NnterhaltungsMatt des Nr. 217. Donnerstag den 7. Novembern 1912 (Nachdruck verbalen� SZ Die Oberwälder. Von Alfred Bock. Weilandt legte feine Säge beifeite und schritt auf die Margolfsmarie zu, die ihren Eimer unter die Röhre gestellt hatte. ..Was sagst du zu dem Wetter, Marie? Gestern mocht man keinen Hund vor die Tür jagen, und heut ist's so schön." „Ich glaub net, daß es Bestand hat, Herr Lehrer. Wir haben Unterluft. Etz heißt's geschanzt. Wer beim schlechten Wetter zugucken will, muß beim guten schaffen." -„Bist heut schon fleißig gewesen?" „Ich Hab Salat gesät." „Wo habt ihr den Samen her?" „Früher haben wir ihn von einem Träger aus Gries- heim genommen. Da sein wir ein paarmal angeführt worden. Etz hat ihn mein Vater aus Erfurt kommen lassen. Da wissen wir, was wir haben." Sie setzte den überlaufenden Eimer beiseite und band ihre Schürze fest, die sich gelockert hatte., „Herr Lehrer, ich muß Ihnen was verzählen." „Ja, Marie." „Die Nacht hat mir was Komisches geträumt." „Und ich soll dir's auslegen, gelt?" „Horchen Sic emal zu.'s war gegen Abend. Und der Himmel war glühendig rot. Ich Patschelt drunten in der Hirtzlach herum. Und auf einem Molthüwel(Erdhaufen) stand uns' alter Pfarrer. Und der sprach wider mich:„Marie, deine Fittich' sind jetzt groß genug, schnätz dich in die Reih' und flieg!" Und auf einmal gespürt ich, daß ich flog. Hui, wie hoch! Bis in die Wolken hinauf. Dadrüber sein ich wach geworden. Ich Hab ja schon mehr so närrisch' Zeug geträumt. Aber is das net kurios? Diesen Morgen is ein Brief von der Frau Pfarrer aus Darmstadt kommen." „An dich?" „Ja. Sie schreibt, ob ich mich net emal drauß' in der Welt umsehen wollt. Sie wüßt ein' Platz für mich, wo ich die feinere Hausarbeit lernen könnt. Und's war ein guter Platz. Beim Herrn Fabrikant Peters. Und ich sollt gleich Antwort schicken." „Ja, willst du denn fort?" fragte Weilandt betroffen. Sie senkte den Kopf. „Gucken Sie, Herr Lehrer. Sonntags geh ich als auf der Kreisstraß' spazieren. Da stehn die Telegraphenstangen. Und der Wind singt in dem Drahtwerk. Und da hör ich gar viel. Und das Drahtwerk is über die ganz' Welt gespannt. Und manchmal is mir's, als tät eins rufen:„Du mußt dem Glück cntgegenmarschieren. Hier kannst du dich nur mit einem Aug' freuen, draußen kannst du's mit zwei." Etz auf'n Stupp könnt ich ja net fort. Erst müßt inein Vater eins für mich nehmen. Sie dürfen mich net für überecks halten. 's is net wegen dere wunderbunten Welt,'s gedenkt mir auch, was die Frau Pfarrer gesagt hat:„Wer in einem fremden Haus dient, lernt sein eignes regieren." Wie sie so eifrig, ja entschlossen sprach, befiel Weilandt eine Unruhe, die er nur mühsam verbarg. Er hatte ihr die Bücher gegeben, hatte vielleicht in ihr geweckt, was sie jetzt aus der Enge ins Weite drängte. Ob ihr Vater sie gehen ließ, war freilich zweifelhaft. Und doch, wenn sie ihren Kopf daraussetzte, wer wollte sie halten? Ein Mädchenherz war veränderlich. Hatte sie einmal die Heimat verlassen, dann, fürchtete er, war sie ihm verloren. „Marie," sagte er mit gepreßter Stimme,„wer wandern will, muß seinen Weg auch kennen. Kennst du ihn denn? Ich glaub's nicht. Hier gehst du aufrecht durchs Dorf. Draußen mußt du dich bücken. Und wer sich blickt, der merkt erst, was er trägt. Mit zwei Augen, sprichst du, willst du dich freuen. Ja, Freude und Freude ist zweierlei. Weißt du denn, was sie da drunten Freude nennen? Ich glaub's nicht, Marie. Ich weiß es. Ich hab's gesehen, in was für Sorgen und Nöten sie stecken. Und wie sie sich Hetzen, daß man als- fort meint, der wilde Jäger tät vom Oberwald über die Helgcnäcker fahren. Und wenn sie dann tollen und sich lustieren, wollen sie bloß verdeckeln, was in ihnen rabastert und rumort. Guck, Marie, ich bin meiner Lebtag kein Kopf- Hänger gewesen. Ich will dir was heimlich sagen. Ich wav auch einmal drunten aus Rand und Band. Und Hab' mich selbst kuriert. Und hab's erfahren: nur eine Freude hat wahrhaft Bestand. Die kommt aus dem Bewußtsein heraus, daß man seine Pflicht tut in der Welt. Deswegen brauchst du nicht abzuwandern." Er hatte mit wachsender Wärme gesprochen. Sie hing an seinen Lippen, wie sie als Schulkind getan. „Du willst dem Glück entgegeunlarschieren," kam er zu Ende.„Guck, Marie, über das Glück Hab ich auch schon oft siinuliert. Den einen besucht's, und er hält's nicht fest. Der andere läuft, Gott weiß wie weit danach und hat's daheim. Hast du dir nicht schon einmal überlegt, worin das Glück denn eigentlich liegt. Ich Hab mir's vielmal überlegt und komm immer zum selben Schluß: Von Grund aus glücklich ist nur der, der einen anderen glücklich macht. Guck, Marie, ich kenn dich wie keiner sonst. Du hast's in dir. daß du ein' glücklich machen kannst. Aber deswegen brauchst du nicht ab- zuwandern. Ich mein, darüber müssen wir noch einmal sprechen— du und ich!" „Ja, Herr Lehrer," sagte sie leise, das Gesicht von einem frohen Staunen verklärt. Und ihr Blick ruhte voll auf ihm. Nun wußte er's: sie ging nicht fortz� 3. Der Völbelsheinrich gedachte eine frischmelkende Kuh zu verkaufen. Obwohl sein Nachbar, der Daniel Moll, ein an- nehmbares Gebot darauf tat, getraute er sich nicht, den Handel abzuschließen, sondern sprach den Löb Heymann aus Dirlammen um seine Vermittlung an. Dem schuldete er gegen sechshundert Mark, die sich im Laufe der Jahre angesummt hatten. Der Vieh- Händler kaufte die Kuh, gab sie an den Daniel Moll weiter und steckte den Nutzen ein. Es waren ihrer mehr, die bei dem Löb in der Kreide standen. Im Dorf hätte ihnen schwerlich jemand ein größeres Darlehn gewährt, der Löb riskierte es. Dafür hielt er sie an der Kette. Meist.war das Vieh, mit dem sie wirtschafteten, sein Eigentum. Waren die Tiere heraus- gefüttert, holte er sie ab und brachte mageren Ersatz. Er lieferte auch Kittel, Hosen- und Hemdenzeug, und was man sonst in der Haushaltung brauchte. Von den Tauschhändeln erfuhr man so gut wie nichts. Die sich darauf einließen, hatten allen Grund zu schweigen, und der Löb nannte grw'.d- sätzlich keinen Namen. Eh' er heut seine Schuldner besuchte, trat er bei dem Krämerskarl in den Laden und kaufte ein Päckchen Knaster. Er war ein Mann in den besten Jahren mit einem seltsam geformten, fast viereckigen Schädel. Zum Schutz gegen seine empfindlichen Augen trug er in den Ohrläppchen kleine goldene Ringe. Er sprach sehr rasch und begleitete seine Worte mit lebhaften Handbewegungen. „No, Löb," fragte ihn der Kaufmann,„hast du dein Ec- schäft gemacht?" Der Löb wiegte den Kopf hin und her. „Mit Reißen und Schmeißen." „Das wär' ein schlechter Handel, wo du nix profitierst." „Ich will dir was sagen. Karl. Mancher Handel is wie ein Igel. Greift man ihn an, sticht man sich." „Babberlababb! Du siehst dich vor." «Was heißt heutzutag vorsehen? Eh' man die Augen ausgeputzt hat, legt sich einer um. Und ich find mein Geld auch net im Dreck." „Das ist tvahr." „'s is überhaupt nix mehr los. Wenn ich so denk, was Hab ich früher allein für Maschinen verkauft. Alleweil be- sorgen sie die Genosienschaftcn. Wo die Spatzen kein' Weizen fressen, da sein ich immer noch Hoflieferant." Der Kaufmann kam hinter dem Ladentisch hervor. „Tröst dich mit mir, Löb. Von den dicken Bauern kann ich auch nicht leben, die kleinen müssen den Sporcsrassel(das Geld) bringen." Der Händler kniff das linke Auge zu. „So lang's dauert! Gest' war ich in Storndors. Und kam ein Bekannter bei mich, der hat ein' Pack Nägel auf'm Arm.„No." sagt ich.„was schaffst du?"-..An meiner Knall- Hütt'," spricht er.„gibt's alsfort was zu reparieren." Die Nägel, verzählt er. Hütt er früher beim Kaufmann Hanful am Bach geholt. Der nahm ihm fürs Pfund zwanzig Pfennig ab. Etz holt er sie im Konsum und kriegt sie für neun. Und wie mit den Nägeln ging's mit vielen Artikeln. Der Konsum tät glänzende Geschäfte machen, tät Dividende bezahlen bis dort enaus. Ich kenn den Kaufmann Hansul.'s is ein braver Mann und is ein solider Mann. Nu hat er die War' sitzen und wird sie net los. Oder er muß sie verfchlaudern. Guck, Karl, ich gunn dir gewiß alles Gute, aber der Konsum bleibt hier auch net aus. Die früher vor Dalles Weißbrot aßen, die rufen etz Teller, und die Wurst liegt drauf. Die Welt geht emal den Weg. Und sich dagegen auflehnen, heißt den spitzen Mäusen gepfiffen." Also sprach der Löb, setzte feine Pfeife in Brand und entfernte sich. Der Krämerskarl war keiner von denen, die sich so leicht ins Bockshorn jagen ließen� Und doch gaben ihm die Worte des Händlers zu denken. Allenthalben schössen die Konsumvereine wie die Pilze aus dem Boden. Kam es im Dorf dazu, erwuchs ihm eine schwere Konkurrenz. Seine Mittel waren gering, er verborgte viel und mußte Kredit in Anspruch nehmen. Anders der Konsumverein. Der würde von vornherein über ein erkleckliches Kapital verfügen, würde bar bezahlen und bei den Lieferanten die Preise drücken. Ein geschlossener Abnehmerkreis erhielt das Geschäft in flottem Betrieb. Derweil würde er hinter seinem Ladentisch sitzen und wie ein Bettler auf die Pfennige warten. Ehedem hatte die Buckelhanne an der Wolfskaut den Alleinhandel in Spezerei- waren gehabt. Wer den Weg in die Stadt scheute, ging zu ihr und bezahlte, was sie forderte. Und das war nicht wenig. sFortsetziing folgt.) Zcymbf die Braut Türkische Skizze von Mehmet Sadi. DaS Dorf lag in tiefem Schlummer. Die Felsgipfel reckten sich am stillen, grauen Horizont. Noch war die Sonne nicht auf- gegangen an diesem frischen Morgen im Mai. Die grünen Korn- flüren, auf denen hier und da rote Mohnblumen leuchteten, bebten im Hauche leichter Zephyrlüfte, und der ganze Osten schimmerte wie ein Perlmuttgemäldc. Vor einem verschlossenen Stall aus der weißen, mit Staub und Stroh bedeckten Dorfftratze, neben einer Egge nnt zerbrochenen Rädern, begrüßten zwei Ochsen den erwachenden Tag mit dumpfem Brüllen, und hier und da in der Ebene begannen die Hähne zu antworten. Den dicken, weißen Kops zwischen den Pfoten, lag ein Schäferhund da und schlief. Zeyneb schlug die Augen auf, und ihr sehnsüchtiger Blick ruhte auf den Dingen um sie her. Die grobe Zimmevecke aus Erde war bedeckt mit zahllosen Fliegen. Durch das Fenster, dessen zer- brochene Scheiben von Papiersterncn zusammengehalten wurde», glitt ein trübes Licht herein und liebkoste das bleiche Antlitz der schönen Zeyneb. Auf einem Wandbrett standen zwei Gläser zwischen zinnernen Schüsseln, und alles dies sah so schläfrig aus... Zeyneb träumte. Endlich erhob sie sich und ging auf den Hof. Eine Kuh und einige Ziegen, die an einer Mauer lagen, wendeten die Köpfe nach der Seite— die Kuh brummte und die Ziegen meckerten leise. Zeyneb nahm zwei Holzkrüge, die bei der Tür standen, und ging zur Quelle. Sie schritt durchs feuchte Gras, das ihr die Füße und den Saum ihres Gelvandes netzte. Tann stieg sie zwischen den Stcinwändcn hinab, indem sie sich an den Kanten festhielt. Endlich füllte sie die Krüge, hob dann den Kopf und blickte, zu den hohen Felsen hinauf. Die Sonne Ivar aufgegangen. Von der Wiese, wo sie die Nacht verbracht, kehrte die Dorfherde heim, und das Meckern der Ziegen drang durch die Stille des Morgens. Langsam ging Zeyneb den steinigen Weg wieder hinauf. Vom Aufstieg ermüdet, warf sie sich dann an einer Böschung unter einen Strauch. Aus den Schornstemen der Hütten stieg blauer Rauch iik die stille Luft. Sinnend lag Zeyneb da, und die Vergangenheit mit allen ihnen trüben und heiteren Stunden zog an ihrem Geiste vorüber. Sic war zwanzig Jahre alt, und ihr ganzes Leben kam ihr kaum so lang vor wie ein Tag. Schon früh hatte sie erfahren, daß die Mutter gestorben, als sie zur Welt kam, und so hatte ihr die Mutterliebe von ihrem ersten Tage an gefehlt. Eine Rabenstiesi mutier hatte sie aufgezogen. Tech auch diese sefilief nun seit zwei Jahren auf dem kleinen Kirchhof, auf dem kein Baum seil n Schatten warf. So lebte sie nun in dieser Hütte, die mit dem bloßen Boden und der Decke aus Erde eher einem Grabe denn einer menschlichen Behausung ähnlich sah. Sie lebte da mit den beiden Brüdern und dem Vater, den das Alter von Tag zu Tag tiefer zur Erde beugte. Nun erhob sie sich wieder und setzte ihren Gang fort. Aber die Krüge waren schver, und beim Kirchhof mußte sie sich abermals ausruhen. Lämmer und Schafe zogen vorüber, von einem Mädchen bewacht. „Hadidja", fragte Zehneb das Kind,„sind unsere auch dabei?" Hadidja lächelte und nickte bejahend mit dem Kopfe. Und Zeyneb begann zu träumen. Es wäre so schön, Ivenn sie wieder Schäferin werden könnte, wie sie es schon mit acht Jahren war, und an nichts zu denken brauchte.... Ja. Hassan! Ach. wer weiß, in welcher glühenden Sandwüste er zu dieser Stunde wartet... die armen Augen müde vom ewigen Spähen zum Horizont... vergeblich auf eine Nachricht aus der Heimat hoffend. Auf dem Friedhofe traf sie sich früher mit Hassan. Mit nackten Füßen, den Fes zerrissen, das Hemd in Fetzen, den Stock in der Hand und das Brot im Sack, der ihm an der Seite hing— so führte er von Zeit zu Zeit seine Herde her, und sie konnten sich treffen. Er war ihr Cousin. Man hatte sie schon als Kind miteinander verlobt. Sie war so einfach, diese Verlobung! Auf den zerrissenen Fes des Knaben wurde ein blauer Knopf genäht, und dem Mädchen band man ein buntes Tuch um den Kopf. Dann hüteten die beiden Verlobten die Herden gemeinsam und saßen vom Morgen bis zum Abend auf dem sonnigen Kirchhof. Die Jahre verstrichen. Dann ging Hassan zu den Soldaten und sagte Zeyneb Lebewohl mit dem Versprechen: „In drei Jahren komme ich wieder. Warte auf mich. Ein Jahr vergeht ja. ohne daß man es bemerkt." Und er war gegangen— mit stillem Weinen hatten sie Abschied genommen. Man wußte nicht recht, in welches Land sie ihn geschickt hatten. Die Heimkehrenden sprachen von Städten und Dörfern, umgeben von schönen Feldern oder Tannenwäldern. Aber es gab ja auch ein Land, aus dem man nicht wiederkehrt, und wenn man diesen Namen aussprach, sah man die Greise ihren Bart streicheln, die alten Großmütter den Kopf wiegen und die jungen Frauen mit dem Schleier die Tränen in den Augen trocknen. Ein weites, weites Land! Gewässer mutzte man durchqueren und glühende Länder. bevor man dahin gelangte. Dort hatte der Feldhüter seine drei Söhne verloren, und er sagte, es sei eine Hölle. Sechs Monate später aber kam ein Brief von Hassan, den er dort geschrieben. So war er also dort! Zeyneb aber dachte noch immer: „Sie brauchen doch nicht unbedingt alle zu sterben, die in jenem Lande sind!" Ein Jahr lang kamen die Briefe. Hassan schrieb, eine satanische Sonne brenne ihm auf den Schädel und seine Füße würden im Sande geröstet. Und zuweilen setze er sich im Schatten eines Hauses nieder, und dann denke er an die große Birke in seinem Heimatdorfe.... Doch nun kam schon seit zwölf Monaten nichts mehr, und nie- mand, der aus jenem Lande zurückgekehrt wäre und Nachricht ge- bracht hätte. Und deshalb glänzten Tränen in den Augen der jungen Braut. Sie sah Hassan im Schatten eines kahlen Strauches liegen, im heißen Sande, der gewiß der schattenlosen, ausgedörrten Einöde hinter dem Dorfe glich— sie sah ihn, wie er auf Nachrichten wartete und sich verzehrte in Verzweiflung und Einsamkeit. Dieser Ge- danke peinigte sie. Die Tränen entstürzten ihren Augen reichlicher und es war ihr, als käme ein heißer Atem von dort wie aus der Hölle und versenge ihr das Herz.... Sie ging in die Hütte. Vor dem Herde trank ihr Vater seinen Mokka und die kleinen Brüder nagten an einem Stüch Knoblauch. Der Greis betrachtete sie zärtlich, und sie bemerkte eine geheime Bitterkeit, die in seinen Augen lag. Auch er litt unter Hassans Schweigen, denn Hassan war seine ganze Hoffnung. Zuweilen be-> gegnete er dem Feldhüter und sprach dann lange mit ihm über das böse Land, das ihm seine Söhne genommen. Und sie sprachen da- von, und der Flurhüter seufzte und warf einen mitleidigen Blick auf Zeyneb. Dann weinten die beiden Brüder, still und schweigend. Noch gestern abend hatten sie davon geredet, und es war, als sei ein Feucrwind durchs Dorf gerast und habe die Dächer aus schwarzer Erde versenkt.... Zeyneb ließ den Krug bei der Tür stehen und ging dann in den Hof. In der kleinen Moschee hatte der Muezzin zum Mittags- gebet gerufen. Die glühende Sonne hatte nun den Zenith erreicht, und die Tiere flüchteten in den schmalen Schatten zu Füßen der Mauern. Nur ein paar Hühner liefen in der Nähe der Moschee umher und umringten einen Hahn, der ein einzelnes Getreidekorn im Schnabel hielt. Da drang eine scharfe Stimme durch die Ruhe des Torfes: „Heda, Flurhüterl" Das Gewehr auf dem Rücken, die Reitpeitsche in der Hand. stieg eben ein Gendarm vom Pferde. Diese Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer zwischen den alten Hütten. Halbnackte Kinder spähten an der Straßenecke und auf den Dächern/ Zögernd steckten die Frauen den Kopf durch die halbgeöffneten Türen, und die Männer hatten sich respektvoll vor der Moschee aufgestellt: In einer Hagebuttcnlaube waren Teppiche und Polsterkissen ausgebreitet, die man aus dem Hause des Bürgermeisters geholt. Der Flurhüter war herbeigeeilt, um frisches Gras fürs Pferd zu suchen. Stolz schritt nun der Gendarm herbei und setzte sich auf den Teppich. Der Bürgermeister selbst führte sein Pferd umher, doch der Gendarm sagte noch nichts. In ängstlicher Erwartung umringten ihn die Bauern. Es wurde Kaffee getrunken, und nur um etwas zu sagen, fragte der Gendarm den Bürgermeister: „Ihr habt den Rest Eurer Steuern noch nicht bezahlt!" „Das ganze Dorf erbebte. „Wenn es Gott gefällt", antwortete der Bürgermeister,„so be- zahlen wir alle unsere Schulden bei der Ernte. Augenblicklich besitzen wir nichts." Dann sagte der Gendarm, er hätte noch im nächsten Dorfe zu tun, zog einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Bürger- meister. Dann stieg er aufs Pferd und ritt fort. Da atmete das ganze Dorf auf. Der Bürgermeister öffnete den Umschlag. Sie warteten auf den Jmam, der den Brief lesen sollte. Endlich geschah es— Hassans Erbschaft kam aus dem Satanslande und die Behörde suchte seine Erben. Achtundsiebzig Piaster und ein Schaf! Mit Tränen in den Augen kehrte Zehnebs Vater heim. Zeyncbs Herz war bedrückt, als sie ihn nur sah, und sie fragte ihn. Er aber antwortete nicht, umarmte sie und die Tränen rollten ihm in den weißen Bart.... Noch immer sieht Zehneb, die Braut, ihren Hassan vor Augen, wie er im Schatten eines dürren Strauches auf dem heißen Sande sitzt und auf eine fröhliche Botschaft aus dem Heimatdörfchen ivartet, und sieht ihn sterben, einsam und verzweifelt.... (Deutsch von H. Hesse.) Oer Verbrecber. Der Laie versteht unter Geisteskrankheit im allgemeinen einen Zustand, der„vernünftiges" Denken ausschließt. Die einzelnen krankhaften Züge im Wesen eines Menschen, der ihm sonst gesund erscheint, weil er ganz vernünftig denkt, sieht er nicht als Zeichen einer Geisteskrankheit an. Bestenfalls sind es in den Augen der Laien„Schrullen", die Folgen„schlechter Erziehung" oder „schlechter Gesellschaft", die einen sonst normalen Menschen zum Sonderling, der in seinen Wünschen und Neigungen— ob gut oder böse— von den übrigen Leuten abweicht, machen, oder ihn auf die abschüssige Bahn gesetzwidriger Handlungen führen. Es ist bekannt, daß vor mehreren Jahrzehnten der italienische Gelehrte Lombroso die Theorie aufgestellt hat, daß wir in den meisten Verbrechern kranke Leute vor uns haben, daß es einen besonderen Verbrecheriypus gebe. Lombroso glaubte, die körper- lichen Zeichen, die dem Verbrecher schlechtweg eigen sind, genau erkannt zu haben. Die meisten Gelehrten lehnen heute die Theorie Lombrosos über den„Verbrechertypus" ab. Aber die eingehenden Spezialuntersuchungen der Irrenärzte in den der- schiedencn Ländern haben gezeigt, daß, wenn es einen bestimmten Verbrechertypus auch nicht gibt, doch ein großer Teil der Vcr- brecher als geisteskranke Leute anzusehen sind. Nicht„verrückt", wie der Laie jeden Geisteskranken auffassen möchte! Aber mit trankhaften Zügen behaftet, deren Bedeutung als Zeichen eines kranken Geistes und deren Beziehungen zum Verbrechen den forschenden Blicken des Arztes nicht entgehen. Zunächst ist hier die große Armee der Bettler, der Arbeits- scheuen und Landstreicher zu nennen. Von ihnen sollen 75 Pro- zcnt angeborene geistige Defekte zeigen. Ihre Arbeitsscheu ist eigentlich eine Arbeitsunfähigkeit, sie haben einen Wandertrieb, der sie von Ort zu Ort treibt, in moralischen Dingen sind sie völlig gleichgültig, der größte Teil von ihnen sind Trinker. Alle diese Dinge erwachsen bei ihnen auf der Grundlage ihrer ange- borenen geistigen Schwäche. Auch ein großer Teil der Zuhälter und der allerlei dunkle Geschäfte betreibenden Existenzen gehört in diese Gruppe der Ausgestoßenen der Gesellschaft hinein. Bietet sich die Gelegenheit, so wird der Bettler, der Arbeits- scheue, der Vagabund zum Verbrecher. Er begeht einen ein- fachen Diebstahl, vollbringt einen Einbruch, macht sich eines Sitt- lichkeitSvcrbrechens schuldig. Sein ganzes Leben ist eine Kette kürzerer oder längerer Freiheitsstrafen, unterbrochen durch Land- streicherei und Aufenthalt in Asylen für Obdachlose. Diese Gewohnheitsverbrecher stammen fast durchweg aus den ärmeren Klassen der Gesellschaft. Sie sind Kinder von Bettlern oder Landstreichern und uneheliche Kinder. Mit der Feststellung dieser Tatsache kommen wir zu einem anderen wichtigen Moment, das mit herangezogen werden muß, wenn wir das Verbrechertum begreifen wollen. Das sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Verbrecher machen. Damit, daß einer angeborene geistige Defekte hat, ist er noch durchaus nicht zum Verbrecher bestimmt. Seine Unfähigkeit, sich im vielgestaltigen Leben zu orientieren, die sittlichen Anforde- rungen, die das Zusammenleben der Menschen erheischt, zu bc- greifen und ihnen gerecht zu werden, die Unfähigkeit, seine Jnter- essen auf irgend einem Punkte— sei es Arbeit und Schaffen, oder Weib und Familie, von höbcren Genüssen gar nicht zu sprechen— zu konzentrieren, das alles macht ihn noch nicht zum Verbrecher. Wir treffen in den sehr wohlhabenden Schichten sehr häufig Leute mit ausgesprochenen geistigen Defekten an, ohne daß sie Verbrecher wären. Sie sind häufig sogar sehr gern gc- schene Glieder der„goldenen Jugend"— die Anforderungen, dix ein Saufgelage an einen stellt, sind wirklich nicht allzu groß, als daß sie ihnen nicht entsprechen könnten. In dem Moment aber, wo der reiche Bummler mit geistigen und sittlichen Defekter» in Geldverlegenheiten kommt, weil er sein Verniögen vergeudet hat oder weil seine Airgehörigen ihn im Stiche gelassen haben, ist die Gelegenheit für den ersten Konflikt mit dem Gesetz gegeben, Der Weg ehrlicher— und sei es auch„standesgemäßer"— Arbeit ist ihm wegen seiner krankhaften Anlagen verschlossen. Ell wird zum Falschspieler, zum großzügigen Zechpreller; zum Wechsel-, fälscher. Wie häufig haben wir Gelegenheit, uns zu überzeugen, daß irgendein wohlgeborener Mann mit krankhafter geiftigev Veranlagung schlecht und recht seiner gesellschaftlichen Pflicht als Nichtstuer gerecht wird, um urplötzlich sich in einem sensationellen» Prozeß als Verbrecher zu entpuppen, den dann die sachverstän- digen Aerzte oen Anforderungen der Wissenschaft gemäß als nicht zurechnungsfähig erklären müssen. Aber stellen wir uns vor, derselbe Mann wäre in ärmlicherß Verhältnissen geboren. Schon mit seinem 14. Jahre muß er ver-, dienen. Schon nomalerweise wäre er damit in Abhängigkeit vor» den unsicheren äußeren Verhältnissen der Lohnarbeit gelangt. Seine Arbeit aber wird er nicht recht tun, und bald hat er Schiff-, bruch erlitten. Er wandert von Werkstatt zu Werkstatt, weil ihi» niemand haben will oder kann. Mit 18 bis 20 Jahren wird ev zum Herumtreiber und schließlich zum wirklichen Vagabunden. Er kann gar nicht anders: das ertvächst mit Notwendigkeit«uS der Tatsache, daß er mit seiner krankhaften geistigen Anlage den» Leben nicht gewachsen ist. Je schwieriger zurzeit der Daseinskampf ist, desto mehr Aus- ficht ist vorhanden, daß ein Proletarier mit geistigen Defekten in» Kampfe ums Dasein erliegen wird. In Zeiten wirtschaftlichell Krisen und Arbeitslosigkeit steigt die Zahl der Verbrechen an: es ist wieder eine neue Anzahl von Leuten mit angcborenell geistiger Schwäche erlegen und hat den Weg des Gewohnheitsver, brechers betreten. Noch ein Moment gesellschaftlicher Natur kommt hinzu, daS den reichen geistigen Schwächling vor dem Weg des Verbrechens bewahrt. Das ist die Erziehung. Namentlich, wie das bei reichen Leuten ja der Fall ist, wenn der geistige Defekt frühzeitig erkannt wird und die Erziehung demgemäß eingerichtet werden kann. Man richtet dem Betreffenden einen speziellen Unterricht ein. hält ihn von allerlei äußeren Gefahren, wie unpassende Gesell- schaft, Ucberanstrengung im Spiel usw., zurück. Ganz anders bei armen Leuten, wo häufig das mangelnde Verständnis der Eltern die Situation des geistig zurückgebliebenen Kindes zu einey Tortur für dasselbe gestaltet. Neben den Verbrechern, die geistige Schwäche aufweisen, kommen noch Geisteskranke im üblichen Sinne des Wortes als Verbrecher in Betracht. Epileptiker, Idioten und Patienten mit sogenanntem„jugendlichen Irresein" füllen in großer Anzahl die Reihen der Verbrecher. Auch sie werden aber nicht allein wegew ihrer Krankheit Verbrecher, sondern wegen der sozialen Verhält- nisse, die es mit verschulden, daß Kranken der Kampf ums Da- sein aufgebürdet wird. Alle diese kranken Verbrecher kommen„zur Strafe" ins Ge- fägnis. Nach einiger Zeit werden sie entlassen. Natürlich ist mit der„Strafe" nichts erreicht— sie verfallen mit Notwendigkeit ihrem früheren Lebenswandel. Aber gereift und mit neuer Er- fahrung ausgerüstet. Ter dauernde gemeinschaftliche Aufenthalt im Gefängnis gibt ihnen häufig reichliche Gelegenheit, das Vcr- brechen kennen zu lernen. Mancher Plan zu neuen Verbrechen wird in der Haft geschmiedet, mancher Bund für Unternehmungei» größeren Stils im Gefängnis geschlossen. Da wird man sich natürlich fragen, wie denn anders? ES ist doch klar, daß man Leute, die mit Notwendigkeit Gelvohn- heitsverbrecher sind, nicht frei herumlaufen lassen kann. Aber auch das Gefängnis schützt die Gesellschaft vor dem Verbrecher nur Sann, wenn der Verbrecher dauernd in Haft be- lassen wird. Das ist nur in einer Minderzahl der Fälle der Fall. Gerade der Gewohnheitsverbrecher, der gewöhnlich nur weniger schwere Verbrechen verübt, kommt in mehr oder weniger kurzdauernde Haft. Eine moderne Strafrcchtslehre muß die Unsinnigkeit des Ge- fängniswesens einsehen und neue Wege für die Bekämpfung des Verbrechertums aufweisen. Diese Wege sind angezeigt durch dio Bedingungen, aus denen das Verbrechen erwächst: durch die krank- hafte Anlage des Verbrechers und durch die gesellschaftlichen Zu- stände, oen Daseinskampf, die den krankhaft veranlagten zum Verbrecher machen. Ein modernes Strafcecht muß den Verbrecher ins Krankenhaus stecken, nicht ins Gefängnis. Der Verbrecher muß ins Asyl kommen, wo nicht Gefängniswärter, sondern daS ärztliche Personal über ihn wacht. Genau so wie das heute bei ausgesprochenen Geisteskranken, die gemeingefährlich sind, im Jrrcnhause der Fall ist. Im Krankenhause oder Asyl soll der Verbrecher zu nützlicher Arbeit angehalten werden, nicht aber nach Art des Zuchthauses, sondern in weitgehender Anpassung an die Wünsche des einzelnen. Dieser Grundsatz ist in den Irren- Häusern, den Anstalten für Epileptiker und in andern Versor- gungsanstalten überall durchgeführt. Er macht gar keine Schwie- rigkciten. Ans dem Verbrcchcrasyl soll dann niemand entlassen werden können, bis sich die leitenden Personen überzeugt haben. daß er nunmehr wirtlich gebessert, dem Daseinskamt fe gewachsen und damit für die Gesellschaft unschädlich geworden ist. Wie die Reichen in jeder anderen Beziehung schon heute alle Ergebnisse der Wissenschaft für ihr geistiges und körperliches Wohlergehen sich zunutze machen können, die der arbeitenden Klasse vorenthalten werden, so auch die Ergebnisse eines modernen Etrafrechts, Wir lesen z. B. über eine Gerichtsverhandlung mit Bezug auf eine Person, die einen wohlbeoachten Mord ausgeführt hat. Die Angehörigen des Angeklagten lassen einen ganzen Ap- parat wissenschaftlich hervorragender ärztlicher Sachverständiger auffahren. Es gelingt dann schliesslich, den Nachweis zu erbringen. daß der Angeklagte geistige Defekte habe. Und der Angeklagte wandert in ein Privatsanatorium, nicht aber ins Gefängnis. Das Volksempfinden sträubt sich zuweilen gegen diese gerichtliche Praxis. Aber mit Unrecht. Denn der Verbrecher gehört eben ins Krankenhaus, ins Asyl und nicht ins Gefängnis. Das Schreckliche an der Sache ist nur, daß es ztveierlei Recht gibt: für die Reichen das Krankenhaus, für die Armen das Gefängnis. Auch ist es vollkommen verfehlt, wenn das Gericht den kranken Ver- breche r„freispricht" und ihn damit aus der Hand des Gesetzes läss. Der freigesprochene kranke Verbrecher bleibt einige Zeit im Sanatorium und kann dann wieder, sobald er auf freiem Fusse ist, was ja in seinem eigenen Belieben oder dem seiner Angehörigen liegt, auf die eine oder andere Weise mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Die Gesellschaft muß aber über solche Personen so lange loie Aufsicht haben können, als zu ihrer Sicherung vor der Schä- digung durch den Verbrecher nötig ist. Und das kann eben nur dadurch erreicht werden, daß man hier den Arzt als öffentlichen Richter einsetzt. Wir haben in der Frage über den Schutz der Gesellschaft vor dem Verbrechen zunächst nur die eine Bedingung des Verbrecher- Wesens betrachtet— die kranhafte Veranlagung. Wir haben aber erwähnt, daß die Erscheinung des Verbrechens in der Mehrzahl der Fälle noch eine zweite Bedingung— wobei wir von der zu- fälligen äusseren Gelegenheit zur Ausführung des Verbrechens absehen— geknüpft ist: an du sozialen Zustände, die einen über- aus scharfen Kampf ums Dasein schaffen, den AlkoholiSmus be- fördern, die Unsicherheit der Existenz in Zeiten der Krisen steigern und auf einer Reservearmee von Arbeitern fußen, in die natürlich stets zunächst die am wenigsten wider- standsfähigcn Elemente der Proletarier abgeschoben werden. Dann die schlechte Erziebung des Nachwuchses, die die nicht widerstandsfähigen Glemcntc mit Notwendigkeit auf daS Verbrechen hindrängt. Ein vernünftiger Kampf gegen das Verbrechen muß darum notwendig mit der Verbesserung der so- zialen Verhältnisse anfangen. So erweist sich der Klassenkampf der Arbeiterklasse um bessere Lebensbedingungen, um soziale Für- sorge, der Kampf, der zunächst auf eine Einschränkung uns schließ- lich auf eine Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung hinaus- läuft, als schärfste Waffe gegen das Verbrechen.... Unsere Nachkommen worden an die grausamen Zeiten des kapitalistischen Zeitalters zurückdenken, wo es eine ungeheure Armee von Landstreichern und Bettlern gegeben hat, wo jeder, der den immer wieder durch wirtschaftliche Krisen gesteigerten An- fordcrungcn des Daseinskampfes nicht gewachsen war, zum Ver- breche r an der Gesellschaft werden mußte. Unsere Nachkommen «werden staunen über unsere mangelnde Einsicht in die wahren Verhältnisse, die die Armee wr Verbrecher geschaffen haben, und über unser unzweckmäßiges>3erbalten gegenüber der Verbrecher- arm«. A. Z. Kleines Feuilleton. Psychologisches. Angeborene und erworbene Wortblindheit. Die Wortblindheit bildet ein Gegenstück zu den Sprachstörungen, die man mit dem allgemeinen Ausdruck Aphasie bezeichnet. Beide beruhen ohne Zweifel auf krankhaften Zuständen im Gehirn und bereiten in der Entwickelung eines Menschen die größten Schmie- rigkeiten, wenn sie angeboren oder erworben schon im Kindesalter auftreten. Die Wortblindheit besteht darin, daß es dem damit behafteten Menschen unmöglich ist. richtig lesen zu lernen. Er steht und erkennt zwar einzelne Buchstaben, ist aber nicht imstande, sie zu Wortbildern zu vereinigen und als solche aufzufassen. Früher hat man diese.Krankheit für unheilbarer gehalten als die Blind- heit, insofern als man fast jedem Blinden das Lesen beibringen kann, nicht aber dem Wwtblnoen, obgleich sich dieser dock im Besitz gesunder Augen befindet. Es: der eigentliche Sitz der Wortblind- heit im Gehirn erkannt wurde, hat dicS Leiden den Augenärzten viel zu schaffe,, gemacht, die es für eine eigentliche Augenkrankheit hielten. Zuweilen kommt es auch noch im höheren Alter vor. daß die Lesefähigkeit ganz plötzlich verloren geht. Es ist der Fall eines «chtundfünfzigjährigen Mannes bekannt, der eines Morgens er» tnowte und nicht mehr lesen konnte. Er fing an, es von neuem zu lernen und brachte es in einem halben Zahr bis zur Unter- ichcwung der Buchstaben, aber nie wieder zum Lesen von Worten. Wei grosser und stetiger Bemühung scheint es freilich doch gelingen zu können, daß die Lesefähigkeit ivenigstenS bis zu einem gewissen <8nide wieder hergestellt wird. Der Unterricht ist aber sehr an- «erantw. Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln.— Druck u.«erlag: � strengend und muß gewöhnlich nach 10 Minuten oder einer Viertel- stunde unterbrochen werden. Bei einer Frau, die mit 34 Jahren wortblind geworden war, dauerte es ein volles Jahrzehnt, bis sie wieder fast fließend lesen gelernt hatte. Meist sind wahrscheinlich Gehirnblutungen die Ursache solcher Störungen, falls sie nicht bereits angeboren sind. In diesem Fall ist auch die Heilung besonders schwierig. Technisches. Neue Wunder der Elektrizität. Im Zirkus Busch zu Berlin fand letzten Monat eine Vorführung statt, die mehr be- deutet als ein kurzes Amüsement. Man sah dort unter der hohen Kuppel des Zirkusgebäudcs in dem Luftraum über der Manege ein Lustschiff sich bewegen, das einen genauen Kurs beschreibt, ohne daß sich ein lebendes Wesen als Besatzung darin befindet. Auf dem Teppich, der den Manegenboden bedeckt, steht ein kleines Tischchen mit ein paar Apparaten. Von hier aus, ohne daß eine Drahtver- bindung zwischen Tisch und Luftschiff bestände, wird dieses gesteuert. Der Manu an dem kleinen Tisch befiehlt durch«inen Hebeldruck dem Luftschiff, sich rechts oder links hin zu wenden, höher hinauf oder tiefer nach unten zu fahren, Sprengstoffe abzuwerfen; kurz: er lenkt das Fahrzeug, als wenn er es— um einen Berliner Ausdruck zu gebrauchen— an der Strippe hätte. Diese Demonstration ist kein Zirkusblendwerk. Zwischen dem Kommandeurtisch und dem Fahrzeug besteht wirklich keine Draht- Verbindung, mit deren Hilse man ja schon lange derartige Evo- lutionen in der Ferne ausführen lassen konnte. Dieselbe gehcimnis- volle Kraft, die gestattet, daß man den auf dem Meere fahrenden Schiffen vom Lande aus Nachrichten übermittelt, ist es, die hier die Uebertragung eines Kommandowillens durch die Luft möglich macht. Das unbemannte Fahrzeug im Zirkus Busch wird mit Hilfe der Aetherwellen gelenkt. Ein ähnliches Phänomen hat Berlin schon einmal gesehen. Es war im Sommer des vorigen Jahres, als auf dem Wannsee ein Boot fuhr, das ohne Insassen war und vom Lande aus gelenkt wurde. Das Umstellen des Steuers, das Anfahren und Stoppen der Maschine, die Abgabe von Warnungssignalen für begegnende Schiffe, alles wurde vom Lande aus hervorgerufen. Es war ein ganz seltsamer, sehr erstaunlicher Anblick, das Boot ohne Bernau- nung so zielsicher durch daS Wasser gleiten zu sehen, und die nicht- eingeweihten Passagiere vorüberfahrcnder Dampfer oder Segelschiffe müssen bei seinem Anblick wohl nicht weniger erschreckt gewesen sein, als wenn plötzlich Hauffs„Gespensterschifs" an ihnen vorüber- geglitten wäre. Die Zauberer waren auch hier die Aetherwellen. Man muß sich nun nicht vorstellen, daß die Schwingungen des bekanntlich unwägbaren, unendlich leichten Aethcrs, die mit Hilfe eine? elektrischen JunkenS in der von der drahtlosen Telegraphie bekannten Weise hervorgerufen werden, direkt eS sind, die die Luft- schiffe oder Boote auf dem Wasser antreiben und steuern. Ihnen wohnt zwar auch Energie inne, die eine gewisse Arbeit unter beson- deren Umständen verrichten kann. Aber diese Energie, die man vorläufig auf diese Weise zu übertragen vermag, ist doch nur sehr gering und genügt gerade, um eine Telephoninembrane in Schwin- gungcn zu versetzen. Und auch das tut sie nur, wenn an der Ur- sprungstellc der Wellen sehr bedeutende Maschinenkräfte arbeiten. Die Wellen, die Luftschiff und Fernlenkboot beeinflussen, werden nur durch einen recht schwachen Funken hervorgerufen. Ihre Auf- gäbe ist es, lokale Kräfte auszulösen und Maschinen zu beeinflussen, die sich au Bord der von fernher zu steuernden Fahrzeuge befinden. DaS Luftschift im ZirkuS und ebenso daS Boot auf dem Wann- see haben jedes eine kräftige Akkumulatorenbatterie an Bord. Ge- eignet angelegte Stromkreise erlauben es, daß mit Hilfe dieser Batterie und einer Anzahl kleiner Elektromotoren die Schrauben arbeiten, das Steuer sich dreht und einig« andere Manipulationen an Bord borgenommen werden können, sobald der eine oder der andere der verschiedenen Stromkreise eingeschaltet wird. Dieses Einschalten geschieht nun nicht wie gewöhnlich durch Einlegen eines Hebels, sondern es wird mit Hilfe der Aetherwellen bewirkt. In jedem der Stromkreise auf den Schiffen ist ein sogenannter Frikter eingeschaltet, eine mit feinen Metallspänen gefüllte Röhre, die nur dann leitend ist, wenn sie von elektrischen Wellen getroffen wird. Aus dieser Anordnung geht schon klar hervor, wie es möglich ist, zum Beispiel die Antriebsschrauben der Schiffe von dem Fernlenk- Punkt her anlaufen zu lassen. Durch Aussendung von Mellen mittels eines Funkens, den man übergehen läßt, bewirkt man, daß der Frittrr in der betreffenden Leitung einen Stromschluß hervor- ruft.— Schwierig ist es nur, die verschiedenen Fritter in den ver- schu'denen Leitungen willkürlich zu beeinflussen, sie in beliebiger Reihenfolge leitend und wieder nichtleitend zu machen. Das ist nur möglich durch eine sehr genaue Abstimmung der verschiedenen Empfangstcllen an Bord auf verschiedene Wellenlängen. Die Länge der vom Fcrnlenkvunkt ausstrahlenden Wellen kann mit Hilfe von einsackten Apparaten variiert werden. Bei der Geringfügigkeit der zur Verfügung stehenden Energiequellen kann rS allerdings nicht gaiiz leicht sein, die Empsangsapparate abzustimmen. Wie die Konstrukteure des Luftschiffes und des Kernlenkbook.§ diese Aufgabe im Detail gelöst haben, ist ihr Geheimnis, das sie ängstlich bewahren. Immerhin werden ähnliche Einrichtungen und Borrichtungen, auch in der drahtlosen Telegraphie sehr oit angewendet, um Störungen des Tcpcschcnverkehrs durch fremde Stationen zu vermeiden._ voewärlsBuchdruckerei u.Bcrlagsanstalt Paul SingertCo-kBerlin LW.