SMieriMiungsm Nr. 181. Mittwoch den ViaCDitui bctDoten.j 203 pelle der Gröberen Von M. Andersen N ex ö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Langsam gestand sie ihm das Ganze, roh und grauen- voll, wie es war, mit der instinktiven Vertraulichkeit, die die Geschöpfe der Arche zu ihm gehabt hatten, und die von Mutter und Großmutter als Erbe auf sie übergegangen war. Welch ein Abgrund von Schrecken! Hier war er seiner Wege gegangen und hatte gemeint, es gab keine Eile, das Leben sei reicher als man glaube! Aber die Kinder, die Kinder! Soll- ten die auch warten, während er sich einen Ueberblick über die Mannigfaltigkeit des Daseins verschaffte? Warten und zugrunde gehen? Bedurste es überhaupt besonderer Kennt- nisse und eines weiten Blickes, um für gerechtere Zustände zu kämpfen? Tat da etwas anderes not, als daß man gut war? Während er da saß und Bücher las. wurden vielleicht Kinder zu Tausenden niedergetreten, gehörte das auch mit zum Leben und forderte das Behutsamkeit? Zum ersten Male zweifelte er an sich selber. „Fetzt mußt Du Dich hinlegen und schlafen." sagte er weich und strich ihr über die Stirn: sie war brennend heiß, es Pochte darin. Erschreckt fühlte er ihren Puls. Die Hand fiel mager und gleichsam ausgebrannt in die seine, und der Puls hüpfte. Ach, Hannes Fieber raste in ihr. Sie hielt seine Hand fest, als er aufstehen wollte, um zu gckhen.„Hatten Mutter und Du denn eine Liebschaft zu- sommen?" fragte sie flüsternd und hielt die glanzvollen Augen erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Und plötzlich wer- stand er dies zudringliche Fragen und ihre ganze sonderbare Umgänglichkeit ihm gegenüber. Einen Augenblick sah er zögernd in ihren erwartungs- vollen Blick, dann nickte er langsam.„Ja, Johanne, Du bist meine kleine Tochter!" sagte er und beugte sich über sie nieder. Sie verzog das leichenblasse Gesicht zu einem schwachen Lächeln und berührte geniert sein Kinn mit den Bart- stoppeln. Dann wandte sie sich ab, um einzuschlafen. Pelle machte Marten mit wenigen Worten mit der Vor- geschichte des Kindes vertraut: Frau Johnsens und des Mannes vergeblicher Kampf, in die Höhe zu kommen, sein unheimlicher Tod rn der Kloake und Hannes Heranwachsen über dieser Kloake als die gefeierte Prinzessin der Arche— Hanne, die das Glück einsangen wollte und statt dessen dies arme Kind fing! „Du hast mir nie von Hanne erzählt," sagte Marten und sah ihn an. „Nein, entgegnete Pelle langsam.„Sie stand vor mir selber so wunderlich unwirklich da, wie ein so holder Traum. Sie tanzte sich zu Tode! Aber Du kannst dem Kinde gegenüber gern so tun, als wenn ich ihr Vater bin." Marten nickte:„Du könntest für mich nach dem Alten- heim geben und Dich nach der Großmutter erkundigen, es ist unrecht, daß sie ihre alten Tage da zubringen soll!" Er sah sich in der Stube um. „Hier kannst Du sie ja doch nicht haben," sagte Pelle. „Es ließe sich am Ende doch einrichten. Sie und das Kind gehören ja doch zusammen."--- Pelle ging erst mit dem Geld nach Hause zu Ellen und tzilte dann nach dem Altenheim hinaus. Frau Johnsen lag im Krankenzimmer und hatte nicht wehr viele Tage zu leben. Es währte eine ganze Weile, bis sie ihn erkannte, und die Vergangenheit schien sie vergessen zu haben. Es machte gar keinen Eindruck aus sie, als er ihr erzählte, daß die Enkelin gefunden sei. Sie lag fast immer da und wimmerte unverständlich vor sich hin: sie jammerte um ihr täglich Brot, sie war noch immer in dem Wahn, daß sie Hausmietc und Essen und Trinken für sich und die Kleine beschaffen müsse. Die Sorgen des Alters hatten sich unaus- löschlich in sie hineingefressen.„Sie hat gar keine Freude davon, daß sie hier liegt und es gut hat," sagte eine alte Frau, die im Bett neben ihr lag.„sie kämpft die ganze Zeit, um das Nötige zu deschaffen. Und wenn sie einen hellen Augenblick hat, reist sie nach Jütland." nit des Horwarts 18. September. 1912 Bei dem Klang dieses Wortes richtete Frau Johnsen ihre Augen auf Pelle.„Ich möchte so gern Jütland noch einmal wiedersehen, ehe ich sterbe," sagte sie.„Seit ich in meinen jungen Jahren hier herüber kam, Hab' ich immer bei mir gedacht, das erste Geld, das ich übrig Hab', will ich zu einer Reife nach Hause gebrauchen. Aber es kam nie dazu, Hannens Kleine will ja auch leben, sie essen tüchtig in dem Alter!" Und damit fing die Sache wieder von vorne an. Die Krankenpflegerin kam und sagte zu Pelle, jetzt müsse er gehen. Er erhob sich und beugte sich über die Alte, um ihr Lebewohl zu sagen, wunderlich berührt durch den Gedanken, daß sie so viel für ihn gewesen war und ihn jetzt kaum er- kannte. Sie lag da und griff tastend mit beiden Händen um seine Rechte, wie ein Blinder, der wiedererkennt, dann sah sie ihn mit ihren ausdruckslosen Augen an, die schon fleckig vom Tode waren.„Deine Hand ist noch gut," sagte sie langsam mit der fernklingenden Stimme des Alters:„Hanne hätte Dich nehmen sollen, dann wäre vieles jetzt anders gewesen." 7. In der Bibliothek wunderten sie sich über den ernsten. stummen Arbeiter, der die Bücher anfaßte, als seien es Mauersteine. Sie hatten ihn gern und halfen ihn finden. was er gebrauchte. Unter den Angestellten befand sich ein alter Bibliothekar, der in der Regel kam und fragte, ob er Pelle bei irgend etwas behilflich sein könne. Es war ein kleiner, verdorrter Herr mit einer goldenen Brille und dünnem, weißem Haar und Bart, der seinem bleichen Antlitz ein lächelndes Aussehen verlieh. Er hatte ein ganzes Menschenalter zwischen den Bücherstapeln gelebt: der Bücherstaub hatte sich ihm auf die Brust gelegt, jeden Augenblick gellte sein trockener Husten durch den Raum. Bibliothekar Braun war Junggeselle, und es hieß, daß er sehr reich sei. Fein und sorgfältig mit seiner äußeren Person war er gerade nicht, aber es lag etwas Unberührtes über seiner Erscheinung, als sei er niemals den Püffen des Lebens ausgesetzt gewesen. In seinen Schriften vertrat er schroff, fanatisch den Jch-Kultus und stellte das Gesetz des Gewissens als das einzige auf, dem sich ein Mensch zu beugen habe. Persönlich war er verschlossen und menschenscheu, aber es zog ihn zu Pelle, von dem er wußte, daß er einstmals die Seele in der Erhebung der Massen gewesen war. Er verfolgte staunend und neugierig die Entwickelung des modernen Ar- beiters: von Zeit zu Zeit kam er mit einer seiner Abhand- lungen und bat Pelle, sie zu lesen. Sie handelten in der Regel von dem Wesen der Persönlichkeit, nahmen ihren Ausgangs- Punkt von dem Ich bei irgend einem Philosophen oder in dieser vder jener Religion und suchten in die Fragen des Tages einzudringen. Flüsternd unterhielten sie sich über den Inhalt: der alte, schwer zugängliche Philosoph, der nur von sehr wenigen gelesen wurde, hegte eine unglückliche Liebe zu dem großen Publikum und lauschte gespannt darauf, was wohl ein Arbeiter aus seinen Gedanken herausbringen konnte. So still und fast schüchtern wie sein Wesen mar, so schroff war er in seinen Anschauungen und wich nicht zurück vor dem Gedanken, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen. Aber er verhielt sich skeptisch in bezug auf die Er- Hebung der Unterklasse.„Die Leute können ja nicht einmal lesen," sagte er.„Der kleine Mann rübrt ja nie ein wirk- liechs Buch an." Er hatte so lange zwischen den Büchern ge- lebt, daß er meinte, die Wahrheit des Lebens sei dort ver- graben. Allmählich lernten sie einander gut kennen. Brun war der letzte Nachkomme einer alten ausgelebten Familie, die durch mehrere Generationen hindurch reich gewesen war. Er verachtete das Geld und zählte es nicht mit zu den Gutern dieses Lebens; da er niemals Entbehrungen gekannt hatte, machte er wenig Ansprüche und entbehrte gern, um andern zu helfen. Man sagte, er lebe sehr spartanisch und brauche seine ganzen Zinser.ieinnahmen. um den Armen zu helfen. In vielen Punkten stimmte er mit der Unterklasse überein. nicht allein theoretisch, sondern rein organisch: und Pelle sah zu seiner Verwunderung, daß die Auflösung des Bestehenden auch aus den oberen Schichten der Gesellschaft ausgehen konnte. Vielleicht bereitete sich die Zukunft von beiden End- punkten aus. Eines Tages leitete Hrtf* vkrfichtig die Unterhaltung auf-Pelles persönliche Angelegenheiten hin; es schien, als wisse er Bescheid.„Ist da nicht irgend etwas, womit Sie in Gang kommen möchten," fragte er.„Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen behilflich sein könnte." Pelle war sich noch nicht klar darüber, wie die Zukunft angegriffen werden sollte.„Vorläufig liegt das Ganze noch wie ein Chaos vor mir," sagte er. „Aber Sie müssen doch lebeiU Tun Sie mir den Ge- fallen, wenigstens auf alle Fälle ein Darlehen anzunchmen, während Sie sich zurechtfinden." „Es gehört Geld dazu, sich tüchtig und frei zu machen," fuhr er fort, als Pelle sich weigerte,„das ist gemein, aber so ist es nun einmal. Sie nehm e n ja doch nicht, was Sie gebrauchen, also müssen Sie das Geld entweder auf die Weise annehmen-, wie es sich's Ihnen bietet,, oder Sie müssen entbehren." „Dann entbehre ich," sagte Pelle. „Ich sollte meinen, das haben Sie und Ihre Partei- genossen allezeit getan, und haben Sie jemals damit glühende Kohlen auf das Haupt der Gesellschaft gesammelt? Ihr über- schätzt das Geld, der kleine Mann hat zu große Ehrfurcht vor dem Eigentum anderer. Ja, das ist, Gott helf mir, wahr! Der gute arme Mann früherer Zeiten wagte ja nicht einmal, etwas in seinen eigenen elenden Mund zu stecken, jeden guten Bissen sollte die Frau haben. Darum wird er auch von unserer Seite aus als verloren betrachtet, es war so leicht, auf ihm Reichtümer zu sammeln. Se'ne Nachkommenschaft schleppt sich noch mit einem guten Teil davon herum." (Fortsetzung folgt.) IVIein finnland Erzählungen von I u h a n i A h o. Der Wachtposten beim Kaiserdenkmal. Zu Füßen des Alcxanderdenkmals am großen Blumcntag*) Der Gedenkstein ist ganz mit Blumen bedeckt. Der Marktplatz voll Tausender Menschen. Nicht ein Flüstern hört man, alles ist still wie bei einem Begräbnis. Hier und dort schreiten Gendarmen einher. Ein Hüter der Ordnung � ein früherer Soldat— steht als Wache bei dem Blumenbügel. Er steht ruhig und ernst da, sein Antlitz drückt weder Freude noch Sorge aus, aber in der Tiefe seiner blaue» Augen lese ich seine Gedanken. Weshalb haben sie mich eigaatlich hicrber gestellt? Gibt es hier etwas zu bewachen? Die Blumen? Aber die will ja niemand fortnehmen, die wollen lieber noch mehr bringen. Aber das be- sorgen sie selbst am besten.— Ich habe die Order hier zu stehen, bis sich der letzte Zuschauer entfernt hat. Bielleicht mutz ich da mein Lebelang hier stehen. Aber wenn tch nun schon als Ehrenwache dastehen soll, für den Kaiser... und die VerfasinngSgesetze... Ein Psalm wird aus der Volksmenge angestimmt.„Eine feste Burg ist unser Gott" tönt es von der Treppe der Universität und drüben von der Terrasse der Nitolailirche her fällt man ein. Alle stehen entblößten Hauptes da. Der Hüter der Ordnung zieht eben- falls die Mütze, behält sie in der linle» Hand und steht da wie bei der Feldmesse. Das ist ein schöner Psalm.... Er setzt langsam die Mütze wieder auf. Eine Träne glänzt in seinen Augen Um sie z» verbergen, wendet er sich ab und gibt sich den Anschein, die Blumen am Sockel des Denkmals zu be» trachten.» Das war ein wunderschöner Psalm..... Da ertönte plötzlich ein anderes Lied. Es ist„Mein Land". Wiedernm entblößten sich aller Häupter. Der Hüter der Ordnung führt die Hand rasch nach der Mütze. Aber sofort läßt er sie wieder sinken, hebt sie wiederum ein wenig, läßt sie abernials sinken und scheint nicht zu wissen, was er tun soll. Das ist ja verboten... eS ist Beseht gekommen, daß wir dem Nationalgesang nicht Honneur machen dürfen. Der Gendarm steht ja auch dort, die Mütze auf dem Kopfe und die Hände an den Hüften. *) Zar Nikolaus L hatte die Verfassung Finnlands respektiert, aber den Landtag, den er nach Gutdünken einberufen konnte, nie tagen lassen. Zar Alexander IL genebmigte nun ein Gesetz, da? den Land- tag regelmäßig einberuft. Dafür wurde ihm am Senatsplatz in Helsingfors ein Denkmal gesetzt, das auch die Allcgorim der Ber> sassung trägt. Der Blumeutag ist der 1. Mai, das alte finnländische Frühlingsfest. Er grübelt und kämpft mit sich, erhebt die Hand, senkt sie wieder und abermals strebt sie nach dem Rande der Mütze.... Er wird vielleicht den Abschied bekommen... seinen Dienst verlieren... Frau und Kinder werden brotlos... alle anderen Finnen werden aus dem Wachtdienst entfernt, vielleicht selbst der Chef.... Wer kommt an ihre Stelle? Gendarmen wie die dort? Seine Hand sinkt abermals nieder, strebt empor, senkt sich.... Aber immer andachtsvoller, immer trostreicher und kräftiger strömen die Töne aus Tausender Brust. Das ist ja meines Landes Hymne l— Das ist meines Volkes Lied l Wem soll ich Honneur machen, wenn nicht dem.... Soll alles geh'» wie'S immer mag, Soll, was da will geschehen, ich mach' Honneur! Die Hand fliegt an den Rand der Mütze und verweilt dort. Als ob er ein Kommando gehört hätte, macht er Front gegen das Volk und noch als dessen Vaterlandssang verklungen war. steht er wie gelähmt auf seinen Platz, stattlich wie eine Bronzestatue mit dem Antlitz gegen das Volk und die Verfassungsgesetze wie ein Schild im Rücken. Ruhige-?, freudiges und festes Vertrauen erstrahlt aus seinem Antlitz und aus seinen Blicken glänzt ein Schimmer des Glückes. Seine Lippen bewegten sich im Takte der letzten Töne dieses LiedeS. Irgendwo in der Menge erhebt sich eine Frauenhand, ein kleiner Blumenstrauß fliegt durch die Lust über die Köpfe im Bogen daher und fällt vor den Füßen des Wächters nieder. Er beugt sich, nimmt die Blumen, und unter Hochrufen für daS Vaterland, legt er fie nieder zu den Füßen des Löwen— des Löwen des Gesetzes. Eine Mutter. „Mein aufrichtiges Beileid— ich habe aus den Zeitungen er- fahren, daß deine Mutter gestorben ist." -„Danke,"' sagte er und erwiderte meinen Händedruck.„Es ist ja hart, seine Mutter zu verlieren, aber— ich glaube, daß ihr Dahinscheiden mir doch fast mehr Freude als Trauer bereitet hat." Ich gestehe, daß ich bei diesen Worten ein wenig erstaunt auS- gesehen habe.... „Natürlich freue ich mich nicht dessen, daß meine Mutter starb," beeilte er sich zu erklären,„obwohl sie schon alt und kränklich war und des Lebens sich nicht mehr' steuen konnte— fie wünschte oft zu sterben und daS erschien ihr als ein letztes Glück. Aber nun erhielt der Tod einen höheren Sinn und eine tiefere Bedeutung, als ihrer Ansicht nach ihr ganzes Leben hatte.... Wir schrilten die Straße entlang, während er fortsetzte: „Das ereignete sich zu der Zeit, da die Petition an den Monarchen abgesandt werden sollte. Am letzten Sonntag wurden in allen Gemeinden Versammlungen abgehalten. Ich hatte es über- nommcn, in meiner Heimatsgemeinde zu sprechen. Wie du weißt, sind wir, meine Mutter und ich, nach des Vaters Tod nach Helsing- sorS überfiedelt. Ich hatte alles vorbereitet, um mit dem Abendzuge zu reisen und nur noch eine Kleinigkeit in der Stadt zu besorgen. Aber wie ich zurückkehre, um mein Gcpäack zu bolen, höre ich, daß meine Mutter einen ihrer gewöhnlichen Anfälle erlitte» hat. Der Arzt gab noch nicht alle Hoffnung aus, sie könnte noch einige Zeit leben, wenn... aber gewiß war es nicht, ob ich sie bei meiner Rückkehr»och lebend finde. Ich eilte in ihr Zimmer. Sie hatte sich etwas erholt und war bei vollem Bewußtsein. Sie wußte, daß ich reisen sollte und kannte auch den Anlaß. Sie war sehr bekümmert, nicht wegen meiner Reise — zu dieser hatte sie ja aufgefordert, sondern wegen all der Be- dräiignisse und Unglücksschläge. Die hatten fie sehr aufgeregt und ganz sicher zur Verschlimmerung ihres Leidens beigetragen. Um sie zu benibigen, sagte ich ihr sofort, daß ich die Reise aufgebe. „Warum?" fragte sie.„Was hindert dick denn an der Reise?" „Aber ich kann dich doch nicht einsam sterben lasten?" „Kannst Du einen anderen veranlasien, hinaufzureisen?" Ich war gezwungen zuzugeben, daß sich dies nicht mehr aus- fiibrcn lasse. Da konnte eben nichts helfen, und ich muß mich damit abfinden. „Aber da wird ja nichts aus der Versammlung und man be- kommt keine Unterschristen von dort?" Ich mußte zugeben, daß dies geschehen könne. Da ergriff meine Mutter rasch meine Hand: „Hörst du. das darf nicht geschehen... reis' du jetzt nur. i. ich will nicht daran schuld sein, daß... Reis' du nur.... AuS der Versammlung soll nichts werden? Aber nein. Lieber..." Ein Hustcnanfall unterbrach fie und sie konnte lange kein Wort mehr bcrvorbringen. Ich glaubte schon, daß ihr Ende gekommen war. Aber, da ich sie zwischen den Polstern aufrichtete und fie wieder sprechen konnte, reichte sie mir ihre abgezehrte Hand und flüsterte: „Lebewohl nun... Lebewohl, falls wir uns nicht mehr treffen sollten... Hier im Leben. Bielleicht sterbe ich doch noch nicht. Aber, wenn ich inzwischen abberufen werden sollte, so habe ich doch wenigstens etwas... etwas geopfert.. eS ist ja nicht viel... eben so wenig... wie alles andere, was ich... waS könnte wohl so ein unwissendes und unfähige« Weib, wie ich... hab'� ich nicht verstanden für's Vaterland zu leben... vielleicht kann ich dafür sterben. Da habe ich wenigstens etwas nützen können... nun ja I Lebewohl I Dn sollst nicht so traurig sein... und... beeile dich, damit du nicht zu spät kouunst."....... Ich muhte ihren Willen erfüllen. Es war mir klar, dah ich, als ich ging, sie nur erzürnt, und ihr geschadet hätte, wenn ich geblieben wäre. Als ich ging, sagte sie noch: Hast du die Liste bei dir? Ich möchte sie auch gerne unterschreiben... aber ich kann's nicht mehr, schreibe du für mich. Das Petschaft ist in der Lade, wenn du es brauchst... und sag es denen zu Hause, dah sie alle unterschreiben müssen... auch die Lisa und die Maja und die alte Heitki... sag', dah ihre alle Propstin... die verschiedene Propstin es gesagt hat... und sie grühen läht... Aber die werden das ja auch freiwillig.. Ich erreichte den Zug, kam rechtzeitig in der Heimat an, und erfüllte meine Pflicht. Als ich nach Helsingfors zurückkehrte, war meine Mutter tot. Die Wärterin erzählte, dah meine Mutler, nach dem ich fortgeeilt, sich sehr beunruhigte, dah ich den Zug nicht er- reichen werde. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf die Uhr und bc- ruhigte sich erst, als es klar war. daß ich schon zurückgekehrt sein muhte, falls ich den Zug versäumt hätte. „Gott sei Dank" sagte sie da„dah er nicht zu spät gekommen ist, dah das nicht meine Schuld ist"— und dann fluiterte ste noch mit kaum hörbarer Stimme„Gott beschütze das Vaterland und sei mir gnädig!" Das waren ihre letzten Worte. Und jetzt verstehst du vielleicht, warum es mir eher Freude als Sorge bereitet, wenn ich an ihr Dahingehen denke." (Schluß folgt.) Vom JVatuvforrcbertag. Auf dem Naturforscher-Aerztctag in Münster sprach am Montag auhcr Czernh noch Prosessor B e ch e r- Münster über Leben und Beseelung. Dann folgte noch ein glänzender durch Demonstrationen er- läuterter Vortrag des Grafen Arco-Berlin über: Drahtlose Telegraphie. Die vielfachen Energicumwandlungen in der Sende- und Empfangsstation sowie die Eigenarten der Ausbreitung der clektro- magnetischen Energie im Räume wurden den Zuhörern klar. ebenso die interessanten modernen Erzeugungsarten der elektrischen Wechselströme von groher Wechselzahl.(Hoch- sreqnenzströme.) Mit sehr langen elektrischen Wellen von hoher Funkenzahl wurde der Uebergang zwischen Funken- und Lichlbogenerzeugung sowie zwischen gedämpften und ungedämpften Wellen gezeigt. Ganz besonderes Jnterefle erregten die Versuche, die mit einem 10 kkilowatt bei 3000 Um- drebungen liefernden Generator vorgeführt wurden. Mit einer Hoch- frequcnzmaschine wurde eine improvisierte Saolbeleuchtung betätigt, und scdlietzlich wurde die Energie für das Ohr vernehmbar, und zwar eine kontinuierliche Tönskala von SOO—LOOO Schwingungen. wobei alle Töne absolut rein hörbar wurden. Trotz der glänzenden Resultate� rät der Vortragende zur Vorsicht in der Boraussage über den Wert der Hochfregnenzmaschine, weil ihrem Prinzip ganz all- gemeine bedenkliche Eigenarten anhaften und ihre Wirkungen in der Praxis noch nicht genügend ausprobiert sind. In der Abteilung.für Psychiatrie und Neurologie hielt Dr. H. T ö b b e n, Dozent für gerichtliche Psychiatrie iu Münster, einen inlelessantcn Vortrag über die„Psychologie der zu lebens- länglicher Zu ch l h a» s st r a s e verurteilten oder begnadigten Verbrecher". Er berichtete über ein Material von 70 Mördern, das nach sozialen und psychologischen Gesichts- punkten geordnet ist. Er geht dabei von der Voraussetzung aus, dah die Verurteilten zur Zeit der Tat geistig geiuno waren und untersucht dabei die Fragen, was für Menschen die Mörder im allgemeinen waren, welches die Motive ihrer Tat waren, bespricht die Führung der Lebenslänglichen und ihre soziale Brauchbarkeit in der Haft und den Zeitpunkt der geistigen Umnachtung. Der Vortragende konnte in 40 Pro,, der fälle erbliche Belastung mit Geisieskranlheit feststellen. Vor der at waren 57,1 Proz. sozial branchbar und 42.9 Proz. verwahrlost und unsozial p 32 Proz. waren überhaupt nicht vorbestraft. 41,4 Proz. unbedeutend und 25,0 Proz. erheblich vorbestraft. ES konnte fest- gestellt werden, dah von den 70 Fällen nur der geringere Teil zu den gewerbsmähigen Gewohnheitsverbrechern gehörte. 79 Proz. der Verbrecher � befanden sich bei Ausübung der Tat in einem Alter, daS nahe der Strafmündigkeitsgrenze liegt. Das Motiv der Tat war in 48.8 Proz. Habsucht, in 3.0 Proz. Roche, iu 7.1 Proz. Eifersucht, in 7.1 Proz. Unsittlichkett, in 6,7 Proz. Hah und Jagdleidenschaft, in 4.3 Pröz. aussichtskose Liebe, in 2.9 Proz. Verleitung durch die Mutter oder Frau. Die Führung der Lebenslänglichen war gut bei 08, 7. Proz., leidlich bei 14,2 Proz. und schlecht bei 17,1 Proz. Es ergab sich weiter, das imercssantc Resultat, dah von denen, die früher nicht vorbestraft wurden, nur 4,5 Proz., von denen mit kleinen Vorstrafen 10 Proz. und von denen mit größeren Vorstrasen 40 Proz. sich im Zuchthaus schlecht führten und unsozial waren. Der weitaus größte Teil der Gefangenen wurde im Verlauf der Strafe geisteskrank. Zum Schluß weist der Vortragende daraus hin. daß die Lebenslang- lichen keineswegs immer die Hefe des Verbrechertums darstellen, dah ein Teil von ihnen nach geschehener Sühne als ge- bessert in die menschliche Gesellschaft wieder eingeordnet werden kann und daß es sich bei Prüfung der En rdengesuche empfiehlt, be» sonderen Wert auf das Votum der StrafvollzugSbeamlen zu legen. In der Diskusfion ergriff der bekannte Psychiater Professor Aschaffenburg- Köln das Wort, der bekanntlich beim Deutschen Juristentag gegen die Todesstrafe eingetreten ist: Es ist eine bedauerliche Lücke in unserer Gesetzgebung, dah unehc- liche Müller/ die ein Kind nicht während oder gleich nach der Geburt, sondern erst einige Wochen oder Monake nach- her tüten, nach einem besonderen Gesetze zum Tode verurteilt werden müssen, obwohl im großen und ganzen die gleichen Motive bei den gleichen Kategorien von Kindesmörderinnen vor« liegen. Redner gibt dem Referenten recht, daß von der Begnadigung der zum Tode verurteilten und zu lebenslänglichem Zuchthaus be- gnadigten Verbrechern viel zu wenig Gebrauch gemacht werde. Das Begnadigungsrecht sei nur offiziell ein Recht der Krone: tatsächlich wird das Begnadigungsrecht durch einen xdeliebigen jungen Assessor ausgeübt, der in Berlin sitzt und durchaus nickt immer ein be- sonderes Verständnis für die Psyche des Verbrechers befitzt. Die Mörder find nickt so schlechte Charaktere, wie man sie sich im großen Publikum vorstellt. In der Abteilung für Geographie,. Hydrographie'In�Karto- graphie sprach am Dienstag' Dr. R. H e n n i g- Friedenau'Über das Thema: Kritische Betrachtungen zum werdenden ijtfnuiv? fY"% S» f. I J J W J Panama-Kanal:„o Während die Vorbereitungen zur Eröffnung des Kanals schon getroffen werden, während die Aufmerksamkeit schon auf die Kanal- gebühren konzentriert ist. um die bereits ein ziemlich ernster Konflikt zwischen England und den Vereinigten Staaten entstanden ist, könne man doch durchaus noch nicht mit Sicherheit jagxn, ob der Kanal pünktlich, ja nicht einmal, ob er über- Haupt in erhofftem Uinfang betriebsfähig lmden wird. Die sichere Ueberwindiing aller technischen Schwierigkeiten ist noch keineswegs gewährleistet. Das gefährliche Abrutschen der Böschungen ist bis in die jüngste Zeit in riesigen Dimensionen er- folgt, und man weih noch nicht, wie man dieser höchst bedrohlichen Erscheinung Herr werden soll. Auch das Problem der Wasier- Versorgung des Kanals ist noch keineswegs gelöst, vorläufig weih noch niemand, woher daSLLajser zur«istmuligen Füllung des großen Stausees von Gatum genommen werden soll. Man muß selbst, wenn der See gefüllt wird, wieder mit der Möglichkeit rechnen, dah der große Staudanun nickt. ganz wasserdicht schließt. Eine übermäßige Bedeutung will der Redner dem Kanal, auch wen» er pünstlich fertig werden sollte, nicht zu- messen. Für die amerikanische Schiffahrt sei er-sicher vonchohem Wert, für die europäische aber nur von relativ geringer Bedeutung. Der Schnellverkehr nach irgendwelchen Teilen der Well werde angcffchis der Ueberlandbahncn in Rord-, Mittel- und Süd- amerika den Kanal nicht benutzen, und auch der Güterverkehr komme nur für einen ziemlich kleinen Teil der amerikanischen Westküste in Betracht. In der Abteilung für Hygiene, Tropenhygiene und Bakteriologie behandelte Stabsarzt Dr. B. Mvtlers die Grundsätze der heutigen Tuberkulinbehandlu ug. Er vertritt die Ansicht, daß die wirksamste und leistnngssähigste Behandlung der menschlichen Tuberkulose in der Kombination der hygiemich-diSlischen Heilstättenknr mit der spezifiscken Tnberknlinbehandlung besteht. Bei beginnenden Tuberkulosciormen läßt sich unter sorgfältiger Auswahl der Fälle die spezifische Be- Handlung auch in ambulanter Praxis durcktühren. Das Charaktd» ristische der heutigen Tiiberknlinbehandlung ist die milde ein- schließende Methode, die allmälig unter möglichster Vermeidung von Reaktionen zu böhercn Do'eN ansteigt. Die Behandlung soll nicht schematisch, sondern für jeden Fall individualisierend sein, und gemäß dem Verlans der Krankheit und der Tuberkulinempfindlichkeit durchgeführt werden. Die zweckmäßigste Form der Einverleibung ist die Einspritzung des Präparats unter die Hanl. Die Heilung erfolgt gewöhnlich nickt durch eine einzige Kur, vielmehr ist in vielen Fällen eine jahrelange, öfter wiederholte Behandlung unter ständiger Beobachtung notwendig Im Interesse einer wirksamen Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankhcit darf die Tuberknliniherapie nicht ein Vorrecht der Spezialheilstätten und-ärzte bleiben, sondern verdient in vollem Maße Allgemeingut der gesamten Aerzteschaft zu werden. In der Abteilung Psychiatrie und Nevrologit sprach Professor H. C l e m e n s- Eickelborn über die Erfolge der V e s ch ä f kigung s th e r ap ie bei akuten Geistesstörungen. Die von strengärztlichen Gesichtspunkten aus verordnete und geregelte Beschäftigung Geisteskranker ist für die Behandlung vorgeichritiener chronischer Psychose» im Laufe der Zeit so ziemlich Gemeingut aller Psychiater gewocden. Als Behandlungs- mittel frischer, akuter Geistesnörungen hat die BeschäftigungS- lherapio aber noch nicht überall die Beachiung gefunden, die sie wegen ihrer häufigen Erfolge verdient. Nicht wenig hinderlich ist ihrer Ausbreitung z. B. die erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit eingeführte Beitdchandlnng akuter Gcistesiraiikheilen geworden. So segensreich diese in geeigneten Fällen ist, so wird sie doch sehr häufig - durch unrichtige. Anwendung diskreditiert. Hier führt die Be- schafticiungZtherapie nicht selten rascher und Vesser zum Ziele. In der Provinzial- uud� Pflegeanstalt zu Eickelborn, wo die Beschäfligung der Kranken die weitestgehendste Berücksichtigung erfährt, konnten durch sie bei akuten Fällen sehr gute Erfolge erzielt werden, bessere als durch irgend eine andere BeHandlungsweise. Es erwies sich keine emzige akute Psychose für ihre Anwendung völlig ungeeignet. In der Abteilung„Innere Medizin" und„Hydrotherapie" trägt Sanitätsrat Dr. R. L e n z m a n n- Duisburg seine Ersahrungen über die Behandlung des Keuchhustens bor. Er saht den Keuchhusten als eine stark übertragbare In- fektionskrankheit auf. deren Erreger von Borbet und Gengou mit grosser Wahrscheinlichkeit entdeckt ist. Der Vortragende selbst hat das längst bekannte, auch gegen diese Erkrankung schon empfohlene Chinin in einem besonderen Präparate nach einer eigenen Methode angewandt. Die Methode, die es erlaubt, das Mittel per Schub ins Blut und deshalb zu prompter Wirkung zu bringen, ist die Ein- spritzung in die Adern, bei kleineren Kindern in die Muskeln. Durch diese Art der Behandlung wird die Krankheit sehr günstig be- einflusst. Die Anfälle werden rasch abgeschwächt und geringer an Zahl, so daß eine bedeutende Abkürzung des KrankheitsverlauseS er- zielt wird. , In'der Abteilung für Zoologie referierte W. Stempell- Munster über den Nachweis feinster organischer Strukturen durch Mikrophotographie mit ultraviolettem Licht. Der Vortragende hat die Sporen der kleinsten tierischen Schmarotzer durch Mikrophotographie mit den unsichtbaren ultravioletten Strahlen des Lichtes untersucht und durch Messung und Rechnung geflinden, daß die Wand der in diesen Sporen vorhandenen Polschläuche bei besonders kleinen Arten nur acht Millionstel Millimeter dick ist. Daraus folgt, daß Organismen von solcher Kleinheit existieren, daß wir sie selbst mit unseren besten optischen Hilsmitteln nicht mehr nachweisen können. So wird es verständlich, daß der mikroskopische Nachweis der Erreger mancher Infektionskrankheiten, wie z. B. der Maul- und Klauenseuche bisher nicht geglückt ist. Ferner ergeben sich daraus Anhaltspunkte für die annähernde Bestimmung der Größe des Moleküls der Eiweißkörper, die danach wohl kaum mehr als L'/z Millionstel Milli- meter betragen kann. kleines feiaUeton. Kulturges chichtliches. G e m alte Bibliotheken. Das Barock, das herspekti- jnsche Virtuosenkünste der Malerei so liebte, hat sich auch an ge- malten Bibliotheken erfreut, und die Wandmaler, die mit ihren architektonischen Spielereien die Zimmer erweitern und die Türen maskieren mußten, boten gern Aussichten auf lange Büchergalerien, zauberten Bücherschränke an die Wände, die mit naturgetreuen Wänderücken gefüllt waren. Ueber diese gemalten Bibliotheken -finden sich höchst interessante Mitteilungen in einem Aufsatz der Zeitschrift für Bücherfreunde. Infolge dieser Dekorationsmale- reien wurden die Scheinbibliotheken zu einem beliebten Gesell- fchaftsspiel des 18. Jahrhunderts, in der geistreiche Männer ihrer Satire und ihrem Witz die Zügel schießen ließen. Es entstanden hölzerne Büchcrsammlungcn, bei denen Bücherbretter mit Buch- atrappen gefüllt wurden, die die komischsten Titel erhielten. Am berühmtesten war die Scheinbibliothek, die sich der Nationalökonom Turgot anlegte. Als er 1161 zum Intendanten von Limoges ernannt wurde, schmückte er in seinem Arbeitszimmer als Fort- sctzung der echten Büchcrständer eine Geheimtür mit solchen Buch- atrappen. die die lustigsten und mokantesten Titel aufwiesen. Da gab es z. B. eine„Kunst, die einfachsten Fragen kompliziert zu machen", vom Abbe Galliani, eine dicke Dissertation über„den wahren Nutzen des Krieges", von den Brüdern Paris, die als Armeelieferanten ein Riesenvermögen erworben hatten. Als ein Werk des schlechten Dichters Dorat, dessen Ruhm nur von der Ausschmückung seiner Werke durch die glänzendsten Kupferstiche herstammte, wurde eine Abhandlung angeführt„vom Gebrauch der Wilder in der Poesie". Bei manchen dieser Büchertitel macht die Anzahl und Grösse der Bände den eigentlichen Witz aus. So um- faßte das„vollständige Lehrbuch der Moral, aus Romanen ent- nommen," nur zwei schmächtige Duodezbüudchen, und die„Licht- strahlen aus den Reden in der Academie Fran?aise seit ihrer Gründung" bildeten'ein winziges Zwergbuch. Eine ähnliche Schernbibliothek hat sich Eugene Scribe angelegt. Da konnte man ein Bändchen sehen:„Reden berühmter Stummer", und daneben «rn gewaltiges Werk von Bänden:„Kritiken über Mademoiselle ry.' cinc Huldigung für die berühmte Schauspielerin. Waren v"eAC??m2l'u"8en«18 Spiel einer witzigen Laune gedacht, so � äch Ferdinand IV. eine Sammlung von Büchertiteln auf Wucherrucken angelegt, die ernst genommen sein wollte. In seinem Schlafzimmer leuchteten hinter den hohen Glasscheiben eines schonen SchrankeS lange Bandreihen, deren Titel feinem Geschmack und seiner Gelehrsamkeit das vorzüglichste Zeugnis ausstellten. Aber die konbaren Bande waren nur Holzstücke in Buchform mit einem prachtigen Lcderrucken. Solche Bücher tapcten die auf den fluchtigen Blick den Eindruck einer gelehrten Atmosphäre Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlags hervorrufen, ssnd für praktische Zwecke in unserer Zei'k zuerst lü Amerika ausgenutzt worden und bilden dort den Gegenstand einer besonderen Tapezier-Jndustrie, die preiswerte Wohnungsaus- stattungen liefert. Zahlreich find ja auch heute noch die Bücher- scherze mit Bücheratrappen. Es gibt Möbelstücke, die nur von dem Kenner des Geheimnisses als Büchertruhen erkannt wer- den und zum Aufbewahren manch extravaganter Raritäten ver- wandt werden; es gibt all jene heut aus dem Kunstgewerbe mehr und mehr verschwindenden Atrappen von der blechernen Frühstücks- kapsel mit der schönen Aufschrift„Bäckers Werke" an. Nicht ohne psychologischen Wert sind die Gebetbücher, die manchmal in eng- lischen Kirchen vergessen werden und die beim Oeffnen zwei Ab- teilungen zeigen; die eine enthält Süßigkeiten, die andere einen Magcntrost in Form eines kräftigen Schnapses, zu dem die Be- sitzerin leicht durch anhaltendes Küssen ihres Buches gelangen kann. Völkerkunde. Wie Wilde zählen. Eine tiefe Wnergung gegen dl« Kunst Adam Rieses erfüllt den Eskimo. Nur verhältnismäßig wenig- Geister Grönlan-ds erfassen das Problem der Bruchrechnung. Wird doch den wackeren Walfischfängern schon das fatale Addieren und Subtrahieren schwer genug! Von Haus aus reicht die Zahlen- weit des Eskimos auch nur von„eins"-bis„hundert"— das heißt: die des ungewöhnlich Erleuchteten. Der Durchschnittsgrönländer scheut schon nach„zwanzig" die geistige Strapaze des Weiterzählens mit gesundem Widerwillen. Ein Einblick in das eskimosche Zahlen- system ist nicht uninteressant: als Rechenmaschine muß der eigen« Körper herhalten. Von eins bis fünf zählt man mit Hilfe der Finger der einen Hand, von sechs bis zehn mit Hilfe-der Finger der anderen. Dann kommen die Zehen der beiden Füße an die Reihe. „Zwölf" heißt z. B. bei den Eskimos„Zwei Zehen des einen Fußes" —„siebzehn" dagegen„zwei Zehen des anderen Fußes". Hat man alle Finger und Zehen an sich abgezählt, so ist„ein ganzer Mensch zu Ende"—«ine Formel, die eben nichts anderes als„Zwanzig" bedeutet. Wer sich in das unheimliche Reich der Zahlen noch tiefer hinein» wagt,-der ist, wie schon erwähnt,«in Licht. Das Weiterzählcn be- sorgt dieses Licht nun an Fingern nnd Zehen feiner Mitmenschen. „Einundzwanzig" ist z. B.„ein Finger des zweiten Menschen"—. „neununddreißig" heißt„vier Zehen am anderen Fuße des zweiten Menschen", nnd„der zweite Mensch zu Ende" ist natürlich„vierzig". Wenn„hundert" erreicht, bezw. ,cher fünft« Mensch zu Ende" ist— dann sind auch die Qualen der Zahlen überhaupt zu Ende. Denn für-weitere Begriffe dieser Art kann der Eskimo buchstäblich kein« Worte finden: seine Sprache kennt sie nicht. Ihre eigenen, alten Zahlworte genügten ober den Grönländern vollkommen, so lange sie unter sich waren. Ihre Berührung mit der Ku-ltur, mit Handet und Geld änderte das. Sie nahmen nun— obwohl sie sich im übri- gen gegen fremde Worte ablehnend verhielten— verhältnismäßig schnell die dänischen Zahlworte an und lernten nun auch über hundert hinaus zählen.„Taufend" nennen sie z. B.„tusintigcklit". Fridtjof Nansen allerdings hat sie im Verdacht, daß sie mit so hohen Zahlwortcn selten klare Begriffe verbinden. Daß Naturvölker aus merkantilen Rücksichten, um bei Tausch» und Geldgeschäften nicht zu kurz zu kommen, gerade die Zahlworte fremder Sprachen lieber und leichter lernen, als irgendwelche anderen Vokabeln, hat man auch anderswo beobachtet, z. B. in der Südsee: In einem Beitrag zur Völker- und Sprachenkunde von Deutsch-Neu-Guinea schrieb kürzlich Friedend, daß die Zahlen von eins bis zehn die einzigen deutschen Worte waren, die sich die ihn begleitenden, schwarzen Jungen neben„Donnerwetter" und„Swin" (Schwein) aneigneten. Wie in der Nachbarsdraft des Nordpols so benutzt der Mensch auch in der Südsee zum Zählen seine Hände und Füße. Darum beherrscht auch das Fünfer- bezw. Zehnersystem fast die ganze Südfee. Bei den Sulka auf Neupommern heißt„fünf" geradezu„die Hand", und mit dem Ausdruck„idie beiden Hände" verbinden sie den Begriff der„Zehn". Während die Su-lka kaum über zwanzig hinauszählen, wagen sich z. B. die Küstcnbewohner der nördlichen Gazellenhalbinsel-bis in die Hunderte und Tausend« hinein.„Lima" heißt hier die Hand—„a ilima" ist infolgedessen die abgeleitete Bezeichnung für fünf.„Hundertmal die Hände" be» deutet„tausend". Für„zweitausend" aber hat man den stolzen Ausdruck„Ein ganzer Mann". Das soll heißen:„Soviel mal hundert, als sich Finger und Zehen an einem kompletten Mann be- finden." Die Zahlen, die sich zwischen solchen großen, abschließenden Systemzifscr wie Tausend oder Zweitaufend desinden, müssen aber oft auf furchtbar umständliche Weise ausgedrückt werden. Im tag» lichen Leben-und auf-den Märkten operiert es sich natürlich schlecht mit solch ausgedehnten Zahlworten. Darum haben sich die Einge- borcnen auch für den Handel bestimmte, vereinfachende Zählweisen. die der jeweiligen Ware angepaßt sind, geschaffen. Beim Zählen ihrer geliebten Faden voll Muschelgcld freilich ist der Gebrauch sehr hoher Zahlworte, die sich mit dcu Hunderten und Tausenden be- fassen, oft nicht zu umgehen. Dann-wird aber auch mit feierlicher Langsamkeit gezählt und unter reger praktischer Inanspruchnahme jener urallen, angeborenen Rechenmaschine VorwärtSBuchdruckerei u.Verlagsanjtalt Paul SingerLEo., Benin SW.