Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 193. Freitag den 4. Oktober� 1912 MaSdruil verloren.� S2] pelle der Gröberer» Von M. AnderfenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Gleich unergründlich blieb sie, wieviel er sich auch von ihr anzueignen glaubte. Sie wurde größer und größer da- durch, eine neue imd fremde Welt trug fie in ihn hinein. Das Rätselhafte, Unbekannte, womit er sonst immer kämpfen mußte, kam und ließ sich lieb in die Arme schließen. Ganz verlangte er sie nicht mehr, im innersten Innern war doch jeder Mensch einsam. Er ahnte, daß sie ihre eigene Entwicke- tung im Verborgenen durchmachte, und war begierig darauf, wo sie wohl einmal auftauchen würde. Früher hatte es ihn gequält, daß sie nicht teilnahm an der Bewegung. Sie interessierte sich nicht für politische Fragen und das Wahlrecht. Jetzt begriff er dunkel, daß gerade das ihre Stärke war: er wünschte sie auf alle Fälle nicht anders. Sie mischte sich selten bestimmend in das, was er vor hatte, und wozu sollte sie das auch? Sie übte ja ihren stummen Einfluß aus alles aus, was er unternahm: gab einem jeden seiner Gedanken das Gepräge, von dem Augenblick an, wo er zu keimen begann. Gerade weil sie sich nicht darauf verstand, zu diskutieren, konnte sie nicht wider- legt werden: was für chn tötende Logik war, wirkte überhaupt nicht auf sie. Er erhielt seine eigenen Gedanke» nicht ab- genutzt aus ihrem Munde zurück imd wünschte es auch gar nicht. Ihre wunderbare Macht über ihn beruhte gerade daraus, daß sie so sicher in ihrem Eigener« ruhte und die er- drückendsten Beweisführungen mit einem Lächeln beantwortete. Pelle war nahe daran, Zweifel über den Wert der Ueberlegen- heit des Verstandes zu geraten. Der schien die Alleinherrschaft über die Jetztzeit zu haben, richtete aber nichts übermäßig Gutes aus. Ellens Wesen gegenüber erschien» sie ihm arm- selig. Die Wärme, die in einem Kuß lag, überzeugte sie mehr als tausend Vernunstgründe, und doch griff sie selbst selten vorbei. Und sie spendete selbst Wärme, bei ihr suchten sie Zuflucht, er wie auch die Kinder, wenn ihnen etwas in den Weg kam! Sie machte nicht viele Worte, aber sie wärmte. Noch immer war sie für ihn wie ein Puls, der lebend und handgreiflich aus dem Unsichtbaren hervorpochte, mit einer wunderlich ruhigen Rede. Wenn er müde war und einen« heißen Kopf von allerlei Widerwärtigkeiten hatte, gab es nichts Herrlicheres als an ihrem weichen Busen auszuruhen und halbschlummernd zu lauschen, wie es da drinnen strömte mit einem dunkeln, beruhigenden Murmeln, so wie die Quellen der Erde, wenn er in seiner Kindheit die Wangen an das Gras legte. Der Frühling war herrlich, lind sie waren viel im Freien. Wenn niemand sie sah, gingen sie Hand in Hand an den Erd- wällen entlang wie ein junges Liebespaar.� Dann redete Pelle und zeigte: Sieh, da wuchs dies auf diese Weise hervor und dort auf eine andere, war dies nicht sonderbar? Er durch- lobte die ganze Frühlingsspannung seiner Kinderzeit wieder in sfcf». Ellen hörte ihm lächelnd zu: sie geriet nicht in Ver- wunderung über so etwas Natürliches, wie daß es wuchs, es -ging nur eine Umwandlung vor. Die Erde trieb ganz einfach ihre Säfte auch in ihr empor. Die frische Luft und die Arbeit im Garten bräunten ihre nackten Arme und machten ihre Gestalt kräftiger und feiner, die guten Lebensbedingungen machte» fie sorglos. Eines Tages tauchte ein neues Wesen in ihren Augen auf und sah Pelle neugierig an wie ein junges Zicklein: Wollen wir mit- einander spielen? sagte es. War es der Frühling oder war er es. der die Glut in ihr entfachte? Einerlei, die Freude war sein! Er ward durchsonnt bis in den innersten Winkel der Seele, wo noch Schimmel aus der Zeit der Zellenfinsternis saß. Er erholte sich ganz, ward angesteckt von der Sorglosig- keit und war vollkomme» glücklich. Und das alles bewirkte Ellen. Endlich übernahm sie es, Botenbringer zwijum Simpel oder zum wilden Tiere. Putras haben sie fromm und lveibisch gemacht. Uebcr jede nicht gottergebene Bemerkung fährt er auf oder hält das Haupt wie ein Dulder. Seine letzte Hoffnung ist, in der Bodelschwinghfchen Elendskolonie Hossnnngstal sein Leben zu beschließen. Trotz Weib und Kind. Der Dreißiger war Bezirksfekdwebel im Elsaß und wurde wegen Amtsunterschlagung degradiert und so weiter. Strafmatz und Gefängnis verschweigt er. Die Karikaturen des deutschen Militärs wirken immer lustig. Dieser Mann>var ehedem bestallt und beflissen, das frische Franzoscntui» durch preußische Zucht auszutreiben. Run ist er zur natürlichen Entwicklung der deutschen Sklaverei gekommen. Hierzulande ist der Zuchthäusler manchmal ein freierer Mann als der Kasernenhäusler. Der echte Soldat bleibt auch durch Knute und Gefängnis Patriot. Diesen» ehemaligen Militärbureaukraten heißen heute noch Fürst, Baterland und Kanonen höchste Begriffe- Frühjahrs- und Herdstparade und jede höfische Maskerade sind seine großen Berliner Ereignisse. Er»er- steht die Kunst, in strainincr Haltung im Staube zu kriechen. Zoll und Zack, unser Schreibstubenaufseher und der Degradiert«, stehe» deshalb un besten Verhältnis, Zack genießt ein relativ hohes An- sehen beim Burcaupersonal, für das er niedrige Dienste mit hün- discher Lust verrichtet. Niedrige Naturen kommen hoch. Zack wird wieder hochkommen. Der Junge, vielleicht zweiundzwanzigjährig. ist Berliner. Die Berliner sind primitive, klare und glatte Menschen. Der junge Reichert hat Braut und Kind. Die Braut gibt ihm Nahrung und Notdurst. Sein Notstand wird dadurch zu einer lächelnden Gc, lassenhcit. Nach dem Refrain: mir kann Kecner, ooch nicht Ecner... Als Telephonist einer großen Weinfirma hat er einem Kollege» Hehlerdienste getan und das Geld mit ihn, in Dirnen und Sekt gesetzt. Ter Kollege— der„Dussel", sagt Reichert— hat sich erschossen, Reichert ist in einem schönen Winkel Europas als Vcr- gnügungsreiscnder„gefahndet" worden und lebt nun der Erinnerung dieser Tage. Sechs Monate Hochschule Tegel machen einen echte» C-Berliner erst voll, sagt er. Daß sein Seckbricfdild in Berliner Blättern stand, gilt ihm als Triumph. Da ist noch ein Vierter: Brügge, der Schwerhörige, kein Thp, sondern ein Tepp. Mangelnde Zurechnungsfähigkeit(eigene und richterliche) brachte ihn ins Gefängnis, wo er doch in eine Vcr- sorgungsanstalt für Halbsimpel gehörte. Gestern kam ein Fünfter: Longinus, der Badcner. Seine Sprache ist wie Musik. Die Silbe„an", badisch gesprochen, klingt mir wie das Andante eines Liedes. Longinus sagt Landsmann zu mir, der ich doch ein Göttinger Kind bin, und wir tausche», Erin»»c- rungen aus dem besten deutschen La»»de, wie ein« freundliche Ware. Er ist noch stolz gegen die andern, aber ich habe»hn schon beinahe ausgeschöpft. Longinus trägt ein Cäsarcngesicht u»»d geht in Lumpen. Er ist Oberamimannssohn, alter Herr eines Heidelberger Feudalkorps, Reserveoffizier der Karlsruher Leibgrenadiere. Der zerfranztc graue Anzug und der zerknüllte Seidenfilzhut erzählen von alter Herrlichkeit. Aus dem von Regen und Dreck verwaschenen braunen Schuhwerk schaut ein Hühnerauge zum Himinel. Longinus aber schreitet wie ein König auf dem Fleisch seiner Sohle. Der hohe Halskragcn ist Schweiß und Schmutz. Wie tapfer die Schläger- narben über dem Kragen stehen. Longinus hat in Karlsruhe Mathe- matik, in Heidelberg Jurisprudenz studiert, Nationalökonomie und Finanzwissenschaft in Berlin. Er ist Bankier und eine schlvcrrciche Breslauer Bankierstochtcr feine gewesene Braut. Sie ist mit einem amerikanischen Milliardär durchgegangen.' Mit einem Multidollar- Milliardär potenziert Longinus, und das Staunen der Schreib- stubcngenosscn wird fast demütig. Er selbst kam auf den Hund durch Jagdvergehen. Man erfährt nichts Näheres über diese standes- gemäße Geschichte und das groß« Loch zwischen einst und jetzt bleibt dunkel. Longinus gibt nur ruh»nreiche Dinge von sich. Wege» Pistolenduells mit tödlichem Ausgang wurde er zu zweieinhalb Jahren Festung verurteilt und nach vier Monaten Rastatt(der lustigsten Zeit seines Lebens) vom Großherzog begnadigt. Das ist schon lange her. Bei einer spätern Partie auf schloerc Säbel ist der Gegner erst nach zivei Jahren gestorben. Kein Hahn und kein Kläger krähte mehr nach dem Totschläger. In der Volksküche in der Stralauer Straße, wo unter zehn Gespeisten immer neun Ent- lassene find, macht Longinus eine interessante Figur. Die Suppe verschlingt er mit der Schüssel am Mund. Wie einen Bierjungen. Ucbrig gebliebene Rester ladet er mit den Fingern auf seinen Teller. Erfahrene Sträflinge behaupten, so könne nur ein langjähriger Zuchthäusler fressen. Longinus aber hockt erhaben und breit vor seinen Portionen und seine Blicke haben nur flüchtige Verachtung für den Pöbel links und rechts. Wehe dem, der seine Ellenbogen- iveite stört. Gestern und heute ist Longinus wild geworden wie ein Kontrahagcnkcrl und seine Stimme hatte wenig»nehr voin lieb- lichen Andante eines Liedes. 27. Mai. Longinus, der Oberamtmannssohn, ist acht Tage obdachlos ge- wcscn. Er hat sich nachts, wer»reiß wo, herumgetrieben. Er sagt nicht wo. Das geht gegen sein Standesgefühl. An» Tage der Auf- nähme in unserer Schreibstube hat er wieder ein menschliches Nacht- lager bekomincn, in einer der Herbergen des Fürsorgevereins. Das find vom Verein ständig gemietete Schlafstellen bei privaten Leuten, welche die Pflicht haben, den Schützling unter solide Aufsicht zu nehmen. Er muß um sechs Uhr in der Frühe das Haus verlassen und bis zehn Uhr abends dort sein. Longinus kam zu einer alten Frau in der Urbanstraße. Er hat eS aber nur drei Nächte aus- gehalten. Die vielen Wanzen sind gegen sein Standcsgesühl und das alte Weib ist eine hundsgemeine Hexe, sagt er. Nun ist Lon- ginus wieder obdachlos, Veuie gingen Seit nach Schreibstuben schlug um drei vhr auf Erwerb aus. Mein Barvcrmögen betrug KS Pfennig. Wir suchten das Bureau des Vereins Berliner Presse in der Maastenstragc. Aus dem Wege erzählte Longinus interessante Dinge»an den stolzen Häusern der vornehmen Viertel. Er kennt Berlin Vf. wie seine Westentasche. Dem Geschäftsführer des Vereins Berliner Presse mußte ich meine Geschichte hersagen. Er wies mich an den Schatz- meister des Vereins, Redakteur Bernhard bei der Ullsteinprcsse. Der würde jedenfalls etwas für mich tun, denn er wäre Sozial- demokrat. Das scheint ein guter Vorwand für Nichtsozialdemo- kraten, nichts für arme Leute zu tun. Ich hatte mich dem Ge- schästsführer nicht als Sozialdemokrat vorgestellt, da ich es noch nicht bin. Und ein sozialistisch gesinnter Biltsteller vor Bürger- lichen gilt doch sonst als Gans vor Füchsen. Longinus als Kenner in Psandhaussachen ging meine Pretiosen versetzen, einen Ring und eine Haarkette, Andenken an herzsclige Zeiten. Weil ihr Wert keine drei Mark ausmacht, gab es nichts dafür. Longinus frug dann, wie viel ich ihm heute geben könne. Er durfte zwei Zigarre» zu fünfzehn Pfennig kaufen und den Nest von siebzig Pfennigen teilten wir. Longinus schien beleidigt über seinen Anteil. Er steckte seine Zigarre ein und sagte:„Ich rauche prinzipiell nicht auf der Straße. Es ist nicht fein." 27. Mai. Herrn tzanS Wcddo von Glümer. Sehr geehrter Herr? Nach langem, bangem Ueberlegen kommt in einer mutigen Stunde(der Mut der Verzweiflung) ein Träger Ihres Familien- namens auf diesem Wege zu Ihnen mit der Frage, ob Sie sich vielleicht für seine Not, die man Schicksal oder Verschulden nennen kann, interessieren können. Ich bin der jüngste Sohn des...., Bruder des...., Journalist, mit schriftstellerischen Aussichten, die ein Optimist möglicherweise als glänzende ansehen dürfte(Betäti- gungshindernis: Hunger und das Fehlen persönlicher Verbindungen) und— meiner sozialen StelluiP nach— entlassener Strafgefangener(7 Monate Landesgefängnis Freiburg;§ 176, 3), der sich, als es nicht anders mehr gehen wollte, dem hiesigen„Verein zur Besserung der Strafgefangenen" unterstellt hat, seit zwei Wochen in dessen Schreibstube das kümmerliche und kummerreiche Brot der Leidensgenosien genießt, mittags mittels Speisemarken der Volks- küche sich sattessen darf, am 1. Juni die Schlafherberge dieses Ver- eins beziehen muß und bis dahin noch alles versucht, 16 M. für seine jetzige Zimmervermieterin aufzubringen. Möchten Sie, verehrter Herr Vetter, einmal etwas aus dem wilden Leben eines Verwandten erfahren, der nie leichtlebig war, den aber der Fluch der Volksschulbildung und eine unselige Rat- losigkeit seiner Kräfte bis hierher gebracht hat? Ich grüße Sie, ratlos der schicklichen, schriftlichen Form eines Grußes Hans Glümer. Der Brief ist so frei im Ton. weil ich annehmen mußte, daß der Empfänger aus eigenen Kämpfen das Verständnis der Boheme hat. Er mußte als werdender Künstler die ganze Strenge des adelsstolzen Vaters erfahren, ist jetzt freilich diesem hohen oft--' preußischen Offizier als renommierter Bildhauer und Lieferant des Kaisers über den Kopf gewachsen, on dit: auch reich verheiratet. Anmerkung acht Tage später: keine Antwort an mich, keine Anfrage beim Verein. �Fortsetzung folgt.)! Das Theater vor dem XTbcater* Ein Londoner Abcndbild. Ein Londoner Herbstabend nach einem neblig-grauen, freud- losen Arbeitstag. Stark belebte Herbstsaison— ganze Pilgerzüge wallen ins Thcaterland. Von allen Seiten flammen vielfarbige Lichter auf. Der während des Tages trostlos bleiche Himmel wird tief stahlblau. Offene Luxusauws rasseln mit eleganten Gcntlc- men im Frack und zarten Ladys in kostbarer ausgeschnittener Abendtoilette und Atlasschühlein zu den Musentempeln. Wir lvenden uns dem Herzen der Theaterwelt zu, dem grell erleuchteten Haymarket. Rechts die Bühne Herbert Trees, zur linken Hand das Haymarket- Schauspielhaus, das mit einem stattlichen Säulen- portal ein Stück Hellas in die Wüste Themscbabels zaubern möchte; von der Höhe dieser Säulenhalle züngeln Opferflammen aus offenen Gaskandelabern auf und wälzen gespenstische Fluten von Licht über Straße und Menschen. Unser Besuch gilt jedoch den Brettern Trees„His Majcfty's Theatre". Dort wird jetzt ein ncrvenkitzelndcs„Flottendrama" ins Werk gesetzt, an dem sich jeder gute patriotische Englishman berauscht. Und als brave Londoner möchten wir einmal„Drake". den wunderbaren Helden, von An- gesicht zu Angesicht erblicken und den allgemeinen Begeisterungs- taumel mitmachen. Eine schier endlose dunkle Kette spannt sich gleich einer Riesenschlange um den Theäterbau— das Publikum. das sich zum Einlaß in die Galerie und in das„Pit"(Parterre) anstellt. In Reihen von vier oder fünf hat es sich unter der Be- dachung aufgepflanzt und zeigt die für«ine Londoner Schar so ckmrakteristische See von Gesichtern und steifen Schwarzhüten der Männer. Doch fehlt es keineswegs an buntem Gesieder, hier wie bei- allen übrigen Theatern der Themsestadt. Auf den Gesichtern spielen die Flammen aus den Kandelabern des Hahmarkct-Musen» tempels. Viele Damen, die das Stehen schlecht vertragen, nehmen auf winzigen zierlichen Stühlchen, die sie mitbringen, Platz, ohns daß die übrigen oder die feisten Rtcsenkerle von Polizisten etwas einzuwenden hätten. Nur wenn Neuankömmlinge die Schar ver- stärken, murmeln die Bobbics zu einer fortwährenden Bewegung mit den Handschuhen ihr gelassenes„Move on, Move on"(weiter), »vorauf sich die Kette stets etwas zusaminenzieht. Doch herrschteul fast iinmer Ruhe. Entgegenkommen, Höflichkeit, ja Liebenswürdig- keit vor, arges Gedränge oder gar Grobheiten gehören zu den» Seltenheiten. Kaum haben wir so ein paar Augenblicke gestanden, vis bor dem Theater ein Theater anfängt, wie wir es einzig nur hier erleben können. Denn das wartende Publikum soll zerstreut »verden, und von diesem Zerstrcungsbedürfnis vor Beginn der Bühnendarstellung und vor dem Aufgehen des eigentlichen Vor« Hanges fristen Hunderte von sogenannten„Straßenkünstlern" ihr Dasein. Und manche dieser. Straßenkünstler sollen dabei viel besser fahren als Künstler auf den Brettern. Den Reigen eröffnet ein würdevoller Fiedclgrcis von hohem Wuchs, in einen»reiten Mantel gehüllt und mit einem»nächtigen Filz aus dem Haupte, den er ins Gesicht gedrückt hat. Der selige Wotan als Wanderer aus dem„Ring des Nibelungen" ist doch nicht auferstanden? In seinem Arme halt er etwas, das eine Geige sein soll. Mit stattlicher Verbeugung tritt er vor sein Publikuin. Und dann entlockt er seinem Marterinstrument dünne Jammer- klänge, die von Not und Hunger sprechen und uns durch Mark und Bein gehen. Aber oft ertrinken diese Klänge im Verkehr- gebrause des in ewiger Bewegung scheinend-:»» Haymarket. An seinem Spiel berauscht sich der Greis. Manchmal hält er wie ver- zaubert inne. Endlich zielt Wotan den Filz voin Haupte, weiße Locken quellen hervor. Kupfermünzen fliegen klirrend in den Hut. Eine Dame neben uns wischt sich die Augen. Wotan verbeugt sich dankend und tritt ab. Ihm folgt ein Ehepaar in seltsainer Kostümierung. Er trägt eine grasgrüne Haube, knallrvles Wams. Räubergurt, Kniehosen und Schnallenschuhe. Von ihrem Sckcitel flattern bunte Bänder, das Gesicht ist stark geschminkt, die Augen glotzen. Ihr Rock hat den Unifang einer Krinoline. Und nun geht ein Duett los zu,n Steinerweichen. Alle neuesten Mtisikhall-Scblagcr ertönen im Diskant. Sie wechseln ab mit irischen und schottischen Balladen, zu denen das männliche Gespans eine Guitarre zupft, die ihm über die Schulter hängt. Sie versucht ihn zu überschreien, eilt»hm oft ein paar Takte voraus, und es entsteht ein wahres Wettrennen im Zwiegesang. Bor wilder Begeisterung schütteln sich die beiden. Oh Ihr Leute, die Ihr angestellt seid, werft Ihnen ein paar Pennies zu, auf daß sie endlich verstummen. Unsere Nerven Haltens nickst mehr aus. Aber welche Ironie! Der Kupferrcgen ruft dank- bare Gefühle im Busen dieser Beiden wach, und zuletzt stimmen sie noch eine Art Huldigungsständchen an. Wie sich das gute Pärchen zum Abzug rüstet, atmen wir auf! Doch sollen wir keinen Moinent zur Ruhe kommen. Denn blitz» schnell tritt ein schlanker Jüngling aus einer dunklen Ecke hervor. Er schüttelt wild die schwarzen Haarsträhnen, die ihm voin Haupte wallen. Seine Augen sprühen. Dramatisch reckt er die Rechte in die Höhe, die Linke holt wie zum Schlage aus. Er sängt an zu rezitieren. Was ist es nur? Bekannte Worte schlagen an unser Ohr: die Forumsszene ist's aus„Julius Cäsar" und Markus Antonius von der Londoner Straße sieht feuerspei«i»d vor uns da. Er brüllt und grunzt, er flötet, winselt, heult und säuselt. Stellen- weise vermeint man ein»vahres Talent zu hören. Aber kaum hat Mark Anton lauten Beifall für seine Beredsamkeit eingeheimst, als er sich auch schon in eü»e Komödienfigur verwandelt und mit Oüieken, Poltern und Gelächter ein« gairze Szene aus Sheridans „School for Scandal" aufführt. Der Scbireiß rinnt dem Armen von der Stirn, wie er so mit Händen und Füßen arbeitet und die rollenden Augen fast aus den Höhlen zu treten scheinen. Seine paar Pcnce verdient er sich redlich. Doch ist er noch lange nicht fertig. Denn nun hebt er zum höchlichen Ergötzen und Gaudium des ganzen Publikums an, die bekanntesten und gefeiertsten Lon- doi»er Mimen— ernste und heitere, selbst Herbert Tree— zu kopieren und dann in grausamer Weise zu karikieren! So weit geht die britische Freiheit. Wahrhaftig, gar kein übles Theater vor dem Theater! Zahlreiche Jnstrumentalmusikcr lösen sich in buni-em Wechsel ab. Da kommt ein Manu mit ciner Flöte und seine Gattin mit einer Ziehharmonika. Ein dritter führt auf einem Schlagbrett! mit Klöppeln, ein vierter an Gläsern ein erbauliches Konzert auf. Da- zwischen geht an den Reihen der Wartenden ein Blinder»nit einem Täfelchen und einer Blechbüchse um den Hals rnif und ab. Nach Art der Londoner Blinden schlägt er mit dem Stock rhythmisch auf das Pflaster. Ein Mädchen, vermutlich seine Tochter, führt ihn. Wir staunen ob der Eleganz, mit der sie sich trägt. Ein großer runder Federhut gibt ihr fast das Aussehen einer Lady. Und wir staunen, mit welch geschäftsmäßiger Stimme sie�uner- müdlich ruft:„Llind man, please, blind man, pieasc!", während sie den Blinden weiterschiebt und die Pennies in die Büchse fallen. In den Stimmenwirrwarr mischt sich das Gezeter, der Pro- gramm- und Sühigkertshausierer, das Gebrüll der Zeitungsjungen, die von farbigen Plakaten umhängt, aus Leibeskräften schreiend umherrennen und die letztca Neuigkeiten in alle Welt hinaus- schmettern. Und daran nicht genug, ziehen Tänzer in abenteuer- licher Kleidung ouf. Ein Cellist begleitet sie, sein Instrument scheint größer