Mnterhaltlmgsblatt des Horivärts 3!r. 221. Mittwoch öen 13. November 1912 sNachdruS verboten� s) Die Oberwälder. Bon Alfred Bock. .Daß du deine Mutter so früh hast hergeben müssen/' sprach er.„dessentwegen bist du gewiß zu bedauern. Ich mein aber, bei dem Unglück hat sich ein Glück für dich aufgetan. Du hast in deiner Jugendheit, wo andere den Kopf voll Spupen haben, Verantwortung und Pflichten kennen gelernt. Und deiner Mutter ihre Tüchtigkeit ist wieder in dir lebendig geworden. Wie schön hat sie's deinem Vater gesagt:„Die Matie ist von keiner schlechten Art und zieht sich allein/'s ist doch auch so. Der Mensch kann Eltern und Lehrer nicht missen, das Beste aber, was er fürs Leben braucht, muß er aus sich selbst heraus schaffen." Sie waren in die Nähe des Schulhauses gekommen. Zur Rechten zog sich sanft ansteigend eine Heidefläche hin, die mit Basaltblöcken übersät war. Zwischendurch führte der Weg zum nahen Oberwald. Den schlugen sie ein. „Guck, Marie," nahm Weilandt, nachdem es eine Weile geruht hatte, das Gespräch wieder auf,„du warst vierzehn, wie du deine Mutter verloren hast, ich war noch ein Kind, wie mir die Eltern weggestorben sind. Wem das Schicksal eine Grube gräbt, der fällt hinein. Davon hat mein Vater ein Liedchen singen können. Er hat in Frankfurt bei den Ein- undachtzigern gedient und war ein strammer Soldat. Ein- mal ist er in der Militärschwimmanstalt auf Wache gewesen. Und patrouilliert nachts am Main. Da sieht er, wie ein Mensch am andern Ufer hm und her rennt und sich klatsch! ins Wasser wirst. Mein Vater stand keine zweihundert Schritte vom Wachtlokal und hätte leicht Meldung machen können. Er dacht aber:„Hier tut Eile not!" Kurz entschlossen legt' er sein Gewehr beiseite, entkleidet' sich und sprang in den Strom. Obwohl er ein vortrefflicher Schwimmer War,- haste er seine'Last, bis er den Mann zu fassen bekam und ans Land bugsierte. Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Sie stellten meinen Vater vor das Militärgericht. Als Soldat war ihm streng verboten, feinen Posten zu verlasien. In der Hauptverhandlung wurde er freigesprochen. Der Lebens- müde war ein Schuster, namens Wiedcrhold. Der hatte sich den Tod seiner jungen Frau dermaßen zu Herzen genommen, daß er in einem Anfall von Schwermut ins Master gegangen war. Er lag hernach lang im Spital. Da hat ihn mein Vater treulich besucht und hat ihm auch allerlei geschenkt, was einer schenken kann, der sich als armer Schlucker durch- schlagen muß. Zwei Jahre gingen hin. Mein Vater trat sein Schulamt in Reichelsheim an und heiratete. Dazu ge- hörte Kurage bei seinem kleinen Gehalt. Er tat's aber packen. Meiner Mutter ihre Rede war:„Wir sind zufrieden. Und darum schmeckt uns das Wasser wie WeinI" Eines Tages klopft jemand an meinem Vater seine Tür. Wer war's? Der Schuster aus Frankfurt am Main. Er schien sein Handwerk nicht besonders zu ehren, denn er hatte zer- rissene Stiefel an. Meine Eltern nahmen ihn freundlich auf. Die Mutter kochte ihm einen guten Kaffee. Er saß mit einem leidmütigen Gesicht da und war wenig gesprächig. Erst nach und nach taute er auf. Jenesmal, erzählte er, wie er aus dem Krankenhaus gekommen war. hatte sich seine Kundschaft verlaufen. Er war dann nach Mannheim verzogen, von da nach Worms und zuletzt nach Germersheim. Er hatte aber nirgends festen Fuß fassen können. Nun wollte er's in der Wetterau versuchen. Er war völlig abgebrannt und bat meinen Vater, ihm doch behilflich zu sein, daß er wieder sein eigenes Brot essen könne. Mein Vater beriet sich mit meiner Mutter. Die meinte, er habe dem Wiederhold selbigmal aus dem Wasser gezogen. Damit habe er wirklich genug getan. Der kleinste Sparer finde seinen Zehrer. Er solle um Himmels willen nicht seine Notpfennige opfern. Mein Vater widersprach. Gerade, weil er den Mann dem Leben erhalten, sei er verpflichtet, ihm beizuspringen. Er habe gewiß nicht viel zuzubrocken. So arm sei er aber nicht, daß er einem Armen nicht helfen könne. Ich war dazumal ein Bürschchen von knapp acht Jahren. Hielt Augen und Ohren offten. Meine Eltern hatten bis dahin in Frieden zusammen gelebt. Nun i hörte ich zum erstenmal, wie sie sich stritten. Mein Vater gab dann dem Schuster so viel, daß er sich in Reichelsheim eine Werkstatt einrichten konnte. Anfangs ging das Geschäft auch ganz gut und sollte alsbald erweitert werden. Trotzdem meine Mutter ihn warnte, ließ sich mein Vater herbei, für seinen Schützling Bürgschaft zu leisten. Wie der nicht zahlen konnte, wurde mein Vater herangezogen und geriet in die mißlichste Lage. Die Pfändung stand bevor, denn der Gläubiger, ein Lederhändler in Mainz, war so hart wie Kieselstein. Die Schulbehörde griff cm, und die Folgen waren nicht abzusehen. Inmitten der schrecklichen Auf« regungen erkrankte mein Vater und starb. Ein halbes Jahr später wurde meine Mutter begraben. Der Schützling ver- schwand. Ein Mann aus Reichelsheim hat ihn später unter den Gassenkehrern in Hanau gesehen. Guck, Marie, das sind die Erinnerungen an mein Elternhaus. Kannst mir's glau» den, ich Hab lang gebraucht, bis ich darüber weggekommen.bin." Mit wachsender Teilnahme war die Marie der Er, zählung Weilandts gefolgt. Da er geendet hatte, sagte sie ergriffen:• „Ei du himmlische Gerechtigkeit! Was haben Sre als Kind schon durchmachen müssen! Und erst Ihnen Ihr Vater l Wie den seine Guttat in Unsput gebracht hat, das geht einem durch Mark und Bein. Da denkt man wunder, wieviel man zu tragen hat. Etz wann man so was hört, nimmt man sein Päckchen und duckt sich." Weilandt schwieg in Gedanken verloren. Der Mar« Blicke glitten zu ihm hinüber. Er hatte an alte Wunden gerührt. Die schmerzten ihn wieder. Das sah man ihm an. Heiß wallte es in ihr auf. Sie suchte nach einem liebreichen Wort. Daß sie ihr Herz im Munde trug, sagte ihr schwerlich jemand nach. Kam sie mit dem Lehrer zusammen, sprang Schlößlein um Schlößlein bei ihr auf. Er hatte halt den Schlüssel dazu. Herst war's das erstemal gewesen, daß sie über Dinge daheim sich rückhaltlos geäußert hatte. Die Leute sprachen:„Was man zu Hause kocht, soll man zu Haus' auch essen." Das war gewiß wahr. Und doch bereute sie ihre Offenheit nicht. Der Lehrer gab kein Wörtchen weiter. Und er hatte Vertrauen mit Vertrai rn erwidert. Das machte sie glücklich und stolz. ll. Der Dippelsluis, des Bäckers Aeltester, war von» Militär gekommen. Er hatte sich bei den Spielleuten die Gefreiten- knöpfe geholt und blies daheim den Heiratsmarsch. Mann» bare Mädchen in Menge traten alsbald ins Gewehr. Die Depeschenträger liefen im Dorf herum und zogen olle Register auf. Wie nun Verlautbarte, der Luis habe es auf die Walk- müllerlina abgesehen, war des Geschnatters kein Ende. Die Lina hatte die Zwanzig schon lange hinter sich. So ein reiches Mädchen nahm nicht den ersten besten. Die warten konnten, kriegten auch einen Mann. Dem Walkmüller kamen die Markstücke auf dem Wasser zugeschwommen. Dabei war er ein Erdenhannes, der Gewann um Gewann erwarb. Unfern lag des Bäckers Gelände. Die Grundbedingung für eine Heirat der Kinder war demnach von vornherein erfüllt: die Schollen paßten zusammen. Die Väter brachten den Handel ins reine und setzten die Hochzeit fest. Das halbe Dorf wurde geladen. Der Hannjust, der mit Absicht übergangen worden war. spie Gift und Galle. Im„Stern" zog er vor ver- sammeltem Volk die Familien durch die Hechel, die im Be- griff standen, sich zu verschwägern. Die Walkmüllerslina, behauptete er. hatte bei all ihrer Hochnäsigkeit mehr als ein- mal über die Stränge geschlagen. Der Dippelsluis drückte ein Auge zu. Das liebe Geld strich jedem Cchandsal eine hübsche Farbe an. Das war einmal der Laus in dieser schlechten Welt. Der Walkmüller und der Bäcker ließen nichts liegen wie glühend Eisen. Galt's, einen über den Gänsedreck zu führen, spielten sie unter einem Hütchen. Tat man die zwei in einen Scktk und schüttelte sie durcheinander. blieb allemal ein Svitzbub oben. Solcherlei Reden verhallten wirkungslos. Die Aussicht auf eine große Hochzeit hielt die Gemüter in währender Spannung. Ten Alten lief in Er- � Wartung des Eßwerks und der guten Getränke schon acht Tage vorher das Master im Mund zusammen, den Jungen, die auf . ein Tänzdjen Hoisten, zuckten die Glieder, und die Gassen j hallten von Jauchzern Wider. ' In der Walkmühle ging alles drunter und drüber. Die Hochzeitskuchen waren trefflich geraten. Allein die Köchin. die man aus der Stadt verschrieben hatte, kochte der Walk- müllerin nicht zu Gefallen. De' Frau hatte in einem Herr- fchastlichen Haufe gedient und fühlte s>ch in ihrer Ehre ge- kränkt. Während, das Haus sich mit Gästen füllte, erscholl in der Küche lautes Geschrei. Wütend gebot der Walkmüller Ruhe.-'' Unter strömendem Regen hatte das junge Paar die Kirche verlassen. Das bedeutete nichts Gutes. Auch die Rede des Geistlichen war mit Kopfschütteln aufgenommen worden. Der Pfarrer hatte die Brautleute ermahnt, allezeit der Hoffart zu wehren, die das Glück aus dein Hause treibe. Immer sollten sie sich vor Augen führen, daß ihre Habe bloß Lehngut sei. Geld dürfe nicht der Maßstab sein, den sie an sich und andere legte». Vor Gott habe doch nur Wert, lvas der Mensch in seiner Seele trage. Auch den Geringsten dürfe man um seiner Armut willen nicht verachten und drücken. Alles unterliege dem Wandel hienieden. Niemand sei vor dein Bettelbrot sicher. Die Bauern saßen mit finsteren Ge- sichtern da. Teufel auch! Was focht den Pfarrer denn an, daß er mit der Schwarzbürste über die Brautleute fuhr? Er bekam seine Traugebühr. Dafür hatte er eine„schöne Predigt" zu halten. Ohnehin war er ein Ausländischer, der gar nicht wußte, um was sich der Toppch(Kreisel) hier drehte. Noch beim Kaffee im Brauthause wurde die Rede te- krittelt. Erst der Regen, der, nachdem er eine Weile nach- gelasseil hatte, wieder mit Gewalt herunterrauschte, gab dem Gespräch eine neue Wendung. Seit Wochen folgte ein Guß dem andern. Die Aecker wurden zur teigigen Masse, in der die Pflanzen nicht wurzeln konnten. Die auf eine leidliche Ernte gerechnet hatten, sahen ihre Hoffnung zu Wasser- Werden. Die Erträgnisse des Ackerlandes waren im hohen Vogelsberg an sich gering. Was- man zog, wurde in der eigenen Wirtschast verbraucht und verfüttert. Einzig die Viehhaltung war rentabel. Der Peter Margots erzählte, er habe für zwei Kühe Simmen'aler Kreuzung neunhundert Mark verlangt und erhalten. Die Körkommission, die die Viehbestände der Bauern überwachte und ihre Schildchen an die Häuser heftete, machte es den Händlern leicht, den Weg zu gutem Mastvieh zu finden. Der-Butternickel bemerkte, wenn früher ein Schlachtschwein bundertachtzig Pfund ge- wogen habe, sei das erstaunlich viel gewesen, jetzt seien drei- hundert Pfknid keine Seltenheit mehr. So hätten sich die Zeiten geändert. Er selbst verlegte sich auf Rorkshireschweine. Doch tadelte er ihre schwachen Knochen und ihre Empfindlich- keit gegen Hitze und Frost. Er könne es Wohl begreifen, daß manche Leute der Landrasse den Vorzug gäben. (Fortsetzung folgt.) Aussterbende Vogel unserer Heimat. Die Aliholzung unserer Wälder nimmt immer gefährlichixe Dimensionen an. Ohne Rücksicht auf die Schönheit der Landschaft, auf den gesundheitlichen Nutzen des Waldes und auf den für die Tierwelt sich ergebenden Scksaden werden unaufhörlich neue Wald- gebiete abgeholzt oder doch für den Schlag bestimmt. Der Rückgang im Wildbestand und in der Vogclwclt, der durch diese Radikal- Wirtschaft herbeigeführt wird, ist ein so bedeutender, daß einmal darauf hingewiesen werden mag, zumal biele unserer Vogelarten und«ine beträchtliche Reihe Iwn Säugetieren unserer Heimat mehr und mehr der Vernichtung anheimfallen. Man erwäge nur einmal, wie viel Vögeln dadurch allein die Lebensbedingungen gc- nommcn werden, daß das Unterholz im Walde— von einer gänz- lickcn Abholzung ganz abgesehen— der..Forstkultur" zum Opfer fällt. Unsere besten Sänger gerade wie Zaunkönig, Grasmücke. Rotkehlchen, Nachtigall nisten nur im dichten Gebüsch, das leider auch auf dem freien L-mde der Qindwirtschaft vielfach vollständig weichen muß. Hans Thoma, ver als Landschaftsmaler zugleich viele Naturbeobachtungen gesammelt hat, hat hier«in beachtens- wertes Wörtlcin gesprochen:„Da dürfen Forstverwaltungeu und Gemeindebehörden doch daran erinnert iverden, daß diese Sänger gern an Waldbächen wohnen, und taß das unsinnige Weghauen des Buschwerks, wie es besonders im Schwarzivalde, wie mir gesagt wurde, sogar mannigmal auf obrigkeitlichen Befehl oder auch um eine paar Hand voll Heu mehi zi erzielen, seit Jahren hindurch verübt wurde, gar vielen Vögeln dje Brutstätte zerstört hat.— Wenn sie jetzt aus den Gefahren des Welschlandes wieder heim- kehren, können sie nicht so froh sein, wie sie wollten, da sie aufs neue überlegen- müssen, wohin jetzt? In solchen Gebüschen habe ich in nieiner Jugend viele Vogciucster entdeckt, ich habe aber kein« ausgenommen. Meine eigene Wahrnehmung, daß man im Schwärzwald jetzt viel seltener fingen hört, als ip früheren Jahren, wird mir auch noch von vielen anderen iBeobachtern bestätigt." Die Vögel.chie nur in Baumhöhlen brüten, wie Specht, Hohl- tauben, verlieren durch die Abholzung des Waldes überhaupt ihre Nistgelegenheit. Hier muß allerdings zugegeben werden, daß sich einzelne Tiere trotzdem eine neue Brutstätte zu verschaffen wissen. So haben zum Beispiel die Hohltauben in Quedlinburg jetzt viel- fach in Felsspalten und gar auch in Kaninchenhöhlen ihre Nester gebaut! Aber alle die übrigen Höhlenbrüter, wie Wendehals, Fliegenschnäpper.> Meisen, Rotschwänze. Baumläufer, Wiedehopf, Turinfalk, Eule und manche andere werden sich aller Wahrschein- lichkeit nach nicht so leicht an. derartige Unterschlüpfe gewöhnen, höchstens eher an künstliche Nistkästen.> Durch die besonders mit dein Kählschlag in den Wald getragene Unruhe werden an manchen Stellen auch größere Vögel vertrieben. So ist der Uhu in deutschen Landen nur noch ein sehr seltener Gast. Diese unsere größte Eule, die als Mäusevertilgerin für den Land- mann von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, läßt nirgends niehr nachts im deutschen Hochwalde ihren schauerlich schönen Ruf erschallen; in den Zoologischen Gärten findet man die letzten als Raritäten aufgehobenen Exemplare! Man versucht diesen nütz-' lichen Vogel, den der Landmann vielfach selbst im baren Unver- stände an die Tore seiner Scheunen nagelte, hier und dort irneder einzubürgern, wenigstens kamen in letzter Zeit aus Süddeutschland und aus Böhmen und Ungarn derartige Nachrichten.. Welchen Schaden der Kahlschlag im Walde anrichtet, wurde besonders klar, als man z. B. im Revier Ilfeld im Harz alte Buchcnbestände gänzlich abholzte. Das Auerwild verschwand kurz darauf vollständig. Ebenso ist auch in den größten Teilen Deutsch- lands das Haselhuhn eine Seltenheit geworden. Gewiß hat hier auch zu übermäßige unvernünftige Nutzung des Wildes zu seinem starken Rückgang beigetragen, wie man vorzüglich an russischen Verhältnissen ersehen kann. Dort ist das Federwild in unglaub- lichcm Matze in wenig Jahren zurückgegangen, aber man hat dort auch in unglaublicher Weise darunter aufgeräumt und mit einer wahren Jagdwut alles niedergeschossen, was vor den Lauf zu be- kommen war. Man höre nur einige Zahlen an! Allein in der Umgegend von Kostroina wurden in einem Jahre(1896) nicht weniger als 22 696 Stück Auerwild, 29 296 Stück Birkwild und 88 666 Stück Haselwild erlegt! Aber wir sind auch keine Heiligen, ja nicht einmal viel besser als der„Russe"! Stets schimpfen wir auf die grausamen Italiener, die Hunderttausende unserer Sing- Vögel in ihren himmelhoch gespannten Fangnetzen wegschnappen und abschlachten. Aber auf dem winzigen Helgoland, das selbst nicht leben und sterben kam?, werden jährlich zirka 25 666 Stück Fcldlerchen, Steinschmätzer, Amseln und Singdrosseln vernichtet. Hierher gehört, was dem Verfasser der Naturdenkmäler, H. Eon- wcntz, ein Gewährsmann erzählt. Dieser hatte jahrelang in Magdeburg, an seinem Wohnort, die Aushänge der Delikateß- warenhandlungen durchmustert, aber unter den vielen Tausenden von Vögeln nur ganz vereinzelt den Krammetsvogel bemerkt, viel- mehr beobachtete er, daß der gesamte Fang neben einigen Amseln und Wcindroffeln aus Exemplaren �unserer Singdrossel bestand. Diese aber ist ein ausgezeichneter Sänger, der besonders unsere Hügellandschaften belebt und hier den Spaziergänger nicht nur durch seinen lieblichen volltönenden Gesang sondern auch durch sein zutrauliches und munteres Wesen und Gebaren ergötzt. Bei einem anderen, einem unserer schönsten Vögel, könnte man es sich eher erklären, daß man über ihn, wo er sich auch nur blicken läßt, mit einer wahren Vernichtungswut herfällt und ihm auch um seiner Schönheit willen keinen Pardon gibt. Wer hat heutzutage schon draußen in der Natur bei uns in Deutschland einen Reiher, einen Silberreiher gesehen?— ja, auf Bildern! Einstmals waren der Reiher noch so viele bei uns, daß man von jedem Schloß aus nur einige Wege weit zu gehen oder reiten brauchte, um am nächsten Fluß- oder Seeufer diesen eleganten Vogel anzutreffen. Seine Existenz wird uns heute nur noch durch die„Reiher" auf den Hüten der Damen zum Bewußtsein gebracht. Heute sieht man diesen schlanken, schönen, vornehm gefärbten Vogel, der jeder Land- schaft zur Zierde gereichen würde, gewöhnlich nur in ausgestopften Exemplaren als vorweltliche Wunderdinge im Naturwissenschaft- lichen Museum. Läßt sich dieser berüchtigte Fischjäger, dem man nicht einmal diese Fastenkost gönnt, doch noch irgendwo sehen, wird unnachsichtlich nach ihm geknallt. Fischervereine und selbst solche selbstgerechten Wesen, wie Staaten, haben Prämien auf seine Ver- nichtung gesetzt. An dieser Stelle sei es noch einmal erlaubt, Hans Thoma ein zweites Wörtlein sprechen zu lassen, mit dem er so trefflich für unsere Raubvögel eintritt— ja, für unsere„Raub- vögel"! Launig beginnt er:„Die Singvögel haben sich in einer Petition an mich gewendet, ich weiß nicht, wie sie es erfahren haben, daß ich jetzt Mitglied der ersten Kammer bin— auch einige Raubvögel haben unterschrieben, und weil sie so schön sind, möchte ich auch für sie ein gutes Wort einlegen, daß man sie nicht so unbe- dingt«�isrotten möge. Ich denke, der Haushalt der Natur ist doch wohl viel komplizierter als der Haushalt des Staates, und wer vermag es so genau zu wissen, ob nicht am Ende auch�>iese Räuber eine Aufgabe zu erfüllen haben." Tatsächlich sind die Raubtiere nichts anderes als die Gesundheitspolizei unseres Nutzwildes und die Venlile der Natur in den Jahren, in denen einzeln« Tierarten sich zu stark vermehren. Die Schneeule. die sonst ihr Nest gewinn- lich mit drei bis höchstens fünf Eiern belegt, brütet in den Zeiten, wo unabsehbare Lemmingsmassen die Tundren überschwärmen, zehn Eier aus! Man sieht, welche Wechselbeziehungen auch hier sich einstellen, und erkennt gleich den Nutzen solcher befiederten Räuber. Aber sie merzen auch ständig die schwachen und kranken Tiere aus,, die ihnen am ersten zum Opfer fallen, und sorgen auch so für die Gesunderhaltung der Rassen. Viele Reiher, wie sie an den ungeheuren Rohrsümpfen der unteren, Donau, wo früher die Horste dutzendweise standen, geschossen werden, stürzen tot in das undurchdringliche Rohrdickicht, wo sie nicht aufgefunden werden und unnütz samt ihren prächtigen Schmuckfedern, die als„Aigretten" ein so begehrter Modeartikel sind, der nie aus der Mode kommt, nur zur Zeit der Brut, so gehen auch bedauerlicherweise die Jungen der erlegten Tiere elendiglich zu Grunde. Auf einem grohen Gut an der Jagst wird Won einem passionierten Reiherfreund noch eine große Kolonie dieser Tiere gehalten. Sie besteht aus der respektablen Anzahl von 200 Paaren, die der Gram aller umliegenden Fischpächter find! Aber die Passion für den Reiher hat sich schon 400 Jahre lang in der Familie, die ihnen stets ein Asyl gewährte, vererbt, so daß selbst die Angriffe der Regierung auf dies einzigartige Naturdenkmal in Deutschlayd wenig nutzen, oder vielmehr Ivenig schaden! Ein anderes derartiges lebendes Naturdenkmal pflegt auch noch in Westpreußea der Besitzer von Pagdanzig in seiner Komoran- kolonie, der letzten des Landes, Auch dem Komoran, der ebenfalls die Untugend hat, den Menschen die Fische wegzufangen, ist von den Fifchereipächtern der Vernichtungskrieg offen erklärt:- Ehmke erzählt, daß eine Anzahl Herren in ,Danzig alljährlich einen Feld-, zug gegen die auf der Nehrung horstenden Vögel unternommen hätten. Stach den Aufzeichnungen eines dieser Nimrode, der über seine Beute gar stolz Buch führte, wurden an einem einzigen Tage 61 Kormoran« geschossen!. Unter solchen Umständen wird es gar nimmer niehr lange dauern, und man sucht vergeblich nach jenem eigentümlichen Bild in der deutschen Landschaft, das die auf den hohen kahlen, vom Kot der Tiere ganz weiß getünchten Bäumen horstenden Komorane bieten. Einer der schlimmsten und schießwütigsten Verfolger und Ver- nichter der Vogelwelt an der Ost- und Nordsee ist, der sonst so Harm- lose— Badegast! Er langweilt sich, er hat nichts zu tun. wenn er» Skattloppen satt hat, und die Strandflöhe ihn auch nicht mehr interessieren, dann verfällt er darauf, zur Erholung dem Schieß- spart obzuliegen. Die höchste Kunst besteht natürlich darin, die Vögel glatt aus der Luft herunterzuschießen. Zur Vorübung, damit man sich nicht zu oft blamiert, ist ja überall irgendwo der Schießstand mit den„Tontauben" da!— Auf Helgoland sah ich selbst des öfteren, wie angeschossene Tierchen grausam verendeten, der Unzahl von toten Vögeln nicht zu gedenken, die nutzlos im Brande der Sonne verfaulen. Dr. Konrad Günther hat nicht so unrecht, wenn er sagt:„Man sollte es nicht glauben, welche Blut- bäder unter den zutraulichen Vögeln angerichtet werden und das von Männern, die sich zu den Gebildeten zählen. Wie viele der angeschossenen Vögel müssen sich in den Dünen traurig zu Tode quälen, wie viele Junge müssen verlängern, weil ihnen die Eltern weggeschossen werden. Die Badegäste, denen die Fähigkeit fehlt, der reichen Tierwelt des Meeres Interesse abzugewinnen, lang- weilen sich eben, gehen auf Möwen- oder Seehundjagd, und die anderen bewundern noch gar den mit Beute Heimkehrenden, anstatt ihm ihre Mißbilligung möglichst offen zu zeigen.„Günther führt als Beispiel dieser Schlächtereien die Aufzeichnung des berühmten Ornithologen v. Berlepsch an, dem sich als Zeugen auch Dr. Henicke und Leege anschließen:„An einem Freitag jm Juli 190ö besuchten wir den Memmert(bei Juist). Mit Freude konnten wir konsta- tieren, daß die Insel seit einigen Wochen nicht gestört worden war. indem sich Nest neben Nest befand, teils mit Jungen, teils mit schon stark bebrüteten Eier». Ueber den Brüten kreisten Wolken von alten Vögeln. Vorsichtig verließen wir die Insel, um am folgenden Dienstag wieder nach dort zu fahren, hofsend, nun alle Nester mit Jungen anzutreffen. Wie groß aber loar unser Er- staunen und unsere Entrüstung! Schon von weitem fiel es uns auf, daß nur wenige Vögel über der Insel kreisten, und als wir die Insel betraten, waren alle Nester leer oder nur halb verweste Junge darin. Die jungen Vögel lagen auch außerhalb der Nester allenthalben zerstreut, und die ganze Luft war durch Aasgeruch verpestet. So viel Eier vier Tage vorher, so viel abgeschossene Patronen lagen jetzt überall umher, ein Zeichen dafür, daß gleich nach unserer Abwesenheit einer jener empörenden Ueberfälle statt- gefunden hatte." Einer der ebenfalls auf den„Aussterbeetat gesetzt" ist, ist der kleine Dickkopf, der Eisvogel, der sich aber trotz aller Dickköpfigkeit nicht am Leben erhalten wird, wenn man ihm weiter so zusetzt. Ich habe bis jetzt in meinem Leben, trotzdem ich etwas herum- gekommen bin, doch nur zwei dieser fliegenden, wundervoll ge- färbten, lebendigen Edelsteine gesehen. Ja, wie aus Smaragden und Türkisen geschnitten sind die prächtigen in allen Nuancen von Ultramarin bis Smaragdgrün schillernden Federn dieses für unser nebliges nordisches Klima fast allzu Prächtigen. Trotz alledem findet er keine Gnade vor seinen Verfolgern, weil auckj er sein Leben lang von Fastenkost lebt! Aber ihm könnte man wenigstens die kleinen Fischchen gönnen, die er in seinen kurzen Hals hinunter- würgt, doch der habgierige Fischer sagt: das sind die jungen Fische, die einmal groß werden konnten, wenn der Freßsack da nicht aus meiner Weide am Ufer säße— und bums!— ein Blitz, ein Pulver' rauch— und der wunderschöne Freßsack liegt mit einem Fischs» schwänz zum Halse heraus auf dem Wasser zuckt noch einmal ms' dem nelkenroten Fuß, schlägt noch einmal mit der türkisblauen Schwinge— und hat seine Henkersmahlzeit erhatten, ja— ist nicht einmal ganz damit fertig geworden. SLe t ird ihm zum Hals noch herausgerissen und dann schickt mar, zum Ausstopfer, und zuletzt steht er verstaubt, verblaßt und von Motten zerfressen und zerflust mit Glaspcrlenaugen auf dem Sims und dient den Enkeln als trauriges Anschauungsöbjekt von einer einmal in Deutschland gewesenen, unglaublich schönen Vogelart. A. R. JVovcUcn. Es liegen eine Reihe Novellenbände vor. deren Stimmung und Inhalt schon aus dem Generalnenner, dem Kennwort des Titel- blalles zu erraten ist. Fedor Siologub gibt seinen Er- Zählungen den Sammelnamen Schatten.(F. Ladhschnikow, Berlin.) Es sind vier Wschichteü beschaltet mit Weh) Gram, Leiden und Tod. Sie handeln hauptsächlich von Km, trn; ihrem Verhältnis zu den Eltern, insbesondere zur Mütter, und zeigen Muttersorgen und Kindcrleid, die Tragik junger Herzen, ihre Verwirrungen und Verirrungen, die Dämonen, die schicksalsbestimmend mit Krallen in das Glück greifen und enden zumeist mir einem krassen Akkord, der die elegische Melodie von den Lebensnöten der gepeinigten Menschen schrill beschließt. Siologub hat sich mit der Grübelsucht russischer Schriftsteller eingebohrt in die„Schatten" dss Lebens und läßt keine Sonne über leine beklemmenden Geschichten hinhiiichen. Sein Buch zeigt in jeder Skizze den heißen Atem des Milertebens, ich möchte sagen die Snbjektivilät des Dichters, während sich Artur Schnitzler in seinem neueste» Novellenband Masken und Wunder(S. Fischer-Berlin) in einer an ihm bisher unbekannten Objektivität präsentiert. Sein Stil ist ruhiger geworden, beinahe streng, abgeklärt, ins Klassische hinüberspiclend. Er zeigt Menschen unter Musken, wie die Maske sällt oder hinter der Maske Leiden- schaften wühlen. Aber er schildert diese Leiöenichaften gleichsam aus der Ferne, als Chronist, so daß auch über diesem Buche, obwohl glühendes Begehren und zehrender Schnrerz darin ausflammen, auch die alte Schnitzlersche Ironie in gebändigter Form aufzuckt, eine ge- dämpfte Stimmung lagert. Mystisches ist verflochteil mit alltäglichen Geschehnissen, immer aber ist es das Weib, das seine Seele als Ver- führerin, Beglückerin oder Opfer über die Porc-änge ausstrahlt. Wo Schnitzler seine Weibkenntr.is uns ethisch vorführt, kommt Alfred Polgar damit in seinem Bande H i o b(Albert Langen, München) epigrammatisch. Der Anatolstil des früheren Schnitzler begrüßt uns in diesen knappen von Weltmannsgeist getragenen Skizzen, die, angeregt von lächelnder Satire, in spielerischer Form, bcsckiwert nur durch die Kristallisation der Erlenntnis, Menschen, Dinge und Kulturniederschläge ningeistreicheln. Die erste Novelle aber, nach der das Buch seinen Namen hat, Hiob, so etwas wie ein Extrakt der Beziehungen der Geschlechter, Lulu in der Westentasche, mit den» Mann als Märtyrer, streift in seiner durchschimmernden Tragik den großen Ernst und rührt an tief Menschliches. Das Mcuschlich-Allzumenschliche hat auch die Erzählungsrcihe zum Gegenstand, die Karl Hauptmann unrer dem Titel N ä ch r e(Ernst Rowohlt, Leipzig) veröffentlicht. Er dehnt seine Ge- schichten bis zu zwölf Kapiteln anS, weil es ihm Spaß macht, seine Gestalten nach allen Seiten zu drehen unb gu beleuchten. So erhält das Buch eine gewisse Breite, aber gerade bei Karl Hauptmann offenbart diese ausgedehnte Schreibweise seine wanne Innerlichkeit, sein Aufgehen in dem Stoff, den er nul den Arabesken seiner gütigen Empfindung, seiner Menschen- und Naturliebe schmückt. Die Novellen gehören fast sämtlich der„Tränenzone" an, Gewissenshämmer schlagen, das Sorgenauge der Mutter wacht, Gaukeleien des Blutes treiben den Menschen in Verderben und Tod, oder zu Umwandlung und Reue. Schicksalsnächte sind es, die den Menschen hier erwürgen oder zu neuem Leben führen. Oder die Resignation, das Bescheiden ist der Gewinn eines durch Kämpfe geführten Lebens. Kämpfen bleibt das Buch Rudolf Presbers: Von Ihr und Ihm(Deutsche Verlagsansialt, Stuttgart) ii. Sein Inhalt sind heitere Szenen, Silnationen. Verhältnisse zwischen„Ihr und Ihm" in gefälliger Dialogform. Es ist ein Buch deS Feuilletonismus, weiß aber gut zu untecholten und ergötzt durch die Schlagfertigkeit des Witzes, der hier die Vorgänge trägt, Eine liebenswürdige Harmlosigkeit tänzelt um allerlei Irdisches herum, die mondäne Welt steht im Miltelpunkt und wird ein wenig bohlspiegelmäßig an die Wand der Lächerlichkeiten projiziert. Presber ist ein guter Beobachter, eine Art Gesellschaftskritiker auf bürgerlicher Basis, sein Humor bittet stets um Entschuldigung und kennt keine Geißelhiebe. Für Mußestunden eir ganz oigenehmcr Gesellschafter, der seine Sätze zu baue» versteht. ll. V. kleines feuiUeton Ludwig Uhland und der Orden?our le merite. Ende November 1833 erfuhr Uhland aus den Zeitm.gelt, daß er zum Mitglied des preußischen Ordens xonr 1c merite anseriehcn worden sei. Er schrieb darauf am 2. Dezember an Alexander- v. Humboldt diesen Brief: „Euer Exzellenz! Von verschiedenen Seiten und iit glaubhafter Weise kommt mir heule die Nachricht zu, daß das Kapitel des Ordens, der sich Ihrer Vorstandschaft erfreut, beschlossen habe, mich zum Mitglied desselben vorzuschlagen. Es mag voreilig erscheinen. wenn ich vor erfolgter Bestätigung des Vorschlages und vor irgend Welcher amtlichen Eröffnung mir eine Sleufeerung gestatte, die eine gänzlich überflüssige fein kann. Gleichivobl ergreife ich eben den Augenblick der noch ul�»tichir'>enen St.che, um nichiS zu ver- säumen, waS ein»o überraschender und unverdienter GunfterweiS mir auslegt. Er verpflichtet mich, jetzt schon unrückhattig zu sagen, dab ich mit literarischen und volitiichen Grundsätzen, die ich nicht zur Schau trage, aber auch niemals verleugnet habe, in unlösbaren Widerspruch geraten tvürde. wenn ich in die mir zugedachte, zugleich mit einer Slondeserhöhung verbundene Ehren'telle eintreten wollte. Dieser Widerspruch wäre um so schneidender, als nach dem Schiffbruch nationaler Hoffnungen, aus dessen Planken auch ich gesch.oomuien bin. es mir mcht gut anstände, mit Ehrenzeichen geschmückt zu sein, während solche, mit denxn ich in Vielem und Wichtigem zuiamnien» gegangen bin, weil sie in der letzten Zerrüttung weiterilvritten. dem Berluüe der Heimat. Freiheit und vürgerlichen Ehre, selbst dem Todes» urteil, verfallen find, und doch, wie man auch über Schuld oder Un- schuld urteilen mag. weder irgend ein einzelner noch irgend eine öffentliche Gewalt sich a» �richtig wird rühmen können, in jener oll» gemeinen, nicht lediglich au» kecker Willkür, sondern wesentlich aus den geschichtlichen Zuständen des Baterlaade« hervorgegangenen Be- wegung durchaus den einzig richtigen Weg verfolgt zu haben. Der politisch parteilose Standpnnki, den das verehrte Ordens- kapitel einnimmt, da» ausgezeichnete Wohlwollen, das mir i» jetziger Zeitlage doppelt erfreuend zugewandt wird, müssen, ich fühle das sehr wohl, den Tadel schärfen, der nnvermeldlich über meinen Em- schlutz ergehen wird; aber Ueberzeugungen. die mich im Leben und im Liede geleitet haben, lassen mir keine Wahl, so wenig fie dem lebhaften Danke Eintrag tun, mit dem mich die mir in hohem Grade ehrenvolle veschlutziiahme des Kapitels erfüllt hat." . Der greise Hunivoldt war über diesen lrotzigen Brief zu Tode erschrocken. Seme Stellung am Hofe Friedrich Wilhelms IV. war ohnehin unwürdig: in vertraulichem Gespräche bat er fich oft bitler über die ihm zugemutete Hofnarrenroüe vellagt. die er ober mit zäher Eitelkeit dennoch nicht zu verlieren wünschte. Das erklärt den entsetzten Brief des alten Mannes. In iemem 84 jährigen viel be- weqten Leben sei ihm wohl nie etwas mehr Unerwartetes vor- gekommen, klagt er. Er bemühte sich in seinem Briei an Ubland, den.verehrmigswerten Mann", nachzuweisen, datz auch erklärte Republikaner kein Bedenken getragen hätten, die Mirgliedswai« des Ordens anzunehmen, z. B. Ärago, der als Republikaner bekannt war und später bald Präfidcnt der französischen Republik ward. ,Jck ehre lief die Grundsätze politiicher Konsequenz wie der Treue an die., welche nach dem Schiffbruche nationaler Hoffnungen verfolgt werden; aber unter Berbältnissen. die(wie die Wahl von«rago und Melloni. von Manzom und Thomas Moore, der die Heilige Allianz so gewaltig in Versen ver- spottet hatte, bezeugen> der Politik wie den religiösen Ahndungen total fremd find, werde.' Sie nicht in unlösbaren Widerspruch mit fich selbst geraten, wenn Sie elnsach annehmen, was Sie.eine zu- gleich mit einer StandeSerhöbung verbundene Ehrenstelle" nenne». Wer möchte bei dem gefeierten, schönen, mit dem An- denken an die grotze Zeit des Befreiungskrieges so eng verwandten Namen Ludwig Ubland an die Mythe von SwndeSerhöhung und Rittertum denken? Erfüllen Sie inelne Bitte, es ist mir manches geglückt im Leben. Auch merne Gefinnungen. meine unveränderliche Anhänglichkeit an freie Institutionen stehen offenbar in meinen Schriften, die von 1768—1790 heraufreichen, als ich mit Georg Förster in Paris war. Sollie ich nicht einige» Recht baben. Sie zu bitten, meiner zu gedenken, des Labyrinthes von Verlegen- heilen, in welche» Sie mich setzen, der es nicht um Sie verdient?" Das Antwortschreiben ist sehr höflich, es bedauert die Verlegenheiten Humboldts, aber e« bleibt bei dem Nein. Zu gleiwer Zeit lehnt Ubland auch den Orden des bayerischen Maximiliansordens ab; sein Schreiben an den bayrischen Minister von der Psordten war ähnlich wie daS an Humboldt. Was die Kriegsber'chterstattung kostet. Die Zeibungen haben einen besonderen Grund. Krieg mit. recht gemischten Gefühlen zu betrachten, denn, die Kosten, die ihnen dadurch erwachsen, sind autzerordentlich grosi. un� ihnen steht kein nennenswerter Gewinn gegenüber. Welche kolos-ale Ausgabe die moderne Kriegsbericht- erstattung der Press« auferlegt, kann die einzige Tatsache illustrieren, daß während des spanisch-amerikanischen Krieges zwei Slew-Yorker Blatter, deren JahreSgewinn zwischen 1)4 Million und 3 Millionen betrug, bei JahreSdauer L)s Millionen für die Kriegsberichterstat- tung ausgegeben hätten. Eine englische Wochenschrift berechnet die Kosten, die die Kriegsberichtevstattung einem grohen Londoner Blatt verursacht. Die Z.nlung hat ein halbes Duchcnd und mehr Berichterstatter auf dem Kriegsischauplatz. die Gehälter von 1200 bis 2000 M. monatlich beziebene Zu den eigentlichen Kriegs- torrespondcnten koimnen noch ihvc Gehilfen, die sie in ihrem � schwierigen Amt unterstützen, und die ständigen Berichterstatter in den Hauptstädten der Kriegführenden. Die AuSgabm der Korrespondenten sind naticrgcmäsi riesig, und die Zeitung rnusi zufrieden seim wenn der m»ertliche AuSgabcetat des einzelnen Berichterstatters 2000 M. nickt übersteigt. Musi eine grosie Zeitung noch«in besonderes Datnpfschifs unterhalten, um die Flottenmanöver der feindlichen Mächte zu verfolgen, dann kostet das nicht unter 20000 M. im Monat. Die Kriegsberichterstatter werden mit hohen Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: PrTnFen von den Zeitungen versichert; auch ihre Familien erhalten eine Versickerung im Fall des Todes. Die Ausgaben dafür können leicht die Summe von 400000 Mi. jährlich erreichen. Und dann die gewaltigen Depesche nFostenl Während de»� russisch-japanischen Krieges betrug der herabgesetzte Preis für Preffedepeschen ILO für dringende Telegramme aber pro Wort 4,80 NL so dech eine kurz« Depesche nicht unter 500 das ausfuhrliche Telegramm einer Schlacht 5000 M. kostete. An einem Tage während des Krieges empfingen ein halbes Dutzend Londoner Blätter Kabel- gramme im Werte von 30 000 M. Im südafrikanischen Kriege wurde für ein Telegramm, das die Schlacht von Elandslaagte schilderte, die enorme Summe von 6500 M. ausgegeben Aber die Kosten für die gebrachten Telegramme sind nur ein kleiner Teil ber ge» samten Telegrammispesen. denn der weitaus gröhte Teil der Depe» scheu wandert in den Papierkorb, weil sie bereits überholt sind oder aus irgendwelchen Gründen nicht mehr gebracht werden können, Während des amerikanisch-spanischen Krieges waren Kabel gramme für 4000 M, die eine einzige Zeitung an einem. Tage erhielt, nicht das Papier niehr wert, auf dem sie standen. Im Burenkrieg schickte ein Korrefpandenit täglich für 400 bis 600 M. Depeschen, die alle ihren Ruheplatz im Papierkorb finden raupten. Aus de« Gebiete der Chemie. DaS chemische Gleichgewicht der RahrungS» mittel. Die Chemie lehrt den Gegensatz von Säuren und alka» liscden Verbindungen, die sich gegenseitig ausgleichen. Mtt einem Slückche» Lackmiispapier läht sich sofort erkennen, ob eine Lösung sauer oder alkalisa» ist. Befindet sich der Zustand gerade im Gleich- gewicht, so nennt man die Lösung neutral, während die Säure da» Lackmuspapier rot, eine alkalische Lösung wieder blau särbl, bleibt eS in der neutralen Lösung unverändert. Auch für die menschliche Gesundheit ist eS wahrscheinlich voa erheblicher Bedeutung, dag die gesamte Aufnahme von NabrungS« und(Äeuu&mmeln ein gewisses chemisches Gleichgewicht bedingt. Ge» wohnlich wird diesem tlmstande wenig Bedeutung beigemeffen, und man wendet kein andere« Mittel zu seiner Erkennung an als den Geschmack. Da die versönlichen Unterschiede sehr ins Gewicht zu fallen pflegen, so wird auch in diesem Punkt nicht eine Regel für alle Menschen gelten; vielmehr wird der eine mehr Säure vertragen als der andere. Eine verstärtte Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von Säuren und Alkalien m der Nahrung wird jedoch notwendig, wenn die Organe, von denen Ernährung und Verdauung abhängen, erkrankt sind Meist wird der einzelne Mensch erst durch solche Beschwerden und Krankbeiten darauf hingewiesen, dah er bei seiner Nahrung»« aufnähme Fehler in der bezeichneten Richtung gemacht hat. Die Harm» loieren Folgen lasten sich fast immer schon durch einfache chemische Mittel besiegen. Zuviel Säure wird durch Einnahme von Alkalien, unter denen das kohlensaure Natton oder zilroneniaureS Nattoa besonder» beliebt sind, em Ueberschutz an Alkali durch einige Schluck einer ichwachen salzsauren Lösung bekämpft. ES ist nur notwendig zu wissen, ob die Beschwerden durch einen Ueberschuh oder einen Mangel an Säuren bedingt sind, was nach dem subjektiven Gefühl nicht immer leicht zu ermitteln ist. Am besten ist e», derartigen Folgen überhaupt auS dem Wege zu geben, indem man seinen Speisezettel richtig einrichtet. Den Gehalt von Nahrungsmittel» an Sauren merkt man durch den Geschmack weil eher und schärfer als den an Alkalien, und die meisten Leute wissen gar nicht, worauf dieser beruht. In den mineralischen Bestandteilen, die bei der Berbrennung eines tierischen oder pflanzlichen Körper« als Asche zurückbleiben, sind die Alkalien enthalten, hauptsächlich Calcium und Magnesium. Nur die wtsien» schaflliche Untersuchung kann eine Belehrung darüber erteilen, welche Nahrungsmittel Stoffe dieser Art enthalten, welche dagegen säure» bildende Elemente wie Schwefel und Phosphor. Die in der Pflanzen» asche enthaltenen Alkalien find in dem bezeichneten Sinn iür de» Haushalt des menschlichen Körpers nicht weniger wichtiger al» Eiweisi, Fett und Kohlehydrate. Die Niere ist das Laboratorium, in dem der Körper auf den chemischen Ausgleich hinarbeitet, aber dieser Werkstatt darf nicht zuviel zugemutet werden, und außerdem braucht jedes Laboratorium die nötigen Grundstoffe, um überhaupt arbeiten zu können. Für die Ernährung im allgemeinen können auf Grund neuer Untersuchungen von Prosesior Sherman im.Journal für biologische Cbemie" folgende Anweisungen gegeben werden: Fleisch und Fische zeigen einen gewiffen Ueberschuy an säurebildenden Stoffen, und dasselbe ist bei Eiern und in etwas geringerem Grade bei Mager» fletsch und bei Getreideerzeugnisien der Fall. In der Milch da» gegen überwiegen die Basen, noch mebr in Obst und Ge- müsen. Hinsichtlich des Obstes mutz diese Behanplung im- wahrscheinlich klingen, da man immer von Fruchnäuren hört. Diese sind aber von den anorganischen Säuren verschieden und werden im Körper verbramtt. ohne zur Erhöhung der Säure» menge beizutragen. Diese Forschungen befinden sich noch in den Ansängen und werden sich zu großer Bedeutung entwickeln, wenn sichere Angaben erst für jede? einzelne Nahrungsmittel zur Ver» fügnng stehen werden. Vorläufig weiß man zum Beispiel nur un» gesähr, daß auf einen Ersatz der Kartoffeln durch eine NeiSmenge von gleichem Nährwert die Ausscheidung der Nieren sowohl an Säuren wie an Ammon erheblich steigt._ IZorwarrsBuchdruckerel u.Verlassansta.ltPau.�ingeräEo.,BerllnSVV«