Hlnterhaltiingsbkatt des Horwärls Nr. 140. Dienstag, den 23. Juli. 1912 MaSdrua vervolen.A 16] Oer Mittiber. Von Ludwig T h o m cc.' Wie dann der Hansgirgl mit dem dampfenden Wasser ankam, wusch der Schmied den Gaul sorgfältig, und hinterher deckte er ihn mit heißen Säcken zu und sagte dem Lenz, er solle das noch einigemal tun. Wie er aber dem Schimmel heißen Baldriantee eingab und alles das ziemlich lange dauerte, sagte die Metzin, sie könne auch gehen, wenn man sie nicht brauche, und sie wäre nur dem Schormayer zu Gefallen gekommen und hätte wohl lieber geschlafen. Da schaute der Deindl alle Anwesenden vorwurfsvoll M und meinte, man sollte die Leute nicht holen, wenn man ihre Hilfe nicht annehme, und es würde aber den Bauer noch lange reuen. Der Schormayer mußte der Alten gut zureden, bis sie sich dazu hergab, als letztes Mittel noch ihren Spruch zu geben. Sie stellte sich neben den zitternden Gaul und lispelte mit ihrem zahnlosen Mund den Vers: „Jerusalem ist eine schöne Stadt, Darinnen Jesus Christus gekreuzigt ward. Er ward gekreuzigt mit Wasser und Blut, Das ist für Würmbeißen und Darmgicht gut." Und dreimal wiederholte sie: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!" Dabei strich sie jedesmal mit der Hand über den Rücken des kranken Tieres. Alle sahen voll Scheu zu, und indes sie die Hiite ab- nahmen, machten sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes. „Amen!" sagte der Deindl mit tiefer Stimme.„Und jetzt feit nix mehr, Schormoar: werft d' as sehg'n." „Hoffatli. Und i dank da recht schö. Metzin, daß d' kemma bischt." Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche, aber die Alte wehrte ernsthaft ab. „Laß guat sei! I nimm nix für dös!" -„No, nacha schick i dir scho was abi, Schmalz und an Loab(Laib) Brod." „Dös braucht's it. Guat Nacht beinand!" Sie humpelte aus dem Stall, und auch die anderen richteten sich zum Gehen. , �„Oana muaß halt Wach halt'n," sagte der Schmied,„und wenn's grad waar, daß a si schlcchta herschaugt, na müaßt's mi halt aus'n Bett außa hol'n. I kimm gmn Wieda." „Es werd it schlcchta! jetzt is's scho g'wunna," versicherte der Deindl. Sie gingen, und in der stillen Winternacht hörte man noch von weit her ihre Stimmen, indem der Deindl die tiefe Wissenschaft der Metzin lobte und der Schmied seine Ansicht über die Krankheit äußerte. Der Schormayer schaffte noch an, daß sich der Lenz und de? Hansgirgl bei der Nachtwache ablösen sollten, und wollte über den Hof ins Haus. Da trat ihm die Zenzi in den Weg. „I muaß da was sag'n, Baua." >„Sag ma's morg'n; jetzt is koa Zeit." Sie fing zu weinen an. „Jetzt woaß i ma koa Hüls gar nimma: und mi is do tda Stuck Viech, daß ma sie umanand schlag'» lass'n mnaß..." „Wer hat di g'schlag'n?" „D' Urschula, und an Hadern Hot s' ma um's Mäu um g'haut, daß i no g'schwoll'n bi..." .„Habt's halt Wieda sireifn müass'n, ös damischen Weibs- bilda!" „Wer Hot g'stritt'n? Koa Wort hon i g'sagt, und g'rad desz'weg'n Hot si mi g'schlag'n, weil'S d' ma du die hcitinga drei Kinni(König) auf d' Kammathür aufi g'schrieb'n hascht..." „Z'weg'n nix andern?" „Na, bal i d' as amal sag', und an nass'n Hadern haut s' ma'r um's Mäü, daß mä's Feua sio de Aüg'n Wega ganga is..." „Dös sagst d' ma all's morg'n!" „Ja, morg'n! Oes(Ihr) fahrt's Wieda mit'n Holz, und i waar(wäre) alloa mit ihr!" „De werd di it fress'n!" „I trau ma nimma, z' bleib'n. I sag d' as, wia's is: de that ja mit mir, was s' gern möcht, und i laß all's lieg'n und steh' und laff davo." „De zwoa Wocha bis Liachtmeß werft d' as no aushal'tt." „I trau ma nimma, und i muaß da'r a so was sag'n." „Wos denn?" Zenzi preßte beide Arme vors Gesicht und weinte uttd schluchzte jämmerlich. „Ja, red halt!" Da schnupfte die Magd auf und sagte zögernd und mit leiser Stimme: „J glaab, i bi in da Hoffnung." „Wos? Wia dös?" „Ja, woaßt as scho!" „Himmasaggera! Du, paß auf, mach mi da koan Pflanz (Geschichte) it vor!" „Was brauch i dir denn vorz'macha? Dös sell werd si scho aufweis'n, und bal nii so beinand is, haut oan de ander wia'r a Stuck Viech!" „Kreuz Teufi! Wia gang nacha dös, daß dü«. „Vata!" Die Stimme der Ursula gellte voin Hause her, und aus der offenen Tür drang ein Lichtschein in den Hof. „Geh zua! Sinscht siecht s' mi," flüsterte Zenzi und huschte weg. „Vata! D' Supp'n is firti!" „Plärr' it a so, du Loas(Sau)!" schrie der Schormayer zornig zurück und ging auf das Haus zu. „I hon it g'wißt, daß du im Hof umanand stehst, sinscht hätt i wohl it so g'schrie'n," sagte Ursula. „I steh dir scho unianand, dir! Wo hoscht mei Ess'n?" „In da Kuch'l halt." „Trägst d' as in d' Stub'n eini!" „Warum nacha?" „Weil i di net sehg'n will, du grob's Viech, du!" Er schlug die Tür hinter sich zu. „Hat s' scho Wieda g'ratscht? Dös zahl a da hoam!" sagte Ursula vor sich hin, indes sie Schüssel und Teller in die Stube trug und einen Löffel klirrend daneben auf den Tisch warf. Der Schormayer hörte sie nicht. Er stand in seiner Kammer und schaute zum Fenster in die Nacht hinaus. Der Mondschein lag voll auf den verschneiten Feldern, und sie glitzerten, als hätten alle Engel Diamanten darauf gestreut. „J glaab, i bin in da Hoffnung." So is recht! Zehntes Kapitel. Am andern Tag klingelte zeitig in der Früh ein sauberes Schlittengespann durch Kollbach: und wer gerade am Fenster stand, schaute ihm gerne nach. Die Pferde hatten blaue und rote Federbüsche aufgesteckt und ein helltönendes Geläute umgehängt und gingen auch darum einen stolzen und vor» nehmen Trab. Im Schlitten saß ein aufgeputztes Frauenzimmer, von dessen seidenem Kopstuche stattliche Zipfel in die Luft hinein- flatterten: auch war es in einen feiertäglichen Schal gehüllt und so vermummt, daß man es nicht erkennen konnte: daneben saß ein junger Baucrnmensch von hagerem Gesichte, aus dem eine scharfe Hakennase vorsprang, und er trug auf dem Hute ein buntes Sträußel. Beim Schormayer bog der Schlitten in den Hof ein und hielt, und dersclbige junge Mensch knallte stolz mit der Peitsche, daß die Anfahrt ein nobles Ansehen hatte. Da kam auch gleich der Lenz, der wegen des kranken Gauls daheim geblieben war, aus dem Stalle, und die Ursula trat unter die Haustüre. Ihr Gesicht zog sich in Fröhlichkeit auseinander, als sie die Gäste erkannte: das Basel, die Schneiderbaueritt von Arnbach, und den jungen Prücklbauern, Kaspar Eichinger von Hirtlbach. Die Ursula tat, wie sich's gehörte, geschämig und er- staunt und nicht wissend, warum diese zwei willkomnienen Menschen auf Besuch erschienen. „Ja, Basel, bischt du do? Was treibt denn di daher?" „I ho's geschting(gestern) aa no it an Sinn g'habt, aber der sell Hot ma koan Ruah it lass'n, und i muatz mit eahm uma fahr'n." Sie deutete lachend nach dem Kaspar hin, der mit Hilfe des Lenz seine Pferde ausspannte. „Aba geh no grad eina in d' Stub'n, Basel, und warm di auf! Du muas; it schlecht g'fror'n Hamm." „Es is heunt nimma so kalt, aba beim Ofa is bessa dischkrier'n(sich streiten). Du, Kaschpa, i geh dawei mit da Urschula eini: du kimmst nachi." „I kimm scho," sagte der Kaspar mit Ruhe und führte hinter dem Lenz einen Gaul in den Stall. Sie hingen hier die Pferde an, versorgten das Geschirr' und erst als die Arbeit getan war, fragte der junge Prückl- bauer: „Du bischt da Ursula ihr Bruada? Gel?" „Ja. Und wo bischt du her?" „Vom Prückl z' Hirtlbach. Du Werst d' as scho denk'n kinna, z'weg'n was i do bin?" „A wengl was hat ma d' Urschula g'sagt." „Bal allssammete stimmt, kunt'n mi heunt richti wer'n." „Ja— ja." „Is dei Vata dahoam?" „Na, der is ins Holz außi, Bamm(Holz) fahr'n. I muaß dahoam bleib'n, weil ins a Gaul krank vor'n is.� „Der da?" Sie standen vor dem Schimmel, der noch in Decken ein- gehüllt war. «Ja. Heunt schaugt a si bessa her; geschting Hot ma graust." „Er werd scho wer'n. Wann moanst denn, daß dei Vota hoam kimmt?" „An Namittag amal kimm a scho." „Saggera, dös werd lang! No, heunt is nia nix mehr vosamt." Der Prückl Kaspar biß mit starken Zähnen die Spitze seiner Zigarre ab, und indes er sie ausspuckte, fragte er: „Du, paß auf, vielleicht ko'scht ma du an Auskunft geb'n, wia vui daß d' Urschula kriaget?" (Fortsetzung folgt.) lttachdruck Mrtoten.Z Sara9 Hbcnteucr- Von Pierre Mille. Samba Taraore, der in Senegal als Tirailleur gedient und nun in Bokä an der Pfefferküste die Stellung eines Polizeiwächters «innahm, hatte die Gewohnheit, jede Nacht auf dem weichen Ufer- fand unterhalb der Promenade des Gouverneurs zu schlafen. Er erwachte an dem Tage, an dem sich die Dinge ereigneten, von denen ich hier erzählen will, etwas früher als gewöhnlich mit dem unbe- stimmten Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Seine rechte Hand, dke Samba während des Schlafes stets über die Augen legte, um sie vor dem schädlichen Einflusses des Mondes zu schützen, fiel schwer auf den weichen Boden zurück. Sofort erhob sich ein eigentümlich unheimliches Geräusch, es war. als ob der blatzgrünliche Boden, auf dem der große Neger lag. plötzlich lebendig geworden sei und sich schnell nach allen Seiten zurückzöge. Durch die Bewegung des Erwachenden erschreckt, ergriffen Tausende von Krabben, mit denen die Westlüste Afrikas übervölkert ist, eiligst die Flucht. Mit wütend zischendem Geräusch, eine über die andere weghastend, flohen diese häßlichen schnellen und doch ungeschickten Tiere nach allen Richtungen auseinander. Es war aber nicht die Gegenwart der Krabben, die in Samba Taraore das Gefühl erweckte, als ob etwas nicht stimme. Er kannte diese unreinen Tiere sehr genau und hatte keine Angst vor ihnen. Aber von der Seite des„dlissieu Oirelcteur In Dcmsne" gehörigen Gartens drangen leise klagende Töne zu ihm hin. Man erkannte an der dünnen, schwachen Stimme, daß es ein kleines zartes Wesen sein müsse, das da bitterlich weinte und dem jedenfalls ein schweres Leid widerfahren sein mutzte. Samba erinnerte sich sofort seiner Pflichten als Hüter der Ordnung der Bewohner Bokes. Er erhob sich schnell, um zu sehen, was es gäbe. Ganz nahe dem großen Hause der Douanen kauerte ein kleines schluchzendes Negermädchen am Fuße eines Mangobaumes. Sie war kaum zehn Jahre alt. Ihre nackten Brüstchen, dl« noch nicht ganz entwickelt waren und die wie kleine wilde Birnen aussahen, hoben und senkten sich stürmisch, fie schluchzte verzweiflungsvoll und hielt den Kopf so tief gesenkt, daß die Wirbelsäule ihres Rückens sich wie ein Kettchen auf ihrer schwarzen Haut abzeichnete. „Nicht wohl sein?" fragte Taraore. Sie� erhob den Kopf ein wenig und er erkannte sie. Sie war Sara, die kleine„Mousso", die das englische Waisenhaus in Free- town an Madame Auguet, die Frau des Zolleinnehmers, abge-, treten hatte. Ganz verstört blickte das arme Kind zu ihm auf und sagte endlich: „Nicht gut, nicht gut, sterben wollen!" Sich mühsam erhebend, deutete das schmerzerfüllte kleine Wesen, das wie eine lebende Puppe vor ihm stand, auf seine Hüften. Ein schmaler Streifen von blauem Baumwollenstoff, der um ihre dünne Taille geschlungen war, verhüllte sie nur halb, und über ihre mageren Glieder, auf die Knie und herab auf die Knöchel rieselten zwei Blutbäche, zwei schreckliche, schon halbgeronnene Blutbäche. Samba verstand. Aber er war Muselmann, und seine Religion, wie die Sitte seines Volkes legte ihm, Frauen gegenüber, die größte Zurückhaltung auf, solange sie nicht durch einen richtigen Kontrakt käuflich erworben oder als Kriegsbeute ihm zugefallen waren. Er sagte deshalb kein Wort. Aber er ging zu der verschlossenen Türe oes Zollhauses und klopfte gegen die Läden. Herr Auguet, in weiter Hose und einer Jacke aus rosa Baumwollenstoff, erschien auf der Veranda der ersten Etage und Frau Auguet in leichtem Musselinübcrwarf folgte ihm. Ihr Haar war schon ergraut, aber ihre guten naiven Augen und ihr rundes, frisch aussehendes Gesicht, dessen blühende Farben kaum von dem« Klima gelitten hatten, ver- liehen ihr ein beinahe jugendliches Aussehen. „Kleines Mousso-Sara halbkaputt!" meldete Samba kurz und mit ruhiger Stimme. „Was?" rief Herr Auguet. „Kleines Mousso-Sara halbkaputt!" wiederholte Samba Taraore. „Was sagt er," frug Frau Auguet, die das Argot der Tirailleure noch nicht gut verstand. „Er sagt, daß Sara vergewaltigt worden sei," erklärte Herr Auguet, der ganz bleich geworden war. Sich an Samba Taraore wendend, fuhr er fort: „Hole sofort Herrn Toubeau herbei." Töubeau, das war der Polizeikommissar. Samba grüßte mili- tärisch und marschierte ab, ganz wie ein richtiger weißer Soldat. Frau Auguet schloß Sara in ihre Arme und führte sie in ihr Zimmer. „Mein Kind, mein armes kleines Mädchen," sagte sie.„hast Du große Schmerzen?" Nun gab Sara sich rückhaltlos ihrem Kummer hin; heiße Tränen überfluteten das Gesichtchen, und ihre Augen, ihre großen braunen Augen, diese schönen, nicht ganz menschlichen Augen der Schwarzen, die zuweilen den unschuldig klagenden Ausdruck eines gequälten Tieres annehmen, blickten zärtlich und Vertrauens- voll zu ihrer Schützerin auf.„Mama," schluchzte sie,„o Mama, Mama." Dieses Wort ist dasselbe in fast allen Sprachen der Erde. Es entsteht in ganz natürlicher Weise um die Zeit, wo die kleinen Kinder die ersten durch das Wachsen der Zähne entstehenden Schmerzen in ihrem brennenden Zahnfleisch empfinden; es ist ein Schmerzensschrei: er ruft die Mutter herbei. Und sie fahren fort, Mama zu sage; es ist das Wort, womit sie durchs ganze Leben die Mutter rufen. Das ist die Entstehungsgeschichte des ersten und heiligsten Wortes, das die Kinder der Menschen je gestammelt haben. Erst nachdem die Kleine aufgehört hatte zu weinen und anfing, sich etwas zu beruhigen, stiegen die Tränen in die Augen der guten Frau Auguet. Sara schlief ein,— das arme Kind hatte ja keine Ruhe gefunden seit— seit das Schreckliche passiert war. Als sie erwachte, stand ein großer, dickbäuchiger Mann mit schwarzem Schnurrbart vor ibr, der einen weißen Dolman mit goldnen Knöpfen trug. Sie stieß einen lauten Schrei aus. „Habe keine Angst," sagte Frau Auguet,„es ist der Polizei- kommissar. Es ist der Polizeikommissar. ES ist Deines Wohles wegen, daß er hier ist." Und Herr Toubeau rief: „Ach die Kanaille! Wo ist das Schwein, das so etwas ver- üben konnte? Vorwärts, Kleine, rede! Hast Du ihn gesehen?" Aber Sara umklammerte Frau Auguets Hals mit ihren» Armen und schluchzte wieder herzbrechend, ohne zu antworten. „Run, wer war es," fuhr der Polizeikommissar fort,„ein Schwarzer, nicht wahr? Einer dieser schmutzigen Schwarzen, was?..." Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und in eine der seinen gelegt, mit der anderen hob er Soras Kinn empor und zwang sie, ihn anzusehen. Das schmale, schwarze Gesichtchen erbleichte vor Angst. „Du hast ihn nicht erkannt? Du hast ihn wirklich nicht erkannt?" Sie blickte ihn ganz entsetzt an und machte ein verneinendes Zeichen. „Sie machen ihr Angst," sagte Frau Auguet. „Sie wird nichts sagen," antwortete der Kommissar.„Ich kenne sie, sie sind alle so. Aber ich werde es erfahren, ich werde es schon herauskriegen! Ich werde meine Untersuchungen anstellen." Die Pflicht der Höflichkeit forderte, daß Frau Augüek Herrn Toubeau ein Frühstück anbot. Er trank zuerst einen Absinth, dann «inen Cock-tail. Zur Rechten der Hausfrau sitzend, tat er ihren guten Gerichten alle Ehre an und erzählte dabei, wie er von morgens bis abends im Dienste tätig sei. Und daß man ihm allein für die Sicherheit der Stadt zu danken habe. Auf seiner breiten Brust schimmerte ein kolonialer Orden, auf den er von Zeit zu Zeit wohlgefällig herabblickte. Kr sprach ganz «ntrüstet über die Lasterhaftigkeit der Schwarzen. „Und die der Weißen?" sagte Frau Auguet traurig. „Die Weißen," antwortete Herr Toubcau.„Glauben Sie, daß es vielleicht ein Weißer gewesen ist, der— aber ob es nun ein Weißer oder«in Schwarzer gewesen ist, das ist mir vollständig gleichgültig. Ich weiß, was meine Pflicht ist, und ich werde sie erfüllen. Solch ein Schwein! Ich werde die Sache auf das strengste untersuchen. Um fünf Uhr, gnädige Frau, werden Sie von mir hören." Er ging endlich fort; die gute Mahlzeit schien seinen gerechten Zorn nur erhöht und noch wortreicher gemacht zu haben. Aber man hatte Mühe, Sara wiederzufinden. Sie hatte sich versteckt und wie ein gehetztes Tier in ein Winkelchen zwischen einem Ruhe- bett und der Wand verkrochen. Dort lag sie zusammengekauert wie «in Häufchen Unglück; ihre Angst schien sich noch vergrößert zu haben. Frau Auguet sagte zu ihrem Mann: „Laß mich mit ihr allein, willst Du? Die Männer machen ihr Angst— jetzt," setzte sie mit leiser Stimme hinzu. Nachdem Herr Auguet sich entfernt hatte, tat sie das, was das einzig Richtige war, weil sie eine Frau, eine gute und mütterliche Frau war. Sie nahm das Kind liebevoll auf ihren Schoß. Und Sara, die wieder ganz eine kleine Wilde geworden, umklammerte ihren Hals mit beiden Händen, legte das Gesichtchen auf die Schulter, klammerte sich mit den Beinen fest um die Hüften der Frau, in deren Schutz sie sich völlig geborgen glaubte, und nahm die Lage ein, in der die Mütter an den Ufern des Fatalla. wo sie geboren war, ihre Kinder zu tragen pflegen. Nachdem sich Sara völlig beruhigt hatte, ließ sie sich mit einem schönen Stoff um- hüllen, einem Stoff, auf dessen grünem Grund viele rote und gelbe Blumen prangten und der wie eine blühende Wiese zur Regen- zeit aussah. Als dann Sara endlich dankbar die ihr gebotenen Zuckerstückchen annahm und zu knabbern begann, sah Frau Auguet, daß sie keine Angst mehr hatte. Dann erst fragte sie ganz leise: „Der Mann, der Mann von dieser Nacht,— kennst Du ihn?" „Ich Mann kennen," antwortete Sara,„und Du auch Mann kennen.. „Ich kenne ihn?" frug Frau Auguet tief erschrocken. „Ja," nickte Sara,„ist Kommandant und essen hier!" In den Augen dieser Schwarzen sind alle Weißen, die irgend- ein Amt bekleiden, Kommandanten. Ein entsetzlicher Verdacht stieg in Frau Auguets Seele aus: ihr Mann also— ihr Mann? Ach, was kann man nicht alles erleben! „Sage mir, wer es ist, sage mir, wer eS ist?" In ihrer Erregung hatte sie die Stimme erhoben, und Sara, die wieder an allen Gliedern zitterte, gab kein« Antwort. Frau Auguet beherrschte sich und sprach der Kleinen mit sanfter Stimme zu: „Sei doch ruhig, ich bin doch jetzt bei Dir! Wer könnte Dir «in Leid zufügen, solange ich bei Dir bin? Komm, sei gut, sage mir, wer es ist?" Sara deutete auf einen Platz des jetzt abgetragenen Speise- tisches und sagte: „Da gesessen, mit Dir gesessen, ganz nahe bei Dir..." „Der Polizeikommissar?" rief Frau Auguet ganz vernichtet. „Ja," sagte Sara. Da nach diesem Geständnisse sich nichts weiter ereignete und auch der Grund ihrer Furcht, der Herr Polizeikommiffar, nicht so- fort erschien, um sie totzumachen und aufzuessen, so beruhigte sich die Kleine und verknabberte den Rest ihres Zuckers. Pünktlich um fünf Uhr— wie er versprochen— stellte Herr Touheau, der Polizeikommissar der Stadt Boke, sich wieder ein. Seine Stirn war mit Schweiß bedeckt, wie dies nur natürlich, wenn man den ganzen Tag ehrlich gearbeitet hat. Samba Taraore be- gleitete ihn barfüßig wie immer, aber da er doch im Dienst war, hatte er seinen blauen Dolman über der schwarzen Haut fest zugeknöpft. „Ich habe ihn noch nicht gefunden," erklärte Herr Toubeau, „aber ich werde ihn finden. Ach, ein so brutaler Kerl! Ein Kind zu vergewaltigen— ein armes, hilfloses Kind! Aber ich werde ihn schon finden, ich werde ihn zur Stelle bringen, und wenn es der Gouverneur selber sein sollte. Ich werde ihn an Händen und Füßen gefesselt hierhin führen, eine solche Kanaille." „Die Kleine sagt, daß Sie selbst es gewesen," hauchte Frau Auguet mit leiser, zitternder Stimm«. Das Gesicht des Polizeikommissars verwandelt« sich plötzlich, er erbleichte jäh und stammelte ein paar unverständliche Silben, es war, als ob sein keck heraufgewirbelter Schnurrbart herabsänke. „Das, das hat sie gesagt... sie hat das gesagt?..." Aber es war ein ganzer Mann. Diese Anwandlung von Schwäche dauerte nur einen Augenblick. Er fand bald seine Geistes- gegenwart wieder und sagte mit vollkommener Ruhe: „Nun denn, ja. ich bin es gewesen! Was bedeutet das? Eine Negerin! Das hat nichts zu sagen." Und in würdiger Haltung mit festem Schritt verließ diese» Hüter der Moral und der Ordnung das Haus. Samba TaraorA machte mit ihm kehrt, nachdem er ehrerbietig wiederholt: „Kleine Mousso-Sara halbkaputt—: das hat nichts zu sagend Herr Auguet dachte einen Augenblick nach, dann sagte er oU seiner Frau: „Wenn Du klug bist, so erzähle diese Geschichte keitieB Menschen." .Aber sie hat mir sie doch erzählt. Bei den letzten deutfeben Bibern* Von Alwin Rath. Die Türme von Magdeburg entschwinden hinterm Gezweig des Waldes unseren Blicken und der herrlickie Forst mit seinem tiefen Sckiweigen, über das die Sonne hoch oben ihr goldenes Leuchten gießt, läßt unser Weggeplauder verstummen. Ein Gefühl, als gäbe es was zu beschleichen, kommt über uns und wir vermeiden selbst mit unserem Fug die dürren Aststücke im Wege, die ein Sommer- Wetter herabgeicbütlelt— das leise Knacken könnte uns verraten. Einem aussterbenden Geschlechte gilt unser Besuch, dessen letzt« kostbare Reste hier in diesen Wäldern Hausen sollen. Einst als unsere Vorfahren ihm noch mit Speer und Pfeil um seines kost- baren Felles und seines Fleisches halber„auf den Pelz rückten", baute der Biber, der kluge Architekt unter unseren Nagern, noch au allen Flußläufen Deutschlands seine Holzburgen. Heute hat mau dem Vielverfolgten hier zwischen Magdeburg und Dessau ein letztes Asyl gelassen, wo er als zoologische Rarität»volle Bewegung»- freiheit" hat. Die allerdings ist ihm seit noch nicht zu langer Zeit erst zu» gesichert. Noch im Winter. lL08/1gl)S wurden mehrere von den letzten Bibern, die sich bei der damaligen Wasser- und Eisnot vom Flusse fortgeflüchtet und verirrt halten, ganz dicht vor den Toren Magde» hurgs von unverständigen Menschen einfach totgeschlagen. Aber auch an den Bauern der Niederungsdörfer hatten sie lange Zeit böse Gegner, dies« stellten ihnen nicht nur ihres teueren Pelzes halber nach. sondern auch weil sie glaubten. daß die Biber die Dammbrüche durch ihre Nagearbeit verursachten. Jetzt aber hat die Behörde ein Machtwort gesprochen: es dürfen nun nirgends mehr in der Nähe Otlernfallen, in die sich die Biber sehr oft verfingen, gestellt werden; auch darf überhaupt nicht mehr bei den Biberbauten gefischt werden, um die scheuen Tiere nicht gänzlich zu vertreiben. Würden diese behördlichen Vorschriften nicht strenge innegehalten und verfolgte man etwaige Uebertretungen nicht scharf, wir würden wobl kaum mehr darauf rechnen können, auch trotz der größten Vorsicht einen dieser scheuen Nager zu Gesicht zu bekommen. Wir bewegen uns mit ängstlicher Behutsamkeit voran, um so mehr, als uns überall das dichte, prächtige Strauchgewirre de» Unterholzes den Blick verlegt. Hin und wieder öffnet es sich, oder der Wald zeigt eine Lichtung und in die grüne Dämmerung herein flirren die Tänze des Lichtes, die die Sonnenstrahlen auf den blendenden Wasserspiegeln des breit ausgegossenen Altwassers der Elbe ausführen. Wasserrosen träumen im Schattendunkel des Ufer- gebüscheS dicht daneben, und durch die tiefe Stille klingen hin und wieder einige lustige Weisen von Grasmücken, Fliegenschneppern. und munter um die Zweige kletternden Meisen. Dort liegt, quer über den Wasserarm gestürzt, ein nackter, unten von den Biberzähnen spitz abgemeißelter Baumstamm, an dem nur noch zwei dicke Zweige düngen, während die übrigen schon sämtlich heruntergeholt find. Nun unsere Blicke sich schon für die Anwesenheit der Biber geschärft haben— hier und dort am Wasser» rand hin bemerken wir weitere spitz abgenagte Baumstümpfe— sind wir noch behutsamer. Etwas weiter am Graben hinauf, wo wieder ein gänzlich un- belaubter Baum im Wasser liegt, erkennen wir in der gegenüber- liegenden Uferböschung einen beinahe zw« Meter hohen Hügel und bei scharfem Hinblicken auch unterhalb des Wasserspiegels gleich davor einen Zugang zu dieser Biberburg, wie ihn die klugen Tiere stets unter Wasser anzulegen sich bemühen. Mäuschenstill haben wir«nS gelagert und holten»»sere Blicke nur immer nach dem Biberhaus hinüber gerichtet, das aus Knütteln, dicken Aststümpfen und Schlamm zu«wer kuppelsörmigen Wölbung zusammengebaut ist. In die Zwischenräume de? unregelmäßigen Baumaterials der Aeste ist die erdige Lehm- und Schlammasse mit dem platten Biber- schwänz hineingcklopft worden. Aber während wir noch die beobachtenden Augen immerfort zu dieser Holzburg hinüber gerichtet halten, an der sich durchaus nichts rühren will, so daß wir schon annehmen möchten, sie sei verlassen, oder nur ein täuschender Vorposten, da zupft mich plötzlich mein Wandergenosse am Acrmel und weist stumm auf eine bestimmte Wasserstelle abseits von dem Bau. Dort gleitet langsam etwas wie ein Kinderball auf dem Wasser hin. Nun erkenne- ich bei genauerem längeren Hinschauen einen drmklen Kopf, fast dem eines großen Kaninchens ähnlich. Kein Laut� ist zu vernehmen, kein Ruderichlag des Tieres— nur jetzt einmal ein ganz leises Prusten. Das aber lenkt unsere Blicke weiter zurück. Und da kommt gleitend ein zweiter heran. Im Kopf sieht man die Augen scheu nach dem Ufer gerichtet, das sie wie nach einem Feinde hin und wieder absuchen als röche uns die prustende Wasiernase l Dann aber schauen die kleinen schwarzen Augen wieder beruhigt geradeaus, dem vorausschwimmenden Genossen nach. Wir dachten, sie würden sich an den Baum heranmachen und die Beste herunternagen, aber nur einen kurzen Augenblick macht daS eine Tier halt und nagt nur wie zum Pläsier ein dünneS Aeftchen herunter, das eS noch im Wasser wieder wegschwimmen läßt. Plötzlich aber raschelt eS, als diese beiden Biber verschwunden find, doch an einem der Hauptäste, in dem man eine lebendige Regung des Laubwerks steht, laut auf. Gleich schwimmt ein be- deutend größerer Biber— offenbar waren die anderen nur junge Tiere gewesen— um daS noch immer in heftiger Bewegung sich befindliche Laubwerk des Astes herum und gibt sich mit einem zweiten Tier, daS die Bewegung im Laube verursachen mußte, aber von uns nicht gesehen werden kann, daran, den Ast abzunagen. In einer unglaublich kurzen Zeit ist mit einem Male der Ast frei, schwimmt ein Stückchen zur Seite, und nun erscheint auch der zweite Biber auf dem Baumstamm, wo er sich schon an einen anderen Ast macht, während sein Gesponst den abgenagten Ast durchs Wasser ans gegenüberliegende Ufer schleift, schräg im Wasser da- mit hinüber treibend, und dann verschwindet er damit laut rauschend im Gebüsch. So geht die Arbeit der Nager fort. Nach einer gewissen Zeit muß daS erste Tier zurückgekehrt sein— die Dämmerung ist stark niedergesunken— und man erkennt nur. daß schon wieder ein großer Ast zum anderen Ufer schräg durchs Wasser hinübertreibt, während auf dem Stamm noch der dunkel hinschleickiende Körper des Bibers eben zu unterscheiden ist.'Wahrscheinlich ist eS das Weibchen, das am Platze bleibt, wogegen das stärkere Männchen die Abfuhr desorgt. Zuletzt wird es so finster, daß man nichts mehr erkennen kann. Um so vernehmlicher hört man die munteren Nager an der Arbeit. Als wir uns vorsichtig erheben, um noch den Rückweg zu finden, (jibt'S plötzlich ein scharfes kurzes Klatschen im Wasser, als hätte jemand mit einem Brett flach darauf geschlagen. Dann lautloseste Stille, nur hoch aus dem sterndurchflirrten Aether zwischen den Baum- Wipfeln weg ein verhallender geller Eulenschrei. Die Biberpolizei hat die Genossen gewarnt, und auf irgendein durch unser Aufstehen verursachte? Geräusch hat eins der Tiere feinen kellenartigen flachen Schwanz, den sie zum Anklopfen beim Bau ihrer Burgen verwenden, aufs Wasser geschlagen.— Wir sind entdeckt und können gehen. kleines feuiUewn. Hundstage. Am 24. Juli treten wir in die Zeit der HundStage «in, die für die heißesten des JahreS gelten und denen man auch heute noch vielfach nichts Gutes zutraut. Woher kommt der merk- würdige Name dieser Wochen, woher der Aberglaube an allerlei schlimme Ereignisse, der sich mit ihnen verbindet I Hundstage sind ein viel tausendjähriges VermächwiS, das die a l t ä g y p t i s ch e A st r o n o m i e bis auf unsere Tage vererbt hat, denn der SiriuS, dieser Stern erster Größe im Sternbild deS Großen Hundes, den die Söhne des Pharao SothiS nannten, spielte bei ihnen eine große Rolle. Zunächst hatte in Aegypten als Jahresanfang der Beginn der Nilüberschwemmungen gegolten, die mit ihrem fruchtbaren Naß für daS ganze Land von größter wirtschaftlicher Bedeutung waren und»och sind. Dieser Zeitmoment in der zweiten Hälfte des Juli kündigte sich nun astronomisch dadurch an, daß die Sonne dein, Herannahen dieser Periode mit dem Sirius gleichzeitig auf- ging; dieser hellste Stern am ganzen Firmament war in der Morgendämmerung zu sehen. Da die Aegypter den Sothis wegen seines strahlenden Glanzes hoch verehrten, so brachten sie bald diesen Aufgang des Sternes mit der Nilüberschwemmung in enge Be- ziehung. Er galt als ein Vorläufer des segensreichen HinströmenS der Wasser über das Land und wurde unter die wohltuenden Götter versetzt. Der Beginn deS JahreS wurde gesetzlich zu gleicher Zeit mit dem Erscheinen des Sirius in der Morgendämmerung an- geordnet. Zunächst rechneten die Aegypter ein reine? Sonnenjahr mit 360 Tagen, aber bald merkten sie, daß bei dieser Annahme schon nach wenigen Jahren der Beginn der Nilüberschwemmung und der de? gleichzeitigen Aufganges des Sirius mit der Sonne sich sehr bedeutend gegen einander verschoben. Wie die Mythe berichtet, soll der Gott Thöt der Mondgötttn Isis im Brettspiel fünf Tage abgewonnen haben, die er den Menschen zu den bisherigen 360 Tagen des Jahres als Zugabe hinzuschenkte, so daß sie nun 365 Tage im Jahre besaßen. Aber auch diese Tagezahl im Jahre bewirkte, wenn auch nicht so rasch, so doch allmählich eine Verschiebung des heliaki- schen Siriusaufganges gegen den Jahresanfang: alle vier Jahre be- trug diese einen Tag, so daß also erst nach je 4 mal 365 oder 1460 Jahren der gleichzeitige Aufgang des SiriuS mit der Sonne mit dem Jahresanfang zusammenfiel. Diese große Periode, die die Aegypter die Sothis-Periode nannten, ist ein Beweis dafür, daß diese alten Astronomen die Dauer eines Jahres bereits zu 365'/,, Tagen bestimmt hotten.. Diese Zahl bildete dann ja die Basis für den von Julius Cäsar eingeführten Julianischen Kalender, den auch wir noch benutzen. So stehen also die HundStage, die von den Acgyptern als Jahresbeginn eingeführt wurden, mit unserer gegenwärtigen Jahreseinteilung in enger Beziehung._ jv.erautwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u.Verlag: Die glückverheißende Bedeutung, die man dem die Nilüber» schwemmung verkündenden Sirius in der Morgendämmerung zu» schrieb, fand aber nicht ihre Ausdehnung auf die ganze Zeit. Mit dem ftuchtbaren Wasser kam nämlich zugleich die Zeit der großen Hitzen, der gefährlichen Krankheiten, der schlimmen Epidemien und des großen Sterbens. Giftige Miasmen stiegen aus dem zurückbleibenden Schlamm des Flusses, und nach dem Segen kam das Elend, für das man nun ebenfalls den Sothis verantwortlich machte. Die Griechen, die dem Hundsgestirn dem Namen Sirius gaben, übernahmen diesen Glauben an die unheilbringende Macht des Sternes. Sie sahen in ihm einen sagenhaften Hund der Unter» Welt, der von den Göttern an das Firmament versetzt sei, hielten ihn für das Sinnbild des Hundes, den Jupiter dem Totenrichter Minos schenkte. Nach den Angaben von Hippokrates und PliniuS .beginnt an dem Tage, wo der Hundsstern sich erhebt, daS Meer zu kochen, der Wein wird schlecht, die Hunde bekommen die Tollwut, die Galle vergrößert sich und wird gereizt, alle Tiere verfallen in Schlaffheit und Trübsinn; die Krankheiten, die diese Periode am häufigsten hervorruft, sind die heißen und andauernden Fieber, die Darmkatarrhe und die Tobsuchtsanfälle." Bei der ungeheuren Autorität, die Hippokrates im Mittelalter besaß, ist es kein Wunder, daß die Vorstellungen von der Gefährlichkeit der HundStage noch bis in die neuere Zeit hinein bestehen blieben. Geschichtliches. Türken und Albanesen. Wenn in unseren Tagen die Albanesenchefs schlecht gelaunt find, ist der Bestand des türkischen Reiches bedroht, die Ministerien fallen wie beim Kegelspiel und alle großen und kleinen Feinde der Osmanen zeigen ein reichliches Maß von Schadenfteude. Die kriegsgewaltigen Sultane des 15. und 16. Jahrhunderts hätten freilich ungläubig gelacht, wenn man ihnen prophezeit hätte, daß ihre Enkel vor den Räubern in den albanischen Bergen zittern würden. DaS Türkenvolk war damals bei weitem kleiner als heute, und Mohammed II. hatte viel weniger Krieger unter der grünen Fahne vereinigt als heute Mahmud Schewket Pascha. Aber man war einig und geschlossen und vom Sultan bis herab zum letzten Janitscharen vom gleichen Siegerwillen beseelt. In jenen Zeiten pflegten die Türken ihre Feinde nicht zu zählen. und Bulgaren und Serben, Ungarn und Rumänen, Albanesen und Griechen mußten sich in gleicher Weise vor dem Halbmond beugen. Und wenn ein Stamm sich gegen den Sultan empörte, dann konnte man im nächsten Jahre eine mächtige Schädelpyramide schauen, die die Welt darüber belehrte, wie der Türke seine Rebellen bestraft. Die Albanesen haben sich freilich schon im 15. Jahrhundert recht wacker gegen die Türkenherrschaft gewehrt, und sie fanden dabei an den Staaten Italiens einen mächttgen Rückhalt. Dem Königreich Neapel war eS wenig angenehm, daß sich die neue Großmacht an der ihm gegenüberliegenden Küste der Ädria festsetzte, und es unterstützte eifrig die Albanesen in ihrem Freiheits- kämpfe. Die Venettaner taten das Gleiche. Die Albanesen fanden auch einen großen nationalen Führer in Georg Kastriota, der besser unter dem Namen Skanderbeg bekannt ist. Jahrzehntelang hat er von seinen Bergschlössern aus die Heere des Sultans bekämpft. und so lange er lebte, hielt der Widerstand in Albanien an. Aber schließlich war alles vergebens; 1463 starb Skanderbeg, und zehn Jahre darauf gab auch Venedig die Albanesen frei. Nun mußten sich die Stämme der türkischen Herrschast fügen. Die Re- gierung des Sultans war dort ebenso milde wie in den anderen Ländern des Reiches. Die lokalen Gewalten blieben ruhig weiter bestehen und niemand wurde wegen seines Glaubens verfolgt. Da der Uebertritt zur Lehre Mohammeds die Gleichstellung mit dem herrschenden Volke und die Aufnahme in sein Heer bedeutete, machte der Islam indessen unter den Albanesen starke Fortschritte und drängte das Christentum zurück. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts blieb das Land bor- wiegend rithig. Unterdessen war die Türkei völlig versumpft und die Weltkrise, wie die französische Revolution sie ein» geleitet hatte, zog auch den Orient in ihre Stmdel. Damals versuchte zum ersten Male wieder ein Albanese in türkischen Diensten, die Unabhängigkeit seine? Vaterlandes zu erneuern; es war A l i- P a s ch a von Jannina. Mi, der Sohn eines albanesischen Häuptlings, machte sich aus eigener Kraft zum Statthalter von Albanien und zwang die Pforte, ihn anzuerkennen. Er regierte im Sttle des Harun al Raschid, hielt mit eiserner Hand Ruhe und Ordnung im Lande aufrecht und such.e die europäische Zivilisation in den Bergen zu verbreiten. Er erbat sich Jnstruktions- offiziere von Napoleon und trieb seine eigene Polittk wie ein selbst- ständiger Monarch. Dreißig Jahre lang ruhte seine schwere Hand auf Albanien, bis eS der Türkei endlich gelang, den gefährlichen Vasallen zu stürzen. Die Osmanen hatten zwar ihre alte Macht eingebüßt, aber ihre brutale Energie war noch nicht ausgestorben. Ali-Pascha zog sich vor den Truppen des Sultans auf sein Schloß mitten im See von Jannina zurück; am 1. Februar 1822 mußte er sich ergeben, und am 5. Februar wurde er geköpft. Sieben Jahre darauf versuchten die Albanesen einen neuen Ausstand; aber Reschid-Pascha ließ irr Bitosia 400 Albanesenchefs zusammenkommen, und die Türken er- schlugen sie bis auf den letzten Mann. 1843, 1847 und 1854 wiederholte sich das Schauspiel der vergeblichen Rebellionen, und die Türken haben Blutschuld genug in den Bergen Albaniens auf sich geladen.__ LorwärtsBuchdruckcrei u.Verlagsanftalt Paul SingertCo., Berlin SW.