Hlnttthaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 184. Sonnabend den 21. September 1912 lZZaSdruS dsrbolen.) 23] pelle der Gröberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Ellen, trug ihm das Abendbrot auf,«das sie im Ofen warmgeHalten hatte. Bon Zeit zu Zeit sah sie ihn verwundert an; da war heute etwas an ihm, was sie nicht begriff. Er war überhaupt ein wenig sonderbar geworden in seiner Be- urtoilung der Dinge dadrinnen im Gefängnis, und darüber konnte man sich ja nicht wundern. Sie kam hin und strich ihm über das Haar. „Du sollst sehen. Du selbst wirst auch noch ganz zufrieden damit werden." sagte sie.„Welch Glück für uns, daß er seine Geschichte nicht selbst beaufsichtigen mag!" „Er gibt sich ja mit Politik ab," entgegnete Pelle zer- streut.„Vorläufig legt er es wohl darauf an, mit Hilfe der Arbeiterstimmen in die Bürgervertretung hineinzukommen." „Dann ist es wirklich sehr gut von ihm, Dich anzu- nehmen," sagte Ellen lebhaft.„Du bist doch mit den Sachen vertraut und kannst ihm helfen! Wenn wir sparsam sind, können wir vielleicht einmal so viel erübrigen, daß wir ihm das Geschäft abkaufen können." Sie sah so glücklich aus und bemuhte sich, ihn zu der- hätscheln, bald aus diese, bald auf jene Weise. Die Freude machte sie noch schöner, und wenn er sie so sah, war es ihm unmöglich, irgend etwas zu bereuen. Sie hatte ihm alles geopfert, und es gab keinen Weg um sie herum. Er mußte sie sich einmal in vollem Glück hingeben sehen! Mochte es kosten, was es wolle, ihr schuldete er doch alles. Wie schön war sie in ihrer Unberührtheit. Noch hatte sie eine Nei- gung, sich schwarz zu kleiden, und mit dem dunklen Haar, das das blsche Gesicht umrahmte, glich sie einer von diesen Schwestern, die viel durchgemacht haben und alles aus Barmherzigkeit tun. Es fiel ihm auf, daß er sie nie so recht hatte auslachen hören, sie lächelte immer nur. Das Stärkste hatte er noch nicht in ihr ausgelöst: er hatte es nicht vermocht, sie glücklich zu machen. Darum hatte sie Bett uni> Tisch mit ihm geteilt und dennoch das Schönste für sich zu behalten, wie eine trotzige Jungfrau. Aber jetzt färbten sich ihre Wangen in glücklicher Erwartung, und ihre Augen ruhten in Spannung auf ihm. Er war nicht mehr der graue Alltag für sie: er war das Märcheni. das überrumpeln konnte, wenn die Not am größten war. Und die Veränderung konnte er nicht leicht zu teuer erkaufen. Frauen waren nun einmal nicht zu Unglück und Einsamkeit geboren: sie waren Blumen, die sich erst ganz erschlossen, wenn das Glück sie küßte. Ellen sollte die Ver- antwortung auf ihn wälzen dürfen. Am nächsten Tage kleidete er sich sehr fein an, um hinzu- gehen und endgültig mit ldem Fabrikanten abzuschließen. Ellen war ihm behilflich, seinen Kragen im Nacken zuzu- knöpfen und ihn abzubürsten: währenddes plauderte sie über die Zukunft, es klang wie sorgloses Vogelgezwitscher.„Was machen wir nun aber? Wir müssen ja sehen, daß wir die Wohnung loswerden und in das andere Ende der Stadt ziehen," sagte sie,„sonst hast Du weit zu gehen." „Ich hob' ganz vergessen, Dir zu erzählen, daß wir da draußen wohnen sollen. Er hat drei Aufgänge mit Ein- zimmerwohnungen, für die sollen wir Vize sein. Er selbst kann nicht recht mit den Bewohnern fertig werden." Pelle hatte das nicht vergesien, konnte es aber nicht über- winden,-ihr zu erzählen, daß er Hoshund sein sollte. Ellen sah ihn versteinert an.„Gehört das mit zu der Stellung?" fragte sie und rang nach Atem. Pelle nickte. Plötzlich sprang sie auf ihn ein.„Du tust es nicht!" schrie sie und packt««ihn beim Arm,„hörst Du. Pelle, Du tust es nicht!" Sie war ganz außer sich und starrte ihn flehend an.„Ich begreife Dich gar nicht." Er sah sie verwirrt an und murmeite etwas zu seiner Verteidigung. „Si�st Du denn nicht, daß er Dich nur ausnutzen will?" fuhr sie heftig fort.„Das ist ein Judaspostcn, den er Dir angeboten hat, aber wir wollen unser Brot nicht verdienen, indem wir arme Leute auf die Straße schmeißen. Ich Hab' es mir selbst versucht, meine Habseligkeiten im R-mnstein treiben zu sehen. Ach, wenn Du Dich un darauf eingelassen hättest!" Sie starrte schaudernd vor sich hin. „Ich begreife auch wirklich nicht, wo Du Deinen Verstand gehabt hast: Du, der sonst so vernünftig bist," sagte sie, als sie wieder ruhig gerworden war, und sah ihn vorwurfsvoll an. Aber dann auf einmal verstand sie das Ganze und brach zusammen. „Ach, Pelle, Pelle!" schluchzte sie und verbarg ihr Antlitz. 8. Pelle las nicht mehr und ging auch nicht mehr in die Bibliothek: er hatte genug zu tun, um die Sache im Gange zu ha Item Jetzt konnte auch keine Rede mehr davon sein, eine Stellung zu suchen: der Winter stand vor der Tür, das Heer der Arbeitslosen wuchs mit jedem Tage. Er hielt sich zu Hause, arbeitete, wenn er Arbeit hatte, und gab sonst, wenn Ellen wusch, acht auf die Kinder. Mit Lasse Fredrik redete er wie mit einem Kameraden: aber es war auch ergötz- lich, sich mit den Kleinen abzugeben. Sie wareu dankbar dafür, und er entdeckte, daß er hier viel zugute hatte. Svend Trost liebte er jetzt sehr: es quälte ihn nur, daß der Junge noch nicht sprechen konnte. Seine Stummheit war beständig wie eine stille Anklage. „Warum holst Du Dir keine Bücher mehr?" konnte Ellen fragen, wenn sie aus dem Waschkellcr heraufkam, um sich nach ihnen umzusehen, mit bloßen Armen und feinen Tropfen im Haar von dem Dampf da unten.„Du hast ja jetzt Zeit dazu!" Nein, was sollte er mit den Büchern? Sie erweiterten vielleicht seinen Horizont ein wenig: aber das, was dahinter lag. wurde wieder um so viele Male größer, er selbst wurde nur kleiner vom Lesen. Einen beruhigenden Ueberblick zu gewinnen, war ihm auf alle Fälle nicht möglich: die Welt ging ihren eigenen schiefen Gang aller Weisheit zuwider. Es war ein saures Glück, Weisheit über Dinge einzusammeln, denen man nicht abhelfen konnte: arme Leute sollten am liebsten abgestumpft sein. Er und Morien hatten eben der alten Frau Johnsen das Geleite zum Grabe gegeben: es war ihr nicht mehr ver- gönnt gewesen, Jütland wiederzusehen! Aus einem arbeits- vollen Leben waren nicht 10 Kronen Ueberschuß geblieben zu einer Fahrkarte in die Heimat, und die Züge gingen tag- aus, tagein mit Hunderten von leeren Plätzen. Mit eisiger Pünktlichkeit wirbelten sie auf dem Glockenschlag dahin, von Station zu Station, Gott weiß, mit wieviel tausend leeren Plätzen die Züge nach Jütland gelaufen waren während der Jahre, die die Alte da saß und sich vor Heimweh grämte? Und wäre sie nach dem Bahnhof gehumpelt und in den Zug gestiegen, so würden pünktliche Hände sie schonungslos aus der ersten Station herausgesetzt haben. Was ging Jütland sie an? Freilich, sie hatte Heimweh, aber sie hatte ja kein Geld! War das Bosheit oder herzlose Gleichgültigkeit? Einen teuflischeren Sport konnte man sich auf alle Fälle nicht er- sinnen, als dies Fahren mit leeren Plätze v. Sie machten die Fcchrt so grauenvoll lebend, als sei der Teufel selbst vor- gespannt und schleppe sie keuchend vor Uebermut durch das Land dahin, wohin sich die Leute sehnten! Es mußte ent- setzlich sein, Schaiftwr zu sein und die Namen der Stationen nach diesen Plätzen für die verhängnisvoll Zurückbleibenden h'meinzurufen I.. Und hier ging Schwester bleich und dünn in der Stube herum! Da war keine reckste Kraft in ihrem blonden Haar, und wenn sie eifrig wurde, pfiff es in ihrer Luftröhre mit diesem qualvollen Laut, der so gut wie unsertvennbar von den Kindern des Armenviertels ist. Das war die verdorbene Luft der Hinterhöfe, die setzt beständig mitredete, verstimmend wie fast alles, was eine Erkenntnis ihm zuführte. Ihr fehlte nur Sonne, und den ganzen Sommer hatte sie in übermäßiger Freigebigkeit ihr Licht und ihre Wärme verschwendet: nur daß sie über die Köpse der armen Leute hinwegging, wie so vieles andere. Es war ein ungewöhnliches Erdbeerjahr ge- Wesen: aber die großen Gärtner hatten sich dahin geeinigt, die Hälfte der Früchte sitzen und an den Pflanzen verfaulen zu lassen, um die Preise in der Höhe zu erhalten und das Geld für das Pflücken zu sparen. Und hier gingen die Kinder und hungerten nach Obst, verschmachteten, weil sie keinen Teil daran hatten! Warum? Ja, eine menschliche Antwort gab es nicht. Und wieder— überall dasselbe! Jedesmal, wenn sein Gedanke aus irgend eine Gesellschaftseinrichtung stieß, offen- harte sich dasselbe Trübselige: ein ungeheueres, rollendes Material, das nur auf einige wenige berechnet war und im wesentlichen leer dahinlief. Aber von den leeren Plätzen starrten anklagende Augen einen an, krank, und traurig vor Hunger und Sehnsucht nach getäuschter Hoffnung. Hatte man sie erst einmal gesehen, so konnte man den Blick vor ihnen nicht wieder schließen. Zuweilen überschlug sich seine Phantasie und ertappte sich dabei, daß er da saß und baute: Reiche, in denen man die Eisenbahn je nach Bedarf und nicht nach dem Geldbeutel be- nutzte, in denen olle die die Speisen verzehrten, die hungrig waren, und die einzigen Armen die waren, die anderen nichts gönnten. Aber er bremste sogleich hart, das war zu un° sinnig! Eine Stimme aus dem Unsichtbaren hatte ihn und die Seinen in den Tag hinausgeruftn, und dann geschah da nichts! Es war nur, um sie zu foppen. (Fortsetzung folgt.) frauleui frydcnfant. Von Karin M ich« ö l i S. (Schluß.) Wer die andern Zehntel erben soll, läßt sich ungefähr aus- rechnen. Wenn man nur fleißig in den Fensterspiegel guckt und seine Ohren aufipacht, dann kann es einem nicht verborgen bleiben. Es sind immer zehn Familien, die die Frvdenfant und ihr Pompadour mit ihrem Besuch beglücken. Aber diese Familien sind nicht immer dieselben. Es geht das Gerücht, daß Fräulein Frydenfant mehrfach mir nichts dir nichiö ihr Dokument zurückverlangt hat:„Da ich beabsichtige, noch einiges an meinem letzten Willen zu ändern!" Und dann nützt es ja nichts, daß man seine Papiere in Ord- nung hat. Ein noch lebender Testator kann seinen letzten Willen ändern, so oft er niest. Und das— so erzählt das Gerücht, mochte es nun wahr sprechen oder nicht— ist bei dem Oberst und bei dem Bürgermeister ge- schehen. Auch den Grund kennt die allwissende Fama. Bei dem Oberst kam bei einem von Fräulein Frydenfants Be- suchen kein geringerer Gegenstand als die silberne Bonboniere ab- Händen, die die Frau teerst von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen R. erhaltem der seiner Wehrpflicht in der Stadt genügt hatte. Die Dose war unersetzlich— auch im Hinblick auf das Doku- ment. Sie hatte ihren Platz auf dem Salontisch, so daß sie allen Besuchern in die Augen fallen muhte, wenn die Unterhaltung stockte; dann fand der Herr oder die Frau Oberst stets Gelegenheit, leicht hinzuwerfen:„Sie sehen sich die silberne Dose dort an! Das ist ein Geschenk Seiner Königlichen Hoheit an unser Haus! Wir haben ja auch so viele schöne Stunden zusammen verbracht! Seine Königliche Hoheit war wirklich ein prächtiger Mensch! Er hat sich in unscrm Hause sehr wohl gefühlt. Denken Sie sich, der Prinz kam sehr häufig unangemeldet! Und dann spielten wir Whist mit ihm.. Nein, diese Dose wollte man denn doch nicht missen. Der Oberst sprach von der Polizei. Aber die Frau Oberst sagte Nein. Sie hatte einen Sohn, der die Schwäche hatte, sehr viel Geld auszugeben: und Fräulein Frydenfants Zehntel sollte ihm nicht entgehen. Da wurde der Oberst böse und fluchte und wetterte nicht schlecht. Das Ende vom Liebe war, daß die Frau Oberst ihren Hut aufsetzte, ihre Mantille anzog und sich auf den Weg machte, um im Guten oder Bösen die silberne Hoheit zurückzuholen. Die Frydenfant wohnte vor der Stadt in einer alten ruhigen Villa, wo sie von zwei alten Leuten die beiden Dachstuben abge- mietet hatte. Sie empfing niemanden. Keine Menschenseele konnte sich rühmen, sie je besucht zu haben.„Wenn man in mei- nem Alter ist. Kleine, dann kann man nicht mehr Ordnung schaffen und aufräumen, dann wächst einem das Ganze über den Kopf." Daitiit pflegte Fräulein Frydenfant alle Besucher abzu- wehren.! Die Frau Oberst klopfte an die Tür. Niemand antwortete: Herein! Da drückte sie die Klinke nieder, und die Tür sprang auf! Fräulein Frydenfant hatte vergessen, sie zuzuschließen. Fräulein Frydenfant wurde ein wenig blaß, doch dann raffte sie sich auf, zeigte ihr herzgewinnendes, holdseliges Lächeln, führte den Besuch hinein und placierte ihn auf einen der blanken Maha- goniestühle, die mit ihren steifen Kretonbezügen recht freundlich aussahen. Die Frau Oberst hatte sich alles genau zurechtgelegt. Flüsternd berichtete sie von dem schrecklichen Pech: auf der Straße habe sie plötzlich gemerkt, daß ihr etwas hinuntergleite, und man denke, eS sei ihr wollener Unterrock! Der Knopf müsse abgerissen sein... Geschwind holte Fräulein Frydenfant von der Konsole den Nähiasten mit Zubehör. Der Pompadour lag auf dem Tisch, sie war offenbar gerade nach Hause gekommen. Die silberne Dose mußte noch darin sein. Und das Fräulein konnte ihn ja nicht weg- nehmen, ohne Verdacht zu erregen. Da hatte die Frau Oberst einen Einfall, wie sie ihn so oft in den Romanen gefunden hatte, die zwischen den Honoratioren der Stadt zirkulierten: ein Buch in der Woche oder vier im Monat; so entwickelte man seinen Geist und unterstützte die Poesie. Die Frau Oberst gab vor, es sei ihr schlecht. Fräulein Frydenfant wurde ganz alteriert, sie lief hinaus, um Wasser zu holen... und währenddessen stahl die Frau Oberst, hochrot vor Scham, ihre eigene königliche Dose aus dem Pompadour des Fräuleins. Soweit war alles in Ordnung. Aber nach zwei Tagen kam die Frydenfant wieder auf Besuch zur Frau Oberst— diesmal ohne Pompadour. Sie lächelte so holdselig wie immer, und doch merkten der Oberst und seine Frau an der Art, wie die alte Dame sagte, man möchte ihr doch das Dokument noch einmal leihen, weil ein paar kleine Aenderungen darin vorzunehmen seien, daß der Fa- milie das eine Zehntel für ewig verloren gegangen war. Es half nichts, daß man allerhand silberne Gegenstände ganz offen hinstellte und dem Fräulein reichlich Gelegenheit bot, sie zu mausen, ja es half nicht einmal, daß die Frau Oberst ihre aller- feinste Kristallkaraffe aufs Fensterbrett im Flur stellte, damit die alte Dame auf den ungewöhnlich großen und schöngeschliffenen Stöpsel aufmerksam werden sollte. Mit dieser Familie war Fräulein Frydenfant ein für allemal fertig. Falls das Gerücht die Wahrheit sprach. Noch peinlicher war die Episode beim Bürgermeister. Und da handelte es sich doch um einen bei weitem nicht so vornehmen Gegenstand, eine an sich ganz unbedeutende und ziem- lich wertlose Sache, nämlich eine silberne Rassel. Aber diese Rassel war schon seit uralter Zeit im Besitz der seligen Vorfahren des Bürgermeisters gewesen. Sie hatte über den Wiegen der Groß- eltern und Urgroßeltern gerasselt und geklungen und war jetzt so verbeult und zerbissen, daß es ein rechtes Wunder war, daß Fräu- lein Frydenfant es überhaupt für der Mühe wert hielt, sie zu stehlen. Möglicherweise kam das jedoch daher, weil bei Bürgermeisters alle Wertgegenstände hinter Schloß und Riegel lagen. In diesem Hause herrschte Ordnung, und da gab es keine Nippsachen. Man hatte weder Hundezüchtereien auf den Etageren, noch Silberläden auf den Sekretärklappen. Dagegen hatte man bei Bürgermeisters die zierlichste Sammlung von altem Familienkristall. Große wunderschöne Karaffen mit Stöpseln, deren Facetten prachtvoll funkelten und wie die Kronjuwelen im Tower ehrlichen und diebischen Leuten in die Augen stachen. Diese Stöpsel standen Fräulein Frydenfants Herz und Pom- padour sehr nahe. Und um dieser Stöpsel willen hatte die Frau Bürgermeister offenbar jenes Dokument erhalten, durch das ihr ein Zehntel des Nachlasses der alten Dame versprochen wurde. Fräulein Frydenfant konnte ja nicht wissen, daß der Bürger- meister einen Freund in Kopenhagen hatte, der auf seinen Abend- spaziergängen die Trödlerkeller aufsuchte und auf Kosten des Bürgermeisters alte Stöpsel von nicht mehr existierenden. Wein- karaffen aufkaufte. Die echten Stöpsel, die Familienerbstück«, die lagen in der Büfettschublade und wurden nur bei den großen Ge- sellschaften auf die Karaffen gesetzt; Fräulein Frydenfant aber ging ja nie am Abend aus. Einerlei wie. die silberne Rassel war verschwunden, und zwar noch einem Besuch des Fräuleins. Das Dienstmädchen von Bürgermeister? hatte das Silberzeug geputzt, und der Bürgermeister hatte, als er durchs Zimmer kam. gesagt:„Vergessen Sie nicht, die Rassel zum Goldschmied zu bringen. damit er die Beulen herausklopft." Darum lag die Rassel auf dem Tisch. Und nun war sie weg. Der Bürgermeister tobte fürchterlich:„Das ist denn doch zu stark! Das nächste Mal stiehlt sie mir die Uhr aus der Tasche! Es wird ihr guttun, wenn wir ihr mal einen gehörigen Schreck einjagen! Wir drohen ihr einfach mit der Polizei." Und als die Frydenfant wieder die Bürgermeistertreppe hinauf- schwebte, nichts Böses ahnend, gab ihr die Frau Bürgermeister zu- nächst einen zärtlichen Kuß und sagte, man habe sich so nach ihr gesehnt. Aber wie das Fräulein nun so saß und den Marmeladen des Bürgermeisters fleißig zusprach, brach das Unwetter los. Ob Fräu- lein Frydenfant schon von dem schrecklichen Ereignis gehört habe? Man habe Hausdiebe, und nun solle die ganze Polizei der Stadt in Bewegung gesetzt werden, um den Dieb zu entdecken. Man habe sich sogar einen richtigen Kriminalbeamten aus Kopenhagen. verschrieben. Und wenn das Gestohlene nicht bei den Dienst- boten gefunden werde, dann müsse der Geheimpolizist Haussuchung bei allen F r e u n den der Familie abhalten.— Es stehe ja eine hohe Strafe auf Diebstahl bei einem Bürgermeister, das wisse Fräulein Frydenfant wohl. Die alte Dame wurde abwechselnd rot und blaß. Sie benahm sich ungefähr so, wie ein junges Mädchen, das einen Antrag be- kommt. Und sie vergaß, den Löffel in das Wasserglas zu stellen, als sie fertiggegessen hatte. Sie hatte es auf einmal furchtbar eilig. Am folgenden Morgen lag vor der Haustür des Bürgermeisters ein Päckchen, das zierlich mit seidenen Schnüren umwickelt war, und auf dem Päckchen stand, mit den Blumenbuchstaben des Fräu- leins, der Name des Hausherrn. Die Rassel lag darin. Nach einer Woche aber tänzelte Fräulein Frhdenfant zu Bürgermeisters und bat, die gnädige Frau zu sprechen. Ob sie nicht das Dokument einmal bekommen könne, sie wolle nur eine Kleinig- keit hinzufügen. Das klang so nett, und man gab dem Fräulein das Dokument mit nach Hause. Bürgermeisters sahen es nie wieder, und die Frydensant schenkte nicht einmal dem Fensterspiegel bei Bürger- Meisters den flüchtigsten Blick. Nein,»n acht mutzte man sich nehmen gegenüber der alten Dame.--- Fräulein Frhdenfant lebte ihr Leben zu Ende, und wie niemand dann noch weiter leben kann, so starb auch sie genau an dem Tage. der ihr letzter war. Sie starb an einem ganz leichten Herzschlag, der dadurch ver- ursacht wurde, datz ihr eine Maus ins Gesicht sprang, als sie etwas auf ein Wandbrett setzen wollte. Es wurde ein großes Begräbnis. Alle Familien, bei denen die Frhdenfant verkehrt hatte, wetteiferten, ihr die letzte Ehre zu er- weisen. Es wurden lange Girlanden und Kränze aus Immortellen und florumwunden« Kreuze gebunden— die Kreuze waren etwas Neues, besonders Feines und Bemerkenswertes. Mit der Erb- schaftsfragc wartete man taktvoll, bis das Begräbnis vorüber war. Aber am Tage danach--- Fräulein Frhdenfant hatte sich still und redlich von einer kleinen Jahresrente ernährt, die ihr ein längst verstorbener Bräuti- gam hinterlassen hatte. Ihr ganzes Vermögen bestand in einem allerdings überwältigend großen Lager von Diebessachen. Aber diesen Dingen hatte das selige Fräulein eine peinliche Sorgfalt zuteil werden lassen, die aller Ehren wert war. Ihr Schlafzimmer, das während der dreißig Jahre, die sie in dem Städtchen wohnte, niemand außer ihr selbst betreten hatte, war sozusagen gepflastert mit Kristallstöpseln. Seite an Seite lagen sie in langen, geraden Reihen, die eine Reihe dickt neben der anderen, nach Form und Qualität geordnet. Kc!a Museumsdirektor hätte die.Stöpsel mit größerem Verständnis für ihre Schönheit und ihren Wert ordnen können. Es waren so viele, daß dem Fräulein nur ein ganz kleiner Pfad nach und von dem Bette blieb. Kein Stälckchen war auf diesen Stöpseln zu sehen, und in der Ecke am Ofen fand man eine Schachtel mit alten Lappen und eine Flasche mit Spiritus, so daß man nun auch wußte, wie die Frhdenfant ihre Stöpsel so blank hielt. Und das Silber? wird man fragen. Ja, angenehm ist es nickt, den Toten etwas Schlechtes nach. sagen zu müssen, und Fräulein Frhdenfant war so ein liebes kleines Menschenkind, das allen das Beste gönnte... Aber das Silberzeug packte sie in Seidenpapier und Watte und schickte es in die Residenzstadt Kopenhagen, wo eS von einem Dösewicht von Antiquitätenhändler angekauft wurde. Der Mann hielt zwar seinen Mund, solange sie lebte; hinterher aber prahlte er nicht wenig mit den guten Geschäften, die er mit der alten Närrin ge° macht habe. Nun ist nur noch zu erzählen, wie die Leute ein Wettrennen nach Fräulein Frydenfants Wohnung mit stöpscllosen Karaffen und Flakons veranstalteten, um wenigstens etwas zu retten, Und niemand schmückt Fräulein Frydenfants Grab. Vom IVaturforfchcrtag. Am Freitag hielt Prof. W. N e r n st- Berlin einen Vortrag: »Zur neueren Tntwickelung der Thermo» d H n a m i k." Die sogenannte klassische Thermodynamik besteht aus dem ersten Hauptsatz oder auch Gesetz von der Erhaltung der Energie genannt, und dem zweiten, der die Umwandelung von Wärme in äußere Arbeit behandelt. Diese beiden Naturgesetze sind wohl die allge- meinsten, die wir überbaupt besitzen. Sie sind mit Erfolg in den verschiedensten und physikalischen Laboratorien und auch auf kos- mische Erscheinungen angewendet worden und man bezweifelt wohl auch nicht, daß die Vorgänge in tierischen und pflanzlichen Organis- men ihnen unterworfen sind. Im Gegensatz, zu allen übrigen Naturgesetzen nimmt man ihre Gültigkeit als unbeschränkt an, alle übrigen Naturgesetze gelten nur für ideale Grcnzfälle, die streng genommen in der Natur nicht vorkommen. Die beiden Hauptsätze der Thermodynamik loe.den also als Naturgesetze besonderer Art angesehen. Um so wichtiger erscheint die Frage, ob sie das Ver- hältnis der Wärme zu den anderen Energiesormeln bereits voll- ständig erschöpfen oder ob nicht noch neue Beziehungen vorhanden sind. Den älteren Thermodynamikern, wie Helmholtz und Lord Kelvin, waren zwei Gebiete vollständig fremd, die Erscheinungen der Radioaktivität und die neueren Untersuchungen über die spczi- fische Wärme. Die Entdeckung des radioaktiven Zerfalls der Ele> mente hat uns mit Energiequellen von einer Mächtigkeit bekannt gemacht, von denen man früher keine Vorstellung hatte. Nimmt man an. daß alle Elemente des radioaktiven Zerfalls fähig find, so kommt man zu dem Ergebnis, daß innerhalb der Atome aller Ele- mente Energievorräte aufgespeichert sind, im Vergleich zu denen der Wärmeinhalt, d. h. die kinetische Energie der Awme und die damit in Verbindung stehende potenzielle Energie wie auch etwaige chemische Energien verschwindend klein sind. Ein zweites auf» fallendes Moment bieten die radioaktiven Erscheinungen dem Ther- modynamiker dadurch, daß sie nicht umkehrbar sind, nicht im ent- gegengesctzten Sinne verlaufen können. Deshalb steht ihnen der zweite Hauptsatz, der ja nur auf umkehrbare Prozesse anwendbar ist, zunächst machtlos gegenüber, wenigstens in bezug auf ihre quan- titative Behandlung. Aber vielleicht können die Erscheinungen der Radioaktivität in eine andere wichtige Beziehung zu den Kon- sequenzen des zweiten Hauptsatzes gesetzt werden. Dieser führt bekanntlich in seiner Anwendung auf das Weltall zu der sehr fatalen Konsequenz, daß bei allen Naturvorgängen ein mehr oder minder großer Betrag von Arbeit sich in Wärme, d. h. also in degradierte Energie umsetzt, daß also alle Spannkräfte, die noch Arbeit leisten könnten, allmählich verschwinden und somit allmählich alle sichtbare Bewegung im Weltall schließlich aufhören müßte. Wenn auch oie in den Atomen aufgespeicherten Energiemengen durch die Erschei- nungen des radioaktiven Verfalls einen früher ungeahnten Zuwachs an Arbeitsfähigkeit im Universum bedeuten, so kann dadurch doch der sogenannte Wärmetod des Weltalls zwar hinausgeschoben, aber sein schließliches Eintreten nicht verhindert werden. Vielmehr wird der Degradation der Energie eine sich ebenfalls unausgesetzt ab- spielende Degradation der Materie an die Seite gesetzt, und so haben sich die Aussichten auf eine Götterdämmerung des Weltalls nur noch verdoppelt. Trotzdem scheint eine Rettung möglich, wenn wir einen dem radioaktiven Zerfall entgegenwirkenden Prozeß an- nehmen, indem wir uns vorstellen, datz zwar die Atome der Ele- mente sich im Laufe der Zeit vollständig in eine Ursübstanz auf- lösen, daß aber in dieicr alle möglichen Konstellationen, selbst solche unwahrscheinlichster Art. vorkommen können, und daß auf diesem Wege ein Atom irgendeines Elementes von Zeit zu Zeit sich rück- bildet. Dieser Vorgang braucht in der Tat nur ganz ungeheuer selten vorzukommen, wie aus der ganz ungeheuren Lebensdauer der gewöhnlichen chemischen Elemente hervorgeht und aus der unge- Heuren Spärlichkeit folgt, mit der die Materie im Weltall verteilt ist. Man kann sagen, daß im Mittel etwa alle 100 Kilometer ein Masscnkörnten von der Größe eines Stecknadelkopfs sich befindet. Daher besteht auch gar keine Aussicht eine Umkehrung des radio- aktwen Zerfalls experimentell herbeiführen zu können. Aber immer- hin ist es von Interesse, darauf hinzuweisen, datz ein Aufhören alles Geschehens nicht mehr als unbedingte Konsequenz unserer gegen- wärngcn Naturanschauungen hingestellt zu werden braucht. Wir müssen uns übrigens immer bewußt bleiben, daß unsere Er- fahrungen zu unsicheren Resultaten führen müssen, wenn wir sie. die doch mit räumlich und zeitlich beschränkten Versuchsanordnungen gewonnen sind, auf Größenordnungen anwenden, wie sie bei kos- niischen Problemen die Regel sind. Was nun die zweite Reihe nouer Erfahrungen betrifft— das ist die spezifische Wärme, oder mit anderen Worten der Energie- inholt der Materie—. so wird entgegen den Forderungen der söge- nannten kinetischen Theorie der Materie, aber im Einklang mit den Konsequenzen aus der Plankschen Strahlungstheorie die spezifische Wärme bereits vor Erreichung des Absoluten Nullpunktes verschwindend klein. ES ist aus der Spektralanalyse seit langem bc- kannt. daß Gase, ganz besonders aber der Eiscndampf, der wohl den Hauptbestandteil der Sonne bildet, bei sebr hohen Tempe- ratnrcn ein kompliziertes Spektrum aufweisen. Es muß also um- gekehrt bei hohen Temperaturen jede neue Schwingungsmöglichkeit im Awm, die ja durch daS Komplizierterwcrdcn des Spektrums be» wiesen wird, einen Beitrag zur spezifischen Wärme liefern. Da» durch würde sich die langsame Abkühlung der Sonne erklären, die im Innern wohl Temperaturen hat, bei denen die spezifische Wärme bereits außerordentlich hohe Beiträge angeno-.nmen hat. Die chemischen Reaktionen sind häufig mit sehr großen Acndcrungen der chemischen Energie verbimdcn. Wie ist also die Affinität einer Reaktion mit der Wärmeentwickelung verbunden? Nach Bcrthelat strebt jede ckemische Umwandlung, die sich ohne die Zwischenkunft einer fremden Energie vollzieht, nach Erzeugung deS Stoffes oder des Systems von Stoffen, das die meiste Warme entwickelt. Da- nach wäre die Affinität einfach mit der Wärmeentwickelung zu identifizieren. Das ist aber keineswegs immer der Fall. Der zweite Hauptsatz ergibt bielmehr, daß dies nur richtig ist, wenn die Affinität von der Temperatur unabhängig ist. Die vielen Aus- nahmen entgingen freilich auch Bethelot nicht, aber seine Regel trifft doch gar zu häusig zu, um absolut falsch zu sein. Es hat sich tat- sächlich gezeigt, daß die Gesetzmäßigkeit, die immer wieder Berthe- lots Schariblick auf sich lenkten, Spezialfälle eines viel allgemeineren Satzes sind, in dem die Affinität bei tiefen Temperaturen schon vor dem absolmten Nullpunkt unabhängig von der Temperatur wird. Dieser neue Satz, der sich den beiden älteren Hauptsätzen der Wärinetheorie an die Seite stellt, führt zu einer großen Anzahl von Kor sequenzen. die einer experimentellen Prüfung zugänglich sind und sich dabei stets bewahrheitet haben. Die beiden älteren Sätze lassen sich auf die Ersahrung zurückführen, daß sich gewisse Bor- - 736- tief) tunken trotz aller Wemühmrgen nicht realisieren lassen� Auch der neue Wärmesatz kann in seiner wahrscheinlich allgemeinsten Fassung ebenfalls durch die Unmöglichkeit gekennzeichnet werden, einen gewissen Effekt zn ekzielen. Die nunmehr brannten drei Wärmesätze lassen sich also etwa in folgende Thesen fassen: 1. Es ist unmöglich, eine Maschine zu bauen, die fortwährend Wärme eider äutzere Arbeit auS nichts schafft. 2. Es ist unmöglich, eine Maschine KU konstruieren, die fortdauernd die Wärme der Umgebung in äuhere Arbeit verwandelt. 3. ES ist unmöglich, eine Vorrich- tung zu ersinnen, durch die ein Körper völlig der Wärme beraubt, d. h. bis zum«chsoluten Nullpunkt abgekühlt werden kann. Eine Schwierigkeit ergibt sich für die Anwendung des neuen Wärme- fatzes bei Gasen, doch liegt hier wohl nicht eine Lücke in der An- Wendung des neuen Wärmesatzes vor, sondern eine solche in unserer Anschauung über das Wesen des Gaszustandes bei sehr vielen Temperaturen. Der Professor der Rechte Dr. E. H. R o s e n f e l d, Münster i. W., Hielt vor der Abteilung für gerichtliche Medizin einen Vortrag über: ..Die strafrechtliche Bedeutung der Sterilisation". ES gibt bekanntlich zahlreiche Fälle, in denen sich dem Arzt die Frage aufdrängt, ob er einem Patienten männlichen oder weib- lichen Geschlechts die Möglichkeit der Fortpflanzung durch einen Eingriff nehmen soll. Solche Fälle können sich bieten bei organi- schen Defekten, insbesondere bei Frauen infolge falscher Gestaltung der Gcbärorgane. bei chronischen Jnfektions- oder Vergiftungs- erkrankungen, bei Geisteskranken, Degenerierten und endlich bei unverbesserlichen Verbrechern. Die Sterilisation in diesem letzteren Falle als Mittel der Verbrechensbekämpfung ist aber eine Utopie. Sie kann nur als Mittel dienen, die allgemeine Keimverderbuis einzudämmen, als deren Symptom im Einzelfall eine verbrecherische Lebensführung erscheinen kann. Grundlegend scheiden sich zwei Gruppen von Fällen: die, in denen der Eingriff aus gesundheit- licher und- die, in denen andere Gründe dafür sprechen. Bei der ersten Gruppe handelt der Arzt rechtmäßig, sofern er in Einklang mit den Regeln des ärztlichen Standes verfährt, die bis auf wenige Notfälle den Eingriff von der Zustimmung des geschäftsfähigen Patienten oder des Vertreters eines geschäftsunfähigen Patienten abhängig machen. Sein Tun ist gerade so gedeckt wie eine Freiheits- beraubung durch den Strafvollzug, bei der zweiten Gruppe aber, bei der Sterilisation aus sozialen Gründen gibt es nach dem be- stehenden Gesetz keine Deckung für den Arzt. Die Rechtmäßigkeit des körperlichen Eingriffs ist ausschließlich abhängig von der Kraft, die die Rechtsordnung der Einwilligung beilegt. Nach der Herr- kchenden Meinung aber würde eine derartige Sterilisation trotz der Einwilligung als absichtliche schwere Körperverletzung zu be- strafen sein. Dieses Ergebnis, das aller Wahrscheinlichkeit nach auch beim Reichsgericht Billigung finden würde, auf das sich aber unsere Judikatur bisher noch nicht festgelegt Hot. ist indessen un- annehmbar, denn es wäre die Beachtung sozialhygienischer oder rassenhygicnischer Erwägungen geradezu als Verbrechen verboten. Auch die geltende Rechtsordnung muß aber Mittel und Wege be- sitzen, jenen hochstehenden und idealen Zielen gerecht zu werden. Freilich kann dem Einzelnen vom staatlichen Standpunkt aus nicht die ungehemmte Verfügungsfähigkeit über seine Leiblichkeit zuge» sprachen werden. Deshalb muß verlangt werden, daß� bei der Sterilisation aus sozialen Gründen die staatlichen Behörden ein Wort mitsprechen. In der Abteilung für Hygiene hielt Dr. Meurer-Leipzig einen Vortrag über das Lobecksche Verfahren zur Herstellung einwandfreier Trinkmilch, insbesondere solcher für Säuglinge. An der Hand zahlreicher Be- lege zeigte der Vortragende, daß bei dem neuen Verfahren gerade die dem Säugling so überaus schädlichen Darmbakterien, die auch zum größten Teile den sogen. Sommertod der Kinder bewirken, abgetötet werden. Trotzdem hat aber die ursprüngliche Milch absolut keine Veränderung erfahren, sondern zeigt noch sämtliche Eigenschaften der Rohmilch. Damit ist wiederum verbunden, daß Fett, Eiweißstoffe usw. unverändert bleiben und auch vor allem die in der Milch vorhandenen Salze. Bei allen bisherigen Verfahren erlitten diese Salze Umsetzungen, worauf wieder die so vielfach sich bildende Rhachitis der Kinder zurückzuführen ist. Nachdem man schon seit Jahren die Vorteile der Rohmilch gegenüber der sterilisierten Milch erkannt hatte, war es äußerst interessant zu beobachten, daß nach dem neuen Verfahren die sogenannten bio- logischen Eigenschaften der Milch erhalten blieben, was experimentell »mchgewiesen wurde. Diese geben dem Säugling gewisse Schutz- stoffe, die für seinen Gesundheitszustand von größtem Werte sind. Bisher hatte man diese Fermente usw. nur in der nichtbehandelten Milch, in der aber natürlich andererseits wieder die unvermeid- lichen Bakterien enthalten find. Jetzt ist es nach dem neuen Ver- fahren möglich, den Kindern eine biologische Milch mit Fermenten zu verabreichen und zwar frei von gerade den dem jungen Körper so schädlichen Mikroorganismen. Das Verfahren wurde vor den Zuhörern mittels eines kleinen Apparates im Betriebe vorgeführt. Die Milch zeigte nicht die geringste Aenderung hinsichtlich des jlÄeruches, des Geschmackes und der Farbe. Die Betriebskosten sind. wie der Vortragende mitteilte, äußerst gering, die Versuche für die Praxis sind bereits zum Abschlüsse gelangt. 8cbÄch» Unter Leitung von S. Alapin. Seleznew. HF P mim W m__ WZss i im, • bedefgh Weiß zieht und macht RemiS. Lösung. 1. LS, LXf2; 2. Ll6, gXf6: 3. h6, föf; 4. Kd5, Lei; 5. h7, LeS; 6. h8D, LXD Patt. Der Schlußstand des Wilnaer Turniers ist: Rubinstein, Bernstein, Lewitzki, Niemzowitsch, Flamberg, Alechin, Löwenfisch, Freimann, Alapin, Salwe. Nachstehend die interessanteste Partie des Turniers: Spanisch. Löwenstsch. Flamberg. 1. e2— e4,©7— e5! 2. Sgl— f3, Sb8— c6. 3. Lfl— b5..... Das leitende Motiv besteht in LXS nebst SXe5 nach betreffenden Vorbereitungen. 3...... a7— a6 4. Lb5— a4 1 Sg8— f6 Ein Gegenangriff aus oen Be4, der zur Wahrung des leitenden Motiv» der Eröffnung zu d e ck e n ist. ö. vckl—©2[«•••• Der Gambitzug 5. 0—0 verzichtet auf da? erwähnte leitende Motiv zugunsten eines von der Er- öfsmwg abwärts liegenden Angriffe» S...... SXe4; 6. d4, der aber mit S...... b5; 7. Lb3, d5; 8. dXe5(8. a4, SXd4I) 8...... LeÖ (8. a4, Sa5), S...... L©7; 10. Sbd2, Sc5; 11. Lc2, Lg4(Laster) nebst event. S©S Ausgleich gestattet. Der Zug S. So3 ist nur eine Schein- deckung des B©4, wegen 5...... Li©7 und fall» 6. LXS, dXo6; 7. SXe5, so 7...... SXe4; 8. SXc6y(Sc3 ist störend), 8...... SXS; S SXD, SXD 2C. Eine solide Deckung ist 5. d3; jedoch kann dann Weiß den Damen- bauer nach d4 nur unter Tempoverlust(d2— d3— d4) führen, waS dem Gegner bequemen Ausgleich ge- stattet: S...... d6; 6.©3, g6; 7. 8bd2. Lg7; 8. d4, Ld7 je. Die Deckung durch den Textzug vermeidet die erwähnten Schatten- feiten. 5...... b7— b5 6...... Lc5; 6. LXS, dXc6: 7. 8Xe5, Dd4; 8. Sd3,La7; 9. Sc3-c. Oder 5...... Le7; 6. c3 nebst d2— d4 ohne Tempoverlust. Der so- mit erzwungene Textzug verschafft dem Weißen ein neue» Angriffsobjett aus db. 6. La4— b3..... Droht Sg5. 6...... Lf8— c5 7. a2— a4 Ta8— b3 7...... b4 scheitert an 8. LXf7t. 8. a4Xb5 aBXbö 9. Sbl— c3 0-0 10. 62—63!..... Nicht 10. SXb5 wegen 10.... 65! 11. Sc3, Lg4; 12. LX65, Sd4; 13. Dd3, 8X1-; 14. SXS(14. eXd5, Lf5) 14.... LXS: 15. gXß, c6: 16. Sc3(16. c3, Sb3) 16---- Lf6 JC. mit überwältigendem Angriff. 10...... 67—66 Besser 10.... Sd4I; 11. SXS, eXd4. 11. Lei— g5 Lc8— g4 12. Sc3— 65 So6— 64 In unserer Schachspalte vom 11. Februar 1911 baben wir hier die Kombination 13. LXtb, gXk6: 14. 8X8, LXD: 15. Sc6 mit Rück- gewinn der Dame veröffentlicht. Diese Glosse machte die Runde in der Schachpreffe gelegentlich der Karlsbader Partie Rabinowitsch— Leonhardt. Der letzter« legte sich bieraus die Widerlegung: 13. l-XK?, Ta8l zurecht, mit der er Alapin in Pistyan überrascht«. Bei der Ber- öffentlichung m Rußland brachte bieraus Alapin die nachstehend« Verbesserung für Weiß, die tu dieser Partie zur Anwendung kam. 13. 813X64 I Lg4Xe2 1 13..... Ta8 7; 14. TXT nebft 8Xf6t- 14. Lg5Xk6 Tb8-a8 14.... gXf6; 15. 8c6 führt zur selben Stellung. Oder 14.... Dd7; 15. Sf5I(droht SdeTf nebst LXg7t) 15.... Tfe8; 16. LXg7l, Te6; 17. KXL 2C. mit Gewinnstellung. 15. KelXe2 16. S64-C6 17. Lf6— g5 Bis hierher nach Alapin. 17...... 18. ThlXal 19. 865—©7 20. Lg5—©3 21. f2Xe3 21____ Ta8 7; D68— bS Db8— b7 Angaben von TaSXal Kg8— h8 17—£6 Lo5Xe3 g7— g6 22. Ta7l, TXT; 23. 868(droht 8574-) nebft SXD. 22. Lb3— 65 Db7— b6 23. b2— b4..... Die Partie ist nunmehr für Weiß leicht gewonnen. Der Rest ist Sache der Technil. Es solgte: 23...... 56-55 24. g2— g3, 55-54; 25. gX». ©X54; 26. 64, fXe3; 27. KXe3, Kg7; 28. Le6!, Te8; 29. Ld7, TXS; 30. SXT, c5; 31. Sc6, cXd4t; 32. 8X64. Kh6; 33. LXb5, Dd8; 34. Le2, 65: 35. b5. De?; 36. L53, Dc5; 37. Tdl, dXe4; 38. LXe4, Kh5; 39. Tbl, Da3t; 40. Kd2, 1)66; 41.£63, PbÖ; 42. c4, Kg4; 43 Sc6,£54; 44. Tflf,£g4; 45. Tf3, Do5; 46. hSf,£h4; 47. Ld5, g5; 48. Se5, Dgl; 49. 867, Da7; 50. Tf7, h5; 51. b6, DaSf; 62.£©4, DXhS; 53. b7, Dg2t; 54. Ke5, DgSf; 55.£56. Schwarz gab aus.___ Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: LorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanjtalt Paul SingcrchEo..Berlin 8VV.