Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 185. 24] Dienstag, den 24. September. ( Nachdrud verboten. Pelle der Eroberer. Von M. Andersen Nerö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Brun kam oft zu ihm in den Keller und sah sich nach ihm um. Der alte Bibliothekar entbehrte seinen jungen Freund. Warum kommen Sie nicht mehr zu uns?" sagte er. Was soll ich da?" erwiderte Pelle kurz angebunden. ., Ein armer Mann hat keine Verwendung für Kenntnisse, er ist ewig verdammt." wird nichts! 1912 Irgend etwas war eingeschnappt, aber das würde schon wieder in Ordnung kommen. Vor der Tür hielt eine Droschke, drei Männer stiegen heraus und begaben sich in das Haus. Nach einer Weile fam um unsere Sachen abzuholen!" rief sie weinend, ohne auf Ellen in die Werkstatt hineingestürzt: Belle, sie sind hier, Brun zu achten. Die Kinder stimmten ein Gebrüll an, als sie die Mutter weinen fahen. Belle stand auf und griff nach dem Hammer. Die will ich bald hinausjagen!" sagte er mit leiser, verbissener Stimme und ging auf die Tür zu. Er übereilte sich nicht, ging mit gesenkter Stirn und sah keinen Menschen. Brun packte ihn hart beim Arm und hielt ihn zurück. Sie vergessen, daß es etwas gibt, das Zuchthaus heißt es!" sagte er mit einer besonderen Betonung. 9. Es geschah wohl, daß einer oder der andere von den Sameraden aus der guten alten Zeit vorsprach und Belle zu einer Versammlung abholen wollte. Dann erwachten alte Stampferinnerungen in ihm, vielleicht glimmte der Funke dennoch da. Er warf das Schurzfell ab und ging mit; Ellens Augen folgten ihm bis zur Tür, voller Verwunderung, daß er sich noch immer damit befassen wollte, nachdem, was er davon gehabt hatte. Er hatte mit alledem gebrochen und machte sich auch nichts mehr aus den Besuchen des Bibliothekars. Es war am besten, daß sich jeder für sich hielt, die Großen waren ja doch keine Belle sah ihn überrascht an; einen Augenblick hatte es Gesellschaft für einen wie er. Er gab sich keine Mühe, das fast den Anschein, als wenn er den alten Bibliothekar totzu verbergen. Aber Brun tat, als merke er es nicht. Er schlagen wollte. Dann entfiel der Hammer seiner Hand und war im Herbst in die Frederiksberger Allee hinausgezogen und er brach zusammen. sah fast jeden Nachmittag auf seinem Heimwege von der Bibliothek ein. Die Kinder gaben acht, daß sie um die Zeit unten im Keller waren; er brachte immer etwas für sie mit. Weder Pelle, noch Ellen stellten mehr große Ansprüche an das Dasein. Sie hatten sich beruhigt und gingen resigniert Seite an Seite wie ein paar Arbeitspferde, die gewohnt find, die Krippe und die Mühseligkeiten zu teilen. Jetzt wäre es eine große Sache gewesen, wenn man mit dem verfluchten Darlehen fertig gewesen wäre, so daß man nicht beständig um sein Leben zu zittern brauchte, aber selbst das war eine zu unsinnige Forderung. Alles, was man zu sammenschaben und fragen konnte, wanderte jeden Monat zu dem Bucherer, und gleich weit war man. Von den 180 Kronen, die Pelle bekommen hatte, waren jetzt alles in allem 120 abgezahlt, und trotzdem schuldeten sie noch immer 240. Das waren die Strafzinsen, die jedesmal, wenn sie nur einen oder zwei Tage zu spät mit den Abbezahlungen famen, hinzugeschrieben wurden, oder der Kuckuck mochte wissen, was es eigentlich war. Eine Schraube ohne Ende war es auf alle Fälle, die ihr ganzes Leben, alles, was sie beschaffen konnten, in die Tasche des Wucherers pumpen würde. Aber auch dort fand er nicht, was er suchte! Er entsann r nicht, was sich der mächtigen Gärung der Gemüter in der Kampfzeit der Bewegung, und fand, daß die Spannung nachgelassen hatte. Nur vor den Wahlen waren die Leute noch in Erregung, sonst beschäftigte sich ein jeder mit seinen Angelegenheiten, als hätte es nie etwas gegeben, was ein einigender Gedanke hieß. Organisiert waren sie alle, aber es war nichts Neues und Starkes in dieser Tatsache; sie waren sozusagen in die Organisation hineingeboren und verbanden nichts Großes und Erhebendes damit. Die alten Genossen waren merkwürdig abgekühlt, sie hatten wohl entdeckt, daß das Glück weder so märchenhaft noch so geradezu war. Es war nicht Aber nun sagte Belle stopp. Er hatte die letzten Bah- mehr damit abgetan, daß man die Pforte zu dem Glücksland Tungstermine nicht innegehalten und wollte auch nicht mehr aufschlug und da hineinströmte, es lag ein langer und müheabzahlen, mochte es gehen wie es wollte. Du solltest Herrn voller Weg vor einem. So richteten sie sich denn nach ihrem Brun um ein Darlehen bitten und den Wucherer bezahlen." eigenen Gutbefinden ein und vertauschten eine zweifelhafte sagte Ellen, sonst fällt er nur über uns her und nimmt uns Bukunft gegen kleine Vorteile, die das Bestehende sogleich unsere letzten Habseligkeiten." Aber Pelle war eigensinnig verschlang. und wollte kein vernünftiges Wort hören. Das Bewußtsein, Die Bewegung hatte nicht bis auf den Grund gegriffen; daß sich ein Schmaroßer gemütlich auf ihm zurechtgesetzt hatte es lag eine Anklage gegen ihn selbst darin, sie war nicht breit und ihn aussog, trop all seines Widerstandes, brachte ihn genug angelegt gewesen. Schon damals war sie den Beaußer sich. Sie sollten es nur versuchen, an seinem Heim wohnern der Arche über die Köpfe gegangen, und nun war zu rühren! da ein großes Proletariat mit seinen eigenen Erwartungen. an die Zukunft zurückgeblieben. Das gute, alte Volk" hatte sich in ein Kleinbürgertum gespalten, das nur davon in Anspruch genommen schien, sich einzurichten, und dann dies Proletariat. Als der Wucherer fam, um seine Abzahlung zu holen, warf er ihn zur Tür hinaus. Sonst nahm er alles mit ergebener Ruhe hin, aber sobald die Rede hierauf fam, fuhr er auf und wußte nicht, was er sagte. Ellen mußte schweigen und der Sache ihren Lauf lassen. " Eines Nachmittags saß er auf seinem Platz unter dem Kellerfenster und arbeitete. Der Bibliothekar saß auf dem Stuhl neben der Tür, auf jedem Knie eins der Kinder, die er mit Datteln fütetrte. Belle ärgerte sich nur über sich selbst und beugte sich stumm über seine Arbeit mit dem Ausdrud eines Geistesfranken, der bange ist, daß ihn jemand anredet. Seine Arbeit hatte nicht die gewohnte Fahrt und wollte nicht recht von der Stelle; es war ein verstörter Ton da hinein- in einem Stoff verschieben konnte, bis sie sich schließlich an gekommen, wenn er ein Stüd Werkzeug nicht gleich finden fonnte, so warf er heftig mit den Sachen herum. Bruns saß da und beobachtete ihn besorgt, gab sich aber den Anschein, als sei er von den Kindern in Anspruch genommen, eine bedauernde Miene würde bei Pelle eine Erplosion hervorgerufen haben. Er erriet, daß es schlecht mit den Geldangelegenheiten stehe, wagte aber nicht, seine Hilfe anzubieten. Jedesmal, wenn er versuchte, eine Unterhaltung anzuknüpfen, wies ihn Pelle mit einem schneidigen Ausdruc zurück, der sagte: Du schnüffelst hier bloß herum, um eine Gelegenheit zu finden, mir Dein Geld zuzustecken; aber daraus Aber es war nichts Neues hierin. Eine Schicht rückte auf und offenbarte eine neue unter sich, so war es in der Geschichte immer gegangen. War es denn in alle Ewigkeit bestimmt, daß auf dem Grunde des Daseins eine beständig gleich zahllose Schar Ausgestoßener sitzen sollte, die die Last des Ganzen trugen, die große Hungerreserve? War es nur dann möglich, es gut zu haben, wenn man es verstand, die Schwierigkeiten nach unten abzuschieben, wie man die Falten einer Stelle aufhäuften! Ja, dies war wieder die alte Frage. Früher hatte er seinen leichten Glauben gehabt, mit dem er den Zweifel niederschlug, aber jetzt konnte er sich nicht mehr mit einer blinden Hoffnung begnügen; er verlangte, daß ihm ein Ausweg angewiesen werde. War die Bewegung ausgelaufen, weil sie schief angelegt war, so hatte man es ja mit handgreiflichen Gründen zu tun, und das Ganze ließ sich wieder gut machen! Auch andere waren damit beschäftigt, das Ganze von Grund aus aufzunehren. Durch Peter Drejer fam er mit jungen Leuten von ganz neuem Typ zusammen. Das war die Jugend, die, unten aus der Bewegung aufgetaucht, über- raschend aus ihrem Bodenfall aufgeschossen war und nun kam und neue weitgehende Forderungen an das Dasein stellte. Aus unbekannten Wegen waren sie an denselben Punkt gelangt wie er selber, und beanspruchten in erster Linie Menschen zu sein. Die Heiligkeit des Ichs erfüllte sie und setzte sie in Empörung über jegliches Joch: sie fingen damit an, es von innen abzuwerfen, rauchten und tranken nicht, wollten keine Sklaven von irgend etwas fein. Sie hielten sich der Be- wegung fern und hatten ihre eigenen Versammlungsorte in der Nähe des Südboulevards, wo sie lasen und neue Gesell- schaftsordnungen entwarfen. Es waren aufgeklärte, gutge- lohnte Arbeiter, die hartnäckig die Verhältnisse des Prole- tariats teilten, fanatische Gläubige, die ihren Wochenlohn verschenkten, wenn sie einem begegneten, der ärmer war als sie selbst: Hitzköpfe, die auf die Revolution warteten. Mehrere von ihnen hatten wegen aufrührerischer Umtriebe gegen die Staatsordnung im Gefängnis gesessen. Es waren auch Leute vom Lande darunter, Söhne von denen, die da draußen in Gräben und Torfmooren standen. Die Kinder des kleinen Mannes nannte Morien sie. Hier war endlich der Nachwuchs derer, die die Bewegung mitgemacht hatten: so mußte sie verlaufen. Mit Genügsam- keit hielten sie sich unabhängig von den bestrickenden Mitteln des Kapitals, sie verachteten den kleinbürgerlichen Hang zum Wohlleben und waren immer zum Handeln bereit; in ihnen war der Aufbruch auf jeden Fall eine Tatsache. Sie wollten Pelle gern für sich gewinnen.„Komm zu uns herüber I" sagte Peter Drejer oft. (Fortsetzung folgt.) 1]'Cagcbuch eines entlassenen Sträflings. Bon Hans von Glümer. Der erste Tag. Am letzten November 1908 wurde ich aus der badischen Zentral- prafanstalt Freiburg cntlaffen. Es war ein heller Tag. den um die siebente Morgenstunde Däinmer und Nebel noch verschleiert Helten. Das Glatteis, hatte der Kammerausieher gesagt, sei gefährlich für meine neuen genagelten Schuhe. Die aber spotteten der Vorsicht und wollten Flügel der Füße sein. Ein Schulbub wies mir den Weg vor das Stadtwr. Er zog höflich den Hut und behandelte den Entlassenen wie einen Menschen, der das Vertrauen der Kinder ver- dient. Mein Anzug war frisch gebügelt und die Wäsche sauber wie am Festtag. Mit«>pitzstecken und Ohrenmütze sah ich wohl einem harmlosen, rotbäckigen, gutgenährten Touristen gleich, der hinaus will ins Rodelgelände. Auf der Landstraße lachte die weiße Winterwelt. Blutrot stieg die Sonne über schwarzen Bergen auf. Ich atmete tief die erste freie Luft nach vielen Wochen, von denen jede wie ein. Jahr ist. Die erste Zigarre war verraucht und hatte mich ein wenig be- trunken gemacht. Du köstliches, langentbehrtes Gift! Dieser Lei- denschaft zuliebe bin ich im Gefängnis ein Dieb geworden. Schon auf dem Schub, in Heidelberg. Da standen Körbe mit Tabak auf dem Korridor. Wir rauchten das Kraut, echten Pfälzer, in Pack- papier gerollt, von Mund zu Mund in der GemeinschaftSzelle auf dem Wege nach Waldshut wo ich drei Wochen in Untersuchung saß und gezählte hundert Zigarren vertilgen durfte. In Freiburg freilich war man auf einzelne Blättchen angewiesen, die zertreten auf der Treppe lagen und im Nu, samt dem Schmutz, zwischen die Zähne wanderten— so gierig und gemein macht die Enthaltsam- keit. Beim Kirchgang hielt die Linke das fromme Begleitbuch und die Rechte tastete nach den Tabakskisten, die im ersten Laufgang vor den Zellentüren aufgestapelt waren. Heidi, wenn ein Knoten er- wischt werden konnte. Dann wurde der Sonntag zum' Fest und ich trank mir am braunen Saft«inen Rausch. Das Tabakkauen haben unter Fünf Drei als Sträfling gelernt. Es ist das vor» nehmste Vorrecht des fünften Standes. Just poltert ein Bahnzug vorbei und merkt nicht, wie der Ent» lassen« ihn verlacht und verlästcrt. Du rollendes Gefängnis! Da sollte auch ich darinnen sitzen für eine Mark vierzig, die mir die Gefängnisverwaltung gab für die Fahrt bis Bonndorf. Zum Teufel, liebep als Leiche auf dem Gleis, wie als Lebender und Eni- lass�-ner in dem Käfig, Ivo wilde Tkere hocken, die Mitmenschen heißen. Wandern will ich heute fünfzehn Stunden weit, bis ans Ende der Welt morgen und alle Tage, um immer dem gräßlichen Gesicht der Menschen auszuweichen, die meine Schuld nur kennen wie einen blutenden Riß ins Leben, den keine Sühne heilen kann. Sie wissen ja nicht, was der Verbrecher vor der Tat und für die Tat erlitten und verkämpst hat. Nein, nicht in die Eisenbahnzelle! Hundertmal lieber zurück in die Gefängniszille, die eine große stille Seele hat! Hier ist ei« schmuckes Dorf, Littenweiler, das mich auch aw> starrt mit besonderen Mienen. War einmal ein junge? Leben, schön und schlank wie der Tann im Bergwald, keusch und herb wie Tannenduft. Hat mir das Herz genommen und angefüllt mit ' Seligkeit, die den Gruß ihrer Hand hinnahm wie ein Gottesgeschenk. i Eine Liebe ohne Sinnengier. Sie hat einen andern genommen und ist elend geworden wie ich Armes Littenweiler Lieb, glaubst du es auch, daß jener Mensch, der einmal in einer Boller Mitsommer» nacht zitternd Deine Lippen fand, ein Sittlichkeitsverbrecher ge» worden ist? Laß fahren dahin! Dort winkt ein Wirtshaus am Wege. Trink einen Schnaps und sei ftoh. Wer Wirtshäuser baut, dämpft Revo» lutionen und was ansonft Herzen heiligen und groß machen kann. Müde müßt ihr werden und stumpf— das ist die Erlösung. Frcm Wirtin,«in Kirschwasser noch! Es ist der zweite Schnaps seit letz« tem Winter, seit der letzten Fluchtnacht im Stalle eines belgischen Bauern. Nun bin ich wieder bei den Wälderbauern, sitze sicher und gut an der warmen.Kunst"(Sckavarzwälder Sitzofen). Wie diese einschichtigen Seelen, Menschen ohne Wissen und Arglist, doch auch einem Geächteten es wohl sein lassen. Drei Stunden später aber, im Posthaldcngasthof, kamen feldbcrgwärls Stadtherren, die ihre Skier wie Fittiche trugen und im Kopfe so scharfspürende Augen, als ob sie Geier oder Juristen wären. Die Reisekasse von drei Mark(eine Mark sechzig in sieben Mo. naten ehrlich verdienter ZuchthausarbeitSlohn ist auch dabei) hat nicht gereicht für ein tüchtiges Mittagbrot. Was man hinter Gitter und Mauer in einem Monat unter tausend Schmerzen und Flüchen verdient: die Freiheit vertrinkt, verrauchts, verfubeltS in einer Stunde. Und übel wud dem Uebeltäter obendrein. D i e Freiheit hat ein Loch. Die neuen Schuhe hängen heiß und schwer an den Füßen. Das Tal ist nun voll Eis und fröstelnder Schatten. Auf der Höhe wurde das keusche weiße Schneefeld'zur Wüste. Die Sinne sagen zum Leib«, daß er ein ungewohntes Maß von Freiheit nicht qualloS genießen darf. Und da war noch ein grausames Er» lebnis, gerade als die Rächt dte näherkommenden heimischen Be. zirke bergen sollte: Ueber der Straße bei Hölzlebruck stand ein Mann aus Neustadt,«in Aufseher bei Telegraphenarbeitern. Er stand auf dem Gerüst zwischen den Drähten, und seine Gestalt wuchs wild und furchtbar wie eine Vifion— der erste Mensch, der mich erkannte. Ich wollte in die Erde sinken, in die Wolken entfliegen. in der Luft zersplittern, den Millionen Etsnadeln gleich, die er« darmungilos dem Wanderer entgegentreiben. Und blieb doch ank die Stelle gebannt wie ein Vogel vor dem Schlangenblick, bis die Furie Furcht die Füße löste, irgendwo ein Versteck zu suchen. Im dunklen Winkel eines Wirtshauses. Scblafen. schlafen und die Freiheit vergessen. Kann man hier über Nacht bleiben? Ich wag? die Frage nicht. Ein Bett für achtzig Pfennige würde der Rest der Rcisekasse noch leisten; wehe, wenn?S zehn Pfennig mehr kostet! Aber dann lauert morgerf wieder der helle verräterische Tag mit vielen Menschen, die mich erkennen könnten. Ich muß. Muß wei- ter wandern die vier Stunden noch bis nach Haus. Wenn nicht ein neuer Wunsch den Willen verführte: Hier ruft ein rotes Haus ein« zutreten. Ein Stationsgebäude. WaS der Frühmorgen verschmähte, bringt die Nacht als zärtliche Zuflucht: das rollende Gefängnis. Zelle zweiter Klasse. Die Angst ist auck ein Borwand, vornehm zu fahren. Der Entlassene wühlt sich wollüstig in die Polstrr und zählt sein Glück: Der Wartesaal war ohne Licht gewesen. DaZ letzte Geld reichte gerade bis Löffingen. Kein bekanntes Gesicht schaute durch die Wagenfcnster. Das Abteil war leer. Wenn Bonn- dorfer im Zuge saßen, mutzten sie in Kappel-Gutach ihre Bahn be- steigen. Ich fühlte mich wie ein Kriegsheld, der das Feld durch siegreiche Flucht behauptet. Ich gab dem Schaffner zwei Zigarren, und er läßt mich allein, als ob ich liebend zu zweit wäre. Isolier. sträflinge sind gewohnt, ihr eigenes Reich zu haben. Ich rauche. pfeife, singe und komme zu kühnen Gedanken. Es lob« das Glück! Auf dem Lüffinger Bahnsteig deckt gütig die Nacht meinen Schatten. daß er unbesehen entweichen kann. Und diese Nrnkst. deren Antlitz sich immer verfinstert, wo die Kultur ihre Freiheit und Schönheit hemmt, hat hinter dem Städt« chen sich licht und weit aufgetan. Auf weißem Schneegrund unter silberblauem Himmel lte�t das breite Hochfeld vorHieiselfingen in Bollmondverklärung. Keine Kreatur stört um diese Stunde Straße und Land. Hinter dem Dorf öffnet der Wald seine hohen Tannen mit Wnrzeliverk, Stein und Steige und läßt nur den vertrauten Fuß passieren. Wie oft waren wir vereint und einsam hier: der Wald, die Rächt und ich. Mein Gotteshaus! Da stiegen und stürz. ten die Gedanken lo sternenhoch jauchzend und schaurig tief, viel tiefer und rauschender als das Wildbett der Wutach ist. Nun ist die Wutach vereist und es raunt und röchelt vom Wehr. Den Strom meines Lebens haben sie auch in ein Stauwehr gespannt. Hütet euch, wenn der Eisbruch kommt! Tief drunt im Tal(wie klang doch das Lied vom„Dirndl mein"?) im Kurhaus Bad Boll blinzelt noch ein Licht. Ich muß mick» wieder verstecken. Im Dickicht schläft ein« Bank den Winter- schlaf und Nixen, Hexen und Teufel umtanzen fie: meine Träume, die nun bemoost und Erinnerung geworden sind. Das Licht vom Bad starrt durch leeres Gezweig, wie eine Lanzenspitze, die daS zuckende Herz öffnen will. Wer wacht dort? Vielleicht eine ver, lassen« Magd bei ihrer Sehnsucht? Bielleicht ein verspäteter Zecher ans Bonndorf, dessen Gruß mich wegHeimwärtS anpacken könnte? Vielleicht ist„Wutach", der Bernhardiner, nicht mit dem Herrn zum Gardasee, und seine Freude springt mich an? Er weiß ja nichts von meiner Schande. Vielleicht, vielleicht— will dieses Wort am ersten Tage schon zum Rückwärtsweiser des versteinten Wege- werden? Das Licht verloscht und ich bin wieder frei, zum neun- mal neuntenmal am ersten Freiheitstag. Ungefährdet kommt der Heimflüchtende durch Schlucht und Wald ins frei« Feld. Im Dorfe Boll am Haus zum grünen Berg grüßt keiner der Hunde kläffend wie sonst. Nun geht es aufwärts immer. Hier war das Reich meiner Rodel und ich ein Herr mit Herrscherrechten— halbe Nächte lang in Nebel und Rauhreif, bei Sturm und Sternenschein. Da fuhr die Rodel blitzend zu Tal und kannte keine Ackergrenze, keinen Störer. Der Wust ungestillter Wünsche selbst wurde stiller. Köstlicher ist keine Fahrt: auf dem schlanken Leib des Schlitten� rücklings, gestreckt; in langsam siche- rem Lauf— in aller Herrlichkeit hat sich das Weltall über Dir auf- getan und Du schaust trunken es von Angesicht zu Angesicht. So inag es sein, wenn der Todesengel unsere Seele durch Ewigkeits- lande trägt. Der Kirchturm tritt über den Berg, als ob eine wandelnde Glocke sein Fußwerk wäre. Die Kirche steht erhöht und beherrschend über der Stadt. Und gleich ihr, hochgebaut, nebenan, das Haus; in dem mein Erzfeind und Verderber ein heiliger Mann ist. In einer Gruppe größerer Gebäude, im alten Schloß und in den andern Amtshäusern in der Runde, residieren die Statthalter des Staates. Sie sollten einmal meine Freunde sein. Der Partei- politische Kleister kittete uns wie Scherben, die nicht zusammen- gehören. Ein Proletarierkind kann nicht gefühlsgemeinsam werden mit Privilegierten. Da steht Unrecht gegen Vorrecht, verzehrendes Feuer gegen starres Eis. In den Hütten und einfachen Häusern haust das Volk. Zum Volke gehören heißt Knecht oder Rebell sein. Dieses fromme und zufriedene Volk, dem der Acker viel« Steine und das GeWerk keine goldenen Berge trägt, könnte freier und fröhlicher seiner irdischen Genügsamkeit und den himmlischen Hoffnungen leben, wenn nicht vom Pfarrhaus und von den Amtshäusern her die Störenfried« kämen: Menschen, die in fetten Pfründen sitzen und zur Bewegung und Kurzweil mit Bürgern und Bauern Spiel und Sport treiben. Falsckspiel oft, politischen Sport. Sieben Jahre habe ich geworben um diese Stadt, in hellsehender Liebe, in blindem Haß. Gescheitert bin ich an allen. Das muß ein gewaltiger Unmensch sein, der dem klerikalen Untier die Gift- zahne ausbrechen kann. Aber einbrechen in Herrenrechte, Diener des Staates zu Dienern des Volkes machen oder gar zu Herren über die Herzen des Volkes,— vermessener ist das als Drachen- kämpf. Und das Volk bleibt verwaist. Die zum Herrgottwinkel flüchten und vor dem Muttergottesbilde knien können, haben es gut. Vielen ist auch der alte Großherzog, menschlich näher der Bonndorfer Post- Halter ein Idol gewesen. Beide find tot. Gescheitert bin ich auch am Volke. Nun hat es mir ein Denkmal aufgerichtet, ein starkes Kreuz, an dem der Schacher blutet und verbluten muß. Auf dem Lin- denbuck, bei den entblätterten Linden steht das Kreuz und will ein warnender Galgen für Weggenossen und Siedelnde sein. Und dennoch, ich grüße dich, du arge Stadt. Von deinen fünf- -zehnhundert Seelen find mir doch tausend ans Herz gekommen. Wie sie schimnzert im Silberglanz dieser Nackt. Wie ist der Him- mel so tief auf dem Berge hier und jeder Stern ein leuchtendes Auge. Der Vollmond gibt sein Bogenlicht weit dem weißen Süden zu. Fast möchte man die Mauer der Alpenkönige erfassen wie am Tag. Grenze, ich grüße dich heut ohne Grauen. Das ist der gleiche Glanz und der gleiche Klang überirdischer Stille, der über diesem Land lag in jener Januarnacht, der ersten Fluchtnacht. Als ich die Schweiz nicht zu erreichen wagte vor meinen Häschern und fünfzehn Stunden den Winterwald durchirrte, um den Tod zu finden. Dort links im Walde über Brunnadern und JBillendorf. Da hing ich am Baum wie Absalom. wie Judas, das Sacktuch an der Gurgel. Das stumpfe Messer wollte den Pulsschlag des Lebens nicht treffen. Das Schncegrab gab mich wieder frei, das sinnig schon gedeckt war mit Tannenimmergrün in Kreuzesform, mir zur ewigen Ruhe. Nun hat die Erde mich wieder, das Heimatland und das Liebste, das mein ist auf Erden. Wie sie sanft ruhn, die Häuser und Bürger dieser Berg- und Bauernstadt. Auf jedem Dache liegt der jungfräuliche, unberußte Schnee wie eine Himmelssendschaft. Ueber allen Giebeln hängt so hell und rein das himmlische Licht der Nacht und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft. Nur ganz hinten im Ort, das letzte HauS, das Gefängnis grinst mit seinen Eisenstäben. (Fortsetzung folgt.)! Die fanriUe KobU Von C. S ch e n k l i n g. Nach der Beerenernte werden die meisten Gemüsesorten küchen- reif Namentlich find es die verschiedenen Kohlarten, die in unserem Hanshalte eine Rolle spielen. Die zahlreichen Varietäten/ die man von diesem Gemüse kennt, beweisen, daß der Kohl seit langem eine Kultur- pflanze ist, denn je länger eine Pflanze oder auch ein Trer unter der Beeinflussung des Menschen steht, desto größer ist die Zahl der Varietäten und der Spielarten, die herausgezüchtet worden sind oder werden können. Die Stammform unseres Gemüsekohls(Brassica oloraoea), die ästige, holzige Stengel befitzt, wächst an verschiedenen Stellen der Insel Helgoland noch wild; häufiger kommt sie vor auf den Kreide» felsen Englands und Nordfrankreichs. ES soll dahin gestellt bleiben, seit wann dieser Kreuzblütler von den Menschen in Kultur genommen wurde. Jedenfalls pflanzten Juden und Aegypler bereits Kohl, und die Griechen hatten verschiedene Sagen über seine Entstehung. Die Mythologie dieses Volkes erzählt von mehreren Pflanzen, dr« aus den Tiänen oder dem Blute irgend eines Verstoßenen, Ge» marterten oder Getöteten entsprossen seien; auch die Kohlpflanz« ging aus Tränen auf. Lykurgus, ein thrazischer Fürst, widersetzt« sich nicht nur nach Kräften der Kultur des Weinstockes, sondern ließ auch olle Reben in seinem Lande vernichten. Darüber erzürnt, band ihn Dionysos an einen Weinstock fest, und aus seinen Tränen erwuchs der Kohl. Die Jonier schwuren bei der Brassica, und Mikander nennt den Kohl ein heiliges Kraut. Wie anerkennend man ihn be- urteilte, ist daraus zu ersehen, daß Pylhagoras den Genuß deS gemeinen Küchenkohls als ein vorzüglich gesundes,»den Menschen gar zuträgliches Gemüse, das ihn bei heilerem, ruhigem Sinn und Mut erhalle", allen aufs dringendste empfiehlt. Die Römer kannten bereits verschiedene Kohlarten, doch ist eS unmöglich, bei einem so leicht veränderlichen Gewächs nach mehr denn zweitausendjähriger Kultur noch Vergleiche mit unseren Kohlgewächsen ziehen zu wollen. In den Gartenbau» Schriften der allen Römer werden zwei Arten erwähnt: Brassica vividis, unser Savoyer Kohl und Br. laevis, unser Kopflohl. Außer» dem kannten sie bereits den Braun- oder Grünkohl, aber vom roten Kopfkohl findet man noch nichts. In Deutschland wurde dem Kohl aus den Landgütern Karls des Großen große Sorgfalt zugewandt und die verschiedenen Arten nicht nur kultiviert, sondern auch vermehrt. Bevor das Gemüse aber in die kaiserlichen Gärten gelangte, wurde es in den Klostergärten ge» pflegt, und daß«S dahin seinen Weg aus den romanischen Ländern gesunden hatte, beweist der Name, der eine Entlehnung auS dem lateinischen canlis(junges, eßbares Kraut mit starlem Stengel) ist, wre denn auch die Benennung Kopskohl, oberdeutsch cbaxus(heute Kappus) auS dem mittellateinischen caputium die Herübernahme auS dem Klostergarten besonders deutlich verrät. Daß der Kohl bald ein beliebtes BollSgericht geworden, bezeugen auch die Ländereien deS späteren Mittelalters, die nach altem Brauche noch Kohlgärten heißen, in der Tat aber ausgedehnte Felder sind. Und daß er ein geistliches Hauptesien bleibt, darauf ist die hübsche von Jaroschin erzählte Geschichte von dem Samländer aufgebaut, dem die preußischen Ordensbrüder ihre Burg zu Balge, Kapelle. Schlashaus und Speise» saal zeigen. In diesem sieht er sie Kohl essen und, weil er der- gleichen nicht kennt, glaubt er, sie nährten sich von Gras, weshalb er seinen Leuten rät. die Brüder nichr anzugreifen, da man einem Bolke, das so genügsam lebe, unmöglich widerstehen könne. Sieht man von den zur Sippe gehörenden Oel gebenden Arten, wie Senf, Rübsen usw. ab, so sind es sich« Arten, die als Kohl» pflanzen vorzugsweise zur Geltung kommen: Winter- oder Blattkohl, Rosenkohl. Welsch-, Wirsing« oder Savoyerkohl, Kopflohl(auch Kraut genannt), Kohlrabi und Blumenkohl. Diese Arten find entstanden durch eine Jahrtausend« hindurch fortgesetzte Kultur, infolge deren die zähe Pflanzenfaser zurückgedrängt und Stärkemehl und Zucker sich reichlich in den Zellen ablagerte, wodurch die harte Substanz zartfleischig wurde. Bollzog sich diese Umwandlung in der Gipfel» knoipe, io entstand der Kohlkopf; beförderte sie die Wucherung de« Zellgewebes der Blätter in noch höherem Grade, so bildete fich der Wirfing; war dieser Prozeß nur auf den Rand der Blätter beschränkt, so entstand der Krauskohl. Ging die Nahrungszufuhr vorwiegend den Eeilenknospen de« Strunkes zu. so entstand der Rosenkohl; fand die Ablagerung von Zucker und Stärkemehl besonders in der Blütenachsi statt, so entstand der Brockoli, und im Blumenkohl wurde der ganze Blüten- stand in markige Substanz verwandelt. Zur Kenntnis der einzelnen Arten noch folgendes: Der Winter- oder Blattkohl bat einen verlängerten, stielrunden Stempel und ausgebreitete, kleine Köpsi bildende Blätter. Sind diese flach und fiederspaltig, so heißt die Unterart grüner Blattkohl; sind sie flach und entweder gar nicht oder nur scv wacki- wellen förmig, so ist es Grünkohl; find sie kraus- fiederspaltig und haben sie eingeschnittene Lappen, so ist es Braunkohl. Die Be- nennung der beiden letzten Varietäten bezieht fich auf daS Aussehen des zubereiteten Gemüses. Da der Blätterkohl vom Froste nicht leidet, kann er wintersüber an Ort und Stelle stehen bleiben(Winter- kohl);»ach dem ersten Frost gewinnt er sogar an Wohlgeschmack. Der liebliche Rosenkohl(Sprossenkobl), den man schon am Ende deS 16. JabrhundertS kannte, kennzeichnet fich durch flache, lockere Blätter, in deren Winkeln Knospen entstehen, die im Früh» ling des zweiten Jahres sich in kleine Blattrosetten(Rosen) verwandeln. Später dehnen sie sich zu blülentragrnden Aesten aus, wozu man es natürlicherweise im Gemüsegarten nicht kommen läßt. Bekanntlich ist der Rosenkohl vielen eine ! Delikatesse, aus welchem Grunde es sich dsi Gemüsegärtner ange- legen sein lassen, in jedem Jahre mir Neuzüchtungen aufzuwarten. Der Wert richtet sich nach der Höhe des Stengels, der beim '„Erfurter Dreienbrumren" eine» halben Meter erreicht und nach der " " - 740 Anzahl der Rosen, deren Herkules" bis 72 Stüd erzeugt. Der der Bildung der gewaltigen Steinkohlenlager in der danach be Wirfing, Welsch oder Savoyer Kohl führt seinen Namen, weil er in nannten Periode der Erdgeschichte der Gehalt des Luftmeeres an der italienischen Landschaft Piemont das beliebteste Gemüse ist. In Kohlensäure doch wohl größer gewesen sein müßte als jetzt. Die manchen Gegenden beißt er auch Börs oder Börsch( spanisch berza) Pflanzen, aus denen die Kohlenlager entstanden sind, konnten den aus brassica entstanden; aus Börsch soll wieder Wirsch oder Wirsing Kohlenstoff nur aus der Luft entnehmen, und was durch sie in den gebildet sein. Der goldgelbe Wirfing bleicht seine Blätter im Winter Erdschichten an diesem Element aufgespeichert wurde, war somit der goldgelb. Seine Qualität wird bewertet nach der Größe und Luft entzogen worden. Heute beträgt der Gehalt der unteren Luft Festigkeit der Köpfe, die von den lockeren, blasigen oder fraufen schichten an Kohlensäure nur vier auf je zehntausend Teile, und Blättern gebildet werden. Beliebte Sorten sind Eisentopf", bei- mit dieser geringen Menge kommen nicht nur alle Pflanzen aus, nabe so fest wie ein Stohltopf, Granatkopf" und vor allem der sondern sie vermindert sich nicht einmal, weil die Tiere und der große gelbe Erfurter Riefenwirfing mit einem Durchschnittsgewicht Mensch durch ihre Ausatmung von Kohlensäure für Ersatz sorgen. bon 314 Kilogramm und einem Umfang von 85 bis 90 Zentimeter Der Gleichgewichtszustand aber, in dem sich die Atmosphäre noch bei großer Bartheit und ausgezeichnetem Geschmack. Der Kopf- heute durch diesen natürlichen Kreislauf befindet, kann nicht immer tohl, bisweilen Kraut genannt, hat gewölbte, meist völlig glatte derselbe gewesen sein, und es ist auch anzunehmen, daß solche Stö Blätter, die vor der Blüte zu einem festen Kopfe verbunden sind. rungen, wie sie in der Steinkohlenzeit stattgefunden haben, in der Diese wichtigste Abart des Kohles hat zahlreiche Unterarten: das Vergangenheit der Erdgeschichte nicht die einzigen gewesen sind große Weißtraut, weißer Kohl, Rappus oder Kappistraut hat be- und sich auch in der Zukunft wiederholen werden. Wie die Geofonders seegrüne Blätter und große Köpfe; der Yorkfohl hat einen Logie und Geographie immer mehr Bausteine zu einer Erdgeschichte Tänglichen, fleinen Kopf; das Buderhutkraut hat einen länglichen zusammengetragen haben, so wird die Naturwissenschaft ohne Kopf und besonders feinen Geschmack; das Elsassertraut hat einen Zweifel auch dazu gelangen, eine Geschichte der Atmosphäre zu sehr breiten und überaus großen Kopf; das Rotkraut, der rote Kohl- schreiben. Bisher lassen sich nur einige Mutmaßungen über diese topf, ist durch violett- weinrote Färbung ausgezeichnet. Selbstver- Entwickelung äußern, die selbstverständlich mit der unseres festen ständlich gibt es auch hiervon wieder viele Varietäten. Empfohlen Erdförpers in engem Zusammenhang gestanden hat. werden das weiße Braunschweiger, das Wiener, das Erfurter WeißTraut, das Riesenweißkraut Diamant", das Rotkraut" Rubin" mit zehnpfündigen Köpfen mit 80 Zentimeter Umfang und darüber, und ber Mohrenkopf" von fast schwarzer Farbe, der alle übrigen Sorten insofern übertrifft, als er fast eisenfest, ungemein schwer und lange Haltbar ist. 10 Da nach der noch heute allgemein anerkannten Theorie die Erde zu Anfang ein glühender Gasball war, so muß es eine Zeit gegeben haben, in der gewissermaßen ihre ganze Masse nur aus Atmosphäre bestand. Auch nach der ersten Erkaltung und der Bildung einer Erdkruste werden die sie umgebenden Dämpfe aus vers schiedenen Gasen sehr hoher Temperatur bestanden haben. Atembar im Sinne der heutigen Lebewelt war diese Atmosphäre natürlich nicht. Das war aber auch nicht notwendig, da überhaupt noch kein Leben bestand, weil der Zustand auch der Erdrinde dafür gänzlich ungeeignet war. Professor Cavers, der im„ University Correspondent" die bisherigen Kenntnisse über die Geschichte der Atmosphäre ber heißen Erdrinde aus deren hauptsächlichsten Bestandteilen zusammengesetzt gewesen sei, namentlich auch aus Dämpfen von Chlornatrium, dem gewöhnlichen Kochsalz, das nachher nach Niederschlag des Wassers in diesem gelöst wurde. Ueber dieser Schicht glühender Gase hätte sich eine Zone von Kohlensäure befunden, darüber eine solche von Wasserdampf und schließlich eine Schicht von Stickstoff und vielleicht auch von Sauerstoff. Nachdem die Erdtruste genügend erfaltet war, um den Niederschlag des Wasserdampfes und seine Ansammlung zu gestatten, entwickelte sich das erste Leben auf der Erde. Ob die. Atmosphäre damals überhaupt schon reinen Sauerstoff enthalten hat, ist durchaus nicht sicher. Bielleicht waren die ersten Lebewesen den Bakterien ähnlich, die noch heute ein Leben ganz ohne Sauerstoffaufnahme führen und fich statt dessen mit Stickstoff oder Kohlensäure begnügen. Solche Wesen zwischen Tier- und Pflanzenwelt fönnten als Vorläufer aller höheren Lebensformen in Betracht kommen. Aus verschiedenen Weißkrautarten wird bekanntlich der Sauerkohl gewonnen. Das Einfäuern des Krautes war dem Altertum unbekannt, wennschon man damals verstand, Rüben einzumachen. Nach Beck mann ist der Sauerkohl eine niedersächsische Erfindung. Der feingehobelte Weißkohl wird durch Einfalzen und Gären in das allgemein Bekannte und viel genoffene Sauerkraut umgewandelt. Ein Faß, in zusammengestellt hat, meint, daß diese älteste Dampfhülle zunächst dem Weißwein aufbewahrt war, schafft dem Sauerkraut eine leichtere Gärung und verleiht ihm einen angenehm weinsäuerlichen Geschmack. Zur Verfeinerung des Geschmacks gibt man zerdrüdte Weintrauben und Borsdorfer Aepfel hinein. Wenn das Kraut angenehm und frisch duftet und eine schöne gelbliche Farbe hat, ist es in seiner Gärung gereift und schmackhaft. Der Sauerkohl hat denn auch den Weg zur Tafel des Vornehmen wie zur Hütte des Armen gefunden, nur die Bubereitung ist eine allerdings sehr verschiedene. Der Gourmand würde seinen mit Auſtern oder Lerchen garnierten Kohl in einem russischen Bauernhause( wo Sauerkraut eine Hauptnahrung bildet) nicht wieder erkennen und ihn für ein gewöhnliches Effen erklären; diese Wandlung geschieht eben durch den„ Geist der Kochkunst!" Auch der Kohlrabi, bei dem der Steugel über der Erde knollig ber dickt ist, wird in verschiedenen Abarten gezüchtet, deren Köpfe bald weiß( Glaskohlrabi), bald blau aussehen( blauer Mammut). Die Köpfe werden bis einige Kilo schwer, so die des„ Goliath" bis fünf Kilo. Als feinste Kohlart gilt der Blumenkohl, der nach alten botanischen Urkunden als natürliches Produkt von der Insel Cypern stammt. Nach Deutschland scheint er Ende des 17. Jahrhunderts gekommen zu fein. Er tritt in zwei Formen auf, entweder mit monströsem, fleischig gewordenem Blütenstande oder mit scheibenförmig- topfigem, gedrängten Blütenästen, an denen dicht bei einander fleischige Knospen stehen. Die zweite Form ist der eigentliche Blumenkohl, auch Käse- oder Traubenkohl und in einzelnen Gegenden Karfiol genannt. Die erstgenannte Form mit lockeren, verlängerten, fleischigen Blütenästen führt auch die Namen Spargelfohl, Bröckeltohl oder Brokkoli. Wegen ihres reichen Gehaltes an Stärkemehl und Zucker bilden fämtliche Kohlarten ein wichtiges Nahrungsmittel für Menschen und Tiere in allen Zonen, mit Ausnahme der Tropenzone. Johnston fand bei seinen Analysen des Kohls 30-35 Broz. Kleber( ein Bestand teil des Bellinhaltes), und erklärt ihn daher für nahrhafter als irgend eine andere Pflanzenspeise, die in größeren Quantitäten von Menschen und Tieren verzehrt wird. Daß er andererseits, wie fast alle kleberreichen Nahrungsmittel einen berdauungshemmenden Einfluß auf die menschliche Konstitution ausübt, ist bekannt. Daher ist es, wie bei Erbsen und Bohnen geboten, den Kohl mit Speck oder Schweinefleisch zu fochen, um ihm die stopfende Eigenschaft zu nehmen. Auch hier zeigt es sich, wie so oft im Küchenreiche, daß eine derartige Bubereitung der Speisen ihre Beliebtheit weder dem Herkommen noch dem Geschmack des Feinschmeckers verdankt, sondern aus der Er fahrung hervorgegangen ist. Wahrscheinlich aber entstand sehr früh ein Wachstum grüner Pflanzen. Schon in den ältesten Schichten findet sich Kohlenstoff in der bekannten und wertvollen Form des Graphit, der wohl auch nur aus ursprünglichen Pflanzenstoffen entstanden sein kann. Wenn man sich vorstellt, daß die Pflanzenwelt auf der Erde überhaupt früher entstanden ist und eine weitere Ausbreitung erlangt hat als das Tierleben, so läßt sich auch begreifen, wie die Atmosphäre den Gehalt an reinem Sauerstoff erhalten hat. Die Pflanzen zersehen die Kohlensäure, indem sie den Kohlenstoff aufnehmen und den Sauerstoff an die Luft zurückgeben. Die Tiere atmen wiederum den Sauerstoff ein und Kohlensäure aus. Denkt man sich in der Vorzeit die Erde nur mit Pflanzen bevölkert, so muß der Gehalt der Atmosphäre an Kohlensäure dauernd abge= nommen, der Gehalt aus reinem Sauerstoff entsprechend zugenom men haben. Das Uebergewicht der Pflanzenwelt blieb wahrscheinlich bis nach der Steinkohlenzeit bestehen. Und diese Entwickelung mag bis zur Gegenwart in derselben Richtung fortgeschritten sein. Prof. Cavers findet eine Stütze dieser Annahme in einer eigenartigen Ueberlegung, die sich auf die fliegenden Geschöpfe früherer Epochen der Erdgeschichte bezieht. Heute sind die Vögel meist zierliche Geschöpfe, die selbst bei stattlicher Größe ein ge= ringes Gewicht haben, weil ihre Knochen durch den Besitz von Hohlräumen, die mit Luft gefüllt sind, eine sehr bedeutende Erleichte= rung erfahren haben. In der Vorzeit dagegen, namentlich in der sogenannten Kreidezeit hat es fliegende Reptilien gegeben, die außer einer enormen Größe ein Gewicht erreichten, das sicher ein Vielfaches des schwersten heute lebenden Vogels dargestellt haben muß. Die Frage, wie solche Wesen sich in der Luft halten und überhaupt fliegen fonnten, läßt sich weit leichter beantworten, wenn angenommen wird, daß die Atmosphäre selbst damals durch einen höheren Gehalt an Kohlensäure eine größere Dichte besaß. Ueber die Atmungsorgane und überhaupt über die Physiologie jener längst ausgestorbenen Tiere weiß man so wenig, daß ein Grund Vergangenheit und Zukunft der Luft. Obgleich gegen den geringeren Sauerstoffgehalt der früheren Atmosphäre sie Naturwissenschaft mit der Veränderlichkeit aller Erscheinungen daraus nicht abgeleitet werden kann. Es darf demnach vorläufig rechnen muß, ist die Zusammensetzung der Eitatmosphäre bis auf als unwahrscheinlich bezeichnet werden, daß sich die Veränderung der die neueste Zeit als unwandelbar betrachtet werden. Die Geologie Atmosphäre in dem bezeichneten Sinne seit den ältesten Zeiten der hat zuerst dafür gesorgt, einen Verdacht gegen die Unveränderlich- Erdgeschichte fortgesett vollzogen hat, und daraus würde sich der teit der Atmosphäre zu erregen, indem sie darauf hinwies, daß vor Schluß ergeben, daß sie auch in Zukunft andauern wird. Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln, Drud u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. - Kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches.