AnteHaltimgsblatt des Honvarts Nr. 176. Mittwoch, den 11. September. 1912 Oia&ituS ßervolea.! 15] pelle der Gröberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. „Kehrst Du Dich daran?" fragte Pelle verwundert. „Nein, aber das Kind. Sie ist unglücklicherweise mit dergleichen nur zu vertraut! Und sie begreift das Verhältnis selbst auch nicht, sie ist erst zehn bis zwölf Jahre alt und bereits gewöhnt, jede Freundlichkeit mit ihrem kranken Kinderkörper zu bezahlen. Begreifst Du. wie entsetzlich es ist, in ihre verwunderten Augen zu sehen? Der Arzt sagt, sie Hat inwendig Schaden genommen, auch trägt sie wahrscheinlich eine Tuberkulose mit sich herum: er glaubt nicht, daß sie sich jemals wieder erholen kann. Und ihre Seele— welch Abgrund für ein Kind, sich damit herumzuschleppen. Ein ein- ziges solches Kinderschicksal ist schon zu viel, und wie viele dergleichen gibt es nicht in der Hölle, in der wir leben!" Sie saßen eine Weile schweigend da.„Und nun mußt Du verzeihen, wenn ich Dich zu gehen bitte," sagte Marten endlich und erhob sich,„aber ich muß jetzt arbeiten, da ist etwas, ivas ich heute abend noch fertig haben muß. Du bist mir nicht böse, wie? Sieh wieder vor, sobald Du kannst, und Hab' Dank, daß Du gekommen bist!" Er drückte Pelles Hand. „Tu mir den Gefallen und mach Deine Augen auf." sagte er, indem er ihn hinausließ, vielleicht könntest Du mir be- hilflich sein, Klarheit in die Geschichte der Aermsten zu dringen. Du kennst ja Unmengen von kleinen Leuten und mußt auf irgendeine Weise in Iohannens Leben eingegriffen haben, ich kann es ihr anmerken. Hast Du nicht bemerkt, wie erpicht sie darauf war. Dich zu sehen? Versuche die Sache ausfindig zu machen, Pelle?" Pelle versprach es. Aber das war leichter gesagt als getan. Wenn er die Gedanken in der ausgedehnten Armen- Welt herumschweifen ließ, mit der er während der ganzen Aussperrung in enge Berührung gekommen war, so waren da Hunderte von Kindern, die Johannens Schicksal erduldet haben konnten. 5. Pelle hatte sein altes Werkzeug hcrvorgesucht und sich als kleiner Meister für die Bewohner der Straße eingerichtet. Er lief nicht mehr herum und suchte, und Ellen wollte es scheinen, als l)abe er die Hoffnung aufgegeben. Aber er tvartete nur und rüstete sich: er war so sanguinisch wie nur je. Die Verheißung von dem Unfaßlichen lag ihm noch immer uneingelöst im Sinn. Da war kein Platz für ihn oben in der engen Wohnung, wo Ellen ihre Wäsche besorgte, so mietete er sich denn einen Raum in dem hohen Keller und bängte ein großes Schild ins Fenster: er zeichnete es selbst mit Schustertinte auf ein Stück Pappe, damit sparte er das Geld.„Kommt mit Eurem Schuhzeug zu mir, dann helfen wir einander auf die Beine" stand da. Wenn Lasse Fredrik nicht auf Arbeit oder in der Schule war. hielt er sich fast innner bei dem Vater auf: er war ein geschickter Junge und konnte bei mancherlei eine Handreichung tun. Während sie arbeiteten, plauderten sie über alles Mögliche. Ter Junge erzählte seinem Vater alle?, was er erlebte. Er war stark im Begriff, sich zu verändern, und redete äußerst vernünftig über alles. Pelle tvar besorgt, daß er nicht genug von seiner Kindheit hatte.„Willst Tu nicht hinauf und mitspielen?" fragte er, wenn die Jungen der Umgegend an dem Kellerfenster vorbeiströmten. Aber Lasse Fredrik schüttelte den Kopf. Im Spiel war er alles gewesen, vom Verbrecher bis zum König, da war nichts mehr zu erreichen. Nun wollte er gern zu etlvas Richtigein kommen und träumte porläusig davon, zur See zu gehen. Obwohl sie alle drei arbeiteten, reichte es nur eben aus, daß sie sich durchschlagen konnten: es blieb nie etwas übrig, um sich das Leben traulich zu gestalten. Ties war namentlich Ellen? Kummer, Polles Gedanken schienen nicht daran zu haften. Wenn man ihm nur ein wenig Eßbares vorsetzte, war er zufrieden und sah nicht darauf, was es war. Es war Ellens Traum, daß sie sich noch einmal— durch wahnsinnige Arbeit früh und spät— in die Höhe arbeiten und in eine andere Gesellschaftsschicht hinauf gelangen konnten. Aber Pelle wurde ärgerlich, wenn sie sich noch nach Feierabend abmühte; sie wollten lieber ein wenig ärmlich sein und es sich dann erlauben können, Menschen zu fein� sagte er. Ellen verstand das nicht, sah aber wohl, daß sein Sinn nach einer anderen Richtung gewendet war: er. der früher immer bei den Büchern einschlief, konnte sich jetzt so darin vertiefen, daß er das Tummeln der Kinder um sich herum nicht hörte. Sie mußte ihn geradezu wecken, wenn sie irgend etwas wollte, und sie ängstigte sich vor dieser neuen Macht, die an Stelle der alten getreten war. Es war fast wie ein Fluch, daß immer etwas darauf hinarbeiten mußte, ihn über sie hinauszuführen. Und sich dagegen aufzulehnen, wagte sie nicht: sie hatte bittere Erfahrungen von früher her. „Was suchst Du in Deinen Büchern?" fragte sie und kam hin und setzte sich zu ihm. Pelle sah geistesabwesend auf. seine Gedanken kamen aus fernen Gegenden, wo sie nicht mit dabei gewesen war. Was er suchte? Er tastete sich vorwärts, konnte sich aber nicht klar darüber werden.„Ich suche mich selbst!" sagte er plötzlich, mit einem kühnen Hieb durch das Ganze hindurch. Ellen staunte ihn verwundert und enttäuscht an. Aber sie kam wieder, diesmal sollte nichts sich zwischen sie stellen dürfen und ihre Welt zerstören. Sie legte sich nicht mehr irgend etwas quer in den Weg, aber nun wollte sie ihm folgen und da sein, wo er war.„Erkläre mir. was Du da vor hast, und nimm mich mit," sagte sie. Pelle hatte sich im Grunde darauf gefaßt gemacht, allein in das hinein zu gehen und war froh überrascht, auch bei ihr den Trieb zur Entwickelung zu finden. Vorläufig glich die Welt des Geistes noch einer Wildnis, und es war höchst an- genehm, dort zu zweien zu wandeln. Er machte sie mit den Gedanken vertraut, die ihn selbst beschäftigten, und erwog sie mit ihr: und Ellen beobachtete staunend, daß dies alles etwas war, das nichts mit ihrem pri- vaten, kleinen Wohlergehen zu schaffen hatte. Sie gab sich viele Mühe, diese Flucht fort von dem, was doch das Wesent- lichste war, zu begreifen: das war ja ganz so wie mit Kin- dern, die immer am liebsten das wollten, lvas sie nicht sollten. Am Abend, wenn Svcnd Trost und Schwester ins Bett gelegt waren, nahm Pclle ein Buch und setzte sich hin, um vorzulesen. Ellen nahm irgendeine Flickarbeit zur Hand, und Lasse Fredrik hing über einer Stuhllehne, die Augen starr auf den Vater geheftet, mit abstehenden Schlappohren. Ob- wohl er nicht die Hälfte verstand, folgte er angespannt, bis die Natur ihr Recht geltend machte und er einschlief. Ellen konnte das so gut verstehen, sie hatte selbst ihre liebe Not. die Augen offen zu halten: es waren keine Unter- Haltungsbücher, die Pelle las. Zuweilen hielt er inne. um etwas aufzuschreiben oder irgendeine Frage zu erörtern. Er konnte die sonderbarsten Einfälle l)aben und einen Zusammen- hang zwischen Dingen sehen, von denen Ellen fand, daß sie jedes in seiner Himmelsgegend lagen: sie mußte im stillen denken, ob er nicht sehr gut als Pastor hätte studieren können. Ucbrigens kleidete es ihn: seine Augen wurden ganz schwarz. wenn er so recht davon in Anspruch genommen war, irgend etwas zu erklären: und seinen Mund umspielte ein eigentüm- sicher Zug, so daß sie. wie sie da saß, Lust bekam, ihn zu küssen. Sie mußte in ihrem stillen Sinn einräumen, daß es auf alle Fälle eine sehr unschädliche Feierabcndbeschäftigung war. und sie freute sich, daß das, was ihn diesmal so ein- nahm, ihn doch wenigstens an das Hans fesselte. Eines Tages wurde es Pelle klar, daß er sie doch nicht bei sich hatte. Sie glaubte nicht einmal an das, was er vorhatte: sie hatte nie blindlings an ihn geglaubt.„Sie l>at mich wohl auch nie richtig geliebt, das ist der Grund," dachte er mißniutig. Vielleicht war da? die Erklärung dafür, daß sie Svend Trost so ruhig hinnahm, als sei er ihr eigenes Kind, sie war nicht eifersüchtig! Pelle hätte sich gern mit Vorwürfen über- schütten lassen, um hinterher einen Kuß. von brennenden Tränen genetzt, zu bekommen. Aber Ellen geriet nicht aus dem Gleichgewicht. So gemütlich sie miteinander lebten, merkte er. daß sie bis zu einem gewissen Grade ihre Rechnung ohne ihn machte. als habe er eine Schwäche, mit der zu rechnen immer geraten war. Tie Erfahrung von alten Zeiten her faß tief in ihr. Ellen hatte so ihre eigenen Pläne mit dem alten Saal und zwei kleinen Anrichtezimmern, die sich daran ichlossen: sie hatte das Waschen satt, es warf einen elenden Verdienst ab, viel Arbeit und geringes Ansehen. Jetzt wollte sie ein Artistenlogis einrichten; da war mehr els«ine in der Straße, die anständig davon lebte, daß sie an Artisten vermietete. „Hätte ich nur ein paar hundert Kronen gehabt, um in Gang zu kommen, dann sollte die Sache schon gehen." sagte sie. „Und dann hättest Du mehr Zeit und Ruhe für Deine Bücher." fügte sie einschmeichelnd hinzu. Pelle riet davon ab. Die guten Artisten kehrten in den Artistenhotels ein. und die Leute, auf die man rechnen konnte, hatten nicht viel zum Bezahlen. Er hatte allerlei Beobach- tungen von seinem Kellerfenster aus gemacht und Schuhe für einige von ihnen geflickt, es war ein ziemlich sohlenloses Volk. Dann schwieg sie davon, oberer konnte merken, daß sie nicht überzeugt war. Sie ließ nur die Sache fallen, weil er dagegen war und e r doch das Geld beschaffen sollte. Dieser Gedanke war ihm peinlich, er war vorsichtig ge- worden, als es sich darum handelte, über andere zu de- stimmen. Das Geld mußte beschafft werden können, wenn nicht auf andere Weise, so doch, indem man Pfand auf Mobiliar und Werkzeug nahm. Ging die Sache schief, so war es der sichere Ruin. Aber Ellen dachte vielleicht, daß er als tote Hand über ihrer Zukunft ruhte. (Fortsetzung folgt.) ZZlachdiLS veri>oien.j 61 Vcinc. Von Franz Held. Eine plötzliche Bewegung lief durch das Publikum. Man stand auf und gesnkulierte hinter einem hohen alten Mann von leicht vornüber gebeugter Haltung, der vorbeiging. Er war isoliert, aber em Schwärm respektvoller Neugieriger folgte ihm in einiger Ent- fernung. Und doch war der Alte keineswegs respektabel gekleidet. Er trug die Hände in die zerschlissenen Taschenlitzen eines langen bräunlichen Mantels eingeirempt, der offenbar nicht für seinen Leib geschneidert war. Alle seine Sachen, selbst bis auf den Schlips, schienen beim Trödler erstanden. Unter dem beulenvollen Hut war das Kinn von harten Falten wie von Eisenreifen umschnürt, der Hinterkopf glatt geschoren, wie bei einem Sträfling. Und wirklich lam der Mann schnurstracks aus dem Zuchthaus. Er war heute erst entlassen worden. „Sie dürfen den Rennplatz nicht betreten!" hatte ihn vor eini- gen Stunden der ihm folgende Schutzmann angeschnauzt, als er auf das Eingangsrad zuschritt. Denn er stand noch für zwei Jahre unter Polizeiaussicht. Ter Alte drückte ihm 20 Frank in die Hand und löste für sie beide Billetts zur Wiese. Er ging dorthin und nicht auf die Tribüne, weil er dort seine Absichten besser zu er- reichen hoffte. „Ihr Arbeitsbuch ist allerdings in Ordnung— das Geld hat seine richtige Herkunft— soll ich Ihnen vielleicht einen Operngucker besorgen?" sagte der Schutzmann. Massereau war kein gewöhnlicher Lump. Im Gegenteil. Ehemals genoß er das höchste soziale Ansehen. Damals war er fGrotzindustrieller, sein Vermögen zählte nach Millionen. Einem Freund, dem er unbeschränktes Vertrauen schenkte, hatte er große Kapitalien in die Hand gegeben für humanitäre Zwecke: Kinder-Asyle, Arbeiterkolonien ä la Owen— und der Freund war mit dem Gelde durchgegangen, nachdem er zuvor Massereau's einzige Tochter verführt hatte. Der Betrogene ließ einen hohen Preis für Ermittelung seines Aufenthalts ausschreiben. Als er ihn wirklich abgefaßt hatte, übergab er ihn nicht den Gerichten. Denn denen gegenüber hätte er schwer etwas beweisen können, da zwischen ihm und dem Betrüger keinerlei schriftliche Uebereinkunft getroffen worden war. Aber er übte Privatjusiiz. In seiner Familie waren schon mehrere Fälle von Wahnsinn vorgekommen und er selbst fühlte sich seit dem Bubenstück hochgradig ausgeregt. Er ließ den Aufgespürten durch einen Dritten, der eine Unterredung mit ihm nachsuchte, chloroformieren, dann prägte er ihm mit einem glühend erhitzten Zwanzigfrankftück, das er an einem Pctschaststiel befestigt hatte, ein Brandmal auf die Stirne. Der also Gekennzeichnete lag monatelang schwer krank, denn die Brandwunde hatte geeitert und die Kopfrose nach sich gezogen. Die Justiz brauchte der geschickte Betrüger nicht zu fürchten— er klagte gegen Massereau wegen Mordversuchs, und dieser wurde zu »fünf Fahren Zuchthaus verurteilt, da die Irrenärzte ihn für gesund erklärten. Im Zuchthaufe hatte er Wolle kratzen messen und sich etwa 600 Frank erarbeitet. Er war übrigens noch immer Millionär. Seine Schwester hatte das meiste von seinen Unternehmungen ge- rettet und weitergeführt. Sein erster Gang war heute zum Telegraphenburcau gewesen. gp perlangte von dieser in Ahon wohnenden Schwester telegraphische Anweisung von 100 OVO Frank auf die Baogue de Franc«, Diy konnten aber erst morgen da sein. „Gehen Sie doch nicht hinter mir her, wie ein Bedienterl'' wandte er sich an seinen treuen Begleiter in der Kapuze.„Meinen Sie, ich schämte mich vor dem Pack, Sie unter den Arm zu greifen?" Für neue 20 Frank ließ sich der Schutzmann diese Zutraulichkeit gefallen. Massereau fetzte 4eft der Bulletins der Anthropolo- gischen Gesellschaft Frankreichs bringt wieder mehrere Aufsätze über diese Frage. Die sonderbaren Zeichen haben ungefähr die Form von Kreuzen mit kleinen kreisförmigen Aufsätzen an den Enden der Arme. Uebcr die vorgeschichtliche Zeit ihrer Entstehung scheint man sich jetzt geeinigt zu haben. Dr. Courth erklärt sie im übrigen für prähistorische Wagen und bringt sie zusammen mit einer primitiven Form des Pfluges, der noch heute in einer Gegend Südfrankreichs gebräuchlich ist. Professor Baudouia versetzt sie in die jüngere Steinzeit und deutet sie einfach als eine etwas abgeänderte Form des Hakenkreuzes oder der Swastika, und diese Erklärung ist ohne Zweifel weit wahrscheinlicher, da das Haken- kreuz in späterer vorgeschichtlicher Zeit eine große Verbreitung als Symbol besessen hat. Außerdem ist noch eine dritte Vermutung geäußert worden, nach der jene rohen Skulpturen als Darstellungen vorgeschichtlicher Hütten betrachtet werden sollen. Merantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdruckereiu.Perlagsanstall Paul SingerziCo., Berlin 8XV.