Unterhaltungsblatt des Uorwärts Nr. 132. Donnerstag, den 11. Jult 1912 viaSdrua eetDoten.) 81 Der Mttiber. Von Ludwig Thoma. Da merkte der Viehhändler Wohl, daß er kein schleuniges Geschäft machen könne: aber als ein zäher Mann mochte er nicht zu schnell von seinen Absichten lassen, und er versuchte noch mancherlei. Der Schormayer gab ihm keine Hoffnung und nahm ihm keine. Er war so lustig aufgelegt wie schon lange nicht mehr, weil er den Tretter, der ihn hatte fangen wollen, so schön an der Angel hielt. Auf seinen Vorschlag kehrten sie in jedem Wirtshause unterwegs ein. und er freute sich an dem schönen Eheglück, das ihm der eifervolle Schmuser ausmalte, und auch daran, daß sich dieser Mensch so ganz umsonst plagte. Eine halbe Stunde vor Kollbach und an einem Kreuzwege mußte er Abschied nehmen von ihm, und er tat ihm auch da den Schmerz nicht an, seine wahre Meinung zu sagen, sondern ließ alles im Ungewissen und Aussichtsreichen. „Also, Schormoar," sagte der Tretter, indem er mit gläsernen Augen seinen Weggenossen anschaute, also, es bleibt dabei: mir gengan no amal umi auf Weichs." „Dös hoaßt, bal i..." »,Nix dal Mir gengan umi, und du packst de Kaltnerin z'samm, sag i dirl HcrrgottsaggeramentI" „Js schz recht. Und du gehst jetzt hoam und schläfst dein Rausch aus!" „Wos Rausch? I hon koan Rausch! Und dös muaß sei Richtigkeit Hamm, daß mir auf Nikolo... öha! Jetzt hätt' 's mi bald g'riss'n... also daß du und de Kaltnerin... vastchst? Daß de Mltnerin und du.. gel? Alta Spezi! Und... und... woaßt, i bi dei Freund, und i inoan da's guat, laß da sag'n... öha! und auf deina Hozet(Hochzeit)... da muaß i no tanz'n, und grad luschti muaß wer'n, gel? Da hau liera!" Der Tretter spuckte saftig in die Hand und hielt sie zum Treugelöbnis hin, aber der Schormayer war schon weiter ge- gangen und in der Dunkelheit seinen Blicken beinahe ent- schwunden. Da schrie er ihm mit heiserer Stimme nach. „Schormoar! Paß auf! Auf Nikolo(Nikolaus) gilt 's schal Mir gengan umi. Herrgottsaggerament..." Er schlug den Weg nach Pettenbach ein und schlug einen Haken nach rechts, wenn er links zu nahe an den Graben ge- kommen war. Einmal blieb er noch stehen und horchte, denn es war ihm, als hätte ihm der Freund gerufen: und indem er die Hände vor den Mund hielt, schrie er in die Nacht hinein: „Wos willst? Hascht d' was g'sagt?" Es kam keine Antwort und der Tretter ging weiter. Der Schormayer hatte nichts mehr von ihm gewollt, aber er hatte laut gelacht und mit sich selber geredet. „Schaugt's no grad den b'suffan' Spitzbuam o! Hätt er schmusen mög'n! Ha... ha... und mit dera Beißzanga!" Und indem er im Gehen nach dem lärmenden Tretter hinhorchte, schickte er ihm die allerfreundlichste Einladung nach. 6. K a p i t e l. Ganz nüchtern war der Schormayer selbst nicht mehr, wie er nun am Waldrande dahinging und mit dem Stecken fröhlich an die Baumstämme schlug. Alles, was er an diesem Tage erlebt hatte, war ihni ein rechtes Gaudium gewesen, und seine Fröhlichkeit war nicht trocken gelegen. Wie das schieche Weibsbild einmal grantig und einmal zutulich gewesen war. und sich gleich gar schon ausrechnete, was sie mit ihren Kindern tun werde!„Für den Fall, daß's cppas wurd' mit ins zwoa." Freilich. Her und am Baum»auf! Das hätte er sich ja so gedacht! Em zuwideres Frauenzimmer aus dem Hause hinaus, und noch das grimmigere dafür herein, und schlechte Tage, einen für den anderen bis zum letzten. Was sie dem Tretter versprochen haben mußte, daß der gar so bärig auf die Heirat wurde? Und wie schnell sich die verstanden hatten! Han? Ein paar Minuten war er draußen geblieben, und da waren sie schon einig. Die Limmerischen auch. Für die hätte wohl auch geschwind was abfallen sollen: und der Zahler wäre er, der Schormayer. gewesen. Jetzt hockten si, gewiß noch beieinander und rechneten dem schiechen(häßlichen) Weibsbild vor. was es für ein Glück machen könne auf dem größten Hof in Kollbach mit gutding hundert Tagwerk Grund, sechs Roß und an die vierzig Stück Vieh. Da könnte die Kaltnerin den Hinter» gar stolz drehen, wenn sie als Bäuerin in dem aller- schönsten Sach herumginge und alles kommandierte und ihre scharfe Stimme ertönen ließe. Was die sich bloß einbilden! Braucht gar nix, als nur gerade wollen, und das Weibsbild hockte sich mit seinen fünfzehntauscnd Mark— oder nein, bloß mit der Hälfte!— als Schormayerin nach Kollbach hinein. Aber das»var hernach lustig gewesen, wie er sie alle mit- einander zwei Stunden lang an der Nase herumgeführt hatte, und den ganz gescheiten Tretter erst recht.„Du muaßt it glaab'n daß i was davo Hab! Vo mir aus derfst du gnua ledi bleib'n, und zweg'n dem bin i um koan Pfennig nct ärmer." Hat sie dir nichts versprochen hinter der Tür, und meinst du. andere Leute sind dümmer wie du? Du Tröpferl l — Hopp auf! Ein vorspringender Ast streifte dem Schor- mayer den Hut vom Kopfe, und da war er auch schon am Walde vorbei und stand auf der Höhe oberhalb Kollbach. Er strengte die Augen an und schaute nach der Richtung, wo sein Haus lag. Kein Licht schimmerte darin. War die Ursula noch nicht daheim, oder lag sie schon im Bett? Und wenn sie daheim war und nicht ihn und nicht die Zollbrechtin gefunden hatte, dann lnnßte sie du Augen aufgerissen haben. Herrgott, sie hätte ihn heute sehen sollen beim Limmer in Weichs, wie sich vier Leute die schönste Mühe mit ihm gaben und ihm wie einem jungen Hochzeiter um den Bart gingen. Bist doch nicht ganz und gar der alte Dadädl(Narr) und Austragler, der für nichts mehr gut ist auf der Welt! Muß doch noch was sein an dir, wann die Weibsbilder liebreich werden, daß sie dir gefallen! Wer weiß, ob der Prückl Kaspar heute drüben in Arnbach der Ursula so schön getan hatte wie ihm die Kaltnerin, der die Augen glanzig wurden vor hoff- nungSvoller Erwartung? Jawohl, du Schneegans, das hättest du dir nicht ein- fallen lassen, daß der Vater die Zollbrechtin hinauswürfe und auf die Brautschau ginge und beim erstenmal ein Weibsbild an der Angel hätte!— Die Vorstellung, wie er heute aber schon auch alle Mitmenschen, und seine Tochter am aller- meisten, hinters Licht geführt hatte, niachte den Sckiormayer immer noch fröhlickzcr, und er stolperte seelenvergnügt in seinen Hof. Der Hund schlug an. „Sei stad(still), Russell Kennst d' mi net?" Da schloff der Schnauzl in seine Hütte zunick, und der Bauer holte unter einem Steine den Schlüssel heraus und sperrte auf. Er tappte schwer in das Hausflötz und tastete etwas un- sicher nach der Stubentüre. Jetzt knarrte oben im Gange ein Brett, und ein Licht blitzte auf. „Hö! Urschula, bist as du?" „Na, i bin's." „Ah, d' Zenzi! Bischt du no auf?" „I bi scho g'lcg'n, aba i bin aufg'stanna, wia'r i di g'bört ha." „Js na d' Urschula no it dahoam?" „Na. Sie is no it kcmma." Zenzi war bis zur Stiege vorgegangen, und da sah sie der Schormayer in Unterrock und Hemd oben stehen: sie hielt ein.Kerzenlicht, daß sie mit der Hand gegen den Zug schützte, und der Schein siel auf ihr Gesicht und die bloßen Schultern. Irgend etwas trieb den Schormayer dazu, daß er die Stufen hinaufging und nun ans cinnial neben der Dirne stand und sie an der Schulter faßte. �.Herrgott, du bischt aba g'stellt!" „Jessas, dös wenn d' Ursula wisset!" „Was paß denn i auf de auf?" „Tu paßt scho auf! Host d' mi ja de ganz Zeit nimma o'schang'n dcrfa!" «A was! Dös is grad a so g'wenl" - 526— wSa6's guat feil Hör auf!" «Teuf? no a nei l Wa du blscht sauber g'wachs nl" >,Hör auf, sag il" „Sei g'scheit, Madl,* Dem Schormayer ging der Atem schwer, und die heiße Gier stieg ihm zu Kopf, und er kam ins Ringen mit dem üppigen Frauenzimmer. Da losch das Licht aus. „Jessas nal Jetz is d' Kirz'n aa no ausgangal" „Was brauch« denn mir a Stacht?" «Geh abi in dei Stub'nl" �. „I mag it, und i bleib a mal bei dir!" ...Na. dös darfst itl" „Jo, sag il Herrgott wo bischt denn?" Die Zenzi Nxir ihm entwischt, und er hörte sie auf dem Gange, und da schnappte eine Türklinke ins Schloß, und ein Riegel wurde vorgeschoben. Der Schormayer tappte im Dunkeln vorwärts. Er tieß mit dem Fuße an seinen Stock, den er hatte sollen lassen, und dann suchte er an der Wand, bis er die Magdkammer fand. Die Türe war verschlossen. (Fortsetzung folgt.) Der Idiot Von Martin Andersen Nexo. Am Tage' nach meiner Konfirmation saß ich wieder hinter dem Sirohschirm und schlug Steinschutt aus dem Haufen, während Vater drüben stand und Material zu Pslastersteincn spaltete. Das Heute glich genau dem Gestern. Ich hatte keinerlei Katzen- sammer, die Konfirmation dedeutete keine feierliche Einweihung in eine neue Welt. Auf einmal legte Vater den Hammer hin und sagte: „Das beste ist, Du gehst und suchst Dir eine Stell«; denn von nun an mußt Du für Dich selber sorgen." Er nickte bedeutungsvoll bei diesen Worten; und oibwohl ich für mich selbst zu sorgen gehabt hatte, fast seit ich kriechen konnte, klang es ganz verhängnisvoll— als übertrüge er mir eine schwere, verantwortungsvolle Last und reckte selber den Rücken. Ich packte das Werkzeug zusammen, legte den Strohschirm darüber und schlenderte aufs Geratewohl in den Herbstrcgen hinaus. Weit drüben in Poulskcr kam ich endlich an ein Gehöft, wo sie kein Aufhebens von meüncr Schmächtigkeit machten und mich als Stallburschen mieteten. Der Hof war ziemlich groß; ich hatte alles Lieh zu besorgen und bekam im halben Jahr zwanzig Kronen dafür. Jetzt verwendet man erwachsene, fertige Männer für diese Arbeit, die für besonders streng und verantwortungsvoll gilt; und von aller Landarbeit wird sie heute am besten bezahlt. Es liegt eine Eniwickelung zwischen damals und jetzt! Ich war klein und dünn; mein Körper hatte sich zu früh dar- auf einrichten müssen, alles in Arbeit umzusetzen. Dafür konnte ich aber gehörig schiiften, ivar gut trainiert und von zäher Kon- ftitution, ich wurde nicht leicht müde und ging keiner Beschäftigung aus dem Wege. Aber dies hier war trotzdem zu viel für mich. Bon drei, halb vier Uhr an jedem Wintermorgen war ich bis gegen neun Uhr abends ununterbrochen tätig; ich erledigte Arbeiten, die stets an der Grenze meiner Kräfte lagen und diese oft überstiegen. Wenn mir nur irgendeine Kleinigkeit mißglückte oder ich nur einen Augenblick in verzweifelter Resignation zusammensank, so häufte die Arbeit sich um mich auf wie ein Berg van Unüberwindlicksteiten. Ich rackerte mich wahnsinnig ab. um das Versäumte nachzuholen, aber das Vieh war ein gestrenger Herr. Wenn ich die Fütterung nur um fünf Minuten zu spät besorgie, dann erhoben die Tiere ein anklagendes Gebrüll. Und dann verließ der Bauer seine junge Frau und kam herbeigesprutgen, um Gerichtstag zu halten. Es war eine streng« Zeit; aber ich hatte eigentlich kein Mit- leid mit mir selbst. Ich ertrug mein Los, wie die Unterdrückten mm einmal ihren Fluch ertragen. Die Umgebung kann man nicht erweichen, darum muß nian versuchen, sich dem Leiden gegenüber gefühllos zu machen. Trotzdem erinnere ich mich dunkel an eine Stunde des Aufruhrs.— Eines Tages ging ich im Stall mit einem Strick umher und suchte nach einer Stelle, um mich aufzuhängen. Irgend was kam dazwische'»— ich glaube, der Bulle riß sich los; das Ganze hat damals keinen tieferen Eindruck auf mich gemacht — ich mußte jedenfalls wie bisher mein eigenes Wohl der Pflicht opfern. Auf einem der Nachbargehöfte wohnte ein Bauer, bei dem das Gefinde es nie lange aushielt. Er arbeitete ungern und liebte es sehr, gut zu essen und zu trinken; aber denen, die die Arbeit ver- richteten, gönnte er keine Mahlzeit und keinen Lohn. Jetzt be- wirtschaftete er den Hof mit Hilfe eines armen geistesschwachen Menschen, für den ihm die Gemeinde Kost- und Pflegegcld be- zahlte. Ich kannte diesen Unglücklichen recht gut; in meiner frühen Kindheit war er ein junger, kräftiger Bursche gewesen, der auf Langfahrt unterwegs war. Von Zeit zu Zeit kam er im Winter nach Hause, fröhlich und übermütig, ganz erfüllt von der Irische von da draußen. Aber einmal kam nur ein Gerücht:«r hatte in einem Sturm am Steuer gestanden, das Großsegel hatte sich lo»» geschlagen, und ein Block hatte ihn auf den Klopf getroffen. Sr hätte das Rad fahren laßen und sich in Sicherheit bringen können — das Fahrzeug wäre dann wohl verloren gewesen; aber er harrte auf seinem Posten aus und ließ sich zum Idioten schlagen! So ungefähr erzählte man. Und in diesem traurigen Zustand ga» langte er dann auch von draußen in die Heimat zurück, wie ein Wickelkind von Ort zu Ort transportiert. Er konnte nun nicht länger für fich selber sorgen; darum akkordierte die Gemeinde und gab ihn zum Mindestgebot ab. Man sah ihm nichts Besonderes an; er glich einem gewöhn- lichen Arbeiter, der abgestumpft ist. Auch reden ließ sich recht gur mkt ihm. Aber aus seiner lichten Zeit vor dem Unglück wußte er nichts mehr, und alles auf Erden war ihm gleichgültig, außer dem Branntwein. Die Felder der beiden Gehöfte stießen aneinander, und ich kam oft mit ihm in Berührung.„Hast Du Branntwein?" fragte er stets, wenn er mich sah. Ich hätte mir für einen Schnaps eine Handreichung erkaufen können, hatte aber damals meine guten Gründe dafür, den Branntwein zu hassen. Wenn er nüchtern war, arbeiteten in ihm Bosheit und Tücke. und man bekam Angst; selbst sein Dienstherr fürchtete sich dann vor ihm. Vielleicht r�te sich unter seiner Idiotie eine unklare Forderung ans Dasein; und er bedurfte des Alkohols, um dieses Gefühl zu ersäufen. Darum sorgte der Bauer stets dafür, daß Schnaps für ihn vorhanden war. Im übrigen aber behandelte er ihn schlimmer als ein Tier, gab ihm erbärmliches Essen und ließ ihn in einem Winkel im Stalle schlafen. Der Idiot fand sich fröhlich darein, wenn er nur seinen Schnaps bekam. Er war ein starker breitschultriger Bursche und verrichtete die Arbeit von zw« bis drei Mann; es mußte ihm nur jemand einen Stoß geben und ihn in Gang bringen. Eines Tages hatten wir einen jungen Bullen zum Dampf- schiff zu liefern. Das Tier war ziemlich launisch, und weder der Bauer noch der Knecht war darauf versessen, es zur Stadt zu schaffen. So bekam ich den Auftrag; ich war ja daran gewöhnt. mit oem Tier umzugchen. Der Bauer war splendid und gab mir für den Rest des Tages frei. Ich war noch nicht wieder daheim gewesen und war unbändig froh über mein Glück. Alle meine Lieder schrie ich unterwegs in die Lüfte und hielt den Bullen in raschem Galopp, so daß er keine Zeit fand. Böses zu ersinnen. Das Heimweh hatte mich völlig aufgerieben. Ich lieferte den Bullen ab und lief nach Hause. Meine kleinste Schwester lag auf der Bank;�sie bog sich gerade hinab und zog einen Schemel hin und her. Sie starrte mich einen Augenblick at,. dann ließ sie den Schemel fallen und brüllte los. Da kam Mutter aus der Küche hcrbeigestürzt. „Herrgott, bist Du es, lieber Junge?" rief sie.„Und wie mager Du geworden bist! Du siehst ja ordentlich böse aus.— Ja. ja, arme Leute müssen früh daran glauben!" Sie ging rund um mich herum und befühlte mich liebkosend; an ihren schwachen Händen konnte ich merken, daß sie stolz aus mich war, und dciK machte mich tapfer. Vater kam zum Feierabend nicht nach Hause, und wir hatten es sehr gemütlich; Mutter flickte meine Kleider, und wir Kinder sefmitten aus alten Spielkarten Schlitten aus, russische Schlitten mit fliegenden Pferden davor, und einem Wolf, der das Deichsci-- pferb in die Kehle beißen wollte. Weit drüben auf dem Tischraure tauchten noch andere Wölfe auf; und dann fraßen sie den Mann im Schlitten— und die Mutter mit dem kleinen Kinde. Ich ver- gaß ganz, daß ich nur auf Besuch gu Hause weilte und bald wieder zurück mußte an den Ort der Qual. Plötzlich stand Mutter erschrocken auf:„Aber Kind, die Uhr geht auf zehn, und Du hast einen weiten Weg vor Dir!" Fröstelnd sah sie zum Fenster hinaus; die Nacht war pechschwarz und stür- misch, und vom Strande her brüllte die See. Die Wirklichkeit mit allen ihren Schrecken brach heftig über mich herein.„Mutter!" flüsterte ich und sah sie slehend au. Sie begann zu zittern. „Herrgott doch!-- Ist es denn so bös?" rief sie verzweifelt. „Und Dein Vater, Kind!" Mehr brauchte sie nicht zu sagen; ich raffte still meine Sachen zusammen und sagte Lebewohl. Sie stand am Fenster, als ich den Weg entlangtrabte, und lächelte mir — unter Gcsichtsverzerrungcn— aufmunternd zu. Ich hatte nicht die Absicht, zu dem Gehöft zurückzukehren— alles andere lieber als das! Ich lief nur ins Dunkel hinaus, um Mutter zu schonen. Aber irgend etwas lenkte dennoch meine Schritte nach jener Richtung hin; es war wohl das verfluchte Pflichtgefühl, das den Kleinen so tief im Fleisch und Blut sitzt und sie veranlaßt, beständig die Bürde einer Welt auf sich zw nehmen, die nicht um ihretwillen da ist. Ich wollte diesen Weg nicht einschlagen und lief ihn dennoch— leise vor mich hinbrüllenp zum Protest. Ich lief über eine halbe Meile, ohne irgendwelche Eindrücke zw empfangen; mein Kindersinn war wohl in jenen BctäubungS- zustand hinübergeglitten, der noch immer die einzige Waffe der Unglücklichen gegen Mißhandlung ist. Den Tannenwald und die unheimliche Balkahcidc passierte ich, ohne es zu wissen. Aber dann tSeäte mich die Nacht mit rhrer unvermeidlichen Forderung; ich entdeckte rings um mich die Finsternis und sank in die Knie. Es gibt Menschen, die das Dunkel lieben, glückliche Unwissende, für die es der große Besänstiger ist, der alles Streitende zur Ruhe bringt. Für mich war das Dunkel stets mit entsetzlichem Leben erfüllt, verzweifelt habe ich dagegen ankämpfen müssen— nament- lich damals, als mein Wissen meine Kräfte überstieg. Schon in meiner Kindheit enthüllte mir das Dunkel ja das, was das Licht verbarg; wie jene chinesischen Rattenkinder, die in den Kloaken aufwachsen, hatte ich die unheimliche Gabe, alles sehen zu können. was sich im Dunkel regt und bewegt. Und nun stürzte diese ganze böse Welt auf mich ein, ich empfand ihre Schrecken mit visionärer Stärke und war wehrlos. All das Aufreibende auS meiner Kind- heit erhob sich verhext auS dem Dunkel, grotesk und übergewaltig, um mich kleinen Menschensamen zu verschlingen. Es war wie ein epileptischer Anfall, meine ganze Person war zu einem Krampfknoten zusammengcbrannt,— aber ich lief immer weiter. Der Gedanke an das Gehöft war das einzige lebendig- warme Gefühl in mir, der Hof stand mir jetzt als behaglicher Zu- fluchtsort vor Augen.— Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß ein Mensch in der Nähe sei; während ich lief, spähte ich ins Dunkel hinein— und da fiel ich schon über einen schweren Körper. Es war der Idiot; ich erkannte ihn, als ich ein Streichholz abbrannte, er war sternhagekbetrunken. Es war mir unmöglich, ihn wieder auf die Beine zu bringen, und ich ging weiter. Jetzt hatte ich leine Spur von Angst mehr. Ein paar Schritt weiter traf ich unseren Knecht, der seine Liebste ein Stück Weges begleitet hatte. Er ging mit mir zurück; und es gelang uns. den Idioten auf die Beine zu stellen. Aber es war unmöglich, ihn zu veranlassen, daß er sich von der Stelle bewegte. In seiner Trunkenheit machte er sich schwer und unbe- Holsen und lallte etwas vor sich hin; sein Kopf hing auf die Brust hinab. Es war mir so, als lallte er:„Mein Branntwein— mein Branntwein." Ich fing an zu suchen, während der Knecht ihn ausrecht hielt, und fand enn Wcgrande ein Lägel, das drei bis vier Liter enthielt; es war bis obenhin gefüllt. Wie ich die schlimme Flüssigkeit haßte! Ich war mit meinen schwachen Kräften schon so manches Mal dagegen angestürmt und hatte meine Prügel dafür empfangen,— nun flammte der Haß wieder auf. Ich riß den Pfropfen heraus und ließ den Branntwein in den Graben fließen; der Gestank schlug um mich empor wie der Atem eines Betrunkenen und weckte so viele Erinnerungen. Dann hielt ich das Lägel in den Graben hinab und ließ es voll Wasser laufen.—„Wo bleibst Du?" rief der Knecht. Ter Idiot wurde rege, als ich mit dem Lägel kam; er wollte cS selber tragen und umschlang es fest mit beiden Armen. Aber er konnte sich nicht im Gleichgewicht halten, wir mußten ihn nach Hause schleppen und in sein Loch bringen. Als wir am nächsten Vormittag beim Frühstück saßen, kam der Bauer vom Nachbarhof zu uns herüber; er sah ganz verstört aus.„Mit dem Anders ist's schlimm!" sagte er;„er ist ganz wild, und ich habe keine Macht über ihn." „Du knauserst wohl mit dem Brannttvein. Daran wird'S wohl liegen!" erwiderte mein Brotherr lachend. „Nein, nein, er hat ein ganzes Lägel voll. Aber er will es nicht anrühren. Er geht im Kreise um mich herum und sieht aus, als wollte er auf mich losspringen. Und er arbeitet überhaupt nicht mehr." Mir wurde heiß um die Ohren. Insgeheim hatte ich mich weidlich über nicine Tat gefreut— und war nahe daran gewesen, sie dem Knecht zu erzählen. Hätte ichs getan, so wäre es wohl übel für mich abgelaufen. Mein Brotherr begleitete den Nachbar hinüber, aber sie kamen nnvcrrichtctcr Dinge zurück. Sie hatten sick dem Idioten nicht zu nähern gewagt. Mit einer Mistgabel bewaffnet, ging er auf dem Hofe umher. Mir graute davor, daß der Verrückte darauf ver- fallen würde, daß ich es war, der ibm das Dasein unerträglich ge° macht hatte, und daß er herüberkommen und mich totschlagen könnte. Alle Augenblicke war ich vor dem Kuhstall und guckte hin- über, bereit, auszukneifen, sobald es nötig wäre. Ich sah ihn drüben mit wcitausholcndeii Bewegungen in der Luft herumfuhr- Werken und konnte ibn rufen hören. Der Nachbar blieb an dem Tage bei uns; es kamen Leute von verschiedenen Seiten her, und man beratschlagte, was zu tun sei. Es kam die Rede darauf, daß man im Trupp auf den Idioten los- gehen und ihn übermannen solle. Aber die Knechte hatten für den Bauer von drüben nichts übrig und wollten nicht mittun; und die Bauern selber hatten Angst vor dem Irren. So ließ man die Sache bei dem Beschluß, am nächsten Tage die Polizei in der Stadt zu benachrichtigen, ihr Bewenden haben. Aber in der Nackt steckte der Idiot das Gehöft an. und es brannte bis auf den Grund ab. DicS ist nur ein Kindheitserlebnis unter so vielen. Damals kam ich mir wie ein heimlicher Verbrecher vor; lange ging ich in beständiger Angst umher, die Obrigkeit werde bei mir als der eigentlichen Ursache des Ganzen Halt machen. Später jedoch hat mein Leben sich, mit der Kinderwelt als Grundlage, geformt und geweitet: und aus vielen Gebieten summieren sich nach und nach meine Erfahrungen, derart, daß der Idiot für mich eine Bcdcu- tung gewann, die über die Einzelerscheinung hinausreichtc. Ich habe immer gemeint, eS müsse ein bestimmter Gedanke darin gelegen haben, daß ich ihm den Branntwein fortnahm und ihn iadurch veranlaßte, den Hos anzuzünden und dem Mißbrauch ein Ende zu machen. Oer erste elektrische fioebofen, Die EntWickelung des elektrischen Ofens zielte bisher nur auf die Schaffung einer zur Erzeugung von Stahl brauchbaren Ein- richtung ab, während sonstige Gebiete der Hüttentechnik von der Elektrotechnik zunächst nicht berührt wurden. Nach einem unge- wöhnlich heftigen Meinungsstreite, der noch bis vor kurzem an- dauerte und namentlich in Deutschland die interessierten Kreise erregte, ist jetzt die Eiitwickehmg zu einem gewissen Abschluß gc- langt; man kam zu der Erkenntnis, daß der elektrische Ofen kein Universalinstrument ist und die bisher vorhandenen Oefen keines- wegS überflüssig macht, sich hingegen besonders gut zur Herstellung gewisser feiner Stahlsorten eignet. Von den zahlreichen Bauarten dieses Ofens haben sich vier oder fünf eine größere Verbreitung und dauernde Bedeutung gesichert. Sie sind in der Art mehr oder weniger verschieden voneinander, haben sich aber alle im Betriebe gleichmäßig gut bewährt und zeigen somit, daß, wie überall, auch in der Elektro-Hüttentechnik dasselbe Ziel auf mehreren Wegen gleich gut erreicht werden kann. Es wird Sache der weiteren Eni- Wickelung sein, zu zeigen, ob diese aus dem Wettbewerb siegreich hervorgegangenen Bauarten dauernd gleichwertig nebeneinander bestehen bleiben, oder ob sie sich nicht in die mancherlei Aufgaben, die der elektrischen Behandlung des'Flußeisens zufallen, wie Ersatz des Tiexelofens, Nachbehandlung des bereits vorbehandclten Roh- eisens, oder Ersatz des Martinofens je nach ihren besonderen Eigen- schastcn teilen werden. Ein Anfang in dieser Richtung ist bereits dadurch gemacht, daß der elektrische Ofen sich zum Großraumofen für Massencrzeugung von Stahl zu entwickeln anfängt, aber nur eine oder zwei Bauarten entschiedene Bewegung in dieser Richtung eingeschlagen haben. Da in nächster Zeit die ersten Oefen dieser Konstruktion in Betrieb kommen sollen, wird bald näheres über die Erfolge zu berichten sein. Während nun noch der Kampf der MeiniMgen um den Stahl- ofen tobte, hat sich in aller Stille der elektrische Hochofen zur Ge- winnung von Roheisen aus Erzen zu einem brauchbaren Betriebs- mittel entwickelt. Nach mancherlei mißglückten Versuchen in Kanada und Kalifornien, gelang es in Damuarfvet in Schweden, mit einer neuen Bauart Ergebnisse zu erzielen, die zu guten Hoffnungen be- rcchtigen, allerdings nur für Verhältnisse, die ähnlich denen Schwedens liegen. Hier ist eine sehr billige Betriebskraft in Form der zahlreichen großen Wasserfälle vorhanden, vor allem aber sind die Kokse sehr teuer, und man muh daher vielfach mit Holzkohlen arbeiten; unter diesen Umständen vermag der elektrische Strom den für Hochofenbetrieb erforderlichen Brennstoff zum Teil mit Erfolg zu ersetzen. Darum waren die Vcrsuchscrgcbnisse von Damuarfvet für die Hüttcntcchnik Deutschlands, Englands, Belgiens usw. von geringer praktischer Bedeutung, da dieser hier billige Kokse in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Jene Resul- täte gewinnen aber eine gewisse Wichtigkeit, wenn man sie als Vor- stufe einer Entwickelung betrachtet, die vielleicht später zur direkten Gewinnung des Stahles aus den Erzen führt. Gegenwärtige Be- deutung haben sie, außer für Schweden und Norwegen mit ihren teuer arbeitenden, kleinen Holzkohlcnöfcn, in Europa nur für Italien, dem ja auch die eigenen Kohlenlager fehlen. Trotzdem scheinen hier die Bedingungen für die industrielle Durchführung der elektrischen Rohcisendarstellung ebenfalls nicht günstig zu sein, obgleich Versuche, die angestellt wurde, � ein relativ günstiges Er- gcbnis lieferten. Von den in Betracht kommenden außereuropäischen Ländern hat Kanada über neuere Versuche nichts mehr verlauten lassen, dagegen wurden in Kalifornien mit einem Ofen in Hcroult on the Pitt gute Erfolge erzielt. Die Verhältnisse liegen hier zum Teil ganz anders, das Resultat ist jedoch dasselbe. Zwar stellt sich der elektrische Strom nicht so billig wie in Schweden, dafür ist aber das Erz billiger und die Rohcisenprcise sind höher. Merk- würdig ist auch, daß man in Kalifornien und in Schweden, trotz beiderseits völlig unabhängigen Arbeitcns, als Endergebnis nahezu dieselbe Ofenform gefunden hat. Während man aber aus Kali- fornien vom Bau neuer und größerer Ofenformen nichts vernahm, setzte in Schweden und Norwegen sofort nach dem Bekanntwerden der guten Erfolge in Damuarfvet eine äußerst rege Tätigkeit im Bau von größeren Anlagen ein. Die setzten Nachrichten über den Hochofen am Trollhätia sind als wichtiger Merlstein in der Ent» Wickelung der Roheisenerzeugung aus elektrischem Wege anzu- sprechen. Der Ofen steht seit November 1910 in Betrieb, seine äußere Form ist der eines gewöhnlichen Koksofens ziemlich ähnlich. Er ist 13,7 Meter boch, wovon 1 Meter auf den Schmclzraum�entfällt. Sein gesamter Rauminhalt ocirägr 38 Kubikmeter, der des Schmclz- raumcs 12,5 jhibikmeter; sonach ist er im Vergleich zu den ge- wöbnlichcn Kokshochöscn immer noch sehr klein. Er bringt denn auch in einem Jahre nur zirka 7500 Tonnen Roheisen aus, d. h. etwa 23 Tonnen täglich. Die Elektroden treten durch Oeffnungcn mit kupfernen Kühlkästen und Asbestabdichtung unter 65 Grad gegen die Horizontale geneigt in den Schmelzraum ein; dieser ist VIS Gewölbe ausgebildet, in dem die Elektroden in einem Ring- räum zwischen Rad und Mauerwerk liegen, so dafe sie von der herabsinkenden und sich ausbreitenden Beschickung nicht beschädigt werden können. Die beim HochnfMiprireij sich bildenden 1 Safe werden an zwei Seiten der Gicht durch einen Ventilator abge- saugt, dann kommen sie in einen Staubsammler und von da aus in eine Ringleitung, die den Schmelzraum umgibt. Aus dieser wer- den sie durch Düsen in den Ofen eingeblasen. Sie sollen einmal das Gewölbe kühlen, was sie auch sehr wirkungsvoll tun, so daß es strotz der anfangs gehegten Befürchtungen im Betriebe nie durch- gebrannt ist, und andererseits sollen sie die aufgenommene Wärme der Beschickung zuführen, um diese vorteilhaft vorzuwärmen. Der Betriebsstrom wird als Drehstrom von 10 0110 Volt Spannung und LS Perioden sekundlich vom staatlichen Elektrizitätswerk am Troll- Hütts bezogen und durch Transformatoren aus die niedrige Ge- brauchsspannung herabgesetzt. Diese ist variabel in den Grenzen von S0 bis 00 Volt; durch eine besondere Umschaltung kann man auch Spannungen von 100 und 180 Volt erreichen. Die weite Spannungsänderung ist deshalb erforderlich, weil man die Strom- zufuhr zum Hochofen nicht wie bei den Elektro-Stahlöfcn mit Licht- bogenbctrieb durch einfaches Heben und Senken der Elektroden reguliert, sondern durch entsprechende Einstellung der Spannung. Dies wird erreicht durch Ein- und Ausschalten von Windungen auf der Hochspannungsseite mittels eines besonderen Rcgeltransforma- tors. Die einzelnen Phasen des sekundären Kreises können auch gleichzeitig mit verschiedenen Spannungen arbeiten, zum Beispiel mit 70 und 80 Volt. Die hier zum erstenmal benutzte Art der Regulierung hat sich vorzüglich bewährt und den Betrieb wesentlich erleichtert. Einige zahlenmäßige Angaben über den Ofen und seine Be- triebsergcbnisse werden noch Interesse bieten. Zur Bedienung der gesamten Anlage, zum Brechen und Anfahren des Erzes, Anfahren der Kohle, Abwiegen von Eisen und Schlacke, zum Beschicken, zur Wartung der Elektroden für Schmiede, Schlosser und Elektriker- arbeiten usw. sind insgesamt 27 Arbeiter nötig. Der Ofen wird mit Holzkohlen betrieben, nur zur Ingangsetzung dient eine geringe Menge Koks. Im ersten halben Jahre war sowohl der Holzkohlen- wie der Stromverbrauch erheblich höher als man erwartet hatte. Jener betrug pro Tonne ausgebrachtes Roheisen zirka 418 Kilo- gramm, der Stromverbrauch zirka 2400 Kilowattstunden. Gehofft hatte man mit 333 Kilogramm Holzkohle und 2000 Kilowattstunden auszukommen. Die Stromstärke im Ofen betrug zwischen 9700 und 10 800 Ampere. Die vorstehenden Verbrauchszahlen, die sich auf das erste halbe Betriebsjahr beziehen, wurden aber nach einer Mit- teilung der„Iran and Coal Trades Review" späterhin wesentlich unterschritten. Danach wurden für eine Tonne Roheisen nur noch 836 Kilogramm Holzkohle und 1730 Kilowattstunden verbraucht. Allerdings beziehen sich diese äußerst günstigen Ziffern nur auf den Betrieb einer Woche und sind somit nicht als Durchschnittsleistungen zu betrachten; sie sind aber doch so bemerkenswert, daß man mit großer Spannung den Ergebnissen der neuen Oefen von 2500, 3000 und 3500?3. entgegensehen muß, die in den nächstem Monaten in Betrieb kommen sollen. A. H. Kleines Feuilleton. Hauswirtschaft. Backpulver. Liebig berechnete, daß man in Deutschland bei Anwendung von Backpulver statt Sauerteig oder Hefe täglich min- bestens 2000 Zentner Brot ersparen könnte. Dieser Verlust entsteht dadurch, daß die Hefe 1,0—2 Proz. an Stärkemehl verbraucht. In der Großindustrie wird diese Materialvergeudung auch nicht mehr sehr häufig zu finden sein, da man mit Backpulver das Ziel, die Bildung von Kohlensäure im Teig, billiger und sicherer erreichen kann. Der Sauerteig und auch die Hefe spalten bei der Gärung die Stärke in Alkohol und Kohlensäure, die beide bei der Erhitzung ausgetrieben werden. Die Kohlensäure ist die Ver- anlassung zur Entstehung der Blasen oder Poren im Gebäck. Die Chemie kennt nun genug Mittel, die zur Erzeugung freier gasförmiger Kohlensäure herangezogen werden können. Die bekannteste Erscheinung ist im häuslichen Ge- brauch die Herstellung der Brausewasser oder Brauselimonaden unter Verwendung von kohlensaurem Natron(Bullrichsches Salz) und Essig oder Weinstein. Das kohlensaure Natron gibt die Kohlensäure frei, sie entweicht und veranlaßt hierdurch das Brausen, während die Vase, das Natron, sich mit dem Essig oder der Weinsteinsäure ver- bindet. Aehnlich ist der Vorgang auch beim Backen. Wird je die Hälfte des Mehles mit einer bestimmten Menge kohlensaurer oder doppeltkohlensaurer Salze vermengt, und die andere Hälft mit sauren Salzen, so ist, wenn diese beiden Teile durcheinander- geknetet werden, der Vorgang derselbe. Die sauren Salze wirken auf die kohlensauren oder doppeltkohlensaureo ein, die Kohlensäure lvird frei, und da sie als Gas jetzt Platz braucht, treibt sie überall kleine Bläschen auf, in denen sie sich einstweilen sammelt. Darum beide Chemikalien im Teig bei richtiger Handhabung gleichmäßig verteilt sind, so muß ein Gebäck entstehen, welches überall gleich porös ist. Außerdem haben die Backpulver noch den Vorteil.' daß inan nicht erst manchmal viele Stunden auf das Gären des Sauer- teigeS oder der Hefe zu warten braucht, sondern nach Einrühren bald backfertig ist. Physikalisches. DaS Leuchten des Phosphors. Alle Lichtquellen der Natur, die nicht mit einer entsprechenden EntWickelung von Wärme verbunden sind, geben dem Menschen ein schwieriges, aber wichtiges Rätsel zu lösen auf. Wenn ein Stück Holz oder Kohle verbrennt und dabei Licht entsendet, so liegt die Erklärung als Begletterscheinung des eigentlichen Berbrennungsvorgangs nahe. DaS Licht aber, das von einem Glühwürmchen, von Batterien oder Pilzen ausgeht, ist auf einem so gewöhnlichen Wege nicht zu verstehen. Zu derselben Gruppe von Erscheinungen gehört ferner auch das Leuchten der ver» dünnten Gase in einer Geißlerschen Röhre oder daS des Quecksilber« dampfe? in einer der modernen Lampen mit dem auffälligen violetten Licht. Auch in diesen Fällen ist das Leuchten nicht an eine Tempe« ratursteigerung geknüpft. Der natürliche Vorgang, der gewisser- maße» als Schulbeispiel seit langem betrachtet worden ist und auch den Namen dafür hergegeben hat, ist da? Leuchten deS Phosphors. Es scheint freilich leicht verständlich zu sein, denn es beruht nach der allgemeinen Annahme auf einer ganz allmählichen Verbindung des Phosphors mit dem Sauerstoff der Lust. Dennoch ist der Vorgang der Phosphoreszenz etwas verwickelter, als man bisher geglaubt hat. Man kann ein hübsches Experiment damit ausführen. Wenn man eine Glasröhre nimmt und an einem Ende ein Stück Phosphor hineinlegt, so sieht man zunächst da? Leuchten verschwinden, wenn.die Glasröhre verschlossen wird, da sich dann der Sauerstoff allmählich erschöpft. Es beginnt aber sofort wieder, wenn man die Luft zutreten läßt. Preßt man sie sogar mit einer gewissen Geschwindigkert in die Röhre hinein, so verbreitet sich das Leuchten in der Röhre und löst sich sogar derart von dem Phoöphorstück los, daß dieses dunkel bleibt, während eine leuchtende Säule mitten in der Röhre frei zu schweben scheint. Die leuchtende Säule kann. wenn die Geschwindig- keit des Luftstroms immer weiter gesteigert wird, die Länge von Vg Meter erreichen und schließlich sogar über die Röhre hinaustreten. Läßt der Luftstrom nach, so schnellt sie sofort wieder auf das Phosphorstück zurück. Durch diese merkwürdige Erscheinung ist der Physiker Bloch zu der Vermutung gelangt, daß die Verbindung de« Phosphors mit Sauerstoff, also seine Oxydation, sich in zwei Stufen vollzieht. In der ersten bildet sich eine nichtleuchtende Verbindung und erst in der zweiten eine höhere, die von der eigentümlichen Lichtentwickclung begleitet ist. Bleibt der Phosphor in unbewegter Luft, so erscheinen beide Stufen der Veränderung gemeinschaftlich, werden aber unter der Einwirkung des Luftstroms in einer Trennung sichtbar, indem der erste Teil des Vorganges auf daS Phosphorstück beschränkt bleibt, der zweite leuchtende Teil aber erst in der umgebenden Luft vor sich geht. Nach weiteren Untersuchungen ist daS höhere Oxyd, an daS die Lichterscheinung gebunden ist, die gewöhnliche Phosphor- säure. UebrigenS zeigt sich ein gleiches Leuchten auch beim Schwefel, wenn er auf 250 Grad erhitzt wird, und am Arsenik bei einer noch höheren Temperatur. Medizinisches. Da» Herausnehmen der Mandeln. Es gilt jetzt als ein allgemein empfehlenswertes Verfahren, bei Kindern, die zu Haiskrankheiten neigen, schon im frühen Alter die Mandeln zu ent- fernen. DaS geschieht freilich niemals restlos, da sich daraus be- denkliche Folgen ergeben würden. Durch die operative Verkleinerung der Mandeln aber wird eine Anfälligkeit für entzündliche Er- krankungen erheblich herabgesetzt. Dennoch ist eS nicht ratsam. daS Herausschneiden der Mandeln unterschiedslos bei jedem Kinde vor- zunehmen. Schon der Umstand muß zur Vorsicht mahnen, daß der eigentliche Zweck der Mandeln und ihre Bedeutung für den Körper bisher immer noch unbekannt geblieben ist. Infolge- dessen hat Professor Mackenzie in Baltimore eine Unter- suchung darüber angestellt, nach welchent Gesichtspunkte der Arzt über den Vorteil der Herausnahme der Mandeln zu ent- scheiden hat. Einerseits werden die Mandeln als Eintritts- und Aus- gangSpforten ansteckender Keime betrachtet, demzufolge teils als Schutzmittel gegen Erkrankungen, teils als eine Gefahr angesehen; ferner sieht man in ihnen den Sitz oder die Aufspeicherung der weißen Blutkörperchen. Ueber diese Frage müßte erst das letzte Wort gesprochen sein, ehe man über die Ralsamkeit der Entfernung der Mandeln ein endgültiges Urteil fällen könnte. Für das Kindheits« alter find die Mandeln nach der Ansicht von Professor Mackenzie als Ganzes wichtig. Sie erreichen ihre volle EntWickelung am Ende des ersten Lebensjahres und nehmen vom reifen Alter an ab. Ihre Mitwirkung bei der Entstehung ansteckender Krankheiten ist angeblich sehr übertrieben worden, da die Drüsen der Nase und des Nasenrachenraumes daran einen größeren Anteil haben. In manchen Fällen kann selbst bei verdickten Mandeln ihre allmähliche Verkleinerung ohne Schaden von der natürlichen Entwickelung er- wartet werden. Besonders widerrät Mackenzie die Entfernung der Mandeln bei allen Personen, die in ihrem LebenSbcruf auf ihre Stimme angewiesen sind. Lerantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingcrLCo..Lerlin LAk,