Anterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 153. Freitag, den 9. August. 1912 Nachdruck vervelin.! 291 Der Mittiber. Von Ludwig T h o m a. -„Du g'fallst ma, daß du so daher kimmscht und meine Leut verachten thatst." „Sei froh, bal i da'r a bisse! an Auskunft gib: es is do bessa, du woaßt, wia's d' di zu'n vahalt'n hoscht; du kriagst it lauta schön's." /„I wer's scho aushalt'n." „Rühr' di no g'rad de erscht'n acht Tag und hau eahr mit'n Kochlöffi auf'n Rüass'l, bal's die z' fleißi in dein' Haf'n(Töpfe) einischaug'n. Na wern s' katholisch, bal's sehg'n, daß's so leicht it geht. Aba wia's d' dös it thuast, bischt d' scho drunt." „J dank da halt schö.für dein guat'n Rat," sagte Ursula und lachte. „Is gern g'schehg'n. I hilf zu de junga Leut, und da Teufi zu de alt'n. Jetzt muaß i aba zu'n Vota." „Geh no umi an Roßstall." Dort steckte der Schormayer Heu in die Raufen und ging mit dem Trankeimer herum, als der Tretter unter der Türe auftauchte. „Herrgott, hoscht du an Eifa!" „Wann ma koan' Knecht it Hot, muaß ma selm o'reifa." „Hoscht du koan?" „Na. Der mei is heunt ausg'stanna." „Du, do Hütt i oan für die: aba scho an ganz an guat'n" „I kunnt vom Blank in Neuhofoan Hamm." „Vo seine Buam? Woaß it, ob dös guat is, wann ma sie an Deanstbot'n aus da Nachbarschaft nimmt." Das war eigentlich richtig. Und der Schormayer hatte noch einen besonderen Grund, daß es ihm nicht lieb war. «Da hoscht it unrecht," sagter er. „Nimm den mein': der ko heunt no ei'steh.,, „Woher is na der?" „Vo mein Nachbar'n in Pett'nbach: er is heunt unit mir umaganga, weil a no koan Plötz it Hot." „Dös sell waar a bisse! vadächti, aba schick'n her! Bal a mir it g'fallt, brauch' i'n net nehma." „I mach eahm's z' wiss'n: er hockt beinl Wirt. Und wos willst na du vo mir? Da Tristl Toni Hot ma'r a Botschaft tho, daß du mit mir red'n mögst." „Ja. I möcht di was frag'n," sagte der Schormayer zögernd und bedächtig.„Bischt du weit umanand mit de Bauern bekannt?" „I moa' scho." „Paß auf! Wissast du koan Deanst für a Madl, vastehst, für a Dirn? A bissel an leicht'n Deanst?" „An leicht'n?" „ No ja. im Stall, und daß s' it de schwaarst Arbet Hütt'. Und net in da Näh, sondern a bissel weit weg." „Weit weg?" Der Tretter schmunzelte und drückte ein Aug zu. „So so? An leicht'n Deanst, und recht weit weg? Du, mei Liaba, wo bischt d' denn do Wieda zuawi kemma(dazu gekommen)?" „I frag di ja g'rad. Bal's d' nix woaßt, is ma'r aa gleich." „Weg'n an gleich sei hättst d' it umi g'schickt zu mir." „I ho wem an G'fall'n thoa woll'n: da brauchscht du mi it auslacha." „Oehö! No net glei ob'n aus! Vielleicht fallt ma wos di; aba wia steht's denn do?" Der Tretter rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. „Muaß ma di für an Auskunft zahl'n?" „I will dös it sag'n. Aba oa G'fall'n is den andern wert. Muaßt halt an christlinga Preis macha, wann i da a Stuck Viech o'kaff." „Do wer'n mi scho mitanand red'n kinna." «Jetzt laß mi amal b'sinna. Recht weit weg! Bei Bruck ümanand, han?" hös gang." „In Olching, moan i, kunnt i wos find'n. Und an leicht'n Plötz, sagst?" „Wia s' halt san. Net?" „M— hm. Bis auf wann kriagst s' na's Kind?" -„Wos Kind?" „No, dös is it schwaar zun darath'n, z'weg'n wos hgne de schwaar Arbet it thoa sollt?" „Du bischt do scho a g'machta Hanswurscht! Kimmk er do mit'n Kind daher!" „I kimm it daniit, aba s i e werd halt mit oan' kemma." „Kunnt de it a so aa krank sei?" „Wann dös is, na muaßt du s' in a Krankahaus schick'n, aba'r it in Deanst." „Bal du a so denkst, na laß ma's bleib'n. Do kam i no in's G'red' aa." „Mit mir kimmst in koa's: aba i ko do net auf an Plötz, wo i a G'schäft mach, a Dirn hi'bringa, de vielleicht d' Lungl- sucht Hot!" „Dös is it da Fall." „Sie werd scho de Neunmonatkranket Hamm! Du Spitz- bua, du o'drahta(durchtriebener)!" Tretter lachte, daß er außer Atem kam, und er hätte schier den Schormayer angesteckt. „An leicht'n Platz brcnicht a? Ha-- ha-- ha! Und recht weit weg! Ha... ha.... ha... ha! Bis ans End der Welt? O du Tropf, du schei'heiliga!" „Jetzt sag amal g'scheidt: woaßt an Deanst, oda woaßt koan?" „Auf da Stell it. I muaß in Olching nachfrag'n, ob wos passat's do is... für a... ha... ha... ha!... für a Wöchnerin." „Vo dir laß i mi lang für'n Narr'n Hamm, gel? Geh weita. i brauch di it." „Sei no net glei so Harb(bös)! I find scho wos. Muaß ... ha... ha! Muaß's g'schwind sei?" „Pressiert gar it." „Nacha frag i a wengl nach und kimm Wieda her. Wer is na de selbige?" „Dös sag' i dir, wann's d' Wieda kimmst." „Vo mir aus! I bi net neugieri." Dem Schormayer kamen allerlei Bedenken, weil der Mensch gar so lustig war. Er hielt ihm die Hand hin und sagte ernst: „Tretta, bal's d' ma du in dera Sach an G'fall'n thuast, werft d' mi aa find'n, wann du wos brauchscht." „Gern, sag i. Du kennscht mi ja!" „Ja, ja. Aba mach koa Gaudi it draus! Und dös sag' i dir g'schwind: wann i hör, daß du's Mäu it haltst und solle Spaßetln(Geschichten) umanand bringst, na san mir z'kriagt." „I red g'rad di a bissel dumm o," sagte der Tretter und kam wieder ins Husten und Schnaufen und Lachen.„I sag 's g'rad zu dir, weil's d' ma du gar so guat g'fallst als barm- herziga Bruada." „Mi reut's schier, daß i di um de G'fälligkeit o'ganga Hab." „Warum nacha?" „I trau dir net." „O jessas! Mir derfst du gnua trau'n. I bring di net a so in Valeg'nheit als wia du mi." „I di?" '.Ja, g'stell di no recht unschuldi! Wos moanst denn? I derf mi ja nimma in Weichs sehg'n lass'n, sinscht reißt si de Kaltnerin vo da Kett'n los!" „A mei! De Dummheit!" „Du redtst da leicht, aba i hon an schön Dank dafür, daß i dir's guat g'moant ho." „Geh weita! Hoscht du dös an Ernscht glaabt, daß i dös alt Reibeis'n möcht?" „Hätt'st ma's g'sagt, aufrichti und wia's a si g'hört, na waar's änderst g'wen." „Dös koscht da du ei'bild'n, wann d' ma du auf'n Weg untakimmst, und mir gengan Spaß halba wo hi, daß i nacha glei hänga bleib." „Es waar bei Schad'n nst g'wen. Für wos sollst denn du it heireth'n?" „Aba de it(die nicht). So a Kloa(klein)häuslerin, so att armselige!" „Du hältst as bei a'r a andern g'rad a so g'macht." „Dös woaß i no langet." Es war etwas in der Stimme des Schormaycr, was den Trettcr stutzig machte. „Es is ja no it z' spat, wann du an Ernscht macha wögst." „Dös laßt si im Voraus it sag'n: ma niuaß do oiwei z'erscht wiss'n, wen ma'r ins Haus kriag'n kunnt." „I ho da selbig'smal a paar g'sagt. Beim Eberl in Asbach waar oani do, und beim Prantner in Eckhoß und da Sedlmoar vo Arnzell Hütt oani, und..." „Oeh! No staad! Wann ma mog, g'langt oani, aba auf 's Mög'n kimmt's o." „Siehgst, jetzt redt'st wieda'r a so." „Paß auf, Tretta, i sag' da wos; und bal's d' g'scheid bischt, red'st nix davo, sinscht kam dir dös G'schäft ganz g'wiß aus." „Red' no!" drängte der Viehhändler. „D' Urschula beireth, und i Haus' it guat niit mein Sohn. G'rad heunt hon i Wieda an Vadruß, daß i'n am liabst'n nimnia o'schaug'n möcht." „Dein Buam?" „Ja, mein Buam. Er kennt si nimma aus vo lauta Gier auf'» Hof und z'kriagt sie mit Good und da Welt. Gefchtan Hot a ma mein Knecht, der neun Jahr bei mir g'wen is, so ausanand bracht, daß a ma aufg'sagt Hot. Uebageb'n mag i net, und als a lediga do hocka und mit eahm furt haus'n, dös g'freut mi gar nimma. I siech mir bald nimma änderst außi: heireth'n oda z'trümmern.", (Fortsetzung folgt.) «' Lügen. Von Gustaf Ja n son. Einige Tage später las er in einer der Zeidungen, die an die Mannschaft verteilt wurden, daß das EvhäiMw tiefen Eindruck auf die Araber gemacht hätte.»Es ist eine entehrende Strafe, die dem Toten die Pforten des Paradieses verschließt. Das Erschießen dagegen gilt ihnen als ein Heldentod, den Mohammed und sein Prophet jenseits des Grabes mit ewigeni Ruhm lohnen." Pietro lachte, nachdem er die offizielle Bekanntmachung ge- lesen. Außer dem unverzeihlichen Lapsus„Mohammed und sein Prophet" war die Notiz von Anfang bis zu Ende unrichtig. Zu Mohammeds Zeit gab es keine Feuerwaffen, und weder im Koran noch in anderen arabischen, mehr oder weniger heiligen Schriften findet sich eine Andeutung� daß eine gewisse Todesarti als entehrend gilt. Diese naiven Lügen in einem Bericht, der der ganzen Welt vorgelegt wurde, mußten Anstoß erregcnr Das Veiftrciten von dieser Art Neuigkeiten, die jeder kontrollieren konnte, war tbodenlos einfältig. Bei seiner genauen Kenntnis des Orients und feiner Völker kannte Pietro sich nicht des Gedankens erwehren, daß die Strafe in gewissen Fällen hart, vielleicht ungerecht gewesen war. Nun, die Eile, mit der alles in einem Kriege geschahen mußte, erklärte einen etwaigen Irrtum, wenn sie ihn auch nicht entschut- digte. Ter Druck unerwarteter und unvorausyesehener Ereignisse ibeschleunigte die Urteile und machte sie unwiderruflich. Die Rechts-- pflege des Krieges war eine andere als die des Friedens.— Die menschenleere, schmutzige Stadt und die Galgen mit den baumeln- den, triefenden Leichen wurden eine bleibende Erinnerung für Pietro Fcmtangra. Die zweihundert Soldaten, die an jenem düsteren November- tage anlangten, waren für ein Bersaglieriragiment bestimmt, das füdivestlich von der Stadt Tripolis verlegt war. Tie Ersatzmann- fchasten wurden auf verschiedene Kompagnien verteilt, die siebente, die sich in mancherlei Weise ausgezeichnet hatte, erhielt die größte Anzahl. „Fonkanara!" Bei diesem Namen hielt Hauptmann Vitale mitten im Aufruf inne,„Hier steht ein Meisterschütze. Zeigen Sie eine Probe Ihrer Geschicklichkeit." Pietro bat um eine Spielkarte. Ein Offizier besaß ein Spiel Karten und war bereit, eS zw opfern. Gleich darauf hatte Pietro die Pikfünf an dem Stamm einer Palme befestigt. Aus einer Entfernung von zwanzig Schritt schoß er hernach die fünf schwarzen Zeichen aus der Karte heraus. „Ausgezeichnet!" rief Hauptmann Vitale lauter als gewöhn- lich.„Sie könnten in einem... eh... Zirkus auftreten." Pietro lächelte matt und erklärte, daß er sich täglich im Schießen geübt. Wenn man wie er lange Zeit in einer Eisöde zu- gebracht hätte, in der es niemand gab, mit dem man sich unter- halten konnte, wäre man genötigt, sich an derartige Zerstreuungen zu halten. An gewissen Tagen hätte er seine hundert Schüsse getan. Hatte einer von den Kamesaden Luft, die Karte zwischen Ken Fingern zu halten! gr Sollte sie der Quere nach teilen, „Wa? sind Sie?" fragte Hauptmann Vitale strahlend.„Ich mein' Ihren bürgerlichen Berus.— Archäologe," wiederholte er, als Pietro ihm Rede gestanden.„Archäologe... also Gelehrter. Na, daraus kommt's ja schließlich nicht an." Die Stimme war freundlich, beinahe tröstend. PietroS Lächeln war fortgewischt. Er sah nachdenklich vor sich nieder. Da ftel Hauptmann Vitales linke Hand wie eine Keule auf seine Schulter, die rechte bot sich ihm herzlich zum Handschlag. „Willkommen, Kamerad! So einen wie Sie können wir ge-- brauchen." Eine halbe Stunde später gehörte Pietro zum ersten Halbzug des zweiten Pelotons. Wegen seiner Größe hatte er seinen Platz zu äußerst aus dem rechten Flügel erhalten. Das war ein Ehren- Posten, denn die Leute in dieser Halbtruppe waren alle ausge- zeichnete Soldaten, deren Mut und Tapferkeit oftmals erprobt waren. Neben sich hatte Pietro einen schmächtigen jungen Manw mit einer beinahe schlappen Haltung. Aber er zeigte bald, daß er sich nur ausruhte, indem er so in sich zusammengesunken stand. Er war geschmeidig wie eine Katze, und wenn er sich von- der Stelle bewegte, glitt er geräuschlos über den Boden. Er erzählte Pietro, daß er Zirilli heiße und sckon mehrfach im Feuer gewesen wäre. „Ich Hab' den großen Bajonettangriff vor einem Monat mit» gemachst" erklärte er und warf sich in die Brust.„Sie hätten sehen sollen, wie die Araber liefen. Aber wir warm doch noch fixer. Rapagnotti hinier mir war auch mit dabei. Das ist ein richtiger Draufgänger. Er war immer mitten drin und baute um sich wie toll. Hinterher entdeckten wir, daß sein Gewehrkolben ganz voll von geronnenem Blut war. in dem große Büschel von Haaren fest- getrocknet saßen. Er kann..." „Halt' den Mund!" unterbrach ihn der Genannte mürrisch und gab dem redseligen Zirilli einen Stoß mit dem Knie. „Ich hab's doch mit mcincn�eigencn Augen gesehen." verteidigte sich dieser. Und da er gleichzeitig ein schwaches Lächeln um Pietros Lippen zu bemerken glaubte, fügte er hitzig hinzu:„Ich Hab' eine illustrierte Zeitung in meinem Tornister. In der gibt's ein aus- gezeichnetes Bild gerade von unserem Bajonettangriff. Sehen Sie, ich bin früher in einer Druckerei gewesen� daher versteh' ich mich auf so was. Abbildungen find netter als Text, finden Sie das nicht auch? Wie war es man noch, heißen Sie nicht Fontanara? So- bald wir frei kriegen, will ich Ihnen die Zeitung mal zeigen." Pietro hörte nicht auf das! Geschwätz, sondern schielte über die Schutter nach Rapagnotti hin. Es schien ihm durchaus nicht um- glaublich, daß der breitschultrige, ein wenig buckelige Mensch mit seinen Riesenfäusten ein furchtbarer Gegner war. Von Rapagnotti glitt fein Blick auf die anderen Kameraden. Es war eine lange Reihe von Gesichtern, und in jedem spiegelte sich die ungebundene Seele eines fteien Menschen. Wie kam er auf solche Gedanken? Sie waren doch samt und sonders hier, um anderem zu gehorchen, die ihrerseits ebenfalls gehorchen mußten. Fontanara hatte das Gefühl, als ob das Problem, an dem er sich so eifrig mühte, immer schwieriger und verwickelter wurde, jel mehr er sich darin vertiefte. Aber gleichzeitig wurde er auch in seinem Vorsatz bestärkt, sich durch nichts abschrecken zu lassen, was ihn dem Ziel näher brachte. Er ergriff deswegen auch mit Eifer die erste Gelegenheit zu neuen Beobachtungen. Als die Erkundungspotrouille ousgeschickk wurde, ging er mit raschen Schritten hinter dem Korporal her. Und als der Feind sich zeigte, dachte er,„die Antwort?" Dick ErsahrmtA um die er reicher wurde, war jedoch nicht die, die eck erwartet hakte. Hernach folgte die halb freundschaftliche, halb nachsichtige Zus rcchtweisung, die vermutlich den braven Vitale, der sie erteilte? mehr schmerzte als ihn, der sie erhielt. „Er weiß, daß er seine Pflicht tut," dächte Pietro, während eck regungslos mit geschlossenen Augen auf dem Sand lag.„Wcntt ich doch ebenso sicher wü�te, was meine �Pflicht ist.,.!" * Schon öor seiner Ankunft hatte Pietro das Regiment, zu dem! er jetzt gehörte, mit Bewunderung und Respekt nennen hören. Uns wurde ein Teil desselben besonders bervorgehobcn, war es dick siebente Kompagnie. Sie hatte harte Schicksale durchgemacht, da- von zeugten bereits dix vielen Lücken im Glied. Die beiden Leut» nants waren nach Hause geschickt, der eine als Krüppel, der andere. um in einer Irrenanstalt interniert zu werden. „Sie behaupten, daß er unheilbar ist," sagte Zirilli, als er es Pietro erzählte.„Ueberanstrengung oder so was ähnliches. Eck war die reine Mamsell... taugte nicht für diese Geschichte. Aber Hauptmann Vitale war eine bessere Sorte. Anfangs hatte ihn die Mannschaft gefürchtet, jetzt hatte sie ihn lieb. Eck sorgte auch wie ein Vater für feine Leute, teilte die Enkbehrungent der Soldaten, leitete und unterrichtete, ohne sich selbst zw schonen. Piejro war sich schon klar über den Mann und hörte nur zerstreut dem Geschwätz des Kameraden zu. „Hören Sie." fiel Zirilli plötzlich dazwischen.„Ich Hab' Jhnerii ja immer noch nicht die bewußte Illustration gezeigt. Warten Sie. Sie sollen was Feines zu sehen kriegen." Aus der Innentasche seines Waffenrockcs holte er ein Stück zusammengefaltetes Zeitungs« papier heraus.„In Zukunft will ich es immer bei uns tragen- Hier! Na? Würd' Ihnen wohl auch schmecken, was?"„ (Fortsetzung folgt.)! - 611— Hua dem XTagebucb einer deutfcben Schauspielerin. Von Erich Schlaikjer. Die Veröffentlichung des erschütternden Buches, das den hier zur Ueberfchrift gewählten Titel fuhrt und im Verlag von Robert Lutz(Stuttgart) erschienen ist, verdanken wir den großen Ver- sammlungen von Schauspielerinnen, die im verflossenen Jahre in Frankfurt a. M. und Wien stattfanden. Indirekt waren die Ver- sammlungen wohl von der neu erwachten gewerkschaftlichen Be- »vegumg der Schauspieler hervorgerufen: Die Damen waren zu- sammengekommen, um das große Elend ihres Standes in die Welt hinauszuschreien. Unter dem Eindruck dieser Versammlungen! entstand nun in der Verfasserin des vorliegenden Tagebuches der Wunsch» ihren früheren Kolleginnen in ihrem bitteren' Kampf zu Hilfe zu kommen. Sie fühlte, daß alle öffentlichen Versammlungsreden mehr oder weniger akademisch bleiben mutzten, da keine einzige Schauspielerin auch nur die Möglichkeit hatte, durch schleierlosc Bekanntgabe der erlittenen Qualen die öffentliche Meinung und die gesetzgebenden Körperschaften aufzuscheuchen. So lange die Schauspielerin noch am Theater ist, kann sie gar nicht von all dem reden, das. hinter dem trügerischen Glanz der Kulissen verborgen liegt. Sie selber aber war nach verhältnismäßig raschem glänzendem Aufstieg von der Bühne abgegangen, sie hatte in verschwiegenen Tagebüchern mit rücksichtsloser Offenheit ihre äußeren und inneren Erlebnisse auf- gezeichnet, sie vermochte ein menschliches Dokument von erschüttern- der Kraft in die Diskussion zu werfen. Und um ihrer früheren Kolleginnen willen tat sie es. Daß sie dabei selber den Decknamen „Helene Scharsenstein" wählte und auch sonst alles entfernte, was wirklich vorhandene Menschen bloßstellen konnte, verstand sich unter den vorhandenen Umständen und bei der Noblesse ihrer Absichten von selber. Wir halten das Tagebuch für eine glänzende Dichtung von sehr ernstem Wert; es ist aber trotzdem nicht unsere Meinung, die Arbeit an dieser Stelle unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten. Uns soll in erster Linie die soziale Seite der Sache interessieren, nur daß wir freilich den menschlichen Schicksalen des Buches nähertreten müssen, wenn wir nicht wieder dem Akademi- scheu und Unpersönlichen verfallen wollen, das aufzuheben die Ab- ficht der Verfasserin war. Helene Scharsenstein ist aus einem ländlichen Pastorenhaus hervorgegangen. Als der Vater starb, mutzte die Mutter in die Stadt ziehen, mutzte Zimmer vermieten und dafür sorgen, daß die heranwachsenden Mädchen auf irgend einen Erwerb vorbereitet wurden. Auf diese Wesse kam da Dr. Götz, der Chefredakteur einer liberalen Zeitung, als„möblierter Herr" ins Haus und Helene Scharfenftein wurde in ein Lehrerinnenseminar gesteckt. Zwischen Helene und Dr. Götz entstanden im Lause der Jahre Beziehungen, die zunächst freundschaftlicher Art waren, allmählich aber auf beiden Seiten einen leidenschaftlichen Charakter annahmen. Es war eine Begleiterscheinung dieser Beziehungen, daß das junge Mädchen oft ins Theater kam; Dr. Götz war als Chefredakteur in der Lage, ihr seine Plätze zur Verfügung zu stellen. Mit dem Theaterbesuch lief eine immer stärker werdende Abneigung gegen die Schularbeit paralell, in die sie inzwischen eingetreten war. Nicht als ob sie die verantwortungsvolle Schönheit des Berufes nicht begriffen hätte: Es war Fesselung der freien geistvollen Er- zieherarbeit durch eine staubige philiströse Bureaukratie, die dem frischen klugen tüchtigen Menfchenkind auf die Nerven fiel. Nach« dem die Liebe zum Theater einen längeren aufreibenden Kampf mit den grauen Schulpflichten geführt hatte, siegte endlich ihr künstlerischer Instinkt, und sie beschloß, Schauspielerin zu werden. Weder das Entsetzen des Dr. Götz, noch die offenherzigen Mah- mingen eines klugen älteren Schauspielers vermochten die er- frischend willenskräftige Helene von ihrem Entschluß abzubringen. Von ihrer guten Mutter hat man aus dem Buch den Eindruck, daß sie so in aller Unschuld ein wenig unter ihrem Pantoffel stand. .so daß sie also keinen nennenswerten Widerstand zu leisten ver- mochte. Zwischendurch läuft die LicbeSgeschichte mit Dr. Götz, über der eitt bleicher tragischer verhängnisvoller Stern flimmert. Götz macht in den Tagebüchern den Eindruck eines vornehmen Idealisten, er ist ein Journalistentyp der besten Art, mit all der Weltersahrenheit, die Journalisten im Allgemeinen eigen ist. Er legt seiner Neigung für Helene die denkbar stärksten Fesseln an. da er aus einem Grunde, den mitzuteilen er sich scheut, niemals wird herrateii dürfen. Der jungen warmblütigen Schauspielerin aber, die inzwischen an die Bühne ihres Wohnortes engagiert worden ist, ist im ersten Lenz ihrer Empfindungen mit einer bleichen entsagenden Askese nicht gedient. Sie nimmt an, daß der geheimnisvolle Widerstand sich schließlich doch wird überwinden lassen, und da sie nn Interesse ihrer Kunst auf lange hinaus noch nicht ans Heiraten denken darf, knüpft sie mit ihm ein glückliches, nobles, freies Liebes- Verhältnis an. Es ist eine Scene von grausig packender Kraft, wie er ihr wenige Jahre später gesteht, datz er in kurzer Frist der Brightschcn Krankheit zum Opfer fallen wird. Die Verfasserin der Tage- bücher wächst hier zu einer erschütternden Dichterin empor und verrät zugleich mit tapferer Unerschrockenheit, wie dem totkranken Mann gegenüber in ihr die sinnliche Liebe erlischt und nur die sorgenvolle Liebe der Krankenpflegerin zurückbleibt. Dr. Götz ver-, schwindet dann aus den Blättern des Buches und dem Leben Helenes. Man hat fast den Eindruck, als habe er Abschied von ihr genommen. wie Dr. Rank von Nora Abschied nahm: Er verkroch sich wie ein Tier des Waldes, als die Auflösung begann. Die junge Schauspielerin kam an der Bühne ihres Wohnortes überraschend schnell zu großen Rollen und starken Erfolgen. Ihr offenbar starkes Talent wurde von einer pikanten rotblonden Schön» heit wirkungsvoll unterstützt. Sie lernt auf diese Weise all« Seligkeiten des ersten künstlerischen Rausches kennen, gewinnt aber gleichzeitig auch sehr früh einen starken Einblick in das Elend ihres jetzigen Standes, dem sie indessen mit Hilfe eines kleinen Erbteil? zu entgehen hofft. Durch ihre rotblonde Jugend, wie durch ihr Talent verdränzii sie an der Bühne eine alternde Liebhaberin, die sich dafür durchs einen wilden leidenschaftlichen Ausbruch von Haß und Eifersucht rächt. Sie sind ja eine Dame, eine feine Dame, schreit sie sie and Dagegen ist unsereins bloß Dreck. Was wollen Sie überhaupt beim Theater? Dabei können wir empsindliche Leute nicht brauchen, und wenn sie noch mehr Gelo haben. Uno warum kommen Sie gerade zu uns? Warum laufen Sie mir in die Quere? Ich habe Ihnen doch nichts getan! Hier habe ich ge» seffen fünf Jahre lang in Ruhe und Frieden, und das Publikum und die Presse waren zuftieden mit mir. und nun kommen Sie und wollen mich hinausbeltzenl Glauben Sie vielleicht, mir ist e« leicht geworden, hier zu landen? Was� habe ich nicht getan und ausgestanden, um hochzukommen! Aber das verstehen Sie nicht? Was wissen Sie mit Ihrem Gelobeutel und Ihren Verbindungen (siehe: Dr. Götz), wie es uns armen Teufeln ergeht, die wir nichts anderes haben, als unser bißchen Talent und unseren Leib. Was das kostet, was von unsereiner verlangt wird, ehe sie einigermaßen aus dem Schlamm herauskrabbeln darf. Da heitzts hungern und . noch ganz was anderes, bis einem geholfen wird, Verstehen Sie das? Natürlich nicht! Woher sollten Sie es auch wissend Ich will es Ihnen sagen! Die beiden gottverfluchten Hu sind eS, die man lernen und dulden mutz, wenn man in die Höhe kommen will. Hungern und huren! Das sind die Leitern! Und jede mutzj darüber, sie mag wollen oder nicht, und wenn ihr Talent noch sq groß wäre. Sie schenken es keiner, die Agenten, die Direktoren» die Regisseure... und zu denen kommen noch die Kavaliere, die die Fetzen bezahlen müssen, ohne die es keine Rollen gibt, und die die meisten Direktoren höher schätzen als das Talent. Und die ~ erren Verehrer schenken kein Hutband umsonst. Da heißt es:' einen Leib will ich dafür. So stohts, so sieht es aus bei uns? Und keine kommt darum herum. Das begleitet uns vom ersten, Schritt, den wir auf die Bühne setzen, bis zur ersten Runzel in» Gesicht. Danif ist es aus und ist Ruhe. Dann sind wir erledigt. dann bleibt nur noch das Hungern.... Auch Sie werden sio kennen lernen, die beiden verfluchten Hu, wenn Sie beim Bau, bleiben. Warum sollten Sie es besser haben, als wir andern alle? Das Hungern wird keiner leicht, das Huren mancher. Sie sehen nicht danach aus, Sie scheinen keine von denen zu sein, was wollen Sie also beim Theater? Gehen Sie fort beizeiten und veroerben Sie mir nicht das Engagement und sich das Leben. Helene Scharsenstein mutzte bald erfahren, datz in der wilden Rede der alten Liebhaberin viel grausame Wahrheit steckte. Auchj sie lernte sie bereits in ihrem zweiten Engagement kennen, dig beiden gottverfluchten Hu. Einen Augenblick freilich sah es aus« als ob ein großer, großer Glücksfall sie aus allem Elend befreien sollte. Ihre künstlerischen Erfolge hatten Aufsehen erregt, die Berliner Agenten waren auf sie aufmerksam geword:.!, sie wap im Begriff, eine„Nummer" zu werden, und so erhielt sie einen Engagementsantrag an eine der ganz großen Bühnen Deutsch* lands, der mit 700 M. Monatsgage anfing. Nun war sie aber noch auf zwei Jahre an ihren augenblicklichen Direktor gebunden, und! dieser Gentleman erklärte ihr mit offenem Zynismus, oaß er sie nicht gehen lassen möge, weil sie im nächsten Winter seine Bett« genossin werden solle. Sie erklärte ihm ins Gesicht, daß er ein: Schurke sei und daß sie sich eher mit einem Orang-Utan einlassen werde als mit ihm. Besser wurde dadurch aber selbstverständlich auch nichts, sie mußte bleiben, und der große Glückstraum zerrann. Wäre sie kontraktbrüchig geworden, wären die schwarzen Listen des Bühnenvereins in Kraft getreten, nach denen keine Schau* spielerin angenommen werden darf, die an einer zum Kartell ge* hörigen Bühne kontraktbrüchig geworden ist. Sie blieb also, er- lebte das Ende ihres kleinen Kapitals, und lernte zunächst da? erste Hu, das Hungern, kennen. Sie versuchte, ihre eigene Schnei- derin zu sein, sie hungerte und darbte, aber der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten: die Kostüme, die sie für die Bühne brauchte, waren unerschwinglich, um so mehr, als sie Salondamen und Charakterliebhaberinnen spielte, Rollen also, die eine besondere Toilettenpracht verlangen. Es begann nun der aufreibende, nerbenmordende, seelenzdr- störende Kampf einer Schauspielerin, die mit der ganzen Glut eines künstlerischen Temperamentes am Theater hängt und sich vor der Hingabe an den ungeliebten Mann entsetzt. Wie es in fast allen Fällen geht, die Liebe zum Theater siegte und Helene mußte nun die Bitternis des zweiten Hu kennen lernen. Als sie im nächsten Winter einen künstlerischen Aufstieg an einer anderes Kühne unternahm, drohte rhr hier wieder dasselbe Schicksal, wenn nicht ein nobler, ritterlicher Mann ihren Weg gekreuzt hätte, der dem ganzen Jammer ein Ende machte. Er verband sein Schicksal mit dem ihrigen, und das tapfere begabte Weib kehrte dem bunten Elend der Bühne den Rücken. Wie in einen lächelnden, bluten- schweren, duftsatten, endlosen Frühlingstag war sie in das Land der Kunst hineingefahren. Als sie aber im Lande der Kunst nicht die Schönheit, sondern alle Häßlichkeit vereinigt fand, verwandelte sich die Frühlingsreise in einen grauen, schlveren, weinenden Nebeltag. Wenn man sich fragt, wie die Schauspielerinnen in diese Mechtlosigkeit hinabsinken konnten, wie es möglich wurde, daß die kapitalistischen Unternehmer Kostümansprüche an sie stellen dürfen, von denen sie ganz genau wisien, daß sie nur aus den Taschen eines reichen„Freundes" bestritten werden können, muß man sich über einen Umstand klar werden, der zwar ästhetischer Art ist, aber schwerwiegende soziale Folgerungen nach sich zieht. Die Schauspielkunst ist zwar.keineswegs, wie Helene Scharfenstein in begreiflicher Verstimmung meint, eine bloß reproduktive Kunst, aber eine abhängige Kunst ist sie allerdings. Der Schauspieler vermag nichts ohne die Rollen, die Rollen aber verteilt der Direktor und damit hatte er von vornherein nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die ganze künstlerische Existenz des Schau- Spielers in Händen. Mit der Rolle konnte der Schauspieler be- lohnt und mit der Rolle konnte er bestraft werden, und auf diese Weise entstand eine Sklavenexistenz, in der man Künstlerinnen mit noblen Sinnen das bittere Los einer häßlichen Prostitution aufnötigen konnte. Jeder proletarische Leser dieser Zeilen weiß, daß aus all dem Elend nur ein Weg hinausführt: Die gewerkschaftliche Organisation und der gewerkschaftliche Kampf. Wenn die neu erwachte gewerkschaftliche Bewegung der Schau- spieler auch keinen anderen Existenzgrund hätte, als den infamen Kostümzwang, der temperamentvolle Künstlerinnen in das Elend der unfreiwilligen Hingabe hinabstößt: sie wäre hinreichend legi- timiert. Es hat glücklicherweise den Anschein, als sollten die ge- werkschaftlich kämpfenden Schauspieler gegenüber den vielen dunklen Quertreibereien festbleiben. Im Interesse ihres Standes, im Interesse ihrer Kunst, im Interesse der öffentlichen sittlichen Gesundheit wäre es jedenfalls dringend zu wünschen. Nur wenn sie fest und eisenhart bleiben, können sie hoffen, die alten Ketten zu brechen. Die größte Bplderme der 6rdc. Die Krankheiten, die das Leben der davon Befallenen am stärksten bedrohen, sind nicht immer die gefährlichsten für das Menschengeschlecht im allgemeinen. Leiden, die eine sthr große Verbreitung besitzen, können für die Untergrabung der Gesundheit und für den Verlust an menschlicher Energie weit mehr leisten. Trotz- dem sind derartige Krankheiten eben ivegen ihrer geringen Gefahr für den einzelnen bis auf den heutige» Tag von der Wlssenschaft verhältnismäßig wenig beachtet worden. Ein Beispiel, das an über- laschender Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, hat jetzt ein besonderer Ausschuß des großen Rockefeller Instituts für Medizin aufgestellt. Die dazu gehörigen Acrzte und Gelehrten halten die Ans- gäbe, ein möglichst umfassendes Material über die Verbreitung der sogenannten A n ch y l o st o m i a s i s beizubringen und danach die besten Mittel zu ihrer Bekämpfung oder gar Ausrottung vorzu- schlagen. In der deutschen Sprache hat diese Krankheit eine ganze Reihe von Namen erhalten, die sehr verschieden lauten, aber nur auf einzelne Beobachtungen desselben epidemisch auftretenden Leidens zurückgehen. Dieses selbst wird veranlaßt durch einen winzigen Wurm von einem bis höchstens zwei Zentimeter Länge, der in der Zoologie als �aob�Iostomnm ckuockonals bezeichnet wird. Wenn ?eine Eier oder Larven in den menschlichen Körper hineingelangen. so verinchren sie sich zu Tausenden und verursachen eine Art von Bleichsucht. Da die Krankheit früher Haupt- fächlich in warmen Gegenden beobachtet wurde, erhielt� sie den Namen der tropischen oder auch ägyptischen Bleich- sucht, und später zeigte sie sich in Europa namentlich in Berg- werken. Ihr Auftreten unter den Arbeitern am Bau des Gotthard- tunnels verhalf ihr zu der neuen Benennung als Tunnelkrank- heit. und die damals veranlaßte genaue Untersuchung führte zu dem Schluß, daß auch eine andere Epidemie am Niederrhein, die dort als Ziegelbrennerbleichsucht bekannt war, ganz denselben Ursprung besaß. In den letzten Jahren hat sich denn auch in den deutschen Bergwerken der Anlaß er- geben, der Verbreitung dieser Krankheit sorgfältig nachzugehen, aber eine wirklich großartige Nachforschung, die' sich auf die «anze Erde erstreckt, hat erst das amerikanische Institut eingeleitet. >ie zeigt die Krankheit in einer geradezu ungeheuren Verbreitung, die sich auf eine Zone von 66 Breitegraden um die Erde zieht. Die Grenzen liegen ungefähr zwischen 30 Grad südlicher und 36 Grad nördlicher Breite, und zwischen diesen beide» Parallelkreisen ist kein einziges Land verschont. Im ganzen sind 64 Staaten der Erde mit dieser Krankheit behaftet, die zusammen eine Bevölkerung von S20 Millionen oder fast drei Fünftel der gesamten Erd- Bevölkerung umfassen. Von jenen 64 Ländern sind wenigstens 46 mit Kerantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag einer allgemeinen Verbreitung der Krankheit bedrückt. Rur t» 6 Ländern ist sie auf Bergwerke beschränkt, nämlich ta Deutschland, Holland, Frankreich, Spanien, Belgien und Wales. In den Vereinigten Staaten insbesondere wird die Zahl der Erkrankten auf 20 Millionen geschätzt. Es gibt aber Erdgebrete, wo ein noch viel größerer Teil der Bevölkerung unter der Epidemie leidet. Nach den bisherigen Ermittelungen ist das am stärksten be« fallene Land Indien, wo von 306 Millionen 60 bis 80 Proz. die Krankheit haben. In Ceylon beläuft sich die Häufigkeit der Krank« heit in vielen Teilen sogar auf 90 Proz. aller Bewohner. Die gleiche enorme Verbreitung ist in den südamerikanischen Gebieten von Holländisch-Guyana und Kolumbia festgestellt worden, und auf der Insel Portoriko leidet wenigstens unter der arbeitenden Be- völkerung ein ebenso großer Teil an der Wurmbleichsucht. Von China sind die südlichen beiden Drittel des Reichs derart von der Krankheit heimgesucht, daß etwa drei Viertel aller Bewohner als angesteckt bezeichnet werden können, und auf diesem Gebiet leben wahrscheinlich gleichfalls etwa 300 Millionen Menschen. In Aegypten ist die Hälfte der arbeitenden Klassen daran erkrankt, und ähnliche Ergebnisse haben die Erhebungen in anderen Ländern gebracht. Der wirtschaftliche Schaden muß außerordentlich hoch ver- anschlagt werden. Der amerikanische Bericht erwähnt ein an« schauliches Beispiel dafür. Ein gesunder Arbeiter in den Kaffeepflanzungen der Insel Portoriko pflückt täglich 600 oder sogar 600 Maß Bohnen an einem Arbeitstag, ein durch die Wurmkrankheit geschwächter nur 100 bis 250 Maß. Die Abnahme der menschlichen Arbeitskraft auf dieser Insel, die der Krankheit zur Last zu legen ist, wird auf Vs bis'/a geschätzt. In den Bergwerken von Kali» fornien beträgt die Verringerung der Arbeitskraft zum wenigsten ein Fünftel, was für ein Bergwerk mit 300 Arbeitern einen jähr- lichen Verlust von rund 80 000 M. bedeutet. Eine einfache Rechnung würde zu einer Anschauung führen, wie groß die Einbuße in einem Lande wie Britisch-Jndien zu schätzen wäre, wo über 200 Millionen Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit durch dieselbe Krankheit zurückgesetzt sind. Es wird auch auf den Unterschied zwischen dieser Weltepidemie und anderen Krankheiten aufmerksam ge- macht. Das einzige Gute, das sonst einer Epidemie nach- gesagt zu werden pflegt, ist eine gewisse Reinigung der Raffe von ihren schwächsten Mitgliedern. Auch diese schon etwas bedenkliche Tugend läßt sich der Wurmkrankheit nicht nachrühmen, da sie eine ganze Bevölkerung chronisch verdirbt, ohne sie von der Last untaug» licher Bestandteile zu befreien. Dazu kommt, daß ihre körperlichen, wirtschaftlichen und moralischen Schädigungen von Geschlecht zu Geschlecht zunehmen. ES ist kaum daran zu zweifeln, daß der Niedergang der Bevölkerung von Aegypten, Indien und China wesentlich dieser unaufhörlichen Epidemie zuzuschreiben ist. Die Amerikaner haben daher nur ihre Pflicht getan, wenn sie der AnchylostomiasiS die schärfste Aufmerksamkeit zu widmen be- gönnen haben, weil sie befürchten müssen, dem gleichen Schicksal ent- gegen zu gehen. Besonders sind die Einwanderer eine große Gefahr für die Vereinigten Staaten, allerdings auch für andere Gebiete der Erde. Es ist festgestellt worden, daß in einem Trupp von 600 Kulis, die man sich in die Teeplantagen von Assam verschrieben hatte, nur ein einziger war, der von der Wurmkrankheit nicht befallen war. Aehnliche Erfahrungen hat man in dem südafrikanischen Gebiete von Natal gemacht. Nachdem die Zunahme der Tropenbleichsucht gar zu auffällig geworden war, wurde die nächste Schiffsladung von indischen Kulis untersucht und 93 Proz. infiziert gefunden. Die Einschleppungspforte für die Vereinigten Staaten ist wahrscheinlich San Franziska, wo erst im vorigen Jahre eine Quarantäne ein- gerichtet tvurde, um eine weitere Vermehrung der kranken Arbeiter durch Zuzug vom Auslande her zu verhüten. Diese in ihrer Gesamtheit überraschenden Enthüllungen beweisen auf das deutlichste, daß die Bekämpfung dieser Krankheit eine inter» nationale Aufgabe von höchster Bedeutung ist. Die ein- zelnen Großstaaten sind mit ihrem eigenen Jntereffe in ver- schiedenem Grade daran beteiligt, am wenigsten vielleicht Deutschland, aber auch nur wegen seines verhältnismäßig kleinen Kolonialbesitzes. Dennoch sollten sich alle Staaten zur Bekämpfung der Wurmbleichsucht zusammenschließen. Die Bereinigten Staaten haben ein tüchtiges Borbild geschaffen, indem sie gesamte Aerzteschaft ihres Landes gegen die Epidemie mobil gemacht haben. Ferner wird durch Schulaufsicht und durch Inanspruchnahme aller Behörden dafür gesorgt, daß die Zahl der Kranken ermittelt wird, weil nur dann wirksame Vorsichtsmaßregeln gegen die weitere Verbreitung ge- troffen werden können. Auch a» der Volksbe.ehrung über die Krankheit, ihre Merkmale und Gefahren wird durch Bortragsreisen und durch Anschauungsmittel überall gearbeitet. Wie notwendig solche Schritte gewesen sind, zeigt allein die Tatsache, daß vor dem Beginn der planmäßigen Untersuchungen die Bevölkerung der Südstaaten der Union die Krankheit überhaupt nicht kannte, obgleich sie zum großen Teil damit behaftet war. So steht die Menschheit wieder in einem Kampf gegen einen tückischen Feind, dessen sie ohne Zweifel Herr werden kann, und an Größe und Bedeutung ist dieser Kampf dem gegen die Malaria durchaus ebenbürtig an die Seite zu stellen. vorwärtsBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Pqul SmgerchCo., Berlin LÄ» s