Nnterhaltungsblalt des vorwärts Nr. 227. Freitag den 22. November� 1912 lNachdru« verbolea.» ISZ Vie Oberilvätcler. Von Alfred Bock. Nebenan bimmelte das Ladenglöckchen. Vor der Tbcke standen Leute, die bedient sein wollten. Der Krämerskarl sab und hörte nichts. Erst ein kräftiges Klopfen weckte ihn aus seinen Träumereien.--- Am Sonntag darauf kamen Vorstand und Aufsichtsrat im Geschäftszimmer des Rendanten zu sammen. Der Krämers- karl stürzte die Kasse und gab den Anwesenden Gelegenheit, den Bestand mit dem Buchsaldo zu vergleichen. Dann legte er die Schuldscheine und Urkunden, die ihm anvertraut waren, vor. Ter Föckelsheinrich als Direktor sah das Einnahme- und Ausgabejournal durch. Obgleich er von Buchführung höchst unklare Vorstellungen hatte, fühlte er sich dem Rechner gegenüber zu der Bemerkung veranlaßt:„Du kannst's, wie der Hannjerg das Dreschen!" „Ich tu nur meine Schuldigkeit," sagte der Krämerskarl bescheiden, aber mit einem Gesichtsausdruck, der nicht daran Zweifeln ließ, daß er sich seines vollen Wertes bewußt war. Eine Reihe von Gesuchen um Aufnahme in die Genossen- schaft war zu erledigen. Unter den Bewerbern wurde der Eberhard Happel in derJBassergasse genannt. Diesem war vor ein paar Jahren die Scheune abgebrannt. Im Dorf wußte zedermann, daß er sie angezündet hatte, und zwar bloß darum, weil er gut versichert war. Das gerichtliche Verfahren, das müsse nian sich auf Ueberraschungen gefaßt machen. Niemand könne die Gewähr dafür übernehmen, daß hier eine Station oder auch nur eine Haltestelle errichtet werde. Komme aber das Basaltwerk in Gang, so würde die Eisenbahn sich selbst schädigen, wenn sie den Anschluß daran versäume. Daß die Spar- und Darlehnskasse an der Person des Herrn Bisping und seinem Unternehmen das größte Interesse hcibe. darübe? brauche man kein Wort zu verlieren. Das Einnahmekonta weise aus, daß der Kasse Geld in Menge zugeflossen sei, mehr sogar, als man verwenden könne. Deswegen stehe man vor der Frage, ob man den Ueberfluß in Staatspapicren anlegen oder nach Darmstadt abführen solle. In beiden Fällen schlage man höchstens dreieinhalb Prozent heraus. Da sei denn der Antrag des Herrn Bisping doppelt willkommen. d!L sich bereit erklärt habe, fünf Prozent zu bewilligen. Zum Schluß vcrlaS der Karl die Schätzungslirkunde und fügte hinzu, die vereidig- ten Makler, die das Schriftstück unterzeichnet hatten, seien Leute, denen man unbedingt Glauben schenken könne. Das wisse er von seinem Aufenthalt im Preußischen her. Nach einer kurzen Pause trat man in die Besprechung de? Frage ein. „Der Beschreibung nach scheint's ein großes GeWerk zu lein," sagte der Vogelsheinrich.„Daß wir aber fünfzigtausend Mark drauf geben, will mir net in den Kopf. Fünfzigtausend Mark! Da wird einem ja ganz schwimmelig. Ei du liebes Gottche! So viel Hab ich mein Lebtag noch net beisammen gesehen." „Fünfzigtausend Mark," erwiderte der Krämerskarl mit einer wegwerfenden Gebärde,„das will gar nir heißen. Ich hoffe den Umsatz in einem Jahre auf eine halbe Million zu bringen." „Was der Karl da verdeutscht hat," bemerkte der Mar- golfspeter, der dem Aufsichtsrat angehörte,„dagegen will ich weiter nix sagen. Wann alles so kommt, wie h« sich's ver- spricht, dernachert hätten wir ein' guten Schnitt gemacht. 's kommt aber auch manchmal anders. Daß wir so viel au ein' Nagel hängen, da is mir net wohl debci." „Ich fem überhaupt von dem Westfalen net besonders eingenommen," sagte der alte Fink von der Ruhmauer. „Man spricht, das ganz' Land wär unterworrn(unterhöhlt). Und wär inwendig ein Feuer wie selbigmal in Herbstem, wo der halbe Ort zugrund gangen is. Eines Tags tät alles zusammenstürzen." Der Krämerskarl lachte. „Wer hat Dir dann den Floh ins Ohr gesetzt? Das Westfalen steht so fest wie der Vogelsberg. Ich glaub, Du hast läuten gehört, weißt aber nicht, wo die Glocken hängen. Wenn man fünfzig Meilen in die Erd' hineinspazieren könnt, käm nian überall auf Feuer. Ob da Bergwerke sind oder nicht. Der Herr, der letzt mit dem Herrn Bisping dagewesen ist, hätt Dir das auseinanderlegen können. Das Feuer in der Erd ist so weit weg, daß keiner nix davon gespürt. Und ninimt alsfort ab. Und geht cmal ganz aus. Dessentwegen kann man sagen, der Grund wird jeden Tag fester." „In Laubach," nahm der Jöckelsheinrich das Wort,„war emal so ein Makler,'s läuft mir im Maul crum,'s fällt mir alleweil net ein, wie er sich schrieb. Ter sagt', bei den Schätz- ungen täten sie so niedrig wie möglich greifen. Das müßten sie nach Pflicht und Gewissen. Ich Hab mir die Urkunde emal näher betracht! Zu riskieren haben wir nir. Ich denk fo:; vorweg profitieren wir anderthalb Prozent. Der Bisping kriegt das Geld, wo er will. Daß he uns nu die Vorhand läßt, das is sehr schön von dem Mann. Und daß wir ihn gleich vor dem Kopf stoßen, wo he ctz das Werk anfängt und so ein Geldspiel ins Ort bringt, da wären wir ja mit dem Dummbentel geklopft." Die Meinungen gingen auseinander. Die einen rieten zur Vorsicht, die anderen bauten auf den Krämerkarl. Der war treu wie Gold. Und wußte, was die Rüben galten. Die Abstimmung fiel für den Bauunternehmer günstig aus. Noch am selben Abend schrieb ihm der Krämerskarl, daß er gegen Hinterlegung der Hypothek das Geld in Emp- fang nehmen könne. 8, � Ueber dem Obcrwald steht eine Wolkenwand, schwarz Und unbeweglich. Inmitten erscheint ein heller Fleck. Der wächst und wächst. Plötzlich bricht die Sonne durch. Nur für ein paar Augenblicke. Von Osten kommend lagern sich Wolken vor. Allmählich iiberzieht sich der Himmel mit einein gleichmäßigen, düsteren Grau. „'s gibt Schnee!" ruft der Rühlsadam seinem Nachbar, dem Vogelsheinrich, zu.„Etz wart ich schon achtzig Jahr, daß es emal Goldstiicker vom Himmel herunterschneit. Ich schätz, ich erleb's net mehr." Gegen Mittag fallen die ersten Flocken, langsam zuerst und spärlich, dann schneller und immer dichter. Zugleich er- hebt sich der Nordost und fährt mit wildem Getöse über das Land. Die weichen Flocken werden zu spitzen Geschossen. Wer nichts draußen zu suchen hat, flüchtet an den warmen Ofen. Immer toller wird das Gestöber. Tie gebahnten Wege verschwinden. An einzelnen Stellen türmt sich der Schnee zu Hügeln auf. Bei hereinbrechender Nacht läuten die Glocken, Verirrten die Richtung nach dem Dorf zu weisen. Volle vierundzwanzig Stunden hält das Wusterwetter an. Mit einem Male wird's kirchenstill. Scharf umrissen, wie verwandelt liegen die Gehöfte da. Im Hochwald, auf dem die Schneemassen lasten, werden die Zauber des Märchen- landes wach. In dem weißen Schweigen weht's den Man- derer geisterhaft an. Hier dräut ein Riese mit blitzendem Schwert, dort bleckt ein Fabeltier die Zähne. Auf dem Heidenplatz aber, wo die Hexen in der Walbersnacht mit dem Teufel tanzen, ist rings im Kringel der Schnee zer- stampft. Traun, die Wunder hören nicht auf! (Fortsetzung folgt.) Die fchönc Beerdigung. Eine recht schöne Beerdigung war es. Der glänzend schwarz lackierte Sarg mit den ganz echten Aluminiumvcrzicrungen stand mitten in der großen Leichenhalle. Er war mit vielen schönen Kränzen übersät und ein Geistlicher mit langem Vollbart sprach mit einer guten Baritonstimme mit so seelenvollen Worten(Erste Klasse) mit allen jenen feinen Fibrationen der Betonung, daß ihn die ganze Gemeinde, oder besser gesagt, der von ihr anwesende Teil, wieder einmal bewunderte. Viele feine Herren in tadellosen Zylindern, schwarzen Hand- schuhen und blendend weißer Wäsche standen herum, denn die Ver- storbene hatte einen recht guten Umgang gepflogen, eine allgemeine und ehrlich gemeinte Trauer lag über ihnen, denn fast allen diesen Handwerkern, Kaufleuten. Rechtsanwälten, Doktoren, Spckulan- ten usw. hatte sie gut und viel zu verdienen gegeben. Darum sahen sie auch so innig auf den Sarg und die Kränze. Ein Tischler dachte:„den hat jetzt doch der Melfert gemacht I" Der Mclfert war sein Konkurrent. Ein Dekorateur dachte:„Was bloß das alles gekostet haben mag?" und er ordnete im stillen die Einzelheiten übersichtlich und rechnete sie zusammen. Ein Rechtsanwalt überlegte, ob die Erben wohl das Testament anfechten würden; er kalkulierte, was dabei allenfalls herauskäme — und dann sah er zu den Erben hinüber. Die Erben und nächsten Anverwandten ihrerseits hatten weiße Taschentücher in den Händen, und Gott weiß, daß sie jetzt etwas ganz anderes denken sollten. Währenddem sprach der Pfarrer immer weiter, und er kam jetzt gerade an die Stelle, wo er seine Stimme so recht zur ganzen Fülle anschwellen ließ. „Red't der schön, nein, rcd't der aber wieder einmal schön," dachte eine Frau, und so laut hatte sie gedacht, daß ihr die Nach- barin verständnisinnig und diskret zunickte. Aber die schöne Fülle der Stimme hielt an. und fast alle Frauen dachten diesen einen Gedanken, den die Erste vorgcdacht hatte— und just während hier alles in einmütiger sinniger Andacht stand, kam draußen ein Mann daher, ein ärmlich aussehender Mann, und er war so er- mattet, daß ihn die Beine fast nicht mehr trugen, und dieser Mann wollte wahrhaftigen Gott geraden Weges in die schöne große Leichenhalle hineingehen. „Zu wem wollen Sie?" Eine gediegene Männerstimme fragte das, und als er aufsah, vrblickte er einen großen breiten Herrn vor sich stehen, und der war ganz ln Schwarz, lrug einen Zylinder und hatte einen Stock vor sich stehen, den man am besten mit dem, wie ihn die Tambour- majore haben, vergleichen konnte; diesen Stock stellte er wie ein Wahrzeichen direkt vor sich hin. Jetzt wurde der arme Mann verlegen: „Ja halt zur Leich von der Frau Lerchenfeld." „Sie meinen wohl Geheimratswitwe von Lerchenfeld." „Jo, jo," sagte der Alte,„so wird'S wohl sein!" Und er wollte sich gerade durch die Tür schieben; aber der Breitschultrige, der da stand wie eine fleischgewordene Zeremonie, hielt ihm den Stock quer vor. Mit einem Blick hatte er den alten Menschen mit dem blauen Tuchkittcl, den geflickten Hosen, den zerrissenen Schuhen, den braunen welken Händen, abgewogen und sich gesagt: der paßt nicht. Damit hatte er eigentlich vollkommen recht, der alte Mann freilich war darüber sehr erstaunt, er war mit einem Herzen voll Liebe und Anhänglichkeit hergekommen und hatte die naive Biei- nung, so etwas wäre überall anzubringen, und noch ganz besonders gut bei einem christlichen Begräbnis. Aber er dachte darüber nicht lange nach und rechtete nicht dar» über, auch nicht einmal in Gedanken, er setzte sich auf eine Stein- stufe, stützte seinen Kopf mit den Händen und sann so vor sich hin, wie es damals gewesen war. Da stand wieder alles vor ihm: Das einzige Kind lag krank zu Hause, und der alte Dorfarzt wußte auch gar nichts anzufangen; es war so eine ganz neue Krankheit gewesen, auf die er nicht ein- gestellt war. Dann hatte diese Frau, die sich damals gerade im Dorfe auf- hielt, davon erfahren, war gekommen und hatte ihren eigenen Arzt hinbestellt. Der hatte dem Kind damals geholfen, und dieses war jetzt eine brave Bauernfrau. Und während der Alte so dasaß und über all das nachsann, sah er es leibhaftig wieder. Er hatte die Frau so gut im Ge- dächtnis, daß er sie gerade wieder schaute wie damals. Er wußte auch noch ganz gut, wie erzürnt sie gewesen und wie hart sie gesprochen, daß man nicht einmal die Fenster in der Krankenstube geöffnet hatte,— aber gut war es gewesen, denn sie allein, sie ganz allein, hatte dem Kind geholfen. Tausendmal hatte er das in seinem Fühlen abgetragen; aber jetzt, wo ihr Sarg da drinnen stand, da meinte er immer wieder, er müßte noch einmal hingehen, nur noch einmal, und ihr danken für die Liebe, die sie an ihm getan. Inzwischen war aber die Zeremonie da drinnen beendigt, und der Mann an der Tür, der auf den Alten jetzt doch mit etwas an- deren Augen sah als zuerst, trat zu ihm und sagte, ihm freundlich, er müßte aufstehen und beiseite treten. Das tat er und drückte sich zwischen zwei Marmorsäulen und stand gebückt und sah, wie sich der prächtige Leichenzug langsam, würdig an ihm vorbeibewegte. Und so feierlich schob sich das weiter, daß er ganz Auge und Ohr war und immer nur dachte: „Jo, jo, das hat sie verdient, das hat sie vielmal verdient." Und so benommen von der stillen, starren Feierlichkeit war er, daß er gar nicht mehr den Mut hatte, sich, wie er es zuerst gewollt, dem Zuge anzuschließen. Drüben aber auf einem Grabe stand ein Christus, der sah und wußte das alles und er sagte still vor sich hin: „Und der wäre der einzige gewesen, der das Recht gehabt hätte, hinter diesem Sarge herzugehen." Fritz Sänger, Sectoig Jahre Qtoterfeetelegraphie» Als im November 1851 einige kühne Pioniere es unternahmen, einen lang gehegten Plan zu verwirklichen, und eine unterseeische Kabelverbindung zwischen Frankreich und England zu legen, da ahnten sie wohl nicht, welche Schwierigkeiten sich ihrem Unternehmen entgegenstellen würden, noch weniger aber, welch ungeheuere Ent- faltung das mit dem Kabel Dover-Calais begonnene Werk einst nehmen sollte. Und doch haben sie den Grund gelegt zu einem Werk, das man vielleicht als das größte Wunderwerk der Technik des 20. Jahrhunderts bezeichnen kann; ein Werk, dem sich erst in aller- neuester Zeit ein vielleicht Noch wunderbareres an die Seite zu stellen versucht: die drahtlose Telegraphie. Freilich ist es dieser noch nicht im entferntesten gelungen, die Sicherheit, Schnelligkeit und Regelmäßigkeit der Kabeltelegraphie auf große und größte Entfer- nungen zu erreichen. Noch hat kein einziges Kabel infolge der Konkurrenz der Funkentelegraphie den Betrieb einstellen müssen; wir sehen im Gegenteil, wie fast jedes Jahr neue Kabel projektiert und verlegt werden. Nur auf kurze Entfernungen kann von einer Uebcrlegcnheit der Funkentelegraphie die Rede sein, insiolige der Billigkeit der Anlagen und der Schnelligkeit ihrer Montage. Die Verbindung der Kontinente untereinander aber wird noch auf lange Zeit hinaus den Kabeln obliegen. Wie erwähnt, hatte in jener Zeit niemand eine Vorstellung von den Schwierigkeiten, denen das wagemutig begonnene Unternehmen noch begegnen sollte. Eine der allergrößten lernte man freilich gleich bei der Verlegung kennen, die man sich viel zu einfach gedacht hatte. Man glaubte damals, es genüge, das Kabel auf ein Schiss aufzuladen und es beim Fahren des Schiffes von einer Trommel ablaufen zu lassen. Welcher Unterschied' gegenüber dem heutigen Berfahren, wo die Verlegung von besonderen Kabeldampfern vor- genommen wird, die mit den allerbesten maschinellen Hilfsmitteln ausgerüstet sind, um eine möglichst sichere und störungsfreie Ver- legung zu erzielen. Vor allen Dingen geht heute jeder Kabellegung eine gründliche Untersuchung des Kabelweges voraus, wobei durch sorgfältige Lotung alle Unebenheiten des Meeresbodens festgestellt werden, um die günstigste Lage des Kabels zu ermitteln. Denn gerät ein Kabel über eine Vertiefung, einen Graben im Meeres- boden, so hängt es frei darüber weg und erleidet dabei derartige Spannungen, das; es mit Sicherheit bricht. Diese böse Erfahrung machte man gleich bei der Verlegung des ersten atlantischen Kabels, bei dem zahlreiche Brüche auftraten. Infolgedessen wurde eine aus- gedehnte Lotung des Atlantischen Ozeans zwischen England und Amerika vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit wurde das„Tele- graphenplateau" entdeckt, die unterseeische Hochebene, die sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 3560 Meter zwischen beiden Kon- tinenten hinzieht und für die Verlegung von Kabeln die denkbar günstigsten Bedingungen bietet. Auf ihr laufen denn auch sämt- liche zwischen Europa und Amerika gelegten Kabel. Die bei dieser Gelegenheit gestellten Aufgaben führten auch zu einer bedeutenden Verbesserung der Lotgeräte, die damals noch sehr unvollkommen, Heute geradezu zu Präzisionsinstrumenten gewovden sind. Ebenso mußten die Instrumente zum Auffischen des fehlerhaften oder ge- brochenen Kabels erst neu erfunden werden. Zuerst wandte man zu diesem Zweck die gewöhnlichen Enterhaken an, die an einem langen Drahtseil herabgelassen wurden. Heute verwendet man zum Fischen Patentschneidanker, die das Kabel zerschneiden, die eine Hälfte fallen lassen und die andere festklemmen, wodurch mit Sicherheit das Kabel wieder zutage gefördert wird. Von größter Wichtigkeit ist die Maschinerie zum Auslegen des Kabels, denn sie soll durch zweckmäßige Einrichtungen Brüche im Kabel überhaupt gar nicht auftreten lassen. Zuerst ließ man das Kabel von der Trommel, auf die es aufgewickelt war, einfach ab- laufen. Den gewaltigen Zug des ablaufenden Kabels hatte niemand in Rechnung gezogen; er führte aber gerade zu einem unbeabsich- tigten schnellen Laufen der Trommel und in der Folge zuni Bruch. Heute wird die Trommel von einer kräftigen Dampfmaschine ge- dreht, so daß ein unbeabsichtigt schnelles Laufen nicht möglich ist, außerdem führt man das Kabel über einen Dynamometer,«in Instrument, das den Zug des ablaufenden Teiles mißt. Zeigt es plötzlich unzulässig hohe oder niedrige Werte, so weiß man, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist, und das Schiff wird alsbald gestoppt. Zum Herausholen eines schon verlegten Stückes nimmt man eine besondere Aufwindemaschine. Von fast ebenso großer Wichtigkeit wie die Auslegemaschine ist die Lagerung des Kabels im Schiff. Es genügt nicht, die Trommeln mit dem aufgewickelten Kabel einfach im Schiffsraum zu verstauen. Die Isolierung des Kabels besteht aus Guttapercha und die ist sehr empfindlich, sowohl gegen die Lust wie gegen Wärme. Vor beiden muß sie deshalb sorgfaltig bewahrt werden, und das erreicht man am einfachsten und besten durch Ausbewahrung des Kabels unter Wasser. Die Aufbewahrung unter Wasser bietet noch einen weiteren Vorteil; man kann an dem Kabel elektrische Messungen vornehmen, die Güte der Isolation gegen das umgebende Wasser fortgesetzt prüfen und Fehler feststellen, noch ehe das betreffende Stück verlegt ist. Das ist sogar ein sehr wesentlicher Punkt, an den man auch im Anfang gar nicht gedacht hatte: die dauernde Uebcrwachung des Kabels, namentlich des schon verlegten Teiles. Versäumt man dos, so machen sich am fertig verlegten Kabel die Fehler um so un- angenehmer bemerkbar. Um Zeitaufwand zu vermeiden, sind die Kabel mit Meilenmarken versehen, und der Augenblick, in der eine solche Marke das Dynamometer passiert, wird genau nach Green- wicher Zeit in das Journal eingetragen. Außerdem wurden genaue, elektrische Methoden zur„Fehlerortsbestimmung" ausgearbeitet, die es ermöglichen, ganz genau den Punkt anzugeben, an dem sich, Tausende von Metern entfernt und in bodenloser Tiefe unter dem Wasserspiegel, ein Fehler befindet. Das Aufsuchen und Beseitigen nimmt infolgedessen fast keine Zeit in Anspruch. Diese oben geschilderte EntWickelung der Verlegungstechnik ging aber parallel mit einem ebenso großen Fortschreiten der Herstellungs- technik. Das„Kabel" von 1850 war ein einfacher Kupfcrdraht, der mit einer 6 Millimeter starken Guttaperchaschicht umpreßt war. Da es kein genügendes Eigengewicht besaß, mußte es durch schwere Bleigewichte auf dem Meeresboden festgehalten werden. Diese primitive Einrichtung konnte natürlich keinen dauernden Bestand haben, fast unmittelbar nach der Inbetriebnahme versagte es den Dienst. Das Kabel aber, von dem aus die Geschichte der Untersee- kabel eigentlich zu rechnen ist, das von 1851, wies schon fast ganz modernen Typus auf. Vorbedingung für eine rationelle Kabelfabrikation überhaupt rst die Verwendung der Guttapercha. Wheatstone war der erste, der in ihr ein allen Ansprüchen genügendes Jsoliermatcrial für Unterseekabel erkannte. Ihre Porzüge sind neben dem hohen Jsolationsvermögen die Eigenschaft, in Wasser von 62—65 Grad getaucht, plastisch, nach dem Erkalten aber wieder so hart zu werden, daß sie dem ungeheuren Wasserdruck in den größten Tiefen Widerstand leistet. In einer Tiefe von 4666 Metern beträgt dieser ja nicht weniger als 406 Atmosphären, d. b. 466 Kilogramm auf das Quadratzentimeter iOberfläche und diesen Druck hält die Guttapercha Jahrzehnte lang aus, ohne das Kupfer des Leiters anzugreifen. Wer nie r von Siemens, dem die Kabel- technik überhaupt mit die größten Fortschritte verdankt, konstruierte eine Presse, mit der der längste Leiter n« t einer geschlossenen, naht- losen Hülle von Guttapercha überzogen werden konnte; dasselbe System wurde später angewendet, um das mit Isolierung velB sehene Kabel zum Schutz noch mit einem Bleimantel zu umgeben. Das moderne Kabel besitzt aber nicht nur eine isolierende Hülle, um das Abströmen der Elektrizität zu verhindern, sondern auch einen kräftigen Schutz gegen mechanische Verletzung. Denn sehr bald nach der Verlegung der ersten Kabel machte man die betrübende Erfahrung, daß ein solcher Schutz in erster Linie not» wendig war. Daß gelegentlich Beschädigungen durch Schiffsanker vorkamen, wollte noch wenig bedeuten, da sie zu zufällig waren, aber eine ganze Menge Feinde gingen dem Kabel systematisch zu Leibe. Das sind Meerestiere der verschiedensten Art, namentlich Muscheln mit ihren Verwandten und Bohrwürmer. Diese Feinds vor allem bewirkten, daß von etwa 56 in den Jahren 1351— 1860 verlegten Kabeln im letzteren Jahre nur noch 26 betriebsfähig waren. Der Schutz dagegen besteht ir. erster Linie aus einer Anzahl kräftig verzinkter Stahldrähte, die wie die Drähte einer Klingelschnur um den Leiter geschlungen(verseilt) sind. Dieser besteht heutzutage nicht mehr aus Draht, sondern aus Litze, um eine größere Elastizität zu erzielen und im Falle eines Bruches immer noch eine Verbindung möglich zu machen. Als Jsoliermittel dient auch heute noch Guttapercha, die meistens noch von einem Messing- bände spiralig umgeben ist, zum besseren Schutz gegen Bohr- Würmer. Bezüglich des Schutzes(der„Bewehrung") unterscheidet man Küstcnkabel und Tiefseekabel, die ersteren sind bedeutend kräf- tiger�gehalten, meist mit doppelter Bewehrung versehen, weil in der Flachsee nicht nur ein viel regeres Tierleben besteht, sondern auch die Möglichkeit einer Verletzung durch Schifssanker nur dort gegeben ist. Das erste Kabel, das in diesem Sinne modern ge» nannt werden kann, war das atlantische von 1865. Natürlich mußten diese Verbesserungen der Kabel zu einer be- deutenden Gewichtssteigerung führen. Ein modernes Kabel hat ein enormes Gewicht, wenngleich Unterfeekabel immer noch viel leichter sind, als Land-Starkstromkabel, wie sie von den Elektrizi- tätswerken verlegt werden. Das Kabel von 1856 wog schon 632 Kilogramm pro Kilometer, das von 1865 932 Kilogramm und ein neuzeitliches, wie z. B. die beiden detztsch-amerikanischen, wiegt 1676 Kilogramm pro Kilometer. Diese Gewichtsvermehrung sowie die immer mehr verfeinerte Technik der Auslegung bewirkte, daß heutzutage das Verlegen neuer Kabel nur noch durch spezielle Kabeldampfer vorgenommen wird, deren es heute in der ganzen Welt schon etwa 66 gibt. Der erste wurde im Jahre 1874 gebaut, es war der von Wilhelm Siemens entworfene„ F a r a- d a y", dessen Einrichtung noch heute mustergültig ist. Das, was man von einem Kaheldampfer ,n erster Linie verlangt, ist eine große Beweglichkeit, leichte Steuerung und gleichmäßiger Gang. Auf große Geschwindigkeit kommt es nicht an. Trotzdem ist die Geschwindigkeit der Auslegung eine ganz bedeutende, so wurden z. B. bei der Verlegung des(ostasiatischen) deutsch-niederländischen Kabels täglich im Durchschnitt 159 Seemeilen zurückgelegt, die Höchstleistung eines Tages betrug sogar 199 Seemeilen. Ein paar Worte mögen noch den elektrischen Eigenschaften der Unterseekabel gewidmet sein. Die Erscheinungen an den Kabeln haben der Wissenschaft viel Rätsel aufgegeben, und mit der Lösung der„Telegraphengleichung" haben sich Jahrzehnte lang die bedeu- tendsten Physiker beschäftigt. Als man nämlich anfing zu tele- graphieren, zeigte sich die merkwürdige Erscheinung, daß, trotzdem man an der einen Seite Strom hineinschickte, an der anderen Seite nichts herauskam, also kein Zeichen entstand. Ungefähr gleichzeitig fanden der berühmte englische Physiker William Thomson und Werner Siemens die Erklärung dafür in der großen„Kapazität" des Kabels. Unter Kapazität versteht man die Eigenschaft eines Elektrizitätsleiters, eine gewisse Elek- trizitätsmenge in sich aufzuspeichern. Die hineingeschickte Elek- trizität blieb also einfach in dem Kabel stecken und kam gar nicht in den Telcgraphen-Empfangsapparat. Es ist das ungefähr so. als wenn man in ein Glas Wasser hineingießt, es kann nicht eher etwas überfließen, als bis das GlaS bis zum Rande gefüllt ist; allerdings sind die Perhältnisse am Kabel viel komplizierter. Es sind eine ganze Anzahl von Anordnungen vorgeschlagen worden, die diese unangenehme Eigenschaft beseitigen sollen, aber immer noch ist man gezwungen, in der Kabeltelegraphie mit besonderen Empfangsapparaten zu arbeiten, die von denen der Landtclcgraphie abweichen, weil die Ströme, die die Zeichen verursachen, so außer- ordentlich schwach sind. Darunter leidet natürlich auch die Tele- graphiergcschwindigkeit, die wieder nur durch Vermehrung der Kupfcrmcnge erhöht werden kann. Trotzdem brachte es die Ver- besserung in der Herstellung der Kabel und der zugehörigen Apparate mit sich, daß die Menge des Kupsers und der Isolation gegenüber früher bedeutend vermindert werden konnte, also auch dadurch das Kabel verbilligt wird. Ein Wort noch über die Lebensdauer der Kabel. Daß diese bei den ersten eine äußerst geringe war, teilweise nur eine solche von wenigen Stunden, haben wir gesehen. Dem ist natürlich heute nicht mehr so, aber sie ist immer noch, im Verhältnis zu dem un- geheuren Wert der Anlage, gering. Man rechnet bei Küstenkabeln mit 25 Jahren, bei Ticiscckabeln mit 46 Jahren. Bedenkt man nun, daß allein die Herstellungskosten eines deutsch-amertkanischen Kabels gegen 26 Millionen betragen, wozu noch die Kosten dna Verlegung kommen, so sieht man, wie klein die Lebensdauer ist. Deshalb wird wohl doch letzten Endes der �unkentelegraphie der Sieg verbleiben. Das fidlen der Munden. Von Dr. med. Emil Koenig. Die Wundenheilung ist eine der interessantesten Erschcinun- igen, die uns das Leben vorführt. Eine tütaschine, mit der man den Körper und seinen Betrieb wohl oft vergleicht, ist nicht imstande, «n ihr auftretende Schäden auszubessern; dazu bedarf es der Hand des Menschen. Unser Organismus aber heilt seine Wunden selbsl. Er besitzt ein Reuschaffungsvcrmögcn, eine Fähigkeit, die gleich- ibcdeutcnd ist mit der des Wachsens. Unser Körper hat zeitlebens das Bestreben, zu wachsen. Nur kann er es nicht immer betätigen. In der Jugend kann er sich strecken und beb um, seinem Wachstum- ibestxcben ist noch keine Schranke gezogen. Allerdings wächst er nur im Rahmen seines Organismus. Je mehr er sich der Grösse seiner Art nähert, desto langsamer erfolgt das Wachsen, bis er schliesslich »ausgewachsen" ist. Die Organe sind jetzt„entwickelt" und der Organismus ist„geschlossen". Gleichzeitig ist die Haut des Kör- pers zu einer Festigkeit gelangt, die eine weitere Ausdehnung des Körpers nicht mehr gestattet. Dem Wachstumbestreben ist somit die Tür verriegelt. Aber vorhanden ist es dennoch. Es schlummert nur. Tic Haut umschließt den Körper wie eine straff angezogene Siecke. Zwar selbst ein Bestandteil des Körpers und mit ihm ver- wachsen, hebt sich doch genügend von der übrigen Körpermaffe ab, um als ein besonderer Bestandteil dazustehen. Sie läßt sich auch von ihrer Unterlage lösen, besonders dort, wo sie auf dem Knochen aufliegt wie am Schädel, eine Operation, die bekanntlich die In- diancr mit Geschick auszuführen wußten. Wird nun durch eine «Gewaltwirkung von aussen, z. B. durch einen Schnitt, die Haut und auch noch das unter ihr liegende Gewebe durchtrennt, so haben wir «eine Wunde. Diese Wunde klafft, und mit ihr ist ein Loch in der Haut, also in der den Körper umschließenden Decke entstanden. War vorher das Wachstnmsbestrcben des Körpers durch diese Decke all- «emein zurückgehalten, so ist ihm nun im besonderen an der Stelle. wo sich das Loch, d. h. die Wunde befindet, keine Schranke mehr gesetzt. Es beginnt die hier bloßliegende Masse des Körpers zu wachsen, und sie würde allmählich aus dem Körper herauswachsen, wenn dies Wachsen selbst nicht wieder durch einen besonderen Ilm- stand gezügclt würde. Skie Körpermasse wächst nämlich nicht allein vom Boden der Wunde herauf, sondern auch von den Seiten her; besonders ist es die durchtrennte Haut, die schließlich die Oberhand behält. Haben sich dann die einander entgegenwachsenden Haut- rönder vereinigt, so ist auch ihr weiteres Wachsen gehemmt, das Wachstumsbestreben des Körpers an der Wundstelle ist unterdrückt, das Loch geschlossen, die Wunde ist„geheilt". Daraus ergibt sich von selbst, daß eine Wunde am schnellsten heilt, wenn man ihre Ränder künstlich einander nähert, die Wunde z. B. näht. Es solgt ferner daraus, daß eine Wunde um so langsamer und schwerer zur Heilung gelangt, je größere Hautpartien zerstört sind. Daher heilen Wrandwunden, bei denen meist die Haut auf grosse Strecken hin vernichtet ist, stets viel langsamer als andere, z. B. Stich- und Schnittwunden. Gerade dort, wo die Hautränder sich nur langsam väheru, können sie auch das Wachsen vom Boden der Wunde her nur schlecht zügeln, und hier sehen wir nicht selten das Gewebe über die Oberflächenebene des Körpers als„wildes Fleisch" hervorwachsen. Das neue Gewebe, das bei der Wundheilung gebildet wird, hat «keinen besonderen, sondern mehr allgemeinen Charakter, es ist »Bindegewebe". Nun wird der geschilderte Vorgang der Wundheilung meist noch durch einen besonderen Umstand-�beeinträchtigt oder abgeändert. bekanntlich gibt es außer den uns sichtbaren Lebewesen noch un- gezählte andere, die wir mit dem bloßen Auge nicht sehen und die uns auch erst seit einigen Jahrzehnten bekannt sind. Das sind die Bazillen, Kokken usw. Diese Kleinlebewesen ernähren sich nicht selbst, sondern essen an fremder Leute Tisch. Sie leben von organi- scher Substanz, von toter und lebender Körpermasse anderer Lebe- wesen. Solange nun unser Körper bedeckt, d. h. seine Haut un- versehet ist, ist er gegen diese Fresser geschützt. Wird aber Körper- »nasse bloßgelegt, wie es bei einer Wunde geschieht, so ist dem Kleinvolk sofort ein Angriffpunkt, ein„Nährboden" gegeben. Es mistet sich ein und beginnt eine rege Lcbenstätigkeit zu entfalten. Die blosslicgendc Körpermasse und das neu emporsprichendc Gewebe wird dadurch in einen Zustand versetzt, der als Entzündung bekannt ist, und die Wunde beginnt eine besondere Flüssigkeit abzusondern, sie eitert. Das wachsende zarte Gewebe wird durch die Tätigkeit der Kleinlebewesen zerstört. Allmählich aber erlangt es doch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen die schädigende Einwirkung, es wird gleichsam giftfest. Die Schmarotzer gedeihen nicht mehr, Eni- zündung und Eiterung flauen ab, die Wunde„reinigt sich". Jetzt kann das Wachsen unbehindert bor sich gehen und bald schließt sich die Wunde, sie„vernarbt". Mit der Kenntnis dieser Vorgänge war für die Wundbehand- kimg die Richtschnur von selbst gegeben. Sobald man die Klein- lcbewesen als Ursache der Entzündung und Eiterung erkannte, ging man bald dazu über, bei den Verbänden Lösungen solcher Stoffe Veranlw. Redakteur: Alfred Wieletzp, Neukölln. Druck u. Vertag: zu verwenden, die jene Kleinlebewesen abzulöten ober doch in ihrer Lebenstätigkeit niederzuhalten imstande sind: Karbol, Sublimat, Lysol usw., tauchten aus. Doch hatte diese Art der Behandlung, die Antisepsis, auch wieder ihren Nachteil. Waren die betreffenden Stoffe Gift für die Kleinlebewesen, so waren sie es auch— wenn auch nicht in demselben Masse— für das zarte wachsende Gewebe der Wunde. Sie wirkten schädigend aus die Wundfläche ein und verzögerten ihr Wachstum. Ter Nachteil ist aber im Verhältnis zum Vorteil noch immerhin gering. Das Ideal der Wundbehand- lang ist, die Kleinlebewesen überhaupt von der Wunde fernzuhalten. Das kann man aber nur dort, wo der Arzt selbst die Wunde schlägt wie bei einer Operation. Hier„sterilisiert" man alles, was mit eer Wunde in Berührung gebracht»verdcn muß: Hände, Instrumente. Verbandszeug. Man sorgt dafür, daß die Wunde„keimfrei" bleibt. Doch läßt sich dieses aseptische Vcrfabren nur in besonderen Fällen beobachten, sonst muß man sich im allgemeinen mit der Antisepsis begnügen. Meines Feuilleton. Geographisches. Die Reise von Gavage Landor in Südamerika. Savage Landor gehört nicht zu den Reisenden, von denen die Erd- künde wichtige wissenschaftliche Erforschungen erwartet. Namentlich seine tibetische Reise, deren Schilderung sich fast ausschliesslich mit den angeblich erlittenen furchtbaren Grausamkeiten seitens der Tibeter beschäftigt, hat seinem Ruf in Fachkreisen viel geschadet. Mut und Unternehmungsgeist ist aber immer bei ihm an- erkannt worden und dadurch gewinnt auch die Reise an Jnteresie, die er im letzten Jahre durch grösstenteils unbekannte Gebiete Südamerikas ausgeführt hat. Den ersten Bericht erstattete Landor Mitte November in Birmingham. Der Beginn der Reise lautet auch diesmal etwas bedenklich. Als Landor die Stadt Goyaz, die Hauptstadt des gleichnamigen bra- silianischen Staates, im Innern des Reiches errichtet hatte, stieß er ans eine große Feindseligkeit und konnte von dem dortigen Gou- verneur erst nach zwei Wochen vier Leute mit ausgesprochenem Ver- brechertypus als Begleiter erhalten. Landor brach dann in westlicher Richtung auf und verließ bald den gebahnten Pfad, um nordwärts in das Ouellgebiet des King» vorzustoßen. Die Expedition traf aus ein fast völlig wüstes Gebiet, wo nur wenige Indianer vorgefunden wurden, während man früher angenommen hatte, daß hier furchtbare Kannibalen- stämme hausten. Nachdem einige Hundert Kilometer in nördlicher Richtung zurückgelegt waren, machte Landor die Entdeckung, daß seine Leute den Proviant teils verschwendet, teils wcggeivorfen hatten und war gezwungen, in südwestlicher Richtung abzubiegen und auf die Ortschaft Diamantino loszusteuern. Von hier brach er nach Beschaffung neuen Proviants nach dem Fluß ArtnoS auf. der nordwärts gegen den Amazonenstrom hinströmt. Er kaufte dort ein alles Kanöe. das in einer Länge von fast 13 Metern aus einem einzigen Stamm ausgehöhlt war. Seine Begleiter vermehrten sich um einige entlaufene Kautschulsammler. Die Fahrt auf dem Strom gestaltete sich recht gefährlich durch eine Folge reißender Schnellen und hoher Wasserfälle von„unvorstell- barer Schönheit". Nachdem der Jurocnafluß erreicht war, verließ Landor den Waperweg und ging über Land nach dem Madeirafluß. Vier Tage später wiederholte sich dasselbe Leiden, indem die Begleiter sich weigerten, weiter zu marschieren, nachdem sie schon vorher ihr Gepäck von den Nahrungsmitteln, die auf zwei Monate reichen sollten, willkürlich erleichlert hatten. Die Vorräte waren nun in wenigen Tagen erschöpft und der dichte Wald, der die Expedition noch von dem Madeirafluss trennte, gab nichts her. Er enthielt weder essbare Früchte, noch Vögel, noch Assen, dafür ungeheuere Schwärme von Ameisen. Ausserdem wurde der Fortschritt durch entsetzliche Regengüsse gehemmt. Nach einer Fastenzeit von sechs oder sieben Tagen wollten die Begleiter Landors aus Verzweiflung Selbstmord begehen. Landor gab eine lebhafte Schilderung von diesem furchtbaren Zug durch den Wald. Nach einigen hundert Schritten fielen er und seine Begleiter immer wieder vor Erschöpfung zu Boden, wurden aber durch die riesigen Ameisen fast sofort wieder zum Aufstehen gezwungen. Sechzehn Tage lang soll die Fastenzeit gedauert haben, bis die Rettung durch einen peruanischen Händler kam, den sie aus dem Kanuma, einem Neben» fluss des Madeira, nur zwei Tagereisen von der Stadt ManaoS, antrafen. Hier erhielt Landor neue Leute und Nahrungsmittel und ging mit dem Peruaner stromaufwärts, um seine zurückgebliebenen Begleiter aus dem Walde zu retten. Um den ganzen Lauf des AmazoiienstromeS kennen zu lernen, fuhr Landor dann auf einem Dampfer von der Mündung des Tapajoz nach Para hinunter und wieder zurück nach Manaos, von hier aus weiter aufwärts nach Jquitos in Peru. Endlich überquerte er das Andengebirge auf einem Paß von 4g Meter Höhe auf Maultieren und gelangte so nach Callao. Die neue Reise von Savage Landor ist nach dieser Schilderung nicht viel weniger abenteuerlich verlaufen als seine früberen._ ZorwartsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingertCo., Berlin ZXV.