Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 177. Donnerstag, den 12. SeptemEer. 1912 (NachdruS vervoien.» 16] pelle der Gröberer Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Eines Abends schmiß er das Schurzfell hin und ging aus. Es wurde spät, ehe er nach Hause kam, Ellen stand in der Tür und erwartete ihn mit verwundertem Gesicht. „Sieh, hier ist Geld, mein Kind, was gibst Du mir da- für?" sagte er flott und zahlte einhundertachzig Kronen in Scheinen vor sich auf. Ellen starrte überrascht das Geld an: ein so großes Kapital hatte sie noch nie in Händen gehabt. „Wo hast Du doch nur einmal all das Geld herbe- kommen?" fragte sie endlich. „Ja, ich bin auch den ganzen Tag von dem einen zu dem anderen gerannt," sagte Pelle vergnügt,„aber schließlich wurde ich an einen Mann in der Blaagaardsttaße gewiesen. Der gab niir zweihundert Kronen gegen Pfand auf das Mobiliar." „Aber hier sind doch nur einhundertachtzig Kronen." „Na ja, er zog ja gleich zwanzig ab. Das Darlehen soll mit zwanzig Kronen den Monat in fünfzehn Monaten abge- zahlt werden. Ich mußte unterschreiben, daß ich dreihundert Kronen geliehen habe, aber dann brauchen wir auch keine Zinsen zu bezahlen." Ellen starrte ihn wie vom Blitz getroffen an.„Drei- hundert Kronen, und wir haben nur einhundertundachtzig bekommen, Pelle!" Aber plötzlich schlang sie die Arme um 'einen Hals und küßte ihn heftig. �„Hab' Dank!" flüsterte sie. Sr war ganz verwirrt, es sah ihr gar nicht ähnlich, so gewalt- fam zu sein. Sie machte sich geschäftig daran, den Saal zu mieten und instand setzen zu lassen: die losen Balken mußten doch befestigt und die Wände ausgeflickt und ein wenig getüncht werden. Der alte Bauer wollte gern vermieten, aber von Unkosten wollte er nichts hören: und schließlich bekam Ellen ihn doch dahin, daß er die Hälfte der Instandsetzung bezahlte, wohin- gegen sie auf ein Jahr mieten und im voraus bezahlen mußte.„Wir können meinen Bruder Frederik bitten, daß er es Sonntag vormittags ein wenig zurecht macht." sagte sie zu Pelle,„dann kommen wir selbst am Ende gratis davon." Sie war überhaupt sehr auf ihren Profit aus. Aber das tat auch not, die Miete verschlang die hundert Kronen, und dann waren da alle die Anschaffungen. Sie kaufte billigen Kattun in einer Unmenge von Ellen und bängte ihn auf, so daß eine Reihe kleiner Kojen längs der einen Seite des Saales entstanden, in jede Koje kam ein ge- brauchtes Bett mit einer Heumatratze und ein Waschgeschirr- ständer.„Artisten nehmen es nicht so genau." sagte sie. „Und ich glaube wirklich, daß ihnen der Saal zu ihren Hebungen sehr willkommen sein wird!" Endlich waren da die beiden kleine Anrichtezimmer, die ein wenig hübsch aus- gestattet werden sollten für besonders anspruchsvolle Artisten. Das Geld reichte nicht annähernd, man mußte eine Menge auf Kredit nehmen. Aber dann war auch das Ganze bereit, die freien Vogel aufzunehmen: und ganz flott war es im Verhältnis zu den Mitteln: Pelle mußte ihre Geschicklichkeit bewundern, viel aus wenig zu machen. Jetzt galt es nur. die Vögel einzu- fangen. Aber hier versagte Ellens praktischer Sinn, sie ver- mochte den Pfiff nicht zu ersinnen.„Wir müssen inserieren," sagte sie und zählte ihre Schillinge nach. Pelle lachte sie aus. Inserieren, um Leute cinzufengen, die sich, der Teufel weiß wo, auf Eisenbahnen und Dampfern befanden, das sollte wohl nützen!„Was machen wir denn nur?" sagte sie und sah ihn ängstlich hilfesuchend an. Jetzt tvar er doch der Mann, der für das Ganze einstehen mußte. Ja, zu allererst mußte ein denftches Schild an der Haus- tür angebracht werden, und dann mußte man das Logis lv- kannt machen. Pelle hatte sowohl Deutsch als auch Englisch im Gefängnis gelernt und setzte selbst das Schild zusammen. Er ließ Karten drucken, die er in die Artistenkneipen oben an der Ecke der Westerbrückcnstraße legte, ging auch selbst ein paarmal nach Mitternacht dahin, wvnn sich die Artisten nach beendeter Arbeit versammelten und stellte sich an den Hinter- türen des Varietes auf. Das ward bald zu einer Aufgabe. wie alles, womit er sich beschäfttgte, und nun sollte dies durchgedrückt werden. Ellen sah verwundert und hilflos zu. Sie war auf einmal ganz bange geworden und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit eine jede seiner Bewegun�n. Aber bald begann Leben in die Sache zu kommen. Die Mädchen, für die Ellen gewaschen hatte, interessierten sich für das Unternehmen und schickten ihr Logiergäste zu, und Lasse Fredrik, der in den Zirkusställen verkehrte, kam häufig mit irgendeinem russischen Stallknecht angezogen, der als Bauern- tänzer oder Kosakenreiter auftrat. Es kam vor, daß Leute von der ganz entgegengesetzten Seite des Erdballs bei ihr wohnten, da, wo sie mit dem Kopf nach unten gehen: Fakire und Zauberkünstler aus Indien und Japan, Schlangen- bündiger aus Tetuan, Leute mit blank geschorenen Schädeln oder mit einem langen, schwarzen Zopf, mit schiefen, melan- cholischen Augen, losen Hüsten und einer Haut, die Äehnlich- keit mit dem grünlichen Leder hatten, das Pelle zu Damen- stiefeln verwendete. Schwester war bange vor ihnen/ aber für Lasse Fredrik war dies ein Herrenleben. Es kamen auch dicke Tirolermädel— immer zu dreien— die in den Tingel- tangel jodelten und den ganzen Tag schrecklich aussahen. Die waren Ellens Verzweiflung. Und hin und wieder kamen ganze Trupps. Dann knarrten Trapeze und Ringe in dem großen Saal, spanische Tänzer trainierten, und der Jongleur übte neu Tricks ein. Es waren das alles Leute, die man am liebsten nicht außerhalb der Bühne sehen durfte. Ellen kam jetzt oft in den Zirkus und in die Varietäs, konnte aber nie so recht begreifen, daß die Auftretenden dieselben waren, die daheim in Schmutz und Unordnung herumgingen und ärger aussahen als das Unglück. Die meisten machten keine Ansprüche, sondern wollten nur alles billig haben, sie beköstigten sich selbst und lebten zuweilen Gott weiß wovon. Einige zündeten ganz einfach ein Feuer auf einer eisernen Platte auf dem Fuß- boden an und manschten sich etwas zusammen. Reis oder dergleichen. Sie könnten kein dänisches Essen vertragen, sagte Pelle. Zuweilen machten sie sich aus dem Staube, ohne zu be- zahlen, es geschah auch wohl, daß sie etwas mitnahmen, und ruinieren taten sie fürchterlich. Seide war nicht dabei zu spinnen, aber Ellen war vorläufig zufrieden, wenn die Sache nur ging, so daß sie die Miete herausschlug und die Ab- Zahlungen und ein wenig für ihre Mühe. Es war ihr stolzer Plan, die schlechten Elemente auszuschalten und das Ganze ein wenig vornehmer anzulegen, sobald nur die Sache gut in Schwung gekomnien war. „Nun könntest Du recht gut die schlimmste Arbeit ab- weisen und Dich ein wenig sckwnen," sagte sie zu Pelle, wenn er dasaß und sich mit abgetragenem Fabriflchuhzeug ab- mühte, an dem weder Sohlen noch Oberleder war. DaS meiste Schuhzeug hatte anderswo Dienste geleistet, ehe es hier strandete, und wenn Pelle es in Behandlung bekam, war nicht mehr viel davon übrig.„Sag doch nein dazu." meinte Ellen, „das ist ein viel zu saurer Verdienst für Dich! Und nun können wir uns ja durchschlagen, ohne alles mitzunehmen!" In ihrer Herzensgüte fand sie, daß er Zeit haben müsse, sich seinen Büchern zu widmen, da das ja nun einmal seine schwache Seite war. Sie meinte es gut genug mit ihm, aber Pelle wollte nichts davon wissen, ein ästhetischer Tagedieb zu sein, ein Mann, der sich von seiner Frau ernähren ließ und den Gelehrten spielte. Von der Art gab es hier in der Gegend genug, und die Bewohner des Viertels sahen zu ihnen auf, aber sie waren nicht amüsant. Es waren im Grunde eine andere Sorte von Trunkenbolden. Für ihn waren die Bücher eine neue Kraft, schwer heraus- gewachsen aus dem Aufenthalt im Gefängnis. Er hatte einsam da drinnen mit seiner Arbeit gesessen, darauf an- gewiesen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und hatte seine Person gründlich erforscht. Es war ja geradezu, als bekomme er Gesellschaft, wenn er das Neue und Frenide in sich an den Tag hcrvorgrub: und eines Tages stieß er auf den Neoel seines eigenen Wesens und entdeckte, daß der aus Erfahrungen bestand, die andere vor ihm gemacht hatten. Die Bibel, die immer auf dem Tisch des Gefangenen zur Gesellschaft lag, half ihm; ihre Rede klang wie eine tiefe, bekannte Stiinme, die in vielem an Vater Lasses Stimme in seiner Kindheit er- innerte. Von der Bibel ging er werter und entdeckte, daß die ernsten Bücher Menschen waren, die in der Einsamkeit saßen, so wie er selbst, und nach außen hinaus redeten. War denn die Einsainkeit so entsetzlich, wenn man solche Gesellschaft hatte? Pelle begriff seine eigene Angst davor nicht mehr. In seiner Kindheit war er Geschöpf im weitesten Sinne gewesen und hatte an allein Gesellschaft gehabt', er konnte sich mit Bäumen, Tieren und steinen unterhalten. Die Fäden welkten einmal ab und führten keine Nahrung mehr zu; aber dann wurde er eins mit den Massen und fühlte und dachte genau so wie sie. Jetzt war auch das im Begriff zu zerbröckeln; es wurde deutlich Glied für Glied isoliert, und es ergötzte ihn, einen Plan darin zu entdecken. Er hatte sich die Natur schon als Kind Untertan gemacht und dann die Massen erobert! Jetzt sollte an die Einsamkeit die Reihe kommen, und mitten darin bewegte er sich selbst, groß und wunderlich: sie war bereits mitten im Begriff, un- auslöschliche Spuren in seinem Gemüt zu hinterlassen, obwohl er noch nichts von ihr gesehen hatte. Ihm war so sonderbar gespannt zumute, ungefähr so wie danials, als er in seiner Kindzeit zusammen mit seinem Vater auf Bornholm an- langte und nichts sehen konnte, aber ein Gewimmel von Leben sich da drinnen hinter dem Nebel regen hörte. Eine neue, unbekannte Welt voller Wunder pochte ihm von da drinnen ahnend entgegen. Pelle handelte nicht von irgendeinem Willensakt heraus; er hätte ebenso gut versuchen können, sich selbst an den Haaren in die Höhe zu heben, als zu beschließen, daß er jetzt ein Mensch für sich selber sein wollte. Dies war eiu�Erwacheu von neuen Fähigkeiten! Er ließ sich nicht mehr Sonne und Regen über den Kopf hingehen; es geschah das Wunderbare mit ihm, daß er alles staunend betrachtete, was bisher als alltäglich an ihm vorübergeglitten war, und alles in neuem, strahlendem Licht erblickte. Er mußte alles von vorn an er- forschen, jede Einzelheit betrachten: nein, war es nicht wunderbar, wie sich alles miteinander verband. Kummer und Freude und scheinbare Kleinigkeiten, bis er es selber wurde, Pelle, der über Hunderttausende geherrscht hatte und doch ins Gefängnis mußte, um sich reich zu fühlen. Es war etwas in ihm entzündet, was nie erlöschen konnte, ein heiliges Feuer, zu dem alles Brennholz hertragen mußte, es mochte wollen oder nicht. Jetzt konnte er nicht besiegt werden, er zog Kräfte aus der Unendlichkeit selbst. Die kahle Zelle— drei Schritt nach der einen Seite und sechs nach der anderen— mit ihrer Luftklappe, ihrem süß- lichen Abortgestank und dem mystischen Guckloch in der Tür, das war wie ein Auge, das beständig über einem machte ja, wieviel hatte sie nicht in sich eingeschlossen! Es war ja zu allen Zeiten das Los des armen Mannes gewesen, sich aus der Leere Welten zu schaffen, schöne Fata Morgana, die Plötz- lich zersprangen und ihn noch ärmer und öder zurückwarfen. Aber dies hielt; in der kahlen Kammer der Zelle schienen sich alle Lebensleitungen zu vereinen, sie war wie der dunkle, unterirdische � Raum in mächtigen Gebäuden, wo der Mechanismus aufbewahrt wird, der das Licht und die Wärnre in den ganzen Komplex ein- und ausläßt. Da drinnen ent- deckte er, wie reich und mannigfaltig das Leben ist. (Fortsetzung fotgt.) (N.ichdrucl vervolcal 71 Veme. Don Franz Held. Das brachte den verliebten Lorcl mit einem Schlag zur Realität zrmid. Er sprang aus seiner Ecke auf, klopfte wütend mit der flachen Hand den Schenkel und schwenkte seinen alten, schon erweichten Strohhut, als ob er ins Wasser gefallen wäre. Dann brach er in ein gelles Gelackter aus und begann ebenfalls mit zitternden Fingern auf dem schmutzigen Fußboden hcrurnzutasten. „Sicher waren's Schwindler!" sagte sich Lorel, da nun die trivialen Perronfiguren. Bahndienstmänner mit Karren, Er- frischungsverläufer, ihn gänzlich vom Bann Fegines befreit hatten. Aber was jetzt tun? Sie waren ja schon längst verschwunden. Wäre er eher ausgestiegen, so bätte er draußci�aus der Treppe Fräulein Feginc den Arm des psifs igen Braunen nehmen sehen kkonnem Die ganze Gesellschaft drückte sich in eine Droschke.„War das ein Gimpel!" lachte einer der Banerniänger. „Sein letztes— er hat mir leid getan!" wandte sich Fögine zu LorelS Gunsten ein. ]„Ja, ich hab's wohl gesehen— ein netter Junge, nicht wahr?" knurrte der Bräunliche.„Ein bißchen ums Maul geh'n. ein- schmieren sollst, Du sie; aber wenn Tui noch mal Dich unterstehst, einen so abzulecken, schlag ich Dir alle Knochen entzwei, daß laß' Dir von mir gesagt sein, Dn verdammte Hure!" Fegiue starrte ohne Antwort vor sich hin. Aber um ihre Lippen zuckte ein Entschluß. Lorel hatte gar, nichts mehr außer einem Soustück, und das genügte nicht für die Pferdebahn. Er mußte also zu Fuß nach dem Rendez-vouökPlatz..Den langen Wieg' legte er im Sturmschritt zurück, gepeitscht von Gedanken. Der prickelnde Regen hörte erst auf. als er fast da war. Ganz durchnäßt kam er an. Es war die Zeit des allgemeinen Geschäftsschlusses. Die langen, schmalen Straßen� die bei dev Porte St. Martin auslausen, wimmelten von einem schwarzen Heerzug heimkehrender Angestell- ten. Alle diese Leute, gingen zu dreien oder vieren oder in noch größeren Trupps, wie sie grad aus den Bureaus kamen. Viele griffen sich unter den Arm, aber es schien, ein unsichtbarer Zu- sammenhang auch zwischen den einander Unbekannten zn bestehen. Es war eine einzige kompakte Flut, die, nachdem sie tagsüber be- fruchtend ausgetreten, am Abend wieder in ihr Beft zurückströmte. Lorel kam sich unter all diesen in sichern Geleisen rollenden Menschen wie ein Ausgestoßener vor, wie ein fauliger Tümpel im Sand, weitab von Ebbe und Flut! Keine Stellung! Kein Sou im Portemonnaie! Keine Hoffnung! Da spazierte ein aller Bekannter aus der Schmicdewcrkstatt pfeifend auf ihn zu. Lorel sah kranipfhast seitwärts, um ihn nicht grüßen zu müssen. Was sollte er antworten, wenn der andere ihn nach seiner jetzigen Kondition befragen würde? An seinem Bestimniungsorb angelangt, mußie er noch warten. Endlich kam Fegine. Sie ging ihm schnell entgegen, als er in ihrer Gesichtsweite war. Sie trug einen langen,, mattschwarzen Seiden- mantel, legte ihren Arm unter den seinen, die Muskeln seines Oberarms fiihlten das nachgiebige-Fleisch des ihren zittern. „Es ist zu frisch heut' abend, deshalb ffihl' ich mich nicht recht behaglich," antwortete sie aus seine Fragen, ob sie unwohl sei. Ter wahre Grund war ihre große Ausregung, ob Paul, der Gauner aus dem Kupee, ihr nicht gefolgt wäre. Beide führten einen, gc- meinschafttichen Haushalt. Sie war heimlich fortgegangen, als er sich einen Augenblick entfernt halte. Wie leicht konnte er ihre Spur gefunden habe»! Sie war übrigens wirklich Kassiererin im. Bon Marche und erst seit etwa einem Monat durch eine Wallung ihres lcidenfchast- lichen Blutes in das Garn dieses bestechenden, aber ordinären Hock»- staplers geraten, der nur von ihrem Gehalt leben wollte. Kein Mensch in ihrem Geschäft ahnte das geringste von diesem Verbält- nis. das sie bei seiner Entdeckung über kurz oder lang ihre Stellung kosten mußte. Diese Aussicht hatte ihr jeden Halt geraubt. Da chr bescheidewcS Auskommen für Pauls luxuriöse Lebensführung bei weitem nicht ausreichte, so begann er in den letztew Tagew trotz ihres empörten Protests sie für seine Bauernfängereien zu mißbrauchen. Er richtete sie ab, naive Tölpel in das Kupee zw locken, wo er Kümmelblättchen arrangierte. In der Ueberzeugung von der UnHaltbarkeit ihrer bisherigen ehrlichen Existenz und im dringenden. Verlangen nach Geld, viel Geld, hafte sie sich endlich darein ergeben. Um von der vielbelebten Straße wegzukommen, zog sie ihren Begleiter in das nächste Bouillon. Vorher hatte sie ihm im Halb- dunkel der Arkaden des Louvre-MagazinS die entliehene Summe in die Hand gedrückt. Sie machten großes Auffehen, als sie sich zwischen den nah beieinander stehenden, glänzend gedeckten, Ti scheren des überfüllten Restaurants durchdrängtenc Denn zu der echt Pariser Eleganz der Dame bildete der schäbige Anzug ihres Begleiters einen seltsamen Kontrast. Er war nicht gewohnt, in einem so guten, Restaurant zu speisen und konnte sich gar nicht darin ftnden. Sie nahm ihm aber auch diese Mühe vollständig ab, winkte selbst die schwarz- gekleidete Bonne heran. Sie bestellte Kapaun mit Reis und Kaute- Sauterne, dazu einen guten Burgunder. Wie köstlich ihm der würzige Wein mundete! Er bestaunte wie ein Traumbild das volle Gesicht seines Gegenübers im fahlen Reflex dev jägergrünen Vor- hangfatten. zu halber Höhe des Fensters. Der dickbäuchige Majolika- Topf mit den Blattgewächsen spiegelte sich zehnfach in den wand- hohen-Glasitäckcn, die allenthalben glänzten,. Aufgehäufte Austern aus Silbersckaleni wurden vorbeigetragcn, in Strohkörbchen lagen schief geneigte Flaschcnhätse! Die Ornamcnt-Girlanden, welche die großen Ouadcrungcn.der Decke umrahmten, glänzten, settigknuspcrig im gedämpften, elektrischen Licht, wie die Kruste der gebackcnen See-- zungen. So hatte ihm da? Essen, noch nie geschmeckt! Als sie zum Dessert frische grünsclwlige Mandeln aßen(im Frühling!), überkam ihn die schrecklich« Idee, was das wohl kosten würde. Aber beim Verlasien des Lokals ging sie selbst zur der Durcaudame, um zu zahlen, so sehr er auch Einsprache erhob. Auf der Straße ruhte er aber nicht eher, bis sie das Geld zurückgenommen hatte. Er freute sich, daß das Souper verhältnismäßig sehr billig war.. „Es ist zu spät für ein Caff-Konzert— ich möchte schlafen—" sagte sie, indem sie ihn mit einem lapgen, unbeweglichen Blick umgab. Und da er nicht gleich aus ihre Andeutunz einzugehen wagte, fuhr sie fort: „Zu mir können, wir nicht— meine Hauslcute würden, mich im Geschäft verklalschew." Der naive Lorel nahm diese Ausrede für bare Münze. Aber er schämte sich seiner dürftigen Wohnung. „ES ist bei mir so einfach und eng— ich weist kaum—" „Man findet schon Platz— wenn wir nur recht zusammen rücken—" flüsterte sie,»und Sie sind ja so schlank, brauchen wenig Raum." Sie liest die Augen begehrlich an der biegsamen, aber doch 'kräftigen Gestalt des jungen Mannes auf und nieder gleiten. Und in der Tat fanden sich beide zurecht in seinem Dach- kämmerchen. Nur aus den schweren, düsteren Falten des Seiden- mantels, der an dem Nagel der getünchten Wand hing, sprach ein Ausdruck offenbarer Indignation. „Wir können Feuer machen, ohne auszustehen; der Kamin ist ja mit der Hand zu erreichen!" sagte Fegine am anderen Morgen mit dem breiten, glückgeträukten Lächeln des jungen Weibes, das keinen Wunsch mehr hat, dessen Pulse nach der Hochflut ebbend klopfen. Das Feuer ilackcrte. Während er die kleine Blechmaschine für den Kaffee zurüsiete, zog sie den rot und gelb gestreiften Unterrock an. Dann begann sie eine Inspektion seiner Liegenschaften. „Seht diesen Schlaukops! die Photographie seiner Liebsten hat er jedenfalls in die Kommode versteckt— aber— hier! das sind sicher Liebesbriefe!" Jubelnd zog sie aus einer Pappschachtel einen Hausen gefüllter Kuverts. Aber es waren lauter Männcrhandschriftcn, Briefe von Stellenvermittlern, die dem jungen Manne sein letztes Geld für leere Hoffnungen abgenommen hatten. Auch ein, kleines Notizbuch lag dabei, in das er ganz genau bis auf den Sou seine sehr be- scheidenen Ausgaben einzutragen pflegte. „Welch ordentlicher Mensch!" rief sie erstaunt.(„Ein wenig Pedant" dachte sie.)„Und dabei Spieler?! Wie reimt sich das?" Er sah bisher wortlos in die zuckende Spiritusflommo— und dann wieder auf das blühende Weib, den Sberkörper im anschmicg- samen Hemd, dessen Zerknitterung ihm die stürmischen Freuden dieser Liebesnacht zurückrief. Wie ein Heister Nebel aus einer Badewanne umdampste ihn die schwüle Atmosphäre ihrer kräftigen Schönheit. Sein Blut trieb so leicht durch die Adern. Ein ihm un- bekanntes Wohlgefühl machte ihn überschäumend fröhlich, zuver- sichtlich bereit, allen Schindereien des Lebens lachend zu trotzen, alle Schätze des Lebens zu ergreifen, um dies herrliche Weib für imme'' bei sich behalten zu können! Ihre Frage warf ihn aus seinem Rausch in die trübe Tatsäch- kichkcit zurück, dah er nicht einmal imstande sei, für sich selbst, viel weniger für Zweie zu sorgen. Er deutete aus seine zerschmetterte Hand und warf sich mit einem tiefen Seufzer in einen Fautcuil. „Das ist gar kein Grund zum- Verzweiscln, mein Lieber!" tröstete sie ihn.„Im Gcpcmeil, Dir konnte gar nichts Heilsameres passieren, als dieser Unfall." „Wie?" „Weil Du sonst Dein Lebtag lang fortgchämmcrt hättest comme une böte. Und ich will, Dir was im Vertrauen sagen: „W er es zu was bringen will heute, der darr seine Hände nicht rühren. Der must wissen, der andere� Leute Hände für sich in Bewegung zu setzen. TaS ist das Ge- hcimnis." Er schüttelte unwillig den Kopf— horchte aber doch auf ihre Lehren. Sie hatte diese Weltanschauung leicht erwerben können mit ihrem offencst Sinn, wenn sie das Treiben in dem Riesen- gcschäft beobachtete, dem sie angehörte. Die Komanis hungerten. „Aber bekommen müssen wir's, Georg! Ganz gleich wie! Denn wir wollen nicht ewig auf dor fünften Etage hocken bleibm Wir wollen in unserm vierspännigen Kupce zun« Bois hinausfahren, hörst Du! Die Leute sollen hinter uns her sich zunicken und sagen: „Das ist die schöne Besitzerin des gewsten Magazins auf dem Boule- vanl des Itaiiens." Gelt, ich nenne mich selbst schön. Du? Aber wart' nur, Du kommst auch dran.„Und ihr Mann, der Munizipal- rat! er hat 600 Angestellte— 100 000 Frank täglichen Umsatz!" Sie war aufgesprungen unter der Triebkraft ihrer Phantasie. Das feine Hemd liest die ungeduldige. Wallung ihrer prächtigen Brüste deutlich erkennen, zwei pralle Renner, die losstürmen wollen. Sie stand da wie eine Verkörperung deö Anspruchs aus Reichtum, auf Geltung, auf Herrschaft, den die vereinte Kraft und Schönheit nach Naturrccht erheben darf. Und auch nach sozialer Logik. Fegine bat ihren neuen Geliebten, bei ihm wohnen bleiben zu dürfen— sie könne sich nicht von ihm trennen! Sie würde aber heut noch beginnen, eine bessere Wohnung zu suchen— sein Eulew- käfig sei abscheulich! Er willigte ein, berauscht von dem Gedanken an die künftigen Nächte. „Geld? Ich habe ftir's erste genuß!" entgegnete sie seinem einzigen Einwurf.„Und inzwischen gewinnen wir auf dem Renn- platz!" Sie holte von ihrem Zimmer die nötigsten Effekten für die paar Tage bis zum Umzug, nach dessen Bcwerksicllignng sie ihre Koffer hinübertransportiercn würde. Sie brachte das nur fertig durch Konnivenz der mit ihr verbündeten Conciergc ihrer bisherigen Wohnung. Diese hielt Paul gegenüber reinen Mund. Auch wustie sie regelmäßig, zu welchem Rennplatz er gefahren sei. Er gab ihr das nämlich an beim Fortgehen� damit sie Leute, die etwa nach ihm fragten, dahin addressiere. zForljexung iclgt.], Hus der popurar-wiffenrcbaftlicben Literatur. Von den vierhundert Vogelarten, die sich in den Grenzen Deutsch- lands ständig oder zeitweise herumzutummeln pflegen, gibt es auch in der Umgebung von Berlin eine ganz beträchtliche, vom Laien stets unterschätzte Anzahl. Aber es ist noch schwieriger, ihre Be- kanntschait zu machen, als die der Schmetterlinge, denn die wenigsten Vögel! besitzen die edle Dreistigkeit, die z. B. Spatz und Amsel aus- zeichnen. A.Voigt hat in einem guten„Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen" schon vor einigen Jahren gezeigt, wie man die Vögel an ihren Stimmen erkennen kann. Um sein Buch mit Nutzen verwenden zu können, muß man ein leidlich gutes musikalisches Gehör haben. Diese Eigenschaft ist aber leider nicht ganz so verbreitet' wie die Klaviere. K. Flöricke hat daher versucht. uns die Vögel mehr an ihren Federn, als au ihren Stimmen kenntlich zu machen, und fein„Taschenbuch zum B o g e l b e st i»i m e n"(Franckhsche Berlagsbuchhandlimg, Stuttgart; gebunden 3,80) verdient alles Lob. Er setzt keinerlei Fachausdrücke voraus, läßt selbst das Wissenschaft- liche System beiseite, um jede„Gelehrsamkeit" zu vermeiden und zeigt mit Hilfe einer einfachen und klaren Sprache, einer Menge von Abbildungen und einer Reibe von Tabellen, wie man einen Vogel, den man rot oder lebendig vor sich hat. sicher bestiinmen kann. Er hilft aber auch, die Tiere in ihrem fteien Element je nach den Jahreszeiten zu beobachten. und in der freien Natur so gut als möglich auf freundschaftlichen Fust mit ihnen zu kommen. Nur ein sehr erfahrener Kenner der deutschen Vogelweit konnte ein solches Buch schreiben, dessen Preis übrigens mäßig genannt werden muß. Eine ungleich schwierigere Aufgabe ist die Behandlung jener anderen und grundverschiedenen Segler der Lüfte, der Sebmetter- linge. Ihre Zahl ist in Deutichland um das vielfache größer als die der Vögel; von den farbigen Gauklern bis zu den unscheinbaren Motten herab keimt man in Mitteleuropa an 4000 Arten. Es gibt eine Menge Schmetterlingsbücher, und das von Dr. F. Marshall „Unsere Schmetterlinge"(Hermann HillgerS Verlag, Berlin; zwei Bündchen z» je SO Pf.) ist nur eins in einer langen Reibe. Allein die geschickte Auswahl aus der Masse, die von „ivissenschaftlicher" Trockenheit freie Sprache, die trotz des billigen Preises ziemlich zahlreichen Abbildungen und der billige Preis selbst gestalten sehr wohl die Empfehlung dieser Hefte gerade für Schmetterliiigsfreuude mit wenig Mitteln.. „Für Freiiiide des Wasser-?, für Liebhaber von Aquarien ist mein Büchlein geschrieben," sagt G. U l m e r im Vorwort seines Band- chens über„ Unsere W a s s e r i n s e k t e u"(Verlag Quelle u. Meyer, Leipzig; Preis gebundeli 1,80 M.) Das Volk der Wasser- käfer, Libellen- und Mückenlarven, der Wasserinotten mit ihren wunderlichen Köcherlarveu und sonstiger Wasscriiisekteu unserer Teiche, Bäche und Seen wird hier in recht lebendiger, durch viele Ab- bilduugen unterstützter Weise nach Gestalt und Lebensweise ab- gebaiidclr, so daß das Buch für Inhaber von Jttsekten-Aquarien oder solchen, die es werden wollen, sehr brauchbar ist. Diese Hilfs- mittel erobern sich in den Großstädten, die nicht gleich einen Teich vor den Toren habe», immer mehr Boden. Der Großstadt und seine» noch nicht ganz natiiremfremdeten Bewohnern ist auch die„Naturgeschichte für. die Großstadl" von W.Pfalz(Verlag B. G. Teubner, Leipzig; zwei Bände, gebunden je 3 M.) gewidmet. Der Verfasser hebt aus dem zoologischen und botanischen Gebiet einzelne Gebiete heraus. die d-m Blumengarten und Gemüsegarten, dem Teich, Aquarium und Terrnrium uiw. entnommen und dem Großstädter leicht erreichbar sind. Indem er ihn zuletzt auch in das PalmenhanS der botanischen Gärten fiihrt, kann er ihn hier mit der Lebensgeschichte von Pflanzen bekannt machen, die er sonst kaum aus Abbildungen kennt. Die Grundidee des BucheS ist gut; die Bcaibcilung im einzelnen»och ungleichartig, denn manchen anschaulich geschriebeneu Käviteln stehen andere mehr skizzenhaft gehaltene gegenüber. In erster Linie dürste das Buch den Lehrern m den großstädtischen Schulen ein guter Leiter beim naturwissenschaftlichen Unterricht sein. Mit dem Habenden Herbst»nd seinen Regenfällen treiben die Pilze ans dem Boden. Die eßbaren unter ihnen haben im Volke viele Freunde, denn wenn es mit dem hohe» Nährwert, den man ihnen früher zuschrieb, leider auch nichts ist, so helfen sie doch, dem kargen Speisezettel etwa« Abwechselmig zu bereiten. DaS Büchlein „Unsere Pilze" von Dr. A. Heilbar n(Hermann Hillgers Verlag, Berlin; Preis 50 Pf.) ist lehr anerkennenswert, weil eS den Stoff in beschränklem Umfange besser meistert, als io manches weit dickleibigere Werk, io weil es auf die llntericheiduiig der wichtigsten Arten ankommt. Durch die Gegenüberstellung der Beschreibung ähnlicher eßbarer und giftiger Arien wird der Sammler aus die wichtigsten Kennzeichen besonders gtit hingewiesen. Der gefährlichste aller Pilze, der dein Champignon ähnliche Knollenblättcrschlvamm, ist nach einer Photographie wiedergegeben und auch die übrigen Bilder sind gut. Aber dennoch: wer„in die Pilze geht," um sich Eßbares für seinen Tisch zu bolen, sollte sich nie auf irgend ein Buch allein verlassen. Für die erste Zeit niuß er unbedingt einen ptlzknndigen Begleiter haben. Das Viichlem von U. Damm ar, U n s e r e B l u m en u n d Pflanzen lm Garten(Verlag B. G. Teubner, Leipzig; Preis qeB. 1,25), ist besonders für blumcnfreudige Gartenbesitzer und Laubenkoloniiten geeignet. Es zeigt u, a. auch, wie man ein Berken für Sumpf- und Wasserpflanzen einrichtet.—»Die Lebens» geheim nisse der Pflanze'»on P.of. Dr. A. Wagner (Theod. Thomas Verlag. Leipzig, Preis 2 M.) ist eine illustrierte „Einführung in die Lebensgesetze der höheren Pflanzen', demnach in das sonst„Pflanzenphysiologie' genannle Gebiet, das einer guten povnlären Behandlung nicht leicht zugänglich ist. Das Buch ist sehr lesbar geschrieben. Man mutz sich aber damit abfinden, datz der Berfafler bei jeder Gelegenheit das Wunderbare betont, die Un- Möglichkeit, allein nach cheniischen und phyfilalischen Prinzipien die Pflanze und ihr Leben.mechanisch' erklären zu können und ,hr überall.Empfindung' zuzuschreiben. Durch die ständige Betonung des Wunderbaren komnien wir der Löiung der Rätsel sicherlich keinen Schritt näher. Und die Verwendung des Begriffes„Empfindung'(statt Reizempfänglichkeit und Reaktionsfähigkeit) bei den Pflanzen kann im Leser die Vor» stellung erwecken, als solle den Pflanzen be mutzte Empfindung zugescdrieben tverden, um so mehr, als unbewutze Empfindung ein Ronsens ist. Auch der Schatten eines Beweises fehlt für die Annahme, datz es bei Pflanzen so etwas wie ein Bewntzisetn gebe. ES erfordert ein eigenes, zeniralifiertes Organ, das Gehirn, wofür eS bei den durchaus dezentralifierten Pflanzen durchaus lein Parallel- organ gibt. Datz ein Organismus aber auch ohne Bewntztsein zweckmätzig reagieren kann, zeigt schon der geköpfte Frosch, der, galvanisch gereizt, fich der Reizung mit den Beinen zu entledigen sucht, ohne Kopf und ohne Bewutztsein. Die.BolkSflora' von Dr. C. Börner will eine Flora für das deutsch« Volk sein(R. VoigtländerS Verlag, Leipzig; Preis gebunden S,80 M.). Sie enthält alle in Deutschland wild und sehr viele angepflanzt und kultiviert vor- kommende» Gewächse. Infolgedessen sind die 850 Seiten eng bedruckt und ein Pflanzenname folgt auf den andern. Jedem latei» nischen Kamen ist aber ein deutscher vorangestellt. Sieht man näher zu. so mutz man zugeben, datz das Buch die Bezeichnung„Volks» flora' verdient. Eigentlich versteht man darunter Bücher, die nur eine Auswahl der häufigsten Pflanzen behandeln. Aber warum tollen Pflanzenfreunde, die kein Latein gelernt haben, nicht auch den Wunsch hegen, jede ihnen vorkommende Pflanze bestimmen zu können? Und für diese Botaniker aus dem Volke ist Börners „Volksflora' allerdings eine erfreuliche Neuheit. Um seinen Zweck zu erreichen, hat Börner nicht nur alle lateinischen Kunstausdrücke weggelassen oder verdeutscht. sondern auch ein eigenes, ganz„unwifienschastlicheS' System geschaffen. Er teilt die Pflanzen zugunsten des nicht akademisch vorgebildeten Botanikers »och ganz leicht unterscheidbaren Merkmalen ein, zum Beispiel in distelartige Pflanzen, Wafferpflanzen, Krautgewächse, Sträucker, Bäume usw. und erhält so Gruppen, die wiederum nach möglichst leicht feststellbaren Merkmalen weiter zerlegt werden, bis schlietzlich die Art festgestellt wird. Weit über 800 Abbildungen bieten eine gute Ergänzung des Buches, dessen Anschaffung zunächst für die Bibliothek von Arbeiterbildungsvereinen empfohlen werden kann. Schlietzlich sei eines Sammelwerkes gedacht„Die Pflanzen und der Mensch', das eine Reihe von Fachbotanikern(Franckhsche Verlagshandluitg, Stuttgart; Preis jeder Lieferung, von denen 20 erscheinen sollen, 1 M.) herausgeben. Was dem Menschen in bezug auf Garten, Obstbau, Feld- und Waldwirtschaft uiw. aus oem Pflanzenreich von Wert und Jnlereffe ist, wird hier aus» iührlich geschildert und illustriert, in jener aus modernen Pracht- werken schon bekannten Art. die unwillkürlich die Abbildungen als die Hauptsache und den Text als Betwerk empfinden lasten. Man oarf aber bei diesem Werke autzer den zahlreichen Abbildungen auch den Text loben. Er ist. so weit die erste» Lieferungen zeigen. nicht blotz wistenfchastlich zuverlässig, sondern auch leicht lesbar. Im ganzen ein Buch für die„gute Stube', dem man an langen Abenden manches zugleich Nnterhaltliche und Belehrende euUiehmen kann. Li. Li. Kleines f einlleton. PbhfikalischeS. Die Entstehung des Irrlichts. Die ziemlich seltene Erscheinung eines Irrlichts, das in der Regel sich als eine bläulich« Flamme zeigt, die unruhig über den Sumpf, in dem sie entstanden ist, hin und her und auf und ab hüpft, hat schon seit jeher in hohem Grade die Aufmerkiamkeit der Menschen erregt, und zu den merk- würdigsten Deutungen Bdranlassung gegeben. Vielfach ist dos Irr- licht als eine Erscheinung der Lmtelektrizität aufgefatzt worden; man nahm an, es sei Sumpfgas, obgleich man sich nicht erklären konnte, wie dieses Gas zur Entzündung gelangt war, daS autzer dem aber auch nicht mit blauer, sonderii mit Meitzer Farbe brennt. Neuerdings hat nun ein belgischer Chemiker umfastende Versuche angestellt welche über die Natur des Irrlichts Aufichlutz bringen. Der Forscher stellte in einem Garlniteich unter Wasser einen Schweselwasterstoffapparat auf, in den er kleine Stückchen Phosphor» kalzium gebracht hatte. Sobald nun die sich bildende» Gase, Schwefelwasserstoff und Phosphorwasterstoff, durch das Waster in die Luft traten, entstand über der Oberfläcve des Wassers sofort das Phänomen des Irrlichts, eine bläuliche Flamme, die beim Erlöschen eine kleine Wolke zurücklietz, die, wie eine nähere Untersuchung ergab, auS ganz fein verteiltem Schwefel bestand. Der Phosphor- wafferstoff entzündet sich in der Luft von selbst, er ist alio die eigentliche Ursache des Irrlichtes. Die beiden in Betracht kommenden Gase bilden sich nun bei der Verwesung tierischer Körper, der Phosphorwasterstoff nur aus Organen, die reich an Phosphor find, wie Gehirn und Rückenmark. Die Gase sammeln fich in den Knochenböhlen, besonders im Schädel des im Sumpfe unter» gegangenen Tieres an und können hier lange Zeit eingeschlosien bleiben, bis sie durch immer grötzer werdenden Druck ihren Be» hälter sprengen oder durch Verwesung des Tieres von selbst frei werden und an die Oberfläche des Sumpfes aufstetgen, wo sie sich in der Luft sofort von kelbst entzünden und nun als Irrlicht oder Irrwisch kurze Zeil aufflackern und umherbüpien. Im Volke ist vielfach der Glaube verbreitet, datz die Irrlichter Geister der im Sumpf verunglückten oder ermordeten Menschen seien, die keine Ruhe finden können; merkwürdigerweise bestätigt nun die Wistenschaft, datz die Irrlichter in der Tat von im Sumpf umgekommenen Menschen herrühren können, wenn auch in ganz anderer Weise, wie eS sich der Aberglaube des Volkes zurecht» gelegt hat. Medizinisches. DaS Wefen der Blinddarmentzündung. Wenn unter Laien von Blinddormentzündung die Rede ist, so wird damit gewöhnlich die Erkrankung des sogenannten Wurmfortsatzes dieses Organs gemeint oder dasielbe, was die Aerzte unter Avpendicitis ver- stehen. Nur die Umständlichkeit dieses Fremdwortes und die Unmöglichkeit es mit einem kurzen deulschen Won zu überietzen. hat die Einfilbrung dieses schärferen Begriffs in den Sprachgebrauch verhindert. Immerhin ist wegen der leider grotzen Häufigkeit dieser Krankheit auch der Name Appendicitis heute den meisten gebildeten Leuten geläufig. Tatfäch- lich aber ist eS natürlich ein grotzer Unterschied, ob jemand, der vielleicht diesen Ausdruck gebraucht, der ganze Blinddarm herausgenommen worden wäre oder eben nur jenes An» hängsel, daS nach den bisherigen Forschungen für den Haus» halt deS menschlichen Körpers durchaus überflüifig. dagegen wegen seiner Anfälligkeit für Entzündungen recht gefährlich ist. Die un- zähligen Operationen dieses Körperteils haben die Kenntnis deS Leiden? und feiner Entstehung im Laufe der letzten beiden Jahr- zehnte sehr gefördert, und schon vor mehreren Jahren konnte Pro- tcstor Aschoff eine Zusammenfastung aller Erfahrungen herausgeben, die ein ziemlich vollständiges Bild vermittelte. Die akute Er- krankung deS Bliiiddarmanbanges ist wahrscheinlich stets von gleicher Art, und die Unlenchtede, die sich dabei wahrnehmen lafien, sind nur solche verschiedenen Fortschritts oder gewisser Komplikationen der Krankheit. Vor allem weitz man jetzt, datz sie niemals als eine allgemeine Entzündung des ganzen Organs einsetzt, sondern stets an festumgrenzte» kleinen Herden in den Falten der Schleim» häute, und an diefen Stellen werden auch zniiächst auSschlietzlich Bakterien gefunden. Später greift selbstverständlich der krankhafte Zustand weiter um sich und die akute Entzündung verwandelt sich in eine chronische. Erfolgt ein Durchbruch der Wände des Organs, so kommt es zur Bildung eigentlicver Ge'chwüre oder, was noch be« denklicher ist. zu einem Angriff auf die Bauchdöhle. Die Schleimbaut kann so vollständig ergriffen werden, datz sie sich loslöst, und so tritt ein allmählicher Zerfall des Anhangs ein. Dieier ist nur teilweise auf die Giftwirkuiig der Bakterien zurückzuführen, zum anderen Teil auf die Absperrung der Zufuhr von gesundem Blut und Lymphe. Treten noch fäulniserregende Bakterien hinzu, so geht daS Absterben der Gewebe in einen brandigen Zustand über. Ebenso wichtig wie diese Feststellungen find die neuen Ergebniste der Forschungen über die Entstehung der Kiankheit. Fremdkörper irgend welcher Art spielen dabei sicher eine sehr weseniliche Rolle. Fürs erste kommen natürlich Hinderniste in der Gestalt sogenannter Fäkalsteme in Betracht, die sich nur iehr selten in einem gesunden Appendix, dagegen stets in einem erkrankten vorfinden. Es ist aber noch die Frage, ob ihre Bildung mehr als der Snlatz denn als eine Folge der Erkrankung zu beurteilen ist. Jedenfalls wirken sie bei oen Entwicklung der Krankheit mit, da sie die Anhäufung infizierter Stoffe in dem Organ befördert. Glückitcherweise können derartige Erkrankungen, ohne eine Spur zu Hinterlasten und ohne einen Ein- griff zu erfordern, wieder in Heilung übergehen. Auch eine Heilung mit Vernarbungserscheinungen und geringfügigen Veränderungen des Anhangs, die meist in der Verengerung feines inneren Hohlraums bestehen, sind der Operation vorzuziehen, die heute wohl niemals vor- genommen wird, wenn keine Gefahr besteht, vielmehr eine Heilung auf gewöhnlichem Wege erwartet werden kann. Da der Appendix. wie gesagt, ein für den Körper nnwichliger Bestandreil ist. so kann seine Verunstaltung als gleichgültig betrachtet werden, sofern sie nicht mit einem dauernden KrankheitSzustand verbunden ist. Leider aber mutz damit gerechnet werden, datz die ursprünglich akute Erkrankung zu einer chronischen wird. Als Nrsacke der.Krankheit ist eine Infektion der Schleimhaut in einer ihrer tiefen Falten innerhalb deS Wurmfortsatzes anzusehen. Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: LorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul SingertCo., Berlin LW.