Anlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 168. Freitag den 30. August 1912 (Nachdrul! MtCoUR.) 7] pelle der Eroberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. „Das ist eine Schweinerei mit dem Branntwein!" sagte Pelle kurz. „Ja. das sag' man noch mal! Aber man hat hin und wieder auch ein gutes Wort nötig, und dann muß man es wohl nehmen, wo man es kriegen kann. Die Kollegen sehen auf einen runter, will ich Dir sagen, und wollen einen nicht unter sich dulden." „Was is da denn los?" fragte Pelle. „Was da los is? Da sind die fünf mal sechs Tage, weil man seinen alten Vater damals unterm Lockout nich sitzen und hungern ließ. Damals war ja alles schön und gut: Jakob war ein guter Sohn! Sie pfiffen auf die schmierigen Geldbeutel der Großen und auf das bißchen Wasser und Brot und den Teufel und seine Großmutter. Aber nu geht's nach'ner andern Melodie: Der da, der hat ja wegen Dieb- stahl gesessen!— Und damit basta I Warum, da fragt keiner nach, man is Großbürger geworden, verstehst Du! In alten Zeiten hieß ich immer der fröhliche Jakob, und die Käme- raden mochten gern mit mir zusammenarbeiten. Weißt Du, wie tch nu heiß? Stehl-Jakob. Ja, sie sagen es ja nich gerade heraus, denn dann könnten sie wohl drauf gefaßt sein, daß einer ihnen den Schädel einhaute, aber es is doch mein Name. Na. sagt man zu sich selbst, damals hast du das Ganze wohl verkehrt beurteilt; am Ende bist du doch nichts als ein gemeiner Dieb. Und dann mußte ich trinken, um wieder ein ehrlicher Mann zu werden." „Und gegen die Laternenpfähle wüten! Sollt'st Du nich lieber nach denen auslangen, die Dir was tun?" Jakob schwieg und duckte den Kopf: der starke, unverzagte Bursche war ein Hund geworden, den jeder mit Füßen treten konnte. War es denn so schlimm, mit den fünf mal sechs Tagen unter Seinesgleichen herumzugehen, was sollte Pelle dann sagen?„Was macht Dein Bruder?" fragte er. um Jakobs Gedanken auf etwas Lichteres hinzulenken,„er war ein Prachtkerl!" „Er hat sich aufgehängt," erwiderte Jakob finster,„er könnt' es nich aushalten. Wir veriibten den Einbruch ja zu- sammen, damit der eine dem anderen nichts vorzuwerfen hatt': und der Krämer schuldete meinem Altem ja Geld. Er hatte Arbeit dafür geleistet und sollt' nu darum betrogen wer- den, das war die Absicht. Und da saßen die beiden Alten und hungerten, frieren taten sie auch. Da schafften wir ihnen ihr Recht, un das war ja so über alle Maßen großartig gemacht. Aber hinterhier, wenn da auf dem Arbeitsplatz etwas im Gange war, Agitations- und Wahlspektakel und dergleichen neue Einrichtungen, dann gingen sie ganz zierlich um mich und ihn herum. Wir gehörten nich mit dazu, verstehst Du, wir hatten ja kein Stimmrecht. Er könnt' nich auf andere Fasson damit fertig werden, als daß er'n Strick um den Lampenhaken schlang. Ich Hab' die Sache selbst hin und her- gedreht, aber da is nich klug aus zu werden!" Jakob ging eine Strecke.„Willst Du die Sache nu ordentlich in Schwung bringen?— Hier is ein gutes Wort nötig." Pelle antwortete nicht: dies legte sich zu schwer auf ihn. Er hörte die Frage gar nicht. „Deine Worte waren ja hauptsächlich schuld daran, daß wir an eine neue Zeit glaubten," fuhr Jakob hartnäckig fort. „Sonst hätten mein Bruder und ich es am Ende anders an- gefangen, und dann wär' es uns beiden also besser gegangen. Na, Du hast ja selbst natürlich auch daran geglaubt! Aber was sagst Du nu? Glaubst Du noch an dies Neue? Denn man möcht' ja gevn wieder ein ehrlicher Mensch sein." Natürlich glaubte Pelle noch immer daran. „Ja, denn da sind nämlich nich mehr viele, die noch einen roten Heller für die Geschichte geben. Aber wenn D u es sagst, zu Dir Hab' ich immer noch Fiduz. Man selbst hat ja rrich Grips genug, um selbst etwas auszutüfteln: und für uns kleinen Leute is es, ich möchi sagen, sa gewesen, als wenn der Pfropfen abging,'damals als Du wegkamst. Das Ganze stand da und wurd' zu abgestandenem Fusel. Geschehen tut da nichts, so daß wir armen Deubels es sehen können, und jedesmal, wenn man an zu jammern fängt, wird einem gleich ein Stimmzettel in die Faust gesteckt! Geh hin und stimm, Kamerad, dann wird es schon anders werden. Aber zum Teufel auch, das kann nich zünden bei einem Burschen, der von klein auf nichts gelernt hat. Für mich hatten sie nu mörderlich fein gesorgt mit Wiederherstellung meiner Ehre, damit ich mein. Stimmrecht wieder gebrauchen könnt': aber mich zu einem machen, auf den keiner runter sieht, das können sie nich. Und darum bedank' ich mich auch dafür! Aber wenn D u noch daran glaubst, denn tu ich es auch, verdammt und verflucht, denn zu Dir Hab' ich nu mal Fiduz. Hier hast Du meine Hand darauf." Jakob war noch derselbe einfältige, gutmütige Bursche wie in alten Zeiten, als er auf dem Boden der„Arche" hauste. Ein wenig mehr Böses hätte immerhin in ihm sein können! Aber seine Worte wärmten Pelle das Herz, hier war doch ein Mensch, der seiner bedurfte, und der noch an ihn glaubte, obwohl er im Kampf zum Krüppel geschlagen war! Dies war der erste Invalide: Pelle war darauf vorbereitet, mehr zu treffen und ihre Anklage hinzunehmen. Allerlei würde sich gegen ihn wenden, gerade jetzt, wo er machtlos dastand: aber er mußte das mitnehmen! Es war ihm, als habe er jetzt Kräfte dazu. Pelle ging wieder auf die Straße, er überließ den Füßen die Richtung und dachte an Vergangenheit und Zukunft. Sie waren so fest überzeugt gewesen, daß eine neue Zeit gleich für sie anbrechen würde! Die neue große Wahrheit war so selbsteinleuchtend gewesen, daß man meinte, all das Alte müßte vor ihr fallen wie vor einem Zaubern�rt, und nun hatte der Alltag auch ihr den Glanz abgenutzt! So weit er sehen konnte, war nichts Wesentliches geschehen-, und was sollte auch wohl geschehen? Es ging nicht so ohne weiteres, Systeme zu stürzen. Aus dem Urteil des fröhlichen Jakob konnte er sich sein eigenes bilden, aber er war nicht mehr verzagt. Mochte jetzt kommen, was kommen wollte. Er würde nichts dagegen haben, die Auffassung der alten Ka- meraden sogleich herauszufordern und seine Stellung ins reine zu bringen. Er war durch mehrere Seitengassen gekommen und stand plötzlich vor einem großen, erleuchteten Gebäude, die breite Treppe hinauf strömten Leute. Es war eins der Arbeiter- Versammlungshäuser: man feierte ein Fest wegen des Wahl» tages. Pelle folgte aus alter Gewohnheit dem Strom. Er hielt sich im Hintergrund des Saales und ge- brauchte seine Augen, als sei er eben von einem anderen Erd- ball heruntergefallen, wunderliche Gefühle sprudelten in ihm auf, als er wieder mit den vielen zusammen war. Einen Augenblick stürmte es in ihm wie von einem heftigen Per- langen, zu rufen: Hier bin ich wieder! und die Arme nach ihnen allen auszubreiten. Aber er bezwang das schnell, das Gesicht nahm wieder seine versteinerte Ruhe an. Das war also sein Heer von dem Kampf. Sie waren be» trächtlich besser in Kleidung als an dem Tage, als er sie im Triumph in die Stadt hineinführte, als ihre wahren Bürger: sie trügest auch den Kopf höher, verkrochen sich nicht hinter- einander, sondern forderten Platz. Mehr Essen bekamen sie, das konnte er sehen, die Gesichter waren-blanker davon ge» worden. Und die Augen waren träge im Ausdruck geworden, sie standen nicht mehr hungrig in das Ungewisse hinaus- grabend da. sondern bewegten sich ruhig und natürlich von einem Punkt zum andern. Man hatte sich offenbar wieder auf einen langen Marsch eingerichtet, und vielleicht war das gut: große Dinge vollzogen sich nicht im Handumdrehen. Er wurde dadurch aus seinen Gedanken erweckt, daß die Nächsten sich umwandten und ihn anstarrten. Immer mehr Gesichter drehten sich nach ihm um. Pelle ist hier! ging es wie ein Murmeln durch die Versammlung. Hunderte von Augen waren auf ihn gerichtet, fragend und forschend, einige in offener Erwartung, als müsse gleich auf der Stelle etwas ! Ungewöhnliches geschehen. Es gestaltete sich zu einer starken Bewegung, zu emer � Welle, die ihn widerstandslos in den Vordergrund ddZ Saales und auf die Rednertribüne hinauftrug. Ein mächtiges Brausen stieg um ihn auf wie eine Brandung und betäubte fein empfindliches Gehirn, Wo die Stille hörbar faß und— ununterbrochen— eine feine, neue Welt zusammenfügte, von der sonst niemand wußte. Und auf einmal wurde es still, so still, daß er wieder die Einsamkeit in seinem Ohr kochen hörte. Pelle redete, still und vertraulich. Seine Worte wurden ein Gruß an sie aus einer Welt, die sie noch nicht kannten, aus der großen Einsamkeit, wo der Mann allein seinen Weg gehen muß ohne laute Kameraden, die ihm Mut einflößten, und sich vorwärts lauschen muß, bis er sein eigenes Herz drinnen schlagen hört. Er sitzt wieder in einer Zelle wie der erste, ursprüngliche Lebenskeim, allein und verlassen, über ihm zieht eine Spinne ihr kunstfertiges Netz. Im Anfang ist er böse auf das geschäftige Tier und zerreißt das Netz, aber das Tier fängt unverdrossen wieder von vorne an. Und dies wird plötzlich eine trostreiche Lehre für ihn, niemals seine Sache aufzugeben; er gewinnt schließlich dieses kleine, auf- merksame Wasen lieb, das sein Gewebe so kunstfertig anlegt, als habe es eine große Verantwortung, und er fragt sich selbst, ob er überhaupt für die Spinne existiert. Hat sie vielleicht Mitleid mit ihm in seiner Verlassenheit, da sie sich nicht an einen anderen Ort begibt, sondern nachsichtig ihr Gewebe wieder aufbaut, feiner und feiner, als würde es nur herunter- gerissen, weil es nicht gut genug ausgeführt ist. Er bereut bitter sein Vorgehen und würde viel geben für ein Zeichen, daß ihm das kleine Tier nicht zürnt, denn niemand ist so gestellt, daß er den andern von sich stoßen kann, selbst das kleinste Gewürm hat eine verhängnisvolle Bedeutung für dich! In der Einsamkeit der Zelle, da lernt man die Solidarität. Und eines Tages, als er da sitzt und liest, und die Spinne eifrig beschäftigt ist, einen Faden dicht an ihm vorüberzuführen, läßt sie sich vertraulich zu ihm herab und benutzt feine Schulter zum zeitweiligen Stützpunkt. Nie zuvor war ihm ein solches Vertrauen bewiesen worden trotz allem, das kleine Tier wußte, wie ein verhärteter Gefangener behandelt werden mußte. Es lßhrte ihn, daß er ein Herz und auch eine Seele hatte, auf die er acht geben mußte! Ein Gruß an die Ge- nossen aus der großen Stille, die darauf wartete, mit ihnen zu reden, mit einem nach dem anderen. Er sprach gerade heraus aus dem Ernst seiner Seele und sah die Verwunderung in ihren Gesichtern. Zum Kuckuck auch, wollte er sie nun alle zusammen ins Zuchthaus haben, bloß weil er selbst da gesessen hatte? Und waren das die Ueberreste von dem alten Pelle, von dem Blitz, wie er da- mals genannt wurde? Er war verdammt lahm geworden, dem hatte man den Kamm gründlich geschoren! Sie fielen schnell ab und fingen an, halblaut miteinander zu reden; nur hier und da aus den Ecken ertönte vereinzelt Klatschen. Pelle empfand die Enttäuschung und Gleichgültigkeit, er lächelte: er bedurfte nicht mehr des orkanartigen Beifalles, jetzt lauschte er auf den da drinnen in sich selber. Soviel hatte er begriffen, während er da oben stand, daß er mit denen da unten noch nicht fertig war, jetzt erst sollte das Eigentliche be- ginnen. Sein Werk war heruntergefegt, wohlan, sodann be- gann er ein neues, das besser war; er hatte in der Zelle g«- fessen und Langmut gelernt. (Fortsetzung folgt.) (ZkaSdruck Mrtoleil.) 71 Im sonnigen Süden* Von Max Werner. Nasch schloß Harry die Tür, ließ schnell den Laden herunter und löschte die Lichter. Klein hatte Robert nach der Hintertür gezogen, und durch den Hof eines Nachbargrundstückes waren sie in«ine Seitenstraße ge- längt. Einige Neger jagten an ihnen vorüber und verschwanden in der Dunkelheit. Sie brachten sich so schnell als möglich in Sicherheit, ehe die Weißen einen neuen Sturm auf die geschlossene Wirtschaft unternehmen würden. Die Schlägerei bildete die nächsten Tage den Gesprächsstoff in den Fabriken, Geschäften und Salons. «Fricks Place" wurde geschlossen, da man Demolierung des Lokals befürchtete. Zwei Neger wurden ausfindig gemacht, die bei der Schlägerei beteiligt waren. Fnck entschuldigte sich damit, daß er an dem betreffenden Abend nicht im Geschäft gewesen sei, und schob schließlich alle Schuld auf seinen Geschäftsführer Harry, den ' er in Sicherheit wußte. Auch John Klein und Robert wurden der- uommen. Hatten sie sich auch nicht an der blutigen Schlägerei be- tciligt, so waren sie eben deshalb verdächtig, daß sie es mit den Negern hielten, und bald kannte man sie in ganz Foxhill und beob- achtete sie, wo man konnte. Einige Zeit darauf fuhr Morgner wieder einmal auf eine Farm in der Umgebung. Mürrisch und verdrießlich saß er aus seinem Wagen und trieb von Zeit zu Zeit das Pferd zur Eile an. Sein Weg führte ihn durch das Negerviertel. Er blickte geradeaus und sah nicht die drohenden Blicke der Frauen, bemerkte auch nicht. daß ihm Jim in einiger Entfernung folgte. „Wohin gehst Du, Jimmy?" fragte ein pechschwarzer Junge den vorübergehenden Mulatten. „Komm mit." winkte dieser und zwinkerte ihm verheißungs- voll zu.„Ter Alte dort hat auch geschlagen. Ich will ihm das Pferd toll machen." Zu den beiden gesellte sich ein dritter. „Ich habe Feuerwerkskörper, Kanonenschläge," erzählte Jim den beiden Freunden,„die wollen wir auf die Straße werfen, damit das Pferd erschrickt." „Wir müssen aber einen Vorsprung erreichen," sagte der Pech- schwarze und machte ein pfiffiges Gesicht,„laßt uns hier abbiegen! Wir laufen über den Play und haben die Straße wieder, ehe der Wagen ankommt." Alle drei sausten über eine freie, unbebaute Wiese und suchten ein dichtes Göbüsch als Deckung. Um die Straßenbiegung kam Morgner ahnungslos gefahren, und der Wagen näherte sich dem Gebüsch. Die Häuser standen hier nur noch vereinzelt; die Stadt war zu Ende. „Hast Du Streichhölzer?" fragte der Schwarze, der atemlos zusah, wie Jim zwei Feuerwerksgeschosse fertig machte. � „Alles da! Ruhe!" zische Jim, und seine Augen funkelten dem Feinde entgegen. Er entzündete die Fäden, hielt die Körper noch einige Sekunden in der Hand und warf sie dann auf die Straße. Ein heftiger Schuß krachte, dem gleich ein zweiter folgte. Das Pferd erschrak, bäumte sich auf und jagte will» davon. Morgner sprang empor und versuchte die Zügel zu erhaschen, die ihm im ersten Schreck aus der Hand gefallen waren. Das wild gewordene Pferd rannte knapp an einem Baumstumpf vorüber, der Wagen bekam einen starken Anprall und schlug um. Morgner stürzte vom Wagen und schlug mit dem Kopfe hart auf die Straße. Wie tot blieb der Hüne liegen, während das Pferd mit dem nachschleifenden Wagen weiterraste. Jim hatte den Vorgang mit steigender Freude beobachtet, seine Begleiter entwichen angsterfüllt, als Morgner aus dem Wagen stürzte. Jim reckte sich, und seine Hände ballten sich krampfhaft; er blieb ruhig dort liegen, der Gehaßte, vielleicht war er tot! Eine unbändige Freude hatte sich des Knaben bemächtigt. So, nun schlug er ihn nicht wieder, der Alte! Zufrieden mit seiner Tat ging er längsam Wer die Wiese zurück in die Stadt. Morgner wurde ins Hospital geschafft. Einen Schädelbruch und zwei Rippenbrüche hatte er bei dem Sturze erlitten, und mar, zweifelte an seinem Aufkommen. Wie es zugegangen war, wußte niemand, da er selbst noch nicht vernehmungsfähig war. Aber Morgners robuster Körper überwand auch diese Krank- heit, und nach Entfernung einiger Knochensplitter im Kopfe war die Lebensgefahr vorüber. Morgner war eine bekannte Persönlichkeit in Foxhill, und jedermann nahm Anteil an seinem Unglück. Bald hatte das Ge- rücht feste Form angenommen, daß ein Schwarzer zwei Schüsse auf ihn abgefeuert habe, um ihn zu töten. Die Hetzerei gegen die Schwarzen nahm gefährliche Ausbreti- tung an, in den Säloons durfte sich schon keiner mehr sehen lassen. In den Fabriken suchten die Weißen durch allerlei Schikanen den Negern das Arbeiten zu verleiden, hier und dort hatte man wohl auch den Erfolg, daß einer nicht wiederkam. Im großen und ganzen aber schienen die Schwarzen sich eher zur Gegenwehr zu rüsten als demütig nachgeben zu wollen. Man sah sie in Trupps von sechs, acht und noch mehr zusammen gehen. In einsamen Straßen kam es fast täglich zu Schlägereien. „Es wird gefährlich in Foxhill." sagte Klein eines Abends zu Robert,„ich will Dir einen guten Rat geben: hole Dein Geld von der Bank und kaufe Dir einen Revolver." „Glaubst Du wirklich, daß es zu offener Revolte kommt?" Klein schälte bedächtig seine Banane und machte ein ernstes Geficht. Es kommt zu Metzeleien, ich kenne die Anzeichen. Uns wird man lieber außer der Stadt sehen, denn wir beteiligen uns doch nicht an dem Massaker, wenn es losgeht." Robert folgte dem Rat seines Freundes. Er hob sein Geld, bare löll Dollar, ab, und bewahrte sie sorgfältig auf, der Brust. Dann kaufte er sich einen Revolver. Nun war er reisefertig, mochte kommen, was da wollte. Morgner war wieder genesen, doch litt er noch häufig an Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfällen: das Geschäft wurde ver- nachlässigt, und Robert sah voraus, daß hier mcht mehr viel zu holen sei. Es war Ende März und in den Gärten blühten schon wieder die Blumen. Der Winter hatte kaum sechs Wochen gedauert. Run lachte der Frühling. Ein gesegnetes Land, jagte sich Robert oft.' fruchtbar und schön, und die Menschen so undankbar, machen sich dieses Paradies zur Hölle! Auf einer Farm in der Nähe.Foxhills wohnte ein Neger, der sich durch Fleiß und Sparsamkeit ein kleines Permögen erworben hatte. Er lebte mit Frau und Kindern ruhig auf seinem Besitz und spendete manchem Kranken und Elenden in der Negergemeinde Gutes. Von seinem Nachbar, eine« Weißen, hatte er ein Pferd gekauft, und wollte es in einigen Wochen, wenn er zur Stadt kam und Geld holte, bezahlen. Nach zwei Tagen erschien der Weiße wieder und verlangte sein Geld, er brauche es. „Ich habe nicht so viel bei mir," entgegnete der Neger..Sie wollten doch warten, bis ich zur Stadt komme." „Nein, ich warte nicht." schrie der Weiße,„ich will mit Euch schwarzem Gesindel nichts mehr zu tun haben." „Tann nimm Dein Pferd wieder und verlasse mein Eigentum, wenn Du mich beschimpfen will." „Verkauft ist verkauft, ich will mein Geld." „Dann warte, bis ich es Dir bringe!" „Willst Du mich betrügen, schwarzer Hund," schrie der Weiße auf. „Verlaß mein Haus, oder ich jage Dich mit dem Hunde davon." Und der gereizte Neger machte Miene, nach dem Hund zu pfeifen. Da zog der Weiße seinen Revolver und schoß den Neger nieder. Diese Tat brachte eine unbeschreibliche Empörung unter den Negern hervor. Sie rotteten sich in der Nacht zusammen und drangen in das Besitztum des Weißen ein, mordeten ihn und seine Frau und brannten sein Haus nieder. Von herbeigeeilten, Farmern wurden ebenfalls drei erschossen, während es auch auf dei; Seite der Neger fünf Tote und Verwundete gab. Am anderen Tag, als die Schlacht in Foxhill bekannt wurde, stürmten große Menschenmengen in das Negerviertel, wo sie aber keine ängstlichen Neger antrafen, sondern gut bewaffnete, wild dreinschauende Männer, die entschlossen schienen, den Kampf auf» zunehmen. „Gebt uns die Mörder und Brandstifter heraus." rief ein älterer Amerikaner den Negergruppcn zu,„dann soll euch kein Haar gekrümmt werden; andernfalls brennen wir eure Duden nieder und hängen euch einen nach dem anderen auf." Ein Hohngelächter der Schwarzen ertönte als Antwort. „Hier sind keine Mörder." erwiderte ein Neger ruhig,„ge- mordet worden ist von eurer Seite. Wir sind Bürger wie ihr und lassen uns nicht mißhandeln." „Schlagt ihn zu Boden, an die Telegraphenshange mit ihm, schießt ihn nieder," so brüllte der Mob durcheinander. Ernste Worte konnten hier nicht mehr gewechselt werden� dazu war die Erregung zu groß. Ein Schuß fiel aus der Menge, und eine alte Negerin wurde leicht am Arm verwundet. Nun sielen Schüsse von beiden Seiten. Steine flogen in die Negerhänser, dafür schössen die Neger auf die johlende und schreiende Menge. Polizisten waren ziemlich spät auf dem Kampfplatz erschienen, sie wußten, daß sie nicht viel ausrichten konnten. Als ein Haufe von Männern versuchen wollte, in ein Hans zu dringen, rückten die Schwarzen geschlossen vor und schlugen die Angreifer mit Knütteln. Messern und Revolvern zurück. Schließlich gelang es der Polizei, die Menge zu zerstreuen. und es blieb für diese Nacht ruhig. Jeden, Abend wiederholte sich das tolle Treiben. Robert hatte von Bessie erfahren, daß Harry in der Stadt sei, daß die Ver- teidigungsmaßregenl von ihm geleitet wurden und daß er bereits eine Btttschrift an den Präsidenten gerichtet habe. Schritte zu tun, um das Aeutzerste zu verhindern. (Fortsetzung folgt.s. Renntkrjagcl.'* Jetzt nähert sich die große Zeit, wo die Flüsse und Seen auf- gehen und die Renntierjagd beginnt. Dies ist die unvergleichlich herrlichste Zeit für den Estimo. Er schwelgt in frischem Fleische Schon im Mai kommen die Renntiere nordwärts über den Jstmus von Boothia herüber; aber da ist«S nur ein Glücksfall, wenn ein einzelnes Tier mit Bogen und Pfeil erlegt wird. Erst wenn das Eis geht und der Kajak ins Wasser gesetzt wird, beginnt die große und eigentliche Renntierjagd. Wenn der Kajak für die Renntierjagd ausgestattet ist, hat der Fänger zwei. Renntierlanzen vor fich, die in einem kleinen Henkel aus Renntierhaut stecken, damit sie nicht über Bord fallen können. •) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem nächste Woche in I. F. Lehmanns Verlag in München neu erscheinenden hoch- bedeutsamen Wer!„Die Nordwest- Passage" von R o a I d A m u n d s e n. Der kühne Polarforscher hat bei der Entdeckung der seit Jahrhunderten gesuchten Rordwest-Passage die erste Probe feiner Fähigkeiten gegeben, indem er mit ö Genossen in 3 Jahren mit einer kleinen Jacht den Seeweg zwischen Amerika und dem Nordpol erforschte. Das reich illustrierte Werk kostet elegant ge- Hunden 10 ffit. Im Frühjahr hat das Renntier einen festen Wechsel nach Norden, und wenn es an Netschjilli vorüberkommt, können die Eskimos es leicht ins Wasser hineintreiben. Die Jäger teilen sich in zwei Par- tien, die einen mit, die anderen ohne Krjaks. Die Kajakruderer nehmen ihre Stellung aus dem llser, das dem, von dem das Renn- tier kommt, gegenüber liegt. Wenn fich nun ein Rudel nähert, um- ringen die Eskimos es aus weiter Entfernung und treiben die Tiere ins Wasser hinein. Sobald die Tiere darin sind, springen die Kajakruderer in ihre Fahrzeuge und stechen ein Renntier, ums andere mit ihren Lanzen nieder. Die Tiere werden an Land bugsiert und dort von den wartenden Jägern in Empfang ge- nommcn. Später im Sommer, wenn die Renntiere sich über dag ganze Land verbreitet haben, wird die Jagd meistens an irgendeinen großen See verlegt, am liebsten dahin, wo sich eine Landzunge inS Wasser erstreckt. Zu dieser Zeit sind die Eskimos meistens nicht so zahlreich beieinander; und wenn sie die Rennticrschar auf die Landzunge hinaustreiben wollen, merken sie, daß sie nicht zahlreich genug sind, das auszuführen. Aber der Estimo weiß sich zu Helsen. In aller Eile errichten sie eine Menge kleiner Warten; wenn dann die Renntiere daherkommen, meinen diese, die Warten seien Men- schen, und die Absicht ist erreicht. Trotz ganz geringer Anzahl ge- lingt es den Eskimos sehr oft. auf diese Weise große Scharen Renn- tiere ins Wasser zu jagen. Und wenn sie erst im Wasser sind, dann sind sie verloren; nur ganz wenige kommen wieder heraus und ent- gehen dem Tode. Die Verteilung der Beute geht nach Aussage des Uhu folgender- maßen vor, fich: Von je fünf Renntieren bekommen die Kajak- rüderer vier und die Jäger am Lande das fünfte. Das hat indes nicht viel zu bedeuten, denn ihre sozialistische Gemein- s ch a f t erlaubt keine größere Anhäufung in einer Hand. Sie essen meistens alle miteinander von dem Fleisch, solange noch etwas da ist. Die Haut aber und gewisse Körperteile sind unweigerlich das Eigentum dessen, der das Tier getötet hat. Nach einem Massenfang von Rennticren essen die Eskimos sich zue»st auf der Stelle gründlich satt, während die Häute abgezogen werden. Bei dieser Arbeit gehen sie sehr sorgfältig zuwege, denn jedes Fell ist kostbar. Der größte Teil von dem Körper wird in einem Depot niedergelegt. Das Depot wird aus scharfen Steinen sorgfältig aufgebaut, damit der Fuchs nicht'daran kommen kann; aber es kommt trotzdem vor. daß dieser Halunke fich hineinschleicht, und es ist unglaublich, welche Verwüstunz er dann in kurzer Zeit anrichtet. Im Sommer geht das Fleisch natürlich sehr bald in Ber» wesung über. Aber was tut das! Es gleitet anscheinend gerade so gut den Hals hinunter; von dem herrlichen Blutpudding habe ich schon genug berichtet. Der Sommer ist also die Zeit für die Massen- Produktion dieser Ware. Was hauptsächlich von der Jagd mit nach Hause gebracht wird, gleich wenn dke Tiere erlegt sind, das sind die Häute, die Vorder- und Hinterkeulen, die Lenden, die Zungen und die Sehnen. Diese letzteren werden besonders sorgfältig behandelt. Die Rückensehnen sind die feinsten; sie geben den Nähfaden. Dis übrigen Sehnen werden als grobes Garn benützt, das unserm Bind- faden entspricht. Werm nun ein Jäger mit Siesel seiner Beute heimkehrt, werden Ht Sehnen rasch zum Trocknen ausgehängt. DaS Fleisch wird sogleich verzehrt, und als Nachtisch eine reichliche Portion Mark auSl den Knochen. Beim Zerschmettern dieser Knochen muß man sich aber hüten, nicht etwa einen Gegenstand aus Eisen zu benützen, er darf nur aus Stein sein, sonst fällt die Jagdsaison schlecht aus. Die übrig gebliebenen Knochen werden sorgfältig vergraben, damit die Hunde sie nicht herausbuddeln können, denn wenn so etwas ge« schähe, würde der Jäger am Ende in diesem Jahre nicht ein ein« ziges Tier mehr erlegen. Dasselbe gilt von den Fischgräten zu« Zeit des Fischfangs. Selbst Leuten ohne mathematische Vorbildung wird es klar sein, wieviel auf diese Weise für die Hunde übrig» bleibt..... � � Nach vollendeter Mahlzeit breitet sich Ruhe über das Lager» Die Hunde liegen drüben auf dem Moos und strecken sich an- scheinend mit großem Wohlbehagen, trotz ihrer leeren Mägen. AuS den Zelten ertönt an dem schönen Abend Lachen und Scherzen. Die Sonne ist a»f ihrenc niedrigste» Punkt angelangt und steht nun dicht über dem Horizont. Sie wirft lange rosige Strahlen auf die Landschaft; der große See in Netschjilli liegt spiegelblank, Die ans Ufer gezogenen und wegen der Hunde über die hohen Warten gestülpten Kajaks triefen noch von der blutigen Jagd. Alk- mählich wird ein Zelt nach dem andern geschlossen; Netschjilli schläst, und der tiefe Friede der Sonnennachk wird durch nichts gestört, als höchstens ab und zu durch den Schrei einer der nie ruhenden Eulen.—-- Hcpfel und Birnen» Wir stehen in der Zeit der Obstreife. Das Beerenobst hat seine Rolle allerdings fast ausgespielt und von dem Steinobst erscheine« erst einige edlere Pflaumensorten auf dem Markte, ober das Kernobst beginnt,, sich in seinen zahlreichen Arten zu präsentieren. Aepsel und Birnen— wie mannigfaltig in Größe, Gestalt, Färbung und Ge- schmack I Das sind die Resultate einer Kultur, die Jahrtausende alt ist. Der Apfelbaum(Limo malus) wurde schon in den frühesten Zeiten in den Gärten gepflegt;. aber die Nachrichten der Alten von seinen Früchten sind vielfach verwirrt und vermengt worden. rntb daZ um so leichter, da bei ihnen alleS, was eine apfcliörmige F ruckt hat, lualuiu hieß, und keineswegs immer die eigenen Arten durch Beiworte ienntlich gemacht werden; daher so viele Wider« spräche von dem, was auf die wahren Aepfel, was auf die Quitten sAepfel der VenuS), was auf die Pomeranzen und Zitronen(Aepfel der Hesperiden), was auf die Granaten(Aepfel der Juno) zu be- ziehen ist, die alle bloß„Aepfel� genannt werden. In den germanischen Wäldern kamen wohl der Apfelbaum und auch, der Birnbaum wildwachsend vor— wie man vereinzelte Stämme heute noch antrifft— doch ist unser Kulturapfel nicht aus dem Holzapfel entstanden, sondern aus«inigen außerdeutschen Arten: «iner im Kaukasus und im südlichen Altai vorkommenden Art, einer zweiten ebenfalls im Orient heimischen und einer sibirischen Art, von welcher namentlich der Astrachaner Apfel hergeleitet wird. Eine regelrechte Kultur des Apfels in Deutschland begann erst mit der Ausbreitung des Christentums. Dann aber muß es damit ver- hältnismäßig schnell und andauernd gegangen sein, und die deutsche Obstzucht dürfte auch früh mit eigenen Erfolgen eingesetzt haben, wie man aus Namen, wenigstens von Apfelsorten, ersieht, die bereits im ö. Jahrhundert nach süddeutschen Orten benannt werden; später kommen dann solche auch nördlicherer Zucht hinzu. Die einzige Apfelsorte, die vom' Mittelalter auf unsere Tage gekommen scheint, ist der Borsdorfer Apfel, gezogen von den Zisterziensern des Klosters Pforte in dem Klostergute Borsendorf bei Dornburg an der Saale. Wie auf anderen landwirtschaftlichen Gebieten dürfen wir auch hier voraussetzen, daß seit der karolingischen Zeit neben den königlichen Meierhösen es die Klöster und geistlichen Stifte sind, die als Musterwirtschaften für die Berbreiwng des Obstbaues bis in die kleinbäuerlichen Schichten hinein wirken und die Deutschen zu leiden« schaftlichen Öbstzüchtern machten. Früher schon beansprucht da? Eapitulare de villis Karls des Großen einen weiten Raum an den Meierhöfen fürObstsorten verschiedener Art. Bald verbreitet sich derObst- garten durch alle Landstriche, im Grunde in gleicher Anlage und Ausgestaltung, nur nach Ausdehnung, Zierlichkeit und Pflege ver« schieden, je nachdem er auf dem Dorfe, in oder vor der Stadt, in oder vor der Burg sich findet, umschloffen von Zaun, Planke oder Mauer und gegen Baumfrevel und Obstdiebstahl durch strenge obrig» keitliche Strafbestimmungen geschützt. Von den verschiedenen Obst- orten spielt der Apfel, als allgemeines Dauerobst, die wichtigste Rolle, und nur für seine Aufbewahrung werden besondere Gelaffe genannt. Was an Obst nicht ausbewahrt werden kann, wird für den Obstwein verwendet und gedörrt. Neben dem gezogenen wird da» wilde Obst auch im späteren Mittelalter und namentlich in bäuerlichen Kreisen nicht mißachtet und sein Wert für Mensch und Tier anerkannt. Holzäpfel dienen zur Verfütterung und zur Bereitung eines Mostes; Holzbirnen werden im überreifen Zustande nicht ungern gegessen. Die zerstreut auf Feldern, auf Waldrändern und Wäldern wachsenden Wildobstbäume erfreuten sich denn auch eines besonderen Schutzes. Mit der ausgebreiteten Obstkulwr wird auch der reichlichste Obst« genuß in allen Schichten der Bevölkerung allgemein, und zwar pflegen ihn namentlich die Klöster. Die Regel des heiligen Benedikt läßt den Genuß des Fleisches vierfüßiger Tiere überhaupt nur für die Schwachen und Kranken zu, schreibt als tägliche Kost zweierlei Mus Vor und gestattet, wenn es Obst oder Gemüse gibt, davon noch eine weitere Schüffel. Das ist dann nach altrömischem Vorbild die mensa secunda der Nachtisch. Auch auf der Herrentafel bürgerte sich derselbe ein. Fraglich bleibt es allerdings, ob hier Nachahmung eines klösterlichen Brauches oder nicht vielmehr Weiter« führnng einer aus dem römischen Altertum überkommenen Gewohn« heit vorliegt. Der Verbreitung des Obstgenusses kommt eS später sehr zugute, daß man die gesundheitlichen Wirkungen der verschiedenen Früchte scharf betont und ihre Art nach der Galenischen, von der Salernischen Schule gepflegten Elementarlebre rubriziert, wonach einzelnen Früchten die Eigenschaft des Kalten, Heißen, Trockenen oder Feuchten inne- wohnt. Die in dem Obst enthaltenen Pflanzensäuren haben onti- septische Eigenschaften und befördern die Verdauung. Nach den Ver- suchen von Stutzer vermögen sie sogar die für die verdauende Tätigkeit des Magensaftes so wichtige und im Magen enthaltene Salz« säure teilweise zu ersetzen. Man darf sogar annehmen, daß mancherlei Bakterien durch die Obstsäure in ihrer Entwickelung gehemmt werden, Wie es für die Milchsäure von dem bekannten Bakteriologen Metsch« nikoff nachgewiesen ist. Bekanntlich gibt es Leute, die gegen Frucht- säuren sehr empfindlich sind und infolgedessen namentlich die Aepfel in rohem Zustande nicht vertragen können, während das bei den Birnen sckon eher der Fall ist, weil diese wenig mehr als>/« Proz. Säure haben, die Aepfel aber häufig t— l'/g Proz.; dafür schwankt bei den Birnen der Zuckergehalt von 6—10 Proz., bei den Aepfeln aber von b— 8 Proz. Um deswillen brauchen aber empfindliche Menichen auf den Genuß der Aepfel nicht zu verzichten. da sie auch im gekochten Zustande dem Körper durch« aus dienlich sind. Diese Anficht hatten bereits unsere alten Arzte, die Apfelbrei mit Reis, Zimt und Zucker zubereitet, für viel gesunder als die roh genossenen Aepfel hielten. Gebraten und mit Zucker versetzt gelten Aepfel heute noch als Hausmittel gegen Brustbeschwerden, namentlich gegen Heiserkeit. Auf Seereisen ist Apfelgenuß zur Abwendung wie zur Heilung des Skorbut sehr dienlich. Früher bereitete man in den Apotheken aus den Früchten Berantwortl. Redakteur: Albert Vachs. Berlin.— Druck u. Verlag: eine Pomade gegen aufgesprungene Lippen und Hände. Eigentümlich ist in der alten Arzneikunde{ferner die Verwendung von faulen Aepfeln. In besonderem Ansehen standen die Borsdorfer Aepsel, was insofern verständlich ist, weil nach den uns vorliegenden Analysen ihr Aschengehalt größer als bei den anderen Sorten ist, sie sich also durch einen größeren Gehalt an Salzen auszeichnen. Von ihnen heißt es, daß.sie eine beffere Nahrung geben, den Magen stärken, die Verdauung befördern, die zähen Feuchtigkeiten verdünnen und zerteilen und in schwermütigen Krankheiten sehr nützlich sind". Der Saft aus diesen Aepfeln soll aks Heilmittel gegen die Schwindsucht und gegen Erkrankung der Milz dienen.— Der hohe wirtschaftliche Wert wird bedingt durch seine lange Haltbarkeit, durch feine Eigenschaft, zerstückelt leicht zu welken (Ringäpfel) und durch die weitere Eigenschaft, roh wie gewelkt schnell zu kochen. So gibt es denn eine ganze Anzahl von Apfel« gerichten, die immer willkommen sind. Wollten wir die Aepsel(und Birnen) nur als Nahrungsmittel betrachten, so würde eS uns aller« dings recht schlecht gehen, denn schon Moleschott hat berechnet, daß zur reellen Ernährung eines Menschen täglich 23,7 Kilogramm frischer Früchte nötig find, waS natürlich kein Mensch effen oder verdauen könnte. Ihr Gehalt an verdaulichen Bestandteilen ist eben kein bedeutender; jedenfalls läßt sich mittels Aepfel und Birnen keine ausreichende Eiweißernährung herstellen. Wohl aber haben wir beide als Beikost zu betrachten, wie auch schon Rubner wiederholt hervorgehoben hat, und zwar mit dem ganz ausgesprochenen Charakter eines Halbgetränks. Sie können somit am Ende der Hauptmahlzeit genossen werden, brauchen es aber nicht, da sie auch außerhalb der Mahlzeit zur Erftischung und Durst- stillung dienen. Besonders in der Ernährung des Kindes finden sie bei den Zwischenmahlzeiten eine zweckmäßige Verwendung. Wir wiffen, daß gerade die Aepfel von vielen Gelehrten als Genußmittel bevorzugt werden und zwar wegen ihrer Salze. Sie sind besonders reich an Natron, an Magnesia und Schwefelsäure, während der viel« gerühmte Phosphorsäuregehalt der Aepfel von den Stachelbeeren, Pflaumen und Birnen übertroffen wird. Es liegt also in dieser Be- ziehung eine irrige Ansicht im Volke vor, abgclehen davon, daß es sehr ftaglich ist, ob die geringe Menge Phosphor, den wir durch Obstgenuß dem Körper einverleiben, wirklich einen Nutzen auf die Ernährung des Gehirn? auszuüben vermag. Nach der Zeit der Reife und Eßbarkeit unterscheidet man die Aepfel in Sommer-, Herbst- und Winteräpfel, nach der Art und Weise ihrer Verwertung in Tafeläpfel, Kochäpfel, Dörräpfel und Mostäpfel. Wohl 600— 700 Spielarten dieses Obstes werden in unseren Gärten kultiviert. In weit mehr Arten als der Apfel wird die Birne kultiviert. Man rechnet 1500 Spielarten, deren Früchte nach Form. Farbe, Ge« schmack und Beschaffenheil des Fleisches sehr verschieden sind. Die Holzbirnen die in Feldhölzern durch ganz Europa und Nordasien wild vorkommt, wird nicht als Stammform angesehen, vielmehr sollen die Kulturbirnen von verschiedenen Arien Zentralasiens, PersienS und Syriens abstammen. Hinsichtlich der Kultur des Birnbaumes ist der Norden Europas vom Süden und Südosten her beeinflußt worden. Im heutigen Europa ist Nordfrankreich, besonders die Normandie, das eigentliche Aepsel- und Birnenland, das nicht nur die meisten, sondern auch die feinsten dieser Früchte trägt und wo der aus ihnen bereitete Cider den Wein als allgemeine« Volksgettänk ver- tritt. Der Nutzen der Birnen in der Haushaltung ist sehr groß, jedoch geringer als bei Aepfeln, weil die schmack- hastesten Birnsorten sich nicht lange aufbewahren lassen. Man unterscheidet Winter«, Herbst- und Sommerbirnen, je nachdem sie bis Dezember oder weniger lange dauern. Man bereitet aus den Früchten: Birnsaft, der eingekocht zum Einmachen anderer Früchte benutzt wird. Birnfirup, der statt des Honigs zu Backwerken, Suppen, Konfitüren usw. Verwendung findet, Birneisig, Birnwein, Birnsenf, Sülzebirnen(eingemachte Birnen). Sie werden auch ganz oder zu Schnitzen vertteinert an der Sonne oder in Oesen getrocknet (Hutzeln oder Bratbirnen) und bilden dann gekocht ein beliebtes Gericht. Der Wert der Birnen richtet sich nach der Beschaffenheit des Fleische». Dieses ist schmelzend, halbschmelzend, brüchig oder steinig. Letztere« rührt her von den harten Konkretionen, die aus sehr dick- wandigen Zellen(Steinzellen) bestehen und in der Frucht des wilden Birnbaums am reichlichsten vorhanden sind und in den edleren Sorten spärlicher auftreten. Da« Holzigwerden der Früchte bei den kultivierten Arten ist daher ein Zeichen von Rückschlag auf die wilde Form. Die zahlreichen Sorten der kultivierten Birnen sind von den Pomologe» in eine Anzahl Klaffen gebracht, von denen die Butter« birnen, Bergamotten, Muskatellerbirnen, Flaich'.nbirnen, Apotheker» birnen, Gewürzbirnen, Kockbirnen, Weinbirnen genannt sein mögen. Arzneilich wurden früher nur einige der befferen Birnensorten als diätetisches und kühlendes Mittel benutzt, wie namentlich die sogenannte Apothekerbirne, die mit Zucker eingemacht in Apotheken vorrätig gehalten wurden. Eine ganz merkwürdige Auffassung über den Heilwert der Birne ist jedenfalls die, daß sie in allen Fällen als heilkräftig für Frauen angesehen wurde, während daS Heilobst für das männliche Geschlecht der Apfel ist. _ C. Schenkung. kZorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanito.It Paul SingeräCo., Berlin SW,"