Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 213. Freitag, den 1. November. 1912 (Kachdrua perdolen� t] Die Oberwälder. Von Alfred Bock. 1. Das Dorf liegt im hohen Vogelsberg. Es lehnt sich an eine jener zahlreichen Kuppen, die in den wunderlichsten Formen den langgestreckten Bergrücken überragen. Von der Höhe des Kegels schauen vier Basaltsäulen ins Land. Wenn die Sonne sie überglänzt, prangen sie in leuchtendem Blau, bei düsterem Himmel kleiden sie sich in drohendes Schwarz, daß die Kinder drunten ein Gruseln befällt. Das Dorf, das an siebenhundert Seelen zählt, ist uralt, denn es wird schon im elften Jahrhundert in einer Urkunde des Klosters zu Fulda genannt. Fern von den viel begangenen Völkerstraßen hat es doch der Gifthauch der großen Kriege berührt. Anno 1634 brach ein Trupp Kroaten ein und führte Hausrat und Vieh hinweg. Ein paar herzhafte Männer, die sich zur Wehr setzten, wurden erbarmungslos niedergemacht. Im öfter- reichischen Erbfolgekrieg schütteten die Franzofen den Hafer, den sie gewaltsam eingetrieben, in der Dorskirche zuhauf. Während der Revoluftonskriege plünderten und zerstörten die Soldaten des Generals Hoche Haus für Haus. Das Busö�verk, hinter dem sich die Weiber und Kinder verbargen, heißt bis auf den heutigen Tag die Seufzerhecke. Allen Be° drängnissen und Wirrsalen entgegen bauten die Dörfler ihre Wohnungen wieder auf und gewannen der mageren Scholle ab, wessen sie für ihre Lebsucht brauchten. Als im Jahre 1848 der Sturm der Märzrevolution über die deutschen Lande brauste, war es einzig der lange Schauß in der Siebenhäuser- gasse, der sich mit dem Gedanken einer Staatsumwälzung be- faßte. Er erschien denn auch vor der Behausung des Dorf- oberhauptes und schrie:„Wir wollen eine Republik I" Der Bürgermeister schob den dicken Kopf zum Fenster heraus und rief:„Die Republik is schon da!"„So," sagte der Um- stürzler,„dann is es gut." Und ging an seine Arbeit. 1876 schickte das Dorf zwölf seiner stramm gewachsenen Söhne ins Feld. Acht kehrten heil zurück, vier mußten in Frankreich ihr Leben lassen. Allgemein war der Glaube verbreitet, daß der Kriegslärm bald wieder anheben werde. Wie nun der Friede geschlossen war, wie sich's allerorts regte und rührte, kam die neue Zeit aus der Niederung ins Gebirge herauf. Sie verhieß den Bauern ein goldenes Leben. Die aber kehrten ihr den Rücken. In harter Arbeit gestählt, rauh wie die un- wirtliche Natur hielten sie in zähem Beharren am Alten, Her- gebrachten fest. Mitten durch das Dorf strömt ein klarer Bach. Im Sommer hat er nicht viel zu bedeuten. Im Frühling, wenn der Schnee im Oberwald schmilzt, zeigt er sich als ein wilder Gesell, der den Anwohnern manchen Schabernack spielt. Hüben und drüben, planlos angelegt, ziehen sich die Gassen und Gäßchen hin. Auf der einen Seite haben sich die kleinen, auf der andern die großen Bauern seßhaft gemacht. Beide leben in ständiger Fehde. Wegen der Fischereigerechtigkeit schlugen sie eine förmliche Schlacht, wobei es blutige Köpfe setzte' und ein Pächter auf dem Platze blieb. Eine Zeitlang war's dann still, bis beim Vollzug der Feldbereinigung die Zänkereien aufs neue begannen. Diesem trotzigen Geschlecht ist die Streitsucht eingepflanzt. Der Kreisrat, der feit zwanzig Jahren seines Amtes waltet und kein Mittel unver- sucht läßt, die Hadernden zu versöhnen, hat letzthin zum Bürgermeister gesprochen:„Ich gäb was drumm, wenn ich in die Dickköpfe einmal hineingucken könnt."„Das is eso," hat sich der Bürgermeister geäußert.„Ich sein gewiß der schlechtst Hirt net und laß für die Herd mein Leben. Aber hier macht der eine haar und der andere hoit(links und rechts), und is alles ein Deiwel!" Der Bürgermeister ist ein schlauer Patron, bläst warm und kalt aus einem Mund und will sich mit allen halten.— Es war in der ersten Hälfte des April. Früher als sonst war der scharfe Nordost einem milden Südwest gewichen. Die Erlen am Bach hatten sich mit Kätzchen geschmückt, und auf den Wiesen wagte sich unter den kräftig emporschießenden Gräsern der Himmelsschlllssel heraus. In den Häusern wurde die Ofenbank leer. Die Hütebuben trieben das Vieh auf die Weiden, die Männer legten die Hand an den Pflug. f Drei Stunden lang hatte der Peter Margolf auf seiner 'Gewann am hohen Rain gezackert. Der Boden war steinig und gab nicht viel her. Die Zugochsen quälten sich ab. Auch der Bauer holte sich einen nassen Buckel. Bei sinkendem Tage kehrte er rackemüd heim. An der Hofreite empfing ihn seine Tochter, die Marie, und goß einen Eimer voll Wasser über den Pflug. Nun würde die Aussaat gedeihen. Der Peter entjochte die Tiere und versorgte sie mit reich- lichem Futter, dessen sie jetzt, wo die Arbeit sich häufte, mehr denn je bedurften. Dann rief er seiner Tochter zu, er wolle vor der Nachtsuppe noch ein Schnäpschen trinken, und ging drei Häuser weiter in den„Ritter". Er war ein großer, breitschulteriger Mann, der die Fünfzig überschritten hatte. Auf dem machtigen Nacken saß ein wohlgebildeter Kopf. Aus dem glattrasierten Gesicht sprang eine starke Nase vor. Die blaugrauen Augen waren von buschigen Brauen überwölbt. Das kurz gehaltene, leicht ergraute Haupthaar wuchs bis in die Stirn hinein. In der Wirtsstube, einem ziemlich großen, wenig sauberen Raum, der von Tabaksqualm erfüllt war. traf der Peter vorn am langen Tisch den Krämerskarl, den Walk- mllller und den Butternickel. Im Hintergrund saßen der Hannjust und der kleine Kumps. Der Wirt, ein hoher Sech- ziger, dem das Kupfer aus dem Gesicht schlug, stand an die Wand gelehnt und lauschte der Unterhaltung. Es wurde von der Witterung gesprochen. Frühmorgens hatten die Steine geschwitzt. Das deutete auf Regen. Man mußte sich beeilen, die Kartoffeln zu setzen. Die einen hatten eine neue Sorte bezogen, die die Landwirtschaftskammer empfahl, die andern waren bei ihrer alten geblieben. Das Gespräch, das im Zick- zack lief, beschäftigte sich mit den Entwässerungsanlagen auf dem Bruch, mft der Feuerlöschordnung, mit dem Pfarrer und sprang dann auf die Feldbereinigung über, die, obzwar sie nach langem Widerstreit durchgeführt war, das Dorf noch immer in Atem hielt. Es war ein öffentliches Geheimnis, daß gar mancher unter den Bauern sich kein Gewissen daraus machte, krumme Furchen zu ziehen und vonr Nachbarfeld ein Stück abzuzackern. Der Geschädigte wehrte sich. In der Regel kam's aber so, daß der geringe Mann den kürzeren zog. Nun hatten die Wohlhabenden durchgesetzt, daß vor der Zusammen- legung der Grundstücke alles neu vermessen wurde. Der Antrag der kleineu Besitzer aber, wonach die Angaben des �Grundbuchs bei der Bereinigung maßgebend sein sollten, hatte nicht die nötige Unterstützung gefunden. Die Großen schoben die Kleinen beiseite und heimsten den Vorteil ein, sofern die Liegenschaften im Laufe der Jahre nach Form und Flächen- inhalt ein wesentlich anderes Aussehen gewonnen hatten. Indessen rief später die Verteilung der Ersatzgrundstückc auf beiden Seiten Verstimmtheit wach. „Ich Hab da droben am hohen Rain ein schön Ackerding erwischt," rasaunerte der Peter Margolf.„Da vergeht einem, weiß Gott, die Lust am Bauerieren." „Du mußt halt Korn drauf ziehen," spöttelte der Walk- müller,„dernachert kannst du's den Leut' emal weisen, wie man aus Stein' Brot macht." „Stein' hin, Stein' her," rief der kleine Kumps,„der Peter braucht sich net zu beschweren." „Dumni Gedrätsch." wandte sich der Margolf gegen den Sprecher.„Ich Hab' bei dere Bereinigung nir profenticrt." „'s kost' mich ein Lach! Als wüßt' man's net, dii hast dein Schäfche geschoren." Der Peter spuckte verächtlich aus. „Was geb' ich auf dein' Zorn!" „Nur langsam mit den armen Leut," erwiderte der kleine Kumps schlagfertig,„'s sein� ere gar viel." „Wer sich mit euch Lappanier einläßt, der schmeißt sich selbst aufs Maul," trat ihm der Butternickel entgegen.«Ein Glück, daß ibr's net aus'm Aermel zisselt. Wann ihr auf den Gaul kommt, reit' euch kein Teufel vor." „Dich kann man in deiner eigenen Butter braten, und du wirst net besser," brach jetzt der Hannjust los.„Wie bat der Pfarrer Sonntag gesprochen?„Es werden allezeft Arme im Lande sein. Und wer sich der Armen erbarmt, der ehrt Gott." Gelle, das is für dich französisch?'s is doch eso, daß du keinem was gunnst. Und gäbst ein Aug' drum wann der andre keins hätt'l" Des Butternickels Faust fiel schwer auf den Tisch. „Lauskrämer, du seist besoffen!" Der Hannjust sprang auf, tat ein paar Schritte vor- wärts und schrie:„Glüh sollst du gehn! Sag's noch emal. Du hast schon mehr schlag heimgebracht!" Der Butternickel erhob sich. Sein Gesicht war duukelrot. Die zwei, so schien's, gerieten aneinander. In diesem Augen- blick öffnete sich die Tür, und der Ortsdiener trat mit dem Polenschmied ein. Der Polizeimann hatte sofort die Situation erfaßt und herrschte den Hanns''.st an:„Protokollmacher, gelle, du seist Wieder im Dampf?" „Ich will mich mit keinem verkrämern," versetzte der Hannjust, sich zur Ruhe zwingend.„Ich kann nur das Ge- prahl davorn net hören." �_ Der Ortsdiener klopfte ihm unsanft auf die Schulter. „Jreundche, paß emal acht, wie ich dir die Nägel schneid'. Eins, zwei, drei und du sitzst im Loch!" Der Hannjust winkte seinem Genossen, dem kleinen Kumps.„Komm!" Beide zahlten ihre Zeche und gingen. ■„Geschirr wie Gczeug!" schickte der Butternickel ihnen nach. Nachdem die Ankömmlinge erfahren hatten, wie der Streit entstanden war, wobei gegen die„Lappanier" Schmäh- reden aufflogen wie Raketen, rief der Walkmüller:„schorsch, ich geb' was aus. Rundigherum ein Dippchc Bier!" Der Wirt beeilte sich, die Gläser zu füllen. „Habt ihr's dann schon gehört," sagte der Polenschmied, neben dem Peter Margolf Platz nehmend,„der Kappes am Hirschcck is wieder i; der Reih." Darüber wunderte man sich baß, denn man hätte für das Leben des Kranken, der seit Wochen bettlägerig war und stark an Atemnot litt, keinen Pfifferling mehr gegeben. „Gest' vor acht Tag' wollt ich ihn besuchen," berichtete der Polenschmied,„da schlief he. Ich tat mich ein wink setzen. Auf einnml wurd' he wach, aber he sah mich net.„Ammiche," spricht er wider seine Frau,„wie wird's dann mit unserm Werk gehn, wann ich net mehr da bin? Ich mein' als, du könntst der Sach' allein net vorstehn. Wie wär's, wann du dem Nachbar sein' Konrad nähmst? Der is schon bei Jahren und is ein verständiger Mannskerl."„Ja," heult die Frau, „an den Hab' ich auch schon gedacht." Ich war murrcmaus- still und dacht' für wich, da wird's bald ein' Handschlag geben. Wie he wieder eingcdusselt toM, drückt ich mich. Diesen Morgen geh' ich am Hirscheck vorbei. Was seh' ich? Mein' Kappes. Und spaziert, weiß Gott, im Hof erum. „Ei, Kappes," sag' ich,„seist du's oder seist du's net?"„Ja," spricht er,„ich sein's." No verzählt er mir, der Dokter könnt' ihm net helfen,'s is aber ein Mann bei ihm gewcst, aus Brauerschwend. Der nahm ein' Stuhl und wickelt Kordel drum. Ein ganzes Gebund. Dernachert macht er ein Gesahn (Zauberspruch) herunter. Von der Stund' an hat der Kappes Luft gehabt. Und krag auch wieder Appetit." Der Polenschmied hielt inne, nahm eine kräftigen Schluck und schloß: „He is nu durch, und ich sein um eine Hochzeit kommen." „Was net all passiert in d-w Welt!" brummelte der Walk- Müller behaglich vor sich hin. Allerlei Krankheiten wurden besprochen. Die Meinung herrschte vor, man sollte sich» dreimal überlegen, ehe man sein Geld zum Doktor und Apotheker trug. Die Hauptsache war. gründlich schwitzen und die Heilung der Natur überlassen. Freilich, ein„Gesahn" zur rechten Zeit hatte oft schon Wunder gewirkt. Damit war der Gesprächsstoff erschöpft. Ter Peter Mar- golf rief:„Allo!" Der Wirt, in der Absicht, die Gäste noch festzuhalten, gab eine Geschichte zum besten, die ihm heut brühwarm erzählt worden war. Der Dürrhanues am Heg'cwg hatte im„Stern" über die Gebühr lang Solo gespielt icd hatte gar noch einen Rausch mit nach Hause gebracht. Seine Frau nahm das krumm und bestraste ihn gegen ihre Gewohnheit niit eisigem Schweigen. Am andern Morgen ging der Hannes aus eine Holzversteige- rung. Wie er heimkam, fragte er seine Haüsehre treuherzig: „Hast du das Vieh gefüttert?" Keine Antwort. „Wie weit seist du dann*nt deiner Arbeit?" Wieder keine Antwort. (Fortsetzimg folgt.) f] Daa JNIeer. Bon Gustaf I a n s o«. Indessen begaben sich Andersson und zwei andere wohlhabend« Gesinnungsgenossen eines Sonntagsmorgen nach Hällan, um den allgemeinen Beschluß kundzutun. „Du bist gerufen, Dich zu verantworten." trompete Andersson Joel ins Ohr. „Und wenn ich nicht komme?" fragte Joel blinzelnd, wobei er nichts weniger als schuldbewußt aussah. „Traust Dich nicht, was?" Damit hatte er die rechte Saite angeschlagen, und Joel richtete sich mit einemmal in die Höhe. „Ich werde kommen," versprach er. Mit dem Bescheid mußten sich die Abgesandten zufrieden geben. „Du kannst ja immer die Vaterschaft verleugnen," meint« Andersson, der sich mit Bolen verabredet hatte,„das haben tüch- tigere Kerle vor Dir getan." Joel tat, als höre er nicht, worauf die Drei gingen. Eine Weile blickte ihnen Joel nach. Dann lachte er spöttisch und ging hinein zu seiner Frau. Diese hatte alles durchs offene Fenster mit angehört. „Du denkst doch nicht dran, die Wahrheit abzuleugnen," he» gann sie. „Geschehn ist geschehn, daran ist nichts zu ändern", entgegnete er gelagen,„der ist'n Lump, der nicht wagt, für sein Tun ein- zustehen." Genau dieselben Worte wiederholte er am folgenden Sonntag im Bcthans. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und er be» gegnete den vielen feindlichen Blicken mit kalter Uebcrlegenhcit. „Sünder!" erscholl es durch die Reihen. „Das sind wir wohl alle mit'nander soviel ich weiß, und besser Ivird's nicht, ob wir auch noch soviel wegleugnen, was wahr ist. Aber da man mich hierher gebeten hat, um mich zu verant- Worten, wie Ihr's nennt. Null ich vor so vielen Zeugen als möglich erklären,.daß's üllüjdchen mein ist, und daß sie das Gehöft nach mir erben wird." „Verstockter, Du lästerst!" schrie Bolen. „Er lästert!" summte die wohleinstudicrte Gemeinde nach. Joel legte die Hand hinters Ohr, um besser hören zu können. Sobald er da» Wort„Lästerer" aufgefangen hatte, lachte er spöttisch und fragte: „Wollt Ihr mehr von mir?" „Geh, und komm nie mehr Hierherl" Damit wies Bolen auf die Tür. „Geh, gehl" stimjnie die Versammlung ein. Eine Weile zauderte Joel, um sich alle diese zornfunkelnden Augen einzuprägen, dann wandte er sich um und ging. Daß er nicht in der Tür das Haupt neigte, erhöhte das Aergernis, und seit dem Tage wurde er von den Gesinnungsgenossen nie anders als der„Verstockte" genannt. Joel sah ein, daß man es nicht bei dieser Rache bewenden lassen würde, die ihn obenein in den Augen der Kinder der Welt hob. deren Beifall er jedoch nicht begehrte. Aber er hatte nicht er- wartet, daß man Elfrida bearbeiten würde, was indessen geschah. Durch Mutter Bctulander, die sich besonders dazu eignete, redete man dem Mädchen ein, daß an ihr ein schreckliches Unrecht be- gangen sei. Es währte lange, bevor Elfrida das geringste begriff. Sie war von Anfang an froh gewesen, daß das Kind von seinem Vater anerkannt wurde. Als man aber eine Zeit lang ihr unauf- hörlich in die Ohren getutet hatte, daß sie unverantwortlich be- handelt worden sei, glaubte sie es schließlich und änderte ihr Be- nehmen. Sie schnauzte ihre Herrschaft an und versäumte ihre Pflichten, iichem sie den Bauern Besuche abstattete, Kaffee trank und sich beklagen ließ. Und in dem Maße, als das Mitleid mit Elfrida wuchs, steigerte sich der Unwille gegen Joel Nord. Man begegnete ihm mit Miß- trauen oder unverhehlter Verachtung, auch spielt« man ihm manchen bösen Streich. Als er Oeman's Fischerboot leihen wollte, um mit dem Kinde zur Kirche zu fahren, wurde es ihm verweigert. Oeman befand sich zu der Zeit in Geldverlegenheit und war demnach geistlich gesinnt, und daß er sogar gegen Bezahlung Joels Bitte abschlug, war der beste Beweis für seinen wahren Glauben. Infolgedessen versprach ihm auch Bolen späterhin einen Vorschuß. TaS Kind wurde trotzdem getauft, denn die Brüder Oester- man beförderten die Eltern und Gevattern zur Kirche, und ihnen war es zu danken, daß Joel als Vater des Kindes ins Kirchenbuch eingetragen wurde. Das Mädchen ward Hildegard getauft. Auch auf andere Weise zeigte man Joel Nord, daß er als der Stein des Anstoßes galt, den anzuspeien viele für ihre Pflicht hielten. Er ober sachte darüber, denn er wußte, daß er ein großer Sünder vor Gott und Menschen war, weshalb er mit dankbarem Herzen seine wohlverdiente Strafe entgegennahm. Daß alle gegen ihn waren und ihm so viel Böses als nur möglich zufügten, schenkte ihm gerade die feste Hoffnung auf Lohn in einer anderen Welt. Und allmählich richtete diese GlaubenSzuversicht ihn in seinen eigenen Augen auf und flößte ihm Mut ein, den Blicken der Nach- barn und früheren Gesinnungsgenossen mit dem alten heraus- fordernden Trotz zu begegnen. Während des ganzen Frühjahrs uhb einen! Teil des Sommers hatte er stillschweigend zugesehen, wie Oman seine Netze in Hällans Wasser auslegte, als ihm eines Tages der Geduldsfaden riß. Viel sagte er nicht, als er Oman in seinem Hause aufsuchte, ober es genügte, daß die ganze Familie Oeman über ihn herfiel und Joel Nord eine Mnute später die Treppe kopfüber im Hof anlangte. Hinter ihm her fuhr Oeman mit hochrotem Gesicht und geballten Fäusten. Und kaum hatte der alte Joel daran denken können sich aufzurichten, bevor Oeman sich über ihn warf. Zwar waren die Kräfte ungleich verteilt, als aber„Oesterman s Jungs" und noch einige andere dazukamen und die Kämpfer auseinander gebracht hatten, war der alte Joel am besten davongekommen. Oeman's eine Auge total zugefchwollen, auch hinkte er bedenklich. während Joel bereit war, sobald es gewünscht würde, von neuem zu beginnen. „Siehst Du", wandte er sich seinem Gegner zu,„alt bin ich und viele Kräfte sind nicht übrig; aber gilt's, ein Rindvieh zu züchtigen, so hilft mir unser Herrgott. Denk dranl" Und mit der Haltung eines Siegers, begrüßt vom Beifall der Umstehenden, kehrte er nach Hällan zurück. Heimgekommen nahm er die Bibel herab und las drei Kapitel hintereinander. Heiß und heftig strömte sein Blut durch die Adern und seine Stimme dröhnte durchs Haus. Er fühlte sich jung und tatkräftig. Im Bett lag seine Frau mit gefalteten Händen. Ihre Augen glänzten und der zahnlose Mund lächelte. Als Joel fertig war, klappte er das Buch zu und stützte beide Fäuste darauf, während er die Augen zur Decke erhob. Seine Lippen bewegten sich im stummen Gebet, das mit einer Frage endigte: „Soll das Rindvieh nicht eins auf die Schnauze kriegen, sag's Herr?" Seine Augen hingen unverwandt an der Decke, als er- warte er die Antwort von dort oben. Dann lachte er über's ganze Geficht und nickte. Danke, Herrgott im Himmel! Du bist«in ge- rechter Gott, und kommt mir Oeman in den Weg, schlage ich zu. Amen!" Darauf wandte er sich an seine Frau und fuhr fort:„Nun weiß ich's, eine Stimme in meiner Brust hat's mir gesagt. Man soll nie aus dem Wege geh'n; man soll für sein Tun einsteh'n." Seit dem Tage war Joel Nord ein anderer. Froh und trotzig begegnete er jedem Blick und beantwortete jegliche Anrede mit schlauem Blinzeln und einer spaßhaften Bemerkung. Das frühere Mißtrauen, hauptsächlich durch seine Taubheit genährt, war ver- schwunden, und obwohl er selten hörte, was gesprochen wurde, lachte er herzlich mit. „'s hat so wenig zu bedeuten, waS die Leute schwatzen", er- klärte er;„ich habe Friede mit mir selbst gewonnen, und hier drinne antwortet eine Stimme auf alle Fragen." Bei diesen Worten drückte er die knochige Hand auf die Brust, blinzelte und lachte. Dabei schien die hagere, gichtbrüchige Gestalt zu wachsen und stolzerhobenen Hauptes ging er elastischeren Schrittes als zuvor. Die Veränderung, die mit Joel auf seinen alten Tagen vor fich gegangen war, brachte ihm auch äußere Vorteile,«o ver- mietete er sein Haus an Sommergäste und bezog selbst die Hütte am Strande. Und draußen in den Schären, wo jede Krone den doppelten Wert besaß, erhöhte ein derartiges Einkommen das An- sehen. Auf diese Weise ward Joels Alter heller und froher, und er wurde wieder der Mann, auf den man hörte. Aber die Gläubigen murrten und steckten ihre Köpfe zusammen. Daß es Joel so gut ging, war ihnen ein Dorn im Auge. Besonders erbittert war der Schöffe Bolen. „Wartet man, bis die Alte tot ist, dann könnt Ihr was er- leben", prahlte er. Sein Geschwätz erreichte auch Mutter Nords Ohren. Lange grübelte sie darüber nach, dann schickte sie zu den Brüdern Oesterman. „Vor vielen Jahren sprach Euer Vater mal von'nem Testa- ment und tMglcichen", begann sie, als Alexander und Bernhard an ihrem Bett saßen.„Ihr braucht nicht mit Joel davon zu roden, denn er ist ja stocktaub. Und merkt er was, kann er auf dem Ohr nicht hören. Deshalb wollt ich Euch fragen, ob Ihr die Sache für mich in Ordnung bringen wollt. Man weiß ja nie, wann einem die Stunde schlägt, so ist's am besten, man hat das Seinige getan." (Fortsetzung folgt.). l)er I�aubenkolonift. In den Laubenkolonien ist jetzt Kehraus gemacht. Die Früh- froste mahnten zeitig dazu, einzuernten und alles in Sicherheit zu bringen, was dem Winter entrissen werden kann. So sieht es denn jetzt draußen traurig aus. Die Bäume und Sträucher sind ent- blättert, das falbe Laub deckt Beete und Wege, und überall da, wo nicht gleich nach der Ernte das Düngen und Graben der brach- liegenden Beete in Angriff genommen wurde, beherrscht noch das Unkraut die Parzellen. Gelegentliche Frühfröste stören es wenig; Kreuzkraut, Vogelmiere u. a. grünen und blühen lustig weiter, reisen ihre Samen und streuen sie auS, und im Frühling ist man dann erstaunt darüber, wo all das Uilfcaut herkommt, das immer und immer wenige Tage nach dem Graben und Behacken zu Taufen- den hervorsprießt, Abgesehen von den ausdauernden staudenartigen Gemüsen, wie Rhabarbar, Estragon, Schnittlauch u. a.. gibt es auch verschiedene einjährige Gemüsearten, d kommen, die eine erste Auskunft der Petroleumerzeugung der ganzen Welt«während des vorigen Jahres gibt. Die Ziffern sind von der Landesuuteus uchuwg der Vereinigten Staaten gesammelt und in ihrem Bulletin veröffent- licht worden. Alle Länder, in denen überhaupt Erdöl gewonnen w-ird, haben eine Zunahme der Produktion zu verzeichnen gehabt, mit einziger Ausnahme von Kanada. Der Gesamtertrag belief sich auf etwas mehr als Millionen metrische Tonnen, was eine Zunahme gegen das Vorjahr um rund 2,7 Millionen Tannen be- deutet. Davon lieferten die Vereinigten Staaten nahezu zwei Drittel, genauer 63,8 v. H. oder der Menge nach fast 36 Millionen Tonnen. Die Zunahme der Förderung in den Bereingten Staaten seit 1616 wird auf 1,4 Millionen angegeben. An zweiter Stelle unter den Petroleumländern der Erde steht bekanntlich Rußland mit mehr als 9 Millionen Tonnen. Ungefähr gleich reihen sich Galizien� Rumänien und das holländische Ostindien an, indem jedes Dieser Länder rund IMi Millionen Tonnen zum Weltertrag beigesteuert hat. Sie sind aber sämtlich in überraschender Weise geschlagen worden von Mexiko, wo sich innerhalb eines JahreS die Gewinnung von Petroleum auf mehr als das Vierfache gehoben hat, nämlich von 446 666 Tonnen auf fast 1,9 Millionen Tonnen. In den Ver» einigten Staaten find die Preise für Erdöl übrigens in den ein- zelnen Staaten an der Quelle selbst sehr verschieden. Am billigsten war es während des vorigen Jahres in den Staaten Kalifornien und Oklahoma, die allerdings auch den weitaus größten Ertrag lieferten. Kalifornien wird bald an Erdöl mehr verdienen als an Gold. Daun folgten die Staaten Illinois, Pennsylvamen, Texas. Louisiana, Kansas, Kolorado, Westvirginia und New Dork. In den letzten beiden Staaten war der Preis fast dreimal höher als in Kalifornien. Die Vereinigten Staaten sind übrigens auch mit der Petroleumfeuerung in der Kriegsmarine im letzten Jahr sehr vor- angekommen, und zwei neue im Bau begriffene Schlachtschiffe werden sogar ausschließlich Oelfeuerung erhalten. Im laufenden Jahr wird der Verbrauch der amerikanischen Marine an Erdöl bereits auf fast eine Million Hektoliter geschätzt. Aus dem Tierreiche. Eine neue Art von Wirbeltieren. Gondwaüaland, dieser versunkene Erdteil der Urwelt, der auf der Südhalbkugel Afrika mit Indien verband, war von einer Tierwelt bevölkert, wie sie so wunderlich und seltsam nie wieder gesehen worden ist. Ein Geschöpf dieses verschollenen Kontinents, der in der Jurazeit unter- ging und an dessen Stelle der Indische Ozean trat, lebt noch in unsere Tage hinüber und ist erst vor kurzem in den nachtdunkleN Wäldern des holländischen Neuguinea entdeckt worden. Von diesem merkwürdigsten Tier des australischen Erdteils, dem„Vlies- i g e l", erzählt Wilhelm Bölsche in„Ueber Land und Meer". Die Gondwanatiere glichen teils Reptilien, teils Säugetieren, teils war es, als wolle sich in ihnen ein ganz neuer dritter Typus bilden, der aus den verschiedenen Tierklassen grotesk zusammen- gestückelt war. An diese phantastische Laune der Natur aus Ur- Weltstagen erinnert heute noch das sagenumwobene Schnabeltier. Schon vor Jahren wies ein einzelner Schädel die erste Spur, daß in Australien große Landschnabeltiere vorkämen; nach und nach aber hat eS sich herausgestellt, daß das eigentliche Entfaltungs- gebiet dieser Landschnabeltiere in unseren Tagen Neuguinea ist. Hier wohnen mehrere jener großen Sorten, für die man den Namen„Vliesigel" erfunden hat, wenngleich'die meisten dieser Arten kein weiches Vlies, sondern wirkliche Stacheln besitzen. Zum erstenmal ist ein solcher lang- und dickstacheliger Vlies- igel in den Zoologischen Garten zu Amsterdam lebend gelangt. Fast wie ein winziger Elefant sieht dieser einzigartige Geselle aus: der Schnabel biegt sich zu einem gewaltigen krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein; der Leib wird bei diesem Stacheltier von hohen, ganz elefantenartigen Säulenbeinen getragen. Dazu kommen noch die stark ausgebildeten äußeren Ohrmuscheln. Und doch hat dieser„Elefant von Neuguinea" in WahrhMt nichts mit einem Elefanten zu tun; er ist vielmehr der letzte Bote aus jenem geheimnisvollen untergegangenen Gondwanaland, der Vertreter einer neuen Klasse der Wirbeltiere, die nach der Ansicht mancher Zoologen gleichwertig neben Reptilien, Vögeln und Säugetieren stehen müßte. Diese Schnabeltiere sind ja keine echten Säugetiere, denn man weiß, daß sie den der Schildkröten ähnliche Eier legen und daß ihre Bluttemperatur je nach der äußeren Luftwärme steigt und fällt, eine Eigenschaft, die die wechselwarmen Reptilien von den dauerwarmen Säugetieren unterscheidet. Nun haben sie aber bereits das Haar des Säugetieres, wenigstens in der Form von Stacheln, und ihre Jungen werden noch im Ei durch Säfte des Mutterleibes, später aber durch eine Art Muttermilch selbst ge- nährt. Mischbildungen zwischen Reptil und Säugetier sind sie, geradeso wie jene alten Gondwanatiere, die Saurier und saurier- ähnlichen Wesen, in deren Knochenbau Reptil und Säugetier gleich- sam miteinander rangen und daneben eine dritte Klasse sich durch- zukämpfen schien. Je genauer in letzter Zeit das Gesamtgcrippe dieser uralten Tiere bekannt wurde bis fast in jede Einzelheit, desto sieghafter machten sich die Uebereinstimmungen zwischen den Sauriern und den Schnabeltieren geltend. Berantw. Redakteur: Alfred Wielen, Neukölln.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingertCo., Berlin