Nnterhallungsblatt des Horwärts Nr. 201. Mittwoch den 16. Oktober 1912 (Nachdrulk verloren.) 40Z Peile cler Eroberer. Von M. A n d e r s e n N e x ö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Pelle schritt schnell dahin, um auf das offene Land zu lommem. Er liebte diese öden Gassen am Rande der Stadt nicht, wo sich die Armut wie ein Vogelbauer zu beiden Seiten der schmalen Kluft erhob, und die Dunkelheit hinter vielem seufzte. Wenn er in eine endlose Steinschlucht hineingeriet, wo sich Ein- und Zweizimmerwohnungen in sieben Reihen übereinander erhoben, so weit er sehen konnte, drohte der Mut ihn zu verlassen. Es war wie eine Wanderung über einen ungeheueren Friedhof voll zerstörter Hoffnungen', alle diese Tausende von Familien waren wie ebenso viele unglückliche Geschicke,- hell und hoffnungsvoll waren sie alle hinausgesegelt und nun saßen sie hier und kämpften mit der Leere. Er ging schnell hinaus, am Feldwege entlang. Es war stockdunkel, und es regnete, aber er kannte die Gräben undSteige auswendig. Weit auf den Hügel hinauf schimmerte ein Licht, das an einen Stern erinnerte, der niedrig am Himmel stand: es mußte die Lampe aus Bruns Schlafzimmer sein. Er wunderte sich, daß der Alte noch im Gange war. Er ermüdete so schnell, jetzt, wo er ans der Beschäftigung eines langen Lebens ausgetreten war, und pflegte früh zu Bett zu gehen. Viclleick>t hatte er vergessen, die Lampe auszulöschen. Pelle hatte den Kragen über die Ohren aufgeschlagen, ihm tvar so recht wohlig zumute: er liebte es, allein in der Dunkel- heit zu gehen. In alten Zeiten hatte ihre gähnende Leere thn mit panischem Schrecken erfüllt, aber das Gefängnis hatte seinen Sinn damit vertraut gemacht: er konnte sich auf die einsamen nächtlichen Wanderungen heimwärts über die Felder freuen. Dann erstarrte der Lärm der Stadt hinter ihm, und er atmete die reine Luft ein, die ihm direkt aus dem Welten- Tairni entgegenzuströmen schien,. Alles das, was der Mann mit niemand teilen kann, stieg auf diesen Wanderungen in ihm auf. Kn dem täglichen Kampf konnte er gar oft ein niederdrückendes Gefühl haben, daß der Ausfall auf reinen Zufälligkeiten beruhe. Es war nicht leicht, sich in dem tausend- stimmigen Lärm Gehör zu verschaffen: es gehörte etwas Sen- sationellcs dazu, um die Aufmerksamkeit zu fesseln, und er kam nur mit einer ganz gewöhnlichen Fdce und behauptete, daß sie, ohne ein Rad anzuhalten, die Welt umwandeln könne. Das Bestehende machte sich nicht einmal die Mühe, ihn zu bekämpfen: selbst die Fabrikanten innerhalb des Faches be- gegneten seinem Unternehmen mit Ruhe und schienen den Krieg gegen ihn aufgegeben zu haben. Er war auf großen Widerstand gefaßt gewesen und hatte sich dazu gefreut, ihn zu überwinden, und diese Gleichgültigkeit machte ihn oft an sich selbst verzagen. Seine unbezwingbare Idee ging ja nur unter in dem bunten Wirrwarr des Lebens I Aber hier draußen auf dem Lande, wo die Nackt als große Ruhe iiber der Erde lag, erhielt er seine Kräfte wieder. All das Gleichgiiltige fiel weg, rmd er sah, daß er so wie die großen Brückenpfeiler sein Eigentliches unter der Oberfläche lmttc. So unansehnlich er auch aufragte, ruhte er auf einer großen Unterlage: die Einsamkeit um ihn her entschleierte ihni das und bewirkte, daß er sich mächtig fühlte. Während nki» sein Unternehmen übersah, wollte er es so stark machen, daß sie mit der Stirn dagegen raunten, wenn sie erwachten. Pelle war glücklich, auf dem Lande zu wohnen: es war sein Traum, daß einstmals auch die Arbeiter wieder hier hinausziehen sollten. Die Stadt ward ihm immer widerwärtiger: er lernte es nie, ganz vertraut mit ihr zu werden. Es tvar ihm immer gleich sonderbar, sich in diesem summen- den Bienenkorb zu bewegen, wo ein jeder auf seine Rechnung zu schnurren schien und sich doch alle unter einen großen Willen beugten: den des Hungers. Die Stadt übte eine dumpfe Macht auf die Gemüter aus. Sie zog die Armen durch eine lügenhaste Vorspiegelung von Glück an. Und hatte sie sie erst einmal, so hielt sie sie dämonisch fest. Die giftige Luft war wie Opium, die elendesten' Arnien verträrimten sich darin das Glück, und wenn sie erst Geschmack daran gefunden hatten, waren sie nicht mehr imstande, wieder hinauszureisen nach dem schlichten Alltag. Es lag immer etwas Entsetzlickes hinter der Physiognomie der Stadt, als lauere sie nur darauf, Menschen in das Netz zu ziehen und sie auszusaugen. Am Tage konnte dies von den vielem Lauten verschleiert werden, aber die Dunkelheit trug es an die Oberfläche. Jeden Abend, ehe Pelle zu Bett ging, mußte er hinaus an den Giebel und in die Nacht hinausstarren. Das war eine alte Bauernsitte, die er von Vater Lasse und wieder von dessen Vater geerbt hatte. Tann schweifte sein Blick fragend über die Stadt hinab, wo seine Gedanken schon im voraus waren. An sonnigen Tagen war da nur Nebel und Rauch, aber in einer so stockfinsteren Nacht lag ein festlicher Lichtschimmer dar- über. Die Stadt hatte eine eigentümliche Gabe, die Dunkel- heit auf sich herabzuziehen und ein weißes künstliches Licht darin anzuzünden. Sie lag niedrig wie ein S u m p f mit Gefällen von allen Seiten, alle Abfliisse iniindeten darin: ihr leuchtender Nebel schien bis au die äußersten Grenzen des Landes zu reichen—; alles strebte ihr zu. Große goldene Fliegen hingen schaukelnd über dem Sumpf in metallischer Pracht. Mücken tanzten darüber hin, gleich sorglosen Schatten. Ein unaufhörliches Summen stieg �daraus empor, und darunter lag die Tiefe, die das alles groß gezogen hatte und bubbelte, so daß man es bis hier oben hören konnte. Zuweilen flackerte das Lickt am Himmel auf wie der Widerschein aus einer ungeheueren Esse. Es war, als poche ein ungeheueres Herz panisch in der Dunkelheit da dnnnm Sein eigenes wurde davon angesteckt und schnürte sich in un- klarer Angst zusammen. Schreie konnten plötzlich von daher aufsteigen, und man wünschte es fast: ein starker Ausbruch war eine Erleichterung nach der ewigen lockenden Spannung. Dort unten unter den Mauern der Stadt war die Dunkelheit immer lebendig: gleich einem schweren Lebensstrom glitt sie dahin, rann träge zwischen Kneipen und Lasterhöhlen und Kasernen mit ihrem verhängnisvollen Inhalt von Not und Verwünschungen. Ihr geheimes Treiben flößte ihm Schrecken ein. Er haßte die Stadt um ihrer Finsternis willen, die so viel verbarg... Er war vor dcr„M o r g e n d ä m m e r u n g" stehen ge- blieben und stand nun da und starrte hinab. Plötzlich hörte er einen Laut von'da drinnen, der ihn zusammenfahren machte. Schnell schloß er auf und ging hinein. Ellen kam auf die Diele hinaus, sie sah verstört aus. „Gottlob, daß Du konimst," tagte sie,„Anna ist so krank." Sie vergaß ganz, ihm Guten Tag zu sagen. „Ist es etwas Ernsthaftes?" fragte Pelle und warf hastig Hut und Rock ab. „Es ist wieder die alte Geschichte. Ich ließ einen Wagen voni Hofe in die Stadt zum Doktor fahren, das ist teuer ge- worden. Aber Brun sagte, ich sollte es tun. Sie bekommt warme Milch mit Emscr Salz und Sodawasser. Du mußt Dich wohl erst ein wenig- wärmen, ehe Du zu ihr hineingehst: aber beeile Dich ein wenig. Sie fragt fortwährend nach Dir." Im. Krankenzimmer herrschte Halbdämmerung. Ellen hatte einen roten Schirm über die Lanipe gehängt, damit das Licht die Kleine nicht genieren sollte. Brun saß auf einem Stuhl am Bett und starrte das Kind unverwandt an, das im Fieberschlummer dalag und vor sich hinplauderte. Er machte Pelle ein Zeichen, daß er ganz leise gehen solle.„Sie schläft," flüsterte er. Der alte Mann sah unglücklich aus. Pelle beugte sich geräuschlos über sie. Sic lag mit ge- scklossenen Augen, schlief aber nickst: ihr heißer Atem ging in kurzen Stößen über sein Gesicht. Als er sich aufrichten Wollte� öffnete sie die Augen und lächelt« ihm zu. „Was ist das nur einmal mit Schwester, will sie uns nun wieder krank werden?" fragte er loise.„Ich glaubte, die Sonne hätte die alte Bronchitis weggezagt." Das Kind.schüttelte ergeben den Kopf.„Hörst Du nicht den Kellermann?" flüsterte sie. Er saß in ihrer Luftröhre und pfiff aus. Leibeskräften. Sie lauschte mit einem ernsten Ausdruck nach ihm. dann stahl sie die Hand unter der Bettdecke hervor und strich dm Vater über's Gesicht, als wolle sie ihn trösten. Brun steckte sie aber schnell wieder unter und deckte sie bis über die Schultern zu.„Da wäre beinahe die Puppe auf und davon geflogen," sagte er bedenklich. Er hatte ihr eine - 802 große Pichpe versprochen, wenn sie sich gut unter der Decke halten wollte..-. „Krieg ich sie tum noch?" fragte sie keuchend und starrte ihn erschreckt an. „Ja, natürlich kriegst Du sie. Und wenn Du Dich hübsch sputest und schnell wieder gesund wirst, sollst Du auch einen ZLagcn haben mit Gmnmiräderu."- Ellen kam herein und uterbrach sie.„Jetzt Hab' ich Herrn Bruns Schlafstube fertig gemacht," sagte sie und legte beruhi- gend die Hand auf die gespanuten Züge des Kindes. Der Bibliotehkar erhob sich zögernd:„Mit anderen Worten, nun soll Herr Brun zü Bett gehen I" sagte er halb ärgerlich.„Na ja, denn Gute Nacht I Ich verlasse mich darauf, daß Ihr mich ruft, wenn es schlimmer werden sollte." „Wie gut er doch ist," sagte Ellen leise.,„Er hat die ganze Zeit hier gesessen und acht gegeben, daß Anna gut zugedeckt war. Wir wagten kaum uns zu rühreng sie müsse Ruhe haben, sagte er. Aber er selbst konnte es nicht lassen, mit ihr zu plaudern, sobald sie nur die Augen öffnete." Ellen hatte Lasse Fredrik in das Schlaszlmnier unten gebettet und ihr eigenes Bett hier hinauf gestellt, damit sie bei dem Kinde wachen konnte.„Jetzt solltest Tu zu Bett gehen," sagte sie leise zu Pelle.„Du mußt ja todmüde sein noch der Reise. Vorige Nacht in der Bahn hast Tu wohl auch nicht viel Schlaf gekriegt?" Er sah müde aus, aber ihre Ueberredungen nützten nichts, er wollte hier oben bleiben.„Ich kann unter diesen Verhält- nissen doch nicht schlafen," flüsterte er.„und morgen ist ja Sonntag." Dann leg' Dich auf mein Bett! Tu ruhst Tich doch wenigstens etwas aus." Er legte sich hin, unr sich ihr zu fügen und lag nun da und starrte zu der Decke empor, während er den kurzen, röchelnden Atemzügen des Kindes lauschte. Er konnte hören, daß sie nicht schlief. Sie lag und spielte niit dem röchelnden Laut und ließ den Kellermann mit grober Stimme reden. bald pfeifen. Sie schien ganz vertraut mit diesem bösartigen Hineinreden, das sie schon so viele kranke Stunden gekostet hatte und in Polles Ohren so qualvoll tönte. Sie hatte eine wunderlich ergebene Art und Weise, die Krankheit zu tragen, die den Wesen aus den Hintergassen anhaftete. Sie wurde nicht ungeduldig und ansvruchsvoll, sondern lag in der Regel da und unterhielt sich selbst. Es>var, als sei sie ihrem Lager dankbar: sie war immer am besten gelaunt, wenn sie lag. Die Sonne hier draußen hotte sie tüchtig gebräunt: aber es mußte etwas in ihr sitzen, das sie noch nicht überwunden hatte. Man entrann der bösen Macht der Hiutergafse nicht so leicht. Jedesmal, wenn sie einen Husteranfall bekam, richtete Pelle sie auf und half ihr ausspeien. Sie wurde blaurot vom Husten und sah ihn mit Augen an, die nahe daran waren, unter der gewaltsamen Anstrengung zu brechen. Dann kam Ellen mit der warmen Milch und dem Emser'valz; die Kleine trank mit einem resignierten Ausdruck und sank wieder in die Kissen zurück. lFortsetzung folgt.) Sine(lrreligion. ii. Dohane Msaiido erzählt uns, daß nnin in seinei» Volke an Ahnen- pcister glaubt; ihr Name ist Waruma, das bedeutet: Schattendes'all müssen üe iedoch daS Blutaeld zablen. Besonders im Schwange ist der Eßzauber, weshalb man von einem Fremden nichts oder doch nicht allein ißt. Selbst die Weiber suichen ihren Männern irgend ein Lech anzuhexen, damit diese ein Tier schlachten und man Fleisch zu essen bekommt. Der Gegensatz zur bösen Zauberei ist die gute der Wahanga: Medizinmänner, de oft mit den Walascho, den Orailern, identisch sind.(Man vergleiche im Christentum die schwarze Magie der Hexen und die weiße der Priester.) Erster« fertigen auch tragbare, noch recht kunstlose Amulette an. Bei den Bantuvölkern wird teil» weise noch an einen höheren Gott geglaubt, der Muuuga, Mulungi oder ähnlich heißt, was aber auch nur die Bedeutung: der Ur» alte hat. Wird damit wirklich schon ein höherer Begriff ver- bunden. so ist er doch nach Analogie eines Ahncngeistks vorgestellt. Bei den Dschagga tritt an seine Stelle Rnma, was aber auch nur die Einzahl von Waruina ist. Er wohnt im Himmel, erzeugte die Meuschc», gab ihnen Verhaltungsmaßregeln, steht ihnen aber sonst recht fern. Oft wird„Ruoia" auch einfach für: Himmel, Sonne, Schicksal gebraucht. Er ist eine bloße Idee ohne Kultus; eS existieren von ihm nur Sagen und höchstens der Glaube an einigen Witterungseinfluß. Hier liegt, wie Msando selbst meint, an- scheinend auswärtiger, wahrscheinlichst mohammedanischer Einfluß vor, was um so tvahrseheinlicher ist, als der Rumaglaube mit den alten Ideen in gar keinem Zusammenhang steht und diese, wie man sah, sich auf der niedrigsten Stufe befinden. Wir haben hier jedenfalls eine so einfache Religion vor uns, wie sie ganz gut vor 60000 Jahren schon bestanden haben kann. Eigentliche Götzenbilder find noch nicht vorhanden, größere Götter der einfache» Organisation wegen gleichfalls noch nicht. Das Zaubern ist noch nicht auf eine religiöse Zunft beschränkt, die Zauberer arbeiten behufs Herbeiführung ihrer„Begeisterung" noch mit keinem großen Brimborium, sie haben im Geisterreiche noch keinen Vorzug. Es gibt noch keine großen Götterfeste mit Tänzen usw., keine Beschneidung und Tätowierung, keine Aufnahme der Jugend in den Bund der Erwachsenen. Auch der Tierfetisch fehlt noch,— die redenden Tiere sind zwar alte, längst vergessene Geister, haben aber keinerlei Kult. Der Urahn der Häuptlinge hat sich noch nicht zum Volksheros oder-gott entwickelt; ein Jenseitsreich kennt man noch nicht. Es lebemals Geister nur erst die weiter, die man persönlich kannte, andie man noch sich erinnert.— Dieser archaische Glaube in einer recht bevölkerten Gegend ist um so be- merkenswerter, als sich vielerorts bei Negern Religionen vorfinden, die an Menge der abergläubischen Bräuche und an Kompliziertheit des Zeremoniells es getrost mit allen anderen Systemen aufnehmen können. B. Sommer. Hm der Geschickte der Kriegs- beriebterftattung. Ein Heer von Kriegsberichterstattern ist auf der Balkanhalbinscl eingetroffen, und die neugierige Welt lauscht gespannt auf die Nach- richten, die sie nach allen Enden der Welt telegraphieren. Der Kriegskorrespondent ist ja heute eine wichtige und offiziell anerkannte Persönlichkeit. Aber lange Jahrhunderte hat die Geschichte ohne feine Berichte auskommen müssen, die heute eine ergiebige Quelle für die spätere historilche Forschung sind. Der e r st e Kriegsbericht- erstatter, von dem wir Wilsen, war Henry Crabbe Robinson, den die „Times" 1808 nach der pyrenäischen Halbinsel sandte, um die Sott« schritte der englischen Armee unter John Moore zu verfolgen. Freilich begleitete er nicht die Armee, befand sich auch nicht auf dem Schlachtfelde, wie wir es heute von dem Bericht- erstatter erwarten, sondern sammelte seine Rachrichten, die er dann zu Schiff nach London schickte, aus Erkundi- gungen unter den Soldaten und aus sonstigen Beobachtungen. Der erste Journalist, der eine Armee begleitete und in Fühlung mit den leitenden Persönlichkeiten blieb, war Charles Lcivis öjnincisfn, der Vertreter der„Morning Post" während des Karlistcn-KriegcS in Spanien 1837. Die Sitte, eigene Korrespondenten am Kriegsschau- platze zu haben, gewann erst um die Milte des 10. Jahrhunderls feit dem Krimkriege größere Verbreitung, und zwar war der frühste -Korrespondent, dessen Namen einen Weltruf erlangte, William Howard Ruffel, der die„Times" über die Ereignisse in der Krim unterrichtete. Ihm war zwar gestattet, was seine Kollegen von heute nicht mehr dürfen, zu berichten und mitzuteilen, waserwollie, aberdamansichüberhauptum ihn nicht kümmerte, wurde es ihm nur unter großen Entbehrungen möglich, sich und sein Pferd durchzubringcn. Seine ergebenen Vor- stellungen im Hauptquartier, ihn doch nicht verhungern zu loffen, nahm man halb ärgerlich, halb belustigt auf und erllärte, daß man für ihn nicht sorgen könne. Und so ritt er denn als eine ziemlich unglückliche und traurige Gestalt über die Schlachtfelder hin, auf seinem dürren, knickebciuigen Klepper hockend, mit allerlei seltsamen Kleidungsstücken ausstasfiert. auf dem Kopf dir Mütze eines Fourage- offiziers mit breitem goldenen Band, in einem grünen Jägcrjäckchen, beschmutzten Holen und ungeheuren Stiefeln, ein Quell staunenden Gelächters für die Soldaten, die den Zeitungsmann in dichtem Kugel- regen sahen, wie er mit unerschütterlicher Rübe Bemerkungen in sein Notizbuch schrieb. Ein größerer Gegensatz zu diesem einfgchc» und unansehnlichen Manu läßt sich gar nicht denken als der prunkvolle Aufzug, in dem Archibald F o r b e s von den„Daily News" einberzog, und die be- deutungsvolle Stelle, die er einnahm. Fordes war der erste Bericht- erstatter, der den Telegraphen für seine Zwecke ausnutzte. Er gab nicht mehr nur karge Nachrichten über die militärischen Opc- ralionen und die Einzelheiten des kriegerischen Borganges, sondern er entwarf flammende, farbenprächtige und stimmungsvolle Gemälde. Er vereinigte in sich die verschiedenartigen Gaben, die erst den Meister der Kriegsberichterstatlung machen, strategischen Blick, diplomatischen Sinn und große schriftstellerische Begabung. So gut wie jeder Soldat setzte er sein Leben aufs Spiel.„Seit die weittragenden Gewehre erfunden worden find," schreibt er einmal,„ist cS nicht mehr genug, wenn man von feni einer Schlacht zusieht. Hente, wo die Kanonen ein Gelände von drei englischen Meilen bestreichen und jede Flinte auf große Strecken ohne Gnade und Erbarmen tötet, da niuß der Kriegs- korrespondent jederzeit seine Haut zu Markte tragen." Einen Beweis seiner zähen Ausdauer gab Fordes im serbischen Kriege 1876. 120 englische Meilen raste er im schnellsten Galopp, alle 16 Meilen das Pferd wechselnd, bis zum nächsten Telegraphen« amt, schrieb dann viele Stunden lang den Bericht über die Schlacht, übermittelte ihn an seine Zeitung und sank in den Kleidern in einen tiefen zwanzigstündigen Schlaf. Bei dieser Meisterlcistung hatte er sechs Stunden im Feuer und Gewühl des Kampfes ge- standen, war 120 Meilen geritten und hatte vier lange Zeitungs» spalten den„Daily News" telegraphiert, alles in 30 Stunden. Ein ähnliches Glanzstück der Berichterstattung führte Hell White, der Vertreter der„New Jork Tribüne", im deutsch-französischen Kriege aus. Er beobachtete die Schlacht bei Sedan vom preußischen Hauptquartier ans am Donnerstag, dem 1. September, und wollte nach dem Ende der Kämpfe die Niederlage der Franzosen noch London berichten. Doch das französische Telegraphenbureau weigerte sich, diese Botschaft weiter zu bestellen, ja wollte ihn sogar verhaften lasten, weil er solche Dinge zu verbreiten wage. White fuhr nun eiligst nach Calais, setzte aus einem eigenen Dampfer nach Dover über, eilte mit einem Exlrazug nach London, wo er am Sonnabend 6 Uhr morgens ankam, Sonntag früh stand sein Bericht, sechs Seiten lang, in der„Tribüne", während die Londoner Zeitungen erst Dienstag Nachrichten bringen konnten. Ein schlimmer Feind ist seil dieser Zeit den Kriegskorrcspondenten in der Zensur erstanden. Lord Woiseley war es, der zuerst die Stellung der Korrespondenten im Stabe eines Heeres genau festlegte und gegen die Beeinfluffung der öffentlichen Meinung durch sie das Schreckgespenst strenger Verbote aufrichtete. Er ließ im ägyptischen Feldzug überhaupt keine Kriegsberichte mehr zu. so daß ein armer Korrespondent sich damit helfen mußte, seinen Lesern eine Naturschilderung von dem Funkeln und Glänzen der Sterne in der weiten Wüskeimacht zu entwerfen. Das war dem Herausgeber der Zeitung nicht recht und er telegraphierte kate- gorisch, er wolle keine Stemgnckereien, sondern Neuigkeiten. Woiseley jedoch erwiderte auf die Klagen des Berichterstatters:„Ihr Heraus- gebcr ist sehr unverständig. Gibt es etwas Sichereres und Fest- stehenderes als die Sterne?" So müssen sich denn jetzt die Karre« spondenten sehr häufig, wie z B. im jüngsten itaiicnisch-türkischen Kriege, mit phantasievollcn Beschreibungen begnügen, denn es geht ihnen oft, wie jenem Berichterstatter der„Times", der im japanisch- russischen Kriege den General Fukushima fragte:„Von wo auS werden Sie Ihre Truppen auf Liautung landen, von Osten, Westen, Süden oder Norden her?" Und die Antwort erhielt:„Vom Himmel her, aus den Wolken." kleines feuiUeton. „Das Volk wirds vergolden." Der Arzt Lazar Lazarevie, der bedeutendste Erzähler der ganzen serbischen Literatur, schildert in einer ergreifenden Skizze das Elend der serbischen Kriegsinvaliden.