Anterhalwngsblatt des vorwärts Nr. 147. Donnerstag� den 1. August� 1912 Machdru» vervo'.en.) 23] Der Mittiber. Von Ludwig Thoma. Wie sie hinschaute, sah sie etliche Leute an der Waldlichte stehen: einer wischte sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirne, und ein anderer trank lange und herzhaft aus einer Bierflasche. Das war der Holzweber Simmerl. Die Zenzi erkannte ihn gleich mit scharfen Augen und schier von selber tappte sie vom Weg ab in den Schnee und ging auf die Holzknechte zu. „Guat Morg'n beinandl" sagte sie und lachte den Simmerl freundlich an.„Js insa Hansgirgl it bei enk?" Der Simmerl wischte sich den Schnurrbart ab. „Na. Js er enk valor'n ganga? Der kimmt scho Wieda, bal'n hungert." „Gehn weita!" „Lang gnua is er do beim Schormoar, daß a Wieda hoam find't." „Du bischt oanal" „Hascht an Strick bei dir, daß d''n glci o'hängscht, bal a dir untakimmt?" „J ho ma grad denkt, ob er it do is, wei i eahm was sag'n möcht." „Du muaßt vui Zeit Hamm, bal's du zu'n Dischkricrn do außa gehscht?" „I bi ja beim Vaua'n hint'n g'wen." „I woaß scho: mi Hamm di scho g'sehg'n." Der Simmerl drückte ein Auge zu und lachte. Und da sagte die Zenzi eifrig: „Du muaßt dir nix denka dabei." „Mit'n denka hob's i übahaupts it." „Ja no, weil's d' a so lachst. I ho grad Daxn(Tannen- zweige) z'sammklaab'n müass'n." „So, Daxn? Dö hoscht aba g schwindi bcinand g'habt. Und bückt hoscht di aa it viel, wos ma g'seg'n Hot." Er blinzelte lustig zu seinem Kameraden hinüber. „Geah zua, du lachst oiwei(alleweil)!" sagte Zenzi schmollend.„I woaß it, wos du zu'n lacha hoscht." „I wer halt mein luschtinga Tag Hamm." „Du bischt wohl it oft trauri, han?" „Net leicht, so lang i mir no a Maß Bier kaffa (kaufen) ko." „Daß ma di gar nia siecht?" Zenzi schaute bei der Frage den Simmerl ganz freund- lich an. Er nahm wieder einen Schluck aus der Bierflasche und sagte: „Muaßt halt öfta zu'n Daxn klaab'n kemma, na siechst mi scho." „Du thatst mi jetzt grad dablecka(verspotten)." „I? Ja, was moanscht denn? I dableck koa Madl gwiß it." „Du net?" ,NaI D' Madln san für was anders do." „Ah du! Jetz red amal g'scheidt: kimmscht d' gar it amal zu'n Hoamgartn(auf Besuch)?" Zenzi fragte leise, daß es der andere nicht hören konnte: aber Simmerl dämpfte seine Stimme nicht. „Mögst d' ma was vazähln?" „Vielleicht woaß i was." „Wos nacha?" „A so halt."• Da lachte der Bursche wieder kreuzvergnügt. „I wer amal schaug'n," sagte er:..bal i an Weg sind', kimm i vielleicht." „Du find'st'n scho." „It allmal. Bei da Nacht is gar sinschta." „Gehscht halt beim Mo'schei(Mondschein)." „Dös is Wöhr. Heunt schaug i amal glei an Kalenda nach." „Vielleicht g'frcut's di. wos i dir sag?" „Warum it? Mi g'freut so wos schnell." „Nacha pfüat di, Simmerl." „Adjes, Zenzi! Und kimm vielleicht Wieda ins Daxn 'klaabn!" „Na... du!" Sie stapfte durch den Schnee zurück, und am Weg schaute sie noch einmal freundlich lachend herüber. Aber sie konnte nicht sehen, was für ein Gesicht der Simmerl machte, denn er stand zurückgebogen da und trank den Rest aus der Flasche. Und sie war außer Hörweite, wie der andere Holzknecht sagte: „Mit dera kunntst d' bal' glllckli wer'«." „Moanscht?" „De Hot si ja d' Aug'n außakegelt vo lauta Gernmög'n." „Vo mir aus(meinetwegen)!" „Du thuast it feini um?" „Na." „I möcht g'rad wiss'n, was de bei'n Schormoar hint tho' Hot." „Hoscht as ja g'hört. Daxn Hot s' klaabt." Da lachten alle zwei, und der Simmerl nahm seine Axt und ging daran, den Baum zu putzen. Nach ein paar Hieben fiel ihm ein alter Vers ein: ,.He, ös meine Menscher,' Eni derf'S net vadriaß'n, De Manner zahl'n sanern Wein,. D' Jungg'sell'n an süaß'n!" Zwölftes Kapitel. Der Lichtmeßtag hatte sich, wie es die Bauernregel lobt, mit Schnee und Wind eingestellt:"ad aus der Kirche, worin heute das heilige Wachs geweiht worden war, ging die ehren- geachtete Brautpcrson Ursula Glas nach Hause. In Händen trug sie einen roten Wachsstock, der nach altem Brauche dieser baldigen Ehefrau zukam und ihr als hoffcntlicher Wöchnerin gute Dienste leisten konnte. Denn um Hand und Fuß ge- wunden, wehrte er bösen Zauber von Mutter und Kind ab. In der Stube saß die Näherin, die mit flinker Nadel und klappernder Schere hantierte und an der Ausstattung arbeitete. Da gab es Allerwichtigstes zu reden, und Ursula war schier unwillig, als ihr der Lenz zur Tür hereinrief, daß sie nur gleich in die Küche kommen solle. Er machte zornige Augen, und seine Stimme klang ge» Preßt: „Woaßt d' as scho? D' Zenzi is dcblieb'n!" „Mi is gesting scho auffallend g'wen, daß sie si net zu'n geh' richt'." „Du hoscht as g'hört, daß a g sagt Hot, sie muaß auf Liachtmeß aus'n Haus?" „Freili hot'a's g'sagt." „Also, du bischt mei Zeug'n. I wart jetzt grad auf Mittag, und bal s' do it weg is, nacha frag i'n schnurgrad. I will sehg'n, was a sagt." „Du. Lenz, laß's guat sei!" „Wos?.Kamst du jetzt aa mit'n guat sei lass'n? I zoag 's enk all mitanand, daß i net g'rad da Hanswurscht im Haus bi!" „Schrei do it a so! Hört's ja d' Natherin." „Dös is �nir ganz Wurscht. Moanst, d' Leut' red'n it an ganz'n Dorf? Und lachan ins aus, den alt'n Depp'n und di, und mi erscht recht? Js ja Wöhr aa, is denn dös no a Hauswes'n?" „Aba schaug', jetz mach do koa G'schicht it her, de paar Wocha, wo i no dahoam bi!" „Wos geht denn dös mi o? Du redt'st da leicht! Bal no du in Hirtlbach hockst, na derf do da größt' Saustall sei, iWnanst? Du siechst und hörscht nix davo." „Es hilft dir ja do nix!" „Dös wer'n ma sehg'n, ob i da gar neamd(niemand) bi, und ob ma bei ins auf koa Ehrbarkeit übahaupts nimma auf- pass'n muaß. Woaßt denn du. wo dös no hi'geht?" „Er werd eahm(sich) nacha do selm schama!" „Der schämt si brav, ja! Jetzt redt'st a so, und z'erscht hättst da liaba's Mäu(Maul) z'riss'n, und hoscht mi grad oiwei g'hetzt." „Wo hon i di g'hetzt? I ho da bloß g sagt... �. „Du hoscht bloß g'sagt, daß der Alt crnftschUaft(hinauf- schleicht), und daß er in Händ'n vo dem Himmiherrgotts- saggeramentsschlamp'n is, und daß mi gar nix mehr san, und daß vielleicht no amal allssammete hi' werd, und.. „Lenz, du muaßt it a so plärr'n. Laß da no sag'n.. „Nix laß i mir sag'n. Du gangst, und de bleibat, und i waar da Lapp(Tepp) auf und auf, und bal s' den Lattürl (Tummkopf), den damifch'n, ganz rumkriagt, werd f vielleicht no Baurin." „Geah l So muaßt jetzt aa it red'n! Dös glaabst ja selm it." ..Wos is da vui zu'n glaab n? Hot ma dös no nia g'hört. daß so an Alta dappig wor'n is und auf gar nix mehr aufpaßt?" „Scho! Aba..." „Aba dir is Wurscht, gel? Tu hoscht bei Geld brav ei'g'steckt und bischt drei Stund weg vo dera Gaudi. Aba'r i müaßt f' vor Aug'n Hamm, und müaßt mi schind'n und plog'n und z'letzt von Hof geh' wia'r a Handwerksbursch, mit 'n Stella in da Hand! Na, mei Liabi, jetzt drah(spiel) i amal auf." „Da machst d' Sach it bessa." „Ah? So g'fcheidt bischt du jetz wor'n?' „Laß da sag'n..." „Paß aus und laß da sag'n, und grad guat waarst du und grad sanftmaßi. Tu redt'st hakt aa, wia's dir g'leg'n is." „Bal's d' ma du it zualus'n(zuhören) willst, nacha geh'n i Wieda zu da Natherin eini." „Auf wos soll i lus'n?" „Weil i mit'n Basel g'redt Hab üba dös, und de is do g'wiß auf inferna Seit'n und Hot an Vastand." „Und'Nl hoscht ihr all's g'sagt?" „Freili! Wia s' z'letzt do g'wen is, und an andern Tag in Arnbach no'mal." „So? Hot na de aa nix ausz'setz'n an dem Zuastand, an dem abscheilinga?" „Gnua Hot s' ausz'setz'n. aba sie sagt, es waar übahaupts g'scheidta g'wen, mi hätt'n gar it dagleicha tho(darum geküm- mert)." .Sagt sie?" „Ja. wer da Vata durch dös erscht recht stutzig werd', und indem daß a si ei'bildt. er derf ins it nachgeb'n, und wei eahm's Sach z'letzt do no g'hört, und..." „Hot sie g'sagt?" � �-- „Ja. und daß s' übahaupts\o Leut gibt, de wo„ auf dös ei'spreiz'n, daß s' eahna nix sag'n lass'n. Und durch dös waar's vielleicht bessa g'wen, bal mi koan Streit gar it g'habt hätt'n."/ (Fortsetzung folgt.) 2) lUigen. Von G u st a f I a n s o n. Aber seine Gedanken kneteten die begangene Ungerechtigkeit ohne Kraft. Hinter ihnen lag etwas anderes, das noch keine be- ftirmnic Form angenommen hatte. Fontanara konnte sich nicht von einem unklaren Gefühl freimachen, daß er ebenfalls unlogisch, viel- leicht ungerecht denke. Während die Räder über die Schienen roll- tcn und bie Landschaft ungesehen an seinen Augen varbeiglitt, drängte sich ihm unwiderstehlich das Reue auf. Als der Zug einen längeren Aufenthalt in Aidin machte, kam Fontanara eine Ähnung. daß in seinem Innern eine Umwälzung vor sich gehe. Ter Schmerz über die fruchtlose Mühe jahrelanger Arbeit wich einem neuen Gefühl. Was bedeuteter denn e-gentlich seine Ausgrabungen? Seine Bewunderung für eine große Ver- gangenheit... Er lebte in der Gegenwart, seine Arbeil würde einmal der Zukunft zugute kommen. Das kleine Detail, mit dem er sich beschäftigt hatte, bedeutete nichts neben der Eroberung eines ganzen Volkes. Eine große Provinz mit ungeahnten Zukunfts- Möglichkeiten, unendliche Weiten jungfräulicher Erde, die noch kein Pflugeisen berührt, und eine kaum mehr als zur Hälfte zivilisierte Bevölkerung, das waren Dinge, die Zukunftswert hatten. Fonta- uara nickte nachdenklich. Für sein Vaterhand war die gewÄkige Auswanderung nach Amerika noch ein ungelöstes Problem. Diese ständige Blutabzapfung würde aufhören, der Strom konnte süd- wärts nach einer italienischen Kolonie geleitet werden, konnte kon- trolliert und dem Mutterlande und vorfallen Dingen den Auswan- derern selber von Nutzen werden. Es war etwas Neues, Großes und Verheißungsvolles, was jetzt geideehen sollte. Fontanara wurde gerührt und sah dankbar sein Gegenüber an. Der Dolmetsch saß in sich zusammengekauert und hatte die Beine unter sich auf die Bank gezogen. Eine erloschene Zigarette hing ihm Mischen den Lippen, er schlief. Fontanara hatte eine außerordentliche Gelegenheit, ihn mit Muße zu betrachte«. Die Wangen des Mannes waren aufgedunsen und schwammig weich. Die ganze Erscheinung machte einen etwas schlappen und unsauhe- ren Eindruck, so wie die Europäer, die lange im Orient leben, nicht selten werden. Die einförmige Landschaft mit ihren sonnenverbrannten steini- gen Weiten, von der hier und da Flecken von lebhaftem Grün ob- stachen, war noch dieselbe. Der Beschauer ließ den Blick von dem Schläfer über die wohlbekannte Gegend fliegen. Das Morgenland. dachte er. Das schlafende, verträumte, schmutzige Morgenland, mit seinem Mangel an Unternehmungsgeist, seinem Fanatismus und seinem kindlich blinden Glauben an das Schicksal— es war wirklich kein Tag zu früh, daß einer kam und es wachrüttelte! Hoffentlich waren die Kanonenschüsse auf der Reede von Tripolis das Signal für eine neue Zeit. Denn trotz allem liebte Pietro Fontanara das Land, das er so unerlvartet notgedrungen Verlasien mußte. Er fühlte, daß sein inneres Gleichgewicht wieder hergestellt war. Der Krieg, der ihn gehindert hatte, schenkte ihm neue Ge- legenheiten zur Tätigkeit. Nordasrikas Sandfelder deckten noch unerforschte, große Ruinenstädte. Stand nicht ein Triumphbogen aus den Zeiten Mark Aurels sogar in der Stadt Tripolis? Sein Blick flog über die sonnenverbrannte Gegend. „Die Auserweckung!" sagte er leise. Der Dolmetsch machte eine Bewegung, erwachte aus seinem Schlummer und begegnete dem Blick seines Mitreisenden. Er er- riet dessen Gemütsstimmung und fing an zu schwatzen. Halb hu- moristisch, halb ernst erzählte er eine Reihe tragikomischer Ge- schichten über die Einwohner. „Na ja, ungefähr wie bei uns," dachte Fontanara—„wenngleich die Formen wechseln." Er zuckte die Schultern. Eigentlich war das weder neu noch amüsant. Der andere schwatzte weiter. Es waren lange Details über die Unordnung und Schlappheit der Verwaltung. Er lachte herz- lich darüber und schloß mit einem bezeichnenden: „Das Mvrgenland, Signore, das Morgenland!" Seine Mutter war eine Eingeborene, aber... hm... er betrachtete sich als Italiener.„Sie begreifen, Signore. Patriot..." Fontanara wandte sich zur Seite, damit der Dolmetsch nicht das Lächeln um seine Lippen sehen sollte. Er kannte dies Prodult zweier Rassen. Und was er wußte, machte ihn nicht geneigt für Zugeständnisse. Aus den Augen des Dolmetschen schoß ein mißtrauischer Blick. Er ivar nicht richtig zufrieden mit diesem„Landsmann", der einem den Rücken zuwandte, gerade wenn man eine offene Anerkennung von ihm verlangte. Der Zug ratterte weiter durch die Dämmerung. Im Westen, dem sie zufuhren, leuchtete das Abendrot wie eine Feuerbake zwischen zwei Anhöhen. Auf einmal erlosch der spröde Schein, die Landschaft draußen vor dem Coupefenster war nicht mehr da. Schwer und drückend, mit einem Einschlag von Qualm und unge- sunden Dünsten siel die Dunkelheit über die Erde. Fontanara seufzte. Er kroch aus seinem Platz zusammen, schüttelte den Kopf und lehnte sich mißmutig zurück. Der Dolmetsch war wieder eingenickt, sein Reisegefährte hatte also Zeit, ungestörr seine Gedanken zu Ende zu denken. „War diese Reise, die einer Flucht"glich, notwendig?" Die Frage wurde niemals endgültig beantwortet. Trotz der Dunkelheit zauberte ihm seine Phantasie die Gegend draußen vor. Er kannte sie, erinnerte ein gut Teil Einzelheiten von Reisen, die er bei Tageslicht gemacht hatte. Er unterschied die Palmen, diese Fremd- linge aus Afrikas Sand, die ebensogut auf Asiens felsigem Grund gediehen, er sah die Oliven grau, knorrig und hart, die Rosen, die noch blühten, den wilden Spargel... Taraus erinnerte er sich nicht ohne Bitterkeit der ersten großen Enttäuschung, die ihm der Orient bei seiner Ankunft bereitet hatte. Die Wirklichkeit, die er schaute, stimmte in keiner Weise mit seinen eigenen Vorstellungen überein. Ter Orient war etwas ganz anderes, als was Europa ftch einbildete. Tausend und eine Nacht hatte die Phantasie des Abendländcrs in Bewegung gesetzt und... und... Mit einem plötzlichen Gedankensprung war Fontanara bei Vussus Hali angelangt. Er sah ihn ebenso deutlich vor sich, als wenn er leibhaftig zugegen gewesen wäre. Man hatte ihm den Mann als zuverlässig und klug empfohlen. Er wurde herbeigerufen, maß seinen zukünf- ttgcn Arbeitgeber mit einem prüfenden, ein wenig schüchternen Blick und gab ihm darauf die Hand. Eine Abmachung war nie unter einfacheren Formen getroffen und besser ausgefallen. Fontanara schauerte zusammen; es war übrigens auch kalt, man sah es an den beschlagenen Coupefenstern. Uussuf war ganz einfach die personifizierte Pflichttreue. Ein: wenig bedächtig, tzßinahe widerstrebend, ließ er sich mit fortziehen. Ihm fehlte gänzlich das Vermögen zu lachen, ja auch nur einen Scherz zu verstehen, aber er bemühte sich in fast rührender Weise» dies wie alles andre zu lernen. Und er gewann das Vertrauen dieses fremden Arbeitgebers, nicht weil er es zu gewinnen wünschte, sondern weil er es besser als ein andrer wert war. Fontanara fühlte einen schmerzlichen Stich in der Brust. Von diesem Mann, der ihm fast ein halbes Jahr lang eine unschätzbare Hilse und Stütze gewesen, war er ohne einen Händedruck, ohne Dank und Abschied gegangen. Sollte er ihm nicht einen Brief schreiben, um ihm zu erklären... nein, das hatte ja keinen Zweck. Fontanara knöpfte den Rock zu. es zog niederträchtig. Er be- reute seinen hastigen Ausbruch. Nun, die Eile erklärte es. Iussuf würde das sicher begreisen, er war ja ein intelligenter Mensch. Jontanara zuckte die Schultern und versuchte sich einzureden, daß die ganze Sache eine Bagatelle war. Es wellte ihm nicht glücken. , Ein Dorn hatte sich ihm ins Herz gedrückt, saß noch drin und schmerzte: Der Abendländer hatte au seinem orientalischen Freund nicht recht gehandelt. „Es läßt sich nicht ändern," dachte der Archäologe. Was hatte außerdem er, der Forscher in den Schätzen der Vergangenheit, mit der Jetztzeit und ihren Menschen zu schaffen? Er war seiner Wissenschaft halber gekommen und wurde durch das Zutun Außen- stehender vertrieben. Er war ein Opfer ungünstiger Verhält- nisse... basta!„Fahr wohl, Aussuf... und nun nichts mehr davon!" Fontanara schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Die Räder ratterten eintönig unter ihm, bei jedem Schienenstoß lärmte es stärker, das Holzwerk des Wagens knackte, die Fensterscheiben klirrten. Ter Archäologe nickte willenlos im Takt mit den ver- schiedenen Tönen. Es war ihm nicht möglich einzuschlafen, aber er war auch nicht völlig wach. Wie er so dasaß, zog eine Reihe von Bildern an seinem halbdämmerigen Bewußtsein vorüber. Das Leben, mit dem er sich vertraut gemacht hatte, Anschauungen und Tenkungsarten so fremd uud unfaßbar, daß er es nicht mal der- sucht, sie zu begreifen. Und aus dem bunten Wirrwarr trat regel- mäßig Aussuf Halis Gestalt hervor. Aus den Augen des Mannes leuchtete die stumme Frage:„Du gehst doch nicht für immer?" Fontanara versuchte sich aufzuraffen.„Bah!" sagte er.„Das Beste, was geschehen konnte, ist geschehen." Jetzt wünschte er außer- dem, nach Hause zu kommen. Der Gedanke war kaum gedacht, als ihn auch schon eine ganz unvernünftige Sehnsucht befiel.„Nach Hause I" sagte er laut.„Nach Hause l' Ter Dolmetsch fuhr aus seinem«djlummer aus und wie ein Echo klang seine verschlafene, ein wenig schleppende Stimme: „Nach Hause!" Zwischen den beiden Männern entspann sich ein Gespräch. Fontanaras heftige Sehnsucht fand Widerhall bei dem ander:?. Er war in Kleinasien geboren, hatte niemals Europa gesehen, aber — er betonte das mit besonderem Nachdruck— er sah sich als Euro- päer an. Die weichen C-Laute in seiner Aussprache verrieten den Venezianer. Fontanara hörte, daß der Mann nichts sehnlicher wünschte, als über seine Herkunft befragt zu werden. Es zeigte sich bald, daß der Bater ein Oesterreicher gewesen war. Der Dol- metfch hatte offenbar höchst unklare Begriffe von den? Unterschied zwischen italienisch und österreichistb. Wenn sein Vater auch noch so sehr letzterem Land angehört hatte, sein Sohn mit der orienta- lischen Mutter wollte Italiener sein. „Patriot, Signore," sagte der Mann beinahe mit Tränen in der Stimme.„Italiener... Sie sehen es wohl ein?" Impulsiv bot ihm Fontanara die Hand, und die beiden Fremd- linge wechselten im Dunkeli? einen larigen, verständnisinnigen Händedruck. l Fortsetzung folgt.? Me ich polarfabrer wurde.*) Bon R o all» Amundsen. Von jener Zeit an, wo die alten Phönizier beim Morgengrauen ?mserer Kultur sich an den Küsten des Miltelkneeres entlang gleich» icun vorwärts tasteten, bis auf den hemigen Tag sind wißbegierige Märmer über unbekannte Meere und durch dunkle Wälder immer weiter vorgedrungen. Bisweilen langsam und mit einem hundert- fahrigen Srillsta??d dazwischen, bisweilen aber mit Riesenschritten, wie danmls. wo die Entdeckung Amerikas und die großen Welt- nmfchlffungcn die Erdkugel selbst aus dein Nebel des Unbctaiiiiteu und des Vorurteils befreiten. Sicherlich sind viele Entdeckungsreisende nur von der Sehnsucht nach den Reichtümern getrieben worden, die sie in unbekannten Ländern und Meeren zu finden hofften, ja man kann von den meisten Entdeckungsreisen behaupten, daß■ sie ohne die Grundlage von materiellen Zielen und Erwartungen gar nicht zustande gs- kommen wären. Neber allen den Forschungen aber, die ihren Weg nach dem ewigen Eise unter den Polen nahmen, ruht von jeher nicht alleüi der ihnen eigene hohe, reine Glanz von weißen Schneefeldern und wunderbaren Himmelserscheinuitgen, sondern auch ein Glanz von ioabrem, ungetrübtem Idealismus. Wenn man die ausschließlichen Fischfangexpeditionen jdenen übrigens die Polarforschung zu großem Danke verpflichtet ist) ausschließt, darf man wohl ruhig annehmen, daß selbst der überspannteste Phantast den Weg nach dein Polareis niemals in der Hoffnung eingeschlagen hat, dort goldene Berge zu finden. Im Dienste der Wissenschaft find ste ausgeführt worden, die *) Roald Amundsen, der Entdecker des Südpols, hat in der Ein- leihmg zu seinem demnächst neuerscheinenden Werk„Die Nordwest- Bassage", deren lleberwindung die erste glänzende Probe seiner Fähigkeiten war, selbst berichtet, wie ihm die Erforschung der Pole zum LebenSberuf und Lebensziel wurde. Durch dos Entgegenkommen des Verlages von I. F. Lehmann in München sind wir in der Lage, dieses Bekennlms unseren Leiern vorzulegen. unzähligen und unablässigen Sturmläufe gegen den schlimmsten „Böig" sein gespenstisches Ungeheuer des Nordens, das sich dem Wanderer als ein unsichtbares, schleimiges Etwas um die Füße legt), der dem menschllcheu Forschungsdran� jedesmal den Weg ver-- sperrt hat: das tausend- und abertausendjährige Eis, jene breite und feste Mauer um die Geheimnisse des Nordpols. Aber trotz aller tragischen Geschicke, die so viele entmutigt und unverrichteter Sache umkehren ließen, sind die Angriffe immer und immer wieder aufgeitommen worden uud werden bis auf den beutigen Tag erneut. Und diese unermüdliche Ausdauer hat, wenn sie den Böig auck nicht überwinden konnte, ihn doch gezwungen, einen Spalt zu öffnen, durch den man tief in seine Geheimnisse hineinsehen konnte. Eine gewaltige Spalte wurde in die Eismauer geschlagen, als Nordenskjöld die Nordostpaffage ausfübrte und damit das Festland Asiens dem Griff des Böig eittriß. Schon ein Menschenalter früher hatten John Franklin und die Franklin-Expeditionen die Gewißheit mit heimgebracht, daß sich dem ganzen Lande der nordamerikani- scheu Küste entlang ein Streifen offenen Meeres befinde; und gar mannigfaltig find die anderen Breschen, die mutige und geniale Polarforscher geschlagen haben in ihrem Bemühen, die Welt aus dem geheimnisvollen Dunkel über den Norden zu befreien; große Opfer sind auch dafür gebracht worden, und gmtz besonders für die Nordwe st Passage. Wohl keine Tragödie des PolareiseS hat die Menschen so tief ergriffen wie die von John Franklin und seinen Leuten. Keine hat sie so erschüttert, aber auch keine zu einer so erbitterten Wieder- aufnähme des Kampfes augespornt. Man wußte: eS gab einen Seeweg nördlich um Amerika; aber man wnßle nickt, ob Schiffe hindurchkommen könnten, und noch nie- mand war je von Osten nach Westen hindurchgesahren. Diese un- gelöste Frage ließ die Sache nicht zur Ruhe kommen, hauptfächlich aber einen nicht: den Man», dessen Seele seit seinen Kindertagen von dem großen Drama der FranUrn-Expedition erfüllt gewesen war. Gerade wie einst die„Bega" die ganze Passage nach Osten ge- macht hat, so genügte auch die Kunde von jenem Streife« offenen Meeres gegen Westen allein nidit; ste mußte vorher in ihrer ganzen Länge von ein und demselben Schiffskiel durchzogen werden. find die kleine„Gjöa" war das Schiff, dem dieses Los zuteil wurde. Das hat die„Gjöa" sich nicht träumen lassen, als ste ans der Rosendal-Werft zn Hardanger als Hermgssacht gebaut wurde. Ob- gleich dort in den Fjorden so mancherkei geträumt wird t lind auch er hätte es sich incht träumen lassen, der künftige Schifssführcr. als die Berichte über John Franklin zum erstewnal seine acht- bis immjährige Phantasie gesangen nahmen. Obgleich eine Knabeuphanlafie gar mancherlei trämnt! Der 30. Mai 1889 wurde wahrlich ein Merktag in der Phantasie von vielen norwegischen Junge» I Jedenfalls wurde_ er in der meinigeu ein Merkrag! Es war der Tag, wo Fridtjof Nansen von seiner Grüiilandreise zurückkehrte. An jenem sonnenhellen Tage kam der junge norwegische Skiläufer den Fjord von Christiania herausgezogen, die hohe, schlanke Gestalt umflossen von dem Glänze der Bewunderung aller Well über die Tat, die er ausgeführt hatte, die tollkühne, dieminiögliche Tal I Der Mai feierte fei» schönstes Lmzfest im Fjord, die Stadt jelcrle mit, das Volk feierte mit___ Ich selbst ging an jenem Tag mit tlopfeudem Herzen zwischen Flaggen und Hurrarufen dabin. Alle meine jahrelangen Knabenrräume waren zu stürmischem Leben erwacht. Und zum erstenmal ging es wie ein klares, bebendes Flüstern drirch merne tiessten Gedanken:„Wenn du die Nordwest- Passage zustande bnngen würdest!" Dann kam das Jahr 1893. Und Nansen zog aufs neue hinaus. Und mir war, als müßte ich mit! Aber ich war zu jung. Meine Mutter bat mich, daheim und bei meinen Studien zu bleiben. Und so blieb ich. Äänu starb meme Mutter. Eine Zeitlaug kämpfte meine Liebe zn ihr einen schweren Kamp?, ob ich ihrem Wunsche treu bleiben solle. Aber dann konnte ich nicht anders. Nichts konnte meinen Drang, dem Ziel meiner alten und einzigen Sehnsucht nachzujagen, unterdrücken; ich warf mein Sttidinm über Bord und bei�loß, die notwendigen langen vorbereitenden Studien in Angriff zu nehmen, die für den Polarforscher durchaus imerläßlich find. Im Jahre 1894 fuhr ich mit der alten„Magdalene" als Leicht- matrose von TöiiSbcrg aus ans den Seehundsfang im Eismeer. Dies war meine erste Begegnung mit den, Eise— und sie gefiel mir I Die Zeit verging und meine Ausbildung machte Fortschritte. In den Jahren 1897 bis 1899 fuhr ich als Steuermann mit der belgischen antarktischen Eppedilion— miter Adrien de Gerlachcs Leitung— nach den südlichen Ei-Zregioneu. Und während dieser Zeit reiste mein Plan: ich wollte den Traum meiner Kindheit von der Nordwest-Passoge mit dem wissenschaftlich an und für sich viel wichtigeren Ziel verbinden, die gegenwärtige Lage des magnetischen Nordpols festzustellen. Sogleich nach meiner Rückkehr vertraute ich meinen Plan meinem Freunde Axel S. Steen an, dem zweiten Direktor am meteorologifchei, Institut. Ich wußte ja selbst nicht, ob die Ziele, die ich mir gesteckt hatte, von genügender Bedeutung seien. Aber er überzeugte mich rasch, daß dies der Fall war; und mit einem Empfehlmigsbries von Steen reiste ich nach Hamburg, imr meinen Plan dort der größten zeitgenössischen Autorität in bezng auf Erd- 'magnelismus vorzulegen, nrnnUch dem Geheimrat Professor S5t. G. v. Sieumaher. damals Direktor der deutschen Geewarte. Während ich diesem liebenswürdigen alten Herrn meinen großen Plan entwickelte, nahm sein Jnter-sse beständig zu, und am Ende strahlte er geradezu v»r Entzücken. Unter seiner persönlichen Leitung erhielt ich dann auch eine Zeitlang Unterricht an der deutschen See- warte. Und dann kam endlich der große Tag, wo der Plan Fridtjof Nansen vorgelegt werden sollte. Ich glaube, Mark Twain ist es, der einmal von einem Menschen erzählt, der so winzig war, daß er zweimal durch eine Tür gehen mußte, bis man ihn sehen konnte. Aber die Unbedeutcndheit jenes Menschen ist gleich Null im Vergleich mit meines Nichts durch- bohrendem Gefühle, das mich an jenem Morgen beherrschte, wo ich in Nansens Villa Lysacker stand und an die Tür seines Arbeits- zimmers klopfke. „Herein I" rief eine Stimme von innen. Und dann stand ich von Angesicht zu Angesicht dem Manne gegenüber, der seit einer Reihe von Jahren als etwas— Uebermenschliches, hätte ich beinahe gesagt— vor mir gestanden hatte, dem Manne, der Taten voll- bracht hatte, die jede Fiber in mir erzittern ließen. Von diesem Augenblick an war die Gjöa-Expebition für mich etwas Wirkliches geworden.— Nansen hatte meinen Plänen seinen Beifall gespendet. Kleines feuilleton, Psychologisches. Das Wesen der optischen Täuschung. Das Auge ist einer der vollkommensten Apparate, die zur Herstellung der Aufgabe, für die es bestimmt ist, überhaupt erfunden werden könnten. Dennoch ist es gewissen Mängeln unterworfen, über die sich auch Helmholtz ausgesprochen hat. Das lehren in einer fast täglichen Er- fahrung die sogenannten optischen Täuschungen, die allerdings nur zum Teil einer Unzulänglichkeit des Auges selbst, zum anderen Teil aber geistigen Vorgängen zur Last zu legen sind. Die eigentliche Entstehung ist so oft gar nicht zu erklären. Professor Stirling hat in einem Vortrag von der optischen Vereinigung darauf hingewiesen, daß beispielsweise eine Säule mit vollkommen geraden Seiten dem Auge stets in der Mitte des Schafts verschmälert erscheint. Die alten Griechen müssen diese optische Täuschung bereits gekannt haben, denn sonst hätten sie den Säulen in ihren Tempeln wohl nicht einen schwach ausgebauchten Schnitt gegeben. Auch stellten sie die Säule nicht ganz senkrecht auf. Die des Parthenon zum Beispiel waren einander nicht parallel, sondern etwas einwärts geneigt. Die Baumeister des Altertums wußten auch bereits, daß unter Umständen eine Krümmung notwendig ist, um eine Linie in gewissem Abstand horizontal erscheinen zu lassen. Ein Beispiel au? neuerer Zeit sind die Stufen der Paulskirche in London, die man als gerade Linien wahrnimmt, während sie in der Tat in Krümmungen verlaufen. Besonders eindrucksvoll und hartnäckig sind die optischen Täuschungen bei bewegten Gegenständen. Wenn man vor einem Wassersall steht, diesen längere Zeit ins Auge faßt und dann auf da« umgebende Gestein blickt, so scheint sich dies mit derselben Geschlvindigkeit auf- wärt« zu bewegen, wie das Wasser nach unten stürzt. Auch an geometnschen Figuren lasten sich Augentäuschungen vielfach fest- stellen. Senkrechte Linien werden gewöhnlich überschätzt, ebenso kleine Winkel, während große Winkel meist als zu klein betrachtet werden. Wenn man zwei jtreise von genau gleicher Größe zeichnet und sie zwischen zwei gegeneinander geneigte Linien einschließt, so erscheint der eine von ihnen unvermeidlich kleiner als der andere. Dasselbe ist mit zwei geraden Linien mit gleicher Länge der Fall, von denen die eine in gestrichelter Unterbrechung gezeichnet ist, und zwar wird man diese für länger halten. Nimmt man ferner von einem Quadrat eine Seite fort, so erscheint es nach dieser Seite bin verlängert. Ein Kreis, besten Umfang zum Teil gestrichelt wird. scheint ganz auseinander zu fallen, da die gestrichelten Bogen ab- geflacht aussehen, als ob sie einem Kreis mit einen, andern Radius angehörten. Bei den Zuhörern von Profestor Stirling erregte be- smiders eine Vorführung Erstaunen, die einen Vogel und einen Käfig nebeneinander darstellte. Wenn diese Zeichnung dicht vor das Auge genommen wurde, so schien sich der Vogel auf den Käfig zuzubeloegen. Hierbei ist ohne Zweifel ein psychologischer Vorgang wirksam. Es gibt auch geometrische Figuren, die eine Bewegung vorspiegeln, und besonders bekannt sind die optischen Täuschungen, die mit Licht und Farben zusammen- hängen. Wenn man gewiste Figuren in Schwarz und Weiß in schnelle Drehung versetzt, glaubt man Farben zu sehen. Die schmale Mondsichel nach dem Neumond zwingt das Auge gleichfalls zu einer Täuschung, da sie einen viel größeren Radius zu besitzen scheint als die übrige dunkle Mondsichel. Technische?. � � � � � �" 2- Schon vor 100 Jahren hatte Dabh die Beobachtung gemacht, daß mit einer Verbrennung nicht ,mmer eine Flammenbildung verbunden sein muß. Er zeigte damals, daß Gase unter ihrer Entzündiingstemperatur verbrennen können. Wird beispielsweise Wasserstoff und Sauerstoff auf 450 Grad Celsius erhitzt, so entsteht eine Wasterbildung, die so langsam fort- LxrantAortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: schreitet, daß eine Entzündung des Gasgemisches nicht eintritt. Erst bei 550 Grad verläuft die Erscheinung so rasch, daß eine Selbsteut» zündung erfolgt. Diese Versuche sind nun von dem amerikanischen Professor Bone wieder aufgenommen worden und haben zu praktisch sehr brauch- baren Resultaten geführt. Wenn man Gase mit einer geeigneten Kontaktsubstanz— poröse Stoffe, die eine große Oberfläche haben— verbrennt, so wird die Entzündungstemperatur der ersterenherabgedrückt, andererseits die Verbrennungstemperatur erhöht. Die Verbrennung erfolgt, ohne daß eine Flammenbildung eintritt. Bone benutzte bei seinen Versuchen eine in einen eisernen Rahmen eingebaute poröse Tonplatte. Auf der Rückseite befindet sich eine Kammer, in die das Gas eintritt. Preßt man dies unter passendem Druck durch die Tonplatte und entzündet es an deren Vorderseite, so tritt hier eine Verbrennung mit schwacher Flamme ein. Diese erlischt durch Steigerung de« Drucks und die Oberflächenverbrennung beginnt. Die Platte erhält anfangs dunkelrote Flecke: dann erhitzt sich di� Oberfläche bis zur hellen Rotglut. Dabei bleibt der eiserne Rahmen und die Rückseite der Tonplatte kalt: die Verbrennung vollzieht sich eben an einer dünnen Oberflächenschicht. Fast die ganze Energie wird in Strahlung umgesetzt. Bone hat auch die praktische Verwendung der Oberflächen- Verbrennung durchzuführen versucht. So konstruierte er einen Tiegelofen, bei dem der Tiegel in feuerfesten, etwa haselnußgroßen Steinstücken eingebettet ist: das Gas wird von unten zugeführt. Der Ofen ergab mit Leichtigkeit 1400 bis 1500 Grad Celsius.— Zur Verwendung der Oberflächenverbrennung zur Kessclheizung brauchen die Heizröhren des Kessels nur mit einer geeigneten Kontaktsubstanz gefüllt zu werden. Hierbei käme, neben anderen Vorteilen, der Schornstein gänzlich in Fortfall. Hochöfen, Koksöfen und Muffelöfen könnten leicht mit einer entsprechenden Einrichtung versehen werden, wobei eine weit bester« Ausnutzung dieser Oesen einträte. Die Temperatur kann sehr hoch gesteigert werden. So wurde beispielsweise bei einem Versuch als Kontaktsubstanz ver- wendetes Karborundum zum Teil in weiße Kieselsäure umgewandelt, was bei einer Temperatur von etwa 2000 Grad Celsius emtritt. Hauswirtschaft. Marmeladenbereitung. Als Ergänzung zu unserem Bericht über die an der Gärtnerleyranstalt in Dahlem gemachten Versuche(siehe U.-Bl. Nr. 137) wird uns von einer„erfahrenen Köchin" aus Wien geschrieben: Das Lob. das den englischen Marmeladen zuerkannt wird, ist übertrieben. Die Franzosen sind in erster Linie zu nennen, wenn es sich um die Kunst zu konservieren handelt. Ich selbst habe diese Kunst in Paris gelernt, und es freut mich, einen Anlaß zu haben. diese leicht zu erlernende Wissenschaft meinen Genossinnen zu über» Mitteln. Erforderlich sind dazu: 1. das reifste tadelloseste Obst, 2. der beste Zucker, 3. eine starke irdene Kasserolle, 4. neue unge- brauchte Holzlöffel, 5. ein neues Haarsieb. Die Kasserolle wird mit Wasser gefüllt auf den Herd gestellt, damit das Gefäß warm ist, wenn die Früchte zum kochen be- reit sind. Nun wäscht man das Obst zweimal, legt es auf's Sieb und dann auf reine Tücher in die Sonne. Nehmen wir z. B. Aprikosen. 1. Eine beliebte Konfitüre zu Tee: Vt Kilogramm halbierte(nicht geschalte Aprikosen).% Kilogramm selbstgestoßenen Zucker, 6—10 Aprikosenkerne, die man vor- sichtig aufschlägt und schält, kocht man � Stunde unter fortwährendem Rühren. Diese Viertelstunde rechnet man selbstverständlich von dem Augenblick an, in dem die Masse zu kochen beginnt. Die Konfitüre wird nun in gut ausgekochte Steintöpfe warm einge- füllt, man kann sie auch sehr warm in Gläser füllen, wenn man einen silbernen Löffel ins GlaS stellt, damit es nicht springt. Mit alter Leinwand und feuchtem Pergamentpapier am nächsten Tag gut verbinden. Also daS Geheimnis deS Gelingens, der Erhaltung des Ge- schmacks und der Farbe besteht darin, kleine Quantitäten in � Stunde fertigzustellen. Was nun die Quantität des Zuckers be- trifft, so kann man nicht von einem Einheitsmatz sprechen, z. B. muß man bei Aprikosen auf 1 Kilogramm Frucht 1 Kilogramm Zucker nehmen, bei geschälter Zwetschen-Marmelade nimmt man auf 1 Kilogramm entkerntes geschältes Obst, Vi Kilogramm Zucker und ein drei Zentimeter langes Stück Vanille. Die Zwetschen müssen sehr reif sein und werden nicht durch das Sieb gestrichen. Johannisbeeren werden roh durch das Sieb gestrichen; für 1 Kilogramm Fruchtbrei genügen 80 Deka Zucker., Es wird behauptet, daß die Marmeladen in Deutschland zu süß sind, das liegt nicht am Zucker, im Gegenteil, sparsame Haus- frauen nehmen meist zu wenig Zucker und lassen die Früchte dann so lange kochen, bis Geschmack und Farbe zum Teufel ge- gangen sind. 1 Kilogramm Fruchtbrei mit 400— 500 Gramm Zucker gekocht, wird nie Marmelade sondern Gelee. Das ist etwas gang anderes, es bekommt niemals die für Marmeladen nötige Konsistenz und muß in Dunst gekocht werden. Als Beweis, daß in vielen Fällen nicht die zu große Menge Zucker an der Süßigkeit die Schuld trägt, kann sich jeder leicht selbst überzeugen. Man koche die gleiche Marmelade statt% Stunde 1 Stunde, und man wird sie wie Honig finden, während die % Stunde lang gekochte säuerlich schmeckt.__ E. A. vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingeräiCo., Berlin LW.