AnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 183. Freitag. den 20. September. 1912 (Nachdruck vervolen.I 221 Pelle der Gröberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Pelle wollte gern Bedenkzeit bis zum nächsten Tag haben. „Was wollen Sie sich noch bedenken? Man soll sich nicht zuviel bedenken, unsere Zeit erfordert Handeln. Das Beruf- liche ist ja, wie gesagt, nicht die Hauptsache, ich habe Haupt- sächlich Verwendung für eine Autorität. Sie werden mit anderen Worten mein Vertrauensmann.— Nun ja, dann be- komme ich also morgen Ihre Antwort." Pelle ging langsam nach Hause. Er wußte nicht, warum er Bedenkzeit verlangt hatte, die Sache war ja abgemacht. Wollte man sein Heim gemütlich gestalten, mußte man auch die Folgen hinnehmen und durfte nicht auskneifen, wenn sich zum erstenmal eine Aussicht zeigte, es ein wenig traulicher für Frau und Kinder zu gestalten.— Jetzt war er also Hof- Hund kür seine Genossen. Er ging über den Königsneumarkt und durch den be- lebtesten Stadtteil. Hier drinnen war es hell und festlich, die Bogenlampen hingen wie eine Reihe spähender Lichtvögel über dem Asphalt: von Zeit zu Zeit schlugen sie mit den Flügeln, um sich schwebend zu erhalten. Es war, als fegten sie die Finsternis der Nacht hernieder, große Schatten flatterten durch die Straßen und verschwanden. In den engen Seitengassen stand die Dunkelheit und sah mit aufgesperrteni Mund und Augen in den Lichtglanz hinein, aufdringliche Laute drangen von dort heraus: Dirnenlachen, das einsame Weinen eines Kindes, das endlose Keifen eines unterdrückten Weibes. Aber die Leute lustwandelten, ruhig Plaudernd, zu zweien über den Asphalt und genossen die beginnende Kälte. Aus den großen Caf6s schallte Musik, sie waren über- füllt: die Leute saßen dicht zusammen, jeder in seinem kleinen geschlossenen Kreis und sahen aufgeräumt und gemütlich aus. Auf dem Tisch zwischen ihnen stand der Kühler mit der Ehampagncrflasche, die schräg nach oben zeigte, als wolle sie ihnen selbst den Himmel herabschießen. Wie sie ihres Daseins sicher schienen! Ahnten sie etwa nicht, daß sie auf einer dünnen Kruste saßen, die Hölle der Armut dicht unter sich? Oder war das vielleicht der Grund, weshalb sie so leichtsinnig waren? Heute dir, morgen mir! Sie hatten sich vielleicht damit ausgesöhnt und nahmen, was sie kriegen konnten, ohne allzu gewissenhaft dem heiseren Protest der Hinterstraßcn zu lauschen. Draußen auf dem Rathausplatz unter einem der elektri- schen Ständer stand ein Mann und verkaufte Zeitungen. „Fünf Oere, wenn Sie übrig haben, sonst kostet es nichts!" sagte er und steckte Pelle eine Zeitung zu. Er war bleich, hatte einen dunklen Vollbart und tiefe Schatten unter den Augen: es sah so aus. als trage er ein inneres Leiden mit sich herum, das ihn langsam verzehrte. Pelle starrte ihn an, das war je Peter Drejer, sein Lchrkamerad von daheim! „Gehst Du hier herum und verkaufst Zeitungen?" rief er verwundert aus und reichte ihm die Hand Peter Drejer grüßte still wieder. Er hatte denselben schwermütigen, nach inuen gewendeten Ausdruck wie damals, als Pelle ihn auf der Mansarde in der Jägerstraße traf, sah aber noch versonnener aus. „Ja, ich bin Zeitungsansträger geworden," sagte er, „aber nur nach Feierabend. Es ist ein kleines Blatt, das ich selbst schreibe und drucke: vielleicht tut es Dir gut, es zu lesen." „Wovon handelt es denn?" „Von Dir und mir." „Es ist wohl anarchistisch?" sagte Pelle und betrachtete den Titel des Blattes.„Du warst so sonderbar, als ich Dich das letzte Mal traf.." „Nun, Du kannst es ja lesen.— Bitte schön, fünf Oere, wenn Sie's übrig haben— sonst gratis!" rief er und steckte den Vorübergehenden ein Exemplar zu. Da stand ein Schutz- . mann in einiger Entfernung und beobachtet ihn, er näherte sich in kleinen Nucken. „Du stehst scheinbar unter Aufsicht," sagte Pelle und machte ihn auf den Schutzmann aufmerksam. „Daran bin ich gewöhnt! Ein paar Mal haben sie mein harmloses kleines Blatt mit Beschlag belegt." „Na. dann wird es wohl nicht so ganz harmlos gewesen sein?" meinte Pelle lächelnd. „Ich rate den Leuten nichts weiter, als selbständig zu denken." „Der Rat kann auch gefährlich genug sein, falls er be» folgt wird." „Ach ja. Das Gemeine ist, daß mich die Polizei in meinem Beruf schädigt. Sobald ich Arbeit bei einem Meister be» kommen habe, kommt sofort ein Schutzmann und stellt es ihm anheim, mich zu verabschieden. Nun, das ist ja die gewöhnliche Taktik des Bestehenden! Man führt den Stoß nach dem Magen, da pflegt bei unsercinem nämlich das Herz zusitzen." „Dann wird es Dir wohl schwer. Dich durchzuschlagen,� meinte Pelle. „Ach, es geht. Von Zeit zu Zeit steckt man mich auch einmal ein ohne gesetzmäßige Begründung: und wenn einige Zeit vergangen ist. werd' ich wieder losgelassen, das eine ebenso unmotiviert wie das andere. Man hat den Kopf ver- loren, das gereicht einer Maschinerie, die doch ausschließlich im Gange gehalten wird, uni uns hier nuten zu knechten, nicht gerade zum Lob. Ich habe ein Gefühl, daß man mich gern aus dem Wege räumen würde, wenn sich das machen ließe: aber das Land ist ja nicht groß genug, um jemand darin verschwinden zu lassen. Aber jetzt will ich nicht länger das gejagte Tier spielen. Obwobl ich unsere Gesetze verachte, die nichts weiter sind als eine Maskierung brutaler Macht, gebe ich sehr sorgfältig acht, auf der rechten Seite zu sein. Und wenn man trotzdem wieder Gewalt gegen mich gebraucht, so werde ich mich nicht darin finden." „Das Verhältnis ist so ungleich," sagte Pelle und sah ihn ernsthaft an. „Niemand braucht sich in mehr zu finden, als er selbst will! Aber hier bei uns zu Lande fehlt etwas, die äußerste Konsequenz von uns selbst, die Selbstachtung. Darum schika- liieren sie uns nach Gutdünken." Sie gingen zusammen zur �otadt hinaus. Auf dem Bürgersteig vor einem der großen Caf6s stand ein blutarmes Weib mit einem kleinen Kind auf dem Arm, sie bot ein paar jammervolle Stengel feil, die Blumen vorstellen sollten. Peter Drejer machte eine stume Bewegung vor ihr hinüber nach dem Publikum des Cas6s, sein Gesicht verzerrte sich. „Ich habe nun nichts dagegen, daß Menschen ihr Dasein genießen," sagte Pelle.„Im Gegenteil, es freut mich, zu sehen, daß noch einige glücklich sind. Ich hasse das System, nicht aber die Menschen. Das einzige wären etwa die. die uns allen nichts gönnen und erst so recht bei dem Gedanken genießen, daß andere dasitzen und Mangel leiden." „Und meinst Du, daß jemand da drinen sitzt, der anderen allen Ernstes etwas gönnt? Glaubst Tu, daß einer von ihnen. sagt: ich bin so glücklich gestellt, im Jahr 25 000 Kronen zu verdienen, mehr als die fünftausend darf ich nickt gebrauchen, der Rest kommt den Armen zu? Nein, nun sitzen sie da und schimpfen den armen Mann aus, während sie den Ueberfluß seines Daseins verprassen: die Männer machen die Arbeiter schlecht und die Frauen und Dienstmädchen, jetzt geht's aus einem überfüllten Magen über sie her. Geh mal hinein und lausch zwischen den Tischen: die Armen sind dreckig, unzuver- lässig, undankbar, trotz allem, was man für sie tut, selbst» schuld an ihrein Elend. Das würzt wohl einigen das Fest, andere betäuben ihr schlechtes Gewissen damit. Und alles das. was sie genießen, hat der Arme doch hergestellt, selbst das ausgesuchteste Raffinement hat seine schmutzigen Hände passieren müssen und schmeckt pikant nach Schweiß und Hunger. Sie nehmen es als etwas ganz Selbstverständliches hin, daß es so ist, verwundert sie nickt einmal, daß da nie etwas geschieht, zum Tank für gute Behandlungen� eine kleine herbe gesegnete Mahlzeit, eine Vergiftung zum Beispiek. Stell Dir nur vor, daß tagtäglich Millionen Arme damit be» schäftigt sind, Leckerbissen für die Reichen herzustellen, und niemals fällt es einem von ihnen ein. sich zu rächen, so gut- mütig sind sie! Das Kapital schläft buchstäblich mit dem Kopf in unserem Schoß und' schmäht uns im Schlaf. Aber wie schneiden ihnen nicht die Kehle ab!" _ Bei der Viktoriastraße blieben sie stehen. Der Schutz- mann war ihnen gefolgt und stand gleichzeitig auf der anderen Seite der Streße still. Pelle machte seinen Begleiter darauf aufmerksam. , Peter sah gleichgültig da hinüber.„Er gleicht einem englischen Bluthund." sagte er ruhig,„ein gieriges Gebiß und kein Gehirn! Was mich am meisten quält, ist. daß wir selbst die Hunde liefern, die uns jagen sollen. Aber jetzt fangen wir bald an. unter dem Militär zu agitieren." Er sagte gute Nacht und ging nach den Wiesen hinaus, wo er wohnte. Ellen nahm Pelle ganz oben an der Straße in Empfang. „Min, wie ging es?" fragte sie gespannt.„Hast Du die Stelle gekriegt?" Er machte sie ruhig mit dem Sachverhalt bekannt. Sie hatte den Arm um ihn geschlungen.„Du großer Mann," sagte sie und sah glücklich zu ihm auf,„wenn Du wüßtest, wie stolz ich auf Dich bin. Jetzt sind wir ja reich. Pelle, 35 Kronen die Woche! Freust Du Dich nicht auch?" „Ja, ich freue mich, daß Du und die Kinder es einmal ein bißchen gut bekommst." „Aber Du selbst, Pelle, ich finde. Tu bist gar nicht so entzückt. Es ist doch eir e angenehme Stellung, die Du bekommst!" „Eine leichte Stellung wird es nicht für mich: aber ich muß sehen, daß ich das Bestmöglichste daraus mache," er- widerte er. „Das verstehe ich nicht. Du sollst auf feiten des Fabri- kanten stehen: aber das ist ja eine ganz natürliche Folge einer solchen Stellung. Es ist doch auch sein gutes Recht, daß seine Angelegenheiten beaufsichtigt werden." (Forlsetzuug folgt.).' fräuleün frydenfant. Von Karin Michaelis. Fräulein Frydenfant ist unterwegs! Klein und zierlich, behend und lächelnd, mit �den kleinen flatternden Scidenlocken schwebt sie anmutig über die Straße. Sie geht über das holprige Pflaster, als tanzte sie zwischen Eiern. Ihre Schnürstiefelchen sind aus lachsfarbiger Seide; der allcrälteste Schuhmacher verfertigt sie für sie allein. Fräulein Frydeniant geht nur aus� wenn die Straßen für lachsfarbige Seidenstiefel ge- eignet sind. Leicht und graziös schwebt sie die Straße entlang, nickt grüßend nach allen Fenstern hin, unterhält sich mit allen Kindern, streichelt alle Hunde— und flieht erschrocken vor dem kleinsten jungen Kätzchen. Sie selbst gleicht eigentlich einem recht vcrhätschel- ten Kätzchen. In der rechten Hand hält sie ihren Pompadour. Mit ihren kleinen dünnen Fingern umklammert sie ihn, als wären in seiner schwarzseidenen Tiefe Schätze verborgen. Für den, der Fräulein Frhdenfant nicht kennt, ist nichts Merk- würdiges an diesem Pompadour. Er ist gefällig und nett. Es könnte ein Strickstrumpf darin liegen, ein zusammengefaltetes weißes Taschentuch und ein kleines Portemonnaie aus Saffian. Fräulein Frydcnsvnt selbst sieht mit ihrem süßen Lächeln genau so aus wie irgendeine ehrbare alte Dame, die ihre Nachmittvgsbesuche hei Freunden und Bekannten macht. Und das tut sie auch. Gerade das tut sie. Und die Damen der Stadt, die spionierend vor den Fenster- spiegeln sitzen und in die große weite Welt hinausspähen, rufen schleunigst den Küchengeiftern zu:„Fräulein Frtchenfant kommt! Es ist niemand zu Hause!" Es ist nie jemand zu Hause in den Familien, bei denen die Frhdenfant klingelt. Das heißt, falls ihr Kommen bemerkt worden ist. Die alte Dam« schwebt die Treppe hinauf und klingelt. Das liebliche, menschenfreundliche Lächeln verläßt ihre Lippen nicht. Gibt das Mädchen ihr den, Bescheid, daß leider niemand zu Hause sei, dann nickt sie bloß und bittet, viel, vielmals zu grüßen, schleicht dann ganz still wieder binab und geht in die nächste Einfahrt oder durch die nächste Haustür. Slber das ist das Charakteristische für die Frhdenfant. daß sie nur so lange, wie es ihr paßt, von Tür zu Tür geht. Es kommt vor, daß sie vor einer Tür vor sich hin nickt, und durch d> e Tür kommt sie hinein. Keine Mocht der Welt kann sie daran hindern. Wenn das Mädchen«uch hier in bedauerndem Ton ihren Be- .scheid herleiert, sagt Fräulein Frhdenfant einfach mit ihrem be- zaüberndsten Lächeln:„Das macht gar nichts, Kleinchen. Ich warte gern. Ich Hab' ja schon so oft gewartet!" Und dann zwängt die Frydensant sich mit sanfter Gewalt an dem Mädchen vorbei. Sie bindet ihr Hutband auf und öffnet ihre Pelerine. Fräulein Frhdenfant lächelt stets gleich holdselig mag Sie Stube leer sein, weil man noch eben hat entwischen rönnen.— oder mag die Frau des HauscS beschämt aust dem Fenstertritt sitzen, bereit, tausend Entschuldigungen zu stammeln, wie sehr man sich doch immer wieder über diese dummen Dienstboten ärgern müsse, die auch rein gar nichts verständen. Denn wenn man auch sonst für niemand zu Hause sei, für Fräulein Frhdenfant sei man natürlich doch immer zu sprechen. Ist die Stube leer, dann geht die Frydenfan! umher, schnuppert hier und schnuppert da. rückt vor dem Spiegel ihre feinen Löckchen zurecht und die tondernschen Spitzen, die sich am Halse immer umlegen. Dann öffnet sie die Tür nach der Küche und sagt:„Ach, Kleine, haben Sie nicht einen Löffel Marmelade für mich? Das Gehen nimmt einen so mit!" Worauf das Mädchen mit dem unseligen Tablett erscheinen muß. Durch alle Schlüssellöcher beobachtet man nun, wie Fräulein Frhdenfant sich gegenüber dem Tablett mit dem Eingemachten ver- hält. Ganz still sitzt sie da und sieht danach hin. Lächelnd, in seligem Vorgenutz, wie die Katze mit der endgültig gefangenen Maus. Auf dem Tecbreit stehen Wassergläser, das Körbchen mit den Teelöffeln, kleine Schalen mit verschiedenen Marmeladen und einige GlaS- teller; auch selbstgebackene Näschereien oder Gewürzzw-ieback vom Bäcker. Nun nimmt Fräulein Frhdenfant alle Löffel aus dem Korbe und wiegt sie in ihrer Hand, einen nach dem anderen, mögen sie auch alle den gleichen Stempel tragen und zu derselben Stunde bei demselben Silberschmied zur Welt gekommen sein. Einer der Lössel wird ausgewählt und gleitet, mit einem kleinen Wuppdich, lautlo' und blitzschnell in den Pompadour. Keine Miene in Frau- lein FrhdenfantS Gesicht verzieht sich. Von allen Gerichten nimmt sie sich etwas. Immer nur ein bißchen aus den Teller und ein bißchen auf die Spitze des Tee- löffels. Ihr kleiner roter Mund schleckt mit Ergötzen die süßen Sachen. Bon Zeit zu Zeit taucht sie den Löffel in das Wasserglas, wenn sie zu einer anderen Sorte übergeht oder sie lehnt sich auf ihrem, Stuhl zurück und fängt an, leise vor sich hin zu summen. Draußen wechseln sich die Hausbewohner ab und überwachen lautlos Fräulein Frhdenfants Tun. Aber unverdrossen fährt sie fort zu essen, als ob ihre irdischen Bedürfnisse sich auf Marmeladen und Gelees beschränkten, und als hätte sie achhmdvierzig Stunden lang gefastet. Ohne jeden Uebergang läßt sie schließlich ab von dem Tablett mit dem Eingemachten, mit einem Ruck fährt sie auf— wie die Katze, die auf dem Sprunge steht—■, wittert einen Augenblick umher und steuert dann auf die Stelle zu. wo sich die Wertsachen befinden. Es gibt Familien, die auf Etageren� die schwer staubfrei zu halten sind, förmliche Gestüte von Hunden, Katzen, Hühnern haben, sowie Pantoffeln, Schäferinnen, geflochtene Körbchen und Kuh- glocken, alles aus Fayence, Porzellan u-nd Biskuit. Und andere, die auf den aufgeschlagenen Klappen ihrer Sekre- täre ganze Scharen von Spangen, schuppigen u,ck> gegliederten Fischen, Nadelbüchsen, Riechfläschchen und Löffeln mit eingra- vierten alten Jahreszahlen aufbewahren, alles aus Silber. Alle Familien haben ein oder mehrere Flakons mit geschliffe- nen Kristallstöpseln, die mit Kölnischem Wasser gefüllt oder leer sind. Diese Ilakons werden nicht benutzt so wenig, wie die harten Sofpkissen und die Damenfchreibtische. an denen niemand sitzen kann. Fräulein Frhdenfant steht nun vor allen diesen Herrlichkeiten. Sie atmet tief und selig, eine leichte Röte kommt und geht auf ihren Wangen. Lange und wiederholt nimmt sie alles in Augen- schein. Der Silberfisch zappelt im Pompadour. Kein Fischer kann die Angelschnur sc schnell heranziehen. Und Fräulein Frhdcnfvnts dünne Hand preßt die Oeffnuny des Beutels so ffst wie ein Kind, das einen schleimigen Aal um- klammert hält. Mit reinem, mildem Blick sieht Fräulein Frydcnfont sich in der Stube um. bevor sie ins Entree hinausgeht. Hinter dem Schlüsselloch ist jetzt niemand mehr. „Ja, ich glaube doch, es ist besser, wenn ich mich wieder auf die Strümpfe mache!" sagt sie und streichelt dem Mädchen die Hand.„Bestellen Sie bitte viele, viele Grütze! Und schönen Dank für die Marmelade! Sie war gut! Wirklich!" Das Mädchen hilft ihr beim Anziehen der Pelerine und bindet ihr die Hutbänder. Fräulein Frhdenfant steht sie warm an: „Sagen Sie mir Ihren Namen, Kleinchen, damit ich ihn mir gut notieren kann!" Das Mädchen fagt seinen Vornomem aber Fräulein Frhden- sank verlangt den Namen ganz.„Man ist ja nun bald recht be- jährt. Und da ist es am besten, Ordnung in seinen Sachen zu haben. Besonders wenn man keine näheren Verwandten hat!" Das Mädchen muß seinen vollen Namen mit dem Geburts- datum auf einen Papierstreiftn schreiben, den Fräulein Frhdenfant dann um den Finger wickelt und später in den Pompadour steckt: „Etwas Großes kann ja nicht für jeden abfallen, wenn man so vieje Freunde hat, die man alle bedenken möchte; wenig ist aber immer mehr als gar nichts. Und was w o n i g fiür den einen ist, kann für den anderen eine ganze Herrlichkeit sein... Sie hoben vielleicht einen Schatze wie ich mir denken kann?" Ja, das Mädchen hat einen Schatz. »Da sehen toir'af Da sehen foir'Sf Ein Keiner Beitrag für die Aussteuer ist, nie zn verschmähen! Ja, ja, diese jungen Leuiel" Und nun ist die Frydensant die Treppe hinabgehuscht, und daS Mädchen starrt ihr ganz verbaselt nach. Fräulein Frhdenfant hat viel Geld. Fräulein Frhdenfant ist reich! Die Frau des Hauses stellt ihren Verlust fest. Ein silberner Teelöffel ist weg. ein Silberfisch aus dem fiek�ehnten Jahrhundert und ein Flakmstöpsel. Den letzteren wenigstens hätte man retten können. Frau Kassierer Nielsen ist auf die Idee gekcmunen. Glasstöpsel zu kaufen und, wenn das Wetter für Seidenstiefelchen geeignet ist. aus Flakons und Karaffen zu setzen. Aber man ist vergeblich gewesen. Dagegen unechte Löffel für Fräulein Frhdenfant hinzulegen, wie Justizrats es getan haben, die dann natürlich dem Mädchen die Schuld gaben das ist so eine Sache. Man kann nie wissen... Die Dame des Hauses öffnet das Geheimfach des Sekretärs, wo sie ihre Lotterielose und ihre falschen Zöpfe für die grossen Festlichkeiten verwahrt— sonst klatschen die Mädchen darüber!—, und entnimmt dem Gefach ein dickes, zusammengefaltetes Doku- ment, das mit seidenen Schnüren umwickelt und mit veilchenblauem Siegellack versiegelt ist. Ihr voller Namen steht darauf, in Fräu- lein Frydensantt sonderbarer Schrift geschrstben. Jeder Buchstabe ist wie eine Vignette für sich. Verschlungene Blätter, eine Rosenranke oder ein mit Früchten besetzter Zweig. Und zwischen diesen Buch- staben schwirrt eine Heerschar von flockenzarten Bienen. Käfern, Schmetterlingen und Libellen umher; das alles ist mit der gleichen Zierlichkeit gezeichnet, wie die Kurven in Fräulein Frhdenfants seidenen Löckchen. Dieses Papier ist Taufende wert. Auf, sein Konto kann man schor hin und wieder einen Löffel, einen- ererbten Silberfisch oder eine Spange opfern.... Dinge, die man ausserdem, wenn man nur genau Buch führt, zurückbekommen kann, wenn Fräulein Frhdenfant erst einmal tot ist. Ewig wird sie ja nicht leben. Niemond kennt die Grösse der Summe, aber man kennt den Wortlaut des versiegelten und beglaubigten Schenkungsbriefes. „Ein Zehntel von allem, was ich hinterlasse!" So hat Fräu- lein Frhdenfant eS bestimmt. tSchluss folgt.) Vom l�aturforlekertag. Die naturwissenschaftliche Hauptgruppe behandelte am Mitt- woch nachmittag „Die Wissenschaft vom Leben in ihrer Bedeutung für die Kultur der Gegenwar t". Den ersten Vortrag hielt hier Prof. v. W e t t s e i n- Wien. Die Biologie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts lätzt sich, so führte er aus, am besten charakterisieren als die Biologie unter dem Einfluh der Deszendenzlehre und speziell des Darwinismus. Die Ueberzeugung von dem entwicklungsgeschichtlichen Zusammen- hange aller Organismen stellte die Verbindung der theoretischen Biologie mit der Medizin, mit der Soziologie, mit der Landwirtschaft, wie überhaupt mit den angewandten Naturwissenschaften her. Die Diskussion über den Entstehungsmodus neuer Orga- nismenformen, die zu einer Revision der Darwinschen SelcktionS- lehre führten, verleiteten manchen dazu von einer„tfrifis" zu sprechen. Aber der wissenschaftliche Betrieb der Biologie zeigt nichts, was mit Recht als Symptom einer Krisis gedeutet werden könnte. Unverrückt steht die Basis, auf der wir im letzten halben Jahrhundert so stolz sind Erfolge zu erzielen, und wenn sich die Methoden ändern, so ist dies nur ein erfreuliches Zeichen dafür, dass die Wissenschaft aus sich selbst heraus ihre Fortentwicklung findet. Nicht so befriedigend ist das Ergebnis, wenn wir nicht den Betrieb der wissenschaftlich-biologischen Forschung selbst ins Auge fassen, sondern die Beziehungen, dw zwischen der Wissenschaft und den weiten Kreisen des Volkes bestehen. Wenn es sich um den Einfluß einer Wissenschaft auf die Kultur einer Zeit handelt, kommt es naturgemäß sehr darauf an, wie die Ergebnisse der Wissenschaft ihre Verbreitung finden. Die geistige Vermittelung zwischen der Forschung und den weitesten Kreisen des Volkes ist gerade für die Biologie von besonderer Wichtigkeit, da hier die naturgemäße Vermittelung durch den Schulunterricht sehr ein- geengt ist. Deshalb hat der Biologe ollen Grund, der popu- lären Literatur seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der biologischen Literatur im weitesten Sinne des Wortes hasten viel- fach Schwächen an, da sie die große Masse über den Geist der Wissenschaft unrichtig informiert und den Geschmack des Publi- kums ungünstig beeinflußt. Die erste dieser Schwächen ist die vielfach hervortretende Tendenz, theoretischen Betrachtungsweisen zu großen Spielraum einzuräumen. Die lheoretische Behandlung des naturwissenschaftlichen Materials muß den Schlußstein der Tätigkeit des einzelnen bilden und nicht den Beginn. Wir haben allen Grund, ein Ueberwuchern der philosophischen Methode zu bekämpfen. Eine zweite Schwäch« unserer populären Literatur cnt- spricht dem Streben, zuviel zu erklären. Wenn wir den Vor- trägen mancher populärer Biologen folgen, so hören wir oft eine Fülle von Erklärungen, die manchmal sehr anregend und de- lehrend erscheinen, und wenn wir fragen, auf welcher Unter. suchung, auf welcher Beobachtung beruht denn diese Erklärung, so erhalten wir keine Antwort. Hier lind Uebertreibungen unbedingt zu bekämpfen, nicht nur, weil sie melmch Unerwiesenes und Un« richtiges lehren, sondern auch, weil sie dem Fernstehenden die Mei« nung beibringen, die Biologie sei-eine Wissenschaft, in der Deu- tungen eine größere Rolle spielen als die Beobachtungen. Mehr als eine Schwäche jedoch, geradezu ein Vergehen gegen die Interessen der Biologie, ist das so häufig zu beobachtende Streben, dem Wunsch weiter Kreise nach Sensationellem. Ueberraschendem, ja Paradoxem Rechnung zu tragen. Wir leben in einer raschlebigen Zeit; starke Eindrücke sind an die Stelle tiefer getreten, und das in diesem Sinne erzogene Publikum wünscht eben solche Eindrücke auf dem Gebiete der Wissenschaft. Die Wissenschaft verträgt sich aber mit diesen Wünschen nicht. Der Schaden, der durch den Hang nach Sensationen zugefügt wird, be- steht darin, daß das Interesse für weniger Sensationelles und mag es noch so bedeutsam sein, verloren geht, daß das Bestreben ent- steht, durch aufsehenerregende Augenblickserfolge eine Stellung im Kreise der Forscher zu erringen. Im Anschluß an das über die populäre Literatur Gesagte knüpft der Vortragende noch einige prinzipielle Bemerkungen über den biologischen Unter. r i ch t. Die Eigenart des naturkundlichen Unterrichts an den mitt- lere» Lehranstalten liegt darin, daß er nicht nur Einzelkenntniffe vermittelt, sondern daß er allein Gelegenheit bietet, einige gedank- liche Operationen von größter Wichtigkeit zu erlernen und zu üben; er allein operiert nicht hauptsächlich mit Wortbildern, son- dern mit Vorstellungen von Dingen, gibt so die Möglichkeit der Schulung im Beobachten, im Gewinnen allgemeiner Sätze aus Tatsachen. Dadurch wird dem Schüler die Ueberzeugung bei- gebracht, daß die Grundbedingung für jeden Fortschritt � auf biologischem Gebiete wie auf naturwissenschaftlichem Gebiete über- Haupt Beobachtung und Experiment bildet. Ueber die Notwendigkeit des biologischen Unterrichts in den höheren Lehranstalten sprach sodann Professor Czerny- Strassburg, und zwar vom Standpunkt des Arztes aus. Biolo- gischcs Denken sei notwendig zum Verständnis der hygienischen Faktoren, z. B. der Reinlichkeit. So manche Stadt hat wunder- volle Kirchen und prachtvolle Museen gehabt, ehe sie eine Kanali. sation und genügende Anstalten für Kranke besaß. Wären in un- serem Bildungsgang die humanistischen Wissenschaften gegenüber den biologischen nicht einseitig bevorzugt worden, so hätte die Entwickelung unserer Städte wohl eine andere Reihenfolge aufzu- weisen gehabt. Der Landbewohner erwirbt durch die tägliche Be- obachtung der Naturvorgänge mancherlei biologische Kenntnisse, für den Stadtbewohner muß dafür der biologische Unterricht einen Ersatz schaffen. Nur die Unkenntnis der elementaren biologischen Tatsachen erklärt es, daß die huttan.stisch gebildeten deutschen Studenten geradezu eine führende Stellung im Mißbrauch des Alkohols erlangt haben. Mit Bewunderung sehen wir, wie auf Grund der Erfahrungen in den Tiergärten die alten Käfige ver- schwinden und wie für die Tiere ein Terrain geschaffen wird, wie sie es für ihr Gedeihen brauchen, weil sie sonst im Käfig degene- rieren. Auf die Lebensführung des Menschen sind diese wertvollen biologischen Studien bisher ohne Rückwirkung geblieben. Für unsere Kinder werden die Käfige immer enger. In den Städten gibt es keinen Platz für die Kinder mehr. Aber was nützt uns ein gebildeter Nachwuchs, wenn er körperlich minderwertig ist? An biologisches Denken erinnern wir uns erst, wenn sich krankhafte Verhältnisse einstellen. Deutschland ist bereits so weit, daß die Sorge um den genügenden Nachwuchs auftaucht. Sichern wir ihm zunächst einmal freien Raum und bessere Lebensbedingungen, dass er sich kräftig entwickeln kann.\ Wrrd die Qualität verbessert, so wird es an der Quantität nicht fehlen. Justus Liebiz forderte, dass alle Wissenschaften eine Förderung erfahren, die nicht nur den Geist, sondern auch das materielle Wohl des Volkes heben. In dem Sinne dieses Ausspruches erstreben wir die Förderung des biologischen Unterrichts an den höheren Lehranstalten(und hofsent- lich auch an alle Volksschulen. D. Red.). In ähnlichem Sinne sprach sich arch der dritte Vortragende. v. H a nn st e i n- Berlin, auS. In der Abteilung für Physik und Elektrotechnik berichtete am Donnerstag Ingenieur Uhlig-Berlin über Kinematographie der Technik. Je mehr die Zahl der kinematographischen Theater wächst, desto lebhafter werden die Klagen, daß die Vorführungen, die sie dem Publikum bieten, überwiegend ohne jeden erzieherischen oder dilo- nerischen Wert sind. Daß die Kinematographie als solche daran nicht schulo ist, haben in neuerer Zeit u. a. die Siemens-Schuckert- Werke bewiesen, indem sie kinematographische Aufnahmen in ihren eigenen Fabriken und in anderen, von ihnen elektrisch ausgerüste- ten Betrieben machen ließen, die die Vorgänge aus der Technik in bisher unerreichter Vollkommenheit wiedergeben. Allseitig wird anerkannt, daß diese Bilder, die in Berlin und anderen Städten unentgeltlich vor Schülern und Vereinsmitgliedern vorgeführt wurden, einen großen bildenden Wert besitzen. Einige dieser Bilder führen in das Gebiet der mechanischen Technologie, um die Ver- hüttung des Eisens und seine weitere Verarbeitung zu zeigen. Auch die Verwendung von Hilfsmaschinen bei der Gewinnung von Rohprodukten wiro in diesen Bildern gezeigt. Alle diese Dar» stellungen sind sicherlich geeignet, in anschaulicher Weise das Ver° ständnis für die technischen Vorgänge zu fördern und dadurch das Interesse für die Technik namentlich bei der Jugend zum Nutzen der technischen Industrie hervorzurufen. Ueber d'e Statistik der Kindertuberkulose sprach in der Abteilung für Geburtshilfe Dr. L. Ascher- Hamm. Der Referent wie? auf das merkwürdige Verhalten der Tuber- tulosesterblichkeit im Gegensatz zur Infektion in schulpflichtigem Mter hin. Die Sterblichkeit erreicht hier, wie bei allen Todes- Ursachen, ihren Tiefpunkt, während die Infektion, gemessen an den tuberkulösen Befunden, unter allen in einer Reihe pathologischer Institute obduzierten Leichen nahezu ihren Höhepunkt erreicht. Entsprechend der geringen Sterblichkeit waren auch die Fälle von tuberkulöser Erkrankung im schulpflichtigen Alter so gering, daß man Fälle von offener Tuberkulose im schulpflichtigen Alter als Seltenheit bezeichnen kann. Diese Feststellungen, die schon mehrere Jahre zurückliegen und anfangs sehr angegriffen wurden, haben inzwischen ihre volle Bestätigung erhalten: die hohe Jnfektions- ziffer durch die Tuberkulinuntersuchungen nach Pirquet, die niedere Sterblichkeit durch Bernhard Fraenkel und die geringe Zahl offener Tuberkulosen durch die verschiedensten schulärztlichen Untersuchungen. In einer Gesamtsitzung der naturwissenschaftlichen und der medizinischen Hauptgruppe, die Donnerstag vormittag stattfand, sprach Prof. Dr. C. C o r r e n s- Münster über: Kererbung und Bestimmung des Geschlechtes. Der Vortragende betonte einleitend, daß er das interessante Problem vom theoretischen Standpunkt aus behandeln wolle und führte dann weiter aus: nicht nur jedes Geschlecht, sondern auch jede Keimzelle besitzt die Fähigkeit, für die Entfaltung sowohl des männlichen als des weiblichen Mcrkmalkomplexes zu sorgen. Der Prozeß der Geschlechtsbestimmung besteht in der Unterdrückung der einen Mertmalgruppe zugunsten der anderen. Ueber das Ge- schlecht des Nachkommen wird aber erst nach der Befruchtung de- sinitiv bestimmt. Die Untersuchungen des letzten Jahrzehnts haben es jvahrscheinlich gemacht, daß bei den getrennt-geschlecht- lichen Wesen, also bei den Tieren und höheren Pflanzen, schon die Keimzellen eine bestimmt sexuelle Tendenz besitzen, und zwar so, daß das eine Geschlecht nur einerlei Keimzellen bildet, während daS andere Geschlecht zweierlei Keimzellen hervorbringt. Danach unterscheidet man Homogametische und hcterogametische Ge- schlechter. Die Bestimmung des Geschlechts des Embryo würde dann bei der Befruchtung und zwar so zustande kommen: die eine Art der Keimzelle des hctervgametischen Geschlechts dominiert mit ihrer Tendenz über die Tendenz der Keimzelle des homogametischcn Geschlechts und es entsteht das heterogametische Geschlecht aufs neue. Die Geschledjtsbestirrmung ist also ein komplizierter Bor- gang, der in mehrere Phasen zerfällt. Zunächst handelt es sich um die Bestimmung der Tendenz der Keimzelle. Das ist nach allem, was wir wissen, ein Vererbungsvorgang, und insofern können wir sagen: das Geschlecht wird vererbt. Erst beim Zu- sammentreffcn der Keimzellen bei der Befruchtung fällt dann die Entscheidung über das Geschlecht des Emb�tzo. Die Entscheidung ist meist eine definitive; nur selten läßt sich z. B. unter dem Ein- ifluß von Parasiten die theoretisch stets denkbare Acnderung des Geschlechts nachträglich wirklich beobachten. Welche Tendenzen bei L>er einzelnen Befruchtung zusammentreffen, entscheidet jedesmal der Zufall, der also bestimmt: männlich oder weiblich. Daß das Geschlechtsverhältnis nicht genau 1 zu 1 ist, sondern in einer für die Spezies oder Raffe charakteristischen Weise zugunsten des einen oder anderen Geschlechts verschoben ist, hängt wohl von sekundären Einflüssen ab. z. B. von einer ungleichen Widerstandsfähigkeit der Keimzellen oder Embryonen gegen schädliche Einflüsse. Nach deni heutigen Stand unserer Kenntnisse sind also die Chancen sehr gering, daß wir die Geschlechtsbestimmung beim Menschen jemals wirklich in die Hand bekommen werden. Die einzige Möglichkeit scheint noch die, daß das weibliche Geschlecht heterogametisch wäre und die Reifung der Eizellen mit männlicher und mit weiblicher Tendenz in bestimmtem Wechsel erfolge. Wahrscheinlich ist eine solche Reihenfolge aber durchaus nicht. Alles spricht vielmehr da- für, daß nur der Zufall entscheidet, ob das ausgestoßene Ei vorher, das heißt bei der Reifeteilung, die eine oder die andere Tendenz «rhalten hat. Damit wäre aber schon bestimmt, ob das Kind dem einen oder dem anderen Geschlecht angehören wird. Es ist ja auch gar kein Grund einzusehen, warum ein komplizierter Wechsel zwischen Eiern von verschiedener Tendenz vorhanden sein soll, wenn der Zufall allein zu demselben Resultat, der Bildung von an- nähernd gleich viel männlichen und weiblichen Nachkommen, führt. Aengstliche Gemüter, die von der Entdeckung der willkürlichen Ge- schlechtsbestimmung den Umsturz der Weltordnung erwarten, glaubte der Vortragende damit trösten zu können: die Einblick«. die in der letzten Zeit in das Wesen der Geschlechtsbestimmung gewon uen wurden, haben uns diesem Ziele nicht genähert, sondern entschieden von ihm entfernt. Und es sieht fast so aus, als ob wir über kurz oder lang vollen Einblick haben und dann beweisen könnten, daß die Bestimmung des Geschlechtes beim Menschen nach unserem Wunsche ebenso unmöglich ist, wie die Quadratur des Zirkels oder das Perpetuum mobile. Ueber dasselbe Thema sprach dann noch Prof. Richard Gold- Verantw. Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. schm i d t- München, der die zelluläre Seite des Problems be- sonders behandelte. An dritter Stelle sprach Prof. Walter S k r a u b- Freiburg i. Br. über:_ Kleines f euilleton* Kulturgeschichtliches. Chinesische Druckerei. Wer ein Verständnis dafür erlangen will, welcke Bedeutung sür China die Einführung einer neuen und bequemeren Schrift besitzt, muß eine Druckerei aufsuchen, die für die Herstellung von Büchern in chinesischer Sprache bestimmt ist. Er braucht zu diesem Zweck nicht einmal bis nach China zu reisen, sondern kann in großen asiatischen Sammlungen der europäischen Museen einen Einblick in den umständlichen Betrieb erlangen, den eine solche chinesische Druckerei erfordert. Wenn die Chinesen trotz- dem auf diese Errungenschaft stolz find, so haben sie ein Recht darauf, weil der Buchdruck in ihrem Lande lange vor Gutenbergs Zeiten erfunden und benutzt worden ist. Es verhält sich mit dieser Errungenschaft ebenso wie mit anderen Einzelheiten der nichtchinesijchen Kultur, die schon sehr früh geschaffen wurden, ldafür aber auch in der EntWickelung völlig oder beinahe stehen geblieben sind. Der älteste bekannte Buchdruck aus China und damit aus der ganzen Welt, der bisher bekannt ge- worden ist, stammt aus der Zeit der Tanakaiser, die von ö18 bis 906 regierten. Diese ehrwürdige Urkunde ist nicht etwa ein ganzes Buch, sondern nur ein einfacher Papierstreifen, der noch heute im Britischen Museum aufbewahrt wird. Dieselbe Sammlung cnt- hält dann ein wirkliches Buw. daS im Jahre 1099 hergestellt worden ist und in Anbetracht dieses hohen Alters eine erstaunliche Erhaltung aufweist. Die Druckerschwärze erscheint noch ganz frisch, und diese Güte ihres Zustandes erklärt sich angeb- lich daraus, daß zu ihrer Herstellung Kampfer benutzt wurde. Drei andere Druckwerke, die im 12. und 13. Jahrhundert in Japan hergestellt worden sind, fallen in die Zeit der Sunglaiser. Ein be- sondercr Stolz der Sammlung ist ein gedruckter Band aus der Zeit der Mongolenberrschaft in China, der die gesammelten Werke eines großen chinesischen Gelehrte» enthält. Unter den Mingkaisern, der letzten chinesischen Dynastie des Reiches, die den Mandschu voraus- ging, erreichte die Buchdrucksrkunst eine besondere Höhe, und ihre Erzeugnisse, die etwa in derselben Zeit entstanden als die Buch- drnckerkunst in Europa eingeführt wurde, zeichnen sich durch einen hohen Glanz aus. Aus dem Pflanzenreich. Eine merkwürdige Herbstblume. Im Herbst sieht man in den Blumenhandlungen häufig eine braune runde Zwiebel auf Gestell oder Tisch liege», die ohne Erde und Wasser kräftige Blütenstengel treibt, an denen sich hübsche violette oder fliederfarbige Blüten entfalten. Diese merkwürdige Treibzwiebel ist eine kultivierte Form unserer Herb st zeitlose(Colchicum autunmale), deren charakteristische Blüte zur Herbstzeit als letzte Blumengabe deS Jahres auf den schon fahl gewordenen Wiesen erscheint. Weil die Blume so zur Unzeit blüht, hat sie den Namen Zeitlose be- kommen; sie ist»och besonders dadurch bemerkenswert, daß sie im Herbst nur die Blüte treibt, während die Blätter und Früchte erst im nächsten Frühjahr erscheinen. Die alten Botaniker, die das Leben dieser Pflanze noch nicht genau kannten, glaubten. die Früchte erschienen im Frühjahr zuerst, und dann im Herbst erst die Blüte, und sie nannten die sonderbare Pflanze daher„?ilius ante patrem"(.Der Sohn vor dem Vater"). Die Pflanze soll aus Kolchis an. Schwarzen Meer stammen, weshalb sie den botanischen Namen Colchicum erhielt. Nach einer alten griechischen Sage be- reitet« Medea nach der Rückkehr der Argonauten einen Zaubertrank, um dadurch den alten Jason, den König von Jolkus, zn verjüngen. Vön diesem Zaubertrank fielen einige Tropfen zur Erde, und aus ihnen entsproß die Herbstzeitlose. In späteren Zeiten wurde die Herbstzeitlose noch häufig zu Gift- und Zaubertränlea benutzt, denn die Knolle birgt ein sehr heftiges Eist, das Colchicm. Durch die Kunst des Gärtners ist nun die Herbstzeitlose in so hohem Grade kultiviert worden, daß sie trocken, ohne Topf, ohne Erde und ohne Wasser blüht, num braucht die Zwiebel nur irgend wohin zu legen, Ivo sie Licht hat, dann entwickelt sie ihre Blüte ganz von selbst. Ja, sogar ohne Licht bilden sich die Blüten voll- komme» an der trocken liegende» Zwiebel, in diesem Falle aller- dings farblos. ES dürfte kaum ein zweites Gewächs bekannt sein, das ohne irgendwelche Pflege so kräftige, zahlreiche und schön- farbige Blüten hervorbringt, wie dieses Colchicum. Im Freien wie im Zimmer hat die inerktvürdige Blunie daher eine große Zahl von Verehrer» gefunden; ihre EntWickelung überrascht um so mehr, als die braune Zwiebel in der ersten Zeit einen gänzlich leb- losen Eindruck macht. Die Blütezeit des Colchicum fällt in die Monate September und Oktober. Kurz nach dem Abblühen kann man die noch völlig wurzellose Pflanze in einen nicht zn kleinen Blumentopf mit nahr- haster, am besten mit Torfmull vermengter Erde setzen. Man erhält dann bei anfänglich schwächerem, später starkem Gießen im Winter eine kräftige Blattpflanze mit großen, glänzend grünen, unregel- mäßig eiförmigen Blättern, die dem winterlichen Blumentisch zum Schmucke dient._ — Druck u. Verlag: vorwartSBuchdruckerel u.VertagSanstaltPayISingertCo.,Bert»nLlV.