Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 143. Freitag, öen 26. Juli. 1912 (RoAMuit nerDoten.l 19] Der AlLttiber. Von Ludwig Thoma. Die Schneiderin hielt Ursula zurück und winkte ihr mit ven Augen. „Laß guat sei!" hieß das. Und noch ein bedeutsamer Blick sagte der Erzürnten, daß es an diesem Tag keine Aufregung geben dürfe, wegen des Alten, wegen des Kaspar, wegen alles möglichen. Ursula verstand die Base und knurrte etwas Unverstand- liches vor sich hin, und es war ganz gewiß etwas Beleidi- gendes. „Uebahaupts is dös gar it de Vescht," fing die Zenzi wieder an-„de da geit mehra." Sie stieß mit dem Gabelstiel eine Kuh an, die näher bei ihr stand. Die Schneiderin schaute aber nicht das Tier, sondern die Magd prüfend von der Seite an und drehte sich geringschätzig weg, ohne eine Antwort zu geben. Sie ging die andere Reihe entlang und fand immer Wieder einen Grund, den Kopf mit Mißbilligung zu schütteln. „Mi siecht aa, daß's Auter(Euter) it ganz sauba g'halt'n is. und do bin i hoakli. Bal i dös dahoam mirk, jag i oani auf da Stell davo'; und red'n laß i übahaupts meine Deanst- bot'n gar nix. I valang d' Arbet, und firtil" „Waar no i Herr, nacha waar's bei ins g'rad a so!" sagte Ursula. „Aba du bischt it Herr!" dachte sich die Zenzi.„Und red'ts no zua, weg'n meina. I paß auf dös gar tt auf." Nach dem Essen fetzten sich die zwei einträchtigen Frauen- zimme: zu einem langen Diskurse in die Küche: es fehlte nicht an Nudeln(Gebäck) und Kaffee, und auch nicht am Gegen- stände, über den sich vieles sagen ließ. „Siehgst, Urschula, jetzt weil's d' ma du mehra vazählt hascht, moan i, es waar it gar so weit g'feit. Dös war a b'suffane Gaudi, und es waar g'scheidta g'wen, du hättst nix dagleicha tho." „Mi ko do aa's Mäu it halt'n, bal mi so was spannt (merkt)..." „Freili kunnt ma's halt'n, aba du bischt halt no it alt gnua und kennst di no z' Weng aus in da Welt. Mi wundert 's gar it so viel, daß dei Vata de Dummheit g'macht Hot." „Du bischt guat troffa, Basel! Z'erscht hoscht aba ganz änderst g'red't." „I lob's jetzt aa it, und koa richtiga Mensch werd da änderst g'sinnt sei. Bal so was vorkimmt, is ja scho da Reschpekt bei de Deanstbot'n nimma vorhand'n." „No also!" „Aba wundern thuat's mi it, sag i, weil d' Manns» bilda allsammete so san, bal s' z' viel Bier Hamm.' „Von dem dein' glaabst d' na so was do it?" „Moanscht?" „I möcht di it sehg'n, wann du an sellan Vadacht hättst." „An Vadacht hon i koan, und i glaab it, daß was für- kimmt, aba trau'n thua'r i eahm gar it." „Geah?" „Na, gar it. Freili. unta da Woch und bei da Arbeit und so, da woaß i scho, daß sie nix feit, aba bal a grad am Sunntag a wengl rauschi hoamkam und stand eahm so a schlecht's Luada hi, na waar glei was g'schehg'n." „Da waar mi ja oiwei(alleweil) in da G'fahr!" „Mi muaß halt Obacht geb'n, Urschula." „Na, dös sag i glei, bal i so was glaabet, lasset i auf und davo." „Mi lafft it so g'schwind." „I scho'. und bal i dös wissat, daß da Kaschpa aa'r auf dera Seit'n waar, na möcht i liaba it heireth'n." .„Na muaßt d' ledi bleib'n, weil oana is wia da'r ander." „Du sagscht ma was schön's!" „Schaug, Urschula. i will da was vazähln: i hon den mein aa'r amal dawischt, wiar' a so schö staad(still) b'sufsa bei da Mitterdirn hibei g'stanna is und a Weng deutli mit die Händ' g'red't Hot. G'rad liab waar er g'wen!" „Aba da bischt drei'g'fahr'n?" „Na, dös sell hon i gar it tho. I ho mi g'stellt, als wenn i gar nix g'sehgn Hütt, und hon eahm schö tho, als wia'r an Krank'n, und hon an in's Bett eini bracht, und da Hot a fein Rausch und sei Dummheit ausg'schlafa: sie san ja gar it so scharf, als wia s' thean, und de mehra Zeit san s' froh, bal s' eahnan Ruah Hamm." „Da müaßt instroans oiwei auf da Paß steh?" „A bissel Obacht geb'n braucht's scho: und de G'leg'uheit auf d' Seit'n ramma, dös is a Hauptsach." „Jetzt muaß i dir scho sag'n, Basel, daß mei Freud g'ringa wor'n is." „Ja, g'rad weg'n an schö' Hamm und weg'n da Luscht» barkeit braucht ina'r it heireth'n, mei liab's Madl: do werd da no viel untakemma, was da'r it g'fallt. S' Kinda kriag'n is it lutschi, und's Kinda wart'n aa it: aba's muaß amal sei, und ledi bleib'n is dös allaschlechtast. Da woaß oans auf oamal nimma, wo's hi'g'hört: und als Bäurin auf sein Sach hocka(in seinem Anwesen sitzen), is it zu'n varacht'n." „Aba bal's was werd mit'n Kaschpa, na muaß a ma an eigna Schwur ableg'n, daß er nia an anderne o'schaugt." „Da wurd' a bald meineidi. No, gar z' schiach(schlimm) derfft d' as aa it fürstell'n. Bei an junga Bauern is de G'fahr it so groß: dö sell'n Hamm mehra Stolz und mehra Eifa zu'n regier'n, aba bal's amal über'n vierzga umi gengan, nacha muaß mi guat aufpass'n. Do kemman's in zwoat'n Saft und schlag'n no mal aus, und g'schleckig(nasch- Haft) waarn s' nacha'r aa, und passet eahna so a bissel an Abwechs'lung. Do kam'3 eahna glei für, als wenn s' scho lang gnua bei oana blieb'n waar'n, und sie san viel dümma. Bal si da oani o schmeichelt, glaub'n s' ihr mehra und hör'n 's gern, daß s' no' was taug'n." „Auf dös patz i amal guat auf." „Aba'r it grob sei und it streit'«, sinscht bild'n s' eahna an Stolz ei. daß sie's erscht recht thean. Uebahaupts, mirk da dös: de Mannsbilda muaß mi oiwei auf'n Glaab'n lass'n, daß all's nach eahnan Kopf geht. Mi thean ja do de mehra Zeit, was mi mög'n: aba zoag'n derfcn mi dös it, und d' Nas'n derf'n mi eahna it drauf stöß'n. Vo selm sehg'n s' as tt, weil s' so viel'er'bilderisch san imd moanan, es ko gar it änderst sei, als daß sie allssammete regier'n. De Freud muaß mi eahna lass'n, und na red'n s' recht g'scheit an Wirtshaus und in da Gmoa(Gemeinde), aba staad und hoamli Hamm mi 's Heft in da Hand." Die Schneiderin zwinkerte bedeutsam ihrem Schützling zu und tauchte eine Nudel in den Kaffee: die Ursula aber hielt sich die Hand vors Maul und lachte voll Verständnis und sah die Zukunft wieder in schöneren Farben. Indem warf sie aber einen Blick auf die Uhr und rief: »�essas, jetzt is scho zwoa, und da Kaschpa is no it da!" „Der bleibt it aus, und mi Hamm ins glei bessa unta- halt'n, weil er it da war." „Genga ma fllri, na sehg'n ma'n vielleicht kemma." „Vo mir aus!" sagte die Schneiderin, und sie gingen in die Stube und schauten vom Fenster aus in den Hof. Es war wieder Trankzeit, in der die Kühe Waffer zu kriegen hatten, und darum stand Zenzi wieder am Brunnen und pumpte mit kräftigen Armen. „Siehgst d', Urschula," sagte die Vase,„dös leid i net, daß sie de Weibsbilda d' Röck gar so hoch aufijchlag'n." „So oane schämt si ja it!" „De amal g'wiß it! Schaug s' no grad o! Bis zu de Strumpfbandln siecht ma'r ihr aufi." „Wart', i schrei ihr g'schwind!" Ursula wollte das Fenster öffnen, aber die Schneiderin � hinderte sie daran. „Laß's guat sei jetzt: da kimmt grad da Kaschpa eina." Der Prücklbauer schlenkerte gemächlich durch die Einfahrt: und wie er die Zenzi sah, schob er den Hut zurück und pfiff lachend durch die Zähne. Er trat von hinten an sie heran und klopfte ihr mit dem Stecken derb auf die Waden. Sie fuhr herum: „Du hoscht mi aba daschrcckt!" „Bischt du so g'schrecki, Madl? Siechst gar it aus danach." - 570- „Bal'S d' ma du auf d' Hax'n(Beine) haust!" � „J ho a'rad fehg'n wollen, ob f' it ausg'stopst san. „Ja freüi, i wer V ausstopfa.".., „Saggera Hos'nzwickell" lachte der Kaspar und schob den Tut verwegen aufs Ohr. Aber die Zenzi hatte mit einem schnellen Blick die zwei Frauenzimmer am Fenster gesehen. „Geoh zua!" sagte sie.„Latz mi mei Arbet thoa; i ho koa Zeit it für Dummheit'n." Da besann sich der junge Prücklbauer. datz er auf fremdem Grund und auf Freiersfützen stehe, und ging von ihr weg nach dem Hause zu. Die Ursula atmete schwer, und ihre Augen funkelten. „Hascht d' as g'sehg'n. Basel?" „Ja no, jetzt sei no staad! Mit an Krach derfst d' it o'fanga: bei'n Hoamfahr'n sag i's eahm na scho, daß a sie schama soll." „So a Schlamp'n(schmieriges Weibsbild!" schnaufte die Ursula und hatte große Mühe, ein freundliches Gesicht aufzu- setzen. Und fetzte es aber doch auf, wie nun ihr Zukünftiger eintrat. Der Schormayer war mit seiner Arbeit im Holz fertig und machte sich auf die Heimfahrt. Seine Gäule zottelten Schritt für Schritt durch den Wald, schläfrig und foul: aber der Bauer trieb sie nicht an, sondern ging tiefsinnig hinter dem Schlitten her. Das Geständnis der Z:nzi hatte ihn den ganzen Tag nicht losgelassen. Das ging schon mit dem Teufel zu, datz eine allereinzige Dummheit gleich seine Folgen hatte...~- (Fortsetzung folgt.) 3) Luis* Von Wilhelm Holzamer. Dann wurde in der hohen Erntezeit nach dreitägigen Schmerzen in einer großen Mattigkeit der kleine Pankraz geboren. Und als fie ihn sah in seiner Wiege liegen, hatte sie weiter keinen Gedanken, als nur den, daß er nun glücklich geboren sei, datz er lebe. Das packte sie ganz, daß er lebe— und es war das einzige Bewutzte in dem Traumzustand ihrer Schwäche. Sein Vater trank sein Wohl und sah sich selbst in ihm— ihr genügte sein.Dasein. Sie war nicht stolz, nicht glücklich, sie war nur müde, und es war ihr so wohlig schwach in ihrem halben Schlummer und ihrer wachen Un- bewußtheit. Nr Puls war schwach— kaum zum Flüstern reichten ihre Kräfte. Ihre Brust blieb leer. Ihr Mann wehrte und wehrte sich gegen die Erkenntnis, die Amme machte alle Versuche— auch solche des Volksglaubens— und versuchte alle Mittel. Nichts konnre helfen, und der Vater mutzte sich der unerbittlichen Natur und ihrer Erkenntnis fügen: es wurde eine Kuh auf Trockenfutter ge- stellt und der kleine Pankraz mit der Flasche ernährt. Er trank tüchtig und schlief viel und war rund wie ein Apfel. Seine Mutter lag in dem Bett neben seiner Wiege und dämmerte in ihrer Schwäche hin. Einmal, nach acht Tagen, richtete sie sich in einer schwülen Nacht etwas auf und fragte:„Lebt er?" „Er lebt und ist gesund, fest und pausbäckig," antwortete der Winternheimcr. „So", flüsterte sie.„dann ist's gut. Den Winternheimer packte die Angst. Er neigte sich über sie und flüsterte: � „Warum meinst Du, Luls, und was ist Dir?" „Es ist gut. datz er lebt, mein ich nur." und sie lächelte dabei. wie er sie nie lächeln gesehen hatte, so glücklich, datz es ihm wehe tat. Dann ritz er den Schellenzug, der über seinem Bette angebracht war. ein gesticktes Band, fast so alt wie der Hof, und als leise eine Magd an die Tür geschlichsa kam, öffnete er sie ein wenig und slüsterte mit fast zugeschnürter Kehle hinaus: „Lauf.— lauf zum Doktor Siebert— lauf— und er soll gleich kommen, gleich!" T«r Schweitz stand ihm auf der Stirne, dann fatzte er sich. Er richtete sich ein wenig auf und blickte dann forschend zu seiner Frau. Sie ruhte und schlief, und all«s war sanft in ihren Zügen, und ein Schein von dieser Bestrahlung war in ihnen, die ihm vorhin so wehe getan hatte an ihr. Sie war schön. Sie war sehr, sehr schön. Sie ist die allerschönste von den Kapesser, mutzte er denken. Er legte seine schwere Hand leicht auf ihren Scheitel. Sie zuckte nicht. Er ließ sie darauf liegen und stand unbe- lveglich. Er dachte gar nicht an sein Kind. Nur an sein Weib dachte er. So stand er noch, als der Arzt kam. ! Der Doktor Siebert war ein vorsichtiges, kleine? Männchen mit runder Augen. Er hatte einen großen, weißen Bart, wie ein Mönch, viereckig geschnitten und langsträhnig, und seine Hand war so klein wie eine Mädchenhand. „Lassen Sie mich allein, Winternheimer," bat er. Und wo des Winternheimer große Hand gelegen hatte» da legte er seine kleine hin. „Gehen Sie hinaus, Winternheimer", bat er noch einmal. Sachte zog sich die Türe hinter dem Winternheimer zu. Und der Arzt nahm nun die Hand der Frau und zählte ihren Puls und steckte ihr vorsichtig das Fieberthermometer in die Schulter, höhle. Dann saß er still auf dem Stuhle neben dem Bett und beob, achtete die Kranke._ Kaum bemerkbar ging der Puls, schwächer und schwächer wurde er unter dem Finger des Arztes. Er hielt ihr ein Niechfläschchen unter die Nase. Der Atem belebte sich ein wenig. Der Doktor beugte sich über und blies ihr ein wenig die Schläfen an, die er mit Wasser befeuchtet hatte. Dann ließ er sich Essig kommen— es war kein Laut im Hause--- kein Schritt war hörbar. Das Kind schmatzte. Der Doktor bemühte sich um die Kranke. Der erste Hahn schrie— aber zwischen den Vorhängen der freie Streifen lichtete sich noch nicht. Der Winternheimer erschien zaghaft in der Tür. „Wie alt ist sie?" fragte der Doktor. „Im fünfunddreitzigsten." Der Arzt wiegte das Haupt. Dann war's lange still. Doktor Siebert besprengte die Kranke von Zeit zu Zeit mit Essig und benetzte ihre Lippen. „Stirbt sie?" fragte der Winternheimer. Seine Stimme röchelte dabei, so datz er sich an die Kehle fatzte,- den rauhen Ton zurückzuhalten. Das Kind schmatzte heftiger. Der Arzt antwortete nicht. Die Kranke streckte sich ein wenig ein Stöhnen preßte sich aus ihrer Brust. Der freie Streifen zwischen den Vorhangen wurde licht von der aufgehenden Sonne— der Schein von ihm ging über ihr Bett und zitterte ein wenig. „Lebt sie denn noch?" sargte der Winternheimer. Die Kranke schlug einmal groß die Augen auf. Der Winternheimer wollte nahe ans Bett herantreten, der Arzt fatzte ihn bei der Hand und hielt ihn zurück. Und es war ganz still, als die beiden Männer ein wenig vor, gebeugt an dem Bette standen. Die Kranke gähnte ganz tief und krankhaft. Der Arzt faßte fester die harte Bauernhand, für die die seinige zu schwach war. Er hielt nochmals das Riechfläschchen unter die Nase der kaum mehr atmenden Frau. Sie zog nicht tiefer ein, und die Nasenflügel blieben ruhig. „Wirds's gewonnen sein?" fragte der Winternheimer. „Sie ist tot," antwortete der Arzt— und der Bauer richtete sich bei diesem Worte hoch auf und sah ihn fest an. Aber der alte Arzt zuckte nicht mit der Wimper. Die Hand des Mnternheimer griff in die Kissen der Wiege, und seine Augen funkelten in heißem Grimm, als er seinen Kna- ben ansah. „Winternheimer!" mahnte der Arzt und sah ihn mit einem langen, strafenden Blick an. Der große Mann fuhr zusammen und duckte sich— dann schlug er die Hände vors Gesicht und atmete schwer aus. „Luls!" stöhnte er—„liebe Luls!"— und es war eben so viel Liebe wie Weh in seiner Stimme. Der Arzt nahm ihn an der Hand und führte ihn sacht beiseite. _„Sie ist verloschen wie ein Licht, Winternheimer— und es war nicht schwer für sie." Dann drückte er ihr die Augen zu, und der Bauer weinte schmerzlich in sich hinein. So starb in der Nacht nach dem achten Tage seiner Geburt die Mutter des kleinen Pankraz, in dem Glück zu wissen, daß er lebte. *** Auf dein Friedhof war ein frischer Hügel, und darauf stak ein Kreuz mit der Aufschrift: Elisabeth Winternheimer, geb. Kapesser, und es hing nicht mehr und nicht weniger Leid an dem Grabe als an den anderen Gräbern, es unterschied sich nur darin von den anderen, datz sein Schmerz frisch war. Der Winternheimer trug ihn mit einer dumpfen Verschlossenheit, mit verbissener Wut. Er begriff ihn nicht. Warum hatte sie sterben müssen? Hatte sie nicht noch viel zu leben vor? Sie hatte ja nur das wenigste gelebt von dem, was ein Mensch zu leben hat. Und hätte sie's nicht leben können, ebenso gut wie die anderen— wie jede andere Frau und jede andere Mutter. Hätte sie's nicht noch viel besser leben könnend Warum dürfte sie's nicht? Durfte sie's ihrethalben oder feinet» halben, durfte sie's des Kindeswegen nicht?, Des KindeS wegen?! Seine Stirne wurde finster. Und immer wieder sagte er fich: Sie hätte noch lebe» könne» und Kenn sie sonst gar nichts gehabt hätte auf der Welt— und wenn sie alles verloren hätte— alles, wiederholte er mit Knir- Jchcn— sie hätte doch das Leben gehabt l Und gibt es mehr als das Leben. Und gibt es etwas Besseres I.?, lFortsehung folgt.! fifckerleben 6er kjLkkenmöä6mger2eit.� Von Heinrich Cunow. Während der letzten Perioden der Diluvialzeit hatte der Mensch Europas seinen Nahrungsspielraum mehr und mehr ausgeweitet. Die Fortschritte seiner Werkzeug- und Waffentechnik halten die Jagderträge vermehrt; und neben der Jagd lieferte in seen- und tlutzreichen Gegenden der Fischfang wertvolle Beiträge zur täglichen Nahrung. Zudem hatte der Mensch nach und nach gelernt, die er- beuteten Jagdtiere und Fische auf Glühsteinen und Herdplatten sorgfältiger zuzubereiten und durch Rösten und Dörren einige Zeit zu konservieren, also schon für Zeiten des Nahrungsmangels vor- zusorgen. Auch hatte er, wie die ausgefundenen knöchernen Pfrie- tnen und Nadeln mit Oehren und Oesen zum Durchziehen von dicken Fäden beweisen, längst begonnen, sich zum Schutz gegen die Kälte mit warmer Fellkleidung zu versehen. Dennoch scheint der europäische Mensch in der Diluvialzeit nie bis zum rauhen Norden, dem heutigen Skandinavien und Nordrust- land vorgedrungen zu sein. Diese Gebiete blieben vorerst für ihn unbewohnbar. Ihre weiten kalten Moossteppen. Schnee- und Eis- felder lockten ihn nicht. Wenn er auch in der Steppenperiode der dritten Zwischeneiszeit(der sogenannten Löstzeit) und der Nach- eiszeit auf den mitteleuropäischen Steppen das Wildpferd und Renntier jagte, so blieb er doch im wesentlichen ein Waldmensch, der, wenn der Wald vor der vordringenden Kälte langsam nach Süden zurückwich und der Steppe Platz machte, ebenfalls mit nach Süden zog. Im jüngsten Abschnitt der letzten Nacheiszeit, dem„Gefchnitz- stadium", als das Waldgebiet, begünstigt von dem wärmeren feuchten Klima, sich immer weiter nach Norden vorschob und selbst im heutigen Dänemark und in Südschweden mächtige Waldungen aus der Tundra aufsprossen, wanderte jedoch der Mensch auch in Skandinavien ein; denn mit dem Wald zog auch die bisherige mitteleuropäische Waldsauna nach Norden, und ferner boten die Gewässer der heutigen Nordsee und Ostsee gute Gelegenheit zum Fischfang. Zunächst lieferte noch, wie bisher, das Wild der neu- entstehenden mächtigen Urwälder: Hirsche, Rehe, Wildschweine, Bären, Wildhunde, Wölfe, Füchse, Wildkatzen, Marder, Biber, Igel usw., die Hauptnahrung; aber mehr und mehr suchten die vordringenden Horden die Seeufer auf» wo damals Seehunde, Austern (auch in der Ostsee war damals die Auster weit verbreitet), Herz- mufcheln» Miesmuscheln, Strandschnccken und die zahlreichen Fisch- orten eine reichliche und leicht zu erlangende Nahrung boten. Die Fischerei wurde in steigendem Matze zum Hauptnahrungserwcrb, um so mehr, als nach und nach der nordische Fischer gelernt hatte, sich durch Aushöhlen großer Baumstämmestücke Einbaumböte zu verschaffen, in denen er sich kühn auf das weite Meer hinauswagte. Er sah sich nun nicht mehr darauf beschränkt, sich mit den an der Küste lebenden Fischen zu begnügen. Auf schmalem schwankenden Boot fuhr er au-f die hohe See hinaus und brachte reiche Beute an Hochseefischen in sein Stranddörfchen heim. Deutlich lätzt sich an dem Inhalt der nordischen Torfmoore nachweisen, wie fich diese Neubewaldung und die ihr folgende Ein- Wanderung einer neuen Tierwelt aus dem Süden vollzogen hat. Nachdem sich die nordischen Gletscher völlig aus den tiefer gelegenen Gegenden zurückgezogen hatten, breitete sich weit über die einst ver- gletschcrte und verschneite Fläche eine kahle Moossteppe aus» auf der nun an sumpfigen Stellen allerlei Ried- und Wollgräser auf- schössen. Ihnen folgten die nordische Weide und Zwergbirke, Silber- würz und Steinbrech. Dann faßte, langsam von Süden vor- dringend die gewöhnliche Birke und die Zitterpappel, später auch die Kiefer und Fichte im Steppenbodkn Wurzel. Große Kiefern- Waldungen dehnten sich nun über die einstige Tundra, bis sie mit zunehmender Wärme von der Esche, dem Spitzahorn, der Erle und der Eiche, die große Waldgebiete bildete, verdrängt wurden. Aber auch diese Baumarten vermochten sich nur teilweise gegenüber den neuerer Nachdringlingen zu behaupten. Als wieder ein leichter Kälterückschlag eintrat, drang siegreich die Buche vor, aus der noch *) Als 22. Bändchen der kleinen Bibliothek ist soeben im Verlag von I. H. W. Dictz Nachf., Stuttgart, erschienen: Hein- rich Cunow, Die Technik in der Urzeit und auf primitiven Kulturstufen, zweiter Teil: Nahrung-- beschaffung und Ernährung, mit 26 Illustrationen.(Preis drosch. 7S Pf., geb. 1 M., Vereinspreis 50 Pf.) Außer dem hier abge- druckten Abschnitt enthält das Heft die Kapitel: Der Mensch als Natürwesen.— Nahrungsbeschaffnng und-zubereiung in der mitt- leren Diluvialzei.— Jagd und Fischerei am Ende der Diluvial- zeit.— Tierzucht und Landauhqu heb Pfahlhaullienjchen.—> Vom Haystew zur Eisengzt. heute in Dänemark und Südschweden die meisten Wälder bestehen. Und im Gefolge der Kiefern, Eichen, Buchen wanderten zugleich das Wildschwein, der Auerochse der Elch, der Hirsch, das Reh nach Norden, denen wieder, immer weiter in nördliche Regionen hinaus, der Mensch folgte. Die Wirtschastskultur dieser auf nordischem Boden zu Fischern gewordenen Einwanderer wird uns deutlich veranschaulicht durch die Kjöklkenmöddinger oder Affalsdhnger. das heißt die Küchenmüll- Haufen und Abfallsstätten, die in den verschiedensten Teilen Däne- marks, Norwegens, Schwedens aufgefunden find. Es sind dies kleine flache Hügel, meist nur 2 bis 3 Meter hoch, dock) oft 20 bis 40 Meter breit und teilweise mehrere hundert Meter lang, die da- durch entstanden sind, daß die Fischerbevölkerung der nahegelegenen Ansiedlung oder Ansiedlungen hierher die Speiseabfälle und den Unrat ihrer Haushaltungen trug, und aufschüttete. Da der damalige skandinavische Fischer nur sehr selten seinen Wohuplatz wechselte und manche Ansiedlungen, viele Jahrhunderte hintereinander be- wohnt blieben, häufte sich Unrat auf Unrat, und oft mag der durch die Zersetzung der faulenden Fischabfälle hervorgerufene widerliche Gestank die Luft verpestet haben, aber den primitiven Fischer der Kjökkenmöddingerzeit schreckte das nicht ab. Wie der Wi ldpferd- und Renntierjäger der vergangenen Diluvialzeit neben den ver- faulenden, stinkenden Knochenlagern seiner Niederlassungen auch hielt, so hat auch neben diesen Niesenmüllhaufen eine Generation nach der anderen gelebt; fühlen sich doch auch heute in manchen unserer deutschen Gegenden die Bauern ganz wohl in den neben stinkenden, Mist- und Jauchegruben gelegenen� mit Kuh- und Schweinestall verbundenen Wabnhäufern. Meist liegen derartige Misthaufen an der Ost� und Südküste der dänischen Inseln und Schwedens. Daraus darf jedoch nicht ge- schlössen werden, daß die skandinavischen Fischer sich vor zwölf- oder zehntausend Jahren— so alt mögen die allerältesten Kjökkenmöd- dinger ungefähr sein— sich aus irgendwelchen Gründen nicht gern an der Westküste angesiedelt haben. Die Westküsten, Jütlands und Norwegens sind einst geradeso besiedelt gewesen wie die Ostküsten Skandinaviens, aber das Meer hat in der langen Periode, die seit jenen Ansiedelungen verflossen ist, allmählich die einstige Westküste unterminiert und weggespült. Und zugleich hat sich die dortige Küste an manchen Stellen beträchtlich gesenkt, so das die Müllhaufen unter den Wasserspiegel gerieten und dann von Brandungen, und Sturmfluten weggerissen und zerstreut wurden. Diese Mchenabfallhaufen enthüllen uns bis in? einzelne die Lebensweise der damaligen Bewohner des Nordens. Wir erfahren, was diese gejagt, gefischt und genossen haben Am häufigsten sind in diesen Haufen die Schalen der Muscheln: Austern, MieS- und Herzmuscheln. Besonders scheint auf den dänischen Inseln und an der südschwodischen Küste die Auster zur täglichen Kost gehört zu haben, und es ist daher nicht ganz unberechtigt, wenn einzelne Prä- Historiker die' alten Bewohner jener Gegenden, kurzweg als Muschelesser bezeichnen. Daneben liegen die Gräten von Meeraalen, Flundern, Dorschen und in neueren Abfallshaufen auch die Ueberblcibfel von Thun- und Schellfischen, Heringen, von Barten- und Pottwalen, Seehunden und Robben. Das beweist, daß schon damals auch Hochseefische aus dem Speisezettel gestanden haben und der Mensch, um sie zu fangen, mit seinen primitiven flachen Einbaumbooten sich weit hinaus aus das offene Meer gewagt haben muß. Muscheln und Fische bildeten, die Hauptnahrung; doch hat der aus einem Jäger zum Fischer gewordene Skandinavier jener weit zurückliegenden Zeit keineswegs auf Wildnahrung verzichtet. Ge» wann für ihn auch der Fischfang in steigendem Maße an Bedeutung, so betrieb er doch nebenbei noch immer die Jagd, und zwar hat sie gerade in der ältesten Zeit noch eine beträchtliche Rolle gespielt. Dafür zeugt die Tatsache, daß in den älteren Abfallhaufen die angebrannten und abgenagten Knochen vom Wildschwein, Elch, Hirsch und Reh durchaus nichts Seltenes sind. Auch Wasserratten und Biber scheint man in einz�.nen Gegenden mit Vorliebe verzehrt zu haben, ferner Auerochsen, Wildhunde, Wildkatzen, graue Bären, Wölfe, Füchse, Marder. Geflügel verschmähte der nordische Omni» vore(Allesfresser) ebenfalls nicht. Der Inhalt der Abfallhausen zeigt, daß er auch den Wiildschwan, den Riesenalk(einen heute aus- gestorbenen Schwimmvogel in der Größe einer Gans), den Auer- bahn, die Eiderente und verschiedene kleinere Tauchervögel erlegt und verspeist hat. Doch kommen einzelne dieser Vögel nur in den allerältesten Schichten vor, zum Beispiel der Auerhahn: eine Tat- fache, die sich daraus erklärt, daß der Auerhahn sich hauptsächlich von den jungen Trieben der Fichte und Kieser nährt, umd als später in Dänemark die großen Nadelhotzwälder den Eichen-, Erlen- und Buchenwaldungen wichen, auch der Auerhahn verschwand. Die Zubereitung der Speisen erfolgte in der älteren Kjölken» möddingerzeit in der alten primitiven Weise. Kein Anzeichen deutet daraus hin, daß in den ersten Jahrtausenden nach der Einwände- rung in dieser Hinsicht irgendwelche erwähnenswerten Fortschritts' gemacht worden find; erst in den neuern Kjökkenmöddingern, di? etwa im fünften Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstanden sein mögen, hat man Scherben roher Döngefäße gefunden— freihändig hergestellt aus grobem Lehm, dem kleine granitne Gesteins- fragmente eingeknetet sind. Doch ist recht fraglich, ob diese Töpfe sogleich zum Kochen benutzt worden sind oder zunächst nur zur Auf? be'wahrung von Speiseteilcn gedient haben, denn nicht nur sind die ältesten dieser Töpfe völlig henkellos, sondern sie haben auch eine meist noch unten zugespitzte Form, kennten also weder auf dem Feuer stehen, noch an yenWn vorüber aufgehängt tverd'en. Lange scheint man allerdings bei der Anfertigung dieser hafenartigen, henkellosen Tongefäße nicht stehen geblieben au sein, denn in etwas späteren Fundstätten tauchen dann auch Scherben weitbauchiger Ge- säße mit flachem Boden. Grifftvarzen und Henkeln auß deren unten stark verbrannte Böden und Seitenteile zeigen, daß sie einst auf oder neben dem Herdfeuer gestanden haben. Neben der Fisch- oder Fleischnahrung spielte auf dieser Stufe d'eS Fischerlebens die Pflanzenkost eine ganz untergeordnete Rolle. Spuren eines Landanbaues sind bisher nirgends, weder in den 'Küstenniederlassungen noch in den späteren Ansiedlungen an den Binnenseen im Innern deS Landes. Wurzeln, Knollen, Beeren scheinen fast die einzige vegetabilische Zukost gebildet zu haben. Charakteristisch ist, daß in dm älteren Küchenkehrichthaufen auch der Mahlstein noch gänzlich fehlt, also höchstwahrscheinlich die Zu- bereitung von rohem Gebäck der älteren Fischerbevölkerung Däne» marls und Schwedens noch völlig unbekannt war, (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. VhriS. Orientalische Musil. Die Malerei und die Dichtung de» Orientalen, seine Philosophie und sein Kunstgewerbe haben im Sbendlande stets Verehrer gefunden und die entsprechenden Zweige der westlichen Kultur stark beeinflußt. Dagegen ist die orientalische Musik den Europäern stet? ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Sie erweckt bei dem Fremden den Eindruck geheimnisvoller Tiefe in weit stärkerem Maße als irgendeine andere Seite des orientali- scheu Lebens. Und da man mit Recht in der Musik den treuesten Ausdruck der Seele eines Volkes erblickt, läßt sich daraus erkennen, wie fremd sich im Grunde genommen trotz allen scheinbaren Annäherungen der Orient und der Okzident geblieben sind. Die Harmonien, die von einigen modernen Kom- ponisten als.orientalisch' ausgegeben werden, haben natürlich mit der Musik des Ostens gar nichts gemein, und obwohl Claude Debussy im Schweiße seines Angesichts die Tonwelt der Javaner studiert hat und sie in seinen epochemachenden Werken nachzuahmen glaubt, wird doch ein echter Sohn jener schönen Insel bei einem Debussy-Konzert nun und nimmer die Klänge seiner Heimat wieder- erkennen. Von den Rätseln der wirklichen Musik des Orients hat kürzlich Luxie Delarne-MardruS eine hübsche Beschreibung gegeben. Während meiner Reisen im nördlichen Afrika, sagt sie, in Aegypten, in der Türkei, in Syrien und in Palästina, habe ich ganze Nächte hindurch der orientalischen Musik gelauscht. Die beste Musik hört man in Aegypten, danach kommt die von Syrien. � Die berühmtesten Sänger und Sängerinnen deS Ostens leben in Kairo. Die arabische Sängerin begleitet entweder ihr Orchester oder sie be- gleitet sich selbst auf der Luvte. Die üblichen Instrumente eines ägyptischen Orchesters sind Zither, Flöte und Zimbel sowie die so- genannte Darabauka, ein mit Leder überspanntes Gefäß. Nur in ganz modernen Kapellen ist auch die Geige vertreten. Das Orchester präludiert lange; die Musikanten sitzen dabei zusammengekauert auf einer Bank oder lungern auf Kissen am Fußboden. Während des Spieles hören sie bisweilen plötzlich auf, um zu trinken oder einige Scherzworte auszutauschen. Darauf fetzen sie in aller Ruhe das Konzert wieder fort. Diese Musik läßt sich nur mit dem phantastischen und eintönigen Gesang eines Schwarmes von Vögeln vergleichen, der fortgesetzt die gleiche Melodie einstimmig und in Moll wiederholt.� Nach dem Präludium setzt der Sänger oder die Sängerin ein. Die arabische Stimme bot in Europa nicht ihresgleichen. Solche Töne kann im Abendlande keine Kehle hervorbringen. ES sind keine deutlichen Worte, sondern Triller und Seufzer, Schluchzen und Rufe und grelle, herz- zerreißende Töne wechseln miteinander ab. Bei diesem kunst- vollen und ganz natürlich wirkendem Gesänge scheinen alle Töne de» menschlichen Instinkts aus tiefer Nacht emporzuklingen. Für europäische Nerven ist die orientalische Musik freiltch nicht ge- schassen.' Unser brutal-S Applaudieren, das auf zartbesaitete Menschen wie eine Ohrfeige wirken kann, ist im Orient unbekannt. Will ein Araber dem Künstler seinen Beifall bezeugen, so stößt er einen dnmpfen Ruf im Tone der oben geschilderten Musik aus. Ein solcher Seufzer eines ganzen hingerissenen Auditoriums macht einen unvergleichlich tiefen Ein- druck. Wenn man von einigen minderwertigen Sängerinnen absieht, die in halb enropäifierten CaföS austreten, singt da? mohammedanische Weib natürlich nur im Harem. Daraus folgt, daß die Fremden in Kairo wie sonst im Orient die wirklich bedeutenden Sängerinnen gar nicht hören können. Kurzum, die orientalische Musik ist für die Mehrzahl der Europäer immer noch ein völlig verschlossenes Gebiet. Es ist der letzt« Zufluchtsort des Orients, der letzte Schatz, der noch unberührt ist, weil es dem alles profanierenden Europa unmöglich war, ihn zu erfassen oder wiederzugeben. Merkwürdigerweise macht die Musik der alten Griechen auf uns völlig den gleichen Eindruck wie. die des heutigen Orient. So vertraut uns die übrigen Zweige der antiken Kunst sind, die wenigen Trümmer griechischer Melodien, die sich bis zur Gegenwart erhalten Verantwortl. Redakteur: Albert Wach«. Berlin.— Druck u. Verlag: haben, bleiben uns durchaus unverständlich und fremd. DaS ist ein sehr wichtiges Manko in unserer Kenntnis des Altertums; denn die großen Tragiker Sophokles und Euripides, die ihre Dramen auch selbst komponiert haben, sind von ihren Zeitgenossen als Musiker ebenso hoch geschätzt worden wie als Dichter. Da tut sich die un- geheuere Kluft auf, die das antike Empfinden von der modernen Welt trennt, während sich hier wie auf vielen anderen Gebieten die allen Griechen und die heutigen Orientalen wohl viel besser ver- standen hätten. Literarisches. Wilhelm Ho lzamers Nachlaßwerke(Egon Fleische! u. Co., Berlin). Ende August werden fünf Jahre seit dem allzu« frühen Hinscheiden HolzamerS verstrichen fein. Den„Vorwärts'- Lesern war er schon, als er noch in Paris lebte, von wo er bleibend nach Berlin übersiedelte, als Mitarbeiter bekannt. In unserer Unter- haltungsbeilage, sowie in der.Reuen Welt' find im Lause der Jabre bis in diese Tage hinein zahlreiche große und kleinere Er- zählungSwerke von ihm zur Veröffentlichung gelangt; und man kann mit Recht behaupten, daß daS Interesse an Holzamer nach seinem Tode merklich gestiegen ist. Demzufolge konnte auch die Veranstaltung emer Nachlaßausgabe von Romanen, Novellen und Erzählungen gewagt werden. Erschienen find bisher außer dem großen Roman:.Der Entgleiste', den unsere Leser kennen,.Gedichte'—.Pendelschläge. Geschichten und Legenden' und.Pariser Erzählungen'. Die Physiognomie HolzamerS als Lyriker erleidet in diesem nachgelassenen Gedichtbuch keine sonderliche Veränderung, wofern wir es mit dessen drei lyrischen Borgängern vergleichen. AlleS Aufwühlende. Glutvolle, Stürmische, unmittelbar Leidenschast- liche und den Leser Packende blieb Holzamer versagt. Und wollte man vom Inhalt aus Schlüsse machen, so würde sich zeigen, daß der Kreis des dichterischen Erlebens sehr eng begrenzt ist. DaS Idyllische seiner kleinbeisischen Heimat, die kleinen Leiden und Freuden während der dort verbrachten Kinder- und Jünglingsjahre lassen sein Gemüt nicht loS. Die Bezirke, in denen die Gebrüder Grimm den Born altdeutscher Sagen und Märchen wieder springen ließen, sind auch die seinen. Nur daß es moderne Menschen- märchen find, die er spinnt. Manches Schöne findet sich hier. manches zart au« Düften und Frübglanzstrahlen Gewobene. Dann flechtet das Glück der Liebe seine Erinnerungen: bittere und süße. Ein weites Wandern kommt durch Feld und Wald— bis in ferne, stemde Länder hin. Aber eigentlich erschaut dies Dichtcraug dort die Naturherrlichkeit wieder mit dem Hessenblick. So ist denn auch in den Gedichten au» letzten Lebensjahren kein neuer Klang zu vernehmen, obwohl doch wieder alle« mit Holzamerschen Sinnen gegeben ist. Des Versonnenen, Träumenden steckt freilich auch viel in seinen Erzählungen. Stark aufgebaute, dramarisch belebte Hand- lungen wird man vergeblich suchen. Aber dem Feinen, das seine Kämpfe still zu Ende bringt, leiht er gern Helferdienste. Und dann hat er ein mitfühlendes Herz für alle sozialen Röte des proletarischen Volkes. Diese Note klingt oft an— und stets mit inniger, ver- stehender Wärme. Der Erzähler Holzamer wird noch lange eine Gemeinde um sich versammeln. o. k. Technisches. Wie Stahl zersägt wird. ES ist bald ein Jahrhundert vergangen, seit zum ersten Male ein Amerikaner namenS Daggett den Vorschlag machte, eine Säge ohne Zähne zum Schneiden von Stahl zu benutzen. Da« alte amerikanische.Journal für Wissenschaft und Künste' veröffentlichte damals eine Beschreibung dieser Erstn- dung. Darin wurde für eine kreisförmige Scheibe aus dem Blech einer gewöhnlichen Ofenröhre nur eine Umfangsgeschwindigkeit von Ibv Metern in der Sekunde gefordert, um da» Zerschneiden auch harter Stahlsorten bewirken zu können. Es dauerte danach jedoch noch sehr lange, ehe ein derartiger Apparat zur praktischen Veriven- dung gelangte, wahrscheinlich weil die angegebene Geschwindigkeit zu schwer erreicht werden konnte._ Im Jahre 1874 führte dann ein anderer Amerikaner Reese eine Kreissäge zum Metall- schneiden ein, die bei einem Durchmesser von etwa einem Meter und einer Dicke von fünf Millimeter nur eine Geschwindigkeit von 70 Meter in der Sekunde beanspruchte. Diese Kreissägen, die gleichfalls einen glatten Rand besaßen, bewährten sich derart, daß sie bald in metallurgischen Anlagen und namentlich in Waffen- fabriken zum Zerschneiden von Gewebrläufen benutzt wurden. Heute haben sich diese Maschinen außerordentlich vervollkommnet. Sie find nicht viel größer geworden. lassen sich aber durch starke Elektromotoren mit der hohen Geschwindigkeit von Lvvo Umdrehungen in der Minute bewegen und durchschneiden ein Stück T- Eisen von 01 Zentimeter in 10 Sekunden. Erst nach zwei oder drei Monaten machen sie eine Auffrischung er- forderlich, die aber in einer Viertelstunde bewirkt werden kann. Die erstaunliche Leistungsfähigkeit der Sägen ist eigentlich immer noch ein Rätsel, das nur mangelhaft durch die Annahme erklärt wird. daß sich der Stahl durch die EntWickelung hoher Wärmegrade an den Berübrungsstellev tzerflüssigt. Dabei soll der durch die schnelle Drehung der Säge e.�eugt: Luftstrom von besonderem Einfluß sein. Nach der herrschenden Theorie kommt das Metall der Säge mit dem zu durchschiieldenden festen Metall überhaupt nicht in eigentliche Be» rührung._ � vorwärtsBuchdruckerel u.Verlagsanjtnlt Paul SlNger�Co.,BerltN SW»