Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 226. Mittwoch den 20. November l912 kRachdr>tS verdelen.) ii] Die Oberwälder, Von Alfred Bock. Dem Krämerskarl schoß das Blut in den Kopf. „Tausend Mark! Das ist zuviel!" � Bisping machte eine Handbewegung.' „Herr Rendant. ich kann rechnen. Warten Sie's ab, wie sich das Werk entwickelt, und wie ich über Sie verfüge." Der Krämerskarl wippte auf seinem Stuhl hin und her. Tausend Mark! Bomben und Granaten! Sein Glücksrad drehte sich auf einmal so schnell, daß ihm blümerant vor den Augen wurde. Stät, stät! Gewiß, er erlebte goldene Zeiten. Aber das war nicht zum kleinsten Teil sein Verdienst. Er hatte die Kenntnisse, er hatte den Blick. Wenn der Herr Bisping ihn mit der Oberaufsicht über das Basaltwerk be- traute, Wußte er ganz genau, warum. Jeder Arbeiter war seines Lohnes wert. Tausend Mark! Da war kein Bedenken. Er erhob sich und sagte mit Selbstgefühl:„Abgemacht!" Der Bauunternehmer holte eine Brieftasche hervor. „Herr Rendant, Sie sind wahrscheinlich der einzige im Ort, der in kaufmännischen Dingen mitreden kann. Ver> trauen gegen Vertrauen! Fünfzigtausend Mark will ich m den Steinbruch stecken. Ich Hab mein Vermögen größtenteils in guten Hypotheken angelegt. Die werd ich natürlich nicht verkaufen. Man beleiht sie mir überall. Ich sage mir aber, was brauche ich weit zu gehen, wenn ich's in der Nähe haben kann. Ich habe Ihnen da eine Schätzungsurkunde mitgebracht. Es handelt sich um ein Haus in der Baroper Straße in Dorr- mund. Das ist ein neues Viertel, das große Zukunft hat. Die Grundwerte steigen rapid. Sie waren lange genug im Kohlenrevier und kennen die Verhältnisse. Das Haus wird auf zweimalhunderttausend Mark tariert. An erster Stelle ist es mit hundertzwanzig Mille belastet. Die zweite Hypothek gehört mir. Die würde ich hinterlegen. Sie lautet auf .tünfzigtauscnd Mark. Will die Spar- und Darlehnskasse nur die geben, soll mir's recht sein. Daß sie mehr wie sicher geht, ist klar. Ich zahle übrigens höchstens fünf Prozent." Der Krämerskarl schaute voll Bewunderung zu dem Bau- Unternehmer hinauf, der mit Glücksgütern gesegnet war, für den als kühlen Rechner große Summen wenig oder gar nichts bedeuteten. Die Kasse konnte sich's zur Ehre anrechnen, mit solch einem Mann Geschäfte zu machen. „Lassen Sie mir die Urkunde da," bat er,„Sonntag kommen wir sowieso zusammen. Ich glaub, daß die Sache keinen Anstand hat." Bisping übergab ihm das Dokument und sagte:„Paßt's den Herren, ist's gut, paßt's nicht, schadet's auch nichts. Ich wiederhole: ich kann das Geld überall bekommen." Er sah nach der Uhr. t „Ich muß machen, daß ich nach Hause komme. Meine Frau fühlt sich wieder sehr elend." „Sie hat wohl mehrsteuteils mit den Nerven zu tun?" fragte der Krämcrskarl. Bisping hob die Schultern. „Gott weiß, was es ist. Wir waren drei Jahre verhei- ratet. Meine Frau war munter wie ein Maikätzckien. Sie kennen den„Fredenbaum" bei Dortmund. Da saßen wir eines Tages nnt Bekannten zusammen. Auf einiual kriegt meine Frau eine Ohnmacht. Sic erholte sich rasch. Aber seit der Zeit klagt sie über Schwindel und Druck auf dem Kopfe. Ich Hab schon ein Vermögen für Aerzte ausgegeben. ss kann ihr keiner helfen." „Meinem Nachbar Moll seine Frau," erzählte der Krämerskarl,„hat ganz schrecklich an Kopfweh gelitten. Der Doktor stand wie ein Ochs am Berg. Nun ist da ein Mann in Brauerschwend. Der schreibt sich Geißler. Der kam und drückt der Mollin dreimal kreuzweis den Kopf. Und macht eich Spruch herunter. Im Augenblick war der Schmerz weg." „Meine Frau hat's in Dortmund schon mit einem Mag- netiseur versucht," sagte Bisping.„Das schließt nicht aus, daß ich ihr den Mann aus Brauerschwend einmal schicke. Not sucht Rat." Er verabschiedete sich. Der Krämerskarl begleitete ihn bis an die Ladentür und kehrte dann zu: seiner Arbeit zurück. Er nahm das Kontobuch für Darlehn vor, begann etwas ein- zutragen, legte aber die Feder wieder beiseite und simulierte vor sich hin. Wie wunderlich ging's in der Welt doch zu! Der Bisping saß an der vollen Schüssel und wurde seines Lebens nicht froh. Ewig die kränkliche, lamentierende Frau. Das mußte den Geduldigsten zwatzelich machen. Daß der Mann sein Kreuz schwerer nahm, als es in Wirklichkeit war, danach sah er nicht aus. Ganz gegen Westfälingerart war er zutraulich und mitteilsam. Darum konnte er, der Krämerskarl, ihn be- neiden. Ihm war's nicht gegeben, sich aufzudecken. Was ihn zu tief quälte, verschloß er in sich. Auf dem„Fredenbaum" bei Dortmund, wo die Bispings eingekehrt waren, hatte er seine Frau kennen gelernt. Seibigmal war draußen Konzert. Die Düsseldorfer Fülisiere spielten. Der Garten war schwarz von Menschen. Er hatte mit vieler Mühe einen Platz gefun- den. Es war nur ein kleiner Tisch. An dem saßen ein Post- beamter und zwei Mädchen. Die eine war die Klara Pott- gießer aus Belecke, die andere ihre Freundin, die Herwine Kuhlmann aus Iserlohn. Beide dienten in der Stadt. Die Hermine guckte ihn an. und er kam ins Gespräch mit ihr. Ihre Herrschaft wohnte in der Viktoriastraße. Alle vierzehn Tage hatte sie ihren Ausgang. Letzt war sie mit ihrer Freundin in Königsborn gewesen. Da hatte es ihr gut gefallen. Der Rauch in Dortmund und der Schmutz, das war ihr gräßlich. In ihrer Heimat, in Iserlohn, war's schöner. Da ging man Sonntags auf die Berge- und konnte Luft schnappen nach Herzenslust. Pfingsten war sie bei ihrer Tante in Werdohl gewesen. Die hatte in der Lotterie gewonnen. Und hatte Wäsche wie eine Baronin! Und ließ bei einer Schneiderin in Hagen arbeiten. Und führte ein Leben wie unser Herr- gott in Frankreich. Das sprudelte sie heraus. Und noch viel mehr. Ihre Stimme klang wie eine Glocke. Er hätte ihr stundenlang zuhören können. Am anderen Tage traf er sie auf dem Westenhellweg und ging mit ihr. Ihre Herrschaft, erzählte sie. wühle nur so im Geld. Aber es war kein rechtes Glück dabei. Die Frau war eiskalt und behandelte ihren Mann schlecht. Es hieß, er habe einmal unsaubere Geschäfte gemacht. Das war schon lange her. In die Gesellschaften kamen die feinsten Leute. Und immer gab's Champagner. Neulich bei einem Abendessen von achtzehn Personen hatte der Diener nur fünf Flaschen eingeschenkt. Wahrscheinlich auf höheren Befehl. Wo so viel Reichtum herrschte, kam einein die Sparsamkeit lächerlich vor. Ihm war's, als spüre er den feinen Duft des Weins. Oder war's das Mädchen? Er war wie benommen. Vor dem prachtvollen Hanse in der Viktoria- straße schwätzte er noch eine Weile mit ihr. Daß Geld den Meister spiele in der Welt, gestand er ihr, das wisse er auch. Er habe selbst einen guten Verdienst und habe ein hübsches Sümmchen zurückgelegt. Das hörte sie gern, ja man merkte es ihr an, sie hatte Respekt vor ihm. Nun sahen sie sich öfter. Er brannte lichterloh. Einmal begegnete ihm die Klara Pottgießer aus Belecke auf dem Markte und sagte, ihre Freundin, die Hermine, habe Verehrer und Begehrer in Menge. Wenn er's ernst mit ihr meine, solle er sich beeilen. Er erschrak, daß ihm die Beine zitterten. Das Mädchen hätte er keinem anderen gegönnt. Und er hielt um sie an. Zwei Monate später waren sie Mann und Frau. Staat konnten sie mit ihren zwei Stäbchen in der Enscheder Straße nicht machen. Aber gemütlich war's. Und das Kochen verstand die Hermine aus dem ff. Zuweilen empfing sie ihn mittags mit ihrem Platt:„Hüt kriegste wat Gaut's tau freien!" Dann durfte er immer auf ein Leckeressen rechnen. Die Sache hatte nur einen Haken: das Geld glitt ihr aus den Händen, sie wußte nicht wie. Sie putzte sich auch gern und stand vick vor dem Spiegel. Er war. so vernättert in sie, daß er nichts abschlagen mochte. Wie sein Beutel nun leerer und leerer wurde, kam der Krach. Das Schlaraffenleben hatte ein Ende. Im geheimen raffte sie ibre Habe zusammen und entwich. Er lief herum wie vom Blitz getroffen. Sein Kollege, der dicke Brüggemann, hatte noch seinen Uz mit ihm und sagte: „Wenn die hübschen Weiber fort sind, steigen die alten im Preise. Die Kampmannsche drüben nimmt dich gleich." Er hätte dem Kerl ins Gesicht spucken mögen. Er hatte an der Hermine unbändig gehangen und sah kein Frauenzimmer nid?r an. In dem öden Stübchen packte ihn ein Grausen. Wollte er nicht dein Wahnsinn verfallen.�niutzte er sein Bündel schnüren. Sein Prinzipal, der Herr Schulte, gab ihm die besten Worte, er solle bleiben. Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Er stand auf. Die Erinnerung übermannte ihn. Um seine Lippen lief ein schmerzliches Zucken. Die Zeit, so sagte man, heilt alle Wunden. Die ihm geschlagen war, würde kein Trost beträufeln. Und doch! Seit ein paar Tagen war eine Hosfnnng in ihm. stärker denn je. daß ihm die Verlorene wiedergegeben werde. Dem Rühladam sein Enkelsohn, der Thomas, war aus Amerika angekommen. Der hatte in Buffalo als Weißbinder gearbeitet und erzählte, drüben sähe es sehr traurig aus. Aus allen Ecken und Enden der Ver- einigten Staaten kämen die Nachrichten von Bankrotten. Eine große Eisenbahngesellschaft hätte ihre Zahlungen eingestellt. Auf dem Schiff, das den Thomas nach Bremen brachte, waren Hessen und Württeinberger und Westfälinger. Ihm, dem Kart, lag's auf der Zunge, daß er deir Weißbinder fragte: „Hast du nicht incm Truschelchen, die Hermiue, gesehen?" Torcnspiel! Ter Thomas kannte sie ja nicht. Nichtsdestoweniger konnte sie dabei gewesen sein. Sie konnte morgen, die andere Woche koinmen. Und er hatte noch nichts getan, sie gebührlich zu empfangen. Gleich wollte er an den Löb nach Dirlammen schreiben. Der sollte ihm eine Nähmaschine be- sorgen. Das Eckstübchen droben war noch kahl und leer. Die Kasse verschlang halt alle seine Gedanken. Nun, in ein paar Tagen ließ sich viel schassen. Tie Hände auf dem Rücken, das schmale Gesicht wie im Fieber gerötet, lief er in der Stube auf und ab. Wonach er brünstig begehrte, das spiegelte ihm seine Phantasterei als Wirklichkeit vor. Da hielt ein Wagen vor dem„Ritter". Neu- gierig stand der Schorsch an der Tür. Eine Frau stieg ab. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Und tfübsch wie nur eine. Tie fragte:„Wo wohnt der Krämerskarl?"„Auf dem Kirchweg," gab ihr der Schorsch Bescheid. Und redsprächig, wie er war, sehte er hinzu:„Der Krämerskarl is eh auch Rendant. Das Geld regnet ihm nur so zum Dach herein. Man spricht schon, er wird Gemeinderat. Und soll auch in den Kreisausschuß kommen." Tie Frau niachte Augen so groß wie ein Teller. Jemand wies ihr den Weg. Er hatte gerade die Kasse aufgenommen, hatte die Goldstücke hinge- zählt. Die funkelten,'s war eine Lust. Nun trat sie herein. Er tat ganz kühl:„Ei, Hermine, da bist Du ja!" Sie ge- traute sich nicht von der Stelle. Sie sah gar nicht abgezehrt ans. Eher war sie ein bißchen dicker geworden. Er streckte ihr die Hand entgegen. Auf einmal hing sie an seinem Hals. lind schluchzte, daß es ihm das Herz zerriß. Und er strich ihr das wirre Haar aus der Stirn. Wahrhaftig! Da glihertejjs weiß und grau. Sie mußte doch viel gelitten haben.„Sei stät!" sprach er ihr zu.„Ich bin so froh, daß ich Dich wieder Hab. All die Jahre, das war ein einzig Warten auf Dich Ich wußt's daß Du kommst. Und jetzt das Glück. Guck Dich doch um, wie gut inir's geht. Mir und Dir. Du brauchst Dich Dein Lebtag nicht mehr zu sorgen,'s langt für uns zwei. Und so Gott will, für drei!" (Fottsehuiig folgt.) Hnn' JNIancs Reife. Von Martin Andersen Rcxö.(Berechtigte Usbersetzung von H. Kiy.) Spät an einem Winterabend langte ich zi> Fuß auf einer kleinen Station Westjütlands an; ich wollte den Nachtzug nach Kopenhagen benutzen, um von dort weiter nach dem Süden zu reisen. Es war recht unbehagliches Wetter, dunstig und stockfinster. Auch im Warte- räum war es düster, man halte den Docht der Hängelampe ganz niedrig geschraubt— wohl un, zu sparen. Aber wenigstens war es warm da drinnen. In der Ecke neben dem verrosteten Ofen hatte sich eine kleine Baucrnsamilie niedergelassen: Mann, Frau und ein Bursche von siebzehn bis achtzehn Jahren. Es waren nniersetzte, kräslige Ge- stalten, wie sie auf den« mageren Lande zwischen Sandhügeln ge- deihcn, wo die Verhältnisse kein überflüssiges Gepäck gestatlen z die Gesichter hatten einen festen, verschlossenen Ausdruck, und über den knorrigen Bestallen lag jenes zwergarlige Gepräge; man sah, hier war aus kleinem Raunie viel zusammengedrängt. Die Frau lag an die Wand gelehnt da, ihre Augen waren ge- schlössen und um ihren Mund hatie sie einen scharfe» Zug, wie von gewaltsam unterdrücktem Schmerz; ihr Gesicht war leichengelb; zu beiden Seiten sahen die Männer, vorgebeugt, die Ellbogen aus den Knien. Als ich eintrat, guckten sie scheu auf. doch ohne sich zu rühren. Dann begannen fte zusammen zu flüstern. Die ganze Gruppe hatte etwas seltsam Versteinertes an sich, als ob diese Menschen sich unter einer schweren Bürde duckten. Ich ging im Warteraum aus und ab zu dem Schalterloch hin. das noch ganz dunkel war, und dann zur gegenüberliegenden Ecke. Die beiden Männer flüsterten über die steifen, getrennten Knie der Frau hinweg und schielten heimlich zu mir hinüber. Schließlich stand der ältere der beiden auf und kam zaghaft auf mich zu. „Mit Verlaub, willst Du nach Kopenhagen?" fragte er still, mit gespanntem Gefichtsausdruck. „Ja, dahin wollte ich." Nun kam Leben in sein betrübtes Gesicht:„Das trifft sich groharlig, dann kannst Du ja unsere Mutter milnebmcn— sie muh in die Klinik." Er sprach sehr vorsichtig, wahrscheinlich um die Schlafende nicht zu wecken: ich merkte aber seiner Stimme an, wie erfreut er war. Dann nickte er dem Sohne zu, er solle auch herüber kommen. „Dieser gute Mann hier fährt auch nach Kopenhagen, und er will sich der Mutter annehmen, Hans. Sieh, nun sind wir über den Berg lveg l" Er atmete bei dieser Mitteilung förmlich auf. Daß ich mich etwa weigern könnte, fiel ihnen nicht ein; ich reiste ja den- selben Weg wie die Frau, damit verstand sich die Antwort von selbst! Wie bezeichnend erschien mir dieser Zug; man muß hart gegen übermächtige Verhältnisse gekämpft haben, um es für selbst- verständlich zu halten, daß der eine denr anderen hilft, wo er kann. Es waren HüsnerSleute von der jütländischen Heide um Verbasse herum, lvahricheinlich stammten sie von einem jener trübseligen kleinen Bauergehöfte, die der Heide durch endlosen Fleiß abgerungen worden sind, und die wieder zu Heideland werden, sobald die Hände einen Augenblick müde in den Schoß sinken. Ja, ich kannte diese Wesen wohl, die nichts anderes besaßen als ihre nackten Fäuste und unerschöpfliche Selbstaufopferung, und die daher an die Peripherie gejagt iviirden, um den Sand umz'.ischaffen in Erdreich für die Gutsbesitzer der Zukunst. Diese Leute waren ganz unglücklich, Iveil sie sich die paar Meilen von ihrer Heimat hatten entfernen müssen; so waren ihnen ihre tausend Pflichten in Fleisch und Blut übergegangen. Krankheit war erträglich für fie, wenn sie auf das Heim beschränkt blieb; aber eine Reise»ach Kopenhagen türmte sich für sie zu einem schweren Schick- sal auf, das den Fleiß und die Arbeit mehrerer Jahre zu vernichten drohte. Wie oft hatte diese Reise sie gequält, wie hatten sie hin und her gegrübelt, nach all der Jahre langen Not und Sorge lag nun ans ibren Gesichtern ein leichter Schimmer der Befriedigung, weil jetzt so einigermaßen eine Lösung gefunden zu sein schien. Nun konnte Mutter»ach Kopenhagen reisen, ohne daß dadurch zu viel zerstört wurde, Es mußte ja übrigens recht ernst sein mit der Krankheit, wenn sie den ungewöhnlicheit Entschluß faßten, in der Hauptstadt ärztlichen Rat zu suchen. Ich fragte danach. „Es ist Krebs," erwiderte der Sohn.„Sie soll operiert werden. Der Doktor wollte sie schon vor Jahren hmüberschicken, aber sie hat sich bisher immer dagegen gesträubt. Es geht ihr sehr schlecht. und wir hätten sie die Zeit über, die ihr noch bleibt, gern zu Hause behalten; aber nun hat sie Mut gekriegt und will den letzten Ausweg versuchen." Die Stimme des Sohnes wurde heiser und versagte. „Wir sind ja nur zu dritt— und haben uns immer gut vertragen," sagte der Bater, wie um die Rührung des SohneS zu entschuldigen. Die Frau war inzwischen erwacht, und ich ging zu ihr, um sie zu begrüßen,„Sieh' mal, was für einen feinen Reisebegleiter wir für Dich gefunden haben, Ann' Marie!" sagte der Mann scherzend, indem er ihr half, sich aufzuricbren.„Sei nur ein bißchen freund- lich zu ihm I... Es ist nämlich Mutters erste Reise," sagte er, zu mir gewendet,„daruni ist sie ziemlich gespannt." Ann' Marie lächelte mich an, sagte jedoch nichts. Die Augen hatten ein märchenhaftes Leben, doch sonst sah sie recht angegriffen aus: in all den Jahren hatte die Krankheit Zeit gefunden, sich durch ihren Körper hindurchzufresicii. Hinter den« kleinen Billetlschalter wurde Licht angezündet und ich ging hin, um mir eine Fahrkarte zu lösen. Doch der Mann kam eilig hinter mir her. wobei er in der einen Westentasche herum- wühlte. „Vielleicht würdest Du auch diese Fahrkarte übernehmen," sagte er und hielt mir ein Billett dritter Klasse hin.„Wir hatten es für Hans gekauft. Es hat uns süns Kronen dreißig Oere gekostet. Du kannst es hier ja selber sehn; aber Du brauchst mir nur rund fünf Kronen dafür zu geben. lind dann bekommst Du MutterS Billett noch als Zugabc I" fügte er mit pfiffigem Lächeln hinzu. Ich war ein ivenig verwundert darüber, daß die Leute schon Billette hatten, aber die Erklärung war ganz einfach. Sie waren gleich nach dem Mittagsschlaf fortgefahren, um nur ja den Zug nicht zu verpassen. Einen Fahrplan hatten sie nicht, so mußten sie es darauf ankommen lasse», zur rechten Zeit zu kommen. Es ging auch wirklich gerade ein Zug. als sie auf dem Bahnhof eintrafen, aber nach der verkehrten Richtung. So erzählten sie mir.„Da haben wir uns dam, doch gleich Fahrkarten genommen, damit das erledigt wäre." Mich fröstelte bei dem Gedanken, daß die alte kranke Frau sechs bis sieben Stunden hier in» Wartesaal zugebracht hatte und nun in der dritten Klasse die ganze Nacht im Zuge sitzen sollte; doch sie selker schien ganz zufrieden mit ihrer Lage zu sein. Tie hatte sich ausgeruht und erwartete ungeduldig wie ein Kind den Zug, der etwas Verspätung hatte bei jedem Laur fuhr sie auf und griff nach ihren Sachen. Ihr Wesen hatte etwas Exaltiertes, das gar nicht recht zu dieser ernsten Bäuerinnengestalt zu passen schien; war eS das bevorstehende Erlebnis, das sie in so fieberhafte Aufregung ver- setzte? Sie hatte keine Ruhe. Die Männer suchten, wie auf Verabredung, allen Ernst und alle Sorge zu unterdrücken, und begannen mit Ann' Marie zu scherzen, als ob sie eine Vergnügungsreise mache, um die man sie beneiden könne. Es ging auch gut, bis wir in, Zuge fasten, doch dann konntet, die beiden sich nicht länger beherrschen. „Nun mach', dast Du's gut überstehst und Wied« zu uns nach Hause kommst. Mutter," sagte der Mann und reichte Ann' Marie seine zitternde Hand.% Sie nahm sie zwischen die ihren und sah ihn lächelnd an:„Ja, nun reise ich allein nach Kopenhagen," sagte fie.„Seit unserer Jugend hast Du mir diese schöne Reise versprochen, und nun mach' ich sie allein— sonst wird ja doch nichts daraus!"— Vielleicht trat ihr das Reise, iel plötzlich klar vor Augen, denn ein grauer Schatten fiel auf ihr Gesicht. Eine Weile fast sie mit geschlossenen Augen da und prcstte krampfhaft die Hand ihres Mannes. „Nun geh nur' nach Hause und sieh nach den. Rechten," sagte fie plötzlich und liest die Hand los.„Und Du, Hans, kannst mal her- kommen und Deiner Mutter'nen Kuh geben." Hans schob den Estkorb und das Kissen der Mutter weiter auf die Bank hin und beugte sich verlegen über fie.„Das will ich Dir sagen." hörte ich sie flüstern, während sie ihn knhte,„wenn Du mit der Magd etwas hast, dann muht Du sie heiraten." Dann fuhr der Zug mit uns davon. Ich dachte mir, die kranke Frau müsse das Bedürfnis haben, sich auszuruhen und machte ihr auf der Bank ein Lager ans ihrem Kopf- kissen und meiner Reiiedecke zurecht. Aber sie wollte nichts davon wissen; vielleicht getraute sie sich nicht, sich hinzulegen. Ausrecht sah sie auf ihrem Platz, ohne sich anzulehnen und folgte den ichaukelnden Stösten des Wagens. „Uba, wie wir sausen I" sagte sie fortwährend und erhob sich dabei halb, wobei ihre Augen unnatürlich glänzten. Ich legte nun Kissen und Decke in die Ecke des Kupees und brachte sie halb mit Gewalt dazu, sich anzulehnen. „Ja, bei mir must man auftrumpfen," sagte sie kindlich, als sie Vertrauen zu den Wänden des Eisenbahnwagens gewonnen hatte. „Ich bin nämlich recht eigensinnig. Vater und Hans sind viel zu gut zu mir. Danials. als sie mich fortschicken wollten, da wollte ich nicht; und jetzt, da sie mich zu Hause halten wollten, m u st t e ich unter allen Umständen die Reise machen. Ich will Dir was sagen, an die Operation glaube ich nicht— Gott bewahre. Aber ich ivill nun mal Kopenhagen sehen, bevor eS zu spät ist. Wie weit ist es wohl bis dahin?" „O... etwa vierzig Meilen." Nun fuhr sie fort: O. e! Und alles in einer Nacht. Und die Häuser drüben... waren die wirklich viel höher als die Kirche von Läberg? Und war es wahr, dast mau angefangen hatte, Leute � in den Häusern hin aufzuhissen? Und die beiden Gewässer, über die man fahren müsse, um zur Hauptstadt zu gelangen, wie war eS damit? Und Fünen und Seeland... bekam man die bei Tage zu sehen? Zurückgelehnt lag sie in ihrer Ecke und lauschte meinen Ant- Worten, der Rausch des Erlebens hatte eine Glut in ihrem Blick entfacht, halte ihre gelben Wangen gerötet. Wenn ich schwieg, starrten ihre Augen rund und fragend zu mir herüber und schienen von mir zu verlangen, dast ich ihr etwas recht, recht Wunderbares erzählen solle. Von Zeit zu Zeit lief ein Schalte« über ihr Gesicht und dann schwand all die Neugier und Erwartung hin in dem gleichmästigen Grau; in diesen Augenblicken stemmte sie den Arm hart gegen den Unterleib und fast wie versteinert da. während der Schweist auf ihrem Gesicht hervorsprang. Doch dann lächelte sie gleich wieder und wollte nichts davon hören, dast fie nicht wohl sei. „ES ist blast eine Schande, dast Du mich so sehen mustt, zum Dank dafür, weil Du Dich meiner annimmst." sagte sie mit einem rührenden Lächeln, das deutlich verriet, dast die alte Frau einmal sehr hübsch gewesen sein mustte. Sie war noch nie mit der Eisenbahn gefahren, die Gelegenheit dazu hatte ihr gefehlt. Als ganz junges Mädchen hatte sie ge- heiratet und seil dieser Zeit war ihr Leben ein ewiger Kampf mit dem Heideland an der Seite ihres Mannes gewesen. Im Sommer hatte sie in dem kalten Moorwasser gestanden und die Erde heraus- geschaufelt, hatte sich abgerackert, dainit die Familie aus dem un- fruchtbaren Boden«icht zu Grunde ginge, und hatte jedes Jahr ein Kind zur Welt gebracht. Der liebe Gott halte die Kleinen wieder zu sich nehmen müssen und die Eltern hatten nicht einmal Zeit ge- habt, ihren Tod zu beweinen. Ganz allmählich hatte ihre Lage sich etwas gebessert und Hans, der zuletzt geboren wurde, ivar ani Leben geblieben, so schwächlich er auch als Kind ge- wescn war. Sieben lagen auf dem Kirchhos; aber nun hatten die Alten ihn ja als Stütze. Zwei isländische Pferde gehörten zu dein Gehöft, und fünf Stück Vieh; im Laufe der Jahre waren dreißig Tonnen Heideland unter den Pflug genommen worden, und jetzt lagen die Dinge so. dast man bei grostcr Aus- dauer gerade auskommen koimte. Malt hatte wegen mujterhaster Bewirtschaftung sogar eine Prämie vom landwirtschaftlichen Verein bekommen und die Zeituugen hätten über die Familie geschrieben und fie als Eroberer des i.euen Landes bezeichnet. Ann' Marie fragte mich, ob ich das denn nicht gelesen hätte. Ich wagte nicht zu erzählet:, daß das nicht der Fall sei. sondern sagte mir:„Und nun können Sie obendrein noch diese Reise machen!" „Ja. ich tu gar nichts— ich brauche mir nicht die geringste Arbeit zuzumuten!" rief sie und gab sich ganz ihrem armseligen Triumphe hin, indem sie sich zurücklehnte und die Arme unter der eingefallenen Brust verschränkte.„Der Doktor hat gesagt, man müsse mich sehr bebulsam behandeln, sonst könne ich meincin Mann unter der Hand wegsterben. Nicht einmal widersprechen darf mau mir. in allen Punkten soll ich ineinen Willen haben. Und ich kann mir ganz leichtes Essen vertragen!" Sie lächelte mich an, entzückt darüber, dast sie es nun so gut habe. Das Dasein hatte in ihrem Kindergcmüt keine Spuren hinterlassen, es hatte sich unter ihren brennenden Angen gleicki tiefen Todesickiatten gelagert. Fast hätte ich sie nicht auf die Fähre mitbekommen. Sie hängte sich störrisch an meinen Arm und wollte nicht auf die Schiffsplanken treten.„Es ist lebendig unter mir", wiederholte sie jammernd und zuckte bei jedein Laut der Maschine erschrocken zusammen. Erst als wir im Zuge fasten, beruhigte sie sich wieder. Der Rhythnms des Fabrens belebte sie offenbar; diese Reise hatte in ihreni mühseligen Dasein wie ein schönes Versprechen des Blutes aus den Jugendtagen gespukt, und die weichen Luflsprüngc des Eisen- bahnzugcS über die kleinen Lücken in den Schienen lösten ihren Jugendlraum endlich aus.„Ich fliege! ich fliege!" In einem fort Iviederholte sie diese Worte. Endlich flog Ann' Marie— wenn-auch allein— fort von jahrelager Mühe und Arbeit, flog dem Unbekannten entgegen. Die Felder der Jniel Fünen jagten im Dunkel an den Fenstern vorbei. der Name„Fünen" bekam auf ihren Lippen einen feierlichen Klang: nun ivar also Wasser zwischen ihr und der Heimat, nun war sie wirklich in der Fremde I Fünen I Man sagte ja, hier sei die Erde so unendlich freigebig, und die Franc» hätten so weiche, sanfte Hände; wenn man nur einen dürren Zweig in die Erde stecke, so werde ein Baum daraus. Hier in Fünen pflückte man, wie es hiest, vierzig Pfund Johannisbeeren von einem einzigen Strauch, und die Frauen hatten keine anderen Pflichten, als gut zu ihrem Schatz zu sein. Doch Ann' Marie flog weiter, fie eilte dem Zuge voraus, eilte fort von dem fruchtbaren Fünen. Schweigend hatte sie mich er- zählen hören, dast ich nach dem Süden fahren wolle, ihr Gesicht halte verständnislos dreingeschaut; aber nun flog sie plötzlich kühn voraus. Es guälte mich, dast sie so allein flog, dast ihre Gedanken nicht bei den beiden Menschen daheim weilten. Mit ihnen hatte sie offenbar während der langen Krankheit alles geordnet, hatte Ab- schied genommen, und nicht die Zleinste Pflicht rief sie zurück. Ihr Sinn trachtete bloß vorwärts, seltsam hin und her schwei» send, trachtete nach helleren und helleren Gegenden. Es war, als ob ihre Augen immer klarer brannten; trotz Ann' Maries Lebhaftigkeit hatte ich das dumpfe Gefühl, dast jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten könne. Wir waren allein im Coupöe; doch bei der nächsten Station wollte ich einen Schaffner rufen, um nicht mit ihr allein zu sein, wenn etwas passieren sollte. Dann aber verwarf ich diesen Gedanken wieder als recht töricht; ich konnte mich ja nur an das eine halten, dast sie an Krebs litt und nach Kopenhagen fuhr, um sich operieren zu lassen. Nicht einmal Müdigkeit merkte man ihr an» während ich--- Ja, ich selbst war recht müde und lehnte mich mit geschlossenen Augen zurück, um mich ein wenig auszuruhen. Sie schwieg sofort. und kurz darauf spürte ich, wie eine Hand mir das Kissen unter den Nacken fchob.„Du bist schläfrig." sagte sie, als ich die Augen auf- fchlug.„Einem alten Weib zu Liebe soll die Fugend denn doch nicht um ihren guten Schlaf kommen," In ihren, traurigen Gesicht las ich. dast ich ihr Reisebegleiter war, mit den, zusammen sie ihre graste Fahrt machte, und dast ich sie beinah im Stich gelassen hätte. Ach. sie liebte mich ja, weil ich mit ihr fuhr! Und seltsamerweise, daran nahm ich durchaus keinen Anstost. Durch alle die mühseligen Jahre hindurch hatte sie sich etwas Jungfräuliches bewahrt, einen blinden Glauben an das Märcheuglück des Reifens, der ihr aus den Augen hervorleuchtete und sie wirklich verschönte. „Wollen wir beide nickt zusammen nach dem Süden reisen?" fragte ich fcherzcnd und umfastte diesen vom Tode gezeichneten Kopf. Und vor Angst, die Reise des Armen auch arm zu machen, er- zählte ich von dem sonnigen Süden, von dem Land ohne Sorgen und ich machte eS noch icköner, als eS ist— so schön, wie es uns in unserer Sehnsucht erscheint. Ann' Marie lächelte und wenn ich schwieg, stellte sie kindliche Fragen, die mir bewiesen, wie grotesk es in ihrem Gehirn arbeitete. „ES must schön sein, so nach unbekannten Gestaden zu ziehen." sagte sie schliestlich mit einer hübschen volkstümlichen Redewendung. Wenn ich noch jung wäre, dann... ja, dann würd' ich Dich be- gleiten. Und Du hättest gcwist Freude an mir erlebt.— Aber Du brauchst daS nicht zu bedauern, denn jung und rot hat, keine Not.... ES gibt genug weiche Hände, die in weichem Haar spielen wollen." Es war, als ob sie in der Reinheit ihres Herzens die eigene peinliche Spur verwischen und mich der Jugend im Liebesschmuck wiedergeben wolle.„Ich denke, am Ende Deiner Reise erwartet Dich etwas Schönes— zum Dank dafür, daß D» einem alten Weibe auf ihrem letzten Wege Geiellicbaft geleistet hast!" sagte sie und sah micb auf einmal gan, schelmisch an; so schelmisch, wie nur ein Antlitz blicken kann, wenn die Erfahrung des Todes darüber aus- gebreitet ist. Die tiefen ffurcheii auf den Wangen prägten sich immer mehr aus. al-Z wollten auch sie nicht zurückstehen— früher waren eS einmal weiche Grübchen gewesen. Zuletzt aber fiel Ann' Vlarie doch zusammen. Alles in allem waren wir gut durch die Dunkelheit gekommen, die für die alte Frau das Fremde mit Spannung erfüllte. Als aber jetzt die Sonne über den Türmen Kopenbagens in der Ferne aufging, lag Ann' Marie still da, mit geschlossenen Augen, und hatte nicht die Kraft, von der Wirklichkeit Besitz zu ergreifen. Es war. als ob der Zauber vor dem Tageslicht wiche. Die Leute aus der Klinik, die Ann' Marie holen kamen, muhten sie nach dem Wagen tragen; und sie erkannte mich nicht mehr.-- Auf den Operationstisch kam sie nicht. Sie setzte die Reise in das Unbekannte fort, wie sie ging und stand. Es wunderte mich nicht, als ich am nächsten Tage eine Notiz darüber in den Zeitungen las. Jahrelang hatte sie sich ja auf diese Reise gefteut; und wenn die Fahrt weiterhin ebenso verlief, wie sie begann, dann macht es nicht viel, dah es ihre einzige blieb. Die JVIode. Die herrschende Mode mit ihrem Gefolge von Schonheits- mittelchen, die die Gesialt des Weibes zur Karikatur erniedrigt, ent- spricht genau dem Wesen des kapitalistischen Systems, sie ist charakte- ristisch für die Sitten der herrschenden Klassen. In der österreichischen Zeitschrift„Neues Leben" schreibt die Schriflstellcrin ltlara Eberl über die Damenmode„mit den heraus- geschnürten Hüsten, der prallen Taille und den faltenlos gerundeten Sitzpartien" unter anderem: ..Sie bat sich mit allem erdenklichen Raffinement dazu entwickelt, die sinitliche Lüsternheit der Männer zu wecken und hat in dieser Hinsicht in dem geraden Korsett den Gipfelpunkt erreicht. Die Frauen, die vom Manne leben, sei es nun als Vampyre der Halb- Welt, sei e? als Ehedirnen— Frauen, die sich als Ware dem Meist- bietenden unter der Sanktion der„Ehe" verkauften— haben, um den Mann zu ködern, diese Mode geschaffen. Tausende äffen sie gedankenlos nach. In ihr ging die Keuschheit des ganzen Geschlechts unter, und die Oomi-vierAs lHalbjnngfrau), die mit frech vorgeschnürlem und entblöhtem Busen sich auf dem Balle de» Blicke» fremder Männer preisgibt, hat ihre Jungftäulichkeit entweih:. Unsere herrschende Kleidung ist unsittlich, unschön, gesundheitsschädlich. Bis- her hörte man fast immer nur das letztere betont, seltener von Künstlern daS Unschöne, fast gar nicht das erste. Und doch ist das Unsittliche daran für uns Frauen von unabsehbarer Bedeutung. Im beutigen Kleide stempelt sich daS Weib zum Geschlechtswesen deS Mannes. Ihr Alpha und Omega ist, jene Körperteile, die sie dazu machen, recht zur Geltung zu bringen. „Pfui!" höre ich manche Leserin rufen über diese drastischen, aber leider wahren Worte. Damit meine ich nicht, dah alle, die sich so kleiden, diese Zwecke verfolgen. Gewiß nicht. Die meisten tun es gedankenlos, unbewußt. Aber jetzt sollen sie zu denken beginnen und alles abwerfen, was sie zu dem animalcn Weibchen herabdrückte, jeder Schönheit und Menschenwürde bar. Wenn wir Frauen„freie Menschen" werden wollen, müssen wir uns eine Kleidung schaffen, die diese nicdngcn Zwecke oder auch nur den Schein ausschließt, die unsere und unserer Nachkommen Gesundheit gewährleistet und schön zugleich ist, nicht bloß„nicht häßlich"— nein, schon in edlen Linien, schon in erhebendem und erhabenem Sinne, fern von aller Gewöhn- lichkeit. Wenn John Ruskin, dieser große Schönheitsapostel sagt:„Ein Leben ohne Kunst ist Verticrung." so fasse ich das so auf. daß bei dem hochstrebenden, noch Adel ringenden Menschen alle? von Schon- heitsgefühl durchdrungen und geleitet sein soll, daS Große wie das Kleine, wie ivir uns benehmen, ja, wie wir essen, was immer wir tun und treiben, wie wir uns lleiden, da doch die Kleidung ein HauplauSdnick unserer Persönlichkeit sein sollte. Diese Mode mit ihren ewig neuen sund doch alten) Nouveautös, die von Pariser Dirnen und von spekulierenden Fabrikanten in die Welt gesetzt werden, ist das verhätschelte Kind der herrschenden Klasse. Sie wird von dem tonangebenden Bürgertum freudig aufgenommen und kann daher erst verschwinden, wenn die Gebräuche und Sitten dieser Gesellschaft verschwinden, das heißt andere Formen annehmen. Sittliche und künstlerische Eiuivände vermochten nicht hier Wandel zu schaffen. Erst dem Mahnwort biologisch denkender Äerzte, die auf die verderblichen Wirkungen der Modekleidung hinwiesen, ist eine Schar kulturslrebeuder Frauen gefolgt, die in gesundheitlicher Er- kcnntnis, in dein Verein für Verbefferung der Franenkleidung, den Leib des Weibes von der Mißhandlung der Modefesseln zu befteien suchte. Gesundheitliche Erkenntnis brachte dann das korsettlose Gewand, die sogenannte Reformkleidung hervor, die im Anfang leider nur ein unschöner Resormsack war. Manche Frau lehnte sie ab, weil ihr künstlerischer Geschmack dabei zu kurz kam. Allmählich wuchs aber das praktische Zweckgcbilde, da? e? im Anfang mir war, zu einem harmonischen Gewand heraus, dessen Stoff. Farbe. Form und Schmuck von einheitlichen Gesetzen des organischen Gestalte«? diktiert wurde. Diese vier Elemente wurden als Belebungsnüttel in der bewußten Absicht angewandt, den Eindruck der Sonderart zu steigern. Will man aber die Grundgesetze des organischen Ge- staltens beachten, damit das Frauenkleid wird, was es sein sollte, wie Gertrud Prellwitz sagt, ein„liebevoller, unbewußter Ausdruck der eigenen Art", so muß man zuvor ein Gebot erfüllen, das heißt: „Tue Geld in deinen Beutel!" Neben der Geldfrage spielt aber auch das Verständnis und die richtige Auffassung eine Hauptrolle. Der Sßeg zur Erkenntnis ist der erste Schritt zur Befferung. Dem Modeunfug der herrschenden Klaffe zu steuern ist ein vergebliches Bemühen. Haben mir doch selbst die Lefter der ersten matzgebenden Berliner Konfektions- geschäfte gesagt:„Wir wollen keine bleibende Mode, wir wollen stets etwas NcneS bringen", als ich ein Kleidmodell empfahl, das sich im Handel als bleibende Frauentracht Eingang verschaffen wollte. Sich an die Bernunft der Modedamen zu wenden, ist ebenso zwecklos. Dieser Auffassimg war auch der Regierungskommissar St. Just, als er mit einem RegierungsukaS dem Modeunfug— aus patrio- tischen Gründen— beizukommen suchte. Während der französischen Revolution erließ dieser energische Herr in Straßburg folgenden kurzen Befehl:„Die Bürgerinnen von Straßburg werden eingeladen, die deutschen Moden abzulegen, weil ihre Herzen französisch sind." Dieser Verfügung der französischen Regierung wurde gehorcht, denn die Gewalt stand hinter ihr. Um dem Unfug ein Ende zu machen, müßte man auch bei uns Gewalt anwenden. Das geht aber nicht, den» Kultur kann man nicht mit Gewalt erzwingen. Es bleibt also nur übrig, die Modedamen sich selbst und unserem Spott zu über- lasten. Jedenfalls entspricht diese Halbweltmode dem inneren Wert der deutschen wie der französischen Modedamen. L. H. Kleines feuilleton* Literarisches. Bruno Wille: Die Weltdichter fremder Zungen. sMärkische Verlagsanstalt Berlin.) Vom Werkschaffen unserer großen deutschen Dichter, anhebend mit der„klassischen" Periode und fort- geführt bis auf die Gegenwart, hat Bruno Wille ein vielbändiges „Hausbuch für daS deutsche Volk" gegeben, bevor er daranging, auch die Goldströme der Weltvaesie zu gleichen Zwecken aufzufangen. Das Ergebnis dieses SichtcnS und Einordnens liegt nunmehr'ab- geschlossen in zwei gewichtigen Bänden vor uns. Birgt der erste Band reiche Proben aus Boesieschätzen der Inder, Chinesen und Japaner, der Hebräer, Araber und Perser(mit Einschluß afghani- scher, kurdischer, tschcrkessiscker und tatarischer Volkslieder), der Hellenen und Römer, der christlich-lateinischen Kirchendichtung. sowie endlich der altgernranischen Heldenepen und deutschen Kirchenhymiien, der nordfranzösischen Ritterromane, der Troubadours und Minne- säiiger bis ans den Einfall der Frübrcnaiffance, die in Dante ihren Meister hat, so hebt der zweite Band mit der Spätrenaissance an, um dann zum weitaus größeren Teil die Koryphäen der europäischen Literatur aus de» letzten zwei Jahrhunderten bis zur Schwelle unserer Gegenivart zu Worte kommen zu lassen. Die einzelnen Epochen begleitet Bruno Wille durch knappe literar» historische Darlegungen. So schwierig es an sich ist, große geistige Entwickelungcn in eine sie erschöpfende prägnante Formel zu pressen, so unerläßlich ist diese Forderung, sobald es sich um Bücher handelt, die, wie das vorliegende Sammelwerk, dem Volke gewissermaßen die Kronen menschlichen Schöpfergeistes vermitteln sollen. Ursächlich zeitliche Zusammenhänge der Dichtung mit politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Umwälzungen aufzuspüren, ist Willes Sache kaum. Das Wesen beispielsweise der Renaissance sowie ihr Heraufkommen zu begründen, fällt ihm nicht bei. Er begnügt sich mit der überlieferten Phraseologie bürgerlich-ideologischer Literaturgeschichtsschreibung und übernimmt auch irrtümliche Ausfassungen, die längst widerlegt wurden. Wobl ist Renaisiance auch gleichbedeutend mit dem„Erwachen der Persönlichkeit". Aber diesem Umstände verdankte jene Zeit nicht die„Wiedergeburt", sondern dem Aufkommen des Kapita» liSmnS, kurz, dem Emporstieg einer neuen WirtschaftS- ordnung, nämlich der Herrschaft des Geldes an Stelle der alten Naturalwirtschaft schuldet die„Persönlichkeit" ihr„Erwachen"! Im Uebernchnicii der Meimingen anderer Beurteiler tut Wille übrigens mehr, als sich mit unabhängiger Kritik verträgt. Es ist einfach nicht richtig, wenn Wille Sigmar Mehring behaupten läßt: daß den französischen Alexandriner alle Dichter, die ihn je im Deutschen anwandten, bis heutigen Tages im eintönigen Silbenfall des schulmeisterlichen Martin Opitz erhalten hätten. Es genügt dock wohl, Ferdinand Freiligraih zum Gegenbeweise ins Treffe» zu sühre». Zu loben ist die Heranziehung jüngerer llebersetzer, wie Gumppenberg, S. Mehring. Kirsbach, Zoozmamr. in sehr reichlichem Maße der Herausgeber selbst u. v. a.. die im ganzen dem Geiste der ftemdländischeii Poeten in vollendeter Foinsühligkeit gerecht werden. Jeder Band(mit Dichterporträts) kostet dauerhaft ge- Kunden nur 4,50 M. und kann unabhängig vom anderen bezogen werden.«. ic. Verantw. Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstnltPaulSingertCo�BerlinLW.