Nnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 172. Donnerstag, den k. September. 1912 lNachdruil ietiotm.i 11] pelle der Eroberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Er hätte sich schon durchschlagen wollen, wenn da nur tvas zum Zugreifen gewesen wäre.— Der Tarif war ordeyt- lich genug I Er hatte nur den verhängnisvollen Fehler, daß er nicht gegessen werden konnte. Alles in allem schien eine Verschiebung zum Nachteil des Handwerkers eingetreten zu sein, und um es noch unheimlicher zu machen, hatten ihm die Großbetriebe den Ausweg versperrt, sich niederzulassen und selbständig zu werden. Da war nicht einmal eine kleine Hintertür mehr offen I Pelle konnte sich die Sache ebensogut gleich wie später aus dem Kopf schlagen: um jetzt Meister zu werden, hatte man Kapital und Kredit nötig. Das beste, was die Zukunft jetzt in ihrem Schoß hatte, war eine endlose und aussichtslose Wanderung nach der Fabrik und wieder zurück von der Fabrik. Er war auf einmal wieder mitten hinein versetzt in die alte Frage: der ganze Zustand entrollte sich ganz von selbst vor ihm, es nutzte nichts, die Augen zu schließen. Er hatte den besten Willen, sich nur seiner eigenen Angelegenheiten anzu- nehmen und kümmerte sich um nichts weiter: aber das eine führte das andere mit sich, und er mochte nun wollen oder nicht, es sammelte sich zu einem Ueberblick über den Zustand. Der Zusammenschluß hatte nach außen hin die Probe bestanden, die Arbeiter waren gut organisiert und hatten ihr Koalitionsrecht behauptet, man konnte ihre Organisationen nicht mehr umgehen. Die Löhne waren auch beträchtlich ge- stiegen, und der Sinn für das Heim hatte bei den Arbeitern selbst zugenommen, viele von ihnen waren aus ihren Höhlen in neue Zwei- und Dreizimmerwohnungen gezogen und batten hübsche Möbel bekommen. Ihre Ansprüche an das Dasein waren gestiegen, aber alles war auch teurer geworden, und das Leben war beständig das gleiche, von der Hand in den Mund. Er konnte sehen, daß die soziale EntWickelung nicht mit der mechanischen Schritt gehalten hatte: die Ma- schinen trieben sich still aber unerbittlich zwischen die Arbeiter und die Arbeit hinein und warfen immer mehr Männer auf die Straße hinaus. Die Arbeitszeit war nicht wesentlich verkürzt, der Staat schien kein besonderes Interesse daran zu haben, die Arbeitenden zu beschützen. Aber er nahm sich der Invaliden der Arbeit jetzt mehr an als früher, in die Armen- Versorgung war Scfyming gekommen. Er konnte nicht e i n Gesetz entdecken, das regulierend eingriff, dahingegen eine ganze Reihe von Gesetzen, die den Zuständen ein Pflaster auf- iegten. Es wurden eine Menge verschiedener Unterstützungen ausgeteilt, immer hart an der Hungergrenze: immer mehr mußten ihre Zuflucht dazu nehmen. Das beraubte sie nicht ihrer bürgerlichen Rechte, machte sie aber zu einer Art politisch ausgehaltenem Proletariat. So sah die Märchenwelt, an deren Eroberung Pelle teil- genommen hatte, jetzt aus, wo er zurückkehrte und sie mit neuen Augen ansah. Die Welt war nicht neugeschaffen, etwas Starkes, menschlich Tragendes schien die Bewegung nicht ab- gesetzt zu haben. Es sah so aus, als wenn sich die Arbeiter ruhig aus dem Spiel ausscheiden ließen, wenn sie nur ihr Geld zum Spazierengehen erhielten. Wo war ihr alter Stolz geblieben? Sie hatten sich offenbar die bürgerliche Moral zugelegt, da sie sich gutwillig aufs Altenteil setzen ließen. Än Macht fehlte es ihnen nicht, die ganze Welt konnten sie dahin bringen, daß sie hinwelkte und hinstarb, ohne auch nur einen Blutstropfen zu vergießen— nur durch ihren Zu- sammenschluß. Was ihnen fehlte, war Verantwortung. Die tragende Idee der Bewegung war scheinbar spurlos an ihnen vorübergegangen I Pelle grübelte darüber hin und her, aber er schliff die Pflastersteine in vergeblichem Suchen. Der Ueberblick drängte sich ihm von selbst auf. und da waren Kräfte in ihm selber und von außen her, die darauf hinarbeiteten, ihn in die Be- wegung hinüberzudrängen und vorwärts in die Führer- stellung. Aber er schob das von sich, jetzt wollte er für seine Familie arbeiten. � Er fischte sich etwas Flickarbeit bei den Nachbarn öu| und half im übrigen Ellen Wäsche aufhängen und die Rolle drehen, man mußte die Ehre beiseite setzen und froh sein, daß s i e etwas hatte. Sie freute sich über die Hilfeleistung, konnte es aber nicht leiden, daß jemand es sah, daß er sich mit Frauenarbeit befaßte. „Das ist nichts für einen Mann," sagte sie und sah ihÄ mit Augen cm, die besagten, wie glücklich sie über feine Ge- sellschaft war. Sie liebten es, zusammen zu sein, genossen es auf eine eigene, stille Weise, ohne viele Horte. Es war viel geschehen, aber Pelle wie auch Ellen ließen sich Zeit. Keins von beiden war schnell mit dem Wort bei der Hand, aber sie tasteten sich durch Pausen zum Verständnis und rückten einander während des Schweigens näher. Jeder wußte, was der andere gelitten hatte, ohne daß es gesagt zu werden brauchte: die Zeit hatte an ihnen beiden gearbeitet.» Ueber ihrem neuen Zusammenleben wehte kein Sturm, die Tage glitten still dahin, schwer gemacht von den verflösse« nen Jahren. Ellens Gemüt barg weder Jubel noch Vor- würfe. Sie war ihm gegenüber vorsichtig, fast scheu wie das erstemal, als sie einander begegneten: hinter all ihrer Güte und Fürsorge lag derselbe Schimmer jungfräulicher Unnah- barkeit wie damals. Sie nahm seine Liebkosungen still hin, selbst gab sie zunächst, indem sie etwas für ihn war. Er merkte, wie jede kleine häusliche Arbeit, die sie für ihn ver- richtete, aus ihr herauswuchs gleich einer mütterlichen Lieb» kosung und ihn in ihr Herz einschloß. Er war dankbar da« für, aber das war es nicht: dessen er am meisten bedurfte. Wenn sie in der Dämmerung zusammensaßen und dle Kinder im Zimmer umherkrochen und spielten, schwieg sie am liebsten und beobachtete ihn verstohlen: sobald er das bemerkte, verkroch sich das Tiefe in den Augen. Forschte sie wieder nach seinem verborgenen Wesen wie in ihrer ersten Zeit? Es war, als rufe sie nach etwas in ihm, wolle sich selbst aber nicht zu erkennen geben. So konnte eine Mutter auch dasitzen und nach der Zukunft ihres Kindes spähend hinaus- starren. Liebte sie ihn denn nicht? Sie hatte ihm all das Ihre gegeben, ihm Kinder geboren und getreulich dagesessen und auf ihn gewartet, als die ganze übrige Welt die Hand von ihm gezogen hatte, und doch war er nicht sicher, daß sie ihn jemals geliebt hatte. Pelle war der Hiebe nicht als etwas Unbändigem Le- gegnet, die Bewegung hatte den Ueberschuß seiner Jugend aufgezehrt. Aber nun stand er hier gleichzeitig mit dem Frühling von neuem geboren und empfand es plötzlich wie Kraft in sich. Jetzt wollten er und Ellen anfangen, denn jetzt war sie alles! Das Leben hatte ihn Ernst gelehrt, und das war nur gut. Er entsetzte sich darüber, wie leichtsinnig er Ellen zu sich genommen und sie erst zur Mutter gemacht hatte, ohne sie zuvor zur Braut zu machen. Das Frauenherz mußte grundlos sein, da sie darüber nicht zerbrochen war. sondern beständig dastand und noch immer ebenso unberührt darauf wartete, daß er sie gewinnen würde. Sie hatte sich darüber hinweggeholfen, indem sie Mutter war! Und würde er sie denn jemals gewinnen?. Wartete sitz wirklich noch oder hatte sie sich beruhigt? Er liebte sie so heftig, daß alles an ihr verklärt wieder- kehrte, glücklich in dem Bewußtsein, daß sie sein Schicksali war. Nur ein Band oder eine gewürfelte, dünngcschlissene, baumwollene Schürze und jeder kleine Gegenstand, der zu ihr gehörte, uahm eine wunderlich warme Farbe an und erfüllte den Sinn mit Süße. Ein Blick oder eine kleine Berührung machten ihn schwindelig vor Glück und ließen seinen Sinn in Wogen von heftiger Wärme gegen sie anstürmen. Sie lächelte ruhig und drückte freundlich seine Hand, es zündete nicht. Sie hatte ihn lieb und versagte ihm nichts, aber er hatte trotz alledem ein Gefühl, als wenn sie ihm ihr innerstes Wesen vorenthalte. Wenn er da hineinsehen wollte, verschloß sie sich mit Freundlichkeit. 4. Pelle war wie jemand, der nach jahrelanger Land'- flüchtigkeit heimkehrt und wieder versuchen muß. sich in eil» persönliches Verhältnis zu dem Ganzen zu bringen. Die Am- nestie galt nur bis zur Türschwelle, für das eigentliche mußte er selbst sorgen. Tos Land, das br bestellt hatte, war in anderen Händen, er besaß dort kein Recht mehr. Aber er hatte doch gepflanzt, er mußte doch wissen, wie es gewachsen war und wie es gepflegt wurde. Tas große Vorrücken war in das Politische hinübergc- sHvenkt. Die Bewegung hatte vorläufig die Ansprüche der Armen auf Brot fallen lassen, hatte fie geopfert, wie man Ballast opfert, um leichter aufsteigen zu können. Man wollte die Institutionen selbst erobern und dann natürlich zum Ausgangspunkt zurückkehren und das Ganze wieder um- wenden. Es mochte ja ganz bequem sein, die abzuladen, die am beschwerlichsten für das Vorrücken waren, aber ließ sich der Sieg auf dieser Grundlage erringen? Um fie drehte sich ja doch alles! Pelle hatte gründlich gelernt, daß. wer anderen eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. Er hatte kein Zutrauen zu dem, was über den Zaun zu gelangen suchte, wo er am niedrigsten war. Die neue Taktik stammte von dem siegreichen Ausfall des großen lstmupfes: er hatte ja selbst die Massen im Triumph gegen die Hauptstadt geführt. Udn falls er nicht eingesteckt worden wäre, säße er Wohl jetzt als eine� der parlamen- tarischen Vertreter der Arbeiter und als symbolisiertes Vor- wärtsrücken in der Bürgerschaft. Ade nun stand er also außer- halb der ganzen Belvegung und mußte seine Stellung zu dem Bestehenden wählen: er hatte der Welt der Ausgestoßenen angehört und der Unvcrsöhnlichkeit gerade in die Augen ge- sehen, er war nicht sicher, daß die Erhebung des armen Mannes in der Verlängerung der bestehenden Gesellschafts- moral lag. Er selber lvar ja noch immer ein Geächteter und brachste es wohl auch nicht zu etwas anderem. Es war schwer, sich unter dem Türrahmen zu ducken, durch den man einmal hinausgeschmissen war. und es war wohl auch fchwer, hinein- zuschliipsen. Er beabsichtigte nicht, irgend etwas zu tun, um wieder in die Rechen der geachteten Männer aufgenommen zu werden, er war stark genug, um sich jetzt auf sich selbst zu stützen. (Fortsetzung folgt.) cNiuiSrmt XrBottn.) 2i Veine. Bon Franz Held. Als er schließlich einmal ganz trostlos auf der Außenbank eines Tramway-Wartehäuschens saß, kam fein akter Kamerad Mignon auf ihn losstolziert, in großkariertem Anzug und hellem Filzhut. Der gabelte ihn auf und führte ihn, da es Frühstückszeit war. in ein Restaurant, wo er ihm Kredit auszuwirken versprach. In diesem Restaurant aßen fast alle Gäste auf Kredit. Tie Goldfische in dem Glasbeckcn, das zwischen verstaubten Blatt- gewachsen auf dem mit Käseschüsseln bepflanzten Anrichtetisch stand, waren das einzige metallisch Flimmernde, was man seit Menschen- gedenken dort gesehen hatte. Deshalb die Speisen natürlich schlecht und teuer. Für hundert Durchbrenner muhte dem Wirt ein ein- zigcr naiver Zahler aufkommen. Das Publikum sah sehr ungleich aus. Während die einen schreiend elegante Garderobe trugen, gingen die anderen fast in Gumpen. Alle ohne Unterschied aber hatten beim Mittagessen ein gleiches kleines Blatt in den Händen, auf steifes Papier gedruckt. Das mußte ein deliziöseres Menu sein, als das ewige„Hammel- fleisch mit Bohnen" der Speisekarte— denn es machte die Augen funkeln und die Hände vor Begier zittern! Was stand darauf? Nur abgerissene Worte gingen von Mund zu Mund: Placiert— nicht placiert— Guter Wink— Drei für Eins.-- Da kam einer gegen Abend von der Straße hercingctrottelt, regenträufend. aber mit strahlendem Gesicht. .Na. Emil, wie stehen die Aktien?!" „L'Eperon Erster! 5H für 3! Kellner, Kognak her? Eine Runde!" Dem gütigen Gastgeber, dem das Glück so unverschämt ge- lächelt hatte, wurde dann sofort von sämtlichen Anwesenden nickst minder unverschämt angepumpt. Man lebte nämlich fast iu Güter- grmeinschaft. Es war eine Stammkneipe von Wettrennenspielern, unterster Sorte. Die steifen Jeitungsblätter:„Paris CmirfeS",..Le Jockey". oder die offizielle Karte eines Rennens. .Soll ich Dir A Frank leihen, alter Knabe?" sagte Mignon. als er triumphstrahlend heimkehrte, zu dem niedergeschlagenen Lorel. .Du mußt morgen mit hinaus und auch einmal Dein Glück ver- suchen. Bei Deinem erbärmlichen Handel kannst Du ja lebendig pertrocknen. Sieh nur mal wie wir's machen!" Er ließ eine Katvakadc von Goldstücken über den schmutzigen Züsch laufen— eine dort ansässige Ameijengcfcllschaft fühlte sich fft ihren Grundrechten gekränkt. »Ich danke sehr!" erwiderte Lorel.»Ich hätte selbst schon ein wenig Geld." In der Tat hatte n. etwas über 10 Frank zurückgelegt. da er im Restaurant nur hallrnonatlich zu bezahlen brauchte» „Das gehört nun allerdings nicht mir, sondern dem Wirt „Possen!" lachte Mignon. „Und auch—— ich will und mag nicht spielen— Hertz i« n c n will ich mein Geld." „Sei kein Narr! Spielen die großen Bankiers vielleicht nicht?, Morgen wird Tu mitgeschleppt unbarmherzig. Schau mal die da drüben, die jetzt an dem Zsitungspavillon vorbeikommt(sie saßen vor dem Restaurant im Freien), die mit dem roten Schleier.— wie scharf die herschaut— wart' die muß ich was fragen!" Und er lief unt seiner vollen Tasche auf die andere Straßenseite. Am nächsten Tage war sein Gewinn fast ganz zum Teufel. Cr gab sich deshalb doppelte Mühe, den Lorel vom Mittageyen fort nach Auteuil zu dirigieren. Er dachte ihn nämlich um die erwähnten 10 Frank anzupumpen, wenn er selbst die 15 Frank» die ihm noch blieben, verspielt haben sollte. Ein schweizer, Bäcker- geselle seines Zeichens, blondhaariger Kraustopf, regelmäßige Züge mit einem ewigen, langweiligen Lächeln» unterstützte ihn bei seinen Bcrsührungskünstcn. Nachdem der Roquefortkäsc gegessen war, legte Mignon zärtlich den Arm um die Schulter seines Freundes Lorel— der Schweizer: faßte ihn unter den linken Arm— uni> da er den rechten noch in der Binde trug, also sich nicht wehren tonnte, führten sie ihren Gefangenen nach dem Platz St. Sulpice. Tort setzten fie ihn ans die Imperiale beS nach Auteuil bestimmten Omnibusses. Durch endtose Ouartierc ging's-- an der Militärschule vorbei— jetzt tauchte die Kuppel des Jnvalidendoms am Ende einer langen Seitenstraße auf, dann rasselte der Kasten über eine Seinebrücke. Jetzt stand er still vor dem Bahnhof von Automl. Auf dem Platz liefen die ZcitungS- und Kartcnvcrkänfer wie besessen hin und her. „Die einzig offizielle Karte— 25 Centimes!" „Kaufen wir eine! Drinnen kostet sie 50!" sagte der allezeit zu Ausgaben geneigte Mignon. Bor dem Bahnviadukt drängte und stieß man sich. „Das Geschäft geht gut!" meinte ein Gamm. Denn nicht nur der Omnibus war wie gespickt mit Menschen beladen gewefen. Auch«in Zug lief foeben ein, es wimmelte sthworz aus den drei hohen, roten Backstcinwölbungcn des Bahnhofeinganges, hier und da eine hellfarbige Tantenrobe dazwischengcsprengt, wie ein Sonnen- fleck anzusehen auf dem düsteren Einerlei dieses Wasserfalles von Körpern. Es war 2 Uhr. Roch eine Viertelstunde und der„Preis des Tors Maillot" würde losgehen. Auf dem Fahrdamm rollten die atemlosen Fiaker und huschten die Hcrrschaftsequipagcn, darunter hochelegante Maik-coachs mit vier Prachthengstcn, Jockevs auf den beiden linksseitigen Pferden, zwei Fußbediente mit strammer Haltung hinter den Insassinnen stehend. Das waren in der Mode de- findtiche Kototten, die in Buketts und Spitzenwolken fast versanken. Dort ein eleganter junger Herr, der fein leichtes Gefährt mit Silberbeschlag und roten, spinncbeinfpeichigen Riesenrädern selbst zügelt. währettd der Tiener in senfgclber Livree mit verschränkten Armen wie eine Statue neben ihm thront. Zwischen den hastenden Fußgängern wandeln gravitätische Schutzleute. Tic Bettler am Wege geven sich wenig Mühe mit ihrem sonst üblichen Rosenkranz- leiern, Augen- und Datimenverdrehcn— denn jetzt hat ja doch keiner für sie Zeit. Ebenso ist das Amt der Blumenmädchen vor- läufig so ziemlich cin� Sinekure. Bei der Ankunft am Rennplatz saugen zwei Eingänge die Wallfahrt am. Einer für die Wagen und die Tribüncndcsucher, der andere für die Fußgänger, die auf der Wiese vorlieb nehmen. Aus dieser Seite beträgt das Entree 20 Frank., aus der Wiese nur einen einzigen. „Famos, daß es hier so wenig kostet!" sagt Mignon zu Lorel. „In St. Ouett und auch sonst meistens mutz man 3 Frank blechen, um hereinzukommen." . Loiel zahlte seinen Frank mit Acrgcr. Er denkt, wie sauer es ihm geworden, dies Geldstück Sou für Sou zu verdienen. Aber das hastende Treiben hat ihn fieberhaft aufgeregt. TaS Rad für den Durchlaß dreht sich. Er steht auf der Wiese, sieht ein kolossales Feld, mit wimmelnden Menschen bedeckt, von märzlichcm. noch unbelaubtem Wald umrahmt. Sein Auge kann keinen Halt finden: gestikulierende Gruppen— alles flach, nirgends etwas Hervorragendes.- Tann fixiert sich sein Blick allmählich auf einen Pavillon, kreisrund, mit schwarzbraunem Stroh gedeckt. Dessen Zentrum enthält daZ Büfett, das Dach wird von freistehenden Holzbalken getragen. In der von diesen Balken markierten Rotunde, um sie herum und noch weit ins Feld hinein flutet ein dichtes Gedräng wütend aufgeregter Menschen. Einzelne Köpfe mit schreiend auf- gerissenen Mäulern ragen über die anderen heraus. „Tas sind die Lootmaker." erklärt ihm Mignon. Lorel muß bei Betrachtung des Feldes an einen Jahrmarkt seines Tortes denken. Tie Bookmaker stehen wie Charlatane auf Stühlen, Bänken, Tischen. Oder wenigsteus einer aus jeder Firma; es ist nämlich fast immer ein Paar zusammen. „Via!a Cote!" ruft er, indem er die Tafel schwenkt, die er an einer langen Stange in die Höhe streckt.„Treffen Sie Ihre Wahl, meine Herren! Es gibt noch davon!" „WaS ist das Cote?" frug der verblüffte Lorel. „Ja, das kann man nicht so einfach sagen." erklärte der Bäckergesell,„es ist, was man gewinnt oder verliert— na, wetten Sie nur mal aus ein Pferd, da merken Sie's schon." Wer Lorel hatte kein Vertrauen zu dem Rat. Zwar machte ihn ein Bookmaker sehr lüstern, der in der großen, schwarzen, heiß- hungrig klaffenden Geldtasche an seiner Seite mit gespreizten Fingern wühlte, Gold- und Silberstücke rasseln ließ, als ob es bloß Erbsen wären. Aber weil er die Sache gar zu wenig kannte, hielt er sich vorläufig zurück. Mignon dagegen trat zu einem Bookmaker hin, einem langen Kerl mit riesiger Nase und stechenden, kleinen Augen. Auf seiner weißen Piqueweste trug er eine schwere goldene Uhrkette mit ge- wichtigem Berloque-Gebaumel. „Lue cheval?"< Welches Pferd?) frug ihn der Mann in der Weste mit ausgesprochener Pariser Betonung. „Rodomonte als erster, 5 Frank," wiederholte dann der aus- rufende Bookmaker den Auftrag recht laut, um der �Umstehenden Appetit zu erregen. Und sein Kompagnon schrieb- ins große Buch; nahm dann eine kleine grüne Karte, welche die Adresse der beiden enthielt, und kritzelte auf die freie Rückseite fieberhaft schnell in fast unleserlichen Zeichen: R. 5-st S. Dies Hicroglyphcntäfelchen gab er Mignon. Fast noch während er es ihm hinreichte, zauberte er mit virtuoser Fingerfertigkeit bereits neue Austräge in das große Buch.„UgaHte Rodomonte!" kreischte dazu der höher Stehende unäblässig, wie eine Kuckucksuhr. „Egalite— das heißt— bedeutet— also, denk' Dir— kurz— ja. natürlich(ist der Kerl aber vernagelt!)" erklärte Mignon auf Lorels Frage.„Man kriegt seinen Einsatz zurück und bekommt ihn nochmal dazu— aber gottlob, da ist ja Bargannois, der versteht sich bester aufs Schulmeistern!" Er rief ben betreffenden Bekannten heran. Es war ein junger Volksschullehrer, ein kleiner vierschrötiger Bulldogge mit derb sinn- lichen, verschlagenen, aber doch gutmütigen Zügen. Er hatte das magere Amt aufgesteckt, seit ihm bei ein paar glücklichen Rennen einige Hundertfrankscheine zugeflogen waren. Mit diesen hatte er ein Geldgeschäft angesangen als Elaceur de fonds, worunter er gelinde Wucherprosite verstand. Jedenfalls war sein Teint bedeutend röter geworden, seit er nicht mehr vor den Schulbänken zu sitzen brauchte. Er konnte jetzt drei Zimmer be- wohnen, die er selbst behaglich möblierte. Da war er denn auch enorm mit seiner Schicksalswendung zufrieden und hielt sich für einen Hauptkerl. Sein geschmeicheltes iselbstbewußtsein in Per- bindung mit seinen noch nicht ganz abgehäuteten Schulmeister- gewohnheiten ließ ihn bereitwillig aus die erbetene Instruktion des Neulings eingehen. (Fortsetzung folgt.)' I�atunvincnfcbaftUche Geberficht. Sonderbare Gesellen aus der Krebsfamilie. Als Charles Darwin auf seiner berühmten Weltumseglung an Bord des„Beagle" die südlich der Sundastraße gelegeneu Keeling« Inseln besuchte, fielen ihn« dort merkwürdige, in großen Erdlöchern hausende Krebse aus, die in ihrem Aussehen an die auch in unseren deutschen Meeren lebenden Einsiedlerkrebse(EaZimdae) erinnerten. In der Tat handelte es sich auch um Angehörige dieser Krebsfamilie, deren Körperbau jedoch infolge der ganz abweichenden Lebens- gewohnheiten sehr interessante Umgestaltungen erfahren hat. Die wichrigste und emschneidendste Veränderung bezieht sich auf den ursprünglich nur für die Wasseralmung geeigneten Kicinenapparat. Die Kiemen selbst erscheinen stark zurückgebildet und nehmen nur noch den unteren Teil der Kiemenhöhle ein, deren oberer Teil reich mit Blutgefäßen versorgt ist und sich nach den Untersuchungen Semper- zu einer echten, die Lustatmung ermöglichenden Lunge aus- gebildet hat. Da diese Krebse außerdenr auch die Gewohnheit der übrigen Einsiedlerkrebse, ihren Wohnsitz in leeren Schneckenschalen auf- zuschlagen(der bekannte St. Bernhardskrebs der Ost« und Nordsee bewohnt z. B. mit Vorliebe die Gehäuse der großen Wellhorn- schnecke) aufgegeben haben, hat ihr Hinterleib wieder einen normalen symetrischen Bau angenommen und sich auch sekundär wieder mit einem Chitinpanzer bekleidet. So bilden diese Tiere ein ganz aus- gezeichnetes Beispiel dasür, wie tiefgreifend die Körpergeftaltung eines Tieres von seiner Lebensweise beeinflußt wird, ja wie geradezu durch veränderte Gewohnheiten im Laufe der Zeit neue Organe herangezüchtet oder die Funktionen bereits vorhandener Organe ver- ändert werden können. Merkwürdiger noch als der Bau dieser Jnselkrebse ist ihre Lebensweise I Die vulgäre Bezeichnung kür die Tiere lautet Palmendiebe oder Kokosnußräuber(BirAus latro) und diese Benennung ist in der Tat sehr bezeichnend, denn die Tiere räumen ganz gewaltig unter dem Kokosnußbestand der Inseln, auf denen sie leben, auf. Früher glaubte man, daß die Palmendiebe zur Gewinnung ihrer Beute auf die Bäume kletterten und sich selbst die Nüsse abpflückten. An dieser Behauptung ist jedoch nur soviel richtig, daß man bisweilen einen Krebs an dem Stamm einer Palme emporklimmen sehen kann, das„eigenhändige" oder richtiger „eigenschetige" Abpflücken haben sie aber wahrlich nicht nötig, da sie ja am Boden stets genügend abgefallene Nüsse finden, um ihren Bedarf zu decken. Es erscheint im ersten Augenblick unglaublich, daß ein schwer- fälliger Krebs wirklich imstande sein sollte, eine noch mit der festen «ißeren Schale bedeckte Kokosnuß zu öffnen und doch beruht das auf einer wiederholt und von verschiedenen Forschern beobachteten und verbürgten Tatsache, so daß ein Zweifel nicht wohl möglich ist. Wie Charles Darwin und andere Reisende, die die Lebens- gewohnheiten des Birgus eingehend studiert haben, angeben, beginnt der Birgits damit, mit Hilfe seiner kräftigen schweren vorderen Scheren sorgfältig eine Faser nach der anderen von der äußeren Haut abzuziehen,„wobei er allemal bei dem Ende beginnt, unter dem sich die drei Keimlöcher befinden. Ist diese Arbeit vollendet, dann hämmert der Krebs mit seinen schweren Scheren solange auf die Decke eines der Keimlöcher los, bis er sich eine Oeffnung zum Jnnnern der Nuß gebahnt hat. Jetzt dreht sich'das Tier um und zieht mit Hilfe der langen und schmäleren Scheren an seinem vierten Beinpaare die weiße, albuminöse Substanz heraus, die er eifrig verzehrt"(Darwin.) An dieser nahrhaften Speise mästet sich der Birgus derartig an, daß man ans einem großen etwa 40 Zentimeter langen Exemplar zirka t/j bis V2 Liter Oel gewinnen kann. Man kann sich daher denken. daß die Tiere sowohl aus diesem Grunde als auch wegen ihrer Räubereien eifrig verfolgt werden, zumal sie auch sonst eine recht wohlschmeckende Speise bilden. Auch für die Fasern der Kokosnüsse haben die Krebse eine gute Verwendung z sie benutzen sie nämlich zur Auskleidung ihrer selbst- gegrabenen, an Kaninchenbauten erinnernden Erdlöcher, in denen sie hausen. Sehr merkwürdig ist es, daß die Palmendiebe auf Keeling- Island und anderen nur schwach bevölkerten Palmeninseln aus- gesprochene Tagtiere sind und nur des Abends für kurze Zeit das Meer aufsuchen, um ihre Kiemen anzufeuchten, während sie auf stärker besiedelten Inseln infolge der Nachstellungen von feiten der Menschen sich an eine rein nächtliche Lebensweise augepaßt haben. Sehr merkwürdige Gesellen finden wir auch unter der Schar der Kurzschwanzkrebse oder Krabben, namentlich unter den Land- krabben, die infolge ihrer merkwürdigen Bewegungen, ihrem seit- lichen Lauf usw., fast wie Klowns wirken. Gleich dem Birgus wird auch den Landkrabben der Aufenthalt auf dem Trocknen durch eine besondere der Lnstatmung dienende Umgestaltimg ihrer Atmungs- Werkzeuge gestattet. Ja, die Bnpaffung an das Landleben hat in vielen Fällen schon solche Fortschritte gemacht, daß die Tiere im Wasser schon nach kurzer Zeit eingehen,„ertrinken". Eine sehr eigentümliche Krabbenart, die sogenannte Winkerkrabbe. Gelasimus, wurde von H. O. Fordes auf den Koralleninseln der Südsce beobachtet und in ihrer Lebensweise genau studiert. Die Tiere zeichnen sich durch eine extensive Vergrößerung der einen Schere aus. die an Umfang fast den ganzen übrigen Körper erreicht. Beim Laufen über den Sand hält die Krabbe diele Schere schräg nach vorne über dem Kopfe, so daß es wirklich aussieht, als ob sie jemand damit winkte. Die Tiere leben ebenfalls in selbstgegrabenen Erdlöchern, an den zur Flutzeit mit Wafier bedeckten schlammigen Rändern der Lagunen und finden sich hier oft in so gewaltiger Zahl zusammen, daß der ganze Boden wie durchlöchert aussieht. Werden die Krebse erschreckt, so ziehen sie sich. eilig in ihre Schlupfwinkel zurück, verbarrikadieren den Eingang mit ihrer gewaltigen Schere und schauen darüber hinweg mit ihren langen Stielaugen interessiert nach dem Eindringling aus. Die Tiere spielen an den Orten, wo sie vorkommen, als Urbar- macher des Landes eine ähnliche, nur noch wirksamere Rolle wie die Regenwürmer bei uns zu Lande. Dadurch, daß sie den feuchten Sand aus der Tiefe an die Oberfläche schaffen und andererseits ihre Löcher mit oft von weiten Entfernungen herbeigeschleppten Zweigen, Blättern, Schalenstücken von Kokosnüfien, Tangfetzen und anderem Material vollstopfen, gewinnen sie. zu Tausenden vereint, dem Meere im Laufe der Zeit ganz bedeutende Länderstrecken ab und werden so für den Menschen direkt zu Kulturpionieren. Eine nahe Verwandte dieser Krabbe, die sogenannte Boxer» krabbe, bewohnt in ungeheuren nach Millionen zählenden Scharen die Flußdistrikte von Carolina sowie die südlichen Küstenstrecken der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Ihren Namen verdanken die Tiere der eigentümlichen an einen kämpfenden Boxer erinnernden Wwehrstellung, die sie bei einem Angriff oder erschreckt annehmen. Auch diese Tiere tragen zur Urbarmachung des Landes durch ihre eifrige Grobarbeit nicht unwesentlich bei. Nicht unerwähnt darf unter den Landkrabben die gemeine Landkrabbe.(Zeocareinus ruri- cula, bleiben, welche die feuchten Waldungen Westindiens und der vorgelagerten Inseln bewohnt. Zur Zeit der Fortpflanzung kann man ganze Züge dieser Tiere auf dem oft mehrere Tagereisen weiten Wege zur Meeresküste beobachten, wohin sie wandern, um dem Meere ihre Eier anzmiertrauen, denn die Jungen sind anfangs auf das Wasserleben angewiesen. Auch unter den im Meere lebenden Krabben gibt es zahlreiche, die sich durch seltsame Lebensgewohnheiten auszeichnen. So Pflegen sich manche Krabben mittels Tangfetzen, die sie mit Hilfe der Scheren über ihren Rücken halten zu maskieren, um sich auf diese Weise den Blicken ihrer Verfolger zu entziehen oder sich besser an die eigenen Beutetiere heranschleichen zu können. Andere Arten er- reichen den gleichen Zweck, indem sie auf den Rückenstacheln ihres Panzers Algen, Tange oder auch verschiedene niedere Tiere, wie Schwämme oder Hhdroidpolypen befestigen. Diesen letzten Fall finden wir in sehr charakieristischer Weise bei einer Krabbe, I n a ch u S mit Namen, verwirklicht. Das Tier befestigt nämlich auf den Stacheln seine? Rückenschildes Zweige eines kleinen, kolonie- bildenden Hhdroidpolyven, die hier festwachfen und sich durch Knospung so rasch vennebren, daß sie bald die ganze Oberseite des Krebse? wie mit einem dichten Rasen überziehen. Allzu üppig »vuchernde Zweige werden von der Krabbe abgezwickt und versveist, so dost diese künstliche Anpflanzung dem Krebse nicht nur Schutz ge« währt, sondern ihn auch mit Nahrung versorgt. Doch auch für die Hydroidpolypen ist dieses unfreiwillige Bündnis durchaus vorteil- hafter Natur, da die kleinen Polypen durch den von dem Krebse bei seinen Beutezügen aufgewirbelten Schlamm reichlich mit Nahrung?« Material versorgt werden und wohl auch von den Abfällen der Mahlzeiten ihres Wirtstieres profitieren. Wir haben hier also einen echten Fall von Symbiose oder Genosscnschaftslcben vor uns, wovon wir in unserer letzten Ueberncht sprachen. Auch die im Meere lebenden Einsiedlerkrebse gehen vielfach mit den verschiedensten niederen Organismen ähnliche FreundschnstS« bündniste ein. So findet man die von dem Priedeauxschen Einsiedlerkrebs oder von P a g u r u s c a 1 1 i d u s bewohnten Schneckenhäuser fast stets von großen schönen Seerosen, .Adamsia palliata resp. Sagartia parasitica, bewachsen, deren drohende Nesselfäden i-AIronion) dem Krebse olle Feinde vom Leibe halten. Der Vorteil, der den Seeroien aus diesem Bündnisse erwächst, ist wieder der gleiche wie bei den Hydroidpolypen, d. h. die Tiere gewinnen weit bessere Ernährungs- bedingungen als ihre festsitzenden Artgenossen. Die Frcundichast ist denn auch eine so innige geworden, daß der Einsiedler beim Ver- tauschen seiner ursprünglichen Schneckenschale mit einer größeren nicht verfehlt, die Seerose mit Hilse seiner Scheren abzulösen und sie auf seine neue Wohnung zu verpflanzen. Bisweilen findet man auch den bereits genannten Einsiedler, Pagurus callidu8,m Gesellschaft eines KieselhornschwammcS, Ludvritos dornuncula, der die Schneckenschale überzieht. Bei der Verteidigung des Krebses vermag der wehrlose Schwamm natürlich nicht mitzuwirken, aber er verschafft seinem Genossen auf andere Weise Vorteile, indem er ihn vor den Blicken seiner Feinde verbirgt und ihm andererseits die Annäherung an seine Bcuicticre erleichtert. Der Krebs hat auch noch die Annehmlichkeit, daß er trotz Größenzunahme seine Wohnung nicht zu wechseln braucht, denn der Schwamm wächst allmählich über die Mündung der Schneckenschale hinaus und vergrößert so künstlich den Wohnraum feine? Wirtes. Unter Umständen kann allerdings für den Einsiedler da? Wachs- tum seines Genossen redst böse Folgen haben, indem der Schwamm manchmal die Schneckenschale derart überwuchert, daß der Krebs rettungslos in seiner Wohnung eingeschlossen wird und allmählich erstickt oder verhungert. So ließen sich norb zahlreiche interestante Züge aus dem Leben dieser Sonderlinge anführen, die zeigen, wie lohnend eS für jeden Naturfreund ist, sich mit diesen amüsanten Geschöpfen etwa? näher vertraut zu machen. Dazu bietet aber der Sommeraufenihalt an der See die beste Gelegenheit. Dr. T. 37. Tagung cles äeiitlcken Vereins für öffentliche Gelunäheitspflege. Breslau, den 3. September 1912. Die erste Begrüßungsansprache Hielt der Vertreter des Ober- Präsidenten, Oberregierungsrat Scheumcr, dann sprach Ober- ibürgcrmeister Dr. Bender, der sagte,„wenn Sie Heute in unsere Krankenhäuser kominrcn, dann furchte ich, daß Sie sie nid>t auf der Höhe finden werden". Den ersten Vortrag hielt dann Stabs- «uzt Dr. Mayer-München über Masse nerkrankungen durch Nahrungs- und Ge n ußmi t t e l. Ein Vortrag, der nicht nur durch das gute Material, das der Vortragende zusammengetragen hatte, und durch seine Volkswirt- jschastlichc Bedeutung Interesse verdiente, sondern auch— von geringen Entgleisungen abgesehen— durch die Objektivität, mit Iber der Vortragende seine Ausführungen machte, sich angenehm von ähnlichen Vorträgen unterschied. Ganz kurz behandelte der Bortragendc die Erscheinungen der Methylalkoholvergistungcn, im lZufammcnhang damit das Gebiet der Branntwcinsd)ärfcn, ging dann zu den gleichfalls noch in allgenDincr Erinnerung befind- ilichen Margarinevergiftungen durch das Mascttifett über. Hier tbetontc Mayer, daß diese Vergiftung die erste und einzige seit Be- fltehen dieser Industrie, die heute eine Jahresproduktion von einer Million Kilogramm hat, gewesen ist. Er vertrat den Standpunkt. baß bei der heutigen Ucbervölkcrung eine Beschaffung von billigen Fetten eine Notwendigkeit ist, Voraussetzung sei mit die absolute iUnschadlichkeit, die Verdaulichkeit und die richtige Kennzeichnung; selbstverständlich müsse gegen Verfälschungen vorgegangen werden. SkrgtuA. Redafteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Druck m'Verlag? Di« jetzt Keder austretenden Pilzvergiftungen, di« stets auf Verwechselungen beruhen, will der Vortragende durch Maßnahmen, wie sie in München bereit? bestehen, verhüten. Es dürfen nur be- stimmte Sorten auf den Markt gebracht werden, jede Sorte nur in bestimmt geformten jlövben. Zerschnittene Schwämme dürfen nicht verkauft werden. Konservcnvergiftungen konnte der Vor- tragende in Deutschland nur eine einzige feststellen. Nach den Erfahrungen des Vortragenden sind sie fash stets darauf zurückzu« führen, daß die geöffneten Büchsen nicht sofort benützt werden und dadurch der Inhalt zersetzt wird. Prinzipiell spricht sich der Vortragende gegen jede Verwendung von Konservierungsmitteln aus. Besonders eingehend behandelt Mayer das Kapitel Fleisch und Fleischwaren, an Hand von genauesten Angaben stellt er fest, daß seit 1869 1a 000 Erkrankungen durch Trickst»ose in Deutschland festgestellt sind, er zeigte, daß in Norddcutschland, wo die offizielle Fleischbeschau durchgeführt sei, sie fast gar nicht auftrete, dagegen in Bayern, wo nicht überall die Fleischbeschau durchgefiihrt sei, anwachse. Was das Fleisch als solck�cs betrifft, so zeigt der Vortragende, daß in Deutschland alljährlich 12)4 Millionen Kilogramtfi Fleisch der Ver- nichtung anheimfallen. Um diese Riescnmassen nutzbringend noch verwerten zu können, schlägt der Vortragende vor, daß bei Rot- schlachtumgen ein Flcisckistcrilisator Verwendung, finde. Solche Apparate sollen sich in jedem Schlachthof finden, für das flache Land sollen fahrbare Apparate bei verschiedenen Behörden verfüg- bar sein. Besondere Untersuchungen hat Mayer über Wurstwaren angestellt. Er fand dabei noch nicht schädliche Würste, die in einem Gramm Wurst 16 Millionen Keime ent- hielten, dann aber auch solche Würste aus einwandsfreien Be- trieben, die nahezu keimfrei waren. Durch eigene Versuche, die auch von der Praxis bestätigt wurden, hat er festgestellt, daß es ber Verwendung von gutem Material sehr wohl möglich ist, daß die Würste durch so lange Zeit und bei entsprechend Hoher Temperatur gekocht werden, die die gute Beschaffenheit der Wurst bedingt. Er wünscht, daß man ähnlich wie bei Milch und Wasser das Vor- handensein von Keimen nur in bestimmter Höchstzahl als zu- lässig erkläre. Besonders warnt der Vortragende vor dem Genuß von rohem oder ungenügend gekochtem Fleisch, wie schon daraus hervorgehe, daß gerade dort, tvo der Genuß von Hackfleisch usw. üblich sei, die Fleisckwergistumg am häufigsten auf- trete. So stellt das Königreich Sachsen und die Provinz Sachsen das Zentrum der Fleisch- und auch Fleischwarenvcrgiftungen dar. Im Anschluß an den Vortrag stellte der Vortragende eine große Reihe von Leitsätzen auf, die den Entwurf für eine distrikts- polizeiliche Verordnung darstellen. Er wünscht, daß durch ein Merkblatt etwa des kaiserlichen Gesundheitsamtes die Bevölkerung über Masscncrkranbungen durch Nahrungsmittel und deren Ver- bütlmg unterrichtet werte, und daß besonders der deutsche Schul- meister hierauf sein Augenmerk richte. In der anschließenden Debatte wurde namentlich der 22. Lcit- satz, der verlangt, daß ein wegen Nahrungssnittelvergchen Ange- schuldigter den lückenlosen Nachweis seiner Nichtschuld zu erbringen habe, als unannehmbar bezeichnet. Dann sprach Dr. Ed. Vra- chenhoest- Hamburg über Feuerbestattung und ihre Ausführung. Einleitend erinnert er daran, daß der erste, der in Deutschland für die Feuerbestattung eingetreten sei, Jvcoh Grimm war, der als guter Christ dennoch 1849 in der preußischen Akademie der Wissenschaft einen Vortrag hierüber hielt. Der Inhalt des Vor- trag? läßt sich etwa in folgendem zusammenfassen. Eine wichtige Ausgabe der öffentlichen Gesundheitspflege stellt die Toten- bestuttung dar; als eine auch den Anforderungen der Pietät ent- sprechende Bcswttungsart ist' aus hygiienifchcn und Volkswirt- fchaftlichcn Gründen die moderne Feuerbestattung anzuerkennen. Für die Gestattumg und Ausführung der Feuerbestattung fordert der Vortragende:' 1. betr. die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einäscherung im Einzelfalle: die Versichertmg der nächsten Angehörigen, daß die Feuerbestattung den Anschauungen des Verstorbenen nicht wider- spricht und die Feststellung der Todesursache durch einen beamteten Arzt; 2. betr. die Anlagen und Einrichtungen der Krematorien; die Herstellung cinwandsfreier Einäschcrungsapparate, sowie geeig- ncter Räume und Einrichtungen in dem Zweck entsprechender Würde, der inneren und äußeren Ausgestaltung für die Abhaltung von Trauerfeieklichkeiten, die Unterbringung von Leichen und die Beisetzung einer begrenzten Anzahl von Aschenüberresten. Die Aschcnüberreste einer jeden Leiche sind in einem besonderen! Be- bältnis in einer behördlich genehmigten Bcstatwngsanlage beizu» setzen. Warum für diese Art des Bcstattungszjwangcs in behörd- lich genehmigten Anlagen eingetreten werden soll, ist nicht recht klar, warinn soll es Angehörigen verwehrt sein, die Asche in einer anderen, nickt behördlich genehmigten Weise aufzubewahren, wenn diese ihren oder der Verstorbenen Ansichten besser entspricht?� Dr. Bo. ierj-Eo., Berlin LW.