Anterhaltungsblatt des Nr. 207. Donnerstag den 24. Oktober 1912 lNachdru» verdolen.l 46Z Pelle cler Eroberer. Von M. AndersenNexo. Uebersetzt von Mathilde Mann. „Wenn das �Geschäft aufhört, dann ist es mit der Familie ausl' sagte er und verkaufte das Ganze. Er war damals bereits mehrere Jahre Witwer ge- Wesen und hatte niemand außer mir: aber während der fünf Jahre, die er noch nach Abgabe des Geschäfts lebte, verkehrten wir nicht miteinander. Er haßte mich, weil ich die Firma nicht übernommen hatte, aber was sollte ich damit? Ich besaß ja nicht die Eigenschaften, mit denen man heutzutage ein Geschäft betreiben kann, und hätte das Ganze nur zu- gründe gerichtet. Von meinem dreizehnten Jahr an habe ich meine Zeit zwischen Bücherborten verbracht und Leben und Taten anderer registriert: erst jetzt habe ich mich in den Tag hinausgefunden und schicke mich an, mein eigenes Leben zu leben, und nun ist es bald vorbei!" „Erst jetzt wird das Leben des Lebens wert werden, folglich sind Sie zur rechten Zeit gekommen," sagte Pelle. „Nein, Pelle, ich stehe ja nicht im Anfange!" sagte Brun mißmutig.„Ich habe die Jugend getroffen und mein Sinn neigt sich ihr zu: aber es ist wie Abend und Morgen, die sich während der hellen Nächte in derselben Röte begegnen. Ich habe meinen Anteil an dem Neuen nur bekommen, weil sich das Alte davor beugen soll, so daß der Ring geschlossen werden kann. Du gehst hinein, wo ich hinausgehe." „Es muß ein trübseliges Dasein gewesen sein, so zwischen allen den Büchern und Büchern herumzugehen, ohne einen Menschen, der einen lieb hatte!" konnte Ellen sagen.„Warum haben Sie sich denn auch nicht verheiratet? So schrecklich sind wir Frauen doch nicht, daß da nicht eine gewesen sein sollte, die Sie lieb gehabt hätte." „Nein, man sollte das nicht glauben, aber wahr ist es trotzdem," erwiderte Brun mit einem Lächeln.„Die Ab- neigung war übrigens gegenseitig. Das ist so etwas immer. Es war wohl nicht beabsichtigt, daß ich alter Kerl noch Kinder in die Welt setzen sollte! Aber ergötzlich ist es nicht, das letzte Ende von irgendetwas zu sein!" Ellen lachte:„Ja, aber Sie sind doch nicht immer alt gewesen!" „Ja, das bin ich eigentlich auch, ich bin alt geboren. Erst jetzt fühle ich mich jung! Und wer weiß." rief er in einem Anfall von Galgenhumor,„vielleicht spiele ich der Vorsehung noch einen Streich, und komme eines schönen Tages mit einer kleinen Frau am Arm anspaziert!" „Brun liegt da und fängt Grillen," sagte Pelle, als sie hinabgingen, um sich schlafen zu legen.„Aber das gibt sich ivohl, wenn er erst wieder aufstehen kann." „Ach, er hat es auch nicht gerade zum Totlachen gehabt, der Aermste," entgegnete Ellen und lehnte sich an ihn.„Es ist unrecht, daß es Menschen gibt, die keinen Anteil bekommen an all dem Lieben, was es gibt, das ist ebenso unrecht wie das, wogegen Du arbeitest, finde ich!" „Ja, aber das können wir nicht' einrichten!" rief Pelle lachend. 2l. Im Garten schwand der Schnee von Tag zu Tage. Zu- erst zog er sich vom Hause fort und machte einen ganzen kleinen Wald von Schneeglöckchen und Krokus Platz: die Hyazinthen auf dem Rasen brachen die Erde beiseite, sie stiegen daraus hervor, wie eine Reihe Knöchel, die erst hübsch anklopften. Die Kinder waren jeden Augenblick da. um die Fort- schritte zu verfolgen, sie begriffen die feinen Krokus nicht, die gerade aus der gefrorenen Erde hervorschossen, ohne totzu- frieren, aber starben, wenn die Wärme kam. Jeden Tag vackten sie Schneeglöckchen in Papier und legten sie auf Bruns Tisch, das waren Neck-Briefe.*) Dann gingen sie in unge- •) Diese bei Kindern im Vorfrühling üblichen Briefe tragen keine Unterschrift; der Empfänger muß erraten, wer sie gc- schrieben hat. heurer Spannung umher, und wenn er vom Felde hereinkam, begegneten sie ihm mit einer geheimnisvollen Miene und waren sehr erpicht, ihn nach oben hinaufzulocken. Draußen auf dem Felde waren sie fast fertig mit den Ausgrabungen und warteten nur darauf, daß das Winter- Wasser sinken sollte, so daß man Kies und Steine fahren und mit den Maurerarbeiten beginnen konnte. Noch konnten die Felder nicht tragen. Es war nicht mehr so viel Eifer in dem alten Brun jetzt, nach seinem Krankenlager: obgleich ihm eigentlich nichts recht fehlte, hatte das Bett ihn doch angegriffen. Er ließ Pelle mit dem Betrieb schalten und walten, wie er selbst wollte, und sagte Ja und Amen zu allem, was er vorschlug.„Ich kann das Ganze nicht in meinem Kopf zusammenhalten," pflegte er zu sagen, wenn Pelle kam und ihm irgend eine Erweiterung vorschlug,„mach Du es aber, wie Du meinst, mein Sohn, dann wird es sicher richtig!" Es geschah nicht genug Hand- greifliches da unten, um seinen Sinn warm zu halten, und er war doch zu alt, um es wachsen zu hören und Kraft daraus zu schöpfen. Aber dann ging sein Glaube nur von der Sache selbst auf Pelle über, ihn sah er lebend vor sich und konnte sich auf seine jungen Kräfte stützen. Tie Arbeit mit den Plänen hatte er beiseite gelegt. Es überstieg seine Kräfte und er begnügte sich damit, ein paarmal täglich seine Runde auf dem Felde zu machen und sich nach den Arbeiten umzusehen. Die heftig aufflammende Energie, die Pcllcs Jugend bei ihm ins Leben gerufen, hatte sich ver- flüchtigt, zurück blieb ein rührender Greis, der fein ganzes Leben lang Kälte empfunden hatte und sich nun in einigen späten Abendstrahlen sonnte. Er maß sich nicht mehr mit Pelle und wurde nicht mehr eifersüchtig auf einen Vorsprung, sondern bewunderte ihn ganz einfach und fügte sich eng dem Kreise ein, deren Vorsehung Pelle war. Ellen behandelte ihn wie ein großes Kind, das vieler Fürsorge bedurfte, und die Kinder faßten ihn selbstredend als ihresgleichen auf. Wenn er seinen Spaziergang über das Feld machte, hatte er in der Regel Svend Trost an der Hand: die beiden konnten sowohl Schritt mit einander halten, wie sich auch unterhalten. Da war etwas, was sie stark beschäftigte und ihre Gemüter in Spannung hielt: täglich wurde der Storch auf dem Hügelhof erwartet, und dann sollte er ein Kindlein für Mutter Ellen mitbringen. Es war keineswegs ein bloßes Vergnügen, darauf zu warten. Der Storch biß immer die Frau des Sauses ins Bein, wenn er mit einem Kind zu ihr kam: Svend Trosts eigene Mutter hatte er gebissen, so daß sie davon starb: ja, jetzt war er so klug. Der kleine Bursche war Ellens Junge und ging in einer ernsthaften, fast gedrückten Stimmung um- .her. Er sprach mit den anderen Geschwistern nicht über feine Sorge, um nicht ausgelacht zu werden, aber wenn der Alte und er zusammen auf das Feld gingen, beredeten sie die Sache, und Brun, als der Aeltere und Vernünftigere, gelangte zu dem Ergebnis, daß keine Gefahr vorlag. Trotzdem hielten sie sich immer in der Nähe des Hauses, um zur Hand zu sein. Eines Tages blieb Pelle von der Arbeit heim, und Ellen stand nicht auf wie sonst..Ich liege bier und warte auf den Storch," sagte sie zu Svend Trost,„geh Du hinaus und paß ihn auf." Und dann ging der kleine mit einer Gerte rund um das Haus herum. Brun trabte mit ihm herum, und wenn sie Ellen schreien hörten, preßten sie einander die Hand. Es war ein so verworrener Tag, daß es unmöglich war, irgend- etwas im Gange zu halten: bald rollte ein Wagen mit einer dicken Frau vor die Tür. bald sprang Lasse Frcdrik auf fein Rad und jagte den Feldweg hinab, auf den Pedalen stehend. Ehe Svend Trost es sich versah, war der Storch dagewesen, und Ellen lag mit einem kleinen Jungen im Arm im Bett. Er und Brun waren zusammen dadrinncn, um Mutter Ellen zu gratulieren, und sie waren beide gleich erstaunt. Der Alte bat um Erlaubnis, die Wange des Kleinen nur eben berühren zu dürfen. „Er ist noch so häßlich," sagte Ellen mit einem ver- schämten Lächeln und hob den Zipfel, der den Kopf des Kindes bedeckte, ein klein wenig in die Höhe. Und dann sollte sie Ruhe haben, und Brun nahm Svend Trost mit nach oben. Pelle saß. auf dem Rande des Bettes und hielt Ellens Hand, die in einigen wenigen Stunden weiß und dünn ge- Worden war.„Jetzt müssen wir zu Königin Therese schicken," sagte sie. „Sollen wir nicht auch zu Deiner Mutter schicken?" fragte Pelle, der oft den Vorschlag gemacht hatte, daß sie die Sache übers Knie brechen und die Alten aufsuchen wollten. Es war ihm zuwider, sich mit altem Groll herumzutragen. Ellen schiittelte den Kops.„Sie müssen von selbst kommen," sagte sie bestimmt. Wie nian sich gegen, sie selbst benahm, war ihr einerlei, aber sie hatten die Päse über Pelle gerümpft; da war es nicht mehr als billig, daß sie kamen und das wieder gut machten. „Aber ich habe hingeschickt," sagte Pelle,„das war es, weswegen Lasse Fredrik fortradelte. Tu sollst nicht ohne Mutters Hilfe im Kindbett liegen." Schon nach ein paar Stunden war Frau Stolpe da. Sie war sehr bewegt; um das zu verbergen, fing sie an, das ganze Haus nach reinen Lappen und Binden zu durchsuchen und auf den Kopf zu stellen, während sie herumging und vor sich hin- schalt. Das war auch die rechte Zeit zu einem zu schicken, wenn das Ganze bereits überstanden war. (Fortsetzung folgt.) 81• Das JVIcer. Von G u st a s 3 a 11 f o it. „Zum Teufel auch, wie steuert er denn?" wandle sich Joel an seinen Begleiter, denn das Boot hatte eine unnötige Schwenkung gemacht, und anstatt an der Seite des Schoners beizulegen, drohte es zurückzubleiben. Es ärgerbe ihn, daß die Besahung, deren Silhuetten sich über dem Reling abhoben, einen Lotsen so schlecht steuern sah. „Aufgepaßt!" klang es wiederum, und Joel ahnte mehr als er sah, wie sich die Trosse durch die Luft ringelte. Unmittelbar darauf hörte er, wie das Tau über die Reling schlug und griff zu. In- dem er das Boot au die Seite des Fahrzeuges zog, murmelte er, aufgebracht über Eidermans Ungeschicklichkeit: „Er beschimpft uns alle mit seinem Manöver, er steuert ja wie ein blindes Weib. Sollen wir noch mal zusammen hinaus, so fitze ich am Steuer." „Schloatz' nicht, Bube, sagte Eidcrman in fast feierlichem Ton, „bald haben wir beide an anderes zu denken." „Ja, ja, spute er sich nur, daß wir bald heimkommen," ent- gcgnete Joel ungeduldig. Er war überzeugt, daß der andere ge- trunken hatte und wollte es so gut als möglich vor dem Schiffsvolk verbergen.„Dort ist das Fallreep," fügte er mürrisch hinzu. Endlich lag das Boot an der Seite des Sckioncrs, und indem Joel das Tauende etwas nachließ, brachte er das Boot zum Fallreep. Eiderman griff erst nach der untersten Sprosse und setzte dann den Fuß darauf. „Kümmre Dich um Dich selbst, Bube!" sagte er, und wiederum fiel Joel der feierliche Ton der Rede auf. „Nur vorwärts!" entgegnete er verdrießlich. Eiderman wurde an Bord geholfen, worauf er nach dem Achter ging. Joel war im Begriff mit der Leine die Fallreeptreppe hinaufzuklimmen, als er zu seinem Erstaunen bemerkte, daß das eine Ende in seiner Hand lose hing und über die Reling glitt. Er machte eine unüberlegte Bewegung, um das Fallreep zu fassen, verfehlte es aber und stieß unfreiwillig das Boot vom Schiffe ab. Aergerlich über seine Ungeschicklichkeit rief er: „Ohoj dort! Werft ein neues Ende!" „Zum Kuckuck, was gibt's?" fragte eine ungeduldige Stimme. „Das Ende ist los," entgegnete Joel. Gleichzeitig merkte er, daß das Boot bereits ein paar Faden vom Fahrzeug fortgetrieben war und befürchtete, daß man ihn nicht mehr mit einem neuen Wurf erreichen würde. „Steuere hier her!" rief dieselbe Stimme. Joel merkte, daß die Leute auf dem Schiff Zeit verloren, indem sie untersuchten, ob es sich so verhielt, wie er gesagt hatte. Als sie endlich ein anderes Tau herbeigeschafft hatten, tvar der Abstand zu groß. Er hätte Eiderman zurufen können, das Schiff zu wenden und ihn zu erwarten, aber das verbot ihm sein Stolz. Indessen trieb sein Boot weiter hinaus, und die beiden Segler entfernten sich voneinander, und Joel sah ein, daß Grübeln ver- gcblich sei, daß er handeln müsse. „Ich werde wohl allein heimsegeln," dachte er, als Eidermans Stimme durch die Nacht drang: „Ich soll doch wohl Anna grüßen!" Plötzlich begriff Joel, daß ihm Gefahr drohe, obwohl ihm seine Lage noch nicht klar war. Vielleicht wäre es am besten, umzuwenden und dem Schiff nachzusegeln, dachte er, und damit erwachte der Wetteifer in ihm und er suchte eiligst das Achter auf. Das Steuer fehlte. Er fühlte, wie es ihn kalt durchrieselte. Jm'näckistcn Augen- tlick lehnte er sich über die Reling und tappte im Tuntel nach dem Ruder. Als er sich aufrichtet« war fein Antlitz wie versteinert. Eine Ahnung hatte ihm bereits gesagt, daß auch das Ruder fort sei. Zwei, höchstens drei Minuten waren verstrichen, seitdem er vom Fahrzeug forttrieb, und der Abstand war bereits so groß, daß man ihn unmöglich von dort hören konnte. Dennoch stieß er einen Ruf aus und lauschte eine Weile auf Antwort. Sie blieb aus. nur ein schwaches Klirren des Treibeises weiter draußen auf der See ließ sich vernehmen. Joel biß die Zähne zusammen und blickte trotzig nach der Richtung, in der er das Schiff vermutete. Die Seeleute nahmen natürlich an, daß er auf eigene Hand heimsegeln würde, zumal bei diesem Wetter. Der Wind hatte sich für eine Weile gelegt, als er aber den Zeigefinger netzte und ihn in die Luft hielt, wurde er auf der rechten Seite eiskalt. „So," murmelte Joel, es fängt wieder zu wehen an. Bisher hatte er noch nicht das Gefährliche seiner Lage eingesehen, als aber ein eisiger Hauch über sein Antlitz strich, wurde es ihm plötzlich klar, daß Gefahr drohte. Die Angst schnürte ihm mit eiserner Hand die Kehle zu, und es bedurfte einer kräftigen Anstrengung seinerseits, Luft zu bekommen. Er war auf der Ruderbank zusammengesunken, woselbst er eine Weile ratlos und bestürzt verharrte. Tann raffte er sich auf und suchte nach den Rudern, auch die fehlten. Er war weder verwundert noch niedergeschlagen, sondern dachte nur daran, wie geschickt Eiderman das angefangen hatte. „Ich soll doch wohl Anna grüßen," meinte er den andern rufen zu hören, und lachte bitter, indem er im Boot von neuem umher- suchte. Es galt eine Planke zufinden, um sie als Steuer zu ver- wenden. Obwohl er wußte, daß nichts derartiges im Boot vor- handen war, suchte er dennoch. Dann fiel ihm ein, eine Bank los- zubrechen. Mit vieler Mühe glückte es ihm, und er hielt das Brett in der Hand und lachte siegesgewitz. Er wickelte das Scgeltau um die Hand, nahm Platz im Achter und es gelang ihm wirklich, das Boot zu wenden. Aber bald fühlte«e die Finger erstarren, es stach und brannte in der Haut und die Arme erlahmten ihm. Nur mit Auf- gebot seiner ganzen Willenskraft vermochte er das Brett im Wasser zu halten. Es brodelte leise im Hintersteven und das Boot schoß dahin. Eine Weile freute er sich dessen, als ihn plötzlich die Frage, wohin er eigentlich steuere, mit Grauen packte. Tiefe und undurchdringliche Finsternis lagerte um ihn her. Mit brennenden Augen strengte er sich an, den Schein des Leuchturmes bei der Lotsenstation oder die Laternen des Schiffes zu entdecken, aber nichts war zu entdecken. Er fühlte, daß er nicht imstande sei, das Brett länger zu halten, auch war es nur von Nutzen, solange er mit dem Wind segelte. Uebrigens bildete er sich ein, daß der sich gedreht hatte. Als sie hinaussegclten, war er westlich gewesen, jetzt schien er direkt von Norden zu kommen. Da dies zu entscheiden ihm unmöglich war, gab er den Gedanken daran auf, der ihn nur unsicher machte. Er drehte sachte am Brett, das ihm als Steuerruder diente, und segelte mit dem Winde, obwohl er damit der Hoffnung ent- sagte, heimzukommen— ivenigstens nicht so bald— fügte er in Gedanken hinzu, um sich Mut zu machen. Er wußte, daß die Angst. die hinter allem, was er tat und dachte, lauerte, um jeden Preis im Abstand gehalten werden mußte. „Ich soll doch wohl Anna grüßen," sagte er laut. Ja. ja, Eider- man war viel halsstarriger, als er geglaubt hatte. Jetzt ward ihm auch klar, was der im Hintersteven vorhatte— aber was nützte es, über Ursachen und Wirkungen nachzugrübeln, seine Lage änderte sich deshalb nicht. Es. war"seine eigene Schuld, daß er nicht beim Hinaussegeln aufgepaßt und später seinen einfältigen Stolz über- wunden und gerufen hatte, als das Boot forttrieb. Natürlich ahnte er damals nicht, daß Eiderman die Ruder ins Meer geworfen und das Steuer gelöst hatte. Aber zwischen ihnen herrschte ja Feindschaft, und er hätte daran denken sollen, daß der, der nicht aufpaßte, die Folgen tragen müfse. Da draußen am Mecresrande nahmen sie es nicht so genau mit den Mitteln, und vielleicht hätte er an Eidermans Statt ähnlich gehandelt. Wer nicht stark ist, muß zur List greifen. „Hätte ich Dich hier, Eiderman, müßte einer von uns hinab ... in die See... und dort bbe'ben. Du oder ich..." sagte er laut mit finsterer Stirn und harter Stimme. Joel fühlte die Kälte zunehmen, sie schlich unter seinen Rockkragen am Nacken und saugte sich den Rücken hinab. Seine Arme schmerz- tew von der gezwungenen Haltung und die Füße waren eisckalt. „Das Los traf mich," entgegnete er fest auf eine unausgc- sprochene Frage. Was würden sie wohl auf der Lotsenstation sagen, wenn er nicht zurückkehrte. Eidcrman wüßte schon, alles zu erklären und die Besatzung würde ihm beipflichten. Joel lächelte trübselig bei dem Gedanken, daß seine frühere Geringschätzung des Kameraden sich sast in Bewunderung verwandelt hatte. Daß dieser wieder- zuschlagen wagte, hob ihn in Joels Augen, und daß er solange ge- schwiegen hatte, um schließlich zu einem solchen Schlag auszuholen, flößte ihm Respekt ein. Joel nickte dazu, merkte aber gleichzeitig, daß sein Kragen steif von Eis war. „Das Los traf mich," murmelte er abermals. Indessen hatte sich der Wind von neum�crhobeii und das Boot auf die Seite ge- legt. Die See, die sich bis dahin ruhig verhalten hatte, begann un- ruhig zu werden und brach sich hämmernd und schäunicnd am Steven, und je höher die Wogen gingen, je unruhiger wurde das Boot. Es schien Joel, als leere sich langsam sein Gelürn. Er fühlte sich weder schläfrig noch müde, aber /seine Glieder waren steif und schmerzten, sobald er sich rührte. Wie lange er so nmhcrgetrieben hatte, ein Spiel der Wellen und Winde, wußte er nicht, frug auch nicht danach. Eine merkwürdige Stumpfheit überfiel ihn. Eine Weile vergaß er das Gefährliche seiner Lage, um gleich darauf desto klarer einzusehen, daß er seinem Untergang entgegensteuere. Dann vermochte er nicht die Todesgedanken zu bannen. ..Ja," murmelte er,„einsam, hilflos auf offener See."— Gleich darauf machte sich seine Wikingernatur geltend. Er liebte das Meer. Er befestigte die Segelleine am Knopf und fühlte sich erleichtert, sie nicht mehr halten zu müssen. Kani nun ein ordent- licher Windstoß und warf das Boot um... Er dachte daran, wie es sein würde, dem zuvorzukommen und sich gleich über Bord zu werfen... Als er jedoch die Füße rühren wollte, waren sie steif. Da verfiel er abermals in Stumpfsinn und vergaß, wo er sich befand. Ter Wind hatte sich ein wenig gelegt, aber das Boot glitt be- ständig weiter. Joel glaubte geschlafen zu haben, obwohl er wußte, daß es nicht der Fall war. Die Nacht war pechschwarz. Er kam aus der Finsternis und fuhr in die Finsternis, nichts war zu unter- scheiden. Ob die Fahrt nach Süden oder Osten ging, ahnte er nicht, auch fragte er nicht danach. Er dachte einen Augenblick daran, was die Leute sagen würden, wenn das Boot mit einer Leiche irgendwo an einen Strand triebe, aber... weshalb aber? Seine Ge- danken kamen langsam und ohne Zusammenhang, wenn sie nicht mitten drin abrissen. Die Kälte war es wohl, die ihn hinderte, ordentlich zu denken. Sie stach ihm in die Haut, biß sich darin fest, drang durch die Muskeln und fraß sich durch die Knochen ins Mark hinein. LFortsetzung folgt.I fleilcb und 6rnäbrung. Es gibt ein Ernährungsproblem, das immer wieder aufs Tapet kommt, sobald das Fleisch wieder einmal teurer geworden ist: dieses Problem ist der Vegetarismus. Und da spielt gerade e i n Argument stets eine große Rolle, dem der Vegetarier nur schwer bcikommen kann: dieses schwerwiegende Argument gegen die Vege- tarier ist die verhältnismäßig geringe Länge des menschlichen Ver- dauungsohrs, die darauf hinweist, daß der Mensch sich nicht aus- schließlich von Pflanzen ernähren kann. Da wollen wir nun heute sehen, wie es um diese Dinge steht.... Wer einmal in der Küche zugeschaut hat, weiß, daß die Ge- därme in der Leibeshöhle in vielen Windungen liegen wie ein auf- . geknäulter langer Schlauch. Es ist eben die Länge des Darm- schlauches viel größer als die Körperlänge der Tiere und, um Platz in der Lcibeshöhle zu finden, muh der Darmschlauch aufgeknäult werden. Der Tarmschlauch des Menschen ist siebenmal so lang als der Körper des Menschen vom Nacken bis zum After gerechnet. Beim Hund und bei der Katze ist der Tarmschlauch fünf- und viermal so lang wie der Körper. Dagegen beträgt die Länge des Tarmschlauches beim Pferde und beim Schaf das Zwölf- bis Sechs- undzwanzigfache der Körperlänge. Nun wissen wir, daß die Ernährungsweise dieser Tiere ganz verschieden ist. Hund und Katze sind vornehmlich Fleischfresser. Pferd und Schaf sind Pflanzenfresser. Und in der Mitte zwischen den Fleisch- und Pflanzenfressern steht der Mensch, der sich von Pflanzen und Fleisch zugleich ernährt. Da liegt es nahe, zu ver- muten, daß die Länge des Darmschlauches mit der Art der Er- nährung im Zusammenhange steht: die Pflanzenfresser, wie Pferd und Schaf, brauchen einen längeren Darm, weil die pflanzliche Nahrung schwerer verdaulich ist als Fleisch, zu dessen Verdauung ein kürzerer Darm genügt, wie ihn Hund und Katze besitzen, und der Mensch, der in bezug auf die Art seiner Ernährung in der Mitte zwischen Pflanzenfressern und Fleischfressern steht, braucht einen Darmschlauch, der etwas länger sein muß als der eines bloßen Fleischfressers und kürzer als der eines bloßen Pflanzen- fressers. Ist nun dieser naheliegende Schluß richtig? Gibt pflanzliche Nahrung wirklich mehr zu schaffen, wenn sie verdaut werden soll, als Fleisch, so daß es zu ihrer Verdauung eines längeren Darmes bedarf? Das ist tatsächlich so. Das hat der russische Physiologe Pawlow gezeigt, der durch seine und seiner Schüler Untersuchungen im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte die ganze Verdauungslehre revolutioniert hat. Pawlow hat es durch eine fein ausgedachte Methodik erreicht, daß er die Arbeit des Magens(und ebenso der anderen Darmteile) genau feststellen konnte. Pawlow fand nun, daß bei der Verdauung von Brot, das ein pflanzliches Nahrungsmittel ist, fünfmal so viel verdauende Stoffe(„Fermente") vom Magen geliefert werden wie bei der Verdauung von Fleisch. Schon diese Tatsache allein zeigt uns mit größter Sicherheit, daß die Verdauung von pflanzlichen Nahrungsmitteln die Anlage eines größeren Veüauungsapparates erfordert, wie wir ihn in dem längeren Darm der Pflanzenfresser haben. Denn es ist doch klar, daß, je mehr verdauende Stoffe der Darmschlauch zu liefern hat, desto größer die Fläche des Darmes sein muß: die verdauenden Stoffe oder die Verdauungssäfte werden ja von den in den Man- düngen des Darmes gelegenen Trüsenzellen ausgeschieden, und je mehr Saft ausgeschieden werden soll, desto größer muß die Anzahl der Trüsenzellen und damit die Darmfläche sei». Diese Vergrötze- rung der Darmfläche wird nun durch die größere Länge des Darm- schlauches beim Pflanzenfresser erreicht. Von größtem Interesse in der hier behandelten Frage sind die Untersuchungen, die vor etwa acht Jahren ein böhmisch-österreichi- scher Forscher, B a b ä k, angestellt hat. Babsk stellte sich die Frage, ob es wohl gelänge, durch verschiedene Ernährung von jungen Kaulquappen Tiere mit verschieden langem Darme aufzuziehen. Er fütterte eine Reihe von Kaulquappen mehrere Monate hindurch niit Fleisch, die andere Reihe mit allerlei pflanzlicher Nahrung. Als er dann die Tierchen tötete und die Länge ihres Darmes maß, fand er, daß der Tarmschlauch der mit Fleisch aufgezogenen Kaul» quappen im Mittel 4,4 mal so lang wer wie der Körper der Tiere, während der Darmschlauch der mit pflanzlicher Nahrung auf- gezogenen Tiere eine Länge hatte, die im Mittel siebenmal so groß war wie die Äörpcrlänge der Tiere. Wir sehen, wie ganz gewaltig die Längenentwickelung des Darmes von der Art der Nahrung ab- hängig ist. Beim wachsenden Tiere, das in seiner EntWickelung auch den äußeren Einflüssen folgt und von ihnen bestimmt wird, ruft die vermehrte Tätigkeit des Tarmschlauches, wie sie bei rein pflanzlicher Nahrung notwendig wird, eine stärkere Entwickclung des Tarmschlauches hervor; dieser wird länger, wie ein häufig ge- übter Muskel dicker wird. Natürlich lassen sich solche Versuche, durch die Art der Nahrung die Tarmlänge bei wachsenden Tieren zu beeinflussen, nicht bei allen Tieren durchführen. Für solche Versuche eignen sich eben namentlich Frösche und ihnen Verwandte. Da kommt mir nun ein Vegetarier mit einem neuen Arzu- mcnt: es gibt Menschen, die allein von pflanzlicher Nahrung leben. Allerdings." Und nicht nur vereinzelte Leute, die als Ausnahme zu gelten haben, sondern ganze Volksgruppen, namentlich ein gut Teil der ländlichen Bevölkerung. Und auch der Arbeiter in der Stadt ist nur zu oft in der Woche Vegetarier, bis er am Sonntag seinen mageren Braten auf den Tisch bekommt. Aber daß die Leute allein von pflanzlicher Nahrung leben, ist noch kein Beweis, daß es so recht geschieht. Da müssen wir uns erst überzeugen, ob sie bei dieser Ernährung auch gut gedeihen und ob sie mit dieser Nahrung so recht zufrieden sind. Das ist nun keineswegs der Fall. Daß der Gesundheitszustand und speziell der Ernährungszustand der ärmeren Bevölkerung in der Stadt schlecht ist, das weiß jedermann. Und die roten Backen auf dem Lande hat auch nicht der Knecht oder der um seine Existenz schwer ringende Kleinbauer, sondern der reiche Großbauer, der für guten Schweine- braten Sinn und Geld übrig hat. Vor drei Jahren faßten zwei italienische Gelehrte Alb er- toni und Rossi den Entschluß, diese Verhältnisse wissenschaftlich zu untersuchen. Sie stellten sich die Frage, ob die Ernährung besser würde, wenn Leute, die sonst allein von pflanzlicher Nahrung leben, noch etwas Fleisch hinzubekämen. Es war eine Frage, direkt aus dem Leben herausgegriffen. Albertoni und Rossi wählten für ihre Ernährungsversuche Leute aus einer ländlichen Bevölkerung, die seit alten Zeiten ausschließlich von pflanzlicher Nahrung lebt. Eine solche Bevölkerung, die in erbärmlichen ökonomischen Verhält- nissen lebt, findet sich im Süden Italiens, in den Abruzzen. Ihre Nahrung besteht aus Maismehl, Gemüse, Olivenöl. Sie genießen keine Milch, Käse oder Eier. Fleisch kommt bei dieser Bevölkerung nur drei- bis viermal jährlich auf den Tisch. Albertoni und Rossi richteten bei ihren Untersuchungen ihr Augenmerk auf das Ei- weiß, das, wie allgemein bekannt, nicht nur einen wichtigen, sondern einen unbedingt notwendigen Nahrungsstoff darstellt, da alles Leben unseres Körpers Verbrennung von Eiweiß ist und das verbrannte Eiweiß durch frisches, das mit der Nahrung zugeführt wird, ersetzt werden muß. Sobald dem Körper nicht genug Eiweiß zugeführt wird, hungert er. Eiweiß kann durch einen anderen Nahrungsstoff, wie Stärke oder Fett, nicht ersetzt werden. Das Eiweiß ist in allen Nahrungsmitteln enthalten, in den Pflanzen wie im Fleisch; im Fleisch ist aber verhältnismäßig viel mehr Ei- weiß als in den Pflanzen enthalten. Albertoni und Rossi bestimmten nun während einer längeren Zeit die Eiweißmenge, die in der rein pflanzlichen Nahrung der Leute enthalten war. Da zeigte es sich zunächst, daß die Eiweiß- menge, die die Leute mit ihrer rein pflanzlichen Nahrung zugeführt bekommen, für eine normale Ernährung gar nicht ausreichend ist. So sind für eine normale Ernährung eines erwachsenen Mannes nach der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis täglich e-twa 41b bis 120 Gramm Eiweiß nötig. Die armen Bauern bekamen aber täglich bloß zirka 76 Gramm für die Männer und zirka 56 Gram::, für die Frauen. Die beiden Forscher ermittelten weiterhin auch d� Eiwcißmengen, die mit dem Kote ausgeschieden wurden, um in Erfahrung zu bringen, wieviel von dem genossenen Eiweiß der Nahrung unbenutzt verloren geht.. Diese Eiweißmengen waren bei den Bauern sehr groß: sie betrugen bei den Männern 26 Gramm und bei den Frauen 17 Gramm. Es war damit erwiesen, daß von der rein pflanzlichen Nahrung ein sehr großer Teil unverdaut den Körper wieder verläßt: denn auf diese Weise gingen ja von dem Eiweiß der pflanzlichen Nahrung ein Viertel bis gar ein Drittel des aufgenommenen Eiweißes verloren. Dagegen wissen lin?, daß bei der Verdauung» von Fleisch oder Milch nur 3 bis höchstens 10 Proz.des aufgenommenen Eiweißes unverdaut bleiben und dem Körper nicht zunutze kommen. Mm �aBcn die beiden Forscher den Bauern IS Baze kang eine tägliche Zulage von 200 Gramm Fleisch zu ihrer pflanzlichen Nah- rang. In 200 Gramm Fleisch sind etwa 3S bis 37 Gramm Eiweiß enthalten. So betrug nun die tägliche Zufuhr von Eiweiß ins- gesamt in Form von Pflanzen und Fleisch III Gramm bei den Männern und 93 Gramm bei den Frauen. Wieder wurde die Ei- weihmenge im Kote ermittelt. Und da zeigte sich eine ganz merk- würdige Sache. Die Eiweihmenge, die sich nun im Kote vorfand, war geringer geworden, obgleich die Leute ja nun mehr Eiweiß genossen hatten, als bei rein pflanzlicher Ernährung. Da uns aber die Eiweißmenge im Kote anzeigt, wieviel vom Eiweiß der Nahrung unbenutzt den Korper wieder verläßt, so war damit er- wiesen, daß dank der Zulage von Fleisch nunmehr die pflanzliche Nahrung besser ausgenutzt wurde als früher. So betrug bei der Zulage von 200 Gramm Fleisch zur pflanzlichen Nahrung die Ei- weißuicnge im Kote bloß!1 bis 12 Proz. des mit der Nahrung aufgenommenen Eiweißes gegenüber einem Viertel bis einem Drittel Eiweiß im Kote bei rein pflanzlicher Nahrung. Es war also durch eine Zulage von Fleisch die Ausnutzung der pflanzlichen Nahrung und damit die ganze Ernährung der"Bauern besser gs- worden. Die große Beweiskraft und Bedeutung der Versuche von Albcrtoni und Rvsfi, deren Namen in der Ernährungswissenschaft auch sonst einen guten Klang haben, wird kein Vegetarier ignorieren können. Bon all diesen Dingen, daß das Fleisch die Auönutzuim der pflanzlichen Nahrungsmittel verbessert, davon wissen die meisten Leute nichts. Und nicht nur die Bauern, auch der städtische Arbeiter ist zumeist wohl kaum über die Grundlagen der Ernäbrungswissen- sckiast orientiert. Aber auch ohne diese Kenntnisse bat er das größte verlangen nach Fleisch. Jede Verteuerung des Fleisches ruft die größte Beunruhigung in den weitesten Kreisen der Arbeiterbevölke- rung hervor. Jeden Pfennig, den der Arbeiter im harten Kampf ums Dasein mehr ergattert hat, verwendet er zu dem Zwecke, seinen Konsum von Fleisch zu steigern. Das haben vor zwei Jahren in vollkommen übereinstimmender Weise die Erhebungen gezeigt, die der Metallarbeiterverband einerseits und das Kaiserliche Statistische Amt andererseits über die Einnahmen und Ausgaben der Arbeiter zuwege gebracht haben. Der Arbeiter, die breite Masse des Volkes handelt hier, ohne zuerst den Forscher befragt zu haben. Wie sollen wir uns diese Tatsache erklären? Die Antwort ist hier einfach. Das Fleisch regt unseren Appetit an. Das ist es zunächst, was wir an dem Fleisch schätzen, ohne auch nur die leiseste Ahnung von wissenschaftlichen Untersuchungen über die Bedeutung des Fleisches für die Ernährung zu haben. Der Appetit aber ist von gewaltiger Bedeutung für dw Verdauung und damit für die Ernährung. Appetit haben heißt nicht nur, daß man essen will und nach der Nahrung greift, sondern noch viel mehr: „Appetit ist Saft", Vcrdauungssaft. wie Pawlow, der diese Frage in großzügiger Weise studiert hat, sich ausdrückt. Denke ich an eine schone Speise, so läuft mir das Wasser— der Speichel, der Ver- dauungssäfte enthält— im Munde zusammen. Und nicht nur im Munde— auch im Magen läuft uns das„Waffer" zusammen, sobald unser Appetit durch Speisen angeregt wird. Wenn wir so- mit an die Verdauung der aufgenommenen Nahrung mit Appetit herangehen, so haben wir von vornherein einen Vorrat an Ver- dauuugssäftcn. um die Verarbeitung der Speisen in Angriff zu nehmen. Tie meisten Leute nun, die in kümmerlichen und sorgen- vollen Verhältnissen leben, haben keinen Appetit und verdauen darum schlecht. Das Fleisch, wenn es nicht zu stark versotten ist, regt ihren Appetit an, verschafft ihnen eine gewisse Menge über- schüssigen VerdauungssaftcS, und die Verdauung geht jetzt besser vonstattcn. Der Verdauungssaft, der als Appetitsaft im Magen „zusammengeflossen" ist, kommt auch der Verdauung der pflanz- lichen Nahrungsmittel zugute. So erklären sich die Ergebnisse der Versuche von Albertoni und Rossi an den italienischen Bauern: bei einer Zulage von Fleisch stand den Bauern mehr Verdauungs- fast in ihrem Magen zur Verfügung, und sie konnten nunmehr die pflanzliche Nahrung besser ausnutzen. Dr.?l. L i p s ch ü tz. kleines f ciulleton* Literarisches. Artur SchnitzlerS Theaterstücke in vier Bänden von zusammen 1010 Druckseiten Stärke bilden den Schlußstein der an- läßlich des Dichters S0. Geburtstag.Gesammelten Werke" s Verlag S. Fischer. Berlin), die mmniebr mit den erzählenden Schriften sieben Bände betragen. Das ist die Schaffensernte aus beinahe 25 Jahren, und man wird sagen dürfen, sie sei, wenn auch nicht da° natürliche Maß dichterischer Produktivität überschreitend, desto reicher an literarischen wie materiellen Erfolgen. 22 kleineren Novellen und umfänglicheren Romandichtungen stehen 28 ein- bis fünfaktige Dramen gegenüber. Daß der Dramatiker den, Erzähler vorgearbeitet habe.' wird wohl stimmen, denn jener wurde rascher der Bekanntere. Kein anderer Dichter Oesterreichs ist so ganz der Dichter des Wienertums von beute wie eben Schnitzler: nur er ist Kerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: sein echtester Schilder«. Alle seine Geschichten stehen inmitten dieser Atmospbäre, ohne die diese Gestalten ihrer unnachahmlich durch- wärmren Bodenständigkeit beraubt wären. Es ist wahr: dies Wiener- voll in seiner lässigen Genießensseligkeit ist eine nicht sehr erfreu- liche Erscheinung, aber voller übersättigter pikanter Reize. Und wie in den Erzählungen, so ist's auch in den Theaterstücken. Nur in wenigen von diesen ist der Schauplatz in längstentschwundene Zeiten und außcröstcrreichische Bezirke verlegt..Paracelsus" geht bis aufs Miitelalt«,„Der grüne Kakadu" ans die große französische Revokniion zurück; während„Medardns" allerdings wieder Wien. jedoch im Jahre 1809 der Franzosenherrschaft zeigt. Doch ob Paris« Gesellschaft von 1793 vder Wiener Gesellschaft etwas später. selbst das neuzeitliche Wien— es sind eigentlich immer einander verwandte Farben und Klänge, die der Dicht« sinfonieartig ans- rauschen läßt. Wo es aber auch sei: ob in den Einakterzhklen „Rnatok",„Lebendige Stunden", ob in„Liebelei",„Freiwild", „Zwischenspiel" usw.— die„süßen" Mädeln spielen doch stets die Hauptrolle im Getriebe des donanstädtischen Menschenvolks. Mehr oder weniger stark angesprochen, manche ungleich stärker beim Publikum als bei der Kritik, die nicht jedesmal mit dem Dichter mitging, wohl auch schw«lich ohne Bedenken mitzugehen vennochte, haben die Schnitzlerschen Theaterstücke, denen der Feuilletonismus im Blute steckt, doch fast alle. Ja, weitaus die meisten find frisch und jtmg geblieben, wie sie vor Jahren waren. Das spricht aller- Vings nicht so sehr für die Schnitzler treugebliebene Gnnst der Menge, als fiir den echten Dichter, der ein Seelenkundiger von seltener Art und tiefer, wohl gar kapriziöser Eindringlichkeit ist— trotz einer unleugbaren Einseitig« keit in der Bevorzugung weiberotisch« Motive. Der„Ton", der in den Szenen des„lächelnden Melancholikers" Anatol, in„Liebelei" und„Lebendige Stunden" angeschlagen wurde, wird jedenfalls am konsequentesten vernehmbar in dem Zyklus„Reigen", dem Schnitzler jedoch die Aufnahme in feine gesammelten Werke verwehrt hat. Nie- mals hat der Dichter die Wienerische„Gesellschaft" schärfer auf ihre Sexualmoral untersucht, als in diesen lächelnden satirischen Bildern. Und doch wieder ist es Wien, wie es leibt und lebt, seutimentalisch liebt und leichtblütig liebelt! Zum Schluß noch ein Wort über diese S. Fischersche AuSgab«. Sie macht hinsichtlich ihrer sorgfältigen, dabei ohne jedwede Zier- sexerei im besten Geschmack des heutigen Buches durchgeführten Haltung sowohl dem Verlag als wie dem Dichter alle Ehre. Technisches. GlaS, das nicht splittert. Bon Frankreich kommt, wie die„Umschau" derichtet, eine merkwürdige Erfindung, die berufen zu sein scheint, im Verkehrswesen, besonders bei Automobilen.» Straßen- und Eisenbahnwagen, eine große Rolle zu spielen. Wird eine Fensterscheibe zertrümmert, so zerspringt sie in die bekannten „Tausende von Splittern", die mit ihren scharfen Bruchflächew sehr «fährlich werden können, und oft schwere Verletzungen hervorrufen. Die neue Erfindung beruht nun auf einer neuen Glassorte, die -war nicht unzerbrechlich ist, aber wenn sie gotvaltsam zertrümmert wird, nicht splittert. Genau genomeneu handelt es sich um gang ge- wöhntiches Glas, von dem zwei Scheiben auf ganz besondere Weise vereint sind. Jede Glasscherbe wird zunächst aus einer Seite mit Gelatine überzogen, dann werden sie mit diese» beiden Gelatine- scitei? gegen eine ganz dünne Zclluloidscheibe gelegt und das Gange durch starken Druck ein« hydraulischen Presse zu einer Scheibe zu- sa mme»gepreßt. Auf diese Weise entsteht das neue Glas, das durcki das Auge von gewöhnlichen wicht unterschieden werden kann. Bei der Zertrümmerung durch Hammer und Stemmeisen entstehen an der Bruchstell« Risse, die strahlenförmig nach allen Seiten laufen. umd konzentrische Ringe von Sprüngen, doch zersplittert das Glas nicht. Steniwürfe gegen die Glasscheibe rufen das gleiche Resul- tat hervor. Neuer Tunnel unter der Themse. Im Oktober d. I. soll der Woolwich-Tunuel imter der Themse, der einen neuen Ver- kehrsweg zwischen dem Süden und den, Norden Londons darstellt, eröffnet werden. Bisher diente für diese Verbindung eine Fähre. die ab« so in Anspruch genommen imirde, daß man ihren jährlichen Verkehr aus rund 8 Millionen Personen schätzte. Der neue, rund 500 Meter lange und 4 Meter breite Tunnel ist nur für Fußgänger bestimmt. Mit seinem Bau ist im Septemb« 1910 begonnen worden. Die Baukosten betragen rund 1600 000 M. London wird nach Eröffnung des neuen Tunnels einschließlich der Tunnel für die Eisenbahnen acht Verkehrswege unter dem Waffer besitzen. Hinfür dienen vier für den Verkehr von Wagen mrd Fußgängern. Alle Tunnel liegen im östlichen Stadtteil. Tie größte Kuppel. Für die Ausstellung der Jahrhundert- sei« der deutschen Freiheitskriege in Breslau wird eine Festhalle errichtet, die' eine Kuppel von 05 Meter Spannweite erhält. Damit wird der größte Kuppelbau errichtet, den es gibt. Die Kuppel der Fcsthalle läßt die bisher größten Kuppeln weit hinter sich. Diese sind: Pantheon iir Rom 43.5 Meter Spaimweite. Peterskirche in Rom 42 Meter. Agia Sofia in Konstantin opel 34.5 Meter, Passage- kaushauö in Berlin 30 Meter Spannweite. Die Breslauer Kuppel wird als Rippenkuppel in Eisenbeton ausgeführt, während die alten berühmten Kuppeln natürlich gemauert sind._ vorwartsBuchöruckerei u.Veriagsanstalt Paul SmgerchEo., Berlin äW»