: LorivärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingersiCo.PöeriinSVV.