Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 135. Dienstag, den 16. Juli. 1912 viachdru« verbolin.) 11Z Oer Mittiber. Von Ludwig Thoma. Hütt di scho it g'fragt, und frag' di nacha aa net. bal i öü�t geh und hau s' mit da Goaßl(Peitsche) zu'n Hof außi!" „Du?"( t! »Dös will i sehg'n!" »Dös ko'st glei sehg'n, bal's d' am Fensta steh bleibst!" Lenz griff an die Türklinke. „Da bleibst!" herrschte ihn sein Vater an. »Was nacha!"> „Du bischt a Mannsbild, und vo Dir valang i was an- dersts, als wia von dem dumma Frauenzimma da drausjd." „Bei Dir waar a jed's dumm, dös si den Saustall it g'fall'n laßt!" »Was g'wen is, is g'wen; und Du machst as it anders!" »Aba nausschmeiß'n ko i de sell." „Na! Dös ko'st it; Du hascht no lang koa Hausrecht da jherin." „So? Dös will i sehgn, bal dös gerichtsmaßi(zur Kenntnis des Gerichts kommt) werd, ob a sellene Person in an Haus bleib'n derf." »Um dös kümmert si koa G'richt nix." ..I zoag's o! Hascht mi vastanna? An Kommadant frag i, ob mi dös leid'n müass'n." „Geh no und bring d' Schandarm' her; aba Du kimmst nimmer eina, dös mirk da guat!" »Amal kimm i scho Wieda." „Na, Bürschei! Für dös schiab i dir an Rieg'l vor, und auf mei Sterb'n freust Di Du umasunst." „Vo so was Hab i net g'red't." „Aba g'moant Host d' as. Amal kimm i scho Wieda, sagt der Lackl ganz frech zu mir!" „Dir gib i koan Lackl net o!" ,,S Mäu halt! Und paß guat auf, was i Dir sag! Wann Du bei da Thür außi gehst und machst ma was drei(kommst mir dazwischen) und sagst was, was mir net paßt, und thuast was, was mir net paßt, Bürschei, nacha fahr i in der näm- linga Stund in d' Stadt nei' zu'n Levi und laß an Hof z'trümmern." „Dös ko'st Du leicht sag'n.. „Und grad so leicht thoa. I bin bessa dabei, wann i z' Dachau drin privatisier und brauch enk Maulaufreißer net um mi rum Hamm. Oes habt's mi a so scho a bisse! vagrämt, ös zwoa!". „Mit was Nacha? Thua'r i mei Arbet net rechtschaff'n?" „Thun s' halt net, na stell i mir an Knecht mehra ei! Der nimmt sei Geld und is z'fried'n und zählt net an jed'n Tag in Kalenda nach, bis i übagib oder o'kratz(abkratze)!" „Du Werst vo mir aa nix sellas g'hört bamm!" »G'hört it. So schlauch(schlau) bist Du freili, daß d' so Was it sagst. Aba Aug'n macha und d' Trentsch'n(Lippe) hänga lass'n vo lauta Badruß daß i net glei Schnall und Fall übageb'n Hab'." „Was Du setz allssammete daher brachtst!" „Dös, was i scho lang gespürt Hab, woast! Dös, was mi scho lang druckt, dös kümmt jetzt außa, weils Du so frech bischt zu mir! Weil Di Du für mi hi'stellst und sagst, i soll außi schaug'n, wia's Du«mein Deanstbot'n mit da Goaßl außi haust.. „Bal amal d' Urschula..." „Jetzt red i! Bischt Du aa no oana, daß Du dein' Vätern mit'n Schandarm kimmst? Wo nimmst denn Du Dei Recht her, daß Du a so aufdrahst? Dös sell möcht i wiss'n." „Mi sagt grad, daß mi so was it leid'n muaß.. „Muaßt aa net! Koa Stund net! Pack z'samm und geh und kaff Dir a Häuslerssach von Dein Muattaguat..." „Dös hon i vom Vätern it vadeant, daß mir da Stroh- sack vor d' Thür g'schmiss'n werdl" »Dös host Du Dir in dera Stund vadeank mit Deinoi Frechheit, und bal's Dir it g'fallt, kost mi ja über dös aa'r o'zoag'n bei de Schendarm'. Mei Lioba, dös Hab i Dir in's Wachs'! druckt(etwa: das wird Dir nicht vergessen werden). daß d' mir Du mit'n G'richt und mit da Polizei daherkamst l Frag amal Dein Kommadant, wia ma dös macht, wann dct Herr Sohn's Recht Hamm möcht, und der Alt laßt's it her. Vielleicht hilft a Dir, Du ausg'schamta Kerl. Du!" „I Hab g'rad g'sagt..." „Du hoscht g'sagt, daß Du mi o'zoagst! Daß Du Dein' Vakern o'zoagst, hoscht g'sagt." „Dös hon i aa net so ernst gmoant..." „Na, gib i Dir an G'spaß o, gel! So red'n d' Hand» werksbursch'n mitanand, aba net zu mir." „Ja no, bal i einakimm, und woant mir d' Urschula was für..." „Na gehst du rei' und bischt frech! Scheniern brauchst du di ja it, und mit mir Werst du glei ferti. Und bal's dir selm it g'lingt, host ja d' Schandarm' auf deina Seit'n.. „J sag da ja..." „Nix mehr sagst, und außi gehst! I will di nimma Hamm da herin." „Und de... de ander da, de bleibt?" „So lang, als i will, �oda bis d' Schandarm' kemman und mi vahaft'n." „Vata, laß's guat>sei!" „Mach, daß d' weita kimmst, und geh an dei Arbet und laß mi nix mehr hör'n vo dera G'schicht! Und dös will i dir no sag'n: zwoamal habt's mi ös dumme Luada aufg'halt'n, daß i da Zenzi net heut scho an Laufpaß gcb'n Hab. Z'erscht de ander da draußd, und jetzt du!" „Vata, sei g'scheit und tbua s' weg!" „Na, sag i! Sinst moanst du, i scheuch d' Schandarm'. Und jetzt geh! I mag nix mehr hör'n." Lenz sah, daß keine Zeit mehr war für gute oder gar für zornige Worte. Er Hatte noch nie einen ernsten Auftritt ge- habt mit dem Alten und merkte zu spät, daß eine� unbedachte Rede nicht gar so leicht verklingt, sondern einen tiefen Riß auftun kann: und ihn reute, was er gesagt hatte. Er ließ den Kopf hängen und zog die Türe still hinter sich zu. „Bst! Lenz!" Die Ursula wisperte ihm aus der Küche zu. „Lenz, geh eina!" Er zögerte, ging aber doch zu ihr. „Daß er gar so g'schriean Hot?" „Geh weg! Du Host mi in was schön's einibracht." „Jetzt kamst du aa'r a-so daher! Was ko denn i dafür? Müass'n mi zuaschaug'n, bal so was g'schieht?" ,,A, hör auf und redt it! I wollt', i hätt mi it ein'i g'mischt!" »Du muaßt ja glei gar zu der andern Helsa!" „Hätt'st dei Mäu g'halt'n, na hätt er s' selm außi g'schmiss'n." „Dös glaabst du? Da bischt d' schön dumm!" ,.J moan', de Dumm' bischt bloß du g'wen!" „Da... da schaug! Jetzt kimnrt sie! Sie geht zu eahm cini!" Ursula deutete hastig gegen das Türfenster bint ihre Blicke hingen sich an der Zenzi fest, die ins Hausflötz herein kam und aus den Pantoffeln schloff. „Schaug hi'!" wisperte sie erregt. Aber die Magd war schon in die Stube eingetreten. Die Augen der Ursula funkelten und Muten dm Lenz vielsagend an. ,„Host as g'sehgn?". Er gab ihr keine Antwort und biß an den Fingernägeln. „Dös muaß i hör'n, was de mitanand Hamm," flüsterte die Ursula wieder und wollte hinaus. „Du bleibst da!" „Laß mi do lus'n!(lauschen)" „Na, sag' i. Bal des Mensch rauskam und di bei'n horch'n derwischet? Soll s' des aa no ini Dorf rum vazähl'n?" Er hielt sie am Arm fest und stellte sich vor die Tür«. Senat stand in der Stube vor dem Schormayer; sie hatte ein Lächeln in den Mundwinkeln, als sie nun fragte: „Was willst na von mir? Du Host g'sagt, i soll kemma." „Ja so. I Hab g'hört. d' Ursula hat di ausg'schasft? (ausgeschimpft)" „Freili! Heut in da Fruah, woaßtl Sie hat ja all's g'hört. geschtern auf d' Nacht. I Hab dir's glei g'sagt, daß.. „Vo geschtern woaß i nix mehr. Desweg'n Hab i di net kemma lass'n." „Net? Ja, was.. „Was i dir sag'n will, is dös, daß du bis Liachtmeß's Bleib'n Host." Zcnzi kicherte. „Du. patz auf, aba wenn..." „Daß du bis Liachtmeß bleib'n kost, Hab i g'sagt, und desweg'n brauchst it«so dumm lacha. Zum Lacha gibt's gar nix. So. und jetzt gehst Wieda außi und machst dei Sach mit Ordnung!" Zenzi schaute ihn verblüfft an; er drehte ihr den Rücken zu und sah zum Fenster hinaus. Da sagte sie recht kleinlaut„Adjähl" und schlich lautlos in den Flötz und schloff wieder in ihre Pantoffeln und klapperte in den Hof hinaus. „Gar so viel müassen s' net dischkriert Hamm," sagte der Lenz in der Küche. „Dös ander sagt er ihr nacha scho auf d' Nacht bal er Wieda aufischliaft," antwortete Ursula. (Fortsetzung folgt.) Eine Szene aus dem Kinderleben. Von Hermann Conrad i. (Schluß.) Aber es geht eine Viertelstunde nach der andern hin, und die Mutter kommt nicht. Es ist schon neun Uhr. Der Mann wird schon ärgerlich auf seine Frau. Was ist das für eine Mutterl Hat sie nicht einmal so viel Liebe für ihr Kind, daß sie die paar Straßen weit herhuschen kann, nach dem Knaben zu fragen? Da liegt der kleine Karl nun, auf dem harten Hausmanns- bett,— er schläft ja,— Gott sei Dank!— Aber sein Atem geht doch beängstigend schnell— er raffelt so eigentümlich— und dann die Röte auf den Backen und die eingefallenen Augen, die tief in ihren Höhlen liegen und schier unheimlich aussehen in dem trüben, verschwommenen Licht der Lampe— unheimlich wie die Augen eines Toten... Jetzt ist es halb Zehn— und da schlägt die Klingel an, die oben in- der Zimmerecke hängt. Der Mann zuckt zusammen. Es ist ihm, als käme da einer— einer, der— o Gott! Wer steht draußen vor der Tür? Wer begehrt Einlaß? Der Vater starrt er- schrocken auf sein Kind... Er hat in den letzten Minuten ein wenig vor sich hingeträumt— nun muß er sich erst wieder zurecht- finden... Unwillkürlich ist er etwas näher ans- Bett herangerückt und hat die eine Hand auf die Decke gelegt... Geht da nicht die Tür auf? Nein! Aber die Glocke schlägt noch einmal an— und jetzt ist der Mann wieder ganz klar bei Verstände— er weiß, draußen steht die Mutter und verlangt nach ihrem Kinde... Er stürzt hinaus und zieht den Riegel zurück... „Wo ist der Junge? Ist was passiert?..." „Passiert? Er ist drinnen bei mir.. „Warum hast Du ihn denn nicht nach Hause geschickt— Du weißt doch, daß ich mich tot ängstige!" „Ich habe hiedmuch schöne Angst ausgestanden!' «Allmächtiger Gott? Was ist denn?" „Karl ist krank.. Jetzt stehen die beiden bor ihrem Kinde. Die Mutter kann kaum ein Aufschreien unterdrücken. Wie sieht der Junge aus! Wie'ne Leiche!... Er stirbt ja! „Aber was hat er denn nur gemacht, Karl?" «Schrei nicht so? Der arme Wurm will schlafen." «Aber was machen wir denn mit ihm?" „Was wir machen!'ne Frage! Du nimmst ihn auf den Arm und trägst ihn nach Hause. Das ist das einzig Vernünftige... Hier kann er nicht bleiben, Wilhelm kann alle Minuten kommen— und ich will nicht, daß er me-ckt, der Junge hat im Bett gelegen. Also fix!..." „Aber ich kann ihn doch nicht so tragen— ohne Tuch— ohne alles—'s ist windig— und das Kind hat Fieber— sieh doch bloß mal, wie rot die Backen sind! Und— ach Gott— die kleinen heißen Patschhändchen!... Das arme Kind!..." Der Mutter laufen die hellen Tränen aus den Augen... �«.Na! Flenne nicht, Weib! Das hilft nichts!.., Der Junge muß nach Hause— ins Bett— ich komme gleich nach zehn— vielleicht ist der Doktor irgendwo aufzutreiben— will nachher mal hingehen!..." „Aber ich habe ja kein Tuch! Und der scharfe Wind!.. „Nimm Deine Schürze nnd wickle den Jungen fest ein— bis dahin wird es gehen— dann packst Du ihn gleich ins Bett und machst kalte Wasserumschläge— es ist doch nun mal nicht anders!..." Die Mutter bindet die Schürze ab. Dann zieht sie den Knaben aus den Kiffen auf den Arm... Der läßt alles ruhig mit sich geschehen... Die Augen bleiben geschlossen. Die Aermchen hän-> gen schlaff herab, der Kopf fällt auf die Brust nieder... Die Mutter kann sich nicht enthalten, einen Kuß auf die Lippen ihres Kindes zu drücken. „Mein liebes Kärtchen, was hast Du nur gemacht!..." Dann schlägt sie mit der Rechten die Schürze um den schmäch- tigen Leib des Knaben und vermummt ihm das Gesicht. Nur das kleine Stumpfnäschen guckt noch heraus und die Füße sind ficht. bar... Dann geht es nach Hause. Die Frau läuft so schnell sie kann. Die Luft ist empfindlich kühl und der Wind ziemlich scharf, be- sonders an den Ecken. Und sie muß oft genug um eine Ecke biegen. denn in dieser Stadtgegend setzt sich Gäßchen an Gätzchen— ein buntes verschwommenes Gewirr enger, schmutziger Straßen und unappetitlicher Gaffen!...— Der Mann ist wieder in sein nüchternes, kahles Zimmer zurückgekehrt. Er atmet unwillkürlich auf. Gott sei Dank! ES ist ihm doch nun ein wenig leichter, wo er weiß, daß sein Kind nach Haufe kommt. Nun hat er doch nicht mehr allein die Verant- wortung! Er tritt ans Bett und streicht und zupft die Kissen zurecht. damit keiner merken soll, daß schon jemand darin gelegen... Dann setzt er sich an den Tisch und schraubt die Lampe höher. Sein Blick fällt dabei auf die Blätter des Schundromans. Soll er weiterlesen? Er hat eigentlich nicht besonders Lust... Aber'n bißchen Ablenkung wäre auch ganz gut... Er will sich auf andere Gedanken bringen. Und er beginnt zu lesen. Auf der ersten Seite hält er noch öfter inne, blickt auf— ihm ist's, als müsse er sich nach dem Bett umsehen, ober der Junge schlafe— ob das Fieber nachgelassen... Dann erinnert er sich, daß Karl ja jetzt zu Hanse sei... Ach! Es wird nicht gleich so schlimm sein! Morgen früh ist wieder alles in Ordnung. Der kleine Karl kann zwar nicht viel vertragen, aber immerhin!... So'n bißchen Hitze! Das hat jedes Kind mal... Und er liest weiter... Es ist halb Elf. Da fährt wieder ein leises Raffeln durch den Draht und gleich darauf schrillt die Klingel auf... Aha! Wilhelm! Nun kann er nach Hause gehen. Ja! Er will es sofort tun. So ganz gelegen kommt ihm zwar sein Kollege nicht. Er hätte gern noch'n paar Seiten weitergelesen. Die Räuber- geschichte wird immer spannender. Aber seine Frau wartet— es ist doch Keffer so!... Er öffnet die Tür. Wilhelm kommt und bringt noch einen dritten mit. „'n Abend, Karl!'n bißchen später geworden— haben erst noch einen bei Toppen geschmettert— Du spielst doch mit? Wollen noch'n kleinen Skat machen! Fix!..." „Nee, Wilhelm— laß nur heute äbend— ich muß nach Hause — meine Frau wartet— und Karl, mein Junge, ist auch nicht wohl— ich habe rechte Angst..." „Ach was! Der Junge hat auch immer was! Das hört gar nicht auf. Da wird Deine Frau schon fertig werden! Komm nur!" Und der Mann läßt sich von seinem Kollegen verleiten. Ob er nun'ne halbe Stunde früher oder später kommt, ist egal! Er hat heute abend genug ausgestanden. Er kann sich'ne kleine Er- holung gönnen. Ach was! Was kann das schlechte Leben helfen! Und dann! Der Wilhelm hat wirllich recht, der Junge hört nicht auf, zu guengeln! Wie hat der kleine Bengel ihm schon das Leben verbittert! Warum muß er gerade so'n Wurm zum Kinde haben? Wie oft hat er sich das schon gefragt! Und immer wieder hat er sich abfinden müssen. Er wird sich auch heute abfinden— ja! Und das geht aus die leichteste und bequemste Weise, indem er sein ganzes Unglück zu vergessen sucht. Da stehen seine Kum- pane und fordern ihn auf,'n Skat zu machen und einen Schnaps hinter die Binde zu gießen. Gut! Er wird's tun! Er tut's. Die drei setzen sich an den alten, abgenutzten, wacke- ligen, verrenkten Tisch und spielen ihre Naht runter... Es geht auf Zwölf. Die Schnapsflasche, die der Dritte, der etwas tolpatschige Gustav, Wilhelms Schwager, aus seiner schmie» rigen Rocktasche geholt, ist so ziemlich leer. Sie haben alle drei tapfer zugesprochen. Man merkt ihnen die Wirkung des Alkohol? auch an. Die Gesichter sind rot, aufgedunsen, die Augen gläsern. die Stimmen sind schärfer, kreischender, abgebrochen, heiser, die Bc- wcgungcn eckig, hart, unsicher..Karl scheint am meisten„weg" zu haben. Seine Zunge geht am schwersten und seine Reden sind am unklarsten... Das ist kein Wunder. Er hat seit Mittag keinen Happen gegessen, und nun den Alkohol in den nüchternen Magen: das berauscht doppelt schnell und doppelt stark. And dazu die Stickluft in dem engen Zimmer, der Schnapsdunst, der ekelhafte, stin- kende Qualm aus Wilhelms langer Pfeife, die Aufregung beim Spiel: Alles wirkt zusammen, seine Gedanken immer verwirrter zu machen, seine gerstigen und körperlichen Funktionen immer mehr aus dem gewohnten Gleise zu drängen,., s Die Karten zittern in seinen krampfhast zusammengepreßten Fingern. Seine stieren Augen heften sich auf ihre Figuren und Zeichnungen: was wollen die Fratzen eigentlich von ihm? Sie grinsen ihn an, sie steigen von dem Blatt herab und blähen sich auf— sie tanzen um ihn herum— sie setzen sich auf die großen, blauen Wolken, die da aus dem feurigen Buge neben ihm hervor- quellen— jetzt brennen die Karten in seiner Hand � sie zerbeißen seine Gelenke— die Flamme frißt sich in seine Knöchel— und da! — steigt da nicht aus dem roten, glühenden Augen, auf Dampf- kissen gebettet, ein bleiches Totenantlitz: die Züge sind weich, ver- klärt, wie ein stilles, seliges Lächeln liegt es auf ihnen-- und mit einem gellenden Schrei:«Luft! Karl! Tot!" springt der ent- setzte, betrunkene Vater auf und stürzt nach der Tür... Wilhelm und Gustav torkeln schwankenden Schrittes hinter« her... Sie sind zu benebelt, um das Benehmen ihres Kollegen allzu auffallend zu finden... Sie verstehen es nicht und fühlen bloß instinktiv, baß Karl hinaus will... Also mutz ihm einer aufschließen. Das ist das einzige, dessen sich Wilhelm bewußt wird. Alles andere ist ihm gleichgültig. Gustav will gleich mitgehen. Er schwankt noch mal zurück nach dem Zimmer und holt seine Mütze. Nun kann's losgehen. Er schiebt seinen Arm unter denjenigen Karls, der sich nach Art eines Starkbetrunkenen an die ein« Tor- wegwand in gespreizter Positur gelehnt hatte. Gustav muß den armen Kerl mehr schleppen und zerren als führen. So taumeln sie denn beide durch die Tür, die Wilhelm nach langem Tasten und Suchen nach dem Schlüsselloch endlich geöffnet hat, hinaus in die feuchtkalte Frühherbstnacht... Zu Hause ist unterdessen der Junge, der arme, kleine Karl gestorben. Als das sein Vater hört, schlägt er besinnungslos hin. Am andern Morgen g»ht Großpapa Steinbeck mit seinen beiden kleinen Enkelkindern über den Hof. Sie finden den zerbrochenen, beschmutzten Wagen neben einer Fässerlage. Unwillkürlich bücken sich die beiden Kinder nach dem zerschundenen Spielzeug. Ein Zug flüchtigen Bedauerns, oberflächlichen Mitleids fliegt über ihre hübschen, gesunden Gesichter, denen man die feine Kost und die aufmerksame Pflege auf den ersten Blick ansieht. «Latz das schmutzige Ding liegen, Bruno— Ihr habt ja oben besseres Spielzeug! Kommt, Kinderl Das Ding kann sich einer der Arbeiter für seine Kinder mitnehmen. Die freuen sich noch dar- über. Ich werde es mal Wilhelm oder Karl gelegentlich sagen." Und dabei schleuderte er mit der Fußspitze das kleine verrenkte Gespann in eine nahe Ecke... Der gute Großpapa hatte keine Ahnung, daß sich an diesem erbärmlichen Scherben gestern ein junges Menschenleben verblutet hatte... Groteske 8ckönkeit. Die künstlichen Körperverunstaltungen. Von Hermann Singer. Künstliche Körperverunstaltungen sind Gemeingut wohl fast aller Völker, der zivilisierten Menschheit wie der Wilden. Wir selber brauchen da nur an das Korsett zu denken, das, dauernd getragen, die weibliche Figur ja auch äußerlich zu verändern, nicht nur die inneren Organe zu schädigen vermag. Ebenso übt ein so altes Kulturvolk wie die Chinesen die Verkrüppelung des Fußes, und die Versuche, dieser Sitte den Gäraus zu machen, haben bisher kaum mehr Erfolg gehabt, als bei uns der Kampf gegen das Korsett. Wenn wir aber diese und andere Eingriffe in die Natur als Verunstaltungen verzeichnen, so widersprechen wir damit der An- schauung aller derer, die sie an sich vornehmen. Denn es handelt sich in den weitaus meisten Fällen um Bemühungen um die Ver- schönerung des Körpers in der Absicht, das andere Geschlecht anzulockend Der chinesische Frauenfuß wird durch unbarmherzige Einschnürungen schon beim kleinen Mädchen um ein Drittel ver- kürzt. Die Zehen werden, mit Ausnahme der großen, unter die Fußsohle geschlagen, und das Fersenbein wird nach unten abgebogen. Die Kleinheit des Fußes wird aber vornehmlich dadurch vorgetäuscht, daß er nicht ganz im Schuh, sondern zum Teil in der Umhüllung des Unterschenkels steckt. Ein entblößter chinesischer Frauenfutz sieht geradezu widerlich aus mit seiner Verkrüppelung. Den Chinesen aber erscheint er entzückend und auch vornehm. Die Fußverunstaltung ist im wesentlichen auf China beschränkt; doch mag daran erinnert werden, daß auch die Europäerinnen bis vor wenigen Jahren Schuhwerk trugen, das eine Deformation in der Zehenstellung bewirkte. Selbst ein anscheinend so starrer Körperteil wie der Schädel wird künstlichen Veränderungen unterworfen. Indessen� kann das nur in ganz jugendlichem Alter geschehen, wenn die Schädclknochen noch weich und die Nähte zwischen ihnen noch lose sind. Durch Pressung zwischen Brettchen oder Umschnürung wird der Kopf mehr oder weniger lang ausgezogen, oder es wird auch nur das Hinter- Haupt flach gedrückt, indem man das Kind mit ihm fest gegen eine Brettunterlage bindet und eS nicht eher davon befreit, als bis es zu laufen beginnt. Diese Schädeldeformation ist vornehmlich unter den Polarvölkern und den Indianern ganz Amerikas üblich. An den alten Peruanerschädeln unserer Sammlungen ist die Berlänge« rung ganz besonders deutlich zu sehen und so symmetrisch, daß früher von einigen Gelehrten die künstliche Deformierung über« Haupt bestritten worden ist; aber man weiß heute, daß die jetzigen peruanischen Indianer es noch genau so machen, wie ihre Vor« fahren. Aus der Südsee ist die Sitte unter anderem von der Süd» küste Neupommerns und den Neuen Hebriden bekannt; aber sie ist dort nicht allgemein, und es finden sich in jedem Dorf noch Leute mit normalen Schädeln. Die Deformation wird hier, so sagt Parkinson, gleich nach der Geburt des Kindes in Angriff ge- nommen, indem man den Kopf oberhalb der Augen mit Binden und Rindenzeug fest umwickelt. Diese Umwickelung wird täglich erneuert und so lange fortgesetzt, bis die erwünschte Form erzielt ist, das heißt etwa 18 Monate hindurch. Der Grund für die Sitte ist das Bestreben, sich zu verschönen, und zwar sind es weniger die Mädchen als die Knaben, die diesen Dauerschmuck erhalten. Noch weit mehr find die Weichteile des Kopfes, besonders Ohren und Lippen, der„Verschönerung" ausgesetzt. Wenn wir Europäer die Ohren nur einfach durchbohren, um Schmuckringe und Ohrgehänge einziehen zu können, so gehen andere Völker viel weiter, indem sie das Loch in den Oberläppchen derart vergrößern, daß breite Scheiben von Holz, Stein oder Metall darin Platz finden und das Ohr bis fast zu den Schultern herabziehen. Das mag für unsere Begriffe von Schönheit noch hingehen; aber ein ähnlich umfangreicher Lippenschmuck, der stets eine furchtbare Entstellung des Mundes zur Folge hat, erregt unser Entsetzen. Solcher Lippen- schmuck ist besonders in Südamerika und Afrika verbreitet. AuS Südamerika nennen wir die Botokuden, die ja nach ihrer Lippen« scheide(Botoque) ihren Namen führen, und die Suya am Schingu. Bei den Suya wird die 7 bis 8 Zentimeter breite und 1,7 Zenti« meter dicke rote Lippenscheibe oder der Lippenring der Unterlippe eingefügt, und zwar tragen nur die Männer diesen Schmuck.„DaS Loch", so erzählt Karl v. d. Steinen,«in dem die Scheibe steckt, ist in der Mitte dicht unter dem Lippenrot gebohrt; durch ihr Ge- wicht fällt sie in eine horizontale Lage; an den Ecken geht das gemalte Rot unmittelbar in die Mundschleimhaut über. Im Profi! ein merkwürdiger Anblick. Die unteren Schneidezähne, des Drucks der Lippe entbehrend, stehen schief, brechen ab, fallen aus." Afrikanische Gebiete mit größerer Verbreitung von Lippemi scheiden sind der Südosten bis nach Deutsch-Ostafrika hinein, ferner die oberen Nil- und Schariländer; aber in Afrika tragen sie nur die Weiber. Eine besonders starke Verunstaltung zeigen die Frauen des Sarastammes; denn sie tragen in beiden Lippen Holzscheiben. Die obere Scheibe hat nach Kumm 754, die untere gar bis IS Zentimeter Durchmesser, mit dem Erfolge, daß die Trägerinnen keine längere Unterhaltung führen können. Ein von dem Reisenden nach dem Ursprung der Sitte befragter Sarahäupt- ling erklärte, die Vorfahren hätten sie eingeführt, um ihren Frauen alle Anziehungskraft auf die mohammedanischen Sklavenräuber zn nehmen. Wir hätten hier also eine Schutzverunstaltung vor uns. wenn der Häuptling recht hätte. Aber seine Auskunft ist schwerlich zutreffend. Sie würde bedeuten, daß die Sara die Lippenscheiben als eine Verhäßlichung empfinden; alle Völker aber wollen doch, daß.ihre Frauen sich schön machen.- Nicht solche Größe erreichen die Lippenscheiben jPelele) der Makondefrauen, aber bis 75� Zenti» meter Durchmesser haben sie immerhin, und es kommt hinzu, daß sie 3 bis 5 Zentimeter dick sind, so daß das schwere Holzstück die Oberlippe nicht selten zerreißt. Dann muß sie geflickt werden. Weule berichtet von einer Makondefrau, daß sie einen Zeugstreifen über die zerrissene Stelle gepappt hatte und nun, um die Heilung der Wunde nicht zu stören, weder sprechen noch lachen durfte. Beim Lachen erscheint übrigens das Geficht einer solchen Schönen geradezu abenteuerlich. Weniger entstellen die von vielen Völkern in die Unterlippe eingeführten Pflöcke, die aus Quarz sorgsam ge-, schliffen sind. Zu den Verunstaltungen des Körpers muß man wohl auch die oft furchtbaren auf Geficht, Brust und Rücken angebrachten Narben, besonders der Afrikaner, rechnen, die Männer wie Frauen tragen. Sie sind zum Teil als Stammesabzeichen, zum Teil auch als reiner Schmuck anzusehen. Die Knaben werden häufig in der Pubertätszeit durch tiefe Schnitte auf ihren Mut hin geprüft» und davon bleiben wulstige Narben zurück. Bei der Gelegenheit sei bemerkt, daß, Streitwolf zufolge, bei den Makoba im Caprivi- zipfel dem gleichen Zweck Schläge auf das Rückgrat dienen, die den Knaben nicht selten für sein ganzes Leben zum Krüppel machen. Es ist unglaublich, sagt Klose, was die Bassarileute im Hinterlande von Togo aushalten, um zu ihren Ziernarben zu kommen. So sah er ein junges Mädchen, das sich von einer Künstlerin die Muster einschneiden ließ und-dabei, obwohl der ganze Körper mit Blut überströmt war, keine Miene verzog. Das Durchstechen der Nasenscheidewand und der Nasenflügel und das Einfügen von Ringen, Stäbchen, Perlen sind so weit verbreitete S'tten, daß der einfache Hinweis genügen mag; es sind auch nicht eigentlich Deformierungen. Eine solche ist aber auf Samoa üblich. Wir erinnern uns der Samoanertruppen. die in Deutschland gezeigt wurden, oder der Bilder in Reisewerken. Die Samoanerin ist durchschnittlich auch nach unseren Begriffen schön, aber gewöhnlich nur von vorn betrachtet. Weit weniger schön ist das uns im Bilde nur selten gezeigte Prvstl; lienn die Nase erscheint infolge dicker Nasenflügel platt. Dicke Nasenflügel sind nach samoamscher Auffassung ei« Merkmal der Schönheit, und man hilft deshalb nach. Wir kommen nun zu den Zähnen, die in ihrer ursprünglichen Gestalt und Zahl vielen Menschen gar nicht zu gefallen scheinen, am wenigsten den Afrikanern. Sehr verschieden ist zunächst da? Spitzfeilen der Schneidezähne, wodurch der Mund ein an den Rachen eines Raubtieres erinnerndes Aussehen gewinnt. Dem- entsprechend wird vielfach geglaubt, Stämme mit spitzgefeilten Zähnen seien Menschenfresser oder besonder? wild; aber das trifft durchaus nicht immer zu. Andere Stämme schlagen sich gewisse Vorderzähne aus, zum Teil deshalb, weil sie nicht den Tieren gleichen wollen, die ein vollständiges Gebiß haben. Die Massai ziehen Knaben und Mädchen die zwei mittelsten unteren Schneide- zähne aus, damit sie— was zum guten Ton gehört— den Speichel in langem Strahl von sich geben können. So wurde Merker er- zählt, der wohl mit Recht meint, die Erinnerung an den wirklichen Grund der Verstümmelung sei in Vergessenheit geraten. Einer uralten und merkwürdigen Sitte, über deren Ursprung die Meinungen noch nicht geklärt sind, entspringen die Trauer- Verstümmelungen, die außer in oft grausamen Selbstzerfleischungen und Scheeren der Haare in der Entfernung eines oder mehrerer Fingerglieder, seltener der Zehen oder eines Ohres von Trauern» den bestehen. Beispiele sind besonders von den Indianern, aber auch von Afrikanern und Südseevölkern bekannt; es scheint in- dessen, daß diese Sitte allgemein im Verschwinden begriffen ist. Von den Schwarzfußindianern hat noch jüngst McClinstock berichtet, die Trauernden schnitten sich manchmal„etwas vom Finger", ge- wöhnlich das erste Glied des kleinen Fingers ab; besonders tiefe Trauer aber gebiete das Verkürzen des Haares. Ein anderer Beobachter, Thomson, sah auf den Fidschi-Jnseln kaum einen älteren Eingeborenen, dem nicht der kleine Finger einer Hand oder beider Hände fehlte. Eine ältere Nachricht erwähnt einen Sioux-Jndianer, der, um seinen im Kampfe gefallenen Sohn trauernd, sich jeden Monat ein Stück von einem Ohre abschnitt, und, da die vorgeschriebene Traucrzeit ein Jahr betrug, das Ohr bald ganz geopfert hatte. Bekannt ist die Trauerverstümmelung schon von den Skythen und den alten Aegyptern. Die Ethnologen nehmen zumeist an, daß die Sitte ein Ersatz oder eine Ablösung des Menschenopfers sei. Eine neuere Ansicht aber(von K. Th. Preuß) geht dahin, man habe es mit einem Versuch der Hinterbliebenen, ihr moralisches Gleichgewicht herzustellen, mit der „ältesten Urkunde des sich regenden Gewissens im Menschenge- schlecht" zu tun, wobei die Anschauung vorauszusetzen sei, die Hinterbliebenen fühlten sich am Tode deS Verwandten mit- schuldig. Nicht immer aber hat man beim Fehlen eines Fingergliedes Trauer anzunehmen. So herrscht bei vielen Küstcnstämmen Südost- Australiens die Sitte, daß schon den kleinen Mädchen zwei Glieder eines kleinen Finger? oder auch dieser ganze Finger abgeschnitten wird, und da soll es sich nach Howitt um ein Stammes- oder Berufszeichen(Fischerfrauen) handeln. Kleines Feuilleton. Hygienisches. Ernährung der kleinen Kinder rm Sommer. Wenn schon der Erwachsene während der heißen Jahreszeit eine besondere Vorsicht in seiner Ernährung beachten muß, so ist dies in noch höherem Maße im Kindesalter nötig. ES ist hier zu be- achten, wie Prof. Langstein in Berlin mit Recht betont, daß durch die Einwirkung der Hitze nicht nur die Nahrungsmittel verderben, Sondern auch die Kinder gewisse Veränderungen erleiden, die unter Imständen dazu führen können, daß sie auch eine gute Ticrmilch nicht vertragen. Selbstverständlich blechen die natürlich ernährten Kinder vor anderen dauernd im Vorteil. Brustmilch verdirbt nicht und die Verdauungskräfte der Brustkinder vermindern sich im Sommer nicht. Die Mutter des künstlich ernährten Säuglings muß sich klar sein, daß sie nicht einseitig die Güte der Milch im Auge behalten darf, sondern sie muß auch stet? bestrebt sein, den Zustand ihres Kindes so zu gestalten, daß eine Verminderung der Verdauungskräfte unter d:r Wirkung der Hitze nicht eintritt. Da- her muß sie in der Ernährungstechnik und in der Pflege des Kindes rm Sommer manches ändern, um seine Verdauungskräfte auf der 'Höhe zu halten. Man gebe daher in der heißen Zeit dem Säug- ting weniger Nahrung als sonst, verzichte lieber auf jede Gewichts- zunähme, als daß man ein plötzliches Versagen der Darmtätigkcit riskiere. Auch die Menge des Zuckerzusatzes muß vermindert werden. Die Ueberfütterung mit Zucker und Milch rächt sich im heißen Sommer oft mehr als die mit Milch. Der Zuckerschnuller �ist die größte Gefahr für das Kind. Was man in der heißen Zeit dem Kinde an Nahrung entzieht, inuß ihm an Flüfsigkeit ersetzt werden; auch der Säugling hat im Sommer ein erhöhtes Durstgefühl, das sich durch Schreien und Unruhe bemerklich macht; gibt man ihm Wasser oder dünnen Tee, so wird er ruhig. Damit die Verdauungskräfte sich erhalten, Muß das Kind möglichst kühl gehalten und vor jeder Ueberernährung in acht genommen werden. Einpacken in Federbetten und Wickel- tücher führt leicht zu Verdauungsstörungen. Der Säugling gehört in der heißen Zeit in das kühle, luftige Zimmer. Was für Säug- linge, gilt auch für die Kinder bis zum zweiten Lebensjahr, deren Nahrung ja auch zum größten Teil au? Milch besteht. Auch hier hüte man sich vor leder Uebersättiguna und vor der Verabreichung von Nahrungsmitteln, die durch die Sommerhitze leicht verderben. Meteorologisches. Der Mond und das Wetter. Zu den schier unau's- rottbar abergläubischen Vorstellungen, die nicht nur in den weniger gebildeten Kreisen des Volkes, sondern weit darüber hinaus all- gemein verbreitet sind, gehört die Vorstellung von dem Einfluß deS Mondes aus den Gang des Wetters. Wem es jemals gelungen ist, diesen vermeintlichen Einfluß in eine selbst erdachte oder errech- nete Formel zu bringen, hat damit großes Aufsehen und einen starken Erfolg erreicht, Der letzte HeroS der Mondmeteorologie war Rudolf Falb, der mit seiner Theorie eine Zeit lang geradezu eine Herrschaft ausübte, aber wie es den Aposteln zu ergehen pflegt. nach seinem Tode bald vergessen worden ist. Die Wissenschaft hat an diesem Schicksal freilich einen gewissen Anteil, da sie sich peran- laßt sah, den Lehren Falbs durch eigene Arbeiten zu begegnen, in denen die Ohnmacht des Mondes mit Rücksicht auf das Wetter nachgewiesen wurde. Aber keins von beiden, weder der Tod von Rudolf Falb noch der Aufwand der Gelehrten gegen ihn, hat den Aberglauben selbst zum Verschwinden gebracht oder auch nur wesentlich gelähmt. Es ist auch heute noch eine Pflicht der Meteoro- logen, von Zeit zu Zeit gegen den lieben Mond zu Felde zu ziehen. Wenn man immer noch hört, wie sonst hochgebildete Leute davon sprechen, daß sich beim Neumond das Wetter geändert habe oder ändern werde, wie der Mond die Wolken verdränge oder ähnliches, so kann man sich der Einsicht in die Notwendigkeit einer immer wiederholten Belehrung nicht entziehen. Ein trefflicher Vertreter der wissenschaftlichen Witternngs- künde, Dr. Otto Klotz, hat kürzlich in einem Vortrag zum hundert- sten Male den Mondaberglauben vernichtet und dafür sehr wirk- same Waffen gewählt, gegen die ein Widerstand eigentlich unmög- lich erscheinen sollte. Er geht von der Frage aus, in welcher Weise der Wechsel des Mondes denn überhaupt einen Wechsel der Witte- rung sollte herbeiführen können. Das einzig«, was auch für die Erde dabei sich wirklich ändert, ist die Menge des Lichtes, die sie vom Monde empfängt. Der Mond erhält aber nur eine Licht- menge, die dem 1 MO OVO sten Teil des Sonnenlichtes entspricht. Von diesem Licht gelangt aber nur ein Teil durch Rückspicgelung auf die Erde, und daraus ergibt sich schon zur Genüge, daß diese Lichtmenge durchaus unwirksam sein mutz, selbst wenn die Möglich- keit einer Wirkung auf die Atmosphäre für erwiesen gelten könnte. Der Mond sendet uns im ganzen Jahre nur so viel Licht wie die Sonne in 30 Sekunden. Außerdem wäre eS auch unlogisch,. einen Einfluß des Mondwechsels auf den Gang der Witterung anzu- nehmen. Dieser ist, wie jeder weiß, sehr unregelmäßig, so daß es lange gedauert hat, bis die Nawrforschung mit dem ganzen Rüst- zeug der Physik und anderer Wissenschaften zu einigermaßen sicheren Wettervoraussagen gekommen ist. Würde aber der Mond das Wetter wesentlich bestimmen, so müßte sich die Regelmäßigkeit seiner Wechsel auch in einem regelmäßigen Verlauf des Wetters erkennen lassen. Was man aber vom Wetter weiß, widerspricht ferner der sonst notwendigen Voraussetzung, daß seine Aenderungen auf der ganzen Erde ungefähr gleichzeitig eintreten müßten, weil ja der Mondwechsel für die ganze Erde gleichzeitig erfolgt. Wie sich die Unterschiede des Luftdrucks, Stürme, Gewitter, Regenwetter und dergleichen in der Regel von West nach Ost, aber auch in ande- ren Richtungen mit verschiedener Geschwindigkeit fortpflanzen, ist heute bekannt genug und an den täglichen Wetterkarten gut zu verfolgen. Den Meteorologen hätte es gewiß weit angenehmer sein müssen, wenn der Mond das Wetter regierte, denn sie hätten sich eine außerordentliche Summe von Scharfsinn und Arbeitskraft er- sparen können. Da aber der Einfluß des Mondes für die Natur- forscher ein« erledigte Sache ist, so haben sie sich eben damit ab- geben müssen, die Bewegungen der Atmosphäre, die Verhältnisse der Sonne und die Eigenschaften ihrer Strahlen, den Einfluß der Erddrehung, die Bedeutung der Verteilung von Land und Wasser aus der Erdoberfläche und viele andere Fragen aufS genaueste zu studieren, um zu einigermaßen sicheren Grundlagen für eine Wettervoraussage zu gelangen. Wenn trotz dieser großen Leistung der Meteorologen, die sich etwa auf das letzte halbe Jahrhundert verteilt, noch heute der Mondaberglaube so kräftig blüht, kann dieser nur durch Vererbung erklärt werden. Der Aberglaube hat sich eben in diesem Fall wie in anderen durch Jahrhunderte im Menschengeschlecht fortgepilanzt. Er gehört in dieselbe Klasse der Vorstellungen wie die Furcht vor dem Freitag oder vor den Dreizehn bei Tisch, ist übrigens auch auf viele andere Zusammenhänge außerhalb des Wetters verbreitet. Dazu gehört die Vorstellung von dem verhängnisvollen Einflüsse des Mondlichts, wenn es einen Schlafenden oder Kranken bescheint, auf die Vergiftung von Fischen durch das Mondlicht und vieles andere. Der Mondabcrglaube erstreckt sich eben seit ältester Zeit auf alles, auf Mensch und Tier, auf Belebtes und Unbelebtes. lverantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwartsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulStngerzcCo.,BerlinLsV.