Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 228� Sonnabend den 23. November. 1912 Machdrv« titSetetU i6] Die Oberwälder. Von Alfred Bock. Den Butternickel hatte ein Geschäft nach Storndorf ge- fährt. Auf dem Heimwege abends hatte ihn der Schnee- stürm überfallen, er war von der Straße abgeirrt und hatte sich nicht mehr zurechtfinden können. Die Fußspuren zeigten. daß er im Kreise herumgegangen war. Dann hatte ihn Wohl die Müdigkeit bezwungen, er war zu Boden gesunken und im Schlaf erfroren. Den Kopf an einen Baum gelehnt, den der Sturm gebrochen, entdeckte ihn am anderen Morgen der Landbriefträger Heil. Viele Tränen wurden dem Verunglückten nicht nach- geweint. In der Familie war er als ein Tyrann aufge- treten, der seine Leute karniffelte und keinen Widerspruch duldete. Gewinnsüchtig und unersättlich hatte er sein Ge- wissen tanzen lassen, wie er pfiff, hatte manch armes Bäuer- lein bedrängt und geschunden. Trotz alledem hatte der Pfarrer seiner am Grabe mit Nachsicht und Milde gedacht. Den Dank dafür konnte der geistliche Herr in den Gesichtern der nächsten Leidtragenden lesen, und auch der Fernstehenden Blicke wandten sich ihm voll Vertrauen und Befriedigung zu. Nach der Beerdigung trat der Lehrer auf ein Plauder- stündchen in das Studierzimmer des Pfarrers. ..Eben," berichtete er,„hat mich der Jöckelsheinrich an- Sehalten.„Daß der Pfarrer kein Trcnser is," meinte er. „Hab ich schon lang gewußt. Aber heut hat er Worte gehabt. ols kämen sie aus der Wand!" Das soll ein großes Lob für Sie sein, Herr Pfarrer. Und wenn ich noch etwas sagen darf: Sie taten sehr wohl daran, daß Sie auf die Empfind- lichkeit der Nickels Rücksicht genommen haben,'s ist dem Bauer fürchterlich, wenn seine häuslichen'Angelegenheiten »ind gar Verschuldungen eines seiner Familienmitglieder vor der Gemeinde erörtert werden. Anfangs der achtziger Jahre starb hier ein Landwirt namens Welker. Dem seine Rede war:„Ich trag die Kirche in meiner Brust, ich brauch keinen öffentlichen Gottesdienst!" Der Pfarrer Hoffmann selig, der kein Wort vor den Mund zu nehmen pflegte, nannte den Mann in seiner Leichenpredigt geradezu einen Kirchenveräch- ter. WaS geschah? Die Familie ließ dem Welker einen pomp- haften Leichenstein setzen. Darauf kann man jetzt noch die Worte aus den Klageliedern Jeremias lesen: Meine Feinde haben mich gehetzt Wie einen Bogel ohne Ursache. Sie haben Steine auf mich geworfen. Du stehest, Herr, wie mir so ungerecht geschieht, Hilf mir zu meinem Rechtet Der Pfarrer Hoffmann hat sich natürlich sehr darüber ge- ärgert und traf die Bestimmung, wenn er hier sterben sollte, wollte er auf dem Friedhof in Lmlterbach begraben werden." „Nach allem, was ich von dem Kollegen Hoffmann gehört habe," sprach der Pfarrer,„hat er ohne Menschenfurcht ge- predigt und ohne Menschengesälligkeit, ehrliche Worte der Wahrheit. Das Ziel Hab ich mir auch gesteckt. Daneben hat die Ueberzeugung in mir Raum gewonnen, ich darf den Bogen nicht überspannen. Ich kenne den Boden noch zu wenig, auf den der Same fallen soll. Bis ich mich völlig in die Gemeinde eingelebt habe und in die Seelen der Men- fchen hineinleuchten kann, darüber werden noch Jahre ver- gehen. Vorab lass' ich mir's genügen, daß sie in die Kirche gehen, wenn's zusammcnläutet. Ein paar Nachdenksame sind schon darunter, die es spüren, wenn ich mich an ihr Gefühl »ind ihre Erkenntnis wende. Eines Tages, so hoff ich, werden sie eS alle wissen, daß mir die Ehre und das Gedeihen der Gemeinde am Herzen liegen." „Ich bin jetzt im achten Jahre hier," sagte der Lehrer. ».Erfahrung ist alles. Wer unter den Oberwäldern etwas er- reichen will, muß Geduld auf seine Fahne schreiben. Geduld iist der Schlüssel zum Erfolg?" Der Pfarrer stand auf. „Mit Ihrer Spar, und Darlehnskasse haben Sie wirk- lich einen großen Erfolg gehabt. Aber auch auf Ihrem eigen- kten Feld sehen Sie's keimen und wachsen. Vorige Woche bei der Schulprüfung ging doch alles wie am Schnürchen. Wöbe? mir einfällt: was die Kinder in ihrem Aufsatz über die Plünderung und den Brand im Dorfe im Jahre siebzehn- bundertsiebenundneunzig schrieben, hängt wohl mit Ihrem Ntenfund auf dem Rathaus zusammen?" „Jawohl. Herr Pfarrer." „Sie werden auch in den Kirchenprotokollbiichern man« cherlei finden, was Ihren Zwecken dient." „Mit Ihrer Erlaubnis benutz ich sie gern. Ich will dem« nächst einen kleinen Vortrag halten über die kriegsgeschicht- lichen Ereignisse im Dorf während der letzten drei Iah» hunderte. Ich habe beobachtet, wenn man den Leuten etwas aus der Geschichte ihres Ortes erzählt, köcknen sich ihre Ohren nicht satt hören, und sie bringen einem Teilnahme ent« gegen und Verständnis." „Die Veranstaltungen, die Sie planen, Herr Weilandt. lassen sich gewiß noch erweitern. Von der Heimatkunde geht man aus und versucht dann, auch das Interesse für anders Wissensgebiete zu wecken." „Ueber die Dinge denk ich schon lange nach, Herr Pfarrer. Wenn Sie da mittun wollten, das wäre wunderschön. Es gilt freilich, einen ungebauten Acker zu pflügen. Und auch hier heißt's: Der Acker reift die Frucht nicht, sondern die Zeit." Das Gespräch ging noch eine Weile hin und her, und der Abend dämmerte bereits, als sich Weilandt empfahl. An der Hofrcite des Peter Margolf vorüberschreitcnd, spähte er nach der Marie aus. Die war nicht zu erblicken. In den letzten Wochen hatte sie das Wasser nicht mehr am Schul- born geholt. Seit sie die Werbung des Hannbast Selzer ab- schlägig beschieden, ließ sie ihr Vater nicht mehr aus den Augen. Dessenungeachtet war Weilandt hoffnungsfreudiger denn je. In wenigen Tagen kam im Landtag der Gesetz- entwurf zur Beratung, der den Volksschullehrern die ersehnt? Gehaltsaufbesserung bringen sollte. Ging alles nach Wunsch. würde er vor den Peter Margolf treten und die Marie zur Frau begehren. Ohne Ueberhebung würde er sprechen, aber mit berechtigtem Selbstvertrauen. In Gegenwart der Kom- Mission hatte der Krcisschulinspektor seine Methode und sein pädagogisches Geschick gerühmt. Und der Peter Margolf war im Schulvorstand. Er wollte gewiß sein Verdienst nicht übertreiben. Dennoch durfte er von sich sagen: er hatte auch sonst der Gemeinde seine Arbeit und Sorge gewidmet. DaS hatten ihm vorhin noch des Pfarrers Worte bestätigt:„Mit Ihrer Spar- und Darlehnskasse haben Sie einen großen Er- folg gehabt." Und der Peter Margolf saß im Aufsichtsrat. Bis in den Herbst hatten die Großen und Kleinen hüben und drüben eines hölzernen Stegs wegen sich in den Haaren ge- jegen, den sie über den Bach führen wollten. Der war nun auch endlich zustande gekommen. Aber wer bürgte dafür, daß ihn das nächste Hochwasser nicht zusammenriß? Er, Weilandt, hatte ihnen einen eisernen Steg gebaut, unsichtbar und doch sichtbar, fest gegründet für alle Zeiten. Während der Wintermonate beschäftigte Bisping vier Mann am Hornerhang, darunter den kleinen Kumps, der früher in einem der Basaltbrllche an der Lumda gearbeitet hatte und sich bei der Freilegung des Gesteins besonders brauchbar erwies. Die Leute frühstückten und vesperten in einer eigens für sie gebauten Hütte. Hatten sie ihr Brot verzehrt, ließ der kleine Kumps seiner Zunge freien Lauf. Er sprach von Dumpfheit und Stumpfheit, in der die Ar- beiterschast im Vogelsberg lebte, und daß sie die beste Hilfe bei sich selbst suchen müßte. Was hier fehlte, sei die Organi« sation. Leider seien die meisten zu träge, sozialistische Ge- danken aufzunehmen. Darum sei auch wenig Aussicht vor- handen, daß sich ihre Lage verbessere. Er habe lange genug drunten geschafft, um zu wissen, was das Volk von Freiheit und Rechten zu beanspruchen habe. Regelmäßig am Samstag erschien Herr Bisping und zahlte die Löhne aus. Danach besuchte er den Krämerskarl und erzählte, welchen Fortgang seine Angelegenheiten nahmen. Die Maschinen waren in Buckau und Mannheim bestellt und sollten zu Anfang März geliefert Vierden. Auch die Feldbahn würde bis dahin betriebsfähig sein. Für die Pflastersteine waren in Berlin, für den Klcinschlag in Frankfurt Ab« nehmer gewonnen. AlleL deutete darauf hin, daß man den s richtigen Zeitpunkt gewählt hatte, das Basaltwerk in die In- dustrie einzufühlen. Seiner Pflicht gemäß begab sich der Krämerskarl jeden Morgen nach dem Bruch. Er betrachtete sich nicht als Aufseher, sondern gleichsam als Teilhaber des Geschäfts. Ein Geldmann wie der Herr Bisping würde sich nicht aus eine Unternehmung beschränken. Der sing über kurz oder lang noch etwas anderes an. Und er brauchte Leute, denen er sein Vertrauen schenkte, die er an sich fesselte. „Herr Rendant," würde er eines Tajjes sprechen, Sie leisten mir gute Dienste. Und was die Hauptsache ist: der Bruch rentiert. Ich gebe Ihnen ein Drittel vom Reingewinn. Glück ausT' Er, der Krän�rskarl, grifs natürlich zu. Ge- sprächsweise hatte Bisping die Jahresrente, die der Bruch ab- Wersen würde, auf fünfzehn- bis zwanzigtausend Mark gc- schätzt. Er konnte also auf einen schönen Gewinnanteil rechnen. Er würde dann zu den Kapitalisten zählen. Das war keine KleinigkM. Wer viel besaß, hatte viel zu ver- walten. Je nun, je schwerer die Bürde, desto größer die Kraft. Und eine volle Geldtasche trug sich leichter als ein leerer Bettelsack. So berauschte er sich an seinen Hirngespinsten und sah in seinem Garten Goldblumen blühen. Eines Samstags blieb Herr Bisping fort. Die Kipper kamen zum Krämerskarl. Der gab den Lohn her. Der Bau- Unternehmer war wohl verreist, und seine Rückkunft hatte sich verzögert. Acht Tage später wurde Bisping wiederum vergeblich erwartet. „Wann he sein Geschäft so schlecht betreibt, wird er's net weit bringen," rasaunerte der kleine Kumps, der als Wortführer feiner Kameraden beim Krämerskarl vorgc- treten war. „Ich begreis's nicht," sagte der Karl ohne Arg. aber doch ein wenig beklommen.„Entweder ist seiner Frau was passiert oder er ist selbst schwer krank. Ihr dürft darunter nicht leiden. Ich leg das Geld noch einmal vor." Indes er die Münzen aufzählte, brachte die Pörtegitt einen Brief, den der Knecht des Jöckelsheinrich iin Auftrag seines Herrn abgegeben hatte. „Sollen wir dann Montag weiter schaffen?" fragte der kleine Kumps,„s' mag sein, wie's will, he>konnt doch wenigstens Nachricht geben. Am End is he bankrott." „Dummes Zeug," fuhr der Rechner aus.„Der Bisping ist ein reicher Mann. Davon abgesehen ist er auch ein Ehren- mann. Und jagt sich lieber eine Kugel durch den Kopf, als daß einer was an ihm verliert. Das hat er mir selbst ge- sagt. Alleweil weißt du Bescheid!" (Fortsetzung folgt.) Samt kielier. To? Leben aus einer normannischen Insel. „Schlaf, liebe Seele, es stürmt imd gießt nocb, also ist e? noch Nacht, denn niit Morgenanbruch schweigt da? Meer und was darüber wehr. Auch gibt es doch kein Postschi-s vom Kontinent, und oben vom Fort Regent steigt nur zweimal in der Woche der Wimpel auf, der den Einlaus der Berlin-Pariser Post meldet, und das war erst gestern und bedeutete nichts für unsere nur erwartungsvollen Teller und Tassen..." Ja— schlafen wir und lasten wir erneut den Kopf in das flache kopfkistcnlose Bett fallen, er wird doch gleich wieder misschnellen. Bumm I Ein schwerer Donner, daß die Tischplatte mitbrummt. Dazu als Begleitung Trompeten, verwaschen vom abfallenden Frühwind. Die Rotjacken in den hohen steinernen Kasematten haben. m ü i i e n nun ausgeschlafen haben. Schlafen wir weiter und ziehen wir die Decke über die Ohren. denn cS ist Sonntag und cS gibt nichts zu sehen in den stets regenfeuchten Straßen als geschlossene Läden und andächtige hinterwäldlerische Kirchgänger. ES hilft nicht einmal dieses Ueber- ziehen der Decke, sie dringt doch zu deinen Ohren, diese englische penetrante Art, den Schöpfer auf sich und seine pünktliche Anwesenheit in der Kirche aufmerksam zu machen. Der kriegerische Lärm will in dieser so friedlichen Gemüse- und Tomatenstadt nicht enden. Wieder schmettern Trompeten,„durubn" Posaunen,„punmien" die Pauken. Kommt LiliencronS„Parade" wohl um die Ecke mit dem„Herren Hauptmann"? Rein, wie gesagt, der Engländer betet. Aber das ist doch ein Walzer, oder mindestens ein Marsch-Marfch? Nun es ist mindestens nickt so langweilig, und wer will sagen, ob der, an den dieses fröhliche Gebet gerichtet ist, Trompeten und Pauken nickt so gern hört, wie die Orgel oder Kirckenqesang? Aber dieser Ort von kaum 30 000 Menschen hat in jeder Straße einen solchen Schnelldienst zum Himmel, und es bedarf nicht d«S Nebels und deö feuchten AZindeS, uns frösteln zu machen; diese primitive, gedankenlose Art. seine Beefsteaks und Sünden sich für die anderen Tage der Woche schmackhaft zu machen, zerstört die Freude. die ihr irdischer Leib erweckt und ihre Arbeit, ihre kluge Land- bebauung.l Nun ist eS Arbeitstag; sehen wir zu, was dieser strenge, saubere, pünktliche Kirchengänger und Trompetenkapellenzahler jetzt ist, wie diese Mäste zum Himmel Strebender sich jetzt gibt, wo die Pauken im Wirtshause sind und die Trompeten in den Futteralen und die steifen Röcke in, Schrank. ES fällt die Feuchte, die die rechte Lust gibt, zum Un, herschleichen und Zuseben, ohne bemerkt zu werden. Es fängt gut an. Da steht an der Ecke ein Terzett, daS sich regelmäßig dort zum Morgen- gei'präch versammelt. Der eine ohne linkeS Bein und in Lumpen, der zweite mit nur einem Auge und in Lumpen, der dritte leistet nur 10 Gesellschaft und ist höflicherweise nicht bester gekleidet. Sie starren einen grübelnd und in kalter Hoffnungslosigkeit an unk» rauchen.„Nach Weihnachten wird es besser." WaS wird für sie besser, selbst wenn die Fremden kommen? Nun, eS fällt mal hier, mal da ein Trinkgeld ab für eine Hantierung. Sie spucken nur, kein Mitleid hoffend, keinS in den Tausend erweckend, die an ihnen vorbeigehen. Haben sie nickt dafür den Sonntagsrock an- gezogen und gebetet? Es muß allcS seine Ordnung haben, und läßt sich aus einem Mann mit nur einem Bein etwas machen, was Geld bedeutet? Allri�bt--- ES ist wahr, eS ist keine eigentliche Schande, in den Augen deZ gutsituierten Engländers, arm zu sein. Er kennt keine Standes» unterschiede und hört die längste Rede des Beistandsuchenden höflich an und geleitet ihn höflich hinaus— aber sein Auge bleibt kalt, seine schmalen Mundzüge unveränderlich, und wenn er keinen Borteil steht, kann der Mann sich vor seinen Augen töten, er wird nur„'am son-z�, cam'1(eä tut mir leid, ich kann nicht) wiederholen und es sehr unrecht von dein Mann finden, sich bei ihm zu töteir. und gar nickt„wohlanständig"., „Wohlanständig"(vsllbollouiadls) zu sein, nicht nur zu scheinen, ist das Lebensziel dieser Menschen. Gut gewaschen sein, gut essen, sich gut kleiden, seinen Garlen, seine Kinder in Ordnung haben— „ihr übrigen krepiert, soweit ihr mir nichts ickuldig oder für mich sonst brauchbor seid!"„Wsllltouomabls—" wie seben diese Kinder auS. die sich links und rechts an mich hingen, mit ihren dünnen Aermchen die großen Zeitungen hochhebend und ebenso mutlos aber Pflicht- getreu wiederholend:„Nastor— paper— hapeny— paper mastor' iHerr, di? Zeitung, fünf Pfennige)? Ihre Mützen sind un- besckreiblich mit ihren gigantischen Löchern. Niemanden geniert der Schmutz, der an ihren' Backen klebt.„Sie werden ihren Weg machen und sich waschen und gut kleiden wie wir, vielleicht, oder sterben, vielleicht. Ist eS unsere Sache?" Aber waS bedeutet dieser ganze wohlgeordnete, wohldurchdachte Fleiß im Erraffen guter Guineen, bei solch barbarischen, und ver- nachlässiglem GesellschaftSsiiin? Diese Burschen und Mädchen werden sich auch im Dunllen an mich hängen, nur„ovoninZ"(Abendausgabe) jener Periode von Ausrufen zukügend, und mit zwei gestohlenen Rüben und Tomaten im Wagen unter irgend welche Lumpen kriechen. Keine Anklage wird aus ihrem Herzen oder dem Munde der Eltern kommen, die nicht anders aussehen. Haben sie nicht die Bibelstunde zur Erwärmung und Erhebung und Sättigung? Sie haben doch Herzen, diese wohlanständigen Leute.„Drink, puppy, ckrink" steht zärtlich und liebevoll auf großen Porzellan- oecken, die an den Türen der Geschäftshäuser und Eigenhäuser ■OottaZos) stehen.„Pupph" ist der Kosename für den wohl- anständigen Forterrier, hier aber auf all' die sehr zahlreichen Gassenhunde ausgedehnt.„Ist es nicht herzlos", klagte in, Bibel- kränzchei», in, 5 O'olock-tsa(loaS stets dasselbe ist), die gut gc- kleidete und bcstparfümierte Miß,„daß solche armen Tiere das schmutzige Regenwasser oder Pfützenwasser trinken müsse»?" Ach, Pupph würde ihr wohl in seinen, gesunden Hundefinn antwortcn, daß eS an Wasser in den Straßen weniger fehlt als an Knochen. Deshalb sind diese Damen gegen arme Menschen, die noch mit ihren Stummeln von Glieder,, Musik zu machen bemüht sind und ellvaS Liebe in soviel überlegte Härte bringen wolle», nicht etwa roh oder kalt. Ich sah. wie die arme, schüchterne Frau deS Mufikanten aus solchem wohlanständigen Hause herauskam, eine Tomate in den Fingern, also ein Honorar von gut einem Drittelpfennig, und beide still mit gesenkten Köpfen weiter fuhren. Ein Regenschauer scheucht unS an ein Fenster.„Renne uns hart, schimpfe auf unS, aber sage, daß wir fleißig sind." Ja. da» sind fie, diese lärmhaften Beter. Haben fie am Sonntag in einen» der fünfzig Institute ihr Geschäft verrichtet, so leben fie ganz dieser ihrer Arbeit, die Tomaten zu immer größerer Fülle zu bringen, die Birnen gewichtiger zu mache», die Reben noch reicher an Beeren zur Ausstellung, zum Export zu bringe,,, die Kartoffeldampfer immer früher nach England schicken zu können— durch raffinierte AuS» nützung der Sonnenwärnie und künstliche Ernährung der Pflanze. Wenn man die in Felsen gebrochenen Straßen hinansteigt und durch irgendeine der Heckenpforlen blickt, sieht man wahre Tempel einer Ratnrandacht, edler und sinnvoller als die mit den Pauken. In dieser verglasten Eingangshalle steht zu beiden Seiten eine Reihe hoher Orchideen, die�i» feuchten Dunst ihre Blattblüten taucheu. Auf dem Borsprung der überhäiigendei, Klippwand erhebt sich ein dichter Kreis künstlich verwilderter Heckenpstanzen. Hier die kleinen Glas- anbauten für Wein, dessen dickes Klettergewinde wie ein Spinnen- gebilde an der GlaSdecke hängt, die die Sonnenwärme leicht hinein, aber schwerer hinauslästt und Spaniens Schwüle und des Aequators warme Feuchte um die saugenden Blätter legt. Die wenigen nichts tuenden schwarzen Parks mit prunkvollen Portalen und übergroßen Treibhäusern, die nur zum Pläsier ihrer selten hier einkehrenden Lord-Befitzer dienen, verschwinden unter den einfacheren Häusern der Farmer, die man mit ihren Tochter», Söhnen. Gehilfen und Arbeitern den Tag über in Gang sieht. Zu Rad, mit Pslanzen oder Früchten ailf dem Korbgestell und die Pfeife im Mundwinkel, den Waterproof über, die Füße in Ledergamaschen, die Schuhe schwer genagelt. Mit ruhiger Energie schreiten sie aus, treten gravitätisch die Radkurbel, immer die Pfeife im Mundwinkel. Aus ihren kleinen zweirädrigen Landwagen jagen fle mit schnellem kleinen Pferd zur Stadt oder lärmen auf dickem Sandgaul in drolligem Trab über die Steine einer schmalen Gasse, die Pfeife im Mundwinkel. Im mühsamen wankenden Tritt bringen drei einzeln geschirrte Pferde den mit Seetang hochgeladenen Karren die steigenden, von durchbrochenen alten Klippenwänden ununauerten Straßen hiitan. Er wird aus die Wiesen verteilt und bringt aus den kleinen Flächen für mehr Zuchtvieh reiche, bekömmliche Nahrung, als auf ungewarteten Weideflächen der Großgrundbesitzer. In geschlossenen Stiefeln schreiten die begleitenden oder führenden Arbeiter. Große Männer mit derselben harten ab- wartenden Entschlossenheit im Auge, gleichmütig oder spöttisch auf den eleganten Nichtstuer sehend und an der Pfeife kauend. Sie steigen, wenn fle am Strande den angeschwemmten Tang suchen. direkt in das Wafler, trotz der Jahreszeit, und gabeln zwischen Geröll und Felsbrocken den Tang hervor. Ein Omnibus rollt vorbei, hält, nimmt einen Fahrgast und fährt weiter. Ich stutze. Der Schaffner ist ein Junge, der einen, anderen, der vielleicht gestern noch sein Schulkamerad war, zuwinkt. ehe er das Signal gibt, weiter zu fahren. Ich bin am Hafen, in dem eben nur einige Kohlen ausladende Dampfer und das Post- dampsboot nach Southampton liegen. Außerordentlich schnell und ! geschickt geht die Entladung vor sich, nur wenige Arbeiter lud dabei tätig. Die Windemaschine leitet der Maat, aber neben ihm sitzt abermals ein kaum schulentlassener Knabe am Maschinenhebel, das Auge unausgesetzt aus den Kolben gerichtet, dessen Bewegungen er zu hemmen, zu entfachen hat. „Vollkommene Freiheit hier", auch die zu verhungern oder mit den Gliedern in die Maschine zu kommen. Dafür fragt dich auch niemand, was für eine Haarfarbe deine Großmutter hatte und wo du vorgestern geschlafen hast und wovon du lebst und— und— und. Hast du keinen Garten und kein HauS und keinen Besitz, so bist du ein armer Mann, denn nichts gibt es hier sonst, waS dein Herz er- heitern könnte. Diese Insel, der einige tausend intelligente und sichtlich wohlhabende Farmer ihr Gepräge ausdrücken, kennt außer der Kirche und dem Eigenhaus und dem Sportplatz keine Form geistiger Erholung. Eine kleine Bibliothek erfreut sich klubartiger, reservierter Vornehmheit, fle ist für gewöhnliches Volk absolut nicht «ingerichtet und nur Präsenzbiblothek. Es gibt nur einige rohe Lichtbildbühnen, aber keine ernste Bühne, keine Regung, die über den nackten Geldjinn und den landes- üblichen Familiensinn hinausgeht. Das Volk steht nach der Arbeit in den Gassen; die jungen Leute vergnügen sich, wenn sie die fabelhaften aufregenden Ereig- nisse deS letzten Fußballmatches zum Hundertstel, Male überlegt und besprochen haben, Feucrwerkskörper abzubrennen. Aber bald beginnt die Saison, die Kartoffelernte setzt ein, der unaufhörlich die weiteren Früchte und Gemüse folgen werden, von der Fremdenernte zu schweigen. In dein heule leeren Hafen werden sich dann hundert Dampfer drängen, um die als Frühkartoffel so kostbare Erdfrucht in die engliichei, Häfen zu bringen, alle Straßen werden von eiligen Leuten erfüllt sein, die nichts in, Kopfe haben als die Chancen, die letztjähriaen Ernterekorde zu brechen. Alle die Fruchtspeicher, heute verschlossen und verödet, werden sich öffnen und mit Leben erfüllt sein. 30 000 Fremde werden hier im Lause eine? Halbjahres landen und all die Boarding-Häuser und ihre heute trübselig und müßig an, Kamine sitzenden Bcflyer durch viele Guincen beglücken. Aber welche Goldernten auch das Jahr geben wird, welche Fortschritte mit Fleiß und Intelligenz in der landwirtschaftlichen Gütererzeugung gemacht werden— die Seele wird leer ausgehen»nd frieren, und das sonntägliche Kirchenjuchbee mit Pauken wrrd sie nicht aufheiten,. sondern„och mehr bedrücken und zuletzt ganz verscheuchen von brr Insel der nur„Wohl- anständigen".?. Gl. Totensonntag. Der Totensonntag hat in den letzten Jahrzehnten entschieden an Beachtung gewonnen. DaS dürfte nicht zum geringsten Teil auf den Einfluß deS Allerseelentages zurückzuführen sein. Andererseits be- zeugt dieser Umstand die Tatsache, daß auch in der Gegenwart noch gewisse Tage mit ihren Bräuchen volkstümlich werden können. Eigentliche„Totengedächtnisfeste" sind den Germanen von alter Zeit her vertraut, aber in wesentlich anderem Sinne als der Gegen- wart. Zivei Arten dieser Totengedächtnisfeste muß man unter« scheiden: solche, welche an bestimmten Tagen nach dem Tode eines Angehörigen und solche, welche an bestimmten Jahrestagen be« gangen wurden. Erstere beziehen fich auf einen kleinen Volkskreis» letztere wurzeln im ganzen Volke und bilden einen nicht unweseiit» lichen Bruchreil des Seelenkultes. Die ersteren führen wesentlich verschiedene Ramen. Am älteste!» mag wohl die Bezeichnung„Erbbier"(niederdeutsch Arfbeer) sein. Den Zeitpunkt dieser Feier können wir für die vorchristliche Zeit nicht genau bestimmen. In chnstlicher Zeit fand daS Erbbier meist am 7. oder 30. Tage(auch wohl am 3. oder 9.) nach dein Hin« scheiden, und zwar vor dem leeren Hochsitz des Verstorbenen statt; der Erbe nah», den Minnetruuk und bestieg dann den ihn, nun zu- stehenden Hochsitz. Jütisch heißt diese Feier ganz bezeichnend: Jefc salig Liges Skaal drikke(des seligen Leichnams Wohl trinken). Kürzer bezeichnet eS das Niederdeutsche mit„Troestelbier", und in» Hochdeutschen heißt es; den Toten vertrinken. In Sachsenhausei» bei Frankfurt a. M. war es früher Sitte, den Toten zu „vertanzen". In der Umgegend von Jena sagte man auä» um die Mitte des 19. Jahrhunderts:„Heute wird die Haut von N. N. versoffen"; dies bedeutete, daß nach den, Begräbnis des N.?t. im Sterbehause von den Erben ein Faß Bier zum bestei» gegeben werde. In manchen Gegenden Nord- oder Mitteldeutsch» lands sagt man»och heute: daS Fell, den Balg versaufen. Der Ausdruck„die Haut versaufen" findet sich schon in der 1604 zi» Rostock erschienenen„Laien-Bibel" des dortigen Predigers Nikolaus Gryse. Aus Lübeck wird 18S2 berichtet:„Als aber an, Abend nacü dem Begräbnis die Haut verzehrt(das Leichenmabl gehalten) wird" usw. In Dortmund ist das„Fell versupen" noch vielfach Brauch. sogar in besseren Bürgerkreisen. Man kneipt jedoch nicht auf Kosten der Verwandten des Toten, sondern aus eigener Tasche. Auch it» Berlin kennt man diese Bezeichnung. Im Bergischen und in Süd- Westfalen nennt man das Leichenmahl„Liekzech" oder„rüeaten" (rueeten). De», Worte liegt das althochdeutsche rinzen, daS angcl» sächsische reotan(— klagen) zugrunde. Die Kirche bestiminte in Deutschland den 3., 7., 9. und 30. Tag als TotengedächtniStag, sich aller Wahrscheinlichkeit noch damit ai» heidnischen Brauch anlehnend, was schon die Zahlen beweisen. Der 3. und 9. Tag waren den alten Griechen, Römern und Slawen als Totenfeiertag bekannt, während der 30. Tag sich derselben Bedeutung bei den Juden und Jndiern erfreute. Für die allgemeinen Toten- gedächtnistage kamen besonders die Wendepunkte des Jahres iit Betracht, die die Kirche hernach auf die Ouatembcrtage und nament» lich auf Allerseelen verlegte. Vor allen Dingen war eS die Mitter- nachtSzeit, die hier eine Rolle spielte. Mit den Wendcpnnklen des Jahres war zugleich der Punkt gegeben, wo der Volksglaube sich weiter entfalten konnte und man auch Wendepunkte für das mensch- liche Leben vermutete. Die Seelen der Verstorbenen erscheinen dann und lverden vielerorten gespeist. Ein besonders wichtiger Tag ist dafür die Zeit der Zwölften, der Weihnachtszeit, dann aber auch Allerseelen, Fastnacht usw. Der Wendepunkt des Lebens tritt noch im pommerschen Volksglauben deutlich hervor, da man dort der Meinung ist, daß in den Zwölften den Geistersichtigen kund wird, wer im nächsten Jahre sterben muß. Sehr späten Ursprungs ist unter den Festen deS evangelischet» Kirchenjahres die Totenfeier an, letzten Sonnlage des Kirchenjahres, am Totensonntage. ES ist eine Gedächtnisfeier der Verstorbenen, nicht nur derer, die im letzten Kirchenjahre hinschieden, sondern über- Haupt der Entschlafenen. Aber dieser Tag trägt, wie wir schon andeuteten. nicht rein kirchlichen Charakter; er bar gerade in den letzten Jahren unbestritten mehr und mehr einen volkstümlichen Charakter gewonnen durch das allgemein gewordene Pilgern zu den Gräbern der Lieben, die man mit Blumenschmuck und Kranzspenden versieht. Dieser Schmuck der Gräber ist bald vergänglich. Er tritt damit in Gegensatz zum dauernden G r a b s ch m u ck, den wir in seiner ge- schichtlichen EntWickelung kurz verfolgen wollen, wobei wir uns auf die germanischen Völker beschränken. Weniger zun, Schmuck als zum Schutz und zur Weihe dientet» die an dei, ältesten germanischen Gräbern und Urnen angebrachte!» Hammerzeichen und Hakenkreuze, ferner Runeninschristen und die Grab- beigaben der verschiedensten Art.„Der allgemeine Gebrauch, zum An- denken lieber Verstorbenen aus den modernen Massenrichestätten ein Stein- monument zu widmen als letzte Liedesgabe, ist in unseren Länder,» kaum über ein Jahrhundert gekommen." Die alten Grabsteine aus unfern Kirchhöfen, oft künstlerisch recht beachtenswerte Leistungen, sind meist dem Andenken der Reichen und der großen Geister gc» widmet. Die große Masse des Volkes begnügte sich mit den» schlichten Grabhügel, der mit bestimmten Blumen geschmückt wurde. Außer Blumenschmuck werden die letzten Ruhestätten der Armen noch manchen anderen Schmuck, bestimmte Kennzeichen aufgewiesen haben. Aber wir sind in dieser Hinsicht sehr ungenügend unterrichtet über die Vergangenheit, etwa das frühe Mittelalter. Bildliche Dar« stellungei, fthlei, ganz, und die schriftlichen Nachweise sind äußerst gering; vielleicht dürfen wir aus dem heutigen Grabichmuck der Kar, Häuser einen Rückschluß ziehen, weil gerade dieser Orden in seiner ganzen Lebensweise äußerst konservative Züge bewahrt hat und seine Mitglieder in � ihrer Lebensentsagung den Aermsten beigezählt werden müssen. Sie pflegen noch heute Abt, Prior und gewöhnliche Brüder in derselben schlichten Weise(ohne Sarg, nur im Habit und mit zugenähter Kapuze; damit ebensalls an mittelalterliche Sitte mahnend) zu begraben; � ein überaus ein« fache? Kreuz ohne jede Inschrift schmückt gleichmäßig die�Gräber. Bei manchen vorgeschichtlichcii Grabern war der Schmuck cnt- — 912— Kehrlich; die Hünengräber der Stein- und frühen Bronzezeit waren ün und kür sich schon Grabinäler. In der Bronzezeil trak dann an die Stelle der bisher üblichen Bestattung der Leichenbrand. Die Steinkiste usw., namentlich auf Bornholm zahlreich gefunden, trat cin die Stelle des groszen Hünengrabes. Dann folgen, ebenfalls auf dieser enrlegenen Jniel vorzüglich erhalten, die sogenannten Nöscn, Brandgleitir, die Aichenlirnen uiw. Was an danerndenl Grabschmncke heute noch beurteilt werden kann, sind schlichte, zerbrechliche Holzkreuze lhierzu müsse» auch die „Leidieiiladen" und„Marterl" der Alpenländer usw. mit«hren starken Ansätzen zu volkstümlicher Kunstbeläligung gezählt werden) auf den ürmlichen Dorffriedhören, vielfach beachtenswerte schmiedeeiserne Grablreuze und endlich der moderne, im groben und ganzen fchabloncnhaste Leichenstein. Eine besondere Art der Grabmäler »vird bellen zu teil, die durch Unglücksfälle oder eigene und fremde Hand gewaltsam ihr Leben einbüßen. Vielfach fallen sie in voller Lebenskraft dem Tode zum Raube; sie werden vor- zeitig lim die Güter deS irdischen Daseins gebracht. Ihr Geist zürnt darum den Ueberlebenden und betätigt diesen Groll durch Nebelwollen der Verl r iedeusten Art. Darum ist die Sitte ziemlich allgemein, auf solche TodeSstätten, die nicht immer mit Begräbnisstätten identisch sind, Steine oder Reisig zu werten, damit die unruhige Seele unschädlich gemacht und an ihrem Orte festgehalten werde. Wir nannten oben die meisten modernen Grab- steine schablonenhaft. Künstlerische Bestrebungen bahnen fich aber auch hier an, auch abgesehen vom kunstsinnigen Italien und den großen Städten und Kunstzenlren der Kulturländer. Der skandinavische Norden hat hier, wenigstens allem Anschein nach, einen kräftigen Anstoß gegeben, wozu die dort öfter vorkommenden Bautasteine (zur Erinnerung an hervorragende Männer, an große Kämpfe und wichtige Ereignisse errichtete Denksteine) angeregt haben mögen. Dazu waren diese vermöge ihres nahe verwandten Zweckes iehr wohl geeignet. Die altnordische äußere Form erfährt gewissennaßen eine Erneuerung in diesen modernen Kitiislschöpfungen, in diesen vielfach sehr gelungene» Denkmälern, dir auch in Deutschland mehr und mehr Anklang finden Und die Symbole des germanisch« iheidnischen Kults, besonders deS TotenkultS sdas Hammerzeichcn und Hakenkreuz-Tors. dessen Schutz die Gräber unterstellt wurden), be- rühren sich in der Form so nahe mit dem Symbol des Christentums (dem Kreuz), daß eine solche Verschmelzung und gegenseitige Be- fruchtung in der Kunst wohl angängig war. So klingen auch hier christliche und heidnische Töne zu einem harmonischen Akkord zusammen in der Totenverehrung, im Seelen« kult, weil allgemein menschliche Züge den Grundton bestimmen. O. Sch. Kleines feuilleton. Technisches. Eine Maschine zum Telleraufwaschen. E» ist wohl nur eine Frage verhältnismäßig kurzer Zeit, daß auch die Tätigkeit der Hausangestelllen durch eine stärkere Benutzung von Maschinenkraft eine Entlastung und Veränderung finden wird. Namentlich ist von der Elektrizität eine derartige Umwälzung zu erwarten, und die technischen Mittel dazu sind jetzt schon in vielen Einzelheiten geliefert worden. Dagegen fehlt es den »netsten Leuten an den Geldmitteln, um diese modernste Kervesserung auszunutzen. Auch eine Maschine, die von dem Franzosen Hamet zur Verrichtung des Telleraufwa'chcnS geschaffen worden ist, dürfte eine Einführung in die Hauswirtschaft zunächst nicht erfahren. Diese Maschine leistet nämlich, wie eS auch bei anderen Konstruktionen »ähnlicher Art der Fall zu fein pflegt, für eine gewöhnliche HauS- Haltung zu viel. Sie vermag in einer Stunde bei Bedienung durch eine einzige Person 14 400 Teller auszuwaschen, und eine Haus- fran würde daher in Verlegenheit sein, eine solche Maschine zu be- schästigen. In großen Wirtschaften dagegen, in Hotels, Kranken- Häusern lind anderen Betrieben, wo eS sich um dte Speisung von Hunderten handelt, mag die Maschine auch jetzt schon am Platze sein. Sie ist sehr einfach und baltbar. aus Stahl hergestellt und besteht hauptsächlich aus einer Trommel, die durch zwei sechsseitige, um dieselbe� Achse drehbare Stücke gebildet wird. Diese beiden sechseckigen Räder sind durch sechs zylindrische Barren mit einander verbunden, und auf diesen können die Aufsätze ,nit den Tellern untergebracht werden. Das ganze Rad liegt init der Achse etwa 95 Zentimeter über einem Behälter mi, heißem Wafier, das durch einfache Kohlenheizung oder durch Gas oder Danwf erhitzt wird. In diesem Becken werden die Teller zu- nächst ganz oberflächlich gewaschen, danii auf die Behälter des RadeS gesetzt, die immer in wagcrechter Stellung bleiben »ind untertauchen, wenn sie mit Tellern gefüllt sind, indem das Rad «ine Sechstelumdrehung ausführt. Hat sich das Rad einmal ganz nm seine Achse gedreht, so kehrt der erste Behäfter auch i>, seine «rsprü»gliche Lage zurück und ist zur Ausnahme einer neuen Ladung bereit, nachdem er durch den Aufenthalt im kochenden Wafler sterilisiert ist. Die gewaschene» Teller sind auch bereits getrocknet, wenn der Behälter zurückkehrt, und brauchen nur fortgenommeir zu werden. Die Zeit für die Füllung tind Entfernung des Behälters dauert nur etwa 10 Sekunden. Scback. Unter Leitung von S. A l a p i n. Turnier der„Schachwelt". abcdefgh 2+(fe-SSQ k) Da? amerikanische Turnier, das am 30. November schon zu beginnen hatte, ist in letzter Stunde abgesagt worden. Die Kostender Reise und Verpflegung waren zwar den teilnehmenden europäischen Meistern garantiert. Aber in Anbetracht der langen Dauer des Unternehmens waren mehrere Meister gezwungen, ihre Teilnahme von Exlraentschädigungen abhängig zu machen. Hierzu reichten je- doch die Turuierfonds nicht aus. Auf unsere Notiz vom 2. November über da?„Schweizer» gambit" ist uns eine lange Berichtigung von dessen Begründer A. Wagner sin StaniSlau, Galizien) zugekommen, aus deren all- genieinem Teile wir nur die Behauptung zitieren können, der von unS beanstandete marktschreierische Aufsatz sei„vom„Neuen Wiener Tageblatt" ohne Wiflen und Willen des Herrn Wagner veröffentlicht worden." Jedoch erschien genau derselbe .Reklameartikel" sso drückt sich unser Korrespondent s e l b st auS...) merkwürdigerweise in der„Frankfurter Zeitung" ebenfalls. Noch viel sensationeller und marktschreierischer gehalten erschien über daS- selbe Thema ein spaltenlanges Feuilleton in der„Brestauer Zeitung", in der dem Schweizergambit gar die Bedeutung eines„Wunders" beigemessen war l... Wer war der Verfafler in den zuletzt ge- nannten zwei Zeitungen? Hierüber gibt die Berichtigung des Herrn Wagner keine Auskunft... Den schachtechnischen Teil der Berichts- gung berücksichtigen wir übrigens teilweise in den Glossen zur nach- stehenden, immerhin nicht unlntereflanten Partie. Holländisch. A. Wagner. Lipez. 1.£2— f4..... Der bisherige Name dieser Er- öffnungsart ist„Holländisch". Falls nun mit 1...... n-f5? (d5 oder„c6" sind besicre Züge) 2. s2— o4?..... sortgesetzt wird, so soll eZ von NUN an„Schweizergambit" heißen. 2...... k5Xo4 Daß 2.... eß besser ist, gibt Herr Wagner selbst zu. 3. Sbl— c3 Sg8— f6 3.... 06; 4. SXel wird nicht nach W. mit 65?, sondern mit 4.... 8k6 beantwortet. 4. dS i(laut bestehender Theorie) 4.... ed3; 5 LXd3, e6; 6. Sf3, Le7 ic. ist plausibler(7. 0—0!) 4......«17-65 4....«61; 5. gö, Sdö ic. zu erwägen. 5. gl— g5 65—64? Fehlerhaft. Da? von uns augc« gevene 6....!3g8 1 wird mit der Begriindima bemängelt, der Zug verlöre zwei Tempi. DieS ist richtig; aber Weiß hat diese zwei Tempi zur gefahrvollen Ausreißnng des eigenen Königsflügels mit g2—g4—g5 benutzt, was die Tempoverluste des Schwarzen mehr als rechtfertigt. 6. g5Xk6 64Xc3 7. f6Xg7 c3X62t?? Diese Entwickelung de« Gegners wird verhängnisvoll. Verhältnismäßig besser war 7..... I.Xg?; 6. Dhöf, Kfg; 7. dXc3, Sd7; 8. hei, DeS nebst«vent. Sf6. 8. LclX62 Lf8Xg7 9. Ddl— h5t KeS— f8 10. 0—0—0 1)63—64 DeS leistete längeren Widerstand. Herr Wagner bittet uns, unseren Lesern mitzuteilen, daß nach 10...... Dd6: 11. Lc3, DXtt-f! 12. Kbl, DXL eine Stellung entsteht, die sür Weiß gewonnen ist und daß die Zeitung„Szachifta PolSli" für lorrette bis 31. Dezember 1912 eingesandte Lösungen deS Gewin» wcgenS 3 Preise ausschreibt: 25 Kr., eine Bücherprämie im Werte von 10 Kr. und ein Jahresabonnement der Zeitung für 1913. Indem wir un» des Austrage» entledigen, be» merken wir jedoch, daß nicht an- gegeben ist, s e i t wann die Preis- ausschrelbung schon besteht... B«t der aus der Hand liegenden Leichtigkeit der Ausgabe ist nämlich anzunehmen, daß die drei Preise schon längst vergriflen find... 11. I-d2—o3 Dd4— eSf 12. Kcl-bl Lg7Xc3 13. Sgl— h3..... Auf 13. Lc4 muß 13...... oC kommen, denn 13. DXk4 verliert lnach Lconhardt) sofort wegen 14. Se2, Lg4; 15. Thgl I ic. 13,..... Lc8Xh3 14. b2Xc3 14. LXL, Db6 ic 14...... 15. 161—04 16. 1-04-4.3 17. TdlX67 18. a2Xb3 19. Tbl— 61 20. Td7Xe7 21. Dh5— eöf 22. De5— g7t 23. Tdl— d7t 24. Dg7Xf7t (Lconhardt) Sb8— 67 De3— bOf I-b3—o6 Le6Xb3 h7— h6 c7— c5 Kf8Xe7 Db6— e6 De6— f7 Ke7Xd7 Aufgegeben. lverantw. Redakleur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Bering: IltsaeärtSBuchdruck-rei u.VerlaKsansto.lt Paul SmgertCo., Berlin ZW.