AnterhaltungMall des vorwärts Nr. 162. Donnerstag, den 22. August. 1912 (Zkaadrua ytrvotta.) Pelle äer Gröberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. IV. Morgendämmerung. Mitten da draußen in dem offenen, fruchtbaren Land, wo der Pflug gerade damit beschäftigt war, die schwarze Erde um die vielen freundlichen kleinen Wohnungen aufzuwühlen, lag eine finstere Burg, die nach allen Seiten der lächelnden Welt öde Mauern entgegenstellte. Keine Fensterscheiben fingen die Morgen- und Abendröte auf und gaben sie bewegt zurück, drei Reihen eisenvergitterter Gucklöcher verschlangen unersätt- lich alles Licht des Tages. Immer gleich gierig sperrten sie die Mäuler auf, gegen den blauen Himmel gesehen, wirkten sie wie Löcher in die ewige Finsternis hinein. Mit erdrücken- der Schwere ragte der Steinkoloß über den vielen, lächelnden Wohnungen auf, aber die friedliche Bevölkerung schien sich nicht bedrückt zu fühlen. Sie pflügte ihren Acker bis hart unter die öden Mauern; und so weit hinaus, wie man die Burg sah, richteten sich die Augen mit einem Ausdruck darauf, der besagte, daß man sich gerade wohl fühlte hier unter den starken Mauern. Gleich einem Wahrzeichen ragte das mächtige Gebäude über allem andern auf; es konnte sehr wohl einem�Tempel ähneln, den eine dankbare Menschheit zu Gottes Ifhre errichtet hatte— so imponierend war es. Aber in einer fernen Ver- gangenheit mußte das geschehen seinl So barbarisch baut man heute keine Wohnungen mehr— nicht einmal für den lieben Gott— als gelte es nur Licht und Luft auszuschließen! Das schwere Mauerwerk war ganz durchdrungen von der naß- kalten Finsternis da drinnen, Jahrhunderte hatten die Ober- fläche verwittert und darin üppige Kulturen aus Schimmel und Schwämmen gebildet, aber es schien noch eine Ewigkeit stehen zu können.— Das Gebäude war jedoch keine Festung, auch kein Tempel, in dessen Dunkel der unbekannte Gott wohnte. Näherte man sich dem großen, schtveren Tor, das immer geschlossen war. so las man über der Wölbung das eine Wort Gefängnis, mit großen, eisernen Buchstaben gesetzt. Darunter stand ein einfältiger, lateinischer Vers, der recht anspruchsvoll besagte: Bin aller Tugend und Weisheit ßort! Gerechiigkeit gedeiht nur an diesem Ort. Eine? Tages mitten im Frühling tat sich die kleine Tür in dem Gefängnisportal auf, ein großer Mann trat heraus, und sah sich blinzelnd um. Das Tageslicht schlug ihm in das bleigraue Gesicht, so daß er zurücktaumelte und sich gegen die Mauer stützen mußte; es sah aus, als wolle er wieder hinein- flüchten. Er schöpfte tief Atem und wanderte dann in das offene Land hinaus. Ter Frühlingswind packte ihn mit einem gutgemeinten Griff, versuchte das zuchthäuslerisch geschnittene, grauge- sprenkelte Haar aufzuwühlen, das lockig und blond war, als er zuletzt darin hauste, und schlich sich wohltuend bis an den nackten Körper hinein, wie eine weiche, ei» wenig kühle Hand. Willkommen hier draußen, Pelle I sagte die Sonne und sah ihm in die ausgeweiteten Pupillen, wo das Zellendunkel faß und lauerte. Aber er verzog keine Miene, das Gesicht war wie in Stein gehauen. Die Augen zogen nur die Hornhaut so gewaltsam unter dein Einfluß des Lichts zusammen, daß es weh tat, und fuhren fort, suchend hinauszustarrcn. Jedesmal, wenn er einen Menschen erblickte, blieb er stehen und starrte gespannt, vielleicht in der Hoffnung, daß jemand kommen und ihn empfangen würde. Als er auf die Landstraße einbog, wurde er angerufen. Er wandte sich in plötzlicher, hastiger Freude um, duckte dann den Kops und setzte seinen Weg fort, ohne zu antworten, es war nur ein Strolch, der halb über einen Graben drinnen auf dem Felde hinausguckte und winkte. Er kani über den ge- pflügten Acker gelausen und brüllte heiser:„So wart doch, zum Teufel auch! Hat man hier den ganzen Tag gelegen und auf Gesellschaft gelauert, dann kannst Du doch wohl einen Augenblick warten!" Es war ein breitschultriger, ein wenig schwammiger Bursche mit flachem Rücken und einem dicken, steilen Nacken, der ganz gerade in die Mütze hinaufstieg, ohne den Hinterkopf hervortreten zu lassen und den Gedanken un- willkürlich auf das Sckwfott hinführte. Das Nasenbein war in das blaurote Gesicht eingesunken und verlieh ihm eine bullenbeißerartige Mischung von Brutalität und dummer Neugier. „Wie lange hast Du gesessen?" fragte er keuchend und blieb stehen. Er hatte böse Augen. „Ich kam damals rein, als der liebe Gott noch ein kleiner Junge war, nun kannst Du es Dir ja selbst ausrechnen," ant- wortete Pelle kurz angebunden. „Verdammt und verflucht, das war'n gehörige Zeit. Und warum haben sie Dich verdonnert?" „Ach. da war gerad' ein Platz frei. Da nahmen sie mich und steckten mich da hinein, damit er nicht leer bleiben sollt!" Der Strolch sah ihn schulend an.„Ne, das is zu dick auf- geschmiert, das glaubt Dir doch keiner!" sagte er unsicher. Plötzlich blieb er vor Pelle stehen und steckte ihm seine Stier- stirn ins Gesicht:„Nu will ich Dir mal was sagen, mein Junge! Ich will ungern den ersten Tag, wo ich frei bin, Hand an jemand legen, aber Du sollst Dich doch ein wenig in acht nehmen und Dich mit Deiner verehrten Aufgeblasen- heit an'ne andre Adresse wenden, ja. Denn hier Hab ich nun seit heut morgen gelegen und auf Gesellschaft gelauert!" „Ich Hab nicht die Absicht, irgendeinen Menschen zu be- leidigen," sagte Pelle abwesend. Er sah so aus, als sei er noch nicht zu der Welt zurückgekehrt, und machte keine Miene zu- zugreifen. „Na, also nich, das is ein Glück für Dich. Sonst könnst Du mal darauf gefaßt fein, daß man einen Farbendruck von Deiner betrüblichen Fratze nähme, so ungern man es auch töte.— Uebrigens soll ich Dich von Mutter grüßen." „Bist Du Ferdinand?" fragte Pelle und erhob den Kopf. „Stell Dich man bloß nicht an!" Ferdinand spie auf den Weg.„Man is wohl Großbürger vom Sitzen geworden, was?" „Ich erkannte Dich ja nicht," sagte Pelle eindringlich; er war plötzlich ins Leben zurückgerufen. „Na ja, tvcnn Du das sagst. Da muß wall die Schnauze Schuld an sein, die haben sie mir den Abend eingeschlagen, als ich Mutter in die Erde gebracht hatte. Ich soll Dich übrigens grüßen." „Danke!" sagte Pelle warm. Alte Erinnerungen aus der Arche riefen nach ihm Und brachten sein Blut wieder in Wallung.„Ist es lange her, seit Deine Mutter starb?" fragte er teilnehmend. Ferdinand nickte:„Na ja, es war übrigens recht gut. denn nu is da niemand mehr, um den man ein schlechtes Ge- wissen zu haben braucht. Ich hatt' mir ja in den Köpf gesetzt. daß sie verdient hätt', es auf ihre alten Tage ein bißchen an- ständig zu haben, und ich war mörderlich vorsichtig. Aber dann wurd' ich doch bei einem lumpigen Einbruch ertappt und kriegt acht Monate. Das war gleich nachdem sie Dich ein- gelocht hatten, aber das weißt Du wohl?" „Nein, woher sollt ich das wissen?" „Ich Hab es Dir doch rübertelearaphiert. Ich saß Dir gerade gegenüber, Flügel A., und als ich Deine Zelle äsis- gerechnet hatte, bestellte ich einen Abend die ganze Linie und klopfte Dir einen Gruß rüber. Aber da saß ein Mucker von einem Pfarrer an der Ecke von Deinem Flügel, einer von diesen Sittlichkeitskerls— na, das weißt Du nich mal? Ja, den Hab ich die ganze Zeit in Verdacht gehabt, daß er meinen Bescheid nicht weiter klopfte, obgleich da'ne schreckliche Menge Gelehrsamkeit auf solch Rindvieh verschwendet iS. Als ich dann rauSgekomnlen war, sagt' ich zu mir* selbst, daß die Sache nu ein Ende haben sollt', denn Mutter hat das fürchterlich mit- genommen. Ich versuchte, in eine von den Straßen zu kommen, wo die anständigen Gauner wohnen, und wurd' Kolporteur. und das ging sehr ordentlich. Denn es wäre doch'ne infame Niedertracht gewesen, wenn sie vor Hunger krepiert wär. Und wir hatten es gewaltig gilt'n halbes Jahr lang. Aber da schrammte sie doch ab. und darauf kannst Du Gift nehmen. nie im Leben is Ferdinand in solcher Drerklanne gewesen wie den Tag, als er sie draußen auf dem Westfriedhof in die Erde gebracht hat. Ma, nu liegt Mutter da und riecht von unten an dem Unkraut, und nu kannst Du man gleich Schluß machen, sagt' ich zu mir selbst, denn nu hast Du hier doch nichts mehr zu schaffen. Und ich ging ins Geschäft und verlangte Ab- rechnung. Und da beschubsten sie mich um fünfzig Groschen — die Spitzbuben. „Natürlich ging ich zur Polizei, ich war damals noch dumm genug dazu. Aber das is ja'ne Bande, von Anfang bis zu Ende. Sie Mdinten ja nu, dem Ferdinand, dem könnt man kein Wort glauben, und wollten mich am liebsten gleich wieder einspunnen. Aber so viel sie auch schnüffelten, war da nichts, wo sie einhaken konnten. Verteufelt, wie gut er sich diesmal aus der Schlinge zu ziehen weiß, der Kerl! sagten sie da und ließen mich laufen. Aber sie sollten bald ihren Willen kriegen, denn nun nahm ich die Sache selbst in die Hand, und Du kannst mir glauben, das Geschäft zog den kürzeren bei diesem Arrangement. Denn, siehst Du. es gibt zwei Arten Leute; kleine Leute, die ehrlich sind, wenn sie sich plündern lassen, und dann die anderen. Zum Teufel auch, wozu soll man wie'n geschorenes Schaf rumlaufen und nich wieder plündern! Na, aber mal fällt man rein, drei Jahr, bitte schön! Das nächste Mal krieg ich Zuchthaus!". „Das kommt doch ganz auf Dich an," sagte Pelle langsam. „Na ja, etwas kann man- natürlich dazu tun. Aber siehst Du. die Polizei wird immerzu durchtriebener, und der Mann is wohl noch nich geboren, der nich früher oder später in die Falle geht." „Du solltest versuchen, wieder in eine anständige Be- schäftigung hineinzukommen. Du hast ja doch gesehen, daß es geht!" Ferdinand pfiff:„Auf die lumpige Art und Weise! Besten Dank, sehr freundlich von Dir, mir solche flotte An- Weisung zu geben. Ich sollt' den Großbürgern ihre fetten Gänse hüten, was? Und dann auf der Treppe sitzen und trocken Brot zu dem Geruch von dem Braten essen? Ne, ich danke! Und selbst wenn man wollte, meinst Du, daß es geht? Du kannst Dich darauf verlassen, daß sie gut aufpassen; ver- sucht man ein ehrliches Geschäft, denn währt es nich zwei Tage, bis der Alte da is.„Was is das mit Ferdinand? Ich hör', er hat was auf dem Kerbholz. Es tut mir sehr leid, denn er is sehr brauchbar gewesen, aber es ist wohl das beste, wenn er sich nach was anderm umsieht." Siehst Du, das sind die Anständigen, die andern warten ganz einfach, bis man seinen Arbeitslohn haben will, und dann knöpfen sie einem ganz einfach was davon ab, weil man einmal gesessen hat. Sie können ja nie wissen, ob man bei ihnen nich auch lange Finger gemacht hat— wie? Und darum is es wohl ant besten, wenn sie sich beizeiten sichern! Macht man Schwierigkeiten, dann kriegt man den„Dieb" direkt ins Ge- ficht geschleudert: Du kannst mir glauben, Ferdinand hat sich das ausprobiert. Aber nu kannst Du es ja selbst mal ver- suchen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vMdown.j 1] Im sonnigen Süden» Von Max Werner. Durch die Wälder des südlichen Missouri brauste der Golf- Expreß. Vereinzelte Farmen mit zahlreichen weidenden Rindern und Pferden tauchten hier und da auf und erregten das lebhafte Jntereffe des jungen Mannes, der an einem Fenster des Expreß- zuge» saß. Er hätte Sinn für die Landschaftsbilder, die da im Fluge an ihm vorüberzogen, und auf der Fahrt von Chicago herunter hatte er reichlich Gelegenheit gehabt, die industriereichen Gegenden von Illinois, die blühenden Städte am gewaltigen Mississippi und die großen, ausgedehnten Farmen des Staates Miffouri zu be- nmndern. Robert Helmbrccht war Lithograph und seit zwei Jahren in Amerika. Er hatte— wie so viele vor ihm— schnell reich werden und mit den errafften Dollars in Deutschland ein schönes, unab- chängiges Dasein führen) wollen. Und während der Zug dahineilte, dachte er an die erste traurige Zeit in New Uork, wo er monatelang vergebens nach Arbeit gelaufen war, dann, als er endlich eine Stelle gefunden hatte, schlecht bezahlt wurde; wie er später nach Buffalo gereist war und einen„guten Platz", wie man hierzulande sagt, er- halten hatte. Kurz darauf war ein großer Streik der Lithographen ausgebrochen, und Robert Helmbrecht stand vor der Wahl, als Streikbrecher den ersehnten hohen Wochenlohn einzustreichen oder als ehrlicher Kerl sich seinen Arbeitskollegen anzuschließen. Er tat das letztere und setzte bis zum Frühjahr den Rest seines mitge- brachten Geldes zu. Dann fuhr er nach Chicago und half den tiefen Grund ausgraben für einen 24stöckigen Wolkenkratzer. Italiener, gZolen, Russen waren seine Arbeitskollegen..Während der Schweiß ihm von Gesicht und Stirn tropfte, versuchte er sich einzureden, Laß es doch ein schöner Gedanke sei, an einem so gewaltigen Bauwerk mitgeholfen zu haben! Als er sich 30 Dollar erspart hatte, ließ er Hacke und Schaufel im Stich, ging hinunter nach dem Michigan-See, sah auf der schönen Promenade den vorüberfahrenden Fahrzeugen der reichen Amerikaner nach und spann Zukunftspläne. Nach eini, gen Tagen fand er Arbeit in seinem Beruf und war glücklich. Ein entsetzlich heißer Sommer kam und alle Arbeit ruhte. Dcd hatte Robert in einer deutschen Zeitung von einer offenen Stelle gelesen: in Foxhill im Staate Oklahoma wurde ein Lithograph ge- sucht, dauernde, angenehme Stellung usw. Er besann sich nicht lange, schrieb dahin und erhielt die Stelle. Nun fuhr er seinem neuen Wirkungskreise zu. Das Landschaftsbild hatte sich verändert, auf beiden Seiten des Zuges dehnten sich weite Baumwollplantagen. Ueberrascht blickte Robert auf die Felder; die schneeweißen Büschel an den Sträuchern boten einen angenehmen Anblick. In den Furchen liefen Neger, die Säcke umgebunden hatten und pflückten die Baumwolle. Auch Weiber und Kinder beteiligten sich an der Ernte. Die kleinen schwarzen Krausköpfe mit ihren großen Augen und hellschimmernden Zähnen hoben sich für eine kurze Weile und schauten dem vorbeijagenden Zuge nach. Dieser verließ bald Missouri und dampfte nach Oklahoma hinein, dem jungen, kaum erschlossenen Staate der großen Republik. Die Gegend sah noch recht sommerlich aus, trotzdem es schon Ende Oktober war. Die Wälder noch im vollen Grün, die großen Weideplätze noch futterreich, die Kärtchen vor den Häusern der kleinen Ortschaften noch im reichen, bunten Blumenschmuck. Durch das offene Fenster des Wagens strömte warme Luft herein. Gegen Abend erreichte der Zug Foxhill, und Robert Helmbrecht stieg aus. Er hatte nicht weit zu gehen, bis er die Mainstreet, die Hauptstraße des Städtchens, erreichte. Meist einstöckige Häuser faßten die ungepflasterte Straße ein, nur vereinzelt erhob sich ein zwei- oder dreistöckiges Ziegelhaus. Roh aneinander gelegte Bretter bildeten den Fußweg, der sich an den Häusern hinzog. Ein Polizist schlenderte die Straße herab. „Wo ist dieTLithographische Anstalt von Fred Morgner?" fragte Robert. Der Beamte spuckte ein gehöriges Quantum Tabaksaft aus, schob seinen Bissen Kautabak von der rechten nach der linken Backe und deutete mit der Hand die Straße hinauf:„Die dritte Quer- straße— Ecke." Robert trat in die kleine Office ein und fand nur einen alten, knochigen Mann vor, der auf einer Kiste saß und eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen hielt. „Kann ich Mr. Morgner sprechen?" „Nicht hier," knurrte der Alte. „So will ich warten, bis er kommt." „Des." Das war alles, was der Mann zwischen Pfeife und Zähnen hervorbrachte. Robert betrachtete das Lokal. Ein Laden in gemischter Zu- sammensetzung: Bücher. Zeitungen, Ansichtskarten, Zigarren. Rauch- und Kautabake, weiter hinten Früchte und Nüsse. Ein Mann trat in den Laden und verlangte eine Zigarre. Der Alte erhob sich schwerfällig, reichte die Zigarre hin und warf den er- haltenen Nickel in die Kasse. „Wo ist Fred?" fragte der Käufer, während er sich die Zigarre anzündete. „Nicht hier," knurrte der Alte wieder. „Das sehe ich; ich will wissen, wo er ist?*' „Am Bahnhof." „Was will er da?" „Wartet auf einen Lithographen." „Ach so." Robert ahnte den Zusammenhang: Morgner hatte ihn abholen wollen und ihn nicht getroffen. Er teilte diese Vermutung dem Fremden mit. „O, Sie sind der Mann aus Chicago?" fragte dieser in beut- scher Sprache. Und als er bejahte, reicht« ihm der Mann die Hand. „Herzlich willkommen. Mein Name ist Eddie Binz. Fred ist sicher zu spät zur Bahn gekommen. Es ist seine alte Schwäche, immer zu spät zu kommen." Da trat ein Mann durch die Tür, der wohl zwei Meter hoch sein mochte. Sein glattrasiertes rotes Gesicht hatte einen grimmi- gen Ausdruck. Ein langer verschossener Rock und eine alte Mütze gaben dem Hünen das Ansehen eines Trödlers. „Da kommt er in höchst eigener Person," sagte Binz.„Dein Mann ist schon hier," wandte er sich an Morgner. über dessen Gesicht ein freudiges Lächeln zuckte. Beide Hände streckte er Robert entgegen. „Gott sei Dank, daß Sie da sind, ich dachte schon, Sie würden nicht kommen. Ich habe in der letzten Zeit so viel Not mit meinen Leuten gehabt." Binz fragte, wo er eigentlich gewesen sei, ob er zu spät ge- kommen sei; blinzelte dabei Robert zu, um diesen auf den kommen- den Sturm vorzubereiten." � „Herrgott noch mal," brüllte Morgner los,„eine halbe Minute, nicht mehr, bin ich zu svät gekommen, das ist alles. WaS quatscht Du denn hier herum, Binz? Hast Du nichts zu tun?" Und den Alten, der noch immer regungslos da saß und ard seiner erkalteten Pfeife kaute, fuhr er hart an:„Was sitzt Du hier» Mike? Scher Dich zum Teufel, wenn ich hier bin, brauche ich Dich nicht mehr." Mike erhob sich und schritt langsam nach der Tür. „Mike, schließ erst die Tür und die Fenster," rief ihm Morgner etwas milder zu.„Wir gehen gleich zum Souper, Mr. Helmbrecht," wandte er sich im freundlichen Tone an seinen neuen Gehilfen. Robert mutzte lachen. In wenigen Minuten hatte dieser Mann jäh die Stimmung gewechselt, das konnte ja gut werden. Binz der- abschiedete sich und Mike schloß die Läden. Morgner ginH mit Robert einen Block herunter und trat in ein Speisehaus. „Guten Abend, Fred," rief ihm der Wirt entgegen. Die Kellner wie auch die anwesenden Gäste begrüßten ihn; die ganze Stadt schien ihn zu kennen/ Nach dem Essen erläuterte Morgner sein Geschäft. Er hatte vor Jahren eine kleine Lithographie eingerichtet. Sein guter Freund zeichnete, Morgner hielt den Laden und ging nach Kundschaft aus. Der Freund hatte ihn aber betrogen und bestohlen, und nun mußte er sich einen Gehilfen zulegen— um die Kundschaft zu erhalten. „Haben Sie soviel zu tun, daß Sie einen Gehilsen brauchen?" fragte Robert. „Herrgott noch mal," brauste Morgner auf,„ich bin ja gar kein Lithograph, ich kann kein Wort zeichnen. Ich mache nur die Außen- geschäfte. Verstehen Sie mich?" Sein Zorn war schnell verraucht und ging in ein dröhnendes Lachen über. „Sie haben gutes Arbeiten bei mir, sind Ihr eigener Herr. Ich bin ein bißchen sonderlich aber Sie gefallen mir, ich denke, wir werden uns gut vertragen." „Wo soll ich eigentlich arbeiten," fragte Robert,„da oben in Ihrem Laden?" „Hinter dem Laden beginnt das Atelier," sagte Morgner mit wichtiger Miene.„Wie lange sind Sie denn schon in Amerika?" fragte er plötzliH» durch die Fragen Roberts stutzig geworden. „Zwei Jahre." antwortete Robert. „Ach so. Dann kommt Ihnen noch manches komisch vor hier- zulande. Aber Sie werden sich bald an die wüsten Sachen gewöhnen. Zumal hier im Süden müssen Sie manchmal ein Auge zudrücken. Ist doch eine ganz andere Sache als im lieben Deutschland. Vor zehn Jahren war hier nichts als Wald, und jetzt haben wir eine Stadt von 4000 Einwohnern. Nach zehn Jahren haben wir vielleicht die zwanzigfache Einwohnerzahl. Unser junger Staat hat Aus- ficht, starke Einwanderung von Osten und Norden zu erhalten, die Ansiedelungen und Ortschaften wachsen wie Pilze aus der Erde." Spät trennten sie sich. Im„Hotel", einem Holzhause, fand Robert recht bunte Gesellschaft. Das Bett war groß und breit, aber weni(J sauber. Di« Dielen wurden allem Anschein nach nie oder nur zährlich gefegt. An den Wänden hing die verrußte Tapete stellenweise herab. Er teilte sein Schlafzimmer mit zwei älteren Männern. Der eine schnarchte bald lustig darauf los, als er ein- geschlafen war. Ter andere fing an zu husten, trocken und rasselnd; olle S bis 10 Minuten ein Anfall. sZortsetzung folgt. Zur CHirtrchaftöcfcrdncbtc der Runrt Von Dr. Wilhelm Hausen st ein 'Die Wirtschaftsgeschichte der Kunst ist ein Gebiet, das einer spstematischen Bearbeitung noch harrt. Bis jetzt bestehen nur An- sätze zu einer Erforschung der wirtschaftlichen Grundlagen der bil- denden Kunst in Vergangenheit und Gegenwort. Es sollen im Folgenden einige Stichproben des Problems gegeben werden, die kurz andeuten, um was es sich in der Wirtschaftsgeschichte der bildenden Kunst etwa handelt. Bereits im Mittelalter bestehen Zeitlohn und Stücklohn— der meist in der speziellen Form des Akkordlohns erscheint— nebeneinander. Die Hauptform ist anfänglich der Zeitlohn. Der alt- niederländische Maler Melchior Broederlam, der am Ende d«S 14. Jahrhunderts in Fpern lebte, ist in einem Dokument aus dem Jahre 1385 mit einem Jahressold aufgeführt, den er als „Maler und Kammerdiener des Herzogs von Burgund' empfing. Neben diesem Zeitlohn, für den sich Broederlam immer bereit halten mußte, die künstlerischen Wünsche des Herzogs zu befriedi- gen, empfing er zuweilen noch einen speziellen Stücklohn für außer- ordentliche Leistungen. So erhielt er im Januar 1380 für die Be- malung des Wagens der Herzogin 00 Livres und im Februar 1380 für die Bemalung zweier seidener Standarten mit dem Wappen und dem Leibspruch des Herzogs in Gold und Oelfarben 82 Livres. Bei Stücklohn(Akkordlohn) kam es oft vor, daß ein Künstler bis zur termingerechten Fertigstellung ein wertvolles Pfand einsetzen mutzte. Ein Bertrag des burgundischen Herzogs Philipp des Kühnen mit Broederlam von 1394 besagt zum Beispiel: Broedcr- lam hatte zwei Altarschreine mit Bildern aus der heiligen Gc- schichte zu bemalen, die Farben, speziell auch das Gold für die Goldgründe, und alles Material zu liefern und dafür einen be- stimmten Stücklohn zu beanspruchen; bis zur Vollendung mußte er sein ganzes Hab und Gut als Psond lassen. Dieser Vertrag hatte einen ausbeuterischen Marakter auch für die Zeit, in der er gemacht wurde. Die Pfandforderung soweit zu treiben, war auch damals ungewöhnlich. Ungewöhnlich und aus- beuterisch war gerade für damals die Bestimmung, daß Broederlam das Gold selber zu stellen hatte; denn die teuersten Farben, nämlich Gold und Ultramarin, waren im Mittelalter in der Regel vom Besteller zu beschaffen oder wurden zum mindesten regelmäßig außerhalb des Haupthonorars eigens vom Besteller bezahlt. Eine dritte Form der Entgelte war im Mittelalter die Schenkung. Philipp der Kühne schenkte dem Maler Broederlam beispielsweise einmal 00 Livres zur Erneuerung des Hauses des Malers:„in Ansehung der guten und angenehmen Dienste", die Broederlam dem Herzog geleistet hatte. Diese Art des Entgeltes entspricht dem wirtschaftlichen Charakter des Mittelalters be- sonders gut. In der modernen Entwickelung setzte sich der Grund- satz der speziellen Bezahlung der einzelnen Leistung oder eines zeitlich verbundenen Zusammenhangs von Leistungen als alleiniges Prinzip wirtschaftlichen Entgeltes durch. Das Mittelalter kannte in großem Umfang das feudale Prinzip der Schenkung, die nicht Lohn für eine bestimmte Leistung, sondern nur ein Mittel ist, den Empfänger in der Art feudaler Ausbeutung allgemein zu pflichten. Auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte der Kunst kommt freilich diese Methode heute noch oft genug vor.' Auch eine andere, heute noch bestehende Methode feudaler Ent- lohnung wurde im Mittelalter begründet: das ist die naturalwirt» schaftliche Teilentlohnung durch Aufnahme des Künstlers in die Hausgemeinschaft des Auftraggebers. Diese Aufnahme hatte ver» schiedenc Formen. Wir finden Beispiele einer primitiv kommunisti- schen Beteiligung der Künstler an Hausgemeinde»/ Hier ist der Bericht eines mittelalterlichen Kirchenhiswrikers, des Ordericus Vitalis, über einen geistlichen Neubau zu Ponthieu in Frankreich interessant. Der Bauherr, ein Klostervorsteher Benedictus von Ponthieu, lud Künstler an den Bauort ein:„Dorthin strömte auS aller Welt eine Menge von Gläubigen, Pfaffen und Laien, und der genannte Vater(Benedictus) empfing alle mit geistlichem Kuß und schrieb den einzelnen vor, die ehrlichen Künste, die sie gelernt hatten, im Kloster auszuüben. Da kamen Zimmerlcute, Tischler.' Schmiede, Bildhauer, Goldarbeiter, Maler und Maurer, Winzer und Bauern und kunstreiche Leute genug, die in allen möglichen Berufen sehr erfahren waren. Sie verrichteten mit Fleiß, was der Befehl des Oberen von ihnen verlangte. Und alles, was sie ver- dienten, trugen sie zusammen und verzehrten es gemeinsam." Es handelt sich da offenkundig um eine kommunistische Organi- sation kunstschaffender Lohnwerker, die im Zeichen des Katholizis- mus mönchisch zusammentraten. Derartige Möglichkeiten wutzel- ten in der mittelalterlichen Wirtschafts- und Geisteskultur über- Haupt und speziell in dem Wesen mittelalterlicher Kunst. Die mittelalterlichen Künstler machten nicht wie viele moderne den feierlichen Anspruch, Kulturaristokraten zu heißen. Der mittel- alterliche Künstler war durchaus Handwerker und empfand als Handwerker. Die Bildhauer, die uns die wunderbaren Statuen der gotischen Kathedralen hinterlassen haben, waren einfache Stein- metzen. In den�Werkverträgen heißen sie(lateinisch) einfach „operarii": das bedeutet„Arbeiter". Einer der besten Kenner der mittelalterlichen Kunst. Wilhelm Böge, schreibt: „Die Bildhauer hoben sich auch als Klasse nicht aus der Reihe der Steinmetzen heraus.... Sie sind vielfach zu einfachen Stein- metzenarbeiten mitverwendet worden.... Im Jahre 1384 ar- beitete am Lettner der Kathedrale von Trohes vorübergehend ein gewisser(Bildhauer) Konrad von Straßburg: er war im Lohn vollkommen den gewöhnlichen Maurern gleichgestellt und verdiente nicht einen Heller mehr wie sie...." Die wirtschaftsgeschichtliche Natur der mittelalterlichen Kunst war also sehr demokratisch: demokratisch im Sinne des einfachen Lohnwcrkertums. DieS sind die beiden Pole der Wirtschaftsgeschichte Mittelalter» lichcr Kunst: der Künstler erscheint in einem Fall als Mitglied demokratischer Lohnwerkergruppen, im anderen als dienender Hausvcrwandter eines Fürsten. Dies entspricht vollkommen der sozialökonomischen Natur des Mittelalters: bürgerlich-demokratische Genossenschaften auf der einen Seite, fürstlicher Absolutismus auf der anderen Seite waren die am meisten hervorstechenden sozial» ökonomischen Erscheinungen des Mittelalters. Hier noch ein Beispiel fürstlicher Kunstpolitik. Im Haag lebte zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts ein fürstlicher Abenteurer. Johann von Bayern. Ihm erschien wie allen klügeren Fürsten jener Zeit die Begünstigung der Kunst als ein Machtmittel des Absolutismus. So nahm er den berühmtesten nordischen Maler jener Zeit, Jan van Eyck, als Hausverwandten in seine Dienste. Mitten unter Rittern, Kämmerlingen, Pagen, Spielleuten, Dienern erscheint in einem Dokument auch der Maler Jan van Eyck als „mhns genadichs Heeren scilder"(„meines gnädigen Herren Maler"). Zwei Jahre lang empfing er täglichen Sold und sicher auch Naturalverpflegung. Nach den Rechnungen eines gewissen Heinrich Noothaft, der Schatzmeister Johanns von Bayern war. � empfing„Jan der Maler" für sich und seinen Diener Ende 1422 | zum Anschlag von„10 Löwen" für den Tag für neun Wochen und drei Tage die Summe von„5 Livres 10 Sous de gros"(5 LivrcS und 10 große Sous). Um 1425 trat Jan in das Gefolge Philipps des„Guten", Her- zogs von Burgund. Die Bestallung berechtigte den Maler zu einem Jahresgehalt von 100 LivreS. Außerdem waren dem Mal« ein Diener und zitzei Pferde, auch Wohnungsgelder ausgesetzt. Da- für hatte Jan van Eyck die Pflicht, den Herzog auf allen Reisen als „vsrlet de chambre"(Kammerdiener) zu begleiten und zu malen, was dem Herzog auf seinen Reisen oder zu Hause malenswert er- schien. Hausverwandter eines Fürsten oder einer Dombauhütte zu sein, war im Mittelalter die sicherste Art des Stnkommcns aus Zünstlerischer Berufsarbeit. Freilich kamen sehr oft die großen Herren ihren Verpflichtungen nicht nach. Möglichkeiten des Einkommenserwerbs fanden die Künstler schließlich aber auch bei gelegentlichen Einzelaufträgen von Privat- lsuten oder von Magistraten. Nimmt man den Durchschnitt des künstlerischen Berufsein- kommens im Mittelalter überhaupt, so ergeben sich nach Berech- nungen, die der französische Wlirtschaftshistoriker d'Avenel aufge- stellt hat, folgende Ansätze: die Tageseinnahme eines Malers -schwankte im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert zwischen Ä, 5 und L3 Frank modernen Geldes. 23 Frank erhielt 1302 der italienische Maler Cimabue; er hatte aus diesem Lohn aber auch einen Gesellen zu bezahlen. Hugo van der Goes bekam gemein- sam mit einem gewissen Daniel de Rycke zu Ende des fünfzehnten �Zahrhunizerts den Auftrag, Straßendekorationen für einen Festzug in Brügge zu malen. Der Taglohn war für de Rycke 20, für Hugo van der Goes 14 Sols.(20 Sols oder Sous waren 1 Livre. Livre Hieß im französischen Kulturgebiet die wichtigste Silbermünze; sie entspricht dem modernen Frank, hatte aber ein Vielfaches der Kaufkraft eines modernen Frank, ein größeres absolutes Gewicht und in guicn Münzperioden einen größeren Silberfeingchalt. Auch nur annähernd Aenauc Umrechnungen sind beinahe unmöglich, auch die Angaben d'Avenels sind nur ein Versuch, der wahrscheinlich zu hoch greift.) Hugo van der Goes bekam 1468 einige Zeit einen Taglohn von 22 Frank(im Sinne modernen Geldes und moderner Kaufkraft nach d'Avenel); von diesem Geld hatte er aber auch „Hulperen"(Helfer) zu bezahlen. An Stückpreisen erzielte der froße Italiener Giotto Summen von 90 bis 250 Frank. Von D-lorenz bezog Giotto eine Pension im Werte von 4400 Frank. In dem Zeitalter, das man die Renaissance nennt, ist die Geschichte dreier italienischer Meister für die Wirtschaftsgeschichte und Sozialgcschichte der Kunst besonders interessant: die Manie- gnas, die Michelangelos und die Tizians. Der Marchese(Markgraf) Lodovico Gonzaga von Mantua be- trachtete, wie die Renaissancefürsten überhaupt, die Begünstigung der Kunst als eine politische Reklame ersten Ranges. So bemühte er sich, eines der größten Genies der Zeit, den Maler Andrea M a n t e g n a, für seinen Hof zu gewinnen.'Er schrieb an Man- tegna 1458 folgenden Brief: „Wir teilen Euch mit, daß es Unsere Absicht ist, mit gutem Willen alles aufrecht zu erhalten, was Wir Euch früher durch Un- serc Briefe versprochen haben, und darüber hinaus Euch 15 Duka- ten Gehalt im Monat zu zahlen, für eine freie Wohnung zu sorgen, wo Ihr bequem mit Eurer Familie leben könnt, Euch jährlich so viel Korn zu geben, daß es für den Aufwand von sechtz Personen reicht, und so viel Holz, als für Euern Gebrauch nötig sein wird; und Ihr braucht nicht den mindesten Zweifel zu hegen. Und damit Ihr nicht wegen der Kosten der Ueberführung Eurer Familie bedenklich seid, versprechen Wir Euch, zur Zeit, wo Ihr kommen wollt, Euch auf Unsere Kosten eine Barke zu schicken." Mit diesen fürstlichen Versprechungen hätte Mantegna zu- frieden sein können, wenn si- gehalten worden wären. Aber ein Brief des Meisters vom 23. Dezember 1463 beweist, daß die Ver- sprechungen schlecht gehalten wurden. Er schrieb damals, daß er feit Monaten kein Gehalt mehr bekommen habe. Aber damit nicht genug: der Markgraf ließ den Maler unter fürstlichen Launen bis zur Verzweiflung leiden. Am 13. Mai 1478 schrieb Mantegna an den Gonzaga mit dem Hinweis auf den Bestallungsbrief: (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. St. Genesius heißt der Schutzpatron der Bühnenkünstler dessen Tag auf den 25. August fällt und dessen Leben dramatisch genug verlaufen ist. So sehr, daß es al« richtiger tragischer Bor- wurf einigcmale behandelt worden ist: das erstemal von Rotrou, .einem Zeitgenossen und Freund ComeilleS. der«in Drama „St. Genesius, der heidnische Schauspieler" schrieb und sodann von Felix W e i n g a r t n e r. der GenesiuS zum Helden seines nach ihm benannten MusikdramaS gemacht hat. GenesiuS lebte zur Zeit der diokletianischen Christenverfolgungeu; er war Komiker und hatte in einer Posse, die die Christen verspottete, einen Mann darzustellen, der kurz vor seinem Tode.die Taufe begehrte. Sie wurde ihm van einem anderen Schauspieler erteilt, aber da geschah eil? dramatische Wendung, die von dem Autor nicht vorgeschrieben war. Kaum war der Darsteller der komischen Rolle getaust, al« er mit eurer geradezu feierlichen Beredsamkeit die Lehren des Christen- tums vortrug und für sie zeugte. Die Zuschauer»aßen erstarrt; noch nie hatte GenesiuS so echt und überzeugend gespielt. .Die heimlichen Christen, die im Thealer saßen, sprangen errcgl auf Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: und die Heiden schrien durcheinander; schließlich wußte man nicht mehr, was Spiel, was Wahrheit war. Auch der Kaiser war in jener Vorstellung anwesend; er ließ den vortrefflichen Schauspieler vor sich führen und sagte ihm, er habe den christlichen Fanatiker überzeugend gespielt. Da bekannte GenesiuS, mit der Taufe sei die Wahrheit deS Christentums gleich einer Offenbarung über ihn gekommen. Der Kaiser wandte sich ab und ließ GenesiuS inS Ge- sängnis werfen; er sollte widerrufen und wurde gefoltert, blieb aber beharrlich und erlitt den Märtyrertod. Die Kirche bat ihn heilig gesprochen— als einzigen Vertreter deS Schauspielerstandes, dem sie sonst nicht recht gewogen war; haben doch die Kirchenväter das Theater und seine Angehörigen samt und sonders mit dem Bann belegt. Bergbau. Grubenexplosionen und Erdbeben. Der jüngsten Grubeuexplosion in Bochum vom 8. August folgte fast unmittelbar eine Reihe von Erderschütterungen, die am nächsten Tage in dem großen Erdbeben am Marmarasee ihren Höhepunkt erreichten. Dieses zeitliche Zusammenlreffen der Ereignisse veranlaßt den„Matin*. die Frage nach der Möglichkeit eines Zusammenhanges zwischen Erd- beben und Grubenexplosionen aufzuwerfen; eine Reihe von Tat- fachen legen den Gedanken einer solchen Möglichkeit nahe. Am 18. Juni 1835 wird in New Dork ein Erdbeben beobachtet, am selben Tage ereignet sich in Clifton Hall eine Schlagwetterkatastrophe, die 110 Opfer forderf. Am 23. Februar 1887 tritt in Italien und in Südfrankreich ein Erdbeben ein; am 1. März fordert die Gruben- explosion von Saint-Etienne 75 Tote und fünf Tage später, am 5. März, eine zweite Explosion in Möns 150 Tote. Am 1. Ro- vember 1883 wird in Bigne ein Erdbeben beobachtet, am 3. No- vember kommt die Grubenexplosion von Campagnao mit 80 Toten. Am 30. Oktober 1900 Erdbeben in Venezuela: am 3. November Grubencxplosion in Philippi in den Vereinigten Staaten, 32 Tote und 110 Verwundete. Am 17. Mai 1902 Erdbeben in Guatemala: am gleichen Tage Grubenexplosion in Coal Creel in den Vereinigten Staaten, 300 Opser. Am 7. März 1906 Erdbeben in Santa Lucia aus den Antillen; am 10. März die furchtbare Grubenkatastrophe in Courriöres, 1200 Opfer. Am 13. und 24. Januar 1907 Erdbeben in Italien: am 23. Januar die Grubenexplosion von Saarbrücken, 200 Opfer. Und am 15. Oktober 1911 Erdbeben auf Sizilien; drei Tage später, am 18. Oktober, fordert die Grubenexplosion von Saint-Etienne 26 Opfer. Sollte wirklich ein Zusammenhang zwischen Erdbeben und Grubenexplosionen bestehen, so wären erstere ja al« natürliche Warner anzusehen. Um so aufmerksamer müßten dann aber auch die Verwaltungen auf Sicherheitsmaßregeln für die Arbeiter bedacht fem, so daß Explosionen verhindert würden. Hauswirtschaft. Kaffeebereitung ohne Feuer. Die neuesten For- schungen über die Beschaffenheit der Kaffeebohnen ergaben, daß die ungesunden und bitteren Bestandteile wie Koffein und Tannin durch das kochende Wasser gelöst und zur vollen Wirkung gebracht werden, daß dagegen andererseits die Oele, durch die Wohlgeschmack und Aroma zustande kommen, beim Kochen zu schnell verdunsten. Von diesen Erfahrungen ausgehend empfiehlt ein Sachverständiger in der Zeilschrift„Die Küche" als beste Methode, den Kaffee möglichst stark als Extrakt mit kaltem Wasser zu bereiten, und erst im Augenblick, da er genossen werden soll, durch Zusatz von heißer Milch, Sahne oder auch nur Wasser zu erwärmen. Besonders wenn Kaffee auf Vorrat. zum Beispiel für längere Touren, bereitet werden soll, enipfiehlt sich das kalte Verfahren, bei dessen Anwendung Haltbarkeit bis auf drei Wochen und darüber erzielt wurde, wenn man den Extrakt gut ver- korkt an kühlem Orte aufbewahrte. Von großer Wichtigkeit für diese Extraklbcreitunfl ist das Mahlen der gebrannten Kaffeebohnen, die zu möglichst feinem Mehl, und zwar sehr rasch gemahlen werden müssen, weil die durch schnelle Reibung enfftehenoe Wärme die Abdunstung der duftenden Oele be- günstigt. Das Mahlen soll(wo das möglich ist) auch erst unmittel- bar vor der Bereitung geschehen. Nun schüttet inan daS Kaffee- mehl in den Trichter einer sogenannten Karlsbader Porzellan« Maschine, läßt jedoch Deckel und den oberen Einsatz fort. Auf den Kaffee legt»»an ein Stückchen keimfreies Eis und läßt dann langsam kaltes Wasser, am besten aus der Leitung(nicht hartes Ouellwasser), über Eis und Kaffee tropfen, Ivährend man Wasser und Kaffee zu dickem Brei verrührt. Die Filtration ivird er- leichtert,»oenn man zwischen Trichter und Kanne einen kleinen Holzspan kleinmt. der den gutritt von Luft gestattet. Nachdem genügend Wasser durchgesickert, gießt man den flüssigen Kaffee noch- malS aus den- nassen Grund, damit er zum zweitenmal durchsickere, wobei das Eis, falls nötig, erneuert werden muß. Da ein starker Extrakt erzielt werden soll, muß selbstverständlich nicht zu viel Wasser im Verhältnis zum Kaffeemehl verivcndet werden, weil erst kurz vor dem Genuß der richtige Stärkegrad hergestellt wird durch Zusatz von kochender Milch, Sahne oder Wasser, wodurch die aromatischen Oele dann gelöst»verde». Tie Amvendung von Metcillkanuen oder Trichtern ist nicht zu empfehlen, weil sich in den Ritzen leicht vegetabilische Rückstände festsetzen, die mit der Zeit in Zersetzung übergehen und dem Kaffee eiiin» unangenehmen Geschmack verleihen. ZorivärlsBuchdruckereiu.Verlagsanstc'.lt Paul SingertCo., Berlin