Nnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 191. Mittwoch� den 2. Oktober. 1912 llSiaadrua vervoken.1 301 PeUe der Eroberer. Von M. SfndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Im Anfang gerieten Pe häufig aneinander, aber Pelle lernte bald, auszuweichen. Peter, der fönst so gut und fügsam war, schlug einen heftig-gequälten» Ton an, sobald die Rede auf die sozialen Zustände kam: es war gleichsam, als-sei feine Geduld erschöpft. Obwohl er sehr ordentlich verdiente, ging er schlecht gekleidet und sah so aus, als bekomme er nicht genug zu essen. Das Frühstück, das er in der Werkstatt in der Gesellschaft der anderen einnahm, bestand in der Regel aus Brot mit Margarine darauf, seinen Durst löschte er am Wasser- bah«. Die erste Zeit stichelten die anderen auf seine Ge- fangenenkost: aber er gewöhnte sie bald daran, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, es war nicht gut Kir- schen essen mit ihm. Einen Teil seines Verdienstes brauchte er zur Agitation. Die Kameraden erzählten auch, daß er mit einem buckeligen Frauenzimmer und ihrer Mutter zusammen- lebte. Er selbst machte keinen Menschen mit seinen Angelegen- heiten vertraut, sondern wurde immer verschlossener. Pelle wußte, daß er in einer der Hintergassen in Westerbrücke wohnte, hatte aber nicht einmal seine Adresse. Wenn er stumm über der Arbeit stand, war sein Ausdruck immer finster, zuweilen entsetzlich traurig; es war, als arbeite das Weh beständig in ihm. Die Polizei verfolgte ihn fortwährend mit ihren Schikanen. Pelle hatte wiederholt einen Wink bekommen, ihn nicht zu beschäftigen, wies aber ganz bestimmt jede Ein- Mischung in seine Angelegenheiten zurück; dann kam man ganz willkürlich auf den Eiirsall, daß sich Peter Drejer jede Woche zur Kontrolle melden solle. „Das tue ich nie im Leben," sagte er,„das Ganze ist un- gesetzmäßig. Ich bin nur für politische Vergehen bestraft. Nun habe ich mich ängstlich gehütet, daß sie mir nicht wegen eines Formfehlers beikommen können, und nun wollen sie diesen Triumph haben. Nie im Leben!" Er sprach gedämpft und beherrscht, aber seine Hände zitterten. Pelle versuchte, ihn bei seinem selbstlosen Herzen zu fassen: „Dann tue es meinethalben," sagte er,„sonst stecken sie Dich ein, und Du weißt, daß ich Dich nicht entbehren kann." „Würdest Du denn zur Kontrolle gehen, wenn Du eine Vorladung bekämst?" fragte er dann. „Ja, es schadet keinem Menschen', wenn er sich der bru- talen Uebermacht beugt." Dann ging er. Aber es kostete ihm eine unendliche Ueberwindung, und an diesem Tag in'der Woche mußte man ihn am liebsten in Ruhe lassen. 12. Mariens Schicksal lag nicht mehr schwer auf Pelle, die Zeit hatte das Bittere verwischt. Er konnte ohne Gewissens- bisse an sein Zusammenleben mit den drei Geschwistern in der Arche denken, und dachte oft daran, wie es den beiden Brüdern wohl ergangen fein mochte. Niemand konnte ihm Aufschlüsse darüber geben. Eines Tages während der Mittagspause radelte er zu Morien hinaus, um ihm eine Bestellung von Ellen zu machen. In Martens Wohnzimmer saß eine zusammengesunkene Ge- stalt, den Rücken dem Fenster zugewandt, und starrte zu Boden. Die Kleider schlotterten ihm um die Glieder, das dünne Haar war farblos: langsam richtete er sein schrecklich Verwüsteies Gesicht er Tür zu. Aber Pelle hatte ihn schon erkannt an der zerstümmelten rechten Hand, die nur den Daumen und «in Glied des Zeigefingers hatte. Er versteckte sie nicht mehr, sondern ließ sie auf dem dünnen Bein ruhen. „Nein, guten Tag, Peter!" rief Pelle überrascht und streckte die Hand nach seiner Linken aus. Peter zog die Hand aus der Tasche und reichte sie ihm; es war ein toter, ver- stümmeltcr Klumpen mit ein paar kleinen Vorsprüngen wie Ansätzen zu Knollen, die Pelle zwischen seinen Fingern hielt. Peter sah ihm ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen: es blitzte nur ein wenig in seinen Augen auf, als Pelle zusammenzuckte. „Zum Teufel auch, warum stallst Du Dich so an?" sagte er trocken.„Das könnt' sich doch jeder sagen, daß es auf die Dauer nicht ging, eine Schneidemaschine mit einer Hand zu bedienen. Ich Hab' das genau so gut gewußt wie jeder andere in der Fabrik und wartete jeden Tag darauf, schließlich mußt' ich die Augen zumachen. Verdammt und verflucht, dachte ich, hat das denn nicht bald ein Ende, dachte ich oft, und dann eines schönen Tages war es da!" Pelle durchschauerte es eiskalt.„Bekamst Du denn keine Unfallrente?" fragte er, um doch etwas zu sagen. „Natürlich bekam ich die! Der ganze Rat war zu Ehren! meiner Wenigkeit versammelt, mir wurden 3000 Kronen zuerkannt als Vollinvaliden. Na, der Meister hatte ja nichts und hatte versäumt, mich zu versichern, da blieb das denn auf dem Papier. Aber ein großer Fortschritt seit dem letzten» mal ist es denn'doch, nicht wahr, Kamerad! Etwas hat die Partei ja doch ausgerichtet!" Er sah Pelle spöttisch an.„Du solltest ein Lebehoch auf die Papierreformen ausbringen." Peter war Bote und eine Art Sekretär in einem revo- lutionären Jugerdverein, er hatte aus eigene Faust lesen gelernt und saß mit anderen jungen Leuten zusammen und studierte die anarchistische Literatur. Die anderen sorgten kameradschaftlich für ihn; ein Wunder war es, daß er nicht zugrunde gegangen war. Er hatte nur noch Haut iiber den nackten Knochen und glich einem verbissenen Fanatiker, der so annähernd von seinem eigenen Feuer verzehrt ist. Mt seinem Verstand war es nie weit her gewesen: aber es gab auch nicht viele Nüsse zu knacken in dem ProWem, das ihm das Leben gestellt hatte. Er haßte mit einer Logik, die ganz ver- nichtend war. Die mächtige Gesellschaftsordnung hatte ein Scheingesetz angenommen: sie haftete nicht einmal für die Verpflichtungen, die sie ihm gegenüber zu haben selbst zu- gestand. Jetzt war er damit fertig und gehörte zu'den Um- stürzlern. Er war bei Morton, um ihn aufzufordern, im Klub vor- zulesen.„Nicht, daß wir die Sckwiftsteller anerkennen, das mußt Du Dir nicht einbilden," sagte er mit seinem finsteren Ausdruck.„Sie leben von unS anderen und genießen dafür sin sinnloses Ansehen. Nur die körperliche Arbeit verdient geehrt zu werden, all die anderen sind bloß Schmarotzer. Ich will das nur gesagt haben, damit Du nicht mit einer ver- kehrten Einbildung kommst." .„Danke bestens," sagte Marten lächelnd.„Es ist immer gut, wenn man weiß, wie hoch man veranschlagt wird. Ihr mcknt aber doch, daß Ihr mich gebrauchen könnt?" „Ja, Du gehörst ja zu den verhältnismäßig Anständigen unter denen, die sich damit beschäftigen«, die.Kapitalisten zu unterhalten. Aber wir im Klub sind uns darüber einig ge- worden, daß Du kein richtiger Proletarierdichter bist. Du bist zu geleckt. Proletarierdichter hat es noch nie gegeben, und das kann auch einerlei sein, denn man soll keine Unterhaltung aus dem Elend machen. Es kann sein, daß Du das alles bei uns zu wissen bekommst." „Ja, es ist gut, ich werde schon kommen," erwiderte Morien. „Und wenn Du uns eine Kantate für unser Stiftungs- fest schreiben wolltest— es ist der Tag vor dem großen russi- scheu Massaker—, will ich schon sehen, daß sie angenommen wird. Aber es darf nicht das gewöhnliche Halleluja sein." „Nett, daß ich Dich hier traf," sagte er zu Pelle mit seinem unveränderlich finsteren Ausdruck.„Hast Du was von Karl gesehen?" „Nein, wo ist er eigentlich?" fragte Pelle eifrig. „Der ist jetzt Großbürger, ich glaitbe, er hat ein Geschäft in der Adelstraße. Aber daran wird er nicht lange Freude haben." „Warum denn nicht? Steht es nicht gut mit ihm?" „Ja, aber eines schönen Tages brennen wir Euch den ganzen Krempel iiber dem Kopf ab, wir sind jetzt bald'ne ganze Masse.— Hör' mal. Du könntest mal einen Abend in unserem Verein reden und uns ein bißchen von Deinem Außenithalt im Gefängnis erzählen: ich glaube, das würde interessieren. Wir beschäftigen sonst nie Außenstehende, son- dern reden selbst. Aber Dich einzuführen, würde, glluch' ich, keine großen Schwierigkeiten machen.". Pelle Versprach das. „Er ist eingebildet, was?" sagte Morien, als er die Türe hinter Peter geschlossen hatte,.dnmm ist er aber nicht. Hast Du wohl beachtet, daß er um nichts bat? Das tun sie nie. Wenn sie hungrig sind, gehen K zu dem erster, besten hin und sagen: Gib mir was zu essen! Es ist ihnen einerlei, was in sie hineingestopft wird, wenn es bloß satt macht: sie danken nie verbindlich. Nichts macht Eindruck aus sie: sie sind Leute, die den Dieb über den Bettler stellen. Im Grunde kann ich das wohl leiden, es ist«in neuer Ton darin. Am Ende ist unser braver Wiederkäuer im Begriff, den einen Magen abzuschafsien und den freigewordenen- Stoff in Zähne und Klauen umzusetzen." „Wenn sie nur hervortreten und ein Stück Arbeit mit verrichten wollten," sagte Pelle. Die großen Worte nützen so wenig." „Wie geht es mit Deiner friedlichen Revolution?" fragte Morien mit einem leisen Aufblitzen iin Auge.„Siehst Tu einen Fortgang in der Arbeit?" „Ach ja, es geht langsam, aber sicher: die Welt wurde ja nicht in einem Tage erschaffen. Ich glaubte übrigens nicht, daß Du Dich dafür interessiertest." „Ich glaube, Tu greifst die Sache richtig an, Pelle," er- widerte Morien ernsthast.„Lass' aber nur die Jugend unter- heizen, um so schneller geht es. Es schadet nicht, daß hierzu- laude neue Eventualitäten aufsprossen: die Leitenboil können gern das Bewußtsein haben, daß Pulver unter den Minister- fesseln liegt. Das wird ihr Verantwortlichkeitsgefühl gewaltig stärken I— Willst Du Johanne nicht guten Tag sagen? Sie hat sich sehr nach Dir gesehnt. Leider geht es ihr wieder gar nicht gut." „Ellen hat mich hierher geschickt, um Dir den Vorschlag zu machen, daß sie zu uns auf das Land kommer» soll. Sie meint, daß Dir das Kind eine große Last sein muß. und daß sie hier auch nicht die rechte Pflege hat." „Das ist von Deiner Frau liebenswürdig gedacht. Hat sie aber nicht schon ohnedies gewig um die Ohren?" „Ach, Ellen kann viel übernehmen," sagte Pelle warm. „Du Wirst ihr eine Freude damit niachen." (Fortsetzung folgt.) � Ca�cbuch eines entlassenen Sträflings. Von Hans von Glümer. In Berliner Fürsorge. Berlin dl., Hussitcnstraße, lg. April 1909. Gestern war Ostermontag. Der Bruder ist da. Wir waren bei einem Vetter in Berlin 8. Die Familie wohnt in einem Hinter- haus am Kottbuser Ufer. Vetter Ferdinand, ein Cchwestersohn meiner Mutter, ist Sozialdemokrat. Schon sein Vater war Sozial- Demokrat, einer von den frühesten. Mein Bruder wäblt standes- gemäß, hat er dem Vetter bei der letzten Wahl erklärt. Wir gingen in ein Bierhaus der Hasenheide. Es war ungemütlich, wie immer, wenn ein unwissender Mensch den Ton angibt. Vetter Ferdinand fühlt sich auch nicht wohl in dieser Sippe, die adelsstolz und unadelig �st. Ich wollte kein Bier trinken, aber der Bruder verspottete mich. Meine Stimmung war ingrimmig, zum Heulen oder Dreinhauen. Die beiden jungen Mädchen, Agnes und ihre Freundin, ärgerten mich und ich nannte sie Gänse. Das brachte den Bruder ans, der kein Bier und keine Beleidigung seiner Schwägerin vertragen kann. Er sagte, ich sollte nur still sein, die Polizei wäre ja schon wieder hinter mir. Vetter Ferdinand und seine Frau machten starre Gesichter und ich wurde weiß. In den Humboldthain bin ich gefahren, habe in den Destillen Schnaps getrunken und Dirnen umarmt. In meinem wüsten Kopf find heute nur zwei Gedanken: Du wirst ausgewiesen! Die Polizei ist hinter dir! 14. April. Es bestehen selbst in Berlin schon Rücksichten für entlassene Sträflinge. Das Ausweisungsverfahren wird nicht von der Polizei, sondern durch eine Vermittlungsstelle angesagt, den sogenannten Fnrsorgevercin. Er gibt anheim, sich in seinen Schutz zu stellen. Ich pfeife darauf. Die Bestie der staatlichen Ordnung und sozialen Gerechtigkeit soll nur wieder zu mir komnien. Ich brauche keinen Schutz. Das von gestern hat mich wild gemacht. Prügel sind immer schändlich. Der Bruder ist wieder auf Tour und hat seiner Frau eine Warnung hinterlassen: fie soll ihre Kinder vor mir in acht glehmen. Die Schwägerin hinterbrachte mir das mit ihrem schönen breiten Lächeln. Ich habe meinen Nichten nichts zuleide getan. Käthchcn ist immer gleich„schuß"(böse), wenn ich nicht komme. Erna wird wie ein Stiefkind gehalten, weil sie die Mutter um ihren Beruf brachte und den Bater in eine Zwangsche. Deshalb sucht Erna bei mir elterliche Zärtlichkeit. Ich bin immer noch in Gnadenbrot: für fünfzig Pfennig mittags, für vierzig abends. Die Schwägerin sagt oft genug, daß ich nirgends so billig effen könne. Mein Bruder spielt mit schlimmen Gefühlen, wenn er mein» Schande vor seinen Kindern und Vetter ausbreiten will. 19. April. Gestern, Sonntag, um sechs zu Bett, von drei Gefühlen voll: Zahnschmerzen, kein Geld, Gonorrhöe. Das ist vom Ostermontag. wo mein Bruder mit Bier und Polizei mich betrunken machte. Das Gift der Geschlechter hatte bis jetzt nur meine Seele verwüstet. Nach dem Scheck sind nur fünfundzwanzig Mark eingegangen, vom„Markgräsler" und„Mannheimer Tagblatt" und von der ..Freiburger Zeitung". Auf der Wirtin Spiritusbrenner koche ich Maggisuppen und Milch. Im Hause ist eine Milchwirtschaft. Die Kühe im Hofgebäude haben einen wehleidigen Ton im Gebrüll. Sie sind zu lebenslänglichem Stall verurteilt und sehen die Freiheit nur einmal noch, auf dem Wege zum Schafott. Die Tiere geben schlechte Milch und erfüllen doch ihren Daseinszweck. Di« Milch meiner Denkungsart ist Drachengift geworden. Ich kann auch nicht mehr schreiben. 20. April. Wenn man mich ausweisen will, wohin? Die Frage reizt meine Neugier zum Hohn. Wohin? Dieser elende und verworfene Mensch ist heimatlos. Ganz und gar. Schade, daß das Wort nicht gesteigert werden kann. So heimatlos wie der entlassene Sträfling Glümer ist selten einer. Im Badischen, nach fünf Jahren ehrlicher Landesarbeit, wollte er staatsangehörig werden und der Zentrums- meute zum Trotz landtagswahlberechtigt. Aber es ivar kein Ur- sprungsland für ihn aufzutreiben. In Sachsen-Meiningen ist er geboren, in der Provinz Sachsen aufgewachsen, im Hannöversck>en zur Schule und Lehre gegangen. Die Familie Glümer ist jähr- hundertelang im Braunschloeigischen seßhaft gewesen, hat der freien Reichsstadt Braunschweig drei regierende Bürgermeister ge- stellt, deren erster bor fünfhundertfünfzig Jahren geadelt wurde. Vielleicht ist mein Unterstützungswohnsitz in den noch früheren Heimaten der Glümers, in Dänemark, Island oder auf einem Wikingerschiff. Vater hat immer erzählt, daß auch er keine Staats- angehörigkeit erlangen konnte. Er ist auf der Flucht des Groß- Vaters, der damals schweizerischer Redaktor war, im Kanton Aar- gau geboren, im Elsaß, in Paris, in den Pyrenäen aufgewachsen und hat ein Dutzend Schulen besucht. Der Großvater war„Dema- goge" der dreißiger Jahre und ist durch alle deutschen Länder ge- trieben worden. Vaters Bruder, der auf den Dresdner Barrikaden kämpfte, wurde 1849 zum Tode verurteilt und hat durch zehn Jahre Zuchthaus im königlich sächsischen Waldhcim vielleicht dort Heimatrecht erworben. Claire von Glümer, die durch Kleiderwcchsek den Bruder aus der Zuchthauszelle befreit«, ist trotz vier Monate Gefangenschaft auf der Hubertusburg später Dresdener Bürgerin geworden. Der revolutionäre Trieb eines frechen Geschlechts muß gezüchtigt werden bis ins vierte Glied. 20. Aprik. Man sinniert tagelang und die halben Nächte. Und steht am Scheidewege. Rückwärts liegt die steile, steinige Straße. Ein ehrlicher Weg war es, trotz alledem. Ich springe dem an die Gurgel, der sagt, daß ich ein unehrlicher Mensch gewesen bin. Aber die blanke Waffe wird offen gezogen. Hinterhältige sind Schützlinge des Schicksals. Ich bin es nicht gewesen. Ich habe so vieles versucht am Leben. Ein redliches Sterben mtf> alles. Nun kreischt eine Stimme in mir: Versuche doch einmal das Gegenteil! Aber— selbst die Unehrlichkeit hat nur ein weites Feld für Menschen, die noch nicht gezeichnet sind. Alle Ehren und Ehren- zeichen sind frei für jeden Ehrlosen, der sich beizeiten der ehrlosen Zeit anpassen konnte. Es hat doch keine Generation gegeben jämmerlich und verlogen wie diese. Wer frei sein will, muß ihren Dingen dienen, verrückt werden oder verrecken. Armseliges Studium an der Lebensleiter. Ich bin ohne Geld und Körperkrast zu unterst gesetzt. Mein Geist hat noch keinen guten Käufer gefunden. Der Polizciknüppel wird ihn gänzlich zum Krüppel schlagen. Wenn ich am Scheidewege heute links wollte, wohin? Für mich ist selbst der Lasterpfad verbaut. Zum Zuhälter fehlt mir Jugend und Gestalt, zum Dieb die ruhige Hand, zum Desraudanien die Stellung. Polizeispitzel wäre die einzige Mög- lichkeit; Spitzelwcrden ist ja eine Spezialität für Entjassene. Wie denkst du über den Fall, Glümerlein? Keine Lust, Staatsanwälten und Polizeibuben, Henkern und Henkersknechten Konkurrenz zu machen? 21. April. Ich war im Fürsorgebcrcin für entlassene Strafgefangene, der im Kellergewölbe des Amtsgerichts Berlin Mitte seinen Sitz hat. In der Gruncrstraße beim Alexanderplatz, wo das Polizeipräsidium- haus wie eine drohende Burg steht. Die Bureanräume sind wie ein vergesiencs Gefängnis. Im Hauptraüm warten ängstliche und freche Gestalten. Ein Schreiber nahm meinen Ausweis über die Ausweisung an und frng im Flüstertone die notwendigsten Dinge. Er tut wie ein Operateur vor dem Schnitt. Der Bureaudirigent im Zimmer nebenan ist ein kleiner breiter Mann mit großem Bart und klugen Augen. Er setzt. mächtige Unterschriften auf Formu- lare. Er macht keinen ungünstigen Eindruck, nimmt meinen Auf- sah über die Gefängnisschule an und schenkt mir den eben gedruckten Jahresbericht des Vereins zur Besserung entlassener Strafgefange- nen zu Berlin, an dem der Vereinstitel der häßlichste Teil ist. Vielleicht könne ich den Bericht journalistisch verwerten. Für das Ausweiseverfahren hat er beruhigende Worte und eine fast ver- ächtliche Handbewegung: das sei eine veraltete Bestimmung der vierziger Jahre. Ich solle doch in einen Vorort ziehen, dort wäre man duldsamer und einem harmlosen Entlassenen geschähe nichts. Auch eine Legitimation als Entlassener wurde mir ausgefertigt, eine Karte mit einer Nummer, die man vorweisen kann in schlimmen Fällen. Ein Schutzschein gegen den Schutzmann. 27. April. Gebenedeiter Geist der Bureaukratie. Ich habe Hunger und kein Geld zur Miete und vorgestern an den Fürsvrgeverein um ein Darlehen geschrieben. Heute antwortet der Bureaudirigent des Vereins zur Besserung der Strafgefangenen zu Berlin, mein Gesuch müsse an das Direktorium des Vereins zur Besserung der Strafgefangenen zu Berlin, Berlin C. 2, Grunerstraße 1, gerichtet werden. Schreiber. Unterschreiber, Briefbogen und Bureau beider Vereine sind gleich. Der Verein narrt mit zwei Kappen. Auf einen steht„Fürsorge", auf der andern„Zur Besserung!" 1. Mai. Hurrai Der Herr Polizeipräsident soll leben! Er hat von meiner Ausweisung Abstand genommen. Heute morgen kam der Brief. Vom Fürsorgeverein. Im Schema, mit Reckes Namen, der als Bureaudirigenl für Fürsorge und Besserung zeichnet. Ich darf in Berlin bleiben und muß mich nur am Monatsanfang dem Verein vorstellen. Also eine auffallend milde Form der Polizeiaufsicht. Ich wanderte stolz durch die Straßen. Wie ein Kind, dem die Prügel erlassen sind. Meine Freiheit lachte über die roten Nelken und Kunstknospen der feiernden Arbeiter. Wie mühselig müssen sie sich einen Tag im Jahr erobern. Herrn Reckes habe ich unrecht getan. Er ist ja auch nur ein Opfer der paragraphiertcn Borschrift. Er gab mir zwanzig Mark Darlehen. Aus seiner eigenen Tasche, über den Kopf des Direktoriums hinweg, sagt er. Ich wurde üppig und kaufte ein Reclambändchen um zwanzig Pfennig, des Zucht- Häuslers Oskar Wildes Zuchthaus zu Rcading. Tann wurden Wirtin und Schwägerin bezahlt. In der zweiten Hälfte April war meine Einnahme achtundzwanzig Mark, einschließlich zehn Mark Vorschuß von dv.. Straßburger Post". 3. Mai. Ucbermorgen ist in Bonndorf ein Wechsel von rinhundertfiinf- undneunzig Mark fällig, Restschuld an die Hausleute. Ich habe diese gewaltige Summe heute in der Hand gehalten und zur Post gegeben. Gleißendes Gold und verführerisch schön. Der Frei- burger Bezirksverein für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge schrieb Anfang März, in pekuniären Schwierigkeiten soll ich mich ungeniert an ihn wenden; der Verein gäbe mir ein unverzins- kichcs Darlehen auf ein bis zwei Jahre. Der Jugendschuh- und Gefangensürsorgevcoein schickte am Ersten die einhundertfünfund- neunzig Mark. ll. Mai. Der Verein zur Besserung der Strafgefangenen zu Berlin unterhält eine Schreibstube für Entlassene, die nach dem neuen Jahresbericht seit Oktober 1906 von dreihundertfünfzig Schützlingen benutzt wurde. Die Bureauzcit ist von acht bis halb vier Uhr mit kurzer Mittagspause. Wer wöchentlich mehr als drei Mark ver- dient, bekommt zehn Prozent abgezogen. Der Abzug erhöht sich auf fünfzehn Prozent bei Benutzung von Volksküchcnspeisemarken oder bei Benutzung einer Fürsorgeschlafstclle. Wer Speisemarken und Schlafstelle hat, bekommt fünfundzwanzig Prozent Abzug. Den vollen Lohn genießt also nur, wer die Summe von drei Mark in der Woche tächt erreicht. sFortsetzung folgt.) Vie Seburt der deutfeben roman- tifcben Oper Von Dr. Martin Ehrcnhaus. Mit der Herrschaft der deutschen Romantik vollzog sich zugleich im deutschen Geistesleben ein Ereignis, das für die Kunst der fol- genden Zeit von weittragender Bedeutung werden sollte: der Ein- tritt der Musik in die allgemeine Kultur an der Wende des 18. und IV. Jahrhunderts. Noch am Ausgang des 18. Jahrhunderts gingen Musik und Musiker ohne inneren Zusammenhang mit der Geistesströmung ihre eigenen Wege. Von einer nationalen Kunst der Musik konnte keine Rede sein, denn das wichtigste Mittel zur Festigung einer solchen, das Theater, stand unter der einseitigen Herrschaft der italienischen Oper— von wenigen Ausnahmen ab- gesehen. Erst die führenden Musiker des 19. Jahrhunderts bewirken einen allmählichen Umschwung in der Schätzung ihrer Kunst als deS Ausdruckes einer Persönlichkeit, Die Romantiter-Musiker nehmen kullurell eine ganz, andere Stellung ein, als die musikali, scheu Klassiker. Ihr Jnteressenkreis ist weiter gezogen; sie stehen in lebendiger Fühlung mit Wissenschaft und Bildung, haben lebendige Beziehungen zur literarischen Bewegung der Zeit. Drei der bc- deutendsten unter ihnen, Hoffmann. Weber, Schumann, sind auch romantische Dichter. Schriftsteller und Kritiker, denen das Ein- treten und Kämpfen für eine deutschnatio-nale Kunst als entscheiden- des Merkmal gemeinsam ist. Am wichtigsten erscheint ihnen zur Erreichung dieses Zieles die Befreiung der Oper von fremden Fesseln, die Schöpfung der deutschen Oper als eines selbständigen. einheitlichen Kunstwerkes. Der erste, der begeistert diese Idee saßt und sie zusammenhängend entwickelt, ist E. T. A. H o f f m a n n. Wie es dem genialen Erzähler Hoffmann zu Lebzeiten nichk gerade glänzend ergangen ist, so hat man ihn auch nach dem Tode lange schlecht behandelt, weil einige Literaturpäpste ohne künstle- risches Verständnis es so in ihren weiwerhreitetcn Literatur- gcschichten eingeführt hatten. Immerhin brachte die Zeit einen durchgreifenden Umschwung in der Beurteilung des Dichters, nach- dem Frankreich- und französische Schriftsteller längst vorangeschritten waren. Anders steht es noch heute mit Hoffmanns Stellung als Komponist. Es ist zwar durch die neuesten Forschungen zweifel- los festgestellt, daß er ursprünglich Musiker gewesen ist und nur von dieser Fähigkeit her richtig begriffen werden kann. Aber nur sehr langsam will sich diese Erkenntnis durchsetzen, vorwiegend des- halb, weil in den Literatur- und Musikgeschichten fast immer gc- schrieben steht: der Begründer der deutschen romantischen Oper war C. M. V. Weber, wo es doch heißen müßte: der Schöpfer der ersten vollendeten romantischen Oper ist C. M. v. Weber, ihr B e- g r ü n d e r ist E. T. Ä. Hoffmann. Fünf Jahre vor der Premiere des„Freischütz" in Berlin<1821) fand die Uraufführung der„Un- dine" von Hoffmann am gleichen Orte statt. Lange bevor Weber den„Freischütz" begann, Spohr seinen ersten Erfolg hatte und Beethoven den„Fidelio" in seiner letzten Gestalt formte, lange bor dieser Ze,it war die erste deutsche romanftsche Oper entstanden. Ihre Geburt fällt in den Herbst des Jahres 1812, also genau in die Zeit vor 100 Jahren. Ter erste Gedanke an die„Undine"- Oper war in Hoffmann im Juni 1812 emporgckeimt. Noch un-> bestimmt und dunkel schwebten ihm die musikalischen Eindrücke vor. Er suchte nach dem Dichter, der ihm das poetische Gerüst und die förmliche Ausführung gab. Mit dem Augenblick, wo er diesen Dichter gefunden und den Anfang des Librettos fertig in Händen lmtte, war das Zustandekommen des Werkes gesichert. Hoffmann selbst hat diesen Zeitpunkt angegeben, und zwar in einem Briefe an seinen Textdichter Fouque vom 4. Oktober 1812, welcher Tag demnach als der eigentlich« Geburtstag der deutschen romantischen Oper gelten kann. Hofsmann, der damals als Musikdirektor und Theatermaschinist. zuweilen auch als Regisseur und Dramaturg in Bamberg tätig war. hatte schon seit seinem Aufenthalt in Warschau<1894) nach einem passenden Operntext Umschau gehalten und war, da er nichts Zu- sagendes fand, mehrmals gezwungen, recht belanglose Libretti zu vertonen. Da lernte er in» Sommer 1812 F o u q u e s„Undine" kennen und ward so ergriffen von dieser liebenswürdig-romanti- schen Dichtung, daß er beschloß, aus ihr eine Oper zu machen. Die größte Freude aber für ihn war es, als sich Fouque. selbst, auf Bermittelung des gemeinsamen Freundes Eduard Hitzig, bereit erklärte, die Umgestaltung der Novelle zum Textbuch vorzunehmen. Wie begeistert Hoffniann von dem Stoffe war, wie dankerfüllt er sich Fouque gegenüber zeigte, das offenbaren am schönsten die Briefe, die er im August und September 1812 an den Dichter richtete. Diese Briefe sind aber vor allem von hoher Bedeutung für das Entstehen der romantischen Oper überhaupt. In ihnen ist schon alles enthalten, was Hofsmann später zur Theorie des deut- schon Musikdramas schrieb und in dem Serapionsbrüder-Dialog „Ter Dichter und der Komponist" gesammelt niederlegte. Denn hier vollzieht sich eben jene lange vorbereitete und ersehnte Synthese zwischen Musik und Dichtung, zwischen deutscher Romantik und deutscher Tonkunst. Am Wortdrama waren die„literarischen" Romantiker samt und sonders gescheitert, die Schlegel, Tieck. Brentano, Arnim und Zacharias Werner. Andererseits suchte und fand der Drang nach dem Erfassen des Unendlichen seinen Ausdruck in der Kunst, die allein sähig ist,„das Unendliche an sich" auszu- sprechen: in der Musik. Das romantische Drama konnte nur Musikdrama sein. Allerdings: es galt einen weiten Weg von Hoff- mann über Spohr, Weber und Marschner zurückzulegen, bis die relative Vollendung bei Richard Wagner erreicht war. Die Briefe Hossmanns an Fouque, des Musikers an seinen Dichter, aber sind gerade deshalb so bc- deutsam, weil sie zeigen, wie klar sich Hoffmann über die Bc- dingungen eines musikalischen Dramas als des Typs eines neuen Kunstwerkes im bewußten Gegensatz zur älteren Oper war. Darum mögen einige der markantesten Stellen, besonders aus den wich- tigftcn und entscheidenden Dokumenten vom Ib. August und 4. Ok- tober 1812, hier mitgeteilt sein. Da heißt es:„Wie fern mir jede Anmaßung liegt, den herrlichen Dichter auch nur im mindesten be- enge» zu wollen, darf ich wohl nicht versick>ern, nur scy es mir er» laubt zu bemerken, daß, wenn manche Begebenheiten wegfallen. weil der Raum des Dramas sie nicht aufnehmen kann, und dadurch manche Nüancierung verloren zu gehen scheint, die Musik, welche mit ihren wunderbaren Tönen und Akkorden dem Menschen recht eigens das geheimnisvolle Geisterreich der Romantik aufschließt, cUcS wieder zu ersetzen im Stande ist." Wie ave romantischen Opernkomponisten, so wirkte auch Hoffmann selbständig auf die Ge- staltung des Textes ein. Der folgende Abschnitt ist somit typisch für die Entstehungsweise aller folgenden romantischen Opern(Frei- schütz. Eurhanthe, Oberon, Faust, Jessonda. Vamphr, Templer und Jüdin, Hans Heiling); wenn auch nie wieder das Verhältnis zwischen..Dichter und Komponist" so innig aussteht wie hier: „lleberhaupt kann ich es nicht genug wiederholen, daß ich Ihnen jede Abänderung meines Planes mit dem Zutrauen, das wohl jeder Eomponist zu dem wahren Dichter hegen muß, überlasse: nur den zur musikalischen Wirkung nötigen Klimax der Musikstücke habe ich bezeichnen wollen, und da sind es besonders drei musikalische Massen, die, in näherer Beziehung aufeinander, das ganze Wesen der Oper aussprechend auf den Zuhörer mächtig wirken sollen; nämlich der Sturm im ersten Akt, das zweite und dritte Finale." Das Schick- sal der vollendeten Oper entspricht in seiner Zufälligkeit dem aben- teuerlichen Lebcnsgange ihres Schöpfers. Im Jahre 181S wurde sie zur Aufführung am Berliner Königlichen Schauspielhause an- genommen. Die erste Vorstellung fand am 3. August 1816 statt, and bis zum 29. Juli 1817 wurde das Werk 22 mal wiederholt. An dem unglückseligen 29. Juli brannte das Schauspielhaus mit der gesamten Ausstattung der„Undine" nieder. Dem Plane, die Oper im Opernhause herauszubringen, widersetzte sich der Komponist, wie man meint, aus künstlerischer Einsicht, weil der größere Rahmen des neuen Hauses der Intimität seiner Schöpfung geschadet hätte. So blieb die„llndine" unbeachtet liegen, da angenommen wurde, die Partitur sei verbrannt. Abgesehen von vereinzelten Hinweisen in musikalischen Zeitschristen, wurde der Wiedererwccker Hans Psitzner, der im Jahre 1996 den ersten Klavierauszug der Oper herausgab, während die beiden säuherlich geschriebenen Originalpartituren als kostbarer Besitz auf der kgl. Bibliothek in Berlin liegen. Man kann bei unbefangener Prüfung der eben erzählten Tai- fachen mrr zu dem Ergebnis kommen, daß der deutschen Bühne durch Zufälle und rein äußerliche Umstände ein Werk verloren ging, da? seiner inneren Qualität nach sicherlich verdient hätte, lebendig erhalten zu werden. Bei der Betrachtung seiner Musik muß man sich allerdings vergegenwärtigen, daß Hoffmann vollständig auf den von ihm übcrschwänglich verehrten Meistern Gluck und Mozart fußte und überall da, wo es sich um die Vertonung kon- ventioneller, opernhafter„Nummern"(Festchöre, Duett zwischen Vertalda und llndine usw.) handelte, als Epigone jener Großen erscheint. Wo aber die Dichtung neue Anregungen bot, da schlägt auch die Musik zum Teil ganz neue, selt- same Töne an. Im Mttelpunkt der Handlung steht der gewaltige Elementargeist Kühleborn, für dessen Charakteristik Hoffmann bis dahin noch nie gehörte Klänge und Klangmischungen gefunden hat, so daß Kühleborn der erste, vollwertige Vertreter des dämonischen Prinzips ist, das dann in Mephisto. Kaspar, Lysiart, Vamphr, Hans Heiling bis zum„Fliegenden Holländer" weiter ausgebildet wurde. Jntervallführung und Instrumentation muten an diesen Partien schon ganz„romantisch" an; auch die Melodik weist hier und da auf Weber hin, der ja der llraufführung beiwohnte und davon nach- haltige Eindrücke für den„Freischütz" empfing. Vor allem aber betritt Hoffmann mit der„Undine" stilistisch neue Bahnen: trotz bcr Nummerneinteilung, trotz des gesprochenen Dialogs ist die Oper «in Ganzes mit einer einheitlich durchgeführten Grundidee, der Idee der Erlösung durch reine Liebe. Die üblichen komischen Episoden sind vermieden; das Maß der gewöhnlichen Soloarien ist auf das Allernötigste beschränkt, überall tritt das Streben nach der mufikdramatischcn Szene, nach möglichster Geschlossenheit im Auf- bau zutage. So muß Hosfmanns„Undine", trotz der mitunter «twas„altväterlichen" Musik, noch heute weit über Lortzings gleich- namiges erst 30 Jahre später geplantes Werk, gestellt werden, weil «S als Kunstwerk originell und wertvoll ist, während dieses zwar durch seinen glücklichen Schluß theatralisch wirkungsvoller ist in {einem Stil, aber zwischen komischem Singspiel und großer Oper »in- und berschwankt und jener alten Zauberposse viel näher steht, aus der Hoffmanns„Undine" als die erste deutsche romantische Oper— trotz zeitlich viel engerer Nachbarschaft— so gewaltig emporwächst. kleines feiaUetou. Kulturgeschichtliches. Das Alter des Kompasses in Europa. Nuf dem letzten Statursorschertage erörterte Dr. R. Hennig die immer noch nicht geklärte Frage, wann der Kompaß in Europa zuerst ausgetreten sei. In der westeuropäiscken Literatur ist der Kompaß schon im Jahre 1196, also zur Zeit des dritten Kreuzzuges, nachgewiesen. Es ist dem- nach die frühere Anficht, ein italienischer Lotse aus Amalfi habe um 1366 die Verwendung der Richtkrafl der Magnetnadel erfunden und erprobt, oder der venezianische Reisende Marco Polo(f um 1324), habe den Kompaß aus China nach Europa gebracht, unzu- treffend und allgemein preiszugeben. Ja, es sprechen sichere Anzeichen dafür, daß der Kompaß schon lange vor dem Jahre 1196 bei den Seefahrern im westlichen und nördlichen Europa bekannt war. ES steht sogar fest, daß das von dem Chinesen Hin Tschin im Jahre 121n. Chr. verfaßte Wörterbuch Schua-ben bereits dem Magneten die Fähigkeit zuschreibt,»der Nadel die Richtung zu geben". Wahrscheinlich war die Kenntnis des„Südweisers" in China sogar schon viel älter. Als ziemlich gesicherte Anficht dürfen wir annehmen, daß die Chinesen auf ihren Seefahrten nach Indien den daselbst Handel treibenden arabischen Kaufleuten die Kenntnis des Kompasses vermittelt haben. Der Aeghptologe Wiedemann hat den Nachweis geliefert, daß die enro» päischen Völker zur Zeit der Kreuzznge die Magnetnadel im Orient kennen lernten, oder aber daß. wie Profeffor Siegmund Günther an» nimmt, die Erfindung in Europa, unabhängig vom Fernorient, noch einmal gemacht worden sei. Dr. Hennig glaubt, daß beide Theorien etwas Gezwungenes an fich tragen. Er macht daher auf einen neuen Weg aufmerksam, auf dem die Kennwis des Kompasses bereits im neunten und zehnten Jahrhundert von den Arabern nach Nordeuropa gekommen sein könnte. Das größte Seefahrervolk jenes Zeitalters waren die Nor- mannen, sie haben einen verhältnismäßig sehr regen Handels» verkehr mit den Ländern der asiatischen Kalifen unter» halten und zwar auf dem Wege über die russischen Ströme bis zum Schwarzen und zum Kaspischen Meere. Wie die arabischen Schriftsteller des zehnten Jahrhunderts ausdrücklich be» stätigen, gelangten die Normannen in dieser Zeit zu Handelszwecken aber auch über das Kaspische Meer hinaus nach Bagdad. Daß den Normannen wie auch den Byzantinern des Mittelalters sowohl der Dniepr-Wolchow- wie der Dniepr-Weichsel-Weg zur Bernsteinküste deS Baltischen Meeres wohlbekannt war, beweisen die arabischen Münzfunde im Gebiet der Ostsee ebenso wie viele Stellen der arabischen, russischen und westeuropäischen Literatur des Mittelalters. Haben also in der gleichen Zeit die Araber durch ihren Handelsverkehr mit den Chinesen den Gebrauch deS Kompaffes schon gekonnt, so muß man auch annehmen, daß die Normannen bei ihren regen Beziehungen zum Orient und zu den Arabern die für ihre weiten Seereisen unschätzbare Erfindung auch kennen gelernt und benutzt haben. Auf diese Weise hätte also schon zwei bis drei Jahrhunderte vor den Kreuzzügen der Gebrauch der Magnewadel aus dem Orient nach Europa gelangen können, und es wäre damit auch die zunächst schwer aufzuhellende Tatsache erklärt, daß der Kompaß anscheinend im Norden Europas früher als im Süden bekannt war. Vom Menschen. DaS Alter des Menschen in Südamerika ist eine Frage, an deren Lösung die Anthropologie während der letzten Jahre mit besonderer Hingabe gearbeitet hat. Dieser Eiser ist begreiflich, da von der Entscheidung, ob in Südamerika deutliche Spuren einer vorgeschichtlichen Bevölkerung zu finden sind, die Beantwortung der viel allgemeineren Frage abhängt, ob sich der Mensch in Amerika überhaupt gesondert entwickelt haben könnte oder ob die Besiedelung von der alten Welt her geschehen ist. Die gründlichste Forschung, die mit diesem Ziel bisher planmäßig unternommen worden ist, wird durch eine Expedition dargestellt, die jetzt eben von Argentinien nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist. Außer den Anthropologen Prof. Hrdlicka und Dr. Holmes»ahm der Geologe Professor Bailey Willis nebst zwei Gelehrten des Labora- toriums für Geophysik am Carnegie-Jnstitut teil. Hrdlicka war für diese Untersuchungen wie kein zweiter geeignet, da er in den letzten Jahren entsprechende Forschungen über das Alter des Menschen in Nordamerika ausgeführt hatte. Die Hauptzwecke der Reise waren: die Prüfung der Knochenreste, die angeblich dem vorgeschichtlichen Menschen angehören und in Brasilien und in Argentinien aufbewahrt werden; das Studium der Ortschaften und der Ablagerungen, von denen diese Funde gekommen sind; ferner die Sammlung von Gegen- ständen aller Art, die aus das Alter des Menschen in Südamerika Bezug haben. Der Aufenthalt der Forscher in Argentinien hat sich über ein Vierteljahr ausgedehnt und führte Hrdlicka schließlich noch nach Peru hinüber. Der Bericht über die Reiseergebnisse ist jetzt erschienen. Die erste Zeit war namentlich der Erforschung der Funde gewidmet, die von argentinischen Gelehrten als zweifellose Neste des vorgeschichtlichen Menschen betrachtet werden. Besucht wurden insbesondere daS Tal des Rio Negro, der Bezirk von Ovejero im nordwestlichen Teile der Republik, wo in den letzten Jahren besonders viele Menschenknochen ausgefunden waren, und ferner die Provinzen Tucuman, San Juan und Mendoza. Jedes Stück, das auf den Urmenschen bezogen werden konnte und für die Forscher erreichbar wurde, unterlag einer genauen Prüfung, und außerdem ist auch jede für die Expedition wichtige Oertlichkeit auf- gesucht worden. Das Ergebnis ist den bisherigen Annahmen durchaus entgegengesetzt. Die Forscher haben die Ueberzeugung gewonnen, daß nach der gegenwärtigen Kenntnis die Annahme von einem hohen Alter des Menschen in Südamerika auf schwachen Füßen steht. Insbesondere liegen keine Beweise dafür vor, daß die Indianer in Südamerika Vorfahren von sehr hohem Alter beseffen haben. Infolgedessen erhalten auch die Theorien über die gesonderte Entwickelung des Menschen in Amerika oder einer eigenen Raffe im südlichen Teil de« Kontinents einen schweren Stoß. Alle gesammelten Tatsachen konnten nur auf das Vorkommen der in zahlreichen Stänimen zersplitterten und verhälwismäßig modernen indianischen Bevölkerung bezogen werden. Berantw. Redakteur: Alfiid Wielepp, Neukölln. Druck u. Verlag: vorwgrtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer