Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 203. Freitag den 25. Oktober. 1912 (RaAbiud«tBottn-J 47] pelle der Gröberen Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Vater Stolpe war sehr hart: er gehörte nicht zu denen, die gleich angesprungen kamen, sobald man nur pfiff I Aber ein paar Abende, nachdem der Kleine zur Welt gekommen war, lief ihn Pelle beinahe um, er schlich in einiger Ent- fernung um das Haus herum. Nun ja, er ging da und wartete auf Mutter, um sie nach Hause zu begleiten, das ging doch wohl niemand etwas an? Er tat sehr abweisend, war aber verhältnismäßig leicht zu bewegen, näher zu treten: und es währte nicht lange, bis es Ellen gelungen war, ihn aufzu- tauen. Sie hatte ihre eigene Art und Weise wie immer. „Ich will Dir nur sagen, Vater, daß nicht i ch zu Dir geschickt habe, sondern Pelle. Und wenn Du ihm nicht die Hand gibst und sagst, daß Du ihm Unrecht getan hast, so werden wir nie wieder gute Freunde!" „Sie ist, weiß Gott, dasselbe hartgesottene Frauen- zimmer, das den Stier bei den Hörnern packt, das sie immer gewesen ist," sagte Stolpe, ohne sie anzusehen.„Na, man kann wohl ebenso gut hineinspringen wie kriechen, und eingc- stehen, daß man sich schwcinemäßig betragen hat. Wollen wir einen Strich durch die Sache machen, Schwiegersohn?" Er reichte Pelle die Hand. Als erst die Versöhnung überstanden war. wurde Stolpe ganz aufgelegt.„Ich hatt' es mir wirklich nicht träumen lasten, daß ich das Mädel fürs erste zu sehen kriegen würd', und am allerwenigsten im Kindbett!" „Sie ist ja immer sein Augapfel gewesen, und Vater hat die Geschichte oft leid getan. Aber er macht sich ja hart," sagte Frau Stolpe. „Unsinn, Mutter!" brummte Stolpe,„Frauenzimmer müssen immer schwatzen?" Die Zeit hatte sie beide mitgenommen. Es war viel Arbeitslosigkeit im Fach gewesen, und Stolpe war jetzt bei Jahren, es wurde ihni schwer, es mit den Jungen auf dem Gerüst aufzunehmen. Man sah es den Kleidern an, daß sie nicht mehr in guten Verhältnissen waren wie in alten Zeiten. Aber Stolpe war noch immer Vorsitzender des Kachvereins und ein angesehener Mann innerhalb der Bewegung. „Und nun, mein Junge," sagte er plötzlich und legte die Hände auf Pelles Schultern,„mußt Du mich ein bißchen ver- traut damit machen, was Du diesmal vorhast. Ich höre, Du fängst an, die Gemüter wieder aufzuwiegeln." Pelle machte ihm mit seinem großen Plan von den Ge- nostenschaftSbctrieben bekannt, der Alte kannte übrigens aller- lei davon, es zeigte sich, daß er aus der Entfernung Pelles Tun und Treiben verfolgt hatte. „Es ist am Ende gar nicht so übel das da," sagte er,„am Ende könnten wir ganz in aller Stille das Kapital aus der Welt herausbekommen, wenn wir alle zusammen darauf los- gingen. Aber die Bewegung mußt Du aus Deiner Seite haben, und dann muß ausgeniacht werden, daß jeder, der seine Partei nicht stützt, Streikbrecher ist." „Ich habe Anschluß bekommen, aber es geht ein wenig langsam," sagte Pelle. „Dann müssen wir ein bißchen hinterher sein.— Pelle, was ich sagen wollte, dieser Sonderling, Brun heißt er ja wohl, wohnt der nicht bei Euch?" „Er ist kein Sonderling," sagte Pelle.„Wir können ja hinausgehen und ihn aufsuchen." Brun und Stolpe kamen gleich in ein Gespräch mit ein- ander: sie waren gleich alt und hatten, jeder auf seiner Seite, die ersten Tage der Bewegung miterlebt. Frau Stolpe kam mehrmals und mahnte ihren Mann, sie müßten nach Harste. „Na, es ist nie gut, sich mit seiner eigenen Frau zu über- werfen," sagte Stolpe endlich,„aber ich komnie wieder. Ich höre, Sie bauen hier draußen, da möchte ich doch gern mal sehen, wie unsere eigenen Häuser aussehen werden." „Wir haben noch nicht angefangen," entgegnete Bdk. ..Aber komm Sonntag heraus, dann zeigen Brun rmd ich Dir das Ganze." „Ihr gebt die Arbeil wohl an die Meister?" fragte Stolpe. „Nein, wir hatten gedacht, die Arbeitslosen hier zu be- schäftigen, falls sie es übernehmen wollen und einen Mann haben, den man an die Spitze setzen könnte," sagte Brun.— „Aber das können Sie vielleicht übernehmen?" „Sie können überzeugt sein, daß ich ins hmn," erwiderte Stolpe mit Selbstgefühl.„Sollte ich nicht der geeignete Mann sein, Häuser für die Arbeiter zu bauen?— Ich war schon Mitglied der Partei, als sie erst einen Mann zählte!"- „Ja. Stolpe ist der Veteran der Bewegung," sagte Pelle. „Tod und Teufel, es wäre doch wirklich ein putziger Zu- fall, wenn ich die Arbeit bekäme!" sagte Stolpe, als Pelle die beiden Alten an die Straßenbahn begleitete.„Ich will einen Stamm Arbeiter auf die Beine stellen, wie kein Mensch was ähnliches gesehen hat, und was für Häuser wir aufführen wollen! Keine Spur von Pappmaschee soll dabei sein!" 22. Noch immer konnte es geschehen, daß Pelle erwachte und sich in der Dunkelheit nicht zurechtzufinden vermochte. Eine erstickende Angst befiel ihn, er hatte geträumt, daß er im Gefängnis war, Mid glaubte noch den Gestank des Aborts und die Ausdünstung der rohen Mauern zu spüren. Erst nach und nach besann er sich, wo er war: die Ateniziige, die um ihn her arbeiteten, und das warme Mit- wirken in der Dunkelheit selbst führten ihn zurück in sein Heim. Er richtete sich froh auf und strich ein Streichholz an, um einen Schirumer von Ellen und den Kleinen zu crhasck>eir. Sich wieder zum Schlafen niederzulegen, wagte er nicht, der Traum würde ihn gleich wieder in das Gefängnis zurück- führen. Geräuschlos kleidete er sich an und schlich hinaus, um einen Spaziergang zu machen und den Tag erwachen zu sehen. Es war wunderlich mit deni Traum, denn er stellte alles auf den Kopf! Jin Gefängnis hatte er inrmer geträumt, daß er frei war und mitten im Glückslande lebte: billiger tat er es dort nicht! Dort war der Tag bös und die Nacht gut, und hier draußen war es umgekehrt: es war, als wenn ettvas in einem immer das Ganze mit dabei haben wollte.„Ob das wohl die Seele ist?" dachte er, während er gen Osten wanderte, um dem ersten Tagesschimmer zu begegnen. Daheim auf dem Lande, m seiner Kindheit hatten die alten Leute geglaubt, die Träume seien die Seele, die sich losgelöst hatte und auf eigene Hand umherschweifte: einige hatten sie als weiße Maus dem Munde des Schlafenden entschlüpfen sehen, um neue Erleb- niste für ihn einzusammeln. Und es war ja die Wahrheit! Durch den Traum hatte der arme Mann bisher seinen ganzen Anteil erhalten, der trug ihn hinaus aus dem Gefängnis. Vielleicht wurden die Rollen in der Finsternis der Nacht ver- kauscht? Vielleicht kam die Seele des Reichen während der Nacht und schlüpfte in den Körper des Armen, um Leiden für ihren Herrn einzusammeln? Es lag Frühling in der Luft. Visher war er eigentlich nur in Pelles eigenem Blut vorhanden, eitl gebundenes Sehnen, sich auszubreiten, alle Grenzen zu sprengen. Er ging, das Gesicht dem dämmernden Tag zugewandt, und hatte ein l�esühl von unüberwindlichen Kräften. Woher er dies Gefühl bekam, wußte er nicht: aber es war da. Er fühlte sich selbst als etwas Unermeßliches, das in einem kleinen Raum eingesperrt war, und die Welt sprengen mußte, wenn er los- gelassen wurde. Er schritt hurtig dahin, über seinem Haupt stieg die erste Lerche aus. Langsam befreite die Erde ihr Antlitz von diesem wunderlichen Schleier von Ruhe und Rätsel- haftigkcit, den die Nacht webt. Vielleicht kam dies Gesühl von Kraft daher, daß er den Geist in Besitz genonuneu hatte und selbst die Uebersicht über die Welt beherrschte? Die Welt war ohne Grenzen, aber das waren seine Fähigkeiten auch-, es gab keine Kraft mehr, die ihn aus seiner Bahn vertreiben konnte. In seinem eigenes» Fußtritt hörte er die ganze Zukunft widerhallen, die Be- wcgling würde bald ein Ende haben, wenn sie erst die Tat- fache verdaut hatte, daß das Ganze mitgenommen werden mußte. Noch hielt es ein wenig schwer, man wollte von der Seite die Bedingung für das Zusammenarbeiten stellen, daß Pelles Ebre wieder hergestellt wurde. Pelle lachte und hob sein Antlitz der Morgenbrisc entgegen, die gleich einem Kälteschauer dem Somumanfgang vorauslief. Außerhalb stehend! Ja, lag nicht eilte gtofee Wahrheit darin? Cr gehörte dem Bestehenden nicht an, dort wünschte er keine bürger- lichen Rechte. Es war sein Adelszeichen, daß er außerhalb war, sein Verhältnis zu der Zukunft lag in dieser Tatsache. Er hatte seinen Kampf als Ausge st otzener aufgenommen, und so wollte er siegen. Wenn er stieg, sollte es keine Paria- käste mehr geben. Jetzt, wie er hier ging, die Nacht hinter sich, und ins Licht hineinsah, war es ihm, als sei er eben in die Jugend eingc- treten und habe das Ganze vor sich, alles hatte er noch zugute! ilnb doch war es, als sei er seit dem Morgen der Zeiten mit dabei gewesen, so genau kannte er die Welt der Finsternis, die er verließ. War denn der Mensch nicht ein wunderliches Wesen in seiner Fähigkeit, einzuschrumpfen und zu nichts zu »verden, wie auch in seiner Fähigkeit, sich auszubreiten und das Ganze zu erfüllen! Jetzt begriff er Oheim Kalles Lächeln über alles! er hatte sich damit gepanzert, damit das Leben nicht zu tiefe Risse in sein weiches Gemüt reißen sollte. Ter arme Mann war gezwungen gewesen, sich abzustumpfen, er würde ganz einfach verbluten, wenn er sich der harten Wirklichkeit hingab. Die Abgestumpstheit war wie eine harte Schale ge- Wesen, die die Kleinen beschützte! und nun kamen sie mit un- Versehrtem Herzen, trotz allem. Sie konnten sehr wohl An- sührer sein in der guten Zeit! (Fortsetzung folgt.) O 4] Daö JVIecr. Poi; G u st a f I a n s o n. Tann legte sich plötzlich ein unerhört schweres Gewicht auf sein Gehirn, die Gedanken schwanden und die Angst wich. Es ward so still, daß Joel selbst die Stille vernahm. Tann ließen sich von weit her schwache, undeutliche Töne vernehmen, die wohl vom Sausen des Windes und dem Geplätschcr der Wogen herrührten. Tas schien ihm natürlich, ebenso natürlich wie die drückende Stille, die ihn wie in einen Ring einschloß, außerhalb dessen sich etwas rührte, dem er entgegentrieb. Durch die Stille drang unerwartet leises Flüstern, Stimmen redeten und andere antioorteten. Sie kamen näher, einige erhoben sick mit ernsthafterem Klang, aber noch konnte er nicht unter- scheiden, was sie sagten. Dessenungeachtet war er weder neugierig, noch eifrig es zu wissen, ein Gefühl sagte ihm aber, daß er es bald erfahren würde. Plötzlich schwiegen alle Stimmen und das Boot schwankte unerwartet, als klettere jemand über die Reling und nahm Platz im Boot. Gleich darauf trieb es wieder gleichmäßig und ruhig weiter, und Joel strengte sein Gehirn an, ausfindig zu «lachen, wer sein Passagier sei. Da sagte eine sanfte Stimme dicht neben ihm: »Joel Nord, hörst Tu mich?" Der Lotsjunge nickte, der Stimme Klang berührte seine über- reizten Nerven wie eine Liebkosung. »Dann wisse, daß Du willkommen bist!" Joel lächelte dankbar. »Stcurc geradeaus, heute nacht sollst Tu mit mir im Paradiese sein!" Joel öffnete die Augen, die er eine Weile geschlossen hatte, und er merkte, daß sie feucht waren. Angst und Furcht waren von ihm gewichen, als hätte erste nie empfunden, und ein wunderbarer Friche füllte st in Gemüt. Plötzlich war er wieder zur Wirklichkeit zurückgekehrt, aber die Finsternis und Stille schreckten ihn nicht Hänger. Er wußte, daß er nicht mehr einsam war, und gelobte sich, ein neuer Mensch zu werden, sollte er gerettet werden. Gleich darauf lächelte er zweifelhaft. Die Hoffnung war lieblich, aber unsicher, das sagte er sich mit klarer Stimme, denn er war bereits ein anderer. Er wußte, ja im voraus, daß auf dem Meer alles möglich sei. Daher war es nichts Merkwürdiges, was er soeben erlebt hatte; so mußte es sein. Mit dieser Ueberzeugung schlum- merto er wieder ein und sah unerwartet den Himmel sich über ihm öffneir, ein strahendes Licht umsing ihn, und ein Chorgesang ertönte: Willkommen, willkommen! „Fu, ich komme," sagte Foel mit freudigem Lächeln. Um ihn her klang es wie von Millionen abgestimmter Glasharmoniken. Es war ein unvergleichlicher Jubelchor, und Joel lauschte mit vcr- klärter Miene. Plötzlich stand das Boot mit einem Ruck still. Er öffnete die Augen- und blickte verwundert umher. Dieselbe undurchdringliche Finsternis, über... was was das? Er war in einen Gürtel von Treibeis geraten� Die Dünnung hob und senkte die Eisstücke und lbvachtc dadurch die Töne hervor, die ihn so entzückt hatten. Dann erinnerte er sich, wer ee sei. Er versuchte seine Stellung zu vcr- ändern, vermochte aber>icht den Arm zu heben, da merkte er, daß der an, Reling festgefroren war. Mit Aufgebot aller Kräfte glückte es ihtn, sich aufzurichten, denn grad und aufrecht wollte er sitzen, wenn die Leute das Boot mit dem toten Steuermann fänden. Unaufhörlich sang das Treibeis seine Hymne, und ruhig und fest, wie cÄ eiüem Mansie geziemt, dachte Joe? ckn das Ende. Ts schien ihm natürlich, daß er aus der langen Finsternis der Nacht in di«i Helle eingehen solle, die er soeben geschaut hatte und ersehnte, Jetzt vernahm er Glockengeläut. Hell« Glöckchen mischten ihre Klänge mit den tiefen Tönen schwerer Erzglocken, deren mächtiges Gedröhn die Lust erschütterte, dazwischen schmetterten die Po- saunen des Gerickts, stärker als Donnerschläge, und sanfte Flöten- töne, gleich dem Säuseln deS Windes im Takelwerk klangen drein-« Joel dachte nicht länger, er lauschte nur entzückt. Sacht glitt das Boot durch-das Eis. Es kratzte und schabte gegen dessen Wände, und der Wind z-upfte neckisch am Segel. Di« Kälte wurde immer schneidender, sie biß sich fest im Körper und lieh das Blut in den Adern erstarren. So segelte Joel Nord, ohne Steuer und Kompaß, einsam durch Nacht und Eis, aber rank und ausrecht der Ewigkeit zu. Er erwachte bei dem Klang von Hieben und Schlägen, und öffnete die Augen, um die der Frost während der Nacht die Haut weggebrannt hatte. Verwundert, woS mit ihm vorginge, begriff, er erst allmählich, daß man ihn loshieb von der Bank, an der er festgesroren war. Seit dem Tage verfloß eine lange Zeit, die Joel im Kranken- haus zubrachte. Zwar ward sein Leben gerettet, aber die Kälte verließ nie mehr seinen Körper. Im Herbst reiste er heim- von Oestcrgötlands Küste, wo er ans Land getrieben war, und eines Tages, Ende September, landete er in Djüpnäs. Der erste, dem- er begegnete, war Oesterman. „Ich glaube gar, Nord ist's." „Ja, ich bin's. Ich bin weder ertrunken, noch auf andere Weise abhanden gekommen, hier bin ich leibhaftig." Oesterman blinzelte und schielte nach dem Mann vor sich. Er hatte Joel sofort wiedererkannt, und doch schien's ihm, er sei ein anderer. Zuerst fiel ihm aus, daß dessen linkes Bein steif war, und der linke Arm lahm und leblos, seltsam gekrümmt, herabhing. Das Antlitz war gefurcht, und die Augen, die ebenso scharf blickten wie zuvor, waren blutig und wund umrändert. Es ging Oester- man zu Herzen, einen vordem stattlichen Mann so geknickt und- zuschanden gerichtet, auf einen Stock gestützt humpeln zu sehen-. »Sieh nur!" sagte Joel, nachdem er sich eine Weile hatte bc- trachten lassen,„viel ist nicht von mir übrig, aber-das bißchen taugt noch." „Hm... hm?" „Ich erfror... aber nicht ganz. Anderthalb Tage, nachdem das Boot fortgetrieben war, stich- es ans Land und... ja, seitdem Hab' ich meistens im Krankenhaus gelegen. Viel war nicht übrig vom Leben, als die Fischer mich fanden. Aber wie's nun zuging, sie bliesen mir Leben in den Leib. Darüber ist nichts zu sagen. Ter Mensch hat vieles durchzumachen auf seiner Erdenwanderung, steht geschrieben. Und endigt's nicht schlimmer als bei mir, muß man sich drin finden. Hör nu, der die ganze Zeit daheim war, wie steht's mit Anna?" Oesterman wich Joels Blick aus.'s tat ihm weh, in diese wundgeränderlen Augen zu schauen, auch fürchtete er, der Mann würde die niederschmetternde Nachricht nicht ertragen können. „Sprich!" ermahnte ihn Joel barsch.»Ich« habe soviel durch- gemacht, daß etwas mehr nichts auf sich hat." Oesterman schwieg noch immer und blickte zur Seite. »Ich muß gewiß selbst beginnen," sagte Joel gelassen-.„Aus der Station hieß's, daß Eiderman den Abschied genommen und sich verheiraten wollte. Ist's mit Anna?" Da Oesterman auch jetzt keinen vernehmbaren Laut von sich gab, nickte Joel starr und setzte hinzu:„Ja, so konnte sie also nicht mal's Jahr umWarten. Na, dann war sie nicht die, für-die ich sie hielt, so trägt sichs leichter." „Wenn Du's mr mal weißt, so ist's, wie Du's sagst," erklärte Oesterman zögernd. Abermals nickte Joel:„Du hast Sonntagskleider an, seh ich-." „Na ja, da Du'S doch von andern hören wirst, heut ist die Hochzeit." Joel schwieg nachdenklich eine Weile. „Ist's Dir recht, so gehn wir miteinander." Oesterman blickte erschrocken Joel an, der bitter lächelte. „Bist etwa bange, daß es Spektakel gibt?" „Nee, Du bist nun nicht mehr gefährlich. Komm inir, dann woll'n wir gehen." Sie gingen ins Land hinein. Unw-illkürlich schritt Oesterman drauf los, aber da er Joel vor Anstrengung beuchen hörte, ging er langsamer. „Kümmre Dich- nicht um mich, ich komme schon nach." „Nee, nee, das hat nichts z-u sagen..." Sie setzten schweigend ihren Weg fort, bis Oesterman anhubt „Du bist schlimm zugerichtet..." Augenscheinlich hatte Joel dem ähnliches erwartet, denn er begann sogleich: „Das Bein ist steif und wird wohl nie mehr anders werden. Der linke Arm ist krumm geworden, ich mutzte ja das Brett, womit ich steuerte, in-der unmenschlichen Kälte halten. Ich fror fest, den Rest kann man sich denken. Die Augen sind auch mitgenommen, aber sehen kann ich. Und dann natürlich das Reißen, das werd' ich nimmer loS." Desiermcm nickte bedenklich zu akle-in und tn achte seiner Ver- wunderung und Teilnahme durch kurze Ausrufe Lust:..Nee. so was... das mutz ich sagen....'s war doch auch zu schlimm.' Joel nickte dazu und schwieg, als er mit seinem Bericht fertig War. Die beiden Kameraden versorgten den- hügeligen Weg nach dem Innern der Insel. Unterdessen waren Joels Äedankon mit dem beschäftigt, was er aus der Lotsenstation vernommen hatte. Tatz er, den man für verloren hielt, wirklich wiederkehrte, hatte stille Verwunderung und, Freude geweckt. Dann wurde vom Dienst gesprochen und einige Lotsen genannt, die„fortgeblieben" waren. Joel hatte' hier und da beistimmend genickt, er kannte die Gefahren des Berufs. Aber von Eidcrman schwieg er. Vor dem Unglück mutz man sich demütig beugen, das wutzten alle da draußen an der Sriiste, und damit war die Sache abgetan. Nicht einmal zu Lesterman erwähnte er etwas von dem Argwohn, der in jener Nacht erwachte, da er ins Meer hinaustrieb. Im Stillen wiederholte er nur, was er sich schon viele Male gesagt hatte. Ein Tauende gleitet leicht über Bord, ein Ruder kann verloren gehen, und ein steuerloses Boot treibt selbstverständlich mit dem Winde. Natürlich war er zum Dienst untauglich und alt vor der Zeit... dagegen war nichts zu machen, aber der mutz sich schämen. der leicht zusammenbricht. Nach einer zweistündigen Wanderung erreichten sie das Gehöft Granskäv. Die Hochzeitsgäste waren gerade im Begriff, in die Boote zu steigen und zur Kirche zu fahren, als Oesterman und sein Begleiter anlangten. „Um Himmels willen, ist das nicht Joel?" brach die Braut vus. Bestürzt und verwirrt verbarg sie sich hinter den Eltern. „Ja, das stimmt. Guten Tag auch." Darauf ging Joel zu Eiderman, der mit der Schnapsflasche in der Hand auf der Treppe vor dem Hause stand.„Guten Tag auch! Und nun will ich nur sagen, daß ich nicht derselbe wie früher bin, so kommt Eiderman diesmal billig davon." Daraus blieb Joel eine Weile unterhalb der Treppe stehen, und als er meinte, daß alle ihn genügend be- schaut hatten, wandte er sich und ging svincS Wegs. An der Heckenpforte blieb er stehen und murmelte:»Er, Eiderman, er- blaßte, er ist schlimmer dran als ich." lFortietzuiig folgt.)! Die Orken. Von Hermann Singer. Das türkische Reich ist in einen Kamps um seine Existenz auf europäischem Boden eingetreten. Seine Gegner sprechen"offen von einem.Kreuzzug" und beabsichtigen ohne Zweifel die Beschränkung des Machtbereichs der Türken aus die asiatischen Länder, aus denen sie vor mehr als einem halben Jahrtausend gekonimen sind. Wir sind somit Zeugen eines Schauspiels, das möglicherweise eine weit- geschichtliche Bedeutung erlangt, und aus diesem Grunde mag ein Blick aus das Volk der osmaixjschen Türken gerechtfertigt erscheine». Die Türken im weiteste» Sinne gefaßt, d. h. die Turkvölker, gehören ebenso wie die Finnen, Magyaren und Urbulgaren, die i» Europa unbestrittenes Bürgerrecht gewonnen haben, zur uraltaischen Familie der sogenannten mongolischen Rasse, und ihre Heimat ist das Innere Asiens, wo sie den Chinesen vor unserer Zeitrechnung als Toküe bekannt waren. Dort hat es auch mächtige türkische Staaten gegeben, so den der Uiguren. Wiederholte freiwillige und unfreiwillige Wanderungen haben dann die Türken derart zerstreut, daß sie in räumlicher Hinsicht gegenwärtig das am weitesten ver- breitete Volk der Erde sind; denn zu ihnen gehören sowohl die Jakuten an der Lena im östlichen Sibirien, wie die im 14. Jahr- hundert nach Europa gekommenen Osmanen, die von jenen durch eine Entfernung von nicht weniger als 8tXX> Kilometer getrennt sind. Es wäre ein Irrtum, die Begriffe Türken und Mohammedaner einander gleichzusetzen. Die westnsiatischen Türken sind allerdings, wie ihre meisten Mirbewohner auf demselben Boden, Bekenner des Islam geworden, aber die Jakuten sind noch Heiden und dazwischen finden sich Buddhisten. Wir beschränken uns in dieser völkerkundlichen Skizze aus die Osmanen, den einzigen Tiirkenstamm, der, noch dazu in hervorragendem Matze, Einfluß auf die Geschichte Europas ge- Wonnen hat. Ins Licht der Geschichte traten die Osmanen erst zu Beginn des 13. nachchristlichen Jahrhunderts, als sie unter ihrem Häuptling Suleiman in den Bergen Armeniens als nomadische Viehhirten ein Wanderleben sührten. 50 000 Familien sollen es gewesen sein, die dort von Weideplatz zu Weideplatz zogen. Aber die Weiden waren bald erschöpft, und so wandte sich Ertogrtil, einer von SuleimanS Söhnen, mit einer nur kleinen Schar über den oberen Euphrat nach der anatolischen Halbinsel, wo er in der Landschaft Phrygien den Grund zum osmanischen Reiche legte. Seinen Namen erhielt es wie der Stamm selbst von ErlogrulS Sohn Osman I.(1288— 1326). Schnell bemächtigte» sich nun die Osmanen dank ihrer kriegerischen Veranlagung anderer klcinasintischen Provinzen des Byzantiner- reiches, und schon Sultan Orchon, Osmans nächster Nach- solger, verlegte seinen Herrschersitz im Jahre 1326 nach Brussa, fast schon im Angesicht des Marmaromeeres, und griff durch die Besetzung von Gallipoli als erster nach Europa hinüber. Murad!.(1359—1339) entriß dem oströmischen Kaiser bereits Thrazien, eroberte 1361 das jetzt als starke türkische Stellung wieder viel genannte Adrianopel und hielt hier Hof. Noch war Konstant!- nopel niibezlvungen, aber es glich bald einer vom Türkenmeer um» brandeten Ruine. Das grotzierbische Reich siel 1389 auf dem Amsel» selbe unter den türkischen Schlägen zusammen, die Walachei und Griechenland wurden unterworfen, die vereinigten von Siegismund von Ungar» geführten christlichen Heere 1336 bei NikopoliS ge» schlagen, und 1453 fand mit der Einnahme Koiistantinopels das den» Türkcnsultan schon tributpflichtig gewordene Ostrom sein Ende. Kon» stantinopel wurde Hauptstadt der Osmanen; der wiederholte Wechsel deS Herrschersitzes erinnert an die nomadische Vorzeil dieses Türken» stainmes. Ungarn wurde türkischer Lchutzstaat und Wien zum ersten» male bedroht. Unter Sultan Suleiman II.(1523—1566) stand daS Osmanenreich auf dem Gipfel seiner Macht. Aber dann erlahmt allmählich seine kriegerische Kraft, die wenig mit staatsmännischer Weisheit gepaart war, und es geht mit ihm bergab, trotz gelegent» sicher furchtbarer Europa entsetzender Vorstöße. Der osmanische Staat unter Ertogrul begann mit etwa 403 Familien sein Dasein. Es können also nicht die oSinanischeti Türken selbst und allein sein, die jene Eroberungen vollbracht haben. Das ist auch in der Tat nicht der Fall. Andere westwärts nach» ziehende Türken und die unterworfenen, dem Islam zugeführteii Völker, unter ihnen die Albanesen, haben die Sultanshcerc gebildet und auch manchen General gestellt. Eine wirkliche Türlisiernng ist indessen nur i» Kleinasien erfolgt, wo sich ihr selbst daS Griechentum nicht entzog. Die Völker der Balkan» Halbinsel dagegen blieben in ihrer großen Masie, was sie waren, kulturell und religiös. Ihre Kultur war eben unter der langet» Herrschaft Ostroms soweit vorgeschritten, daß sie dem im Vergleich zu ihr barbarischen Türkentum nicht mehr erlag, dieses sich eher jener bis zu einem gewissen Grade anpaßte. Und ethisch konnten sich hier die Türken erst recht nicht halten. Gegenwärtig wird die Zahl der europäischen Türken tmt Ein» schluß der außerhalb der Balkanhalbiniel lebenden Tataren und Kalmücken auf sechs Millionen geschätzt. Aber das sind bei weitem nicht alles reine Türken, sondern zumeist islainisierts slawische, griechische und albanesisckie Stämme. Bei den» Ausbruch des letzten russisch- türkischen Krieges ist die Zahl der wirklichen Türken innerhalb der BaUcknhalb» iiisel auf nur 733 333 angegeben werden, und sie kommt der Wahrheit näher; sie dürste heute eher zu doch als zu niedrig und auch zur Zeit der weitesten Ausdehnung des TürkenreicheS in Europa nicht größer gewesen sein. Dem einspricht die Tatsache, daß»uter der als türkisch bezeichneten Bevölkerung des OSmaneiireiches kamt» noch die physisch-anthropologischen Eigenheiten des TürkenvolkeS zr, entdecken sind. Wir haben sie vielmehr als eine ungleichartigs M i t ch r a s s e zu betrachten, ivorin der den vielen fremden cthittschet» .Elementen aufgepfropfte uralaltaische Urtypus sich schon dcrmaßet» verwischt hat, daß die einzelnen Volesglieder alS reine Arier oder Semiten erscheinen oder doch nur selten Spuren der ur- sprünglichcn Rasse erkennen lassen. Die östlichen klein» asiatischen Türken verraten deutlich den arischen KttrdetttypuS, de» hier die Grundlage für die ethnische Umgestaltung geliefert hat. Einen gewissen einheitlichen Typus zeigt die Mehrheit der osmanischeii Bevölkerung nur im eigentlichen Anatolien, aber diese Einheitlichkeit geht unverkettttbar auf die griechische Basis zurück: die in geringer Zahl hier etttgewattderten Türken sind überwiegend dermaßen in der griechischen Vorbevölierutig aufgegangett, daß trotz späteren Hinzu- tretens anderer Elemente die heutige Gesamtheit eilten besonderen griechisch-türktschen Mischtypus darstellt. Dagegen haben etnigo Romadenstämme Kleinasiens, wie die Jürük, Türkman oder Götschebe, aus unbekannten Ursachen mit dem Nomadentum auch daS Aeußere des Urtürken sich bewahrt. In der europäischen Türkei bietet Konstantinopel ein btnttcS Völkergemisch, dem nur die Eigenart der Tracht, der Kopfbedecktmg, des rasierten Hauptes und des Bartes einen speziell osmanischen oder— richtiger ausgedrückt— moslemischen Anstrich zu geben vermag.„Es ist", sagt Vambery,„eigentlich nur die Phantasie, die vier eine ethnographische Scheidewand ausstellt, denn der Osntane am Bosporus kann sofort in einen Griechen oder regelrechten europäischen Südländee unigestaltet werden, wenn man ihn in'ein curopäisches Kostüm steckt und die orientalischo Kopftracht mit etiler europäischen vertauscht hat; eine Bemerkung, die auch auf die übrigen Osmanen der europäislben Türkei patzt, so daß bei diesen der südslawische und albanesische Typus vorherrschend ist". Man sieht unter den Türken ferner Leute von häßlichem, affenartigem Geschnittsschnitt und stttfcnariig fortschreitende Ver» cdelungen bis zu zarter, femer GeffditSbtlduttg mit rundem Schädel, hoher Stirn, großem Gesichlswinkel, schön geformter Nase, quer» stehenden, üppig bewimperten Lidern, zartem Knochen- und Muskel» bau, leicht gekraustem schwarzem Haarwuchs. Es gibt auch blonde und rothaarige Türken. In sozialer und geistiger Beziehung herrscht indessen uttier den osmanischen Türken eine größere Einheitliei keit, die zurückzuführen ist einmal auf die persische Kultui, der sie in Asien unterlagen, dami auf den langen, ununterbrochenen Einfluß des Islams, der, ebenfalls noch in Asien, namentlich Sprache und Literatur zersetzt bat, und endlich auf die Einwirkung der hohen byzanlinisch-gricchtschen Kultur auf sie in ihren europäischen Sitzen. Ja, schon als die osmanischen Türken nach Europa kanten, hatten sie von den ltem» afiaiischen Griechen manche? Kulturgut angenommen, ebenso wie bereit; in den Adern dicker weltlicher und kirchlicher Würdenträger hellenische; Blut floß. Man darf wohl sagen, dah die Türken infolge Blut- und Kulturmischung heute kaum al; ein Europa landfremdes Element zu bezeichnen find; der abendländischen Gcisteslvelt erscheinen sie viel näher gerückt, als man gewöhn- kich annimmt. Spuren dagegen des UrtürkentumS find heute in den Sitten und Gebräuchen der Osmanen nur sehr dürstig. Hierzu gehören »ewisse Gebräuche bei Geburt und Hochzeit. I« vielen Gegenden Kleinasien; wird das neugeborene Kind noch genau so, wie bei den Kirgisen, init Salz bestreut oder mit Fett eingerieben. Und mit denselben Feierlichkeiten, wie sie bei den Kirgisen üblich sind, br- gibt fich auch bei den OSmanen die junge Frau nach der Ehe- schließung ins Haut- ihres Mannes, doch ist da» Pferd der Stepp« durch eine Sänfte ersetzt. Hier wie dort darf die junge Frau ihren, Schwiegervater das Gesicht nicht zeigen, ihn nicht mit seinem Namen nennen. Das sind Erinnerungen an die alte Heimat, und zu ihnen gehören auch die Verehrung für den Herd« kefsel. die Borliebe für das Wafjenhandwerk, das Pferd, für die Schafzucht. Viele Charaktereigenschaften aber— und unter ihnen nicht die schlechtesten— sind daS Erbteil der nomadischen Steppenbewohner. In seinem Ernst, in seiner Schwerfälligkeit, Gemessenheit und Ruh« verrät jeder Osmane, mag noch so viel ftemdes Blut in seinen Adern fliesten, den„Stocktürken'. Fröhlichkeit, Lusgelasscnbeit, Zeichen der Eile, der Auftegung, vieles und laute» Reden find unschicklich oder überhaupt unzulässig. vor allem erinnert der türkische Bauer AnatolicnS in vielem an den innerasiatischea Urahnen. Ihn zeichnen auS: Redlichkeit. Fleth, Geduld, Nüchternheit, Bescheidenheit. Bedürfnislosigkeit und eine ideale Gastfreiheit, die nach Namen. Woher und Wohin de« Gastes höchstens dann erst fragt, wenn dieser sich bereit« zum Ausbruch rüstet. Ohne Widerrede und trotz oft schlimmster Behandlung durch die Beamten ist der anatolische Landmann stets bereit, Gut und Leben für den Sultan und den Glauben zu opfern? ihm verdankt der Türke feinen Ruf als.bester Soldat der Welt". Unter den gebildeten Klassen und in der Beamtenschaft sind alle diese alttürkischen Eigenschaften stets weit weniger ausgeprägt gewesen. kleines Feuilleton. Luftschiffahrt. Die Ursache der Fliegerabstürze. Wenn fich auch lm Vergleich zur Vermehrung der Flugunternehmungen die Zahl der Unglückssölle vermindert hat, so scheint ihre absolute Häufigkeit doch noch dauernd zu steigen, da eben der Flugsport selbst mit reihender Schnelligkeit anwächst. Gefährlich wird der jkunstflug auch wohl immer bleiben, vielleicht sogar gefährlicher als irgend ein anderes Fortbewegungsmittel. Dennoch lästt fich auch mit einiger Sicherheit voraussagen, dast sich noch weitere Mittel finden werden, die eine Verminderung der Gefahr herbeizufuhren imstande find. Generalmajor Neureuther hat in der„Deutschen Luftschiffahrer- zettschrifl" angefichtS der vielen tödlichen Unfälle der letzten Wochen die bauptsächlichsten Ursachen der Abstürze untersucht und fie nach den, Grade der BerhütungSmöqlichkeit gruppiert. Am ungünstigsten Ende dieser Reihe würden die stehen, in denen gewisse Naturereiginfie, die fich von Menschen weder voraussehen noch bezwingen lassen, durch plötzliche» Eintritt eine Vernichtung des Flugzeugs und seines Insassen nach sich ziehen. Als da« andere Ende der Reihe werden solche Fälle gekennzeichnet, die nur durch die Unterlassung von ganz bestimmten Vorsicbtsmastrcgeln entstehen. Zwischen diesen beiden Gegensätzen liegt nun eine lange Folge von Möglichkeiten, in denen fich Verschiedenes miteinander vereinigt, was teils im Machtbereich des Menschen liegt, teil« von ihm nicht beherrscht werden kann. Dieser Gedankengang kann wenigsten? zu einer Klärung der Ber- Hältnisse führen und wird zunächst zu zeigen haben, was alle? zur Benncidung von Flugunfällen geschehen kann und must. Eine Gruppe der Vorbedingungen ist von rein technischer Art. CS handelt fich dabei un, alle Fehler des Materials und der Kor- ftruktion, durch die Reibungen und ähnliche Behinderungen des Motors oder der Steuervorrichtungen entstehen können. Als eine zweite Gruppe der Ursachen für Flugunfälle werden solche genannt, die nur durch besondere geistige Beherrschung des Führers über- wunden werden können. Dazu ist nicht nur Geistesgegenwart und Kallbllltigkeit. sondern auch eine gewisse Summe von Belehrung und Erfahrung erforderlich. Eine genauere Betrachtung de? Flugmechani?« «wS lehrt dast ein Flugzeug nur fclsnge von der Luft getragen und vom Führer willkürlich beherrscht werden kann, wie die Luft infolge der Vorwärtsbewegung des Flugzeuges an dessen unterer Trag- flächenseite von vorn nach rückwärts vorüberstreicht. Am sichersten wird dieser Zustand selbstverständlich bei einer einfachen Fahrt in etwa ivagrrechter Richtung erhalten bleiben. Da aber gerade die Möglichkeit des beliebigen Richtung«- und Höhenwcchsels dem Flug- zeug im Vergleich zu tu Ballon seinen großen Vorzug erteil:, so must diese Lage häufig verlassen werden, und damit tritt eine Ber- Söstening der Gefahr ein. Wird eine solche Wendung zu kurz und zu «if ausgeführt, so geht die Luft unter den Tragflächen nicht mehr von Berantw. Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Druck u. Verlag: vorn nach hinten, sondern seitwärts hindurch. Dadurch stellt fich daS Flugzeug schräg, und damit kommt eS zu dem berüchtigten Absturz .m der Kurve". Der Führer must genau wisten, was er bei einer Wendung seinem Flugzeug an Schrägstellung zumuten darf, und zwar nicht nur in der Schärfe der Wendung, sondern auch in ihrer Dauer. Wenn ein Versagen des Motors als Ursache eines Absturzes angegeben wird, so liegt darin eigentlich eine Ungenauigkeit. Dieser Borsall kann nur als mittelbar verantwortlich gemacht werden. ES kommt für die Tragweite ganz darauf an, ob und wie es dem Führer gelingt, vom Motorflug zum Gleitflug überzugehen. Dieser Üebergang gehört nun freilich zu den schwierigsten Leistungen deS Fliegers. Ein Rest der vom Motor gegebenen Geschwindigkeit must eben noch für die richtige Einleitung des Gleitfluges ausgenutzt werden. Mit Abficht wird dies Kunststück bei jedem Abstieg ausgeführt. Alle bisher ersonnenen Borrichtungen zur Verhütung von Unglücksfällen gehen darauf aus, dem Flieger soviel Zeit zu ver» schaffen, dast er der Gefahr durch ein bestimmtes Manöver be» gegnen kann. Archäologisches» AmenophiS IV. Die merkwürdigste Persönlichkeit der ägyptischen Geschichte ist ohne Zweifel der Ketzerkönig AmenophiS IV. Als einziger unter den Pharaonen wagte er es, gegen die Allgewalt der Priester auf politischem und geistigem Gebiet anzukäntpsen. Er suchte ihrer Macht den TodeSstost zu versetzen, indem er ihre Grund« läge angriff, die Vielgötterei und den mit ihr verbundenen Aber« glauben. AmenophiS verbannte die fratzenhaften Tiergötzen von seinem Hofe und bekannte sich statt deste» zur Religion des einen Sonnengottes. Der Kampf gegen die Tradition gibt dem ägyptischen Leben unter der Regierung dieses Herrschers einen Schwung, den e» weder vorher noch nachher jemals be« festen hat. Auch auf die Kunst halte die groste Reform ihren Einflust ausgeübt: wir finden in den Werken jener Epoche einen überraschenden Naturalismus. Der König liest sich von den Hoftünstlern so darstellen, wie er wirllich war, und so erblicken wir in seinen Bildern statt der üblichen Götter- und Heldenpose einen hätzlichen, kranken Mann. AmenophiS IV. baute sich für seine neue Aera auch eine neue Residenz. Es ist die Stadt Tell el Amarna, in der die Deuttche Orientgesellschaft seit einiger Zeit überaus erfolgreiche Ausgrabungen vornimmt. Auch die Kam- pagne des letzten Jahres, über die jetzt Prof. Ludwig Borchardt-Kairo, der Leiter der Grabungen, in den„Mitteilungen" der Gesellschaft Bericht erstattet, hat eine Reihe interessanter Kunstwerke aus der Periode AmenophiS IV. zu tage gefördert. Zunächst sei der Kopf einer braunen Sandsteinstatne erwähnt, die eine der Töchter des Pharao darstellte. Dast der König einen stark verbildeten Hinterkopf hatte, ist bereits bekannt. Bei seinen Töchtern, deren er vier hatte, war diese Eigenschaft noch ent- schiedener ausgebildet. Das stellte natürlich den Bildhauern eine schwierige Ausgabe, die jedoch der Künstler d«S neuen Prinzessinnen- kopfeS vortrefflich gelöst bat. Er hat den Schädel ganz naturalistisch mit jeder Beule modelliert. Besonder? gut sind ihm die Stirn und der untere Hinterkopf mit den Muskelansätzen gelungen. So- dann wurde in dem Atelier eines Bildhauers, der für den König gearbeitet hat, eine prächtige Statue des AmenophiS selbst gefunden. Der König Hütt eine Opfertafel mit beiden Händen dor sich, auf der die Opfergaben in ganz zanem Relief ausgeführt sind. Mit be- sonderer Weichheit ist der Körper des Königs behandelt, die weich- liche Brust, der etwa« starke Leib und die fetten, nicht etwa niusku- lösen Oberschenkel. Besonder? zart ist das Gesicht modelliert, daS durch da« Fortlassen der scharfen Linie deS unteren Augenlides eine eigentümliche, jedenfalls beabsichtigte Weichheit bekommen hat. Gar nicht sehr weit von der Fundstelle dies«? Kunst- werkeS wurde ein andere» gefunden, ein unfertiges Relief ans demselben feinkörnigen Material. War die Statue mit großer Wahrscheinlichkeit als ein Bildhauermodell anzu« sehen, so ist dies Relief mit Sicherheit als solches zu bezeichnen. Es ist der nicht fertig ausgeführte Entwurf einer auch in den Gräbern von Tell el Armarna ähnlich vorkommenden Genreszene. Der König, in langem Gewände und mit dem Kopfttlch angetan, fitzt sehr beguem, sogar etwas lässig auf weichgevolstertcm Stuhl«. die Füste aus einer gleichfalls gepolsterten Fuhbank. Er hebt einen grasten Becher, in den die ihn beim Mahle bedienende Königin au» einem kleinen Fläschchen Wein eingießt. Sie trug, soweit das bei dem unfertigen Zustande des Reliefs erkennbar ist, ein langes Ge- wand und hohe Perücke. Wie auf so vielen Bildern AmenophiS' IV.. strahlle auch hier die Sonne über dieser schönen, rührenden Familien- szene. Ein wahres Meisterwerk ersten Ranges ist ein Modellkopf de« Königs, der gleichfalls in der Bildhanerwerkstatt entdeckt wurde. Dieses Porträt rückt«nS die Physiognomie AmenophiS IV. besonder» nahe. Der Ausdruck des HochmulS, den er in seinen übrigen Bildern zeigt, tritt in die'em jugendlich gehaltenen Gesicht zurück. Dafür zeigt der vornüber gestreckte Kops mit den seltsamen A»g«n deutlich den Schwärmer an. Die Reaktton, die bald noch dem Tode de« AmenophiS einsetzte, hat auch der Blüte von Tell el Amarna ein Ende bereitet. Dtan glaubte bisher, dast die Stadt nach der Wieder« Herstellung der alten Religion Verlasien worden sei. Die Forschungen Borchardrs haben jetzt bewiesen, daß diese Annahme irrig ist._ vorwärtSBuchdruckerei u.Verlagsanstait Paul SingertCo., Berlin ZW.