Anterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 197. Don.nerstag� öen 10. Oktober.. 1912 (NaSdruck v 36] pelle der Gröberen Von M. AnderfenNexö. Uebersetzt von Mathilde Marn�. „Die Kleinen! haben- aber doch ein Herz," sagte Pelle. „Das und nicht der Verstand hält fie aufrecht, sonst wären sie schon-längst zugrunde gegangen, wären ganz einfach zu Tieren geworden. Warum ist das nicht der Fall trotz all ihres Elends? Warum bringt selbst die Kloake leuchtende Wesen hervor?" ..Ja, die Armen wärmen einander, aber blau gefroren sind sie darum dochl Und sollte man ihnen nicht lieber wünschen, daß sie kein Herz hätten, womit fie sich abplacken in- mitten einer bis auf den Grund vereisten Gefellschaftsord- nung? Ich beneide alle, die das Elend vom Historischen Standpunkt aus'betrachten und sich mit der Zukunft trösten können. Ich glaube ja auch selbst, daß das Gute einmal siegen wird: aber der Gedanke,-daß Millionen vorher glücklos ins Grab sinken müssen in dem Kampf gegen die Dummheit, erscheint mir trotzdem eine erstickende Ungerechtigkeit. Ich bin ein Unversöhnlicher,-das ist die Sache. Mein Sinn ist auf andere Zustände eingestellt, darum leide ich unter dem Bestehenden. Allein eine so selbstverständliche Sache wie Geld einnehmen, verursacht mir Qnal. Das Geld gehört mir, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, es in mm gekehrter Richtung zu verfolgM: Welche Entbehrungen ruft es Hervor, indem es in meine Hände übergeht? Was klebt von Rot und Tränen daran? Uud wenn ich es wieder aus- gebe, so nagt beständig der Gedanke an mir, daß die, die mir geholfen haben, zu wenig bekommen, meine Waschfrau -und die anderen. Sie können ja kaum lebeni, und die Schuld trifft unter anderen auch mich! Dann beginnt mein Gedanke, die Entbehrungen der anderen herauszngrabcn, und ich finde reinen, Frieden. Jedesmal wenn ich einen Bissen in- den Mund stecke oder die Auslagen- in den Schaufenstern sehe, muß ich au die anderen denken, die hungern. Ich leide ent- setzlich darunter,-daß ich diese Zustände,'deren Torheit doch so einleuchtend ist. nicht ändern kann. Und es nützt nicht, daß ich es mir als krankhaft aus dem Sinn schlagen will. Das ist es nämlich nicht, es ist ein Vorgreifen in mir! Wir müssen alle zusammen, einmal'dahin, falls sich nicht die Unter- drückten vorher erheben und die-Ordnung imikehren. Da siehst, ich bin dazu verurteilt, das Elend all-der anderen mit zu erleben, und mein eigenes Leben ist gerade nicht reich an Sonnenschein gewesen. Denk« doch nur an meine Kwd° heit, wie freudlos die gewesen, ist! Ich habe nicht Deinen Fonds, aus dem ich schöpfen kann, das mußt Du bedenken, Pelle!" Rein, viel Sonnenschein war nicht auf Mortens Weg gefallen: jetzt kroch er zrisammen und fror. Aber eines Abends kam er zu ihnen in die Stube hinein- gestürmt und winkte mit einem Papier.„Ich habe ein Legat bekommen!" sagte er.„Morgen früh reise ich nach dem Süden!" „Du mußt doch erst Deine AugelegerHeiten ordnen," sagte Pelle. „Ordnen?" Marten lachte.„Nein, Pell-e, zum Reisen ist man immer bereit. Mein ganzes Leben bin ich immer zu einer Reise um die Welt mit einer Stunde Frist parat ge- Wesen!" Er ging aus und nieder und rieb sich die Hände. „Ach, nu werde ich nach dem Süden kommen tind in Sonne schwelgen-, Pelle, so ordent-l-ich durchschmoren lassen, will ich mich! Ich glaube, es wird meiner Brust gut tun, einmal einen Winter zu überschlagen�" „Wie weit hinunter wollen Sie denn?" fragte Ellen mit leuchten'den Augen. „Nach Süditalien und Spanien. Ich will irgendwo hin, wo die Kälte nicht Tausenden- den Rock auszieht, indem sie einem den Pelz anhilft. Und'dann will ich Menschen sehen, die nicht teilhaftig sind- der Segnungen der mechanischen Kultur, die aber dafür die Sonne beschienen Hat: Sonnen- menschen, so wie die kleine Johanne und ihre Mutter und Großmutter, die aber das Recht haben- zu leben! Ach, es wird herrlich sein, einmal arme Leute zu sehen, die nicht frieren." „Laß ihn so schnell wie möglich tve glommen,," sagte Ellen, als Morten' hinaufgegangen war, um seinen Koffer zu- packen. „Denn wenn ihm erst die Armen in den Sinn kommen, so wird nichts aus der Reise. Ich muß wob-i ein Paar von Deinen Strümpfen- und ein bißchen von Deinen Unterkleidern iig seinen Koffer stecken«, er hat nichts zum Wechseln. Wenn er nur dafür sorgen, wollte, daß er die Sachen zur Wäsche gibt, und wenn Sie ihm nur nicht alles mit Chlor ruinieren!" „solltest Du Dich nicht ein wenig nach ihm umsehen, während er packt?" fragte Pelle.„Sonst furchte ich, daß er das, was nötig hat, nicht mitbekommt. Morten vergißt manchmal seinen Kopf in der Nachtmütze." Ellen gi-rV mit den Sachen,-die sie herausgesucht hatte, hinauf. Es war' ein Glück, daß sie kam. Morten hatte seinen Koffer voll lauter Bücher-gepackt und die notwendigsten Sachen beiseite gelegt. Er stand da und trivvelte umher und war ganz unglücklich, alls sie alles wieder aus dem Koffer herausnahm und von vorm' anfing. Er hatie alles so hübsch geordnet, die Gedichte für sich und die Proletavierschilderungen für sich: er brauchte nur f?ie Hand hineinzustecken, um l?erauszuholen, was er wünsch*'. Aber Ellen kannte keine Schonung. Das Ganze mußte auf den Fußboden heraus und jeder Fetzen von Kleidungsstücken, den er besaß, mußte er auf Stühle fegen. Tos Notwendigste wurde herausgesucht. Bei jedem �tück. das in den Koffer knm. erhob Morten einen leisen Widerstand: es konnte sich wirklich nicht lohnen. Strümpfe mitzuschfeppcn- oder Wäsche zum Wechseln, so etwas kaufte»i-an sich ganz einfach, wenn man es nötig hatte.„So? Das lohnte sich nicht? Aber einen großen- Koffer voll nutz- loser Bücher mit sich herumzuschleppm, wie ein Kolporteur — das lohnte sich vielleicht!" Ellen lag auf den Knien vor dem. Koffer und bahnte sich einen Weg. Ihr Eifer lockte Pelle herauf, er stand au den Türrahmen gelehnt und sah ihnen zu.„Das ist recht, seif' Dir ihn mir mal ordentlich ein, das hält dann vor, bis er wieder nach Hause kommt," sagte er lachend.„Er hat es sehr nötig." Morten saß aus einem Stuhl und sah niedergeschlagen aus.„Ein Glück, daß iram- nicht verheiratet ist," sagte er. „Ich fange wirklich an, Mitleid init Dir zu haben, Pelle," Man konnte es-ihm ansehen, wie wohl ihm die Fürsorge tat. „Ja. nun kannst T-u sehen, was für ein Hauskreuz ich bekoinmen habe," entgegnete Pelle ernsHafk.„Bisher hast Tu es niemals glauben wollen." Ellen ließ sie ruhig schwatzen, jetzt war der Koffer bis an den Rand gefüllt, und jetzt wußte sie-wenigstens, daß er nicht wie ein Landstreicher umherziehen würde. Nun handelte es sich nur noch um die Toilettengegeirstände, nicht einmal dafür hatte er gesorgt. Sie zog ein gewaltig großes Buch aus der Toiletten-tasche der inneren Seife des Kofferdeckels, um Platz für Kämme, Bürsten und Seife zu machen, da aber stürzte Morten herz».„Das muß ich mit haben-, es mag gehen wie es will," sagte er sehr bestimmt. Es waren: Die Unglücklichen von Victor Hugo, Mortens Bibel. Ellen schlug das Titelblatt auf, um zu sehen, ob es denn wirklich so notwendig war, ein solches Ungeheuer mit sich herumzuschleppen-, es war ja so groß wie ein ganzes Brot. „Dazu ist kein Platz," erklärte fie und legte es ruhig beiseite,„wenigstens nicht, wenn Sie sich den Schmutz ab- waschen- wollen. Aber Sie werden dort, wohin Sie kommen. sicher auch Unglückliche treffen: davon gibt es gewiß überall genug." „Dann erlauben gnädige Frau Ende auch nicht, daß ich meine Schreibmaterialien- mitneh-ns?" fragte Morten in einem bittstellenscheu Ton. „Ja." erwiderte Ellen- lachend,„und Sie dürfen sie sogar zu etwas recht Schönem benutzen, falls Sie für uns kleine Leute schreiben wollrn Jammer und Elend gibt es genug!" „Wenn mich nun die Sonne so reckt beschienen hat, komme ich nach Hause und schreibc ein Buch darüber," sagte Morten ernsthaft. Der nächste Tag'.var ein Sonntag. Morten- war� früh auf und ging nach dem Friedhof hinaus. Das zog sich in die Länge, sie warteten mit dem Frühstück auf ihn.„Jetzt kommt er, ich Hab' ihn unten auf dem Felde gejchen," riefe Lasse Fredrik endlich; er war nach dem Gehöft hinüber gewesen, um Milch zu holen. „Dann können wir die Eier ins Wasser legen," sagte Ellen zu Schwester, die ihr in der Küche ein wenig zur Hand ging. Morien war feierlich zu Mute.„Jetzt sind die Rosen auf Johannens Grab wieder abgepflückt," sagte er.„Ich kann es nicht begreifen, wie es jemand über's Herz bringt, die Toten zu berauben: sie sind doch die Aermsten von allen." „Es freut mich, Dich dies sagen zu Höpen,," rief Pelle aus. Vor einem Monat warst Du imstande, zu meinen, daß die Toten die einzigen Wohlhabenden seien." „Du bist ein Fels," sagte Marten lächelnd und packte ihn bei den Schultern.„Selbst wenn sich alles andere verändert, wo man Dich hat, weiß man doch stets." „Zu Tisch! zu Tisch!" rief Ellen.„Aber schnell, sonst wird die Ueberraschung kalt!" Sie stand da und wartete mit einer zugedeckten Schüssel. „Aber— Du'hast ja frischgelegte Eier!" rief Pelle er- staunt aus. „Ja, die Hühner haben sich herabgelassen, in den letzten Tagen wieder zu legen, Marten zu Ehren!" „Nein, dem guten Wetter zu Ehren und dann, weil sie jetzt frei herumlaufen dürfen!" wandte Lasse Fredrik ein. Marten lachte:„Lasse Fredrik ist ein unverbesserlicher Realist, seinetwegen braucht das Leben nicht ausgeschmückt zu werden." Ellen sorgte liebevoll für Marten.„Jetzt müssen Sie. aber zugreifen!" sagte sie.„Wer weiß, ob Sie da draußen 'in der Fremde was Ordentliches zu essen bekommen." sie dachte mit Grausen an das Futter, das ihre Einlogierer im Palais zusammengemanscht hatten. Und dann hielt der Wagen vor der Tür, der Koffer wurde vorn beim Kutscher hinaufgestellt, Pelle und Mortem stiegen ein, es war die höchste Zeit. Lasse Fredrik und Schwester standen jedes auf feinem Wagentritt bis an die Landstraße hinab,'dann sprangen sie hinunter und liefen zurück. Da oben am Giebel stand Ellen und winkte, Svend Trost an der Hand. „Es muß sonderbar sein, so von dem Ganzen weg zu reisen," sagte Pelle. „Ja, für Dich rnüßte es wunderlich sein," erwiderte Marten und warf einen letzten Blick zurück auf Polles Heine. „Aber ich reise ja von nichts weg, ich reife ihm im Gegenteil entgegen!" „Es wird uns noch wunderlich vorkommen, wenn Du nicht mehr über unserem Kopf trampelst, namentlich Ellen und den Kindern. Aber Du läßt doch von Dir hören?" „Das tue ich. Aber Tu hülst mich ein wenig auf dem Laufenden von den Fortschritten Deines Unternehmens." (Fortsetzung folgt.) StädtebUcler. A m st e r d a in. Man muß Paris nicht von Italien aus, Amsterdam nicht nach den Hansestädten besuchen, wenn man den vollen Genuß an ihnen haben will und nicht zu unverdient kühlem Beifall kommen ivill. Was z. B. den Pariser Boden sür den Nordländer so„elastisch" macht, daß er„federnd" darüber schreitet, wie Hebbel sagt, ist doch zunächst das Wärmere, das Südländiicbe. Farbcnglut, Temperament und Beweglichkeit, Reichtum der Genüsse. daS entwickelte Leben der Gasse. Komme» wir nun aus dem Süden, so kann Paris nach der Seite uns nicht überraschen, erfreuen; wir sind satt. Amsterdam wiederum ist in seinem stärksten Reiz, den zusammen- gedrängten Giebelhäusern, selbst den Bausormcn. in unseren Hanse- städten vorhanden, und wir kommen doch nicht zu dem reinen Staunen und Genießen derer, die direkt aus ihrer kahlen preußischen Tünche kommen und mit Betrübnis in die kostspielige Häßlichkeit ihrer stilvollen.Kulturwohnungen" mit Fahrstuhl und Wasser- Versorgung zurückfahren und gern etwas von der rätselhaften Bor« nehmheit dieser holländischen Stadt mitnähmen. Es ist zunächst etwas Rätselhaftes und wenn man die Lösung fand. Drolliges um die Einfachheit dieser so vornehm ivirkenden Banform. Suchen wir unS ln der„Heerenpracht", der nobelsten im alten Amsterdam, ein Haus auf, das uns besonders festhält. Ein kleines Schild bestätigt»nsei Empfinden, daß uns ein reiches Haus ver- muten ließ. Eine große Bank sitzt darin. Da der Typ dieses Hauses, ««endlich gcwandeltz sich in allen Grachten(straßcn mit Kanälen) und„Straaten" wiederholt, können wir uns an ihm das Elementare der Amsterdamer Bauart ableiten. Ein schmales Haus aus dunklen Ziegeln, die durch Alter. Oelungen und im Brennprozeß oder durch Erdart erzielten Ton fast schwarz wirken. Es ist in der vornehmen Form nicht über zwei Geschosse hoch, steigt sonst aber bis vier oder fünf Geschosse auf und verjüngt sich danach, dem Giebel entsprechend, in den bekannten gestuften Ab» sätzen. Die Fugen sind nicht, wie wir es machen würden, trennend herausgestrichen, sondern gehen ebenfalls im Tone der Wand auf. Diese ruhigen, dunklen Flächen, die dem Auge dennoch die sichere Lage des Baumaterials zeigen, sind nun durch blendend reine Fenster- ernsätze schön unterbrochen, deren große Scheiben durch holzfarbige .Kreuze gegliedert sind. In eine gleiche massive belle Einlage(Sand- stein oder Putz) ist die in schönem, dunklem Farbton gehaltene Haus- lür eingelassen, deren sparsame, aber kunstvolle Schnitzerei mit der Wirkung des kostbaren Holzes den einzigen Schmuck abgibt. Nach diesem einfachen Rezept ist Amsterdam gebaut, sind einige hundert unaufhörlich bewunderter Baubeispiele für die Architekten Europas gebildet. Man reißt viel ein, aber hier hat man, wie in Hamburg, nichts zu fürchten, die Neubauten sind nicht schlechter. Es ist möglich, daß es ursprünglich die Feuchtigkeit und das Alter waren, die den dunklen Ziegel erzeugten, aber wir finden im Museum auf allen Bildern des alten Amsterdam das gleiche Verfahren. Man benutzt die hellen Ziegel zum Einfügen von Ornamenten und Füllungen. Eine Amsterdamer Straße ist durch dieses Material stets angenehm geschlossen und ruhig für das Ange, zugleich etwas warm und trau- lich, während unsere unmotivierten Kalkanstriche und imitierten Marmor-Sandsteinbaute» das Auge quälen, uns mit dem frostigen Gefühl unehrlicher Bauart erfüllen. Neuerdings streichen wir den Putz dunkel an und kommen auf kostspieligem Umwege min zu der ruhigen Stimmung der Straßen, die der Holländer durch Weglasien des Putzschwindels und Dunkeln des Steins erreicht. Das Geschäftshaus ist im Erdgeschoß in der Regel mit edlem Holz verkleidet, das in allen Tönungen schön zu dem dunklen Ziegel steht. Auch Erker und Balkons sind aus diesem Material, das seine Naturfarbe und gute Oualität offen zeigt. An unseren Küsten streicht man den hellen Ziegel zum Schutz gegen das Wetter in den deutschen Bauernfarben giftgrün, blutrot und blau an, das sieht oft hübsch bunt, ab auch sehr unecht aus. Von Amsterdam kann man dasselbe wie von Hamburg sagen, es hat wenige„großartige" Bauten, aber viele hundert vortreff- licher. Es hat es immerhin fertig gebracht, seineu Zentralbahnhof, der wohl zu den größten Europas zählt, architektonisch„unter- zukriegen", was man von wenigen Städten sagen kann. Eine kahle Goldgräberstadt wie Berlin kann in ihren grellen- oder plundrigen Steinkästen ein nur aus Koustruktionsmaterial, Gittern und Trägern genietetes Gewölbe hinstellen, erfüllt mit donnerndem Dröhnen, Zischen, Pfeifen und Menschcngcdränge. Daö paßt zu der rohe» Energie und Goldgräbergicr, die jeden erfüllt. Aber eine Stadt voll Ruhe und Haltung wird auch dieses not- wendige Nebel verringern. Eine Bauwaud verbirgt den ganzen Lärm für den nicht Beteiligten und sie ist so reich und schön gestaltet, daß man sofort in jenem aufmerksamen Zustand voll Erwartung und froher Hoffnung in die Stadt geht. Das„Wie" ist hier schwerer herauszudestillieren. Man setzt erst alles ungeniert und vernünftig hin, wie es nötig ist, und daS gibt bei der AuSdchiuiug des Bahnhofes schon eine schöne Gelegenheit zu leichter Ordnung und Gliedc- rung. Danach sind alle Teile recht durchgebildet. Sicher nicht nach „Vorlagen", sondern aus sicherer Hebung der Handwerker. Im dunklen Material gibt der glasierte Ziegel, der gelbe, der rötliche Ziegel Material zu Einlagen und Füllungen. Das Abschleifen, Ver- feinern. Zerbrechen des Plumpen ist es. was diese Türme, diese Leisten, diese Träger von unseren unterscheidet. In vielen schönen Farben und doch ohne Lärm schimmert die Uhr herab. In voller Glut leuchtet das Wappengetier aus seinem Steinkranz; diese leeren Flächen wieder füllt ein Relief, dessen Körper ebenfalls nur durch Wechsel des Ziegelsteins auf Farbe gestimmt sind, abgesehen davon. daß sie keine akademisch-preußischen Gemeinplätze darstellen und auch keine goldschimmernde Reklame für irgend eine Familie. In der- selben Art ist die Börse gebaut, desgleichen die Post. Die Börse erinnert in den Abmessungen, der unaffekticrten Gruppierung der Bauteile an die Architektur der mächtigsten, großzügigen Bauherren des frühen Mittelalters. Die Art, wie aus ziemlich ebenen Vor» bauten sich der Eckturm über die ganzen Straßen schwingt, ist kühn. und die Galerien, die im Postgebäude in den allgemeinen Raum herabsehen, würden unseren Postexzellenzen als wahre Sünde und direkter Anreiz zur Begehrlichkeit für daö p. p. Publikum erscheinen. Neben diesen schönen Wirkungen der Häuserreihen, die durch die Schmalseite der einzelnen Fronten einen schnellen Wechsel in den Formen erzeugen, sind die„Grachten" selbst an der besonderen Art des Stadtbildes beteiligt. Wir hätten von der Potsdamer Brücke aus im Landwehrkanal mit seinen beiderseitigen Straßen ein recht gutes Bild einer Amsterdamer Gracht, wenn wir die nervösen, über» tadcnen, affektierten Bauten ganz eng zusammenquetschten, daß sie dünn und hoch werden und natürlich all diese kalte Gips- und Putz- und Stuckpracht mit einem dunsten Farbstoff übergingen. Dasselbe morastige Wasser schleicht durch diese Straßen, lang» sam schieben sich Lastkähne durch die ölige Fläche, die fast in der Höhe der schmalen Straße liegt und durch keine Vorrichtung jemand hindert, in das Wasser zu gehen. Oft genug suchen wir dem schönen Anblick der dunsten Grachtstraße mit ihren grünen verschattenden Bäumen und dem friedfertigen Wasser zu entgehen, wenn ein Schiffer eben den Grund mit seinen Stangen aufwühlte und die Gase des Bodens frei macht. Für den Perionenverkehr, etwa durch Motor- barkaffen, werden die Grachten nicht benutzt, obwohl ihre systematische Anlage und gute Verbindung untereinander dazu reizen sollte. Trübe und stagnierend wälzt sich das Wasser der Gracht, selbst von Ebbe und Flut nicht merklich erfrischt, hin und her, wie der Tang und Laubfall der in den Ecken verwesend schaukelt. Der Hafen trägt zum Stadtbild wenig bei. Die Kais und Docks find weit auseinander gezogen und können nicht, wie die Hamburger entsprechenden Anlagen, die tief in die Stadt hinein- greifen, wirken. Merkwürdig ist eS im Stratzenbild, wenn wir die Schiffe wie auf dem Asphalt liegend, zwischen den beiderseitigen Häuserreihen sehen, da das Wasser zur Flutzeit in gleicher Höhe mit der Straße ist. Wie sorgsam ist die aufgesetzte Kajüte der Schiffe gebaut, ebenfalls dunkel gestrichen, ebenfalls mit den blendend sauberen Fenstereinsätzen und den kostbarsten Gewächsen hinter den feinen verhangenen Scheiben. Wenig unterscheidet sich sonst in den europäischen Hauptstädten daS Straßenleben. Dieselben Ansichtskarten, dieselben Menüs in den Restaurants, Pilsner und Münchener Bier, die Konfektion mit der unzerreißbaren, eleganten Kavalierhose, die Straßenbahn radan- lustig und stets zu Zusainmenstößen bereit, alles wie überall. Nur ist sie in schönes dunkeles Blau gekleidet und ihre Aktionäre oder die Stadt als Unternehmerin bewilligte dem Publikum Wartehallen aus Holz und Glas, die selbst zu„Bahnhöfen" ausgebildet sind. Zahlreich sind die guten Punschecken. aber dem„Anti" fließt aller Ecken gute warme Mich für 5 Cts.(3 Pf.) Das Rijks-Muscum(Reichsmuseum) wäre Extrafahrten unserer Schulen wert. Rembrandt selbst, dessentwillen die meisten hingehen, erscheint in unseren Sammlungen größer als hier, obschon seine beiden Hauptwerke, die„Tuchmeister" und die„Nachtwache" hier in zeremonieller Aufmachung geboten werden. Wir finden seine Kunst in allen Teilen als Allgemeingut. Ohne starke Sinnlichkeit, ohne den vollkommensten Ausdruck des Dargestellte», ohne die Pracht der Farbe in Fleisch und Gewand ist keines der vielen Hunderte von Porträts gemalt. Ein solch inniges Verhältnis zur Kunst, wie es jene Bürger hatten, mit dieser Folge für die Kunst können wir auch bei uns nur durch die direkte Teilnahme des Volkes, also durch Rückgabe von Macht und Wohlstand an alle, erhoffen. Auch Rembrandts„Anatomie" ist nur die Lösung einer in der holländi- scheu Malerei ständig gestellten Aufgabe; mir konnte er diese Zahl ausdrucksvoller Köpfe zusammenbringen, während seine Vorgänger in diesen Gruppen nur Porträt an Porträt setzten. Das Rijks- Museum ertötet nicht durch unsere modernen Riesenfenstcr die Farbenstimmungen, man schaltet jede Härte und Kälte des Lichtes aus und sieht die Bilder so, wie sie der Künstler in sich sah. Das für den Besucher durch die Jahreszeit bestimmte Bild der Stadt ergänzt sich in dem Museum in den zahlreichen Stadtbildern, zu- meist aus der Zeit, in der die Grachten als Schlittswuhbah» dienen. da Schlitten fahren, Zelte der Erquickung dienen und daS Eishockey eifrig geübt wurde. Es fehlt auf keinem Winterbilde. Als die nächste„Sehenswürdigkeit" bezeichnet man uns das Judenviertel. Man geht mit dem Bädeker durch diese Straßen, wie durch die Beduinen bei Hagenbeck; sehr befriedigt sind die Lords und Gentlemen, wenn sie Schmutz und Elend so schlimm fanden, wie es ihr Buch schildert. Die Stadt Amsterdam aber geht nun endlich mit der Absicht um, diese„Attraktion" aufzulösen, die ganzen Häuser sollen niedergelegt und neu aufgeführt werden. Es ist schwer, diese Erscheinung, das rattenartige Einnisten einer Menschenart in den versallendst.n Stadtteilen, jemand als Schuld zuzuschieben, da ein anderer Zwang als der der materiellen Not zur Wahl dieser Stadtteile nicht besteht. Da auch sonst die Juden in allen Ständen und Stadtteilen vorkommen und ungehemmt aufsteigen, muß das nicht gehinderte Zuströmen der in anderen Ländern wirtschaftlich vernichteten oder verjagten Volksteile immer von neuem das Bild des Elends erhalten. Es fragt sich übrigens, ob trotz unserer Baupolizei nicht in den wohlgemessenen Berliner Vierteln des Proletariats hinter respektablen, sauber geputzten HauSwänden ebensoviel Elend haust als hier in einer ungenierten Oeffentlichkeit des Amsterdamer Judenviertels. Es ist ein regnerischer Sonntag, wenn wir durch die engen Straßen hindurch jene Viertel aufsuchen. Das Volk ist in Amsterdam stets bereit, den Fragenden zu helfen. Die Burschen überstürzen sich, um zu führen, ohne irgendwelche unschöne Gedanken. Der Schaffner der Trambahn rühr nicht, bis er unter Aufwand aller seiner deutschen Vokabeln dich über deine auS dem Erwerb des Fahrscheines herzuleitenden Rechte(es gibt für IS Pfennig Billetts für Hin- und Rückfahrt gültig) gründlich unterrichtet hat. Im Museum sucht dein über irgend etwas befragter Nachbar sofort alle Diener ab, um die gewünschte Auskunft zu beschaffen. Wir sehen dann einzelne Typen. Dunkle, finstere Augen, denen wir uns aber furchtlos nahe» können. Da? Düstere entstammt dem erstickten Groll gegen ein verzweifeltes Schicksal und Verdruß und Abneigung gegen den vermeintlichen Neugierigen. Eine Brücke noch über das schmierige Wasser und wir sind drin. Haus an Haus, sonst wie alles andere, aber verfallen. Scheiben sind durch Pappe oder Holz ersetzt, arm sind die Laden, und dieselben unruhigen Augen, unregelmäßige Gesichtszüge, verelendete Körper quellen aus allen Fenstern, allen Türen entgegen, erfüllen mit ihren lebhaften Bewegungen die Gassen. Ich weiß nicht, wie es nachts ist. Unaufhörlich patrouillieren Schutzleute die Gasse und kein böser Blick, kein häßliches Wort er» reicht dich— alle scheinen zufrieden, ungeqnält atmen zu dürfem Hier sind Buden ausgerichtet. Was man feilbietet, ist wohl der Abkall vom Abfall. Man trinkt Suppe, ißt Wurst, Fleisch, rote- Rüben, die ein Karren enthält. Dort kramen einige Hände im großen Säcken voll alter Schuhe, um zu einem gefundenen linken den passenden Gefährten zu finden. Eine Gasse ist ganz verstopft mit den Obstkarren, die also von hier aus in die Straßen dringen, um unter unaufhörlichem Ausruf sich mühselig zu leeren. Man sieht starke, schöne Burschen neben furchtbaren Typen, die aber im ihrer Abmagerung wieder an die Beduinen bei Hagenbeck erinnern. Die ganz verfallenen Hänser sind nun durch Schilder für un-> bewohnbar erklärt, durch Vcrnagelung gesperrt, und dieses Schild dringt immer weiter und treibt die Bewohner so fürsorglich in die Gemeinschaft der übrigen, denen sie durch handwerkliche Geschicklich- keit längst„erwünschte" oder nötige Helfer wurden. Das Gegenstück finden wir jenseits des Rijks-Musenms, in den Vierteln des Volkes. Hier sehen wir genau dasselbe, nur in großem Maßstabe und äußerlich etwas dekoriert. Die Häuser sind nun nicht „Eigenhaus", also schmal und schmuck, sondern Mietshaus— breit gezogen und überfüllt. Der dunkle Ton, nicht durch die schönen Fenstercinsätze und verschiedenes Material unterbrochen, sondern gleichmäßig fortlaufend, wirkt nun schmutzig, trübe, gefängnisartig. Diese Menschen, die doch bessere Anrechte an eine erträgliche Existenz als andere haben, gehen so ärmlich, ihre Kleider sind so zerschlissen, ihre Kinder so schmutzig, wie nur die jenseits der„oucken Schanz". Und Mynheer an der Hcerengracht kennt auch keinen Rassenhaß und keine Unterschiede, er nimmt seine Mieten von diesen wie jenen und schätzt als seine Arbeitskräfte diese wie jene, und er und sein Haus an der Gracht bleiben so vornehm und rein. R G. pilzc als Fjdfer der'Cedrnik» Man wird es wohl nie erfahren, wer zuerst die Pilze dem Menschen dienstbar gemacht.. hat. Aller Wahrscheinlichkeit hat ein kleines, aber sehr kluges Tier schon längst Pilzzucht getrieben, als der Mensch noch gar nicht daran dachte. In ihren seltsamen Pilz- gärten ziehen die Blatlschneiderameisen Südamerikas auf kleinen Kugeln, die aus zerkauten Blättern bestehen und von den Ameisen dazu noch geknetet und regelrecht zubereitet werden, bestimmte Pilzc, von deren Eiwcißproduktcn sie leben. Es klingt fast un- glaublich, daß die Ameisen diese unterirdischen Pilzgärtcn durch eine gewisse Ventilation mit der richtigen Temperatur versehen, und daß sie jene Pilze, die ihnen in ihren Garten fliegen, für sie aber bedeutungslos sind, kunstgerecht ausjäten. Solche Kleinarbeit selbst hätte früher gern mancher Brauer verrichtet, wenn er nur die seinem Bräu nicht zusagenden Pilze hätte ausrotten können, die ihm mit der Luft in die Gärbottiche flogen und allerhand Krankheiten verursachten, wie Fadenziehcn, Sauerwerden, Nach- garunqcn usw. Heute aber ist es dem Brauer, dem früher so oft sein Bräu mißriet, bei der Vervollkommnung aller technischen Apparate eher möglich, sich nur allein die Wirkung des für ihn unumgänglich notwendigen Hesepilzes zu sichern und die Beein- trächtigungen durch andere schädliche Pilze fernzuhalten. Damit er eine reine keimfreie Luft, die keine gefährlichen Schimmelpilz- sparen mehr enthält, in seinen Gärkellern und über den Würzebottichcn hat, preßt er die Luft vorher durch Luft- filier aus Flanelltüchcrn oder durch dicke Kokstürme. Ein außerordentlicher Nutzen ist dem Brauer auch dadurch er- wiesen, daß es dem berühmten Dänen Emil Christian Hansen gelang, die Züchtung des kostbaren Hefcpilzcs zu einer solchen Vollkommenheit zu führen, daß jeder Brauer, so- wohl der Miünchener toie der Pilsener Bierbrauer, der Weinbauer am Rhein wie der Champagnerfabrikant jenseits der Vogescn mit unfehlbarer Sicherheit den besonderen Etgengeschmack seines darum geschätzten Fabrikates sicher treffen kann, was vordem meist nur Sache äußerst vorsichtiger Handhabung und auch des glücklichen Zufalles war. Der Bierbrauer setzt seinem mit warmem Wasser verrührten Malz den Hopfen zu— und diese„Maische" genannte Abkochung wird möglichst schnell gekühlt und dann zur Erzeugung von Alkohol und Kohlensäure mit der Bierhefe versetzt. Er verwendet hierbei heute aber nur durchweg untergärige Hefen, bei denen die sich im Gärprozeß vermehrende Hefe zu Boden sinkt; denn das unter- gärige Bier hält sich bei einer Kühlcrhaltung bedeutend besser als das obergärige, da bei niedriger Temperatur die schädlichen Kranke hcitskcime des Bieres betäubt bleiben. Auch zur Produktion der halben Milliarde Liter Spiritus, die allein Deutschland jedes Jahr fabriziert, ist der Hefepilz ebenso. notwendig, was man gewöhnlich Übersicht. Ter Schnapsbrcnner. dem es auf einen möglichst hohen Alkoholgehalt ankommt, wählt sich dafür besonders geeignete Hefen unter den ihm zur Verfügung stehenden verschiedenen Rassen aus. Nicht weniger ist unser Väckergewcrbc vom Hesepilz abhängig. Zur Porösmachung des. Brotes wird die feine, besonders gezüchtete Preßhefe verwandt, die- nie von den sog.„Backpulvern" aus dem Felde geschlagen werden kam:, da diese chemischen Produkte bei weitem nicht die starke Kohlen, aureentwickeluW haben, deren Blasen eben unser Brot porös und genießbar machen. Bei der Bereitung der hbgienisc�en Kefirgetranle spielt ebenfalls ein Hefegärungöprozeß ne Rolie-■- wie auch die neuerdings viel angepriesene bulgarische Doghurt-Milch ihre vortresflichen Eigenschtisten hauptsächlich der Durchsetzung mit einer bulgarischen Hefenarl verdankt...... Andere Pilze, besonders Schimmelpilze, werden vielfach in technischen Betrieben außereuropäischer Völker verwendet. Der Japaner kann sein Sakebier nicht ohne einen bestimmten Pilz- schimmel fabrizieren. Vor der eigentlichen Versetzung mit Hefe wird der zur Sakebierbereitung nötige Reisbrei mit Teilen dieses lichtgrünen Schimmels bestreut, der den ganzen Brei bald mit eineni feinen Flaum überzieht, ihn schleimig auflöst und mit einer süßen Würze durchzuckert. In ähnlicher Weise wird auch ein Schimmelpilz(.Aopergillus oryzae) zur Herstellung der in Japan von jedermann verwendeten Sohasauce gebraucht, zu deren Berei- tung dort allein der größte Teil der ganzen japanischen Bohnen- ernte erforderlich ist. Dies kleine Schimmelpilzchen wird in ost- asiatischen Fabriken eigens zu dem Zweck gezüchtet— und die Zeit wird nicht mehr so fern sein, wo wir den Wohlgeschmack seiner Wirkung auch an unserer Tafel kennen lernen, da diese Würze sich zweifellos einmal die Küche des Europäers erobern wird. Endlich spielt eine Vergärung durch Pilze auch Lei der Berei- tung des den ganzen Orient verseuchenden Opiums eine große Rolle — ohne diese Garungsprozedur würde dem gefährlichen Berau- schungsmittel seine eigentümliche Kraft abgehen. Auch in der Karbenindustric sind die Pilze große Helfer, da sowohl Waid. Krapp und Naturindigo, wie auch die Flechtenfarbstofse Lackmus und Orseille durch Gärungsprozesse, die allerdings noch sehr wenig studiert wurden, gewonnen werden. Die Eroberungen, die die Pilze als Helfer der Menschheit machen, sind immer neue. Zu einer der letzten gehört die des Arsenikschimmels(Leniellium brevicaule), der den Gerichtsmedizi.ner auf die Spur des Ver- Drechens leiten kann, da dies Pilzchen durch den ihm eigentümlichen Knoblauchgcruch selbst die Anwesenheit von einem Millionstel Gramm Arsenikgiftes in Leichen oder vergifteten Speisen anzuzeigen vermag. A. R. kleines feuilleton. SprachwiffeuschaftlicheS. Die deutsche Sprache im Flugwesen. Der Deutsche Lustfahrerverband hat es bald nack seiner Begründung für seine Pflicht gehalten, einen Sprachansschuß einzusetzen, um verständige und allgemein annehmbare Ausdrücke für alle Einzelheiten im Flug» wesen zusamnienzustellen. Rund 5 Jahre ist dieser Ausschuß bereits in Tätigkeit, dürste aber mit seinem letzten in der �Deutschen Luft- fahrer-Zeitschrift" veröffentlichten Bericht ungefähr an dem Ende seiner Arbeit angelangt sein, soweit nicht die fortlaufend erfolgenden Neuerungen ein immer wieder erneutes Eingreifen notwendig machen sollten. Da es sich darum handelte, eine Liste von Aus- drücken zu schaffen, die sich wirklich allgemein durchsetzen können, ist mir allen beteiligten Kreisen, insbesondere mit den flug- technischen Vereinen verhandelt lvorden, und daher bat die Arbeit, deren Ergebnis jetzt vorliegt, so lange Zeit in Anspruch genommen. Soweit ssth über die lange Reihe von Namen und anderen Bezeich- nungen eine lleberficht gewinnen und ein Urteil fällen läßt, hat der Sprachausschuß seine Aufgabe vortrefflich gelöst. Bei dem starken internationalen Zusammenarbeiten auf dem Gebiete des Flugwesens kann durch die Schaffung besonderer Ausdrücke jeder einzelnen Sprache allerdings auch ein Hindernis für den geistigen Austausch zwischen den Nationen erblickt werden, aber es werden ohne Zweifel bald Mittel geschaffen werden, die trotzdem eine leichte und fichere Verständigung ermögtichei?. Um eine Probe aus' dem Wortschatz der deutschen Flieger zu geben, mögen die allgemeinen Ausdrs cke kurz erwähnt werden. Das gesamte Gebiet wird als Flugwesen oder einfach als Flug bezeichnet, wodurch das Fremdwort Äviatik nicht nur entbehrlich gemacht, sondern ohne Zweifel auch übertroffen wird. Das Flugwesen zer- fällt in Flugtechnik. Fluginduslrie. Flugsport und Flugverkehr. Für Aeroplan soll es jetzt ausichlietzlich Flugzeug heißen, und weiter- hin sind Kraftflugzeuge und Gleitflugzeuge(mich Gleiter oder Gleitflieger) zu unkerschmden. Die Kraftflugzeuge zerfallen in Fwgdrachen, Schraubenflugzeage imd Schwingenflugzeuge. Weiter ■trenne» sich die Eindecker, die Doppel- oder Zweidecker usw. Der Name Flieger hat sich für den zuerst in Frankreich entstandenen Aus- druck Aviatiker schon überall eingebürgert. Der frühere Pilot ist jetzt als Flugzeugfahrer oder Flugführer, der Passagier als Flug- gast oder Mitfliegcr zu benennen. Außerdem ist der Titel Flugmeifler_ geschaffen worden. Erforderte dieser Teil der Liste nur sprachliche Geschicklichkeit un!> Geschmack, so mußte für die Vereinbarung der besonderen Ausdrücke für die Einzelheiten der Flugzeuge selbst und der Flugteckmik eine große Summe fachmännischer llebcrlcgung angewandt werden. Auch die meleoro- logischen Erscheinungen, die für den Flieger besonders wichtig sind, haben eine Beriicksichligung erfahren. Es sei beispielsweise erwähnt, daß ein aufwärtssaugender Luftlvirbel als Windhose, ein abwärts- saugender als Wirbelschlund bezeichnet wird. In den Bezeichnungen für die Bestandteile der Flugzeuge ist eine Reihe gut deutscher alter Wörter zu Ehren gebracht worden, wie Kufe, Holme, Streben u. a. m. Besondere Findigkeit mag die Feststellung mancher Ausdrücke erfordert haben, wie Kippsicherung, Dämpfungsflossen usw. Für die Neben- bewegungen oder„Schwingungen" des Flugzeuges find Benennungen gewählt worden, die vom Schiffswesen hergenommen find, wie rollen, stampfen und schlingern. Im ganzen genommen zeigt die Liste des Sprachausschusses einen reichen Inhalt. Physikalisches. Neues von den Röntgenstrahlen. Im Gegensatz zu den mächtigen Fortschritten, die die praktische Röntgentechnik in den letzten Jahren gemacht hat, und die insbesondere der medizinischen Diagnostik zugute kommen, ist es bisher trotz aller aufgewandten Mühen nicht möglich gewesen, gewisse Einzelheiten ihres physikalischen Verhaltens einwandfrei aufzuklären. Im ganzen ist es bei den Fest- siellungen geblieben, die sofort nach ihrer Entdeckung im Jahre 189S Prof. Röntgen in seinen ersten Experimenten gctroffm hat. Außer ihrer Nnfichtbarkeit weichen die Röntgenstrahlen danach von den Licht- strahlen auch in anderen wesentlichen Punkten ab. So werden sie weder wie die Lichtstrahlen gebrochen noch regelmäßig reflektiert, noch durch ein Prisma abgelenkt, obwohl sie sich gradlinig fortpflanzen und da- durch auf der photographischen Platte oder dem Fluoreszenzfchirme scharfe Abbildimgen geben. Auch eine magnetische Ablenkung wie bei den— ebenfalls dunklen— Kathodenstrahlen oder den elektrischen Strahlen konnte nicht nachgewiesen werden. Andererseits wies wiederum manches auf eine engere Zusammen- geHörigkeit der Röntgenstrahlen mit den anderen Strahlen- arten, alS da find gewöhnliche leuchtende, unsichtbare chemische und Wärmestrahlen, sowie die in den letzten zwei Jahrzehnten bekannt gewordenen Beeqnerel-, Anoden-, Kathoden-, Kanalstrahlen und die strahlende Energie der radioaktiven Elemente. Schließlich forderte auch die durch die Arbeiten des Physiker? Hertz zur Herrschaft gelangte elektromagnetische Lichttheorie des Engländers Maxwell, nach der alle optischen Erscheinungen nur Spezialfälle der Elektrizität des Stechers find, gebieterisch eine� Einreibung der Röntgenstrahlen an eine bestimmte Stelle im System. Wenigstens eine der Lücken auszufüllen ist jetzt gelungen. M. Laue hat gemein- schaftlich mit Friedrich und Knipping, wie er der königlich bayerischen Akademie der Wiffenschasten berichtet, durch eine geistvolle Versuchs- anordnung die Beugung der Röntgenstrahlen erwiesen. Unter Beugung der Lichtstrahlen versteht man in der Optik die Abweichung der Lichtausbreitung von den Gesetzen der Geometrie, speziell der Schattenbildung. Stellt man nämlich einem Lichtstrahl einen Schirm entgegen, der das auf ihn fallende Lichtbündel nur durch einen engen Spalt hindurch auf einen dahinterstehenden zweiten Schirm fallen läßt, so erhält man nicht nur ein Helles leuchtende? Abbild des Spalte?, sondern auch dort, wo man den Schatten er- wartet, abwechselnd helle und dunkle Streifung, die man als BeugungS- erscheinung bezeichnet. DaSLicht geht bei derBsugung— nm einen ziemlich groben Vergleich zu wiederholen— nm die Ecke. Solche Beugungs- ericheinungen kann man auf die mannigfachste Weife erzeugen, z. B. so. daß man statt eines engen Spaltes viele nebeneinander setzt, die auf eine Glas- oder Metallplatte eingeritzt find— sogenannte Beugungsgitter—, und dann im reflektierten Lichte beobachtet. Diese Bengungserscheinungen find deswegen so wichtig, weil sie die Wellentheorie des Lichtes bestäitgen und weil sie weiterhin die Physiker in Stand gesetzt haben, die Wellenlänge und Schwingung?- zahl der verschiedenen, das weiße Licht zusammensetzenden farbigen Strahlen zu berechnen. Vermittelst cineS Beugungsgitter? ist auch die Beugung der Röntgenstrahlen nachgewiesen worden. Allerdings nicht mit einem der gewöhnlichen, die, wenn sie auf einen Mllimeter 1700 eingekerbte Gitter tragen, immer noch zn grobmaschig sind, um Beugungen der Röntgenstrahlen hervorzurufen, sondern gelviffermaßen mit einem natürlichen Beugungsgitter. Als ein solches wirken die Kristalle der Mineralien, deren regelmäßiger Ilnfbau auf eine symmetrische Gruppierung der sie konstituierenden Moleküle zurückzuführen ist. Man kann sich vorstellen, daß dort, wo die unendlich kleinen Ranken und Grenzflächen der Moleküle anseinnndergrenzen, ein Gitterwerk, ein sogenanntes„Raumgitter" entsteht. Auf ein solches Raumgitter aus Zinksulfid wurde aus einer ganz feinen Oeffming ein Bündel Ztöntgcnstrahken geworfen. Diese durch- drangen den Kristall und gaben zunächst auf einer dahimcrgestellten photographischen Platte- eine scharfe Wbildung der Blendenöffnung, aus der sie stammten. Bei einer längeren Expositionszeit bis zu einem Tage aber zeigten sich auch eine Reihe von Beugungsbildern, deren Beschaffenheit und Lage gut mit den theoretisch berechneten Eigenschaften des kristallinischen Raumgitters übereinstimmte. Ans den Betigungsbildcrit konnten dann weiterbin— ganz wie bei den sichtbaren Strahlen— die Wellenlänge der Röntgenstrahlen berechnet werden. Danach beträgt sie rund den drethundertnnllionsten Teil eines Millimeter?, wobei es natürlich aus das eine oder andere Mllionstel nicht besonders an- kommt. Die Röntgenstrahlen haben damit, wie man schon früher annahm, die kürzeste Wellenlänge unter den bisher bekamtten Strablenarten. Zu ihren nächsten Nachbarn, den ultravioletten Strahlen, verhalten sie sich wie Zwerge zu Riesen. Sind diese doch zehntausendmal so groß.__ Perantw. Redakteut: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: LorwärtsBuchdruckerei u.Verlag-anjtalt Paul Singerz-Eo-Berlin ZW.