Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 158. Freitag, den 16. August. 1912 ( Nachdruck berboten.) Wann nacha?" " 34] Der Wittiber. Der Von Ludwig Thoma. Lenz wischte sich über die Stirne; der Schweiß stand ihm darauf. Herrgott! Wenn er' s überdachte, das konnte ja gar nicht sein, daß ihn der Vater wegen der hinausjagte, und alle Leute müßten auf seiner Seite stehen und es dem Alten sagen, was es für ein Unrecht sei. Vielleicht, wenn er selber mit ihm reden würde, ganz ruhig, und würde es ihm vor Augen stellen, daß es die Jahre her nie etwas gebraucht hätte zwischen ihnen, und daß die Mutter verstorben sei im festen Glauben, daß ihr Sohn einmal das Sach in Händen haben werde, und daß jeßt eine fremde Person ihm Lügen erzähle, dann müßte doch der Vater auf das Rechte kommen. Und das sollte nun gleich sein und nicht aufgeschoben werden, denn der Zustand war nicht mehr zum aushalten. Wie ein Knecht herumstehen, dem man das Davonjagen angetragen hat, und der nicht weiß, ob es noch der Mühe wert tut, eine neue Arbeit anzufangen, das war das allerschlechteste. Dem Lenz war sonderbar zumut, wie er sich auf den schweren Weg machte. Es war ihm, als sei er über Nacht fremd geworden daheim, als gingen ihn die altvertrauten Dinge, die er um sich herum sah, nichts mehr an, oder als müßte er von neuem ein Recht darauf suchen. Zögernd trat er ins Haus. Im Flöz stand Zenzi vor einem offenen Schranke und kramte in der Wäsche herum. Oft hatte Lenz seiner Mutter zugeschaut, wenn sie die sauber gewickelten Leinwandrollen umschichtete oder ein weißes Linnen zusammenlegte und mit der Hand sorgsam glättete; und von klein auf hatte er Respekt gehabt vor diesem buntbemalten Kasten, über den die Mutter eifersüchtig wachte. Jezt langte das Weibsbild mit frechen Händen hinein und warf die alte Ordnung über den Haufen. Er gab ihm seinen Gruß nicht zurück, und wie es fragte, ob er zum Vater hinein wolle, hörte er nicht und ging ohne Antwort in die Stube. Da setzte er sich an den Tisch und überlegte sich, wie er am besten seine Rede anfangen könne. Wenn der Alte im Stuhl fißen würde, ihm gegenüber, und er würde dann sagen: Schau, Vata, des sell hat jetzt Toan Werth gar it, daß mir da aufanand häßlich san. Also, net wahr? Jekt hamm ma so lang mitanand g'haust, und 3'weg'n wos soll'n denn nacha mir auf oamal 3'friagt sei? thua mei Sach', und du werscht g'wiß it fag'n finna, daß i net gern arbet, und du muaßt it sagn, daß mir d' Bung außahängt vo lauta Gier nach' n Sach. Daß i gern auf' n Sof tam, dös sell is amal g'wiß, und weil mi aa gar nia was andersts g'wißt hot, und weil dös aa da Brauch is, daß mi' s Sach' vo de Eltern triagt, und hot mi aa seine bescht'n Johr' dahoam zuag'sezt, durch dös, daß ma' s gar it anderst g'moant hot, aba desweg'n is durchaus it da Fall, daß i di mit G'walt weg hamm möcht', oda daß i dir dei G'sundheit it bagunn, und bal's du wos jogscht, nacha muaß dir dös wer anderna ei'g'red't hamm, und dös is amal frech g'log'n von dera Herrgottfaggerament Lenz redete immer lauter in seiner Erregung und schlug mit der Hand auf den Tisch. Da hörte er in der Nebenkammer husten und räuspern und gleich darauf den Vater rufen: sh ,, Wer red't denn da draußd?" bin' s, Bata." ,, Mit wem streit'st denn?" ho g'rad a fo für mi hi' g'redt." " Dös wer'n ma scho sehg'n; aba jeßt laß mir mei Ruah!" ,, Sollt' i in a Stund wieda kemma?" " ,, Na, sog i. Du werst scho wart'n finna!" Mit der Rede war es vorläufig nichts, und Lenz ging verdrossen aus der Stube. er Er sah Zenzi in der Küche arbeiten und sagte, so grob ' s heraus brachte, zur halbgeöffneten Türe hinein: ,, An Kaffee solltscht d' eahm bringa!" Das Frauenzimmer war in seiner wichtigen Stellung mitteilsam geworden und rumorte mit der ungewohnten. Arbeit mehr im Hause herum, als gerade notwendig war. Und jetzt wollte es auch arglos sich vor dem Sohn ein wenig prahlen und geschäftig zeigen. Hoscht d' an Vata aufg'weckt? Dös hättst it thoa soll'n." ,, Hätt' i di frag'n müass'n?" ,, Na, aba weil a halt gar so spat hoam kemma is, und i ho scho a weng Angst g'habt, daß a si wos tho hot, weil a no im Wagl draußd g'schlafa hot, und i hon an aa so lang it g'hört, bis da Christl nacha außi is.. Lenz unterbrach die gesprächige Person, die er mit zugekniffenen Augen feindselig ansah. „ Du! Gel, du bild'st da wos ei? Aba dös is no lang it da Fall! Bastehst d' mi?" nicht. Nein, die Zenzi verstand ihn und seinen Haß wirklich " Wos that i mir ei'bild'n?" ,, Dös, was nia werd. Gar nia! Für dös steh da'r i guat, du Schlamp'n, du vadächtiga!" Und da war er weg und ließ das Weibsbild in wirklicher Traurigkeit zurück; denn es schmerzt, mit einem friedfertigen Sinn und der allerbesten Meinung einen solchen Schlag auf den Kopf zu kriegen. Man grübelt darüber nach, und weil man keinen Grund zu dieser besonderen Roheit finden kann, glaubt man bald an die Schlechtigkeit der Welt oder daran, daß man sterbensverlassen der Gegenstand des allgemeinen Unwillens ist. Und hernach steht das hilflose Weibsbild mit tränenden Augen am Herd und wischt sich mit rußigen Fingern übers Maul und schaut aus wie ein Haufen Unglück. ,, Wo3 feit denn dir?" fragte der Schormayer, wie ihm Benzi mit stillen Schmerz den Kaffee hinstellte. ,, Nix," sagte sie. ,, Weg'n nix werst d' na do it trenz'n( weinen)?" ,, Mi feit nir." ,, Vo mir aus! brauch' s it z' wiss'n." Sie zog die Türe still hinter sich zu; und in dem Gefühl, das unschuldige Opfer einer ganz abscheulichen Grobheit gewesen zu sein, tröstete sie sich nach und nach. Der Schormayer löffelte im dumpfen Bewußtsein, daß bier wieder einmal eine Ursache zum Aerger vorhanden sein fönnte, seinen Kaffee aus. ,, Der werd all Tag bessa," sagte er vor sich hin ,,, mit alle Leut is er saugrob, und mir schneid't er a G'sicht hi' wia neun Tag Neg'mvetta. An Hansgirgl hat a vatrieb'n, de ander trenzt im Haus umanand, und nacha wer i dro'femma. Bal's d' di no it schneid'st, du Grobian, du haglbuachana!" Wenn es einmal so weit ist, daß sich zwei Leute, die zueinander gehören, nicht mehr verstehen, dann helfen die besten Meinungen nichts. Lenz hatte mit sich selber eine große Erbarmnis, daß ihm sein anerkennenswerter Versuch sogleich mißlungen war, und in der dummen Geschäftigkeit der Benzi sah er nichts als wohl angelegte Boshaftigkeit. Und da er seinen Charakter behaupten und keine Arbeit angreifen wollte vor der Unterredung mit dem Alten, ging er am frühen Vormittag ins Wirtshaus. Als einziger Gast an diesem föhnwarmen Werktag, der jeden Pflug auf den Acker rief, erregte er das gerechte Aufsehen der Wirtin, und " So? Sag' der andern, sie soll an Staffee in d' Stub'n fie setzte sich mit einem dicken Knäuel Wolle neben ihn und bringa." hätt' nacha aa mit dir wos z' red'n." Wos denn?" 3'weg'n da Arbet, und a so halt." hub ein Stricken und Fragen an, daß es dem verdrossenen Menschen zu eng in seiner Haut ward. Er gab mürrische Antworten, und gab keine Antworten; aber das war für die fluge Frau erst der rechte Ansporn, von allen Seiten und „ Do bin i gar it aufg'legt dazua; dös sogscht d' ma hinten herum anzugreifen, denn das war doch einmal nicht ſpata." natürlich, daß der Schormayer Lenz nach der gestrigen Hoch zeit mit einem solchen Gesicht herumging; und da war irgend etwas geschehen, was sich aus einer halben Antwort auf drei Fragen am Ende schon erraten liei. Außerdem war ja die Unterwirtin nicht gerade auf den Kopf gefallen, hatte auch schon einiges läuten hören und wußte deswegen, wo sie das Brett lupfen mußte, um auf den Boden zu sehen. Nach einigen Stunden wußte sie ungefähr, wie der Lenz über die Verhältnisse daheim gesonnen war, und wußte ge- wiß, daß er acht Halbe abgestandenes Bier getrunken hatte. Beim Schormayer daheim war die Stimmung auch nicht viel schöner. Als er sah, daß die Pferde müßig im Stall standen, wurde er verdrießlich; und wie der Christi heim- kam und sagte, daß weiter nichts angeschafft sei für den Tag, merkte er gut, daß ihm der Lenz trotzen wolle. Beim Mit- tagessen wollte er ihn schon zur Rede stellen, ob das eine Manier sei, am schönsten Tag alles liegen und stehen zu lassen; aber der Lenz blieb aus, und der Schormayer mußte seinen Aerger aufsparen. Es kam auch gleich ein neuer hinzu, wie er seine Kommandogewalt ausübte und dem Christl befahl, noch diesen selbigen Nachmittag nach dem Scharrerwinkel auszu- rücken und frischweg drauf los zu ackern. Ja, das ginge nichtl Der eine Pflug sei noch beim Schmied, und bei dem andern müsse auch erst das Streichbrett gerichtet werden. Kreuzteufel! Ob da keine Zeit dazu gewesen wäre, den ganzen Winter? Und jetzt, wo jeder Nachbar auf dem Feld fei, dächte man erst daran, das Zeug herzurichten? Es war gut. daß der Schormayer wieder einmal selber zum Rechten schaute, und er machte sich auch gleich auf den Weg in die Schmiede. Bei der ersten Straßenbiegung wäre er beinahe an seinen Sohn hingerumpelt, der im eifrigen Selbstgespräch�um die Ecke kam. Oha! Der Lenz schaute seinem Vater, der an ihm vorbeiging, verblüfft nach und richtete erst einmal seine Gedanken auf, die ein wenig übers Kreuz stolperten. Tann lief er dem Alten nach und pfiff ihm. (Fortsetzung folgt.) Lügen. Bon G u st a f I a n fori Die Erkundungspatrouillc zog sich rasch zurück. Sie hatte ihre Aufgabe gelöst und das Vorhandensein des Feindes in kurzer Eni- fernuny von den italienischen Vorposten konstatiert. Leutnant Carello stützte sich schwer aus Pietro, ein Mann ging ihm an der linken Seite, zwei andere trugen den toten Benedctti auf ihren Gewehren Bisweilen schleppten die Hände, bisweilen die Füße des Leichnams im Sand. Die Leute warfen rasche Blicke zurück. Nichts ließ darauf schließen, daß sie von der türkischen Patrouille verfolgt wurden, die größere Abteilung aus der Ebene war zu weit fort, von der hatten sie nichts zu befürchten. „Glaubt Ihr, daß sie es verstanden haben, sich aus dem Spiel zu ziehen?" fragte der Leutnant mühsam. Es flirrte ihm vor den Augen, und er ging manchmal, als wenn er in der Lust schwebte. Aber er bezwang seine Schwäche. Tie Verantwortung für die Untergebene» schenkte ihm die 5�raft, auszuhalten.„Glaubt ihr, daß sie entkommen sind?" Er dachte an den Korporal und die beiden anderen, die er mit den Signalflaggen am Ende des Hohl- Weges zurückgelassen. Pietro hörte ihn nicht. Er ging mit zurückgeworfenem Kopf, den Blick unverwandt nach oben gerichtet. Seine Züge waren regungslos, wie versteinert, und der Ausdruck in seinem Gesicht glich dem eines Nachtwandlers. Aber sein Gehirn arbeitete klar und togisch. „Ja, gewiß," sagte er leise zu sich selber.„Die Sache ist ganz einfach und natürlich. Dussuf Hali ist ja früher Soldat gewesen. In Klcinasicn gab es nichts mehr für ihn zu tun— ebensowenig wie für mich. Er fuhr hierher... gerade wie ich. Und wir schössen aufeinander, alles ist einfach und natürlich." Leutnant Carello warf einen Blick auf den Soldaten an seiner Seite. Die steife Haltung und das unverwandte Stieren der Augen machten ihn besorgt. „Ob sich wohl der Korporal und die beiden anderen aus dem Spiele gezogen haben?" murmelte er. Ein leichtes Fieber machte seine Gedanken unklar, und er klammerte sich krampfhaft an Pietros Arm. „Oh, was ich hungrig bin," stöhnte Rapagnotti hinter ihnen. Die kurze Dämmerung brach an. „Der Hohlweg!" rief Zirilli und zeigte nach rechts. Der Leutnant raffte sich auf und blinzelte einige Male, als wollte er den Nebel verteilen, in dem er ging. Ach so. sie waren- gerade nach Norden gegangen, statt nach Nordost. Er führte Pietro zur Seite, und der folgte wie ein Tier, das dem Zügel gehorcht. Leutnant Carello schüttelte den Kopf.„Was war in den Menschen gefahren, was war mit ihm los?" Sie erreichten den Hohlweg. Wenn der Leutnant in dem schwachen Licht den Abstand richtig beurteilte, waren sie höchstens noch hundert Schritte von den Vorposten entfernt. Die Soldaten glitten lärmend den Abhang hinab. Alle empfanden ein Gefühl der Sicherheit. Hier lauerten ihnen keine Türken auf. „Heilige Madonna, was bin ich hungrig!" seufzte Rapagnotti. Die Patrouille marschierte vorwärts, alle Vorsicht war ver- gessen. Zirilli summte einen Gassenhauer. Unten im Hohlweg war es stockfinster. Plötzlich ertönte ein Stück weiter vor eine Stimme. Sie rief irgend etwas... was war das? Instinktiv drängten sich die Soldaten dichter aneinander und versuchten, die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. „Was ist los?" fragte Leutnant Carello matt. Er war eilte Weile mit geschlossenen Augen und hängendem Kopf gegangen. „Was... Fontanara...?" Ein Schuß, dem alsbald zwei andere folgten, blitzte vor ihnen auf. Unmittelbar hinterher tönten die Knalle. „Alles einfach und natürlich," murmelte Pietro und fiel der Länge nach vornüber. Den Leutnant zog�er mit sich im Fall. „Einfach und natürlich," sagte Pietro leise, indem er die Augen aufschlug. Er ließ den Blick durch das kleine, weißgekalkte Zimmer laufen, schloß überanstrengt die Augen und sah wieder auf. Ja, alles, was geschehen war, war einfach und natürlich. Ein Soldat hatte vor sich einige undeutliche Schatten auftauchen sehen. Die Finsternis, das Schweigen und die Töne, die darin geboren wurden, hatten ihn nervös gemacht. Er hielt ein geladenes Gewehr in der Hand, wußte, es war seine Pflicht, es abzuschießen, sobald er etwas Verdächtiges bemerkte. Er hatte sich doch noch der über- flüssigen Mühe unterzogen, den Kommenden etwas zuzurufen. Die hörten die Worte, verstanden sie aber nicht, und da keine Ant- wort kam, schoß der Soldat. Die Gewehre zweier Kameraden neben ihm brannten ab, ohne daß die beiden wußten, wie es zuging. Eine Kugel bahnte sich einen Weg durch PietroL Leib, wenige Millimeter über seinem Herzen.„Alles einfach und natür- lich," sagte Pietro wiederum. Er lächelte matt und dachte an Doktor Del Ponte, einen Universitätskameraden, den er in zehn Jahren nicht gesehen, aber ganz unerwartet jetzt hier getroffen hatte. Dank Del Ponte hatte man ihn in ein eigenes Zimmer gebettet. „Schlecht daran," hatte der Doktor den Sanitätssoldaten zu- geflüstert, die sich wunderten, daß ein Gemeiner eine solche Rück- sichtnahme genoß, und ihren Vorgesetzten mit großen Augen be- trachteten. Pietro lag also in einem eisernen Bett mit verhältnismäßig reinen Laken und einer Wolldecke, an derem unteren Rande Spuren von dem Erbrechen seines Vorgängers am Platze festgctrocknet waren. „Versuch' zu schlafen!" nickte Del Ponte.„Du hast es nötig." Pietro sah mühsam zu dem früheren Univcrsitätskameraden auf und schloß wieder die Augen. Er meinte durch einen unendlichen leeren Raum zu sinken. Aus dem Rücken ausgestreckt fiel er durch den Weltenraum. Bisweilen ging die Fahrt mit rasender Eile, zeitweise schwebte er langsam nieder oder lag regungslos in dem leeren Nichts. Dann begann wieder der schwindelnde Fall, neue Weltenräume taten sich auf, an Sonnen und Sternen vorbei glitt er in die Tiefe. Auf einmal verlor er sich selbst, war nicht mehr da. Er hatte das Bewußtsein verloren. Als Pietro aus seinem dumpfen Schlafe erwachte, war er ruhig. Solange er regungslos still lag, empfand er ein wärmendes Wohlbehagen. Aber wenn er nur einen Finger rührte, fühlte er ein stechendes Brennen in der linken Seite der Brust. Ach so... sogar, daß ihn die Kugel eines Landsmanns niedergestreckt, war einfach und natürlich. Er sah ein, daß er von Rechts wegen jetzt nicht denken sollte. Eine Weile glückte es ihm auch, sich dessen zu enthalten. Die Augen irrten über die gekalkten Wände und blieben an dem Tisch mit der Medizinflasche und dem Wasserglas hängen. Er hob die Hand. Es tat weh in der Brust und er ließ sie wieder sinken. „Nicht denken," sagte er und horchte nach Geräuschen. Auf der anderen Seite der Tür, draußen im Korridor, ließen sich schleppende Schritte in Filzpantoffeln und das leichte Aufstoßen eines Stockes oder einer Krücke auf die Steinfliesen hören.»Ein Verwundeter, der in der Besserung ist," murmelte er.„Nein, nicht denken, nicht..." Unter ihm, oder vielleicht war es nebenan. stöbnte es leise. Er strengte sich an, um besser hören zu können. „Wieder ein Verwundeter, einer... nein, nein, nicht denken!" In seine Augen kam ein unruhig fragender Ausdruck. Sein ganzes Wesen ging im Horchen auf.„Das ist ein Sterbender," sagte er leise. Und plötzlich meinte er überall Jammern und Stöhnen zu hören. Unter ihm krochen die unheimlichen Töne durch den Fuß» boden herauf, an den Seiten drängten sie sich durch die Wände, die Zimmerdecke ließ sie herunterrieseln. Das ganze Gebäude war vom Keller bis zum Boden voll von Jammern und Klagen. Das Fundament bebte, die Mauern vibrierten davon. Der Schrecken, all die Pein und Qual, die hier in diesen Wänden durchgelitten waren und sich jeden Tag erneuerten, füllten das Zimmer, waren Hier ein Bestandteil der Luft. Die Schmerzen der Verwundeten, die Verzweiflung der Verstümmelten, die Angst der Sterbenden vor dem Unumgänglichen, all das stürzte auf ihn nieder, schlug wie Wellen über seinem Kopf zusammen. Und jetzt sah er auch. In den vier Ecken des Zimmers sickerte ein klarer Blutstrom nieder, tropfte auf den Boden, breitete sich über ihn aus. Er schwoll lang- sam an, wie eine steigende Flut, nach einer Weile würde er das Bett erreicht haben... „Del Ponte... Del Ponte? Hilfe!" Ein Krankenwärter steckte den Kopf zur Tür hinein und starrte einige Sekunden den Patienten an. Dann zog er sich wieder zurück. Pietro seufzte erleichtert. Ein Glück, daß der Wärter die Tür aufgelassen hatte. Jetzt floß Blut in den Korridor hinaus. Er wollte nicht in Blut ertrinken. Doktor Del Ponte trat herein und machte die Tür hinter sich zu. „Luon giorno, Fontanara!" Er drückte die Hand des Ver- Mundeten und fühlte ihm gleichzeitig den Puls. „Nett, daß Du kommst, Del Ponte," sagte Pietro.„Mir ist jetzt viel besser, und ich möchte mit Dir reden." Der Arzt lächelte eigentümlich. «Ich möchte Dir raten, still zu sein," sagte er freundlich. „Ich bin viel besser, sag ich Dir, ja." Pietro sah ihn strenge an. „Und ich will reden. Das Stillschweigen erstickt mich." Er holte tief Atem. Del Ponte zuckle die Schultern. Sah er recht, war es einerlei. ob der alte Studienkamerad, den er hier so unerwartet wiedcrgefun- den, redete oder schwieg. „Jetzt weiß ich es!" sagte Pietro mit klangvoller Stimme. Der Arzt sah ihn überrascht an. Es lag Gewißheit und Jubel in der festen Stimme. Die unerschütterliche Ueberzeugung eines Mannes sprach daraus, aber auch noch etwas mehr, etwas, über das sich der Zuhörer noch nicht im reinen war, als Pietro fortfuhr: „ES ist Lüge... alles... alles. Ich ging als Freiwilliger mit, nicht um zu kämpfen, sondern um die Wahrheit zu suchen. Ich fand die Lüge. Alles am Krieg ist unauflöslich mit der Lüge ver- knüpft. Die zwei gehören zusammen, sie sind eins wie Leib und Seele. Der Leib ist der Krieg, die Seele ist die Lüge. Ohne diese könnte jener nicht existieren. Leib und Seele, Krieg und Lüge, da hast Du die Definition." Mit klaren Augen sah Pietro Del Ponte an, der am Bettende lehnte und ihn interessiert betrachtete. (Fortsetzung folgte (ltiatigenebme Parfüme. Bekanntlich sind manche Tiere mit einem Apparat ausgestattet, der eine übelriechende Feuchtigkeit absondert und so eingerichtet ist, daß diese Substanz nach Belieben, in der Regel zum Zwecke der Verteidigung, entleert werden kann. Von der großen Schar der Insekten find die meisten Wanzen schon ihres abscheulichen Geruchs wegen widerliche Geschöpfe. Dieser Geruch, das Erzeugnis einer Drüse, die im Brustkasten liegt, haftet mit außerordenilicher Beständigkeit den Gegenständen an. Aber auch viele Käfer besitzen ihn, so namentlich die sogenannten Totenkäfer fBIaps), die unangenehm moderartig duften und beim Berühren eine» eigentümlichen scharfen Sast absondern, der loohl als Ursache dieses Geruchs anzusehen ist; selbst unter den schmucken Laufkäfern gibt eS übelriechende Arten. Unter den Reptilien und Amphibien ist die Reihe derer, die in keinem guten Geruch stehen, schon größer. Das Stinktier der Schlangen- welt ist aber die Ringelnatter. Der Stinkstoff ist eine gelbliche Flüssigkeit, die in zwei Kanälen des Hinteren Körperendes lagern und deren Mündung sich gegen die Darmrichlung hin richtet. Die Flüssigkeit wird von dem Tier, wenn es boshaft oder ängstlich ist, herausgedrückt. Sie riecht stark nach Knoblauch, nur noch un- angenehmer. Selbst im Freien macht sich der Geruch weithin bemerkbar und verrät die Anwesenheit von Ringelnatterrn, die aus irgendeinem Grunde für gut beftindcn haben, Schrecken um sich her zu verbreiten. Selbst im Winter versagt dieses Verteidigungsmittcl nicht. Der von der Ringelnatter ausgeschiedene Saft haftet tage- lang mit seinem üblen Geruch an den Kleidern, weicht selbst dem Abwaschen nicht und ist imstande, ganze Zimmer zu verpesten. Was den gleichfalls anrüchigen Wiedehopf anlangt, so stinkt dieser selbst eigentlich nicht, sondern nur die Bruthöhle, weil die unsauberen Eltern die Exkremente der Brut nicht entfernen. Die Jungen stinken selbstverständlich am meisten; die Alten geben ihnen zuletzt wenig nach, und erst viele Wochen nach dem Ausfliegen verlieren die einen wie die anderen den ihnen anhängenden Gestank. ES wird zwar auch behauptet, der widerliche Geruch sei in einer Drüsenabsonderung zu suchen, die in einer un- bekannten Weise für den Vogel wohltätig sei. Die Säugetiere haben in den Musteliden eine wahre Stänker- familie. Unser gemeiner Iltis z. B. entwickelt in den Afterdrüsen eine so unangenehm riechende Flüssigkeit, daß der Volksmund das Tier einfach Stänker nennt, In weit höherem Maße kommt diese Bezeichnung seinen Verwandten in Amerika und auf Java zu. Die amerikanischen Stinktiere(Mephitis) produzieren in ihren Afterdrüsen eine über alle Beschreibung stinkende Flüssig- keit, die sie mehrere Meter weit ihren Feinden entgegenzuspritzen vermögen, die auf Viertelstunden Weges zu spüren ist, monatelang in den Kleidern haftet und Hunde fast toll macht. Wie in der Tierwelt, gibt es aber auch bei den Pflanzen Stänker, obgleich im allgemeinen hier mehr Wohlgerüche, dort mehr Mißgerüche vorkommen. Wir nennen hier zunächst die in den Wäldern Sumatras entdeckte Rafflesie oder Riesenblume, die einen aasarngen Geruch befitzt und deren IS— 18 Zentimeter im Durchmesser haltende Blüte einem halbgeöffneten Kohlkopf mit ziegelroten Blättern gleicht. Der stark adstringierenden Eigenschaften" wegen dient die Pflanze in ihrem Vaterlande nicht nur als Heil- mittel, sondern wird von den Javanen als ein geheimnis- volles, mit Wunderkräften ausgestattetes Wesen verehrt. Auf den langen kriechenden Wurzeln der Pflanze erheben sich reihen- weise rauhe Knöpfchen, etwa von der Größe einer Haselnuß; all- mählich schwellen sie an. erst zur Größe einer Wallnuß, dann eines Apfels, zuletzt eines Kohlkopfes. Durch eine rauhe Hülle bricht bald die braune Blüte, erst übereinander gelegt wie die Blätter des Kohls, endlich zur riesigen Blunre geöffnet— sie ist neben der Viktoria die größte Blume der Welt—, deren dicke, fleischige und fleischfarbene Blätter eine» widerlichen Leichengeruch verbreiten und schnell ver- gehen. Die als Aasblumen lAristolochien, Stopalien, Balanophoreen) bekannten Gewächse des Kaplandes, Mexikos und Südamerikas wett- eifern mit der Rasflesia in der Eigenschaft des üblen Geruchs und locken, wie jene. Schwärme von allerhand Insekten herbei, denen die Kadaverausdüfte als Wegweiser zur Eiablage dienen. Wie denn von den Geruchsorganen vieler Tiere überhaupt zahlreiche Gewächse bevorzugt werden, die wir als stinkend befinden. Schnecken, Fliegenmaden und Käserlarven verzehren Mst- Pilze und andere ekelhafte Schwämme als Delikatesseir. Katzen Haben für Baldrian, freilich auch für das sogenannte Katzen- krartt(Doucrium marum) eine solche Vorliebe, daß sie sich auf ihm, wie auf Katzenminze und Baldrianswurzel so lange umher wälzen, als noch ein Stümpfchen übrig ist. Auch von dem Bären erzählt man sich ähnliche Liebhabereien und eine Lauchart CAIluim ursinmn), die z. B. ftüher das Leipziger Rosental verpestete, hat davon ihren Namen„Bärenlauch" erhalten. Die Fallensteller bedienen sich mancherlei Wurzelwerks, um die Jagdtiere in Fallen zn locken, und Taubenliebhaber wissen, daß sie ihren Pfleglingen den Aufenthalt im Schlage durch wohlriechende Substanzen angenehm machen können. Die stinkende Hundszunge(Cynoglossum officinaJe) unserer Flora ist mehrfach als Mittel zur Verlreibung der Ratten vor- geschlagen worden. Hundekresse(Lspiclinm ruderale), Hundskamille, Stechapfel, Sadebaum, mehrere unserer Waldsarne und die sogenannten Totenblumen sind wegen ihres fatalen Geruches allgemein bekannt. Der Volkswitz hat einige davon mit entehrenden Namen gebrandmarkt. Bei dem javanischen Stinkholz und einem Verwandten des Melonen- bauines(Carica digitata), der auf der Landenge von Panama zu Hause ist. steigert sich der Uebelgeruch sogar bis zum Unanständigen und Unaussprechlichen. Bon letzterem Baum behaupten die sonst nicht gerade eklen Indianer, daß er durch seine Blüten die Lust ver- gifte und lebensgesährlich werde. Von dem Stinkharz, das in den persischen Steppen von einem Doldengewächs