AnterhaltungsMatl des vorwärts Nr. 232. Freitag den 29. November. 1912 lSiachdru« derbolen.j so; Oie Oberv?älcier. Von Alfred Bock. Solange sie denken konnte, hatte sie's nicht übers Herz gebracht, sich gegen den Vater offen auszusprechen. Nun hatten ihr Drang und Not das Siegel von den Lippen ge- nommen. Die Hände auf die Brust gepreßt, harrte sie seiner Antwort. Eine innere Stimme sagte ihr, in dieser Stunde würde sich ihr Schicksal enffcheiden. Der Bauer war ans Fenster getreten. Das Gestcht der Straße zugekehrt, hatte er nur widerwillig zugehört. Nun wandte er sich um. Seine Miene verriet Abgunst und Un- Versöhnlichkeit. „Du hast kein Tropfen Blut von mir," sagte er schroff. „Das Gewelsch hast Du umsonst gemacht. Der Lumpen- stecher, der mich mein halb Vermögen kost', soll in der Höll' LäussiipP fressen I Etz rechen ich mit Dir ab. Willst Du von ihm lassen oder net?" „Ich will auf'm Fleck sterben, wann ich von ihm lasi'I" sagte sie unerschütterlich. Dem Peter s�vollen die Adern an der Stirn. „Dann sein wir geschiedene Lcut, und Dein Platz is vor der Tür!" „Gut, Vater, ich geh," gab sie zurück.„Und wann Ihr wollt, morn am Tag." „Du seist etz null für mich, packst Dich sofort!" Sie ward bleich wie der Tod. „Etz in der Nacht setzt Ihr mich auf die Gass'? Das kann Euer Ernst net sein." „Mein völliger Ernst!" „Das tut man ja keinem Hund!" Seine Fäuste ballten sich. „Du Schnippet! Du weißt ja, wo Du Hinzugehn hast." „Vater!" schrie sie verzweiflungsvoll. Seine Füße stampften den Boden. „Enaus!" Ein Krampf erschütterte ihren Körper. Ihr Blick ging wie irr in der Stube umher. Dann sagte sie mit erstickter Stimme:„Ich Hab nur noch ein' Weg. Das weiß ich: he jägt mich net fort!" Sprach's und schritt hinaus.—— Der Stein, der Weilandts Stirn getroffen, hatte einen klaffenden Riß hinterlassen. Das Blut rann ihm über das Gesicht. Sein Kopf ruhte schwer auf der Brust. Er stöhnte laut. Nicht weil ihn die Verletzung schmerzte. Die würde bald heilen. Die kümmerte ihn nicht. Die Wunde, die ihm die Unmenschen ins Herz geschlagen, verharschte nie. Gedanken kamen in schwarzen Schwärmen und nisteten sich bei ihm ein. Acht Jahre war's, daß er sein Amt hier an- getreten hatte. Mit all seiner Kraft, mit ganzer Seele hatte er seine Berufspflicht erfüllt. Er war den Kindern ein treuer Lehrer gewesen. Als etwas Hohes, Heiliges war's ihm erschienen, die man ihm anvertraut, zu tüchtigen Men- sehen heranzubilden. Nicht zufrieden damit, daß er das Licht in der Schule entzündet, war er auch zu den Eltern ge, gangen. Aufrütteln, emporheben wollte er sie. Und er hatte sich redlich gemüht, immer von der Hoffnung getragen, daß sie den Geist der Zeit begreifen lernten. Er hatte wenig Dank geerntet. Dank kostete doch nichts. Aber sie brachten ihm noch Argwohn entgegen. Dessenungeachtet hatte er geglaubt, er dürfe den Mut nicht sinken lassen. Fanden sich ein paar Gutgesinnte, war die Freude doppelt groß. Freilich nur eine kurze Freude. Er hatte ihnen die Kasse gegründet. Nun sag- ten sie. die sei bankrott. Er hatte noch keinen Beweis dafür. Dem einzigen, der Aufschluß geben konnte, hatte ihre Roheit den Mund geschlossen. Er hatte dem Krämerskarl blindlings vertraut. Aber hatten sie's nicht alle getan? Daß er. Wei- landt, das Beste gewollt, wer durfte ihm das strittig machen? Und doch waren sie wie die Bluthunde über ihn hergefallen, hatten ihn an Leib und Leben bedroht, hatten seine Menschen- würde mit Füßen getreten. O über die Einfalt, daß er ge- wähnt, hier oben eine Heimat zu finden! Sein Heimats- träum war ausgeträumt. Seine Rechnung war in die Brüchß gegangen. Es klopfte. Er fuhr auf. Würden sie ihn bis in dia Stube verfolgen? Von diesen Raufbolden konnte man alles erwarten. Nur zu! Er würde sein Leben teuer verkaufen« Es pochte wieder. „Herein!" Die Tür öffnete sich. Auf der Schwelle erschien die Marie. Er wollte seinen Augen nicht trauen. „Du bist's. Marie?" Sie sah die Wunde an seiner Stirn, sah das blutüber« strömte Gesicht und stieß einen Schrcckensruf aus. „Ja, Marie, so haben sie mich zugerichtet!" „Herr Jesses im Himmel! Du Armer. Du Lieber!" In diesem Augenblick hatte sie all ihr Leid vergessen, zerging in Erbarmung und Mitgefühl. Helfen, nur helfen wollte sie dem, der ihr der Liebste war auf der Welt. Sie lief hinaus. Brachte Wasser herbei. Tauchte iht Sacktuch hinein und wusch ihm Stirn und Gesicht. „Du Armer, Du Lieber! Wann's nur net schlimm is!" „Ach, was Du denkst!'s ist nicht schlimm." An der Wand bing ein Handtuch. Das legte sie ihm um die Stirn. Ich Hab sonst immer Verbandzeug im Kasten," sagte er« „Gestern Hab ich das letzte dem Lipps Menz gegeben." Die Wunde mußte doch wohl tiefer.reichen, denn da? Blut rieselte unter dem Handtuch hervor. Drunten im Schulsaal, fiel ihm ein, lag im Schrank noch ein wenig Watte. Auch eine Mullbinde würde sich da finden. Gleich war sie fort und holte beides herauf. Während sie die Wunde aufs neue wusch und verband, beschloß sie. Weilandt noch nicht zu sagen, was zwischen ihr und dem Vater vorgefallen. Es würde ihn ganz durchein- ander bringen. Sie blieb ja bei ihm. Hatte er sich erst ein bißchen erholt, erfuhr er's immer noch früh genug. Der Dürrhannes am Hegweg, erzählte sie, hatte sich beim Mähen einmal mit der Sense verletzt. Da nahm er einen Feldstein, bestrich dreimal die Wunde damit und sprach:„Ich gebiet dir Blut durch Christi Blut, steh still!" Und wirklich, das Blut stand still. Der Rllhlsadam hatte sich das Knie auf- gefallen, legte zwei Strohhalme kreuzweise darüber, und das Bluten hörte auf. Meist waren es alte Leute,, die sich auf die Dinge verstanden. Dieser und jener besaß auch ein Buch, worin man allerlei Merkwürdiges über Wundbehandlung las. Keiner gab's aber ans der Hand. So plauderte sie. Er sah nach der Uhr und sagte:„Ich dank Dir, Marie. daß Du gekommen bist. Aber ich bitt Dich, jetzt geh!" „Du brauchst eins," sprach sie zutraulich,„und ich sein Dir die Nächst' dezu." „Ich brauch niemand, Marie. Ich bitt Dich, geh!" Sie schlang ihren Arm um seinen Hals. „Ich laß Dich net allein. Ich bleib bei Dir!" Er machte sich von ihr los. „Das kannst Du nicht, das darfst Du nicht. Du gehst! Das bist Tu mir schuldig, Marie." Nicht eben freundlich fuhren ihm die Worte heraus.. Sie war überrascht, ja höchlich betroffen. Jetzt, da sie ihn' pflegen, da sie ihm beistehen wollte, hieß er sie gehen? Nein, daß sie ihm nicht unrecht tat. Die Wunde wov schmerzhaft und machte ihn hitzig. Er war gar zart. Er hielt nicht viel aus. „Ich Hab in den schrecklichen Stunden Jahre durchlebt, sprach er heftig weiter.„So ein paar Stunden können gap viel ändern. Sie haben mir die Flügel beschnitten. Jeder soll sehen, wo er hingehört. Und ich gehör nicht hierher.� Das ist mir nun alles klar geworden. Die längste Zeit bin ich hier gewesen." „Du willst fort?" stieß sie heraus. „Ja," versetzte er,„ich will fort!". „Großer Gott," schoß es ihr durch den Kopf,„etz IS alles aus!". � Er redete sich in immer größere Erregtheit hinein:..�ch bin mir zu gut für das Baiiernvolk. Ich find auch anderswa meinen Platz. Und find mein Brot. Aber ich Hab meine Feinde, droben und drunten,'s sollte nur einmal lautbar werden, daß Du hier nachts bei mir warst, das Maulrücken würde kein Ende nehmen. Ich bitt Dich, geh!" „Ich Hab mich mit meinem Vater verworfen," brachte sie mit zitternder Stimme heraus.„He hat mich von Haus und Hof gejagt. Das all wegen Dir!" „Und wenn!" sagte er hart.„Hiev kannst Du nicht bleiben. Ich will dem Skandal keine neue Nahrung geben. Geh, Marie, geh!" Sie fühlte, wie ihr Herzschlag stockte. Um ihrer Ver- lobschast willen hatte der Vater sie verflanimt und verstoßen. Ihr Bräutigam, bei dein sie Zuflucht suchte, trieb sie mit barschen Worten fort. Das war mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnten. Weilandt sprach nur von sich, inimer nur von sich. War sie denn nichts, rein nichts neben ihm? Sie hatte doch auch etwas zu verlieren, hatte doch auch ihr Ehr- gefühl. Freilich, in ihrer Arglosigkeit hatte sie gar nicht so weit gedacht. Sie wäre die ganze Nacht bei ihni geblieben. Und wenn sie mit Fingern auf sie gewiesen hätten und ge- fchmützelt hätten:„Tie hat die Nacht beim Lehrer kampiert!" Sie hätt's auf sich genommen. Für ihn hätte sie alles, alles getan. „Ich geh!" sprach sie mit zuckenden Lippen. Und band ihr Kopftuch um und ging. Draußen war, nachdem es tagüber fast windstill gewesen, mit einem Male der Südost aufgesprungen und schnaubte sie an. Sie achtete dessen nicht, schritt an der Kirche vorüber, die Eichgasse hinunter. Ihr war. als bräch ihr das Herz entzwei. Die Gerechtigkeit konnte den Weg nicht mehr finden, die Liebe lag auf der Totenbahre. Wie war denn all ihr Leben gewesen? Doch nur ein Leben mit ihm, vor dem alles für sie in nichts versank. Es war immer dasselbe und war immer neu. Jeder Tag war doppelt gezählt. Frühmorgens, wenn sie ihr Werk begann, wanderten ihre Gedanken zu ihm und waren bei ihm den ganzen Tag. Abend für Abend, eh sie zur Nuhe ging, holte sie aus ihrem Schrein das Liederbuch, das sie von ihm bewahrte. Sclbigmal, da er es ihr schenkte, waren sie noch nicht einig gewesen. Er hattjL. ein Lied angestrichen. Nur mit einem winzigen StricMchen. Aber sie merkte es gleich. Das Lied hieß: Wenn von Papier der Himmel war' Und jeder Stern ein Schreiber, Und jeder Schreiber Hütt' tausend Händ', Sie schrieben nicht unsere Lieb' zu End'. Das gefiel ihr gar gut. Sie sang es im Bett liegend noch vor sich hin. Und schlief darüber ein. Einmal an Pauli-Be- kehrungstag hatte sie sich, wie die Mädchen taten, mit auf- gelöstem Haar verkehrt ins Bett gelegt und hatte den Spruch hergesagt: Ter mir auf dieser Erden Zum Mann soll geben werden, Vater laß den einen Mir im Traum erscheinen! Und Weilandt war ihr im Traum erschienen. Sie hatte den Glauben. Der war felsenfest. Und sie war wie im Himmel. tFortietzung folgt.s � Hdolf GlaKbrenner und der Berliner Volkswitz. £ft ist es nur ein drollig verdrehtes Wort, das launig gesagte Gegenteil von dem. was gemeint war, der Purzelbaum eines Wort- spiels, das Zerrbild eines Wortes oder Bildes, das den Leser zum Lachen bringt, alsbald aber einen Kern vcrspürbar macht, der� das Lachen in eine nachdenkliche, verständnisinnig schmunzelnde Stim- mung ausmünden läßt. Schnell ist man aus den Versteckstil ein gestellt. Mit einer gewissen Vorliebe läßt Glaßbrenner Beschwipste roden. Tas tat auch Nestroy. Mit deren verwirrtem Kauderwelsch ließ sich Staatsgefährlichcs so schön in der nötigen Entfernung vom Rotstift der Zensur ans Publikum heranbringen, das auf jede leise Andeutung eingestellt war. Die verbohrte Reaktion glaubte ja auch das evdrücken zu können, was von den Hirnen längst als selbst- verständlich aufgesogen war. Glaßbrenner ist in jener zeitbedingten Kunst beschlagener und früher wach gewesen als Nestroy, der die Mctternichschen Spürhunde itic alle Literaten unmittelbar auf den. Fersen hatte und in den dreij.iger Jahren so ganz in bloßer Unter- Haltung der Wiener aufging, daß Glaßbrenner von ihm in seinem Wiener Buche sagte, er sei nur ein Pöbcldichter, aber kein Volks- dichter. Dies Urteil— ähnlich und schärfer noch von Fr. Th. Bischer gesprochen— ist nicht haltbar, aber immer verrät es Glaß- brcnners hohes Ziel. Seine Volkstypen zeichnet Glasbrennen mit liebevoll eingehen- dem Humor; bei dem Abbild der äußeren Wirklichkeit aber bleibt er nicht stehen: ihre Rede spinnt sich zur Satire aus, und beides ergibt im Zusammenwirken eine Fülle geistiger Anregung, deren Kraft sich nicht beim ersten Anhören erschöpft. Leben scheint sich oft in Leben zu schieben; es ist, als arbeite er mit dem dreiteiligen Spiegel, der seinen Gegenstand von allen Seiten zugleich schauen läßt. Was die Typen, die er zeigt, treiben, wie sie denken, alles wird im selben Augenblick sichtbar, und wenn sie sich politisch unter- halten, schließt sich hinter'dem unmittelbar nahen Bilde die ge- schichtliche Welt bedeutungsvoll belebt und beleuchtet auf. Darin offenbart sich Glatzbrenners urechter Humor und dessen künstlerische Kraft. Die Politik hat seinen Witz zu den stärksten Leistungen empor» geführt und viel, viel von dem vor Jahrzehnten Geschriebenen ist noch heute erdfrisch, weil der Mensch, der betrachtende sowohl als der geschaute, als ein Stück blutlebendiger Natur darin pulsiert. „Ich ahme das Leben nach," erklärte Glaßbrenner, und er wollte damit sagen, daß seine Kunst. Menschentypen zu zeichnen, in keines Meisters Lehre gelernt, sondern sein selbstgeschaffenes Eigentum sei. Mit dem Eckensteher Nante begann die Reihe der typischen Gestalten, die er aus der Zeitwirklichteit herausholte. Sein Nante sollte dastehen als'der greifbare Proletarier, der, auf Gelegenheits- arbeit wartend, an den Berliner Straßenecken zu finden war, „Sonnenbrater" genannt oder auch„Schildkröte", wegen der Polizei- lich befohlenen Listennummcr am Arm; er sollte ein Bild des echten Eckenstehers sein,»wie er leibt und lebt, wie er denkt und spricht, wie er ißt und trinkt, ein Prototyp dieser Leute und der untersten Volksklasse Berlins überhaupt". Dem Nante folgte der Guckkästner, auch der ein Proletarier, und wie diese formte er in den dreißiger Jahren auch den Rentier Buffey, den Typus des kleinen, besitzfesten Bürgerstandes Berlins, gering an Wissen, aber bildungseifrig und von gesunden Instinkten und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck: immer wieder betont Glaßbrenner, hierauf komme es an. In dem Heft von der Berliner Volksjury rühmt er den„Bürger, der nicht richtig spricht, aber mehr Recht sprechen wird, als der richtig sprechende Rechtsprecher". Und sein Rentier Buffey tut sich rechts und links um, in bürgerlichen so gut wie in re- aktionären Zusammenkünften, wo debattierend Meinungen ver- treten werdet!, und steht vor allem seinen Mann in einer licht- scheuen„Zaruckgesellschaft". Das wichtigste an diesen Gestalten, die zwei Jahrzehnte lang in Glaßbrenners Schriften eine bedeut- same Rolle spielen, ist die Eigenschaft, daß sie sich jeder Situation gewachsen zeigen. Daß Glaßbrenner sich um diese Gestalten mit der Aufmerksamkeit eines Volksforschers, dem jede kleinste Anekdote wertvoll erscheinen muß. mühte, dazu trieb ihn ein sehr beachtenswerter kulturpolitischer Grund. Er schrieb 1838 in der Einleitung zu seiner Schrift über den echten Eckensteher Nante:„Gerade in der jetzigen Zeit, wo die ganze Literatur, selbst die poetische, den Zwecken und Verhältnissen zufolge politisch und diplomatisch durch- wachsen ist,... ist es nicht nur ratsam, sondern notwendig, das Volk, den natürlichen Menschen, mit seinen natürlichen Neigungen und Fähigkeiten zu zeichnen, damit wir keine Kultur- puppen werden, sondern Menschen bleiben." Das Evangelium Rousseaus atmet in diesem Satze: die Natur wird gegen die Kultur gestellt. Wenn Glaßbrenners Berliner Hefte auch nicht von Anfang an augenfällig hohe Kulturtendenz hervorkehren, so entwickeln sie sich doch schnell der ihnen zugewiesenen Aufgabe gemäß. Die bloße Aufreihung von Witzen und Anekdoten aus dem Volksleben macht einer Fassung Platz, die so nur gewonnen werden konnte, weil dichterische Kraft den aufgesammelten Stoff zusammenschloß. An jene ersten Hefte von„Berlin wie es ist und— trinkt" hat Eckstein gedacht, als er in seinen„Beiträgen zur Geschichte des Feuilletons" schrieb:„Die drolligen Einfälle und Witzspiele haben übrigens selbst in der plattesten Form bei Glatzbrenner ihre volle Berechti» gung, da er sie zur naturwahren Zeichnung seiner Charaktere braucht. Die niederen Volksklasscn der preußischen Metropole sind ja unerschöpflich in solchen mehr oder minder geistreichen Ca- priccios; nirgends ist die Zahl der geflügelten Worte so groß wie in der Sprache der Berliner Droschkenkutscher und Hökerwciber, und dieses ganze Feuerwerk der Laune und Schlagfertigkeit ist eine Fundgrube für die Epigonen geworden." Das heißt: sie haben ihn jahrzehntelang für die Witzeckcn von Zeitungen und Zeitschriften immer aufs neue ausgeschöpft, und viele von seinen Scherzen laufen noch heute im Volksniunde um, manche stehende Gestalt heutiger Witzblätter geht auf seine Typen zurück, freilich ohne ein Erinnern, daß Glaßbrenner sie in jenen entlegenen Schriften zuerst formte. Am Kopfe des„Kladderadatsch" liest man:„Dieses Blatt erscheint täglich mit Ausnahme der Wochentage"; daß Glaßbrenner mit diesem Scherze 1832 seinen„Berliner Don Quixote" ankündigte. das wissen wohl nur wenige. Wenn nicht die Entstehung des Wortes Kladderadatsch so gut verbürgt wäre, könnte man wohl darauf verfallen, auch für diesen klassischen Titel eine Vorarbeit Glaßbrenners in Ansatz zu bringen. In der Szene Auf der Eis- bahn— im ersten Heft„Buntes Berlin" von 1837— ruft Krempe, als ein Beamter purzelt: Pladeradatsch! Doch David Kalischs schlagfertiger Witz verdient schon das Vertraue»» daß er das Titel- wart seines Blattes in glücklicher Sekunde selber formen konnte. Es fuhr ihm jählings heraus, als ein Hund einen Tisch mit Gläsern klirrend über den Haufen schmih. Von der Generation mundartlicher Lokalstückdichter, die eine Stufe älter ist als Glatzbrenner, sagt Richard M. Meyer in seiner Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts:„Realistische Naturwahrheit, volle Porträtähnlichkeit der philiströsen Modelle erreichten sie alle: Höheres erstrebten sie nicht." Aus Glahbrenner paßt diese Schlußwendung nicht; er, den Meyer zwar mit sym- pathischen Worten würdigt, aber doch auch nur einen„Epigonen der humoristischen Dialektdichtung" nennt, er wollte Höheres, und sein Idealismus ging vom Wollen rührig zur Tat über. In jener vormärzlichen Zeit hatte schon das kühne Wort den Wert der Herr- lichcn Tat, und er brauchte es nicht nur als radikaler demokratischer Politiker, den Heinrich Laube„enragiert liberal" und einen „jungen Raufbold" nannte, er brauchte es eben auch als Volks- erzieher. Einmal läßt er ein paar Bürger über die Möglichkeit und Nützlichkeit einer Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam plaudern; da zieht ein Buchdrucker gegen ein paar philiströse Zweifler vom Leder:»Ach, ihr schafsdämlichen Philister... wenn heute ein Jott von'n Himmel herunterstiege, ihr knabbertet ihn so lange mit Könnte's und Vielleicht's an, det keen Knochen von ihm übrig bliebe! Erklären das Jroße und Jöttliche in de Eisen- bahnen, das kann ich nich; wer de Eisenbahnen nich fühlt, der war ursprünglich zum Rindvieh bestimmt worden un is aus Versehen Mensch geworden!... Könnt Ihr denn umständlich auseinander- setzen, worum der Frühling so schön is, un worum ein Sternen- Himmel so nachdenkend macht, un worum der Doktor Luther ewig leben wird, un worum de Erfindung der Buchdruckerkunst so was Jöttliches, un der Bonaparte so'ne jroße Erscheinung is? Ihr dreckig denkenden Sumpfratzen Ihr, wenn Ihr nich mit den Kopp fühlen könnt, dann srägt jescheidte Leute nich, dann jeht zu Hause und anjelt, denn seid Ihr sicher, det keen Wallfisch anbeißt!" Mitten in dieser hanebüchenen Philippika das prächtige Wort: das Große und Göttliche.mit dem Kopfe fühlen! Dieser Appell an den gesunden Instinkt des Volkes! Das Wort eines unge- duldigen Draufgängers und Vorwärtsstürmers, der seine Zeit- genossen trotz der Bleikugel des Spießbürgertums, die ihnen an den Füßen hing, mitreißen wollte hinauf in die Höhen seiner idealisti- schen Gläubigkeit! Er war ein Utopist auch in Sachen des Klein- bürgertums. Meisterlich verstand Glaßbrenner sich darauf, in ein und dem- selben Atemzuge strafend mahnender Volkserzieher und zugleich scharf angreifender Politiker zu sein. In einem Ergänzungsheft zum„Bunten Berlin" vom Jahre 1841 unterhalten sich drei Nacht- Wächter, und da sagt der eine. Brusenberg:„Ach wat, ick fürchte mir nich. Meine Meu»ung kann ick dreiste aussprechen, davor Hab ick Preuße jelernt. davor bin ick'n Mensch, dazu hat mir Jott den Mund jejeben. Wenn Jott jewollt hätte, daß man des aussprechen sollte, wat manche j e r n hören, denn Hütt' er jeden Menschen uf de Zunge en Polzeikomzarius wachsen lassen. Wer sich fürcht't, wat zu sagen, wat er denkt, der doocht nischt, un wer Ursache hat, sich davor zu fürchten, det is en Schuft. So steht et!" Im Jahre vor der Märzrevolution, dem Hungerjahre 1847, fügte Glaßbrenner seinen Berliner Heften jene Sitzung des„V e r- eins der Habenichtse" ein. Da werden dem spießbürger- lichcn Angstmeier Worte über das Wesen der Politik hingewettert, die ein heiliges Glühen für die Sache des Volkes durchatmet: „Das politische Lied ist das eigentliche Lied der Menschheit: es drückt die Welt mit ihren tausend Millionen Seelen und Sternen an sein Herz, und das ist doch wahrlich mehr, als die schwarzen Locken einer Dirne in Reime zu wickeln. Was ist denn Politik so Schlimmes, daß die. Esel und die Philister solche Furcht davor haben? Nehmt der Sache einmal ihren raisinierten Titel, nennt sie ehrlich: unsere Geschichte, unsere Welt, und alle Scheu davor wird aufhören. Tretet aus Eurer Hütte einen Schritt, und Ihr seid mitten in der Politik, mitten in der Welt und ihrer Geschichte. Denn da seht Ihr Polizeü Beamte. Lehrer, da seht Ihr glänzende Karossen mit sechs stolzen Pferden vorüberjagen und da werdet Ihr um eine milde Gabe angebettelt, und da seid Ihr -mitten in dem, was Welt und Geschichte heißt, und Ihr könnt keinen Atemzug tun, ohne eine Menge Politik mit herunterzu- schlucken. Versteht Ihr nun, warum ich unsere Welt sagte? Weil wir die Politik nicht mehr als etwas Fremdartiges, Fern- liegendes, sondern als unser nächstes, größtes, heiligstes Interesse betrachten sollen; weil wir... doch genug!' Wer mich noch nicht verstanden hat, der reise nach der Tyrannei China und melde sich als guter Untertan. Dumm genug ist er dazu." Im ausrüttelnden Hungerjahr 1847 ist das geschrieben, und dem entstammen auch die Worte, die mitten in einer heiteren Plauderei über„Berlin und die Berliner" plötzlich auf- gellen: das Elend ist kein See, von diesem oder jenem Lande be- grenzt; das Elend ist ein Strom, der durch ganz Europa zieht und seine Ufer verheerend zu übertreten droht. Gefängnisse, Barri- kaden, Bajonette, Zensur, Wohltätigkeitsvereine, und wie alle die Dämme heißen mögen, welche die Furcht vor der Ueberschwemmung errichtet, werden sie schützen? Und sind wir nicht die furchtbarsten Verbrecher, wenn wir unN'bloß schützen wollen? Nur die Völker- freiheit kann die Tränen und jenen Strom des Elends trocknen." (Schluß folgt.) Huf der Brüche über die Berelina. Am 27. und 28. November stieg zum hundertsten Male die Er» innerung an jene beiden Tage auf, die auf einem der düstersten und furchtbarsten Blätter der Kri'chSgeschichte und der Menschheit: geschrieben stehen. Die Trümmer oer großen Armee retten sich aus schwanken Stegen noch einmal aus der kalten Todesumarmung des russischen Winters über die im Strudel der Eisschollen dunkel und träge wie der Unterweltsfluß hinschleichende Beresina. Wohl Hab Napoleon in den Kämpfen dieser Tage und in der Hinüberleitungi der noch geschlossenen Heeresmassen ein strategisches Meisterstück vollbracht. Aber was bedeuten die Eeistesstärke, der Heldenmut und die Aufopferung gegen die grausigen Szenen des höchsten mensch-- Uchen Elends, die sie begleiteten? In einem einzigen Gemälde dcs> Schreckens sind hier alle Qualen des tragischen Rückzuges zusammen» gedrängt, und der Menschheit ganzer Jammer faßt uns an, wenn« wir den Erzählungen, besonders der Deutschen, lauschen-� die über diesen Fluß des Todes lebend hinüberkamen. Die ersten Truppen, die die rasch geschlagenen Brücken übev» schritten, waren die noch wenig mitgmommenen Soldaten Oudinots'. In der Nacht zum 27. folgten dann andere Truppen in guter Ord-- nung, und den ganzen Tag und die folgende Nacht passierten Mann- schaften die schon durchlöcherten Brücken in ziemlich weitläufigen Rotten. Unterdessen aber waren auch von allen Seiten die zahl- reichen Versprengten des Heeres herzugeströmt und ballten sich in chaotischer Wirrnis an den wenigen Ucbergängen, so daß die noch geordneten Truppen sich mit Gewalt durch sie hindurch Lust machen mutzten. Unter diesen Nachzüglern spielten sich die furchtbarstem Szenen ab, wie sie Paul Holzhausen in seinem materialrcichen und» anschaulichen Werk„Die Deutschen in Rußland 1812"(Verlag vom Morawe u. Scheffelt, Berlin) auf Grund von Schllderungen unseren Landsleute zusammenstellt. Die Zugänge zu den Brücken waren derart verstopft, daß sie nur mit Aufbietung aller Kräfte gereinigt! werden konnten. Wagen türmten sich über Wagen, dazwischen lag? Hausrat und Bagage aller Art in wüstem Durcheinander. An den Hauptübergangsstelle von Studicnka bedeckte diese Wagenburg, im der Verwundete stöhnten, Frauen weinten und Kinder schrieen, eino Viertelguadratmeile. Die Wartenden, die daran verzweifelten, daS andere Ufer zu erreichem, stürzten sich zum Teil in die dunklem eisigen Fluten, und mancher kam hinüber,„allein die meisten er- tranken vor unseren Augen", erzählt der bergische Leutnant v. Reck. Unter dem Menschenknäuel, der, wie von Furien des Entsetzens ge» tricbech hinüberdrängle, befand sich der Major v. Loßberg, eingekeilt: wie taufende andere in die Menge.„Man folgte so nahe wie mög- lich seinem Vordermannc, welches oft durch die vielen sich kreuzen- -den Kolonnen unmöglich gemacht wurde. Hier war hauptsächlich den Augenblick, wo nur die Kraft des Pferdes und fester Sitz im Satteü rettete. Die Menschen, welche sich zu beiden Seiten mit Sachen» behängt oder bepackt hatten, verloren solche sämtlich; ja, die Fuß- gänger behielten selbst keinen Knopf aus dem Rocke. Meinen Säbeli erhielt ich mir nur dadurch, daß ich ihn zu meiner Selbsterhaltung zog und ihn hauptsächlich dazu benutzte, die Pferde meiner Neben- und Vordermänner damit aus den Beinen zu erhalten." Nur indem, sie mit vorgehaltenen Pistolen die anderen zum Zurückweichen: zwangen, gelangten sie auf die Brücke. Ein anderer Offizier stand in dem Gedränge vor der Brücke längere Zeit auf dem Leibe einer noch lebenden Frau:„Ich fühlte die Bewegung ihres Körpers unter meinen Füßen, ich hörte ihren Schmerzensruf, und dennoch konnte ich sie erst nach einer ziemlich langen Pause von meiner Last befreien." Die Arme war unter- dessen verröchelt.„Es war nichts Seltenes, Niedergetretene sich mit den Zähnen an die über sie Hinschreitenden festklammern zw sehen, von denen sie aber gleich den ärgsten Feinden gemordet wurden." Hunderte stürzten von den geländerlosen Flanken der Brücken ins Wasser, wo sie unter den Eisschollen rasch ihr kaltes Grab fanden. Der ganze Fluß war mit Leichen gefüllt. In der Nacht zum 29. machten sich die letzten Truppen, die des Victorschen Korps, mit der Axt durch das Wagengerümpel und die Menschen- Haufen mühsam Bahn.„Wir schritten über Berge von Kadavern." berichtet der badische Feldwebel Steinmüller.„Alles, was sich» unseren Bajonettfpitzen entgegensetzte, wurde niedergestoßen." Immer noch aber hlieben Taufende am Ufer, die zu schwach unk» zu stumpf geworden waren, um überhaupt noch an Rettung zu denken. Man ließ als letztes Warnungssignal Wagen in Brand stecken.„Obgleich gewiß noch mehrere Taufend auf dem linken Ufer waren," sagt Löhberg,„so herrschte doch aus demselben Grabesstille." Als aber am Morgen des 29. die Brücken angesteckt wurden und mit ihrem düsteren Schein das höllische Schauspiel umlohten, da kam Leben in den dumpfen Haufen. Einige wollten noch durch das Feuer ans andere Ufer stürzen, andere warfen sich in die Fluten. Wie gespenstische Schatten der Unterwelt irrten sie an dem schwarzen Fluß umher oder starrten mit verglasten Augen still vor sich hin, bis die Russen sie herdenweise in die grau- samste Gefangenschaft trieben. Unter den Hinübergclangten war anfangs die Freude groß. Aber die Geretteten gingen zum größten Teil einem nicht minder furchtbaren Schicksal entgegen, als das, dem sie entflohen. In der nun einbrechenden Kälte von 39 Grad harrte ihrer das Erjrieren in Schnee und Eis..., — 928- KUiderfchau* Dieser einfache warme Wintermantel wird aus Flausch, Velour Natinö oder ähnlichen doppelseitigen Stoffen herge- ! teilt. Ani besten wählt man zwei ab« techende Farben, z. B. blau mit grün oder schwarz mit roter Innenseite. Die Jnnenfarbe bildet bei Reverskragen und Stulpen die Außenseite und damit die Garnierung des Mantels. Man schneide die Vorderteile nach Figur 1, indeni nian den vorderen Rand an die Webekante des Stoffes anlegt, doppelt heraus. Das Rückenteil nach f igur 2 wird in der Mitte im Stoff« ruch angelegt und nur einmal zuge« schnitten.' Nachdem der Ausnäher in den Vorderteilen genäht ist, werden diese mit dem Rückenteil zu einer l�/zcm tiefen Naht seitwärts und auf der Schulter verbunden. Der angeschnittene Kragen wird hinten in der Milte ebenso zusammengenäht. Die Nähte sind nach einer Seite umzuschlagen und mit Hohl« pichen auf dem Mantel zu befestigen. Nachdem die Aermel ebenso verarbeitet find, werden die Stulpen, nachdem sie mit einer Naht geschlossen sind, verstürzt angenäht, ebenso die Patten über die Taschen. Der Mantel wird ringsum fingerbreit nach der Außenseite»imge- heftet, dann wird eine 5— 6 cm breite Stoffblende darauf gesteppt. Mit vier großen Steinnußknöpfen wird der Mantel geknöpft. Die Knöpfe können je nach Belieben ein« oder zweireihig t werden. An Material ist erforderlich: für große Figuren m und fiir mittel Figuren 2,76 m Stoff, 1,40 m breit. Mantel aus doppelseitigem Stoff (auf beiden Seiten zu tragen). I 7 20 29 I lä 24 Fig.l. Vorderteil „ 2. Hälfte d. Rückenteils '° � Aermel „ 6. Manschette „ 6. u. 7. Tasche. Kleider aus zwei Teile»«. (Durch Musterschutz geschützt.) «con» m-NoctwMiv« DaS Kleid wird, wie die Zeichnung zeigt, nach dem Jdealschnitt angefertigt. Beim Zuschneiden sind die Reverse nach Angabe der Schnittübersicht anzuschneiden. Die Außenräuder der beiden Vorder- teile werden mit einem 10 cm breiten Stoffstreifcn glatt belegt, am vorderen Rande aufgesteppt und nach innen verftürzt. Der untere Saum de? Kleides wird ebenfalls mit einem 8—10 cm breiten Stoffftreifen verstürzt, ebensoXder untere Aermelrand. Dieser Um- schlag bildet die Manschette. Nuchdem die Seiten- und Aermelnähte zusammengenäht sind, wird der aufgesteppte Stoffstreifen nach innen gestürzt. Nachdem auch da? Rückenteil an, Halsausschnitt mit einem- schmalen runden Streifen verstürzt ist, wird das Kleid ringsum auf der Außenseite zlveimal gesteppt und zwar so, daß der erste Stepp- stich nur eine schmale Kante hervorstehen läßt. Die Reverse und Manschetten werden mit Seidenstoff belegt und mit Hohlstichen auf« genäht. Vorher sind die Reverse im Umschlag in der Richtung wie die Zeichnung zeigt, durchzusteppen. Knopflöcher und Knöpfe sind ebenfalls in der angegebenen Richtung anzubringen. Die großen Holzknöpfe werden vorher mit Seidenstoff bezogen. Ein 18 cm breiter schräger Seidenstoffstteifen wird in Falten geordnet oder ge- zogen als Gürtel unter der Brust befestigt und zwar derart, daß das linke Ende des Gürtels auf das rechte Vorderteil aufgeknöpft wird, wie es im Bilde zu sehen ist. Zwei große Knopflöcher müssen daher in» linke Gürtelende genäht werden. DaS Kleid hat den Vorteil, daß es sich ebenso bequem wie ein Mantel auS« und an« ziehen läßt. An Material ist erforderlich: 3 m Stoff, 1,20 m breit, "V« m Seidenstoff, 1 Dutzend große Holzkpöpfe. Schnitte sind gegen Einsendung von 00 Pf. franko zu beziehen von Lola H a a s e, Wendenschloß bei Köpenick, Kleiststr�D_ Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckere, u.Verlagsanstnlt Paul SingerscCo.,Berlin LW.