Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 150. Dienstag, den 6. August. 1912 lNachdruZ vervolen.1 26] Der Alittiber. Von Ludwig T h o m a. „Dös tverd da no it oft fürkemma sei?" „Jt leicht, Zaverl, weil i a Mensch bi, der wo a G'fühl Hot für de andern Deanstbot'n. Und zu'n Beischpiel, bal mir d' Arbet in an halb'n Johr firti macha, moant's ös, de Bauern suattern ins de andern sechs Monat? Also muaß mi tracht'n, daß oane übri bleibt." Die Burschen lachten und waren es ganz zufrieden. „Nacha mit'n Essen," ful?r der Sepp weiter,„do ko ma vui Zeit g'winna. Es geit(gibt) Großknecht, de an Löffi it g'schwind gnua aus'n Mäu bringa, und no glei Wieda außi an d' ArbetI Sellc Leut san da größte Schad'n für ins all mitanand: wos a richtiga Mensch is, der laßt si daweil und braucht zun Löffi o'schlecka a schöni Zeit." „Du bischt wohl no it Großknecht g'wen, du Hadalumpl" „Na, aba o'g'richt' hon i mehra wia'r oan, daß as Ess'n it so cini gruacht(geschlungen) Hot wia'r a Hennahund. Und beim Bet'n hon i eahr aa zoagt, daß a rechta Chrischt langsam tuat: sinscht is ja koa Andacht dabei." Jetzt mischte sich aber doch der Hansgirgl ein. „Geh. red' do it a so mit de BuamI" „Warum it? Jetzt Hamm s' Zeit, daß s' wos lernan." «De schiab'n z'erscht it z' vui o." „Bal s' g'scheit san, it. Aba du bischt aa so oana, der d' Arbet fress'n möcht. Moanst, du hoscht an Dank davo? Wart no, bis d' älta werft, na zoag'n's da de Bauern scho." Da fiel es dem Hansgirgl siedheiß ein, wie sich der Lenz gegen ihn aufgespielt hatte, und er schlug seine harte Faust auf den Tisch. Z'letzt hoscht glei recht aa," sagte er,„a Deanstbot is grad a Viech." Er schluckte sein Bier hastig hinunter und bestellte lärmend eine neue Halbe. „Oho! Hansgirgl!" lachte der Wirt.„So hon i di no gar nia g'sehg'n." „I mi aa no net," brummte der Schormayer-Knecht. „A Deanstbot is grad a Viech," fing der Sepp wieder an, „aba oft glei no dümma. Hot ma scho amal a Roß g'sehg'n, dös no ziahg'n möcht, bal eahm da Baua Feierabend gibt? Is it a jeda Ochs froh, bal ma'n ausspannt? Aba selle Knecht gibt's, de umanand lins'n(schauen), ob s' it no g'schwind wos zun arbet'n find'n, und a selle, de vor da Zeit aufstengan." „De wogst du it, Sepp?" fragte ein ganz Junger. „Na, du Grasteufi, de mog i net: und wann du amal bei neunaneunz'g Bauern g'wen bischt, werft aa so hell sei." „Bischt du bei so viel ci'g'stanna?" „Ja. mei Liaba, und ausg'stanna." Sepp zog den Hut weiter in die Stirne und sang mit heiserer Stimme: ..Vo Weichs bis auf Jrgertsham Kenn i f schier allesamm, Und i ho deraz'wcg'n(deswegen) Ziemli oa(viel) Spitzbuam g'sehg'n." Alle lachten. Bloß der Hansgirgl schaute finster vor sich hin und krampfte seine schwielige Hand um den Henkel und trank in kurzen Absätzen. Er redete auch mit sich. „Ah wos! Dir gib i na scho a Fei'schpinnat Dös wcr'n ma ja sehg'nl" „Wos sogscht?" fragte ihn sein Nachbar. „Nix sag' i." „Lass'n steh'!" schrie der Sepp.„Der Hot Zeitlang nach der Arbet, weil scho zwölf Stund Feiertag is." „Du! Mi muaßt it dablecka(verspotten), sinscht dalebst wos!" knurrte der Hansgirgl. „I sag ja, sie soll'n dir an Ruah lass'n. Also, Buam, paßt's auf, daß>vas kinnt's, bal's jetzt bei an neuch'n Bauern aufziagts. I will enk amal an Kalenda ausleg'n, denn de Wiss'nschaft kimmt oiwei mehra o(ab), und de Bauern halt'n ganz weni auf den alt'n Brauch." „Laß di no außa, Sepp!" „Mirkt's enk dös: alle Aposcht'ltäg san halberte Feiertag: und dös laßt's enk it nehma, wei' da Mensch a Religion Hamm muaß. Nacha steht g'schrieb'n: am Karsamschta soll die Erde ruhen. Ruhen, vasteht's?" „Mir vastenga di scho." „Also! Net, daß oana außi fahrt und ackert! Dös sell waar a Frev'l. Und grad so is am erscht'n April. Da soll ma d' Arbet einschränken, sagt da Kalenda. Uebahaupts an koan Samschtag an Mist fahr'n, sinscht hagelt's." „Woaßt na selle Täg aa, wo ma mehra arbet'n soll?" „Na. De Hamm si de Bauern g'mirkt, und es waar'n guatding(reichlich) dreihundert." Wie nun alle in ein schallendes Gelächter ausbrachen, kamen etliche Bauern in die Wirtsstube, der Unterburger dabei. Der drehte sich im Vorbeigehen um, ob er auch recht ge- sehen liabe. daß der Schormayer-Knecht bei den windigen Burschen saß, die wohl seit der Kirche schon tranken und jetzt die Köpfe zusammensteckten. Aber es war so. Der Hansgirgl hockte mitten unter ihnen. Da winkte der Unterburger, nachdem er am Ofcntisch Platz genommen hatte, verstohlens dem Wirt. „Wos is denn, daß an Schormoar der sei' bei de andern hibei sitzt?" „I woaß it: i ho mi selm g'wundert." „Hätt ma'r it denkt, daß si der it z' guat waar." „Er is erscht nach de andern kemma und Hot a bisscl z'wida(unzufrieden) drei'g'schaugt." „Dös tuat a no'i da Hot's was geb'n." „Soll i'n amal schö staad frag'n?" „Na,' na! Mi geht's nix o. Bringst ma'r a Halbil" „Beim Untaburga bin i aa'r amal g'wen," tuschelte der Sepp den Burschen zu.„Der teilt si's richti ei: viel Arbet und Weng Fress'n. Da Schmalzhafa(Schmalztopf) is dös kleanst im Haus." „Du g'freust mi. und i kimm zu eahm," sagte ein junger Knecht, der stark schielte. „Do Werst was dalcb'n, Toni! Sie is gar a G'naue. Kllach'ln bracht s' so groß, daß ma s' an da Uhrkett'n trag'n kunnt, und bal's d' zwoa g'frcss'n hoscht, fahrt s' mit da Schüssel o(ab)." „Dös möcht i sehg'n!" „Da siechst it viel, wann's d' a kreuziveis in de andern eahnere Teller schiagl'n(schielen) ko'scht. Es is nirgats was drin." Die Unterhaltung wurde am Burschentisch immer lauter: und so oft ein neuer Gast kam, wußte Sepp etwas über ihn und sein Hauswesen, und zuletzt gab er sich keine Mühe mehr, leise zu reden, so daß die Bauern aufmerksam wurden und drohende Blicke herüberwarfen. „Sing amal oans, Sepp! Woaßt d' as scho, dös sell vo de Deanstbot'n!" schrie der Toni: und der alte Vagabund war gleich aufgelegt, alle ehemaligen Denstherren miteinander zu ärgern. Er sang, so laut er konnte, und seine heisere Stimme gellte zum Ofen hinüber. „Bauern, enk kenn i gnau. Enk betf koa Ehhalt �Dienstbot) trau, Mit entern Thoa und Treib'n Kon enk koa Ehhalt bleib'n, Braucht's oi(alle) Jahr drei und vier, 5roa richtiger bleibt enk nia, Alle Tag fangts jammern an, Wann Liachtmcß kam." Die Bauern wurden unruhig. „Wia is denn dös?" schrie der Unterburger.„Derf a so a Kerl ins aussinga?" Aber der Sepp ließ sich nicht irr machen und sang, daß ihm die Stirnadern anschwollen. „An Ehhalt'n schinden s' her, Daß eahm glei d' Haut werd speer(dürr). Mit lauter Plagn und Scheern Muaß a sein Lohn vodean(verdienen). Z'letzt thean s' oan no bctrüagn, Thean eahm an Lohn o'ziahg'n, Grobheit'» kriagst recht schö'» Nacha ko'scht geh'." - 598- i,Wirth! Der muaß außii" sagte der Steffelbauer, ein Mann mit breiten Schultern, und er sagte es im tiefen Baß, ohne Erregung, aber so bestimmt wie einer, der nicht viel Widerspruch leidet. „Wer muaß außi? Mir zabl'n insa Bier so guat wia es. Dös woll'n mi sehg'n, wer ins ausschaff'n ko?" brüllte der Toni. „Halt staad(Seid ruhig)!" mischte sich der Wirt em und stellte sich breitbeinig vor den Burschentisch.„Dös geht it, Buam! Oes müaßt's enka Bier mit Fried'n und Anstand trink'n, sinscht habt's koa Bleib'n bei mir!" „So? Dös is brav! Du leihst koane Deanstbot'n bei dir herin?".. „Lüag it, Sepp! Vo dem is koa Red it g'wen. Mir rs a jeda Mensch recht, der bei mir was vazehrt, aba'r a Ruah muaß sei." „Und koa Hadalump derf sei Schlechtigkeit do Herrn aus- üab'n,"' schrie der Unterburger. „Bin i bei Hadalump?" plärrte der Sepp zurück. „Jetzt nimma? aba g'wen bischt da schlechtast." „So? Dös will i sehg'n ob du dös sag'n derfst." „Sei staad, sag i no'mal!" drohte der Wirt, und den Un- terburger beschwichtigte er:„Laß guat sei jetzt; es kimmt nix mehr für." „Is ja wohr aal" brummte der Bauer.„Daß so a herg'Iaff'na Kerl de ganz Gmoa aussinga derfat(darf)." „Der is dir z' wem," sagte ein anderer,„aba bal a nomal singt, thean ma'n außi, und glei a so, daß a'r in Kollbach koa Bleib'n nimma Hot." Es wurde ruhig in der Stube; die Knechte sagten wohl zueinander, daß sie nicht hätten nachgeben dürfen, aber sie dämpften ihre Stimmen und schauten sich scheu nach dem Wirt um, der an der Schenke stand und die Augen überall hatte. Am Ofentisch war der Streit schneller vergessen über Ge- meindesachen und anderen Dingen, um die sich ein gestandener Bauer mehr bekümmern mag als um die Frechheit eines zu- gewanderten Dienstboten. Aber Plötzlich klang vom Burschentisch herüber in die ge- dämpfte Erregung hinein eine treniolierende Stimme, die noch einmal den letzten Vers sang: „Grobheit'» kriagst recht schö', Nacha ko'scht geh'!" „Ja, Herrgott! Is koa Ruah gar it? Aba jetz is a zeiti wor'n." „Laßt's an Sepp steh'n!" schrien die Burschen dagegen. -„Hot ja da Hansgirgl g'sunga!" „Wer?" „Da Hansgirgl! Jowoi!" (Fortsetzung folgt.) Sj Lücfcn» Von Gustaf Jansen. Der älteste der drei Brüder Fontanara langte, ebenso unerwartet an, wie kurz vorher Pietro. Giuseppe, ein Fabrikbesitzer aus dem Norden, war bedrückt und mißmutig. Pietro machte in feiner Gesellschaft einen langen Spaziergang, und Giuseppe be- nutzte die Gelegenheit, seine beklemmte Brust zu erleichtern. „Es gilt eine Lieferung an die Armee. Wenn wir die nicht kriegen, müssen wir die Fabrik schließen und die Arbeiter ent- lassen. Mit unserem ganzen Export nach dem Orient ist es aus, vielleicht für immer." Pietro hustete verlegen und meinte, der Bruder sähe die Sache zu schwarz an. „Für immer," wiederholte Giuseppe halsstarrig.„Die Deut- fchen und die Engländer erobern den Orient aus friedlichem Wege. Was wir mit jahrhundertelanger Arbeit gewonnen haben, ist in einer einzigen Woche ruiniert. Der größte Konsument von italie- nischen Waren hat uns den Rücken gedreht. Ich magS gar nicht ausrechnen, wieviel Millionen uns jährlich entgehen. Und wenn die anderen Nationen uns einmal verdrängt haben, werden sie den Markt auch zu behalten wissen. Wenn unsere Fabriken leer- stehen, die Maschinen entzwcirosten und hungrige Arbeiterscharen beschäftigungslos durch die Straßen ziehen, wird man wohl ein- sehen..." Er kümmerte sich nicht darum, den Satz zu Ende zu bringen, sondern zuckte düster die Schultern. „Du bekommst schon die Lieferung," versuchte Pietro sich selbst .und den Bruder zu trösten. „Es gibt hundert andere, die sie wenigstens ebenso nötig haben wie ich. Das Konkurrieren mit Ausländern ist etwas ganz an- deres als das mit den eigenen Landsleuten." Pietro sah gedankenvoll geradeaus und wiederholte die Worte des alten Professors. „Ich bin kein Wissenschaftler und versteh das nicht," sagte der Bruder mürrisch.„Wer eine sso handgreifliche Aehnlichkert zwischen den niedrigsten Organismen und vernünftigen Menschen halte ich für ohrenrührig. Haben wir denn so wenig ausgerichtet, daß man uns mit Ungeziefer vergleichen will? Ueberhaupt... bah..." Er richtete sich gerader und fing an mit entschlossener Haltung zu gehen.„Jetzt telegraphiere ich nach Hause, daß die halbe Arbeitsstärke entlassen wird." Pietro zuckte die Schultern. Er verstand den Mißmut des Bruders und machte keine Einwendungen. Sie trennten sich mit einem schweigenden Händedruck. Es war zeitig am Vormittag, und die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Fontanara fühlte nach, daß die Brieftasche auf ihrem gehörigen Platz steckte, nickte energisch und marschierte mit der Haltung eines Soldaten durch die Straßen. Er hatte sich plötzlich vorgenommen, eine mehrtägige Fußwanderung über die Campagna zu machen. Er liebte diese meilenweite, kupierte Ebene, die so ganz anders als alles andere war, das er bisher gesehen hatte. Während seiner Jünglingsjahre hatten es ihm die großen Erinnerungen angetan, von denen jeder Fleck aus der weiten Fläche Zeugnis ablegte. Etwas älter hatte er sich an einigen Ausgrabungen betätigt. Damals gingen ihni die Augen auf für die Bedeutung der Wissenschaft, der er sich später gewidmet. Seine Leidenschaft wuchs vor all diesen Beweisen einer alten Kultur, die die Erdschichten liebevoll aufbewahrt für eine Nachwelt, die in diesen Trümmern und Ueberresten die Geschichte der Ver- gangenheit las. Pietro ging rüstig vorwärts und hatte bald die Mauern Roms hinter sich gelassen. Das Gespräch mit seinem Bruder hatte aufs neue den Zweifel in seiner Seele geweckt. Er fühlte sich unsicherer als je und empfand ein nagendes Mißtrauen gegen die gerechte Sache seines Vaterlandes. Für ihn, der das Kriegswesen der Antike zu seinem Hauptstudium gemacht und eine vielfach be- sprochene Abhandlung darüber geschrieben hatte, wurde ein mo- dernes Kricgsunternehmen zu etwas beinahe Absurden. War der Krieg, der die Größe des alten Rom geschaffen, wohl das Mittel, um heute die Machtstellung eines Staates zu erhalten? Pietro bedauerte, daß er die Gegenwart über dem Studium einer rühm- reichen Vergangenheit versäumt hatte. Ein schwacher, feuchtkalter Wind aus Norden strich vorüber und kühlte ihm die linke Wange. Der Wanderer blieb stehen und sah über die grünen Weiten hin. Zum erstenmal fiel es ihm ein, einen Vergleich zwischen der Umgebung Roms und anderer Großstädte zu ziehen. In allen Ländern, die er gesehen, sogar in dem entlegenen Norden lagen Villen, Gärten, Parke und bebaute Felder vor den Steinwüsten der Städte, aber jenseits ver scharfen Grenze, die die Hauptstadt Italiens von dem platten Lande schied, begann unmittelbar die Einöde. Hier und da lagen wohl einige Aecker oder war ein schwacher Ansatz von Urbarmachung zu sehen, aber die Sonne schien über meilenweite Strecken fruchtbaren Erd? reichs, wo keine Saaten sprießten, keine Ernten reiften. Pietro setzte seine Wanderung fort. Es war, als würde er von einer Macht vorwärts getrieben, deren Willen er nicht widerstehen konnte. Cr ahnte etwas hinter der nächsten Wegbiegung, suchte Antwort auf unausgesprochene Fragen. Auf einem gewundenen Pfade erreichte er eine Anhöhe, von der ein unbeschreiblich schönes Panorama dem Auge begegnete. Rund um ihn her wogte die meilenweite Ebene in Höhen und Tälern, deren immerwährendes Grün mit Tausendschönchen übersäet war. In einer entlegenen Ferne zogen die blauen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln ihre gewaltige Ringmauer um die Landschaft. Vom wolkenlosen Himmel schien die Sonne. Fontanara holte tief Atem. Er erfuhr ein Gefühl unbeschreiblicher Einsamkeit. Nirgends war ein Mensch zu sehen, kein Ton war zu hören. Er folgte dem Weg, der an der anderen Seite hinunter führte, und ging weiter. In einiger Entfernung entdeckte er einen Hof mit wenigen verfallenen Ge» bäuden. Ein paar magere Hühner suchten sich ihr Futter auf dem Kehrichthaufen. Das Ganze erweckte einen Eindruck von trauriger Oede und abschreckender Armut. Pietro blickte weg. Unwillkürlich mußte er an die Zeit denken, in der die römische Campagna ein herrlicher Lustgarten war, wo prachtvolle Marmorvillen ihre weißen Zinnen aus den schattigen Kronen der Bäume hoben, die Zeit, wo jeder Fleck dieser Erde sorgfältig angebaut war und reiche Ernten trug, Millionen Men- schen Arbeit und Brot ichenkte. Und heute... Er schüttelte den Kopf und sah fragend den Weg hinunter, der durch den Kamm einer Anhöhe gezogen war. An der einen Sehe klaffte der dunkle Eingang zu einem verlassenen Steinbruch. Ein Dutzend kleiner Eidechsen schlüpfte beim Geräusch seiner Schritte eilig über die Schieserlaaer fort. Der Wanderer ging rascher. Eine halb verfallene Brücke führte ihn über einen ausgetrockneten Bachlauf. Die verwitterten Steine, die in zweitausend Jahren Fußgänger und Fuhrwerke über den Strom getragen, konnten scheinbar noch lange der Zeit und der Verödung trotzen. Pietro blickte um sich. Rechts durchquerten die mächtigen Gewölbebogen der antiken Wasserleitung die Wellenlinie der Ebene. Das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit wurde immer beklemmender. Ep sehnte sich nach Menschen, nach dem Tone menschlicher Stimmen- An jeder Wegbiegung spähte er eifrig vorwärts. Niemand kam ihm entgegen, nirgends war ein menschliches Wesen in Sicht. Jrt H — 599— der Ferne sah er eine Schafherde in einer Senkung grasen, aber den Schäfer zu entdecken, war er nicht imstande. Diese leere Oed« eine Stunde Wegs von der Hauptstadt war beinahe unheimlich. Pietro ging mit immer größerer Eile. Der Gedanke, daß ihm kein lebendes Wesen in den Weg kam und keines in seinen Spuren folgte, jagte ihn weiter. Endlich nach einem mehrstündigen Marsch sah er ein ver- fallenes Gehöft draußen auf der Ebene auftauchen. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Jetzt erst fühlte er die Müdigkeit in allen Gliedern und merkte, daß ihm der Schweiß über Stirn und Wangen herabrann. Er wollte ein wenig rasten. Der weiße Landwein würde jetzt köstlich munden. Eine nachlässig gekleidete Frau nahm die Bestellung des Wan- deres entgegen und brachte ihm eine plumpe Karaffe und ein abgestoßenes Glas. Pietro sah sich in der halbdunklen Osteria um. Der Schmutz und die Unordnung spotteten aller Beschreibung, einige erschrockene Hühner flohen gackernd bei seinem Eintritt, die Fliegen summten unter der Decke.- Mit der dumpfen Luft des Zimmers mischte sich der Geruch aus dem mit dem Wohnhaus zusammengebauten Viehstall. Pietro trank einen Schluck von dem sauren Wein, entdeckte den Abdruck von Fingern an seinem Glas und stürzte hinaus. Die Frau schien diese Flucht weder zu wun- dern, noch zu kränken. Er ging quer über den Hof auf den Weg zu. An einen in die Erde getriebenen Pflock war ein kleines schwarzes Ferkel mir einem Strick um das eine Hinterbein gebunden. Jenseits einer Mauer aus Feldsteinen lagen einige hundert Schafe. Ein Kehricht- Haufen machte sich neben dem Eingang breit. Der Wanderer bog nach rechts ab. Ein paar halbnackte Kinder liefen ihm entgegen und streckten die Hände nach einem Almosen aus. Sie besaßen nicht die pochende Sicherheit städtischer Bettler, aber waren ebenso. beharrlich. Um sie loszuwerden, warf ihnen Pietro einen Saldo zu. Die Gabe wurde stillschweigend in Empfang genommen, aber lockte dennoch ein ganzes Dutzend anderer Kinder in den ver- schiedensten Altern herbei. Schweigend, aber mit hingehaltenen Händen und Augen, die vor Habgier glänzten, liefen sie neben und hinter dem Fremden, der vielleicht noch ein Geldstück auf den Weg fallen ließ. Pietro wurde es unheimlich bei diesem zähen Achtgeben. Die vielen großen, eingesunkenen Augenpaare, die allen seinen Bewegungen folgten, die vielen ungewaschenen Hände, die um Hilfe baten, gehörten ja Landsleuten. Er ging rascher, ob er gab oder nicht gab, war einerlei, dachte er. Die Gesichter dieser Kinder gehörten ja Greisen, denen das Vermögen zu hoffen ver- lorengegangen war. Aber sie streckten instinktiv die Hände aus. Das geschah aus alter Gewohnheit oder weil man sie es ein für allemal zu tun gelehrt hatte. lFortsetzung folgi.I. Das Cbicagocr Zcmpo*) Von Artur Holitscher. Der Besuch der Schlachthäuser in Chicago ist einigermaßen in Verruf geraten bei den Schriftstellern, die nach Amerika reisen. Ter ausgezeichnete Wells lehnte es ab. zuzusehen, wie unschuldige Tiere in Scharen zusammengetrieben und die Wehrlosen dann zum Tode befördert werden. Andere Geister geringeren Kalibers haben dann Wells Exempel nachgeahmt. Ich vermute, Grund dieses Zurückhaltens ist weniger das Mitleid mit den Tieren als die außerordentliche und endgültige Schilderung, die Upton Sinclair in seinem Meistcrroman»Tbe Kungle"(Der Sumpf) von den „Packinghouses"(Packhäusern) entworfen hat. Ich sehe nicht ein, warum man um kl) Uhr früh nicht zusehen soll, wie die Rinder und Schweine gestochen werden, die man in Form von Filets und Car- bonadeln sich um halb zwei zum Lunch servieren lassen wird. Wich- tiger als das Schicksal der Tiere, die abgestochen werden, scheint mir das Schicksal der Menschen zu sein, die sie abstechen. Daraufhin habe ich mir Armours Schlachthäuser angesehen. Ich traf Sinclair einen Monat später in New Jork und sprach mit ihm über sein Buch.„TKs Jungte",«in Werk, das man nicht laut genug preisen und über die Flut der zeitgenössischen Produk- tion halten kann, ist das Werk eines Sozialisten. Er hat die Miß- stände dieses, die ganze Welt angehenden Getriebes aufgedeckt, sie der Welt zu bedenken gegeben. Ihm wars mehr darum zu tun, die Welt über die erbarmungswürdigen Zustände aufzuklären, in denen die Arbeiter der Schlächtereien leben, die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären, die diese Menschen ruinieren— als *) Im Augusthcft der„Neuen Rundschau"(S. Fischer Verlag, Berlin) veröffentlicht der durch feinzügige Romanschöpfun- gen bekannte Berliner Schriftsteller Artur Holitscher eine „Impression" von Chicago,„der schrecklichsten Stadt des Erd- Kalles". Ihr entnehmen wir die unter dem seltsam klingenden Untertitel„Die Katze in der Klavierfabrik" eigenartig gegebene Schilderung von der wahnsinnigen Ausnützung mensch- licher Arbeitskräfte in den Schlächtereien, Fabriken und sonstigen Großbetrieben dieser nach der wilden Zwiebel ebecagua benannten Stadt, die Holitscher mit Fug und Recht als„die Hölle" bezeichnet. (D. R.) von dem Fleisch zu reden, das hier unter den unzulänglichsten hygienischen Bedingungen für den Konsum verarbeitet wird. Allein, wie Sinclair von der Wirkung auf das amerikanische Publikum sagt: I wanted to Kit them in the heart, I Kit tkein in the sto» mach!" Er wollte sie in die Herzgrube treffen, aber er hat ihnen auf den Magen geschlagen. Jetzt thront in dem dunklen, schimyw ligen, übelriechenden Korridor, wo die armen bleichen Mädchen von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends die Fleischscheiben in die Blech- dosen packen, eine Maniküre, weithin sichtbar für die Besucher, die an ihr vorübcrgetrieben werden. Als ein Zeichen dafür, daß die Fleischscheiben von täglich geputzten Fingern in die Büchsen gestopft tverden, thront sie da im Korridor. Ihre polierten Nägel glänzen im Schein der Glühbirnen. Sie sitzt, ein bis in den Tod gelangweiltes Schauobjekt, mitten in dem Gestank da und liest, während die anderen um sie fieberhaft arbeiten, einen abge- griffenen Roman. Wahrscheinlich„TKe Jungle". Sonst ist aber alles beim alten geblieben. Rings um die ko« lossalen Festungen der Schlachthäuser erstrecken sich Quadratmeilen! weit die offenen Holzställe, in denen Rinder, Schafe und Schweine auf ihre Apotheose warten. Zuweilen öffnet sich ein Tor, die Tiere strömen heraus, durch Schleusen und Verschlüge, die sich vor ihnen auftun, werden durch ein Labyrinth von Pfaden und Winkelstraßen zu einem gedeckten Gang getrieben, auf eine Seufzerbrücke hinauf» an deren Ende das blökende, quietschende, muhmuhende Gewimmel geradenwegs in den messerscharfen Tod hineinfällt. Da ist die runde Riesenschcibe aus Holz, auf der sich an dert Hinterfüßen aufgehängt die strampelnden. Schweine drehen. Vor der Scheibe steht ein kleiner vierschrötiger Kerl mit einer spitzen Stahllanze. Dreht die Scheibe einen Schweinebauch in die geeig- nete Höhe, so macht der Kerl in das Schwein den ersten kurzen i �Schnitt, von oben nach unten. Das strampelnde Opfer merkt erst .|Dtzt, worum es sich eigentlich handelt, stößt ein Angstgequieke aus wie ein gebranntes Kind, spritzt dem Kerl einen dünnen, heißen, roten Strahl ins Gesicht, über den Leib und die Mörderhände und ist vermittelst einer Kette schon zum nächsten Schlächter weiter-- befördert, der einen ebenso kurzen, eleganten und systematischen! Schnitt an ihm vollführt. Hundert Schritte weiter ist das Tier bereits schon nach allen Regeln der Kunst abgebrüht, enthaart, in seine Bestandteile zerlegt, in die Kühlräume gebracht, die Spur seiner Erdentage ist ausgelöscht und sein Beruf als Menschennah- rung hat feste Form angenonimen. Die Scheibe dreht sich und der Vierschrötige macht seinen ersten Schnitt. Seit dreißig Jahren steht er da und macht seinen ersten Schnitt sicher und selbstbewußt, wie ein Bankdirektor seine Unter- schrift unter ein Schriftstück, setzt. Er verdient viel Geld, öll Cents die Stunde, und ist eine repräsentative Figur des heutigen Ame- rikas, so gut wie Dowie, Rockefeller und Roosevelt. Er hat dreißig Jahre lang das Tempo ausgehalten— 25 Tiere in der Minute, das macht 1501 in der Stunde, gleich 15 00) für den zehnstündigen Arbeitstag. Dreißig Jahre lang ist er im Speed Amerikas auf seinem Posten geblieben, Schweinemillionen hat sein Lanzenritz dorthin spediert, wo der Fleischfrcßtrieb der Menschen sie hin hchen ivollte. Verachte ich diesen Mann wegen seines Gewerbes, seines gleichmütigen, unbewußt rohen Naturells, der inmitten von Todes-- fuckungcw dünnen roten Strahlen und Angstgequictsch seinen und einer Familie Unterhalt erwirbt? Keine Spur! Ich bewundere ihn um seiner Kraft und seines Tempos willen. Mag er immerhin ein Unmensch, ein Untier, ein Unding, eine Boschsche Höllengcburt sein— ein Maßstab und Messer der Men- schenkraft, ein Rekordbestimmer der Tüchtigkeit, auf die es in seinem Beruf ankommt, ist er. ist er! Ein Feind, nicht der Schweine, sondern seiner Mitmenschen, dazu. Das ist dieser Boschsche Höllenkerl. Seine Tüchtigkeit ist es, die ihn zum Feinde seiner Mitmenschen macht, diesen da, der den Speed(Hetze) aushält. Es ist ja ein Gesetz von Anfang her, der Tüchtige ist der Feind des minder Tüchtigen. Aber in diesem Land, das aus der Tüchtigkeit eine Religion gemacht hat, eine Religion, deren Tempel gleich neben dem der Demokratie sich erhebt und— nicht nur in den Geschästsstunden— stärkeren Zulauf hat, im heu- tigen Amerika hat dies Gesetz einen kleinen Zusatz, eine Ergänzung erfahren, und zwar diese: Der Tüchtig st e ist zugleichauch der Feind des Tüchtig st en.— Ein Mann namens Fredcrik Taylor war jahrelang als In- genieur in den Bethlehem-Stahlwerken, die dem Carnegie-Trust ge- hören, tätig. Auf dem Weg von der Gießerei ins Bureau und zurück blieb«r zuweilen auf dem Hof stehen und sah zu, wie die Roheisenklumpen, die sich dort im Freien sonnten, von Leuten auf Karren verladen wurden. Ein kleiner Deutscher, den er in feinem Buch(„Scientilic Management" by F. Taylor, ich glaube bei Macmillan erschienen.) schonungslos Schmidt nennt, lenkte durch seine Gebaren Taylors Aufmerksamkeit auf sich. Dieser kleine Deutsche war ein kräftiger Bursche, der es zuwege brachte, täglich etwa 12Vi Tonnen„Pig Iron" auf die Karren zu laden. Für einen Tagelohn von 1,15 Dollar leistete er diese Arbeit. Taylor sah dem Burschen zu und erkundigte sich beim Aufscher nach dem Privatleben des kleinen Deutschen. Schmidt war Familienvater, hatte sich von seinem Lohn ein Stückchen Land vor der Stadt erworben, auf dem er tag- lich eine Stunde, ehe er in die Werke kam, eine Stunde, nachdem er abends heimkehrte, mit eigenen Händen ein Häuschen baute, für sich und die Seinen, um darin zu wohnen. Dieser Schmidt ist ein D�ebl sagte sich Taylor. Die zwei Stunden Arbeit, die er