Mnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 210. Dienstag, den 89. Oktober. 1912 lNachdruck vervoren.) i0] pcüc der Gröberen Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann. Die beiden Schutzleute kamen über die Straße hinüber und trennten sich vor dem Laden; der eine blieb eine Weile stehen und betrachtete die Auslagen im Fenster, dann trat er schnell in den Laden. „Ist Peter Drejer hier?" fragte er wichtig tuend. „Der bin ich!" entgegnete Peter und zog sich hinter den Ladentisch zurück,„aber ich rate Ihnen, mich nicht anzurühren. Ich dulde keine Polizeihände an meinem Leibe." „Sie sind verhaftet!" erklärte der Schutzmann kurz und folgte ihm hinter den Ladentisch. Pelle legte die Hand auf den Arm des Schutzmannes. „Sie �sollten ein wenig glimpflich vorgehen," sagte er. Aber der Schutzmann schob ihn unsanft beiseite.„Keine Einmischung hier!" rief er und stieß in seine Polizeiflöte. Peter zuckte zusammen. Einen kurzen Augenblick griffen seine Gedanken unschlüssig ins Blaue hineip, dann sprang er wie eine Katze über das eiserne Geländer auf die Werkstatt- treppe hinab. Aber da unten stand der andere Schutzmann, um ihn in Empfang zu nehmen. Mit einem Satz war er wieder oben im Laden, sprang gerade auf seinen Verfolger los; er hatte den Revolver in der Hand.„Zuin Teufel auch, jetzt Hab' ich es satt!" fluchte er. Zwei Schüsse fielen gleich nacheinander, Knall auf Knall. Der Schutzmann hatte sich eben zur Flucht umgewandt und fiel mit dem Kopf unter den Ladentisch; Peter sank über ihm zusammen. Es sah so aus, als strauchele er über den Beinen des Schutzmannes; aber als Pelle ihm aufhelfen wollte, sah er, daß aus einem Loch in seiner Schläfe Blut sickerte. Der Schutzmann war mausetot. Peter öffnete beschwerlich die Augen, als Pelle seinen Kopf in die Höhe hob.„Hilf mir fort!" flüsterte er und drehte das Gesicht nach dem toten Schuvmann um mit einem Ausdruck des Ekels. Er hielt den Revolver noch krampfhaft umklamniert. Pelle entwand ihm die Waffe und trug ihn auf das Sofa im Kontor. In der Tür stand der alte Bibliothekar und zitterte.„Ach, schaffen Sie ein wenig Wasser," sagte Pelle, aber der Alte hörte nicht. Peter Drejer machte eine abwehrende Bewegung, er hatte nichts mehr nötig.„Aber die Beiden!" flüsterte er. Pelle nickte. „Und dann— Pelle-- Kamerad—" Er versuchte den brechenden Blick auf Pelle zu richten, zuckte aber plötzlich>vie in einem Krampf zusammen, die Kniee zogen sich ganz bis unter das Kinn hinaus.„Die Bluthunde!" stöhnte er. Er schielte so stark, daß die Pupillen ganz verschwanden. Aber dann glitt das Ganze mit einem wunderlich leblosen Sinken wieder in die alte Lage zurück, er war tot. Der Schutzmann kam herauf.„Na, is' er krepiert?" fragte er gehässig.„Ja, er hat uns lange genug auf der Nase herumgespielt." Pelle nahm ihn beim Arm und führte ihn an die Treppe. „Jetzt gehört er nicht mehr zu ihrem Bezirk," sagte er. Er schloß die Tür und ging hinter dem Schutzmann her, in den Laden hinab. Der erschossene Schutzmann lag, so lang er war, oben auf dem Ladentisch; sein Kamerad hatte ihn da hinauf- gelegt, er hatte die Ladentür abgeschlossen und die Nolladen herabgelassen. „Sie schließen wohl den Betrieb für heute und teilen den Kameraden mit, was geschehen ist?" sagte Pelle ruhig zu Brun,„ich habe noch etwas auszurichte». Heute wird nicht mehr gearbeitet!" „Willst Du fort?" fragte der Alte bekümmert. „Ja, ich will Peters Versammlung für ihn abhalten, er selbst kann es ja nickst mehr," sagte Pelle leise. Sie waren durch die Werkstatt gegangen, die Kameraden standen da und sahen einander an, sie hatten die Schüsse gehört, wußten aber weder aus noch ein.„Peter ist tot," sagte Pelle, mehr konnte er vor Bewegung nicht hervorbringen. Alles stürzte plötzlich auf ihn ein. Er eilte hinauf und sprang auf eine Straßenbahn. Draußen auf einem der großen Felder hinter Norder- brücke hatten sich ein paar Tausend Arbeitslose versammelt. Der Wind hatte sich aufgenommen, ein feiner Staubregen trieb von Westen her. Stoßweise brauste das Unwetter über das Feld hin. Die Arbeitslosen stampften hin und her oder standen da und froren in ihren dünnen Kleidern; es lag eine böse Luft über der Versammlung. Aus den Seitengassen strömten fortwährend Männer herbei, arg mitgenommene Ge- stalten die meisten von ihnen, mit Gesichtern, in die die Ar- beitslvsigkeit Jahreszahlen hineingegraben hatte. Viele hatten keine Kleider mehr, um sich in der Stadt sehen zu lassen, und bnutzten nun diese Gelegenheit, um mit dabei zu sein. Sie gingen umher und murrten, daß die Versammlung nicht begann, fragten einer den andern, was das zu bedeuteu habe, und wußten weder ein noch aus. Es fehlte ja nur, daß auch Peter Drejer sie gcnasführt hatte und zu der Bürgerschaft übergegangen war! Aber plötzlich tauchte eine Gestalt auf dem Arbeitswagen auf, der als Rednertribüne benutzt werden sollte, von allen Seiten strömten sie herbei. Wer zum Teufel war denn das? Peter Drejer war es nickst! Pelle?— was für ein Schmied? Ach, der von dem großen Kampf, d e r B I i tz! Lebte der noch? Freilich lebte der, der war ja Großindustrieller geworden und Stütze der Gesellschaft! Verdammt und verflucht, was wollte der hier?— Das war keine geringe Unverschämtheit! Plötzlich peitschte ihm ein ganzes Gewitter von Rufen und Zischen mit vereinzeltem Beifall genischt entgegen. Pelle stand da und sah mit einen: Ausdruck fürchterlichen Ernstes über die Versammlung hinaus. Ihre Demonstratio- nen gegen ihn rührten ihn nicht, aber hier stand er an Stelle eines toten Mannes! Noch fühlte er Peters totschweren Kopf auf seinem Arm. Als es einigermaßen ruhig geworden war, erhob er den Kopf.„Peter Drejer ist tot," sagte er mit einer Stimme, die man überall hörte. Es ging ein Flüstern durch die Reihen, sie sahen einander fragend an, als hätten sie nicht recht gehört. Er fah es ihrem Ausdruck an, wieviel für sie zugrunde gehen würde, falls sie es glauben mußten. „Das sind ausgestunkene Lügen!" rief plötzlich eine be- freiende Stimme.„Du bist von der Polizei gedungen, um uns auseinander zu jagen. Du verdammter Schurke!" Pelle wurde bleich.„Peter Drejer liegt in der Fabrik mit einer Kugel durch den Kopf," wiederholte er unerbittlich. „Die Polizei wollte ihn anhalten, da erschoß er den Schutz- mann und sich selbst!" Einen Augenblick schien alles Leben unter der unbarm- herzigen Wahrheit wegzufrieren, er sah, wie sehr sie Peter Drejer geliebt hatten. Dann fingen sie an zu murren und zu rufen, sie wollten zur Stadt und ein Wort mit der Polizei reden. Einige sehten sich schon in Bewegung. „Still, Leute!" rief Pelle mit gewaltiger Stimme.„Seid Ihr erwachsene Männer und wollt an der Bahre eines Käme» raden Skandal machen?" „Was weißt Du davon," erwidere einer.„Du weißt ja gar nicht, wovon Tu redest!" „Ich weiß soviel, daß irgendwo da draußen in Westcr- brücke eine Frau und ein Kind sitzen und auf Peter warten� und er kommt nicht. Sollen da noch mehr sitzen und warten? Was geht mit Euch vor, daß Ihr in die See springen und Euch ertränken wollt, weil Jkr ein bißchen durchnäßt seid? Bekommen dadurch die Ueberlebe, �n das Ihre aufs Trockene? Denn wenn Ihr das glaudr, ist ja Eure Pflicht. Euch zu opfern. Aber glaubt Ihr nicht eher, daß der Staat Euch in eine große genieinsame Grube werfen und Euch von den Witwen und Waisen beweinen lassen wird?" „Du hast gut reden!" rief man �hm zu.„Du hast Dein Schäslein ins Trockene gebracht!" „Ich bin daniit beschäftigt, das C-J'e für Euch auch ins Trockene zu ziehen, und das wollt Ihr durch eine Dummheit ruinieren! Ihr habt gut reden, sage ich. Aber ist da jemand unter Euch, der es wagt, sein Antlitz zum Himmel zu erhebe»» und zu sagen, daß er mehr durchgemacht hat als ich, so mag er kommen und meinen Platz einnehmen." Er schwieg und sah über sie hinaus. Ihre abgezehrten Gesichter sagten, daß sie mehr der Nahrung als neuer Hoff- nung bedurften, der Blick starrte wieder und grub ins Unge- wisse hinein. Jetzt mußte man ihnen eine Verantwortung zu tragen geben, eine widersinnige Verantwortung für so übervorteilte Wesen, am liebsten eine so große, daß sie sie ganz mit fortreißen konnte. „Was geht mit Euch vor?" fuhr er fort.„Ihr leidet Not, aber das habt Ihr ja immer getan, ohne etwas dafür zu be- kommen: und jetzt, wo die Sache einen Zweck hat, wollt Ihr nicht mehr. Wir sind doch nicht von gestern— bedenkt dasl Haben w i r nicht den großen Kampf zusammen zu Ende ge- führt? Jetzt verhöhnt Ihr ihn und die ganze Bewegung und sagt, sie hätte uns nichts gebracht: aber es war doch da, wir haben uns zum Leben du rchgerungen und unser Menschenrecht erobert." „Und vor der Zeit haben wir tausend Jahre lang unsere blinde Hoffnung glücklich durch Unterjochung hindurchgeführt. Gibt es eine anders Klasse der Gesellschaft, die eine Marsch- route wie die unseriße aufzuweisen hat? Von Umständen ge- zwungen, richten wir uns darauf ein, jahrtausendelang in der Wüste zu wandern und vergaßen niemals das Land; der gute Gott hatte uns etwas von seiner eigenen unendlichen Langmut gegeben, um uns über die mühselige Zeit hinweg- zubnngen. Und jetzt, wo wir an der Grenze stehen, habt Ihr vergessen, wohin der Marsch ging, und opfert das Ganze, wenn man nur Euch aus mageren Sklaven in fette Sklaven verwandelt." „Hier gibt es keine Sklaven!" wurde drohend von mehre- ren Seiten gerufen. „Ihr seid Arbeitstiere im Joch und mit Scheuklappen vor den Augen. Jetzt verlangt Ihr, gut gefüttert zu werden. Wann fällt es wie Schuppen von Euren Augen, so daß Ihr die Verantwortung selbst übernehmt? Ihr glaubt, daß Ihr ganz verteufelte Kerls seid, wenn Ihr die Brust entblößt den Bajonetten entgegenwerft, können wir es aber mit der Brutalität aufnehmen? Wenn wir es könnten, gehörte uns die Zukunft nicht." (Fortsetzung folgt.) 6} Das JVIcer. Bon G u st a f I a n s o n. „Laß sie schwatzen," entgegnete Joel kurz,„die Leute woll'n immer was zu schwatzen haben." „Er hat wohl recht, ober doch..." „Aber doch? Was soll das heißen?" „Ja. entweder soll er sich fern halten oder auch ganz hier bleiben." Sie standen draußen aus der Höhe. Die Sonne schien� und in der Eberesche am Giebel zwitscherten die Vögel. Joel blickte hinüber zum Stall, den er vor eimgen Tagen rot angestrichen hatte, und er sagte sich, daß es noch vieles zu tun gäbe, bevor das Gehöft so wäre, wie es sein könnte und müßte. Dann ist's wohl besser, daß ich bleibe," sagte er verlegen und errötete. „Danke," sagte, sie freundlich und reichte ihm ihre große ausge- arbeitete Hand, in die er seine harte Faust legte. Damit waren sie einig. Sie war zehn Jahre älter als er, sah aber jünger aus als der lahme und ungelenkige Mann, der er war. Sie bestelltem sogleich das Ausgebot, denn keiner von beiden hatte auf etwas zu warten, und einen Monat später fand die Hochzeit statt. Unmittelbar nach der Trauung rechtfertigte Joel seinen Ruf als gewaltiger Streiter des Herrn. Der Pfarrer, der sie einsegnete, war nämlich seiner Neigung zum Trunk und unordentlichen Lebenswandels wegen bekannt. Ihm galt ein gut besetzter Mittagstisch mehr als alles andere, und im Kartenspiel war er mehr bewandert als in der heiligen Schrift. Biele mochten ihn gern, aber die Gläubigen sabcn ihn mit söbeelen Augen an und hatten vieles �an seinem Leben auszusetzen. Wäre ein> anderer Prediger in der Nähe gewesen, hätte sich Joel an dieser« gewandt. Daß ein solcher Per- kündiger, wie Joel Nord, es unterlassen würde, den weltlich gesinnten Diener des Herrn zur Rede zu stellen, war undenkbar. Er »mißte, daß die Braut selbst und ihre Verwandten es von ihm »orderten, und er gedachte nicht, ihre Ertvartungcn zu täuschen. Als daher die Hochzeitsgäste sich zuin Aufbruch anschickten, trat er zum Pfarrer hin und fragte streng: ..Sag' er mir, hat er wirklich Jesu im Herzen," Der Pfarrer war sonst nicht auf den Mund geschlagen und bei seiner Kenntnis der Jnselbevölkerung würde er mit Leichtigkeit die rechte Antwort gefunden haben, wenn nicht die Uebcrraschung seine Zunge gelähmt hätte. „Damit ist's nicht weit her," fuhr Joel in mißbilligci»dem Ton fort,„er lebt, als ob jeder Tag der letzte wäre und denkt nicht an die Wiederkunft des Herrn. Aber das muß er tunt" Dabei klopfte der Stock beständig aus die Brust des Pfarrers und Joel fügte drohend hinzu:„Lese er die Schrift und verkündige er das, Wort) Dazu ist er berufen und dafür bekommt er seinen teuren Lohn, aber nicht, daß er schlemme und saufe und mit Spöttern und liederlichem Volk umgehe." Der Pfarrer war dunkelrot geworden und seine Fäuste ballten sich unwillkürlich, während er nach Worten suchte, diesen hochmütigen Bauer zu züchtigen. Aber Joel, der bemeickte, wie die Wut in dem Geistlichen kochte, kain ihm zuvor: „Ich verlange keine Antwort, ich gebe ihm nur einen guten Rak. Er soll darauf handeln und er wird im Frieden mit sich selbst leben. sonst läuft er gradeAvegs der Hölle in den Rachen» Auch nun schönet» Tank von uns beiden!" Würdig und gemessen begaben sich die Gäste zu den Booten am Strande. Für den Bräutigam selbst, sotv-ie sür alle Anwesenden war seine Strafpredigt eine wirkliche Erbauung, lehrreicher und an- regender als ejne Verkündigung in der Kapelle gxtvesen, wohin nie ein Pfarrer kam. Joel trug den Kopf höher und hielt sich ausrechter denn ze. Es War ihm nicht entgangen, daß seine Worte einen tiefen Eindruck auf alle gemacht hatten, sogar der Kaufmann Bolen und sein Sohn blickten mit scheuer Bewunderung zu. ihm auf. der eS gewagt hatte, den Pfarrer selbst anzugreifen» Ebenso selbstbewußt, wie sich Joel bei dieser Gelegenheit gezeigt hatte, blieb er sein Leben hindurch. Aber ein großer Teil des HiligenscheinS, der ihn früher umgab, verblaßte. Die Heirat hatte sein« Stellung geändert und brachte die Inselbewohner dahin, ihn mit anderen Augen zu betrachten». Solange er einsam in seiner kleinen abseits gelegenen» Hütte lebte, war er mit einem geheimnis- vollen Nimbus umgeben, der die Neugierde erregte, der Phantasie Schwung verlieh und den» Zungen, Stoff gab. Als er Hofbauer wurde, wie viele andere, und an einem Ort lebte, wo sein Tun und Lassen zu kontrollieren tvar, schwand das alles. Nichts Merkwürdiges »var an ihm zu sehen, nichts anderes zeichnete ihn aus, als seine herbe Ausdrucksweise und die Steifheit seiner Gliedmaßen. Joels rotgeränderte Augen beobachteten alles, und nichts von dem, was vorging, konnte ihnen entgehen. Er selbst gab nur durch ein gedehntes„Hml" oder ein kurzes Nicken zu erkennen, daß er gehört und gesehen habe. Die ersten, Jahre nach der Hochzeit redete er wie früher im Bethaus, aber seiner Predigt fehlte die alte Kraft. Das Gehöft nahm seine Zeit in Anspruch, daß er nicht dazu kam, über die höheren Dinge zu grübeln. Die tägliche Berührung mit seiner Umgebung richtete seine Blicke auf andere Ziele, und ohne sich dessen bewußt zu sein, stimmte er seine Forderungen herab. Und da er, ohne einen Finger zu rühren» ein begüterter Mann geworden und überhaupt besser Vran»var, erschien ihm alles» in einem neuen und helleren Licht. Aber seine überlegene und sichere Art irnfr Weise behielt er stets, und hartnäckig hielt er an einer ausgesprochenen Ansicht fest, selbst wenn er vom Gegenteil überzeugt wurde. Als Joel schließlich bemerkte, daß man bei den Andachtsswnden ihm nicht mehr mit Tränen und Gewissensangst zuhörte, stellte er seine Predigten ein. Er brachte einige Stunden damit zu, über die Ursache nachzugrübeln, daß seine Worte so wenig Anklang bei den Zuhörern fänden, fertigte dann aber die Frage auf seine rasche Art ab: „Der Herr hat mir die Gabe entzogen»" „Um's Himmelsw-illen, glaubst Du wirklich Joel?" Die Frau, an die er sich gelvandt hatte, blickte ihn ängstlich an. „Er hat»vohl seine Absicht damit," entgegnete er,„und dann nützt's nichts, sich gegen seinen Willen aufzulehnen». Nun höre ich auf." Und Joel hörte ebenso plötzlich auf, als er begonnen hatte, entzog aber der kleinen Gemeinde nicht seine Hand. Die wenigen Mit- glieder, den Spötteleien und selbst dem Hohn der Kinder der Welt ausgesetzt,»varen nicht fest im Glauben und bedursten eines Bei- spicls, zu dem sie aufsehen, und Joel Nord war ihnen ein solches bis an sein Lebensende. Nie wich er einen Zollbreit ab von dem, was er als recht erkannte, auch feilschte er nicht mit seinem Genüssen. Seine Frau stand ihm zur Seite und hals ihm getreulich» Mit ihrem sanften und nachgiebigen Gemüt begehrte sie nicht viel vom Lcbem Da sie einen Mann gefunden hatte, zu dem sie auf- blicken konnte, war sie zufrieden. Joel empfand ihre warme Zu- neigung. und obwohl er jede Sentimentalität verachtete, tvar er ihr dankbar für das, was sie ihm gab. Die beiden Menschen, die zu- saminen alterten, ließen die Jahre ruhig an sich vorüberziehen und glichen, wie Joel sich ausdrückte, zwei Booten, die an denselben Pfahl gekettet waren,»oelchcs Gleichnis ihm so zutreffend erschien, daß er es oft anwendete. Aber obwohl sie ihr Leben auf die beste Art eingerichtet hatten, blieben sie nicht von harten Prüfungen verschont. Nach zehn- jähriger Ebc wurden die Füße der Frau gelähmt, so daß sie sich nur mit größter Mühe fortschleppen konnte. Joel selbst wurde Plötz- lich mit Taubheit geschlagen und vermochte besonders zur Winters- zeit, bei regnerischem und kaltem Wetter, keinen Laut zu hören. Außerdem peinigte ihn die Gicht, die zeitweise seine Glieder ver- renkte und verzerrte. Dann richtete er sich allmählich wieder zu der steifen, eckigen Gestalt auf, die er geworden, aber oft war er auch während der Schmerzen versucht, sein hartes Schicksal anzuklagen. Sein starker Glaube trug jedoch stets den Sieg davon, und äußerte er etwas, war es ein Dankgebet zu ihm. der ihn würdig gesunden, . durch Leiden seinen widerspenstigen Sinn zu läutern, denn zuletzt winke ihm die große und herrliche Gnade. Aus dieser festen Heber- zeugung schöpfte er Trost. Und schließlich war ihm ja auch die See geblieben. Die Liebe zum Meer verließ ihn niemals. Stürmte eS. daß die anderen Inselbewohner Schutz suchten oder sich in ihren Häusern Verkrochen, humpelte Joel Nord hinab zu seiner wackeligen Brücke und nahm Platz in seinem grün angestrichenen Boot. Saß er am Steuerruder und die Wellen schäumten um den Stewen, vergaß er alles andere und genoß das Dasein. Deshalb war auch der Winter mit seiner gezwungenen Gefangenschaft die schwerste Zeit für ihn. Pfiff aber draußen auf dem Meer der Wind ihm um die Ohren und peitschte ihm die Wellen ins Antlitz, regten sich neue Gedanken in seinem Innern. Mährend er einsam über die Fjorde dahin- flog, predigte er mit erhobene Stimme und legte vor den eilenden Winden und schäumenden Wogen Zeugnis von seinem Glauben ab. Und stets fühlte er sich nach solcher Fahrt wunderbar gestärkt. Vierzig Jahre schwanden unter schwerer Arbeit und regelmäßig wiederkehrenden Krankheitsanfällen. Joel Nord und sein Weib waren alt geworden. Aber draußen am Meer, wo ein ganzes Jahr- hundert an der Menschen Tun und Lassen nichts zu ändern vermag, blieb sich alles gleich. Ein neues Geschlecht war herangewachsen und hatte das Erbteil der Väter angetreten, und wanderte in den Fußstapfen der Toten, dachte ihre Gedanken und wußte nicht ein- mal, daß es andere Wege gab. Unter den Gläubigen genoß Joel das Ansehen eines Patri- orchcn. Selten geschah es. daß er das Wort ergriff, dahingegen be- sorgte er die praktischen Angelegenheiten der Gemeinde. Dabei setzte er stets seinen Willen durch, und die Alten folgten ihm, denn sie dachten daran, was er ihnen einst gewesen war. Aber unter den Jüngeren stieß er auf mißbilligenden Widerspruch. Der Kauf- mann Bolen, der von seinem Vater das Geschäft nebst dem Amte eines Schöffen geerbt hatte, war der Anführer der Gegner. Er Ivollte frische Kräfte hinzuziehen und sprach von der Notwendigkeit, sich mit Politik und den kommunalen Angelegenheiten zu beschäfti- gen. Dergleichen Neuerungen waren Joel ein Greuel und er eiferte heftig dagegen. Bolen schwatzte von Steuern, Wegeverbesserung und Reichstagswahlen und gewann viele Anhänger, während Joel seine Borschläge nur mit verächtlichem Schnauben beantwortete, und die Aelteren, namentlich die Frauen, ihm beipflichtend, sich um ihn scharten. So waren die Gläubigen in zwei, einander bekämpfende Par- teien geteilt. Zu offenem Bruch wagte indessen Bolen es nicht zu bringen, er unterwarf fich bis auf weiteres und wartete. Wohl merkte Joel Nord, daß man sich über sein hartnäckiges Nein ärgert«, was für ihn nur ein Grund mehr war, desto fester zu bleiben. „Gottes reines unverfälschtes Wort und nichts anderes," war sein Ultimatum. Der Schöffe hatte jedoch einen besonderen Grund. Joel mit un- freundlichen Augen zu betrachten. Er war nämlich entfernt mit dessen Frau verwandt und nach deren Tode wäre ihm ein Anteil am Gehöft zugefallen, falls sie nicht eine zweite Ehe einge- gangen wäre. sZortseyung folgt.) Sin poiitifcker Elbenreum. Im Jnielverlag zu Leipzig hat H. H. H o u b e n, der verdienst« volle Biograph Gutzkows und der jungdeulichen Literoturbewegung, den.Lebensroman des Mit von Dörring" nach dessen vierbändigen Memoiren-. Frogmenle" bearbeitet herausgegeben. Der .Lebensroman" in seiner jetzigen Gestalt erweist sich als eine einzig- dastehnde Bereicherung der deutschen Memoirenliieratur. Die.Her- kunst des Ferdinand Johannes Wit, gebannt von Dörring, ist ge- heimnisvoll— wie fein Leben. So viel weiß man, daß seine Mutter die Frau eines Pferdehändlers Mit in Altona gewesen ist, die noch ihrer Trennung von diesem einen dänischen Olfizier namenS von Dörring heiratete. Daß aber nicht dieser Wit, sondern der nachmalige französische Justizminister de Serre, der bis 1810 als Präsident des französischen Appellationsgerichls in Hamburg lebte, Ferdinand Johanne« Vater war. wird uns durch Varnbagen von Ense berichtet. Damit hat es wohl auch seine Richtigkeit: denn anders würde die offenbar herzliche Zuneigung und das Interesse de GerreS für den jungen deutschen Abenteurer keine Erklärung finden. Erst siebzehn Jahre alt bezog Wit- Dörring die Universitär Jena. Das studentische Wartburgfcst. das am 18. Oktober 1817 zur Er- innerung an die Reformation und zugleich an die Schlacht bei Leipzig staltfand, sollte für die allgemeine deutsche Burschenschail, die damals gegründet wurde und die Farben schwarz-rot-gold als das Syinbol deutscher Volkseinheit erkor, verhängnisvoll werde». Die an sich harmlose Tatsache, daß bei einer zum Gedächtnis der Völkerschlacht angezündeten Siegesfeier verschiedene mißliebige politische Schriften des Luftspieldichters Kotzebue und- des crzreaktionären preußischen Ministers v. Kamptz u. o. verbrannt wurden, veranlaßte die Regie- runge« sämtlicher s3-t) deutschen Bundesstaaten, alle Landeshochschulen fortan unter polizeiliche Aufsicht zu stellen und die Teilnahme an der Burschenschaft zu verbieten. Von jetzt an kamen in die heimlich weiter bestehen bleibende Burschenschaft freiheitliche Tendenzen hinein, die nach und nach auf republikanische Staatsformen abzielten. Am zumal fand diese geheime politische Jugendbewegung großen Angang; und ihre Verbreiwng auch im Innern Preußens zu be- treiben, war deren Oberhaupt Karl Follenius 1818 nach Jena gc- kommen. Der Bund dieser.Unbedingten", wie fie sich nannten, be- zweckte die republikanische Staatsform, also Beseitigung der Man- archie, wenn nötig, durch Mord. An die Ermordung Kotzebues durch Karl Sand knüpften sich dann bekanntlich die im Sommer 1819 gegen die»demagogischen Umtriebe" gefaßten Karlsbader Beschlüsse. Die Unbedingten, vor allen die Brüder FolleniuS, Wilhelm Snell u. a. flüchteten ins Ausland. Diese kurze Darlegung mußte vorausgeschickt werden, um den Lesern die Beziehungen des jungen Wit-Dörring zu den Geheimbündlern klar zu machen. Wit war, mit Sand, ein ganz Un- bedingter. 1818 war er bereits nach Paris gegongen, um für studentische Flüchtlinge Pässe nach Frankreich zu erwirken. Zurück- gekehrt, wurde er 1819 von Jena relegiert, weil er eingestandener- maßen einen Triumphbogen eingerissen hafte, den der Wirt des Burgkellcrs zu Ehren der verwitweten Kaiserin von Rußland er» richtet hatte. Tatsächlich war dieser Dummejungenstreich von zwei anderen Kommilitonen verübt worden. Wit wollle aber, wie er schreibt, verhüten, daß dieserhalben die ganze Burschenschast an- geklagt würde, daher benannte er sich selbst als Uebeltäter. Aus ähnlichen edlen Beweggründen soll er gehandelt haben, indem er sich auch zur Autorschaft des von Karl FolleniuS verfaßten Bundes- liedeS.Dreißig oder Dreiunddreißig" auch noch lange Jahre nach- her bekannte. Jenes Folleniussche Gedicht lautete: Menschenmenge, große Menschenwüste, Die umsonst der Geistesfrühling grüßte, Reiße, krache endlich, altes Eis! Stürz' in starken, stolzen Meeresstrudeln, Dich auf Knecht und Zwingherrn, die dich hrdestt, Sei ein Volk, ein Freistaati werde heiß! Bleibt im Freiheitskampf das Herz dir frostig, In der Scheide wird dein Schwert dann rostig, Männerwill«, aller Schwerter Schwert; Wird es gar im Fürstenkampf geschwungen, Bald ist es zerschroten, bald zersprungen: Rur im Volkskampf blitzt«S unversehrt. Turmhoch, auf des Bürgers und deS Bauern Nocken, mögt ihr eure Zwingburg mauern, Fürstenmanrer, drei und dreimal �zehn I Babels Herrentum und faule Weichheit Bricbt mit Blitz und Donner Freiheit. Gleichheit, Gotlheit aus der Menschheit Matterwehn. In beiden Fällen handelt Wit jedoch aus großprahlerifcher Eitelkeit, mit der seine Charakterlosigkeit, wie sich bald zeigen sollte, Hand in Hand ging. Da nun seines Bleibens nicht mehr in Deutsch- land war, flück-tete er noch England. Und von jetzt an beginnt sein politisches Abenteuerleben, wobei fich denn seine Jannsnatur in voller Deutlichkeit enthüllte. Einigermaßen läßt fich diese Anlage aus seiner Jugendlichkeit erklären. Kaum ein neunzehnjähriger Bursche, wird er dank gewichtiger Empfehlungen in den SalonS der höchsten Geburts- und GeisteSaristokratie gleich von Anfang an siir voll genommen, demgemäß mit Auszeichnung behandelt und jedes Vertrauens gewürdigt. Ein gerstreicher Blender bewegt er sich sehr sicher in jener exklusiven Gesellschaft. Hinzukam, daß er durch mrlimonarchische, revolutionäre Aufsätze über die damalige politische Lage Deutschlands, die er im„Mornmg Chronicle" der- öffentlrchte, im Handumdrehen zum Ansehen eines bedeutenden Schriftstellers gelangte, was ihm allerdings eher schädlich als nützlich" wurde. Jene Artikel verfehlten nicht, bei den deutschen Regierungen großes Anstehen zu machen und der preußische Gesandte erhob Be- schwerdc, der die Londoner Geheimpolizei insoweit Gehör schenkte, als fie den kecken„Revolutionär" bewachen ließ. Rasch kam dieser selbst auch dahin. Schlauheit mit Vorsicht zu verbinden. In den Zirkeln der Liberalen und besonders der fremdländischen Republikaner propagierte er den Umsturz; in den Salons englischer HochtorieS und„Ministerieller" spielte er den Etockaristoftatcn. Ja, er betrieb dies Täuickmiigsmaiivver soweit, daß er—.natürlich anonym und im größten Geheimnisie"— im ministeriellen„Courier" gegen seine eigenen zuvor im„Morning Chroirrcle" publizierten revolutionären Artikel ickiarf zu Felde zog. Das hmderle ihn aber nicht, von Paris aus zugleich auch in„Cottas Allgemeiner Zeitung" um vierteljährlich 1000 Fr.'monarchische Gesinnung zu heucheln und nebenher sowohl mir der,„ärgsten Ultras"(FolleniuS u. a.i, den französischen Ministeriellen und den Jakobinern in ständiger Fühlung zu verbleiben— teils aus Furcht vor seinen burschenschaftlicbcn Freunden, teils aus Eitelkeit. DaS er- weist er einerseits durch seine Bemühungen um die Gründung eines„liberalen Aristokratenbundes", andererseits dadurck-, daß er, während er mit den Unbedingten ein Herz und eine Seele zu sein vorgibt, gerade deren geheime Konspirationen und umstürzlerische Anschläge ihren ärgsten Feinden verrät. Mehr als einmal macht er, angeblich anS Besorgnis für das allgemeine Wohl der Völker und Regierungen den gemeinen Denunzianten, Nichtsdestoweniger muß et vor der Polizei verschiedener Staaten von Land zu Land fllichten und wird er jahrelang in italienischen, östereichischcn und deutschen Eefäuguisscn als politischer Verbrecher festgehalten. Keine Behörde traute ihm, denn jed« hielt ihn für einen Spion gefährlichster Art. Ob er im Solde dieser oder jener Regierung gestanden, weih man nicht! er selbst bestreitet es auf das eutschiedcufte. Er will nur immer aus edlen Beweggriiiiden gehandelt haben. Fortgesetzt fliehen ihm allenthalben, auf Flüchtlingswegen wie in Gefängnissen, nach eigener Angabe,„bedeutende Summen" sowie eine bestimmte jährliche Pension, angeblich von feinem Vater— dann doch nur von de Serre in Paris!— zu. Und wie prompt hilft ihm stets eine Staatsbehörde vor der anderen, die sich seiner bemächtigen möchte, durch Evrtistoats xartienliers oder Pässe über die Grenze? Je»ach dem Vorherrschen republikanischer oder nionarchiftischer Machtfaktoren stehen ihm LegitimationSpapiere in zweierlei Art zu Gebote. Allerorts erstehen ihm Beschützer, die entweder einflußreiche Damen der höchsten Gesellschaft oder— das macht am ehesten stutzig— nieistens hohe diplomatische, staatliche und militärische Würdenträger waren. Die Zusammenhänge sind— wenn auch noch nicht erwiesen, jedenfalls nur in der Richtung außer- ordentlicher Dienste, die zu Gegendiensten verpflichteten, zu suchen. Im Jabre 1821 sagt er sich„feierlichst" von jeder Gemeinschaft mit den Revolutionären loS, treibt sich aber doch ständig unter ihnen und ausgemachten Polizeispioncn herum, die ihm stets bekannt sind. Ja. er übernimmt sogar das Gencralinspektorat der Karbonaria— obgleich er Freund der bestehenden staat- lichen„Ordnung", also strikter Gegner jeder„gewaltsamen Umwälzung" ist. Daß Wit sowohl die revolutionären Um- triebe der Karbonari, wie auch später aller geheimen Gesell- schaften an Metternich, an den Kaiser von Rußland und andere Potentaten, sei es in Briefen, sei es in anonymen Druckschriften, un- nachsichtlich preisgab, um sich als Anhänger des„legitimen" Regimes zu empfehlen, gibt er mehrfach selber zu. Die deutschen Vurichen- fchaiten hatten also recht daran getan, daß sie ihm mißtrauten: und Karl FolleniuS hatte ihn richtig erkannt, weiin er zu ihm sagte: »Wäre ei» Freistaat in Deutschland begründet worden und hätten auch deine Bestrebungen vorzugsweise es soweit gebracht, so mußtest du dennoch fallen; denn du taugtest für keine Re- publik."... Mit anderen Worten: Wit war ein elender Intrigant, ein kauf- licher Spion, ein Deimnzia.'t.„Was nur Mittel sein sollte, die Intrige— gesteht er an anderer Stelle von sich— wurde nur Zweck! wie ein Knabe Kartenhäuser baut, und, kaum mit dem einen fertig, es wieder zerstört, um sich ein anderes zu errichten, so gab ich mich mit Leib und Seele einer Sache hin; kaum aber sah ich da? glückliche Ende vor mir, als ich schon davon absprang und mut- willig das kaum Vollendete vernichtete, um nur ein neues wieder beginnen zu können." Er trug einen Jauuskopf, urteilte der Graf Alexander Girardin von ih«i. Nnd so blieb es auch. Wohl hatte Wit seit seiner Verheiratung im Jahre 1823 mit einer sehr reichen Dame als Gutsbesitzer ein stilles Leben geführt. Aber doch mir scheinbar. Wie erklärte es sich sonst, daß ihn sowohl die deutschen Behörden wie die Demokraten beargwöhnten? Im ersten Baude von„Moritz Hartmanns Leben und Werke", herausgegeben von Dr. Otto Wittner(Prag 1303), können wirs in Moritz HarNnannt lalfzeichmingen nachlesen. 1848, als dieser, mir Robert Blum»,ad mehreren anderen Abgeordneten des Krankfurtcr Parlaments nach Oesterreich reiste, um den Wienern im bevorstehenden Kampfe beizustehen, wurden sie im Breslauer Bahn- Hos„auf ein verrottetes SchnapSgesicht, das auf eincin ziemlich Srobkörnigeu Körper saß. aufmerksam gen, acht, und wurde uns dieses nichts weniger als Sympathie einflößende Gesicht als dem Hern, Wit-Dörring gehörig bezeichnet, desselben Wit-Dörring, der schon allen Polizeien diente.... Im Jahre 1848 war er in Schlesien ansässig, hatte daselbst, wie man uns sagte, eine Branntwein- brenucrei und niachte den Agenten der Junker-, vielleicht auck der Jesuitenpartei. Robert Blum sagte, als er uns gezeigt wurde:„Es sollte mich wundern, wenn es der Edle nicht versuchte, uns irgendwelche Unannehmlichkeiten zu bereiten."... So war es denn auch, als sie in Ratibor angekommen waren. In der Ratiborer Bahnhofsrestauration batteu die Frankfurter Senlüolen, kaum wenige Minuten nach dem Eintritt Wits, eine Erfrischung zu sich genommen— und schon börten sie im Publikum hie und da ihren Namen flüstern ,md sahen sie mit Fingern auf sich deuten. Als sie wieder einstiegen, hatte sich bereits das Gerücht verbreitet:„die Mörder LichnowSkys" seien da. Der Bahnhofsperron wurde von Herbeiströmenden überfüllt und durch die Menge drängten sich plötzlich von allen Seilen Offiziere hindurch, die dann, einer nach dem anderen, inS Wagenfenster gleich wilden Tieren hineinslarrtei.� etliche Schimpfworte murmelten und weiter gingen, um anderen Platz zu machen.„Es blieb bei», Ge- murmel, beim Hin- und Hergehen, bei,,, Hereinstarreu, bis sich der Zug nach ungefähr einer halben oder dreiviertel Stunde in Be- wegung fetzte. Jetzt erst erhob sich ein hörbares Schimpfen." Wit- Dorring, der alte Intrigant, hat hier zweifellos einen Angriff gegen die Demokraten'anzeLllu wollen. Ohnedies zum tompli tze.r Reaktionär herabgesunken, landete W,t als hoher Fünfziger in der österreichischen Staatskanzlei und soll togar katholiich geworden sein. Geistig völlig gebrochen starb er am V. Oktober 1863. Wenn man seinen Memoiren trauen könnte, wäre Wir ein Genie ohnegleichen gewesen— so fabelhafte Helden- «erantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.---- Druck m'Verlag? taten weiß er von sich zu melden. Aber selbst, wenn man auf Schritt und Tritt offenen Widersprüchen und berechtigten Zweifeln unterworfen ist, eins muß doch anerkannt werden: diese Auf« zeichnuugeir sind der glänzendste Abenteurerroman, der je ge- schrieben wurde: und ihr Urheber war ein so phantasievoller und geistreicher Erzähler, wie er ein verächtlicher politischer Lump und geriebener Nänkespinner gewesen ist. Ernst K r e o w s k i. kleines feuilleton. Geisteskranke als Objekte religiöser Verehrung. Au? allen Zeiten sind Beispiele bekannt, wo Geistes- und Nervenkranke als Heilige verehrt oder als Besessene verfolgt wurden. Immer ist es dabei die Vorstellung, daß die Störung des Geistes, die Aenderung der Persönlichkeit, durch eine übernatürliche Macht hervorgerufen wird. In Rußland koinmt es heute noch vor, daß notorische Geistes- kranke von, Volk als Heilige verehrt werden. Und zwar handelt es sich nicht nur um Epileptiker und Hysterische, sondern meistens um verblödete Menschen. In einem Fall war der verblödete, schmutzige Geisteskranke sogar- Insasse eines Moskauer Spitals für Geistes- kranke. Trotzdem drängten sich seine Anbeter scharenweise in die Zelle, ließen sich von ihm segnen und mit allerlei Schmutz und Unrat begießen und salben, ließen sich von ihm prophezeien. Das Krankenhaus und die Aerzte ließen das Treiben zu, aus dem Grunde, weil das Krankenhaus arm war und wenig Subsistenz- mittel besaß und man aus die Tarbringungen und Geschenke rech- nete. Gerade die Krankheitserscheinungen find es, die die Aufmerk- samkeit des gläubigen, abergläubischen Volkes aus sich ziehen. Wenn die betreffenden Kranken in Schnmtz und Lumpen gehen, wenn, sie alle ihre Sachen weggeben, ihren Namen vergessen, ihre Bekannten nicht erkennen oder erkennen wollen, so wird dies für höchste Selbst» Verleugnung gehalten, die allem Irdischen Valet gesagt hat. Die unmotivierten Stimmunysänderungen, das Schimpfen. Fluchen, die plötzlichen Gewalttaten, das alles wird auf Versuchungen des bösen Geistes zurückgeführt, und je verwirrter und dunkler die Spracke des Kranken, desto mehr Weisheit enthält sie, mit desto gläubigerem Staunen wird sie aufgenommen. Naturwissenschaftliches. Die Natur im ewigen Schnee. Eine wissenschaftliche Gründung, für die man in Italien«inen besonderen Stolz empfin- dct, ist die Höhenwarte für Naturforschung im Gebiet des Monte Rosa. Der vor kurzem verstorbene Professor Angela Mosso, der zu seiner Zeit bcdcukendstc italienische Physiologe, hatte zuerst auf die Veranstaltung regelmäßiger Naturstudien in großen Meeres- höhen hingearbeitet. Er hatte sich vorsuchsweise bereits auf den Calle d'Olen eingerichtet nnd wünschte„un. deren Fortsetzung in feste Bahnen zu lenlen. Jetzt besteht ein sogenanntes Observato- rium für phhsikömctcorologische Forschung in drei � verschiedenen Stationen innerhalb jenes Bezirks. Die Hauptstation befindet sich 1200 Meter über dem Meeresspiegel bei Alagna im Balscsia, eine zweite bei 3300 Metern in der Nähe des genannten Calle d'Olen, die dritte endlich auf einer der höchsten Spitzen des Monte Rosa in einer Erbebung von 4560 Metern. Die Forschungen auf und am Monte Rosa beziehen sich außer den Wetterbeobachtungen auf die gesamte belebte und unbelebte Natur im Hochgebirge jenseits der Schneegrenze im Vergleich zu tieferen Regionen, und zwar wird dabei ein besonderes Gewicht auch auf das Ergehen des Men- sehen im Hockigebirge gerichtet. Ein Mitarbeiter des Lancct bringt eine Uebcrsicht der Arbeiten, die während des letzten Jahres an diesen Instituten ausgeführt worden sind. Prof. Galcotti von der Universität Neapel hat eine Reihe von Versuchen angestellt, um die Ausscheidung von Wasser durch die menschlichen Lungen im Zu- stand der Ruhe und in dem der Ermüdung zu ermitteln. Prof. Parodi aus Genua hat wichtige Untersuchungen über die AuSschei- dung der Nebennieren durch Experimente an Hunden vollendet. Unablässig fortgesetzt werden die von Mosso eingeleiteten For- schlingen über die Hautatmung unter den, Einflnh verschiedener klimatischen Bedingungen. Es hat sich jetzt gezeigt, daß auf der Höhe des Monte Rosa infolge der stärkeren Inanspruchnahme der gesamten körperlichen Leistungsfähigkeit eine gesteigerte Ausschci- dung von Kochsalz durch die Haut geschieht. Bei einer einzigen Höbentour verlor auf diese Weise eine der Versuchspersonen fast 6 Kilogramm an Gewicht. Nach Beendigung der Tour war der Salzgehalt des Körpers so herabgesetzt, daß der betreffende Herr einen fast unheimlichen Hunger nach gesalzenen Speisen empfand und ihm auch genügte, um das gestörte Gleichgewicht in der Chemie seines Körpers wieder herzustellen. Außer den italienischen For- scher», deren Zahl fünf betrug, hat die Höhenwartc des Monte Rosa in diesem Jahr auch Ausländern eine vorübergehende Heimat und Gelegenheit zu Studien geboten. Dr. Cohnheim aus Heidelberg und Dr. Laquer aus Frankfurt studierten die Blutcrncucrung bei Hunden, um die wichtige Frage zu lösen, ob ein bleichsüchtiger Körper in größerer Höhe schneller als in der Ebene zur Anreicherung des roten Blutfarbstoffes gelangen kann. Diese Frage ist jetzt zu» gunsten des Hochgebirgsklimas entschieden worden.___ vorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSlngertEo.,Berltt»S>V.