Anterhaltungsblatt des Nr. 233. Sonnabend den 7.©CÄcrnbcr. 1912 lRachdrvck dad°:ni.Z 63 Hlbertine. Roman von Christian Krohg.' ...Tins— Tin?— Du tust es nich— daß Du es mir nick tust;— Du hörst, was Deine Mutter sagt— es ist Unrecht— ach. tu' es nich— liebe Tine— ich glaub', die Mä'chen werden ganz verruckt hier, in der Stadt.— Wie sieht das aus!— Du. ein armes Mädchen— wie kannst Du wohl so gehen?— Za. denn kannst Du man gleich in die Stadt ziehen. Ach. tu' es nich, liebe Tine!— Was, meinst Du, was werden Madam Olsen und Madam Hansen sagen, wenn sie das sehen?— Sieh Dir doch Viktoria anl— Hat sie vielleicht Locken?" „Ich pfeif' auf Madam Olfen und Madam Hansen und die ganze Gesellschaft! Aber Du stellst Dickt ja fürchterlich cm. Mutter, denn will ich es Dir zu Gefallen tun und mir keine Locken brennen. Ader'ne Tournüre will ich haben!" Sie hatten lange herumgesucht, um etwas zu finden, was sich als Tournüre verwenden ließ— da riß Jossa Eduard den„Tag" aus der Hand und knanschtc ihn zu einem Vall zusammen. „Das ist wirklich die allerbeste Tournüre. die man sich denke» kann!" Mutter Kristiansen trocknete die Augen und schüttelte den stopf. Aber der stleiderrock war bereits in die Höhe gehoben und der„Tag� daruistcr festgebundeti. „Sehen esie doch, sehen Sie dock— das ist doch weiß Sott nichts zum Weinen, so'n kleines Ding!" „Nu noch ein Paket in jede Hand— können wir nich ein paar Lappen und ein Stück Bindfaden kriegen?— Und nu inachen wir eine Schlinge und hängen das Päckchen über den klernen Finger— das sind Besorgungen, die wir ge- wacht haben! Und dann schnell zu Oline!— Adieu. Mutter Äristiansen!" „Stell niir die Erbsen warm. Alte, wenn ich vielleicht ein bischen zu spät kommen sollt'."— . Und zur Tür hinaus waren sie. . Eduard hustete. „Ja. nu muß ick wohl nach dem Krankenltmis gehen. sonst komme ich zu spät zu Tische, und der Doktor iS weg!" sagte er mit schwacher Stimme, indem er sich erhob. Er hustete hohl und spie mit Anstrengung ein wenig grauen Schleim aus und ging. O l i n e. Ja, das Wetter war wirklich herrlich! Es tropfte an den Dachrinnen, es leuchtete und lachte von dem blauen Hiuiiuel, und der Sonnensck)ein hatte große, schncchreie Flecke an den Häuserreihen entlang gefchniolzen. Sie blieb einen Augenblick stehen und atmete tief auf. Die Luft war lau und frisch, es war, als sei sie lange frank gewesen: sie sah wieder zu den Fenstern empor. Es sah dort so dunkel und eingeschlossen aus. und die Halbgardinc war schrecklich schmutzig und an vielen Stellen gestopft. Nem. so konnte es nicht weiter gehen. Zur Linken ragte der stirchtum sonnenbcschicnen aus. Da lagen schimmernde Echneeflächen mit einer blauen Wand da hinter. Und rechts hinter den häßlichen Dächern und Häusern lag die Stadt, das wußte sie, der feine Teil der Stadt. Der lag da ini Sonnenschein und wartete auf sie. „So spute Dich doch,— Tu mußt Dich wirklich ein wenig sputen!" Sic hüpfte hinter Jossa drein, deren Tournüre ste um die Straßenecke varscktvinden sah. Hier schlängelten sie sich unter Lachen und Lausen von der einen Seite nach der andere», zwischen den verschiedenen Menschen hindurch, die dort gingen, einmal quer über die Straße hinüber, um dem ausgestreckten Arm eines Schlachter brnschen zu entgehen, dem sie eine hastige Antwort ins Ge ficht schleuderten, zuweilen voni Bürgersteig hinab, wieder hinaufjpringend. um sich gegenstitig nicht zu stoßen. » Atemlos standen sie dann vor einer Glastür im zweiter: Stockwerk eines Hauses in der Brostreiße; Jossa zog energisch am Glockenzug. so daß der hin und her baumelte. „Nein, sieh doch mal, ordentlich,'ne gedruckte Visiten« karte an der Tür hat sie.'- Ja, was sagst Du dazu?" „Madame Oline Frcderikscn— Wasch und Plättstube"—> na, ich danke! „Die und Madam! Sie ist doch auch nicht feinen als die Alte. Mich wundert bloß, daß da nich Frau Oliue Frede« riksen steht! Aber sie nennt sich ja gar nicht Rosalie?" „Sie hat das Recht, sich Madam zu rennen," sagte >ossa.„denn ihr Mann ist ja Meister und hat Gesellen ii» seiner Werkstatt." „Ja. meinetwegen kann sie sich soviel Madam nennen, wie sie will, sie ist früher ja fein genug gewesen, sollt' ickj meinen: es gibt noch nich viele Madams und nich viele Fräuleins, die solche Kleider über und unter haben wie sie — Rosalie Kristiansen gehabt hat!" Oline stond in der geöffneten Tür, ehrbar, das Haar glait an den Schläfen hcrabgestrichen, dieselbe braune Farbe wie Albertinens, dieselbe Kopsform, dieselben großen, ernst- haften Augen, dieselbe Nase' und die schmalen, geschwungenen Lippen, dieselben breiten, viereckigen Schultern, die bohe Brust und die großen Hände, und derselbe bleidhe. feine Teint.: nur ein wenig frischer, das Ganze ein wenig voller und mit ansetzendem Doppelkinn. Lächelnd und ruhig stand sie da, anständig und hübsch, froh und vernünftig und wohlhabend anzusehe«. Die Kleider- ärmel waren bis über die Ellenbogen aufgestreift und ließen. ei» Paar echte Waschfranenarnie und Hönde sehen mit vcr- waschener, runzeliger Haut an den Fingerspitzen.— Es war kalt in der Wohnstube, in der sie geführt wurden, und über dem frischgestrichenen Fußboden war Papier ausgebreitet. Es war viel seiner wie draußen bei ihnen in der Norder- straßc, gesteifte und gemusterte Gardinen vor den hohen Fenstern, keine Rede von Halbgardinen mit Stopfstellen. Der Kronprinz und Kronprinzeß Viktoria, die über dein Sofa hingen, hatten breite, feine vergoldete Rahmen und waren, der Fliegen halber, mit Flor verhängt, die Wände waren tapeziert, keine dlan gestrichene Holzverkleidung.— Und dann schien die Sonne durch das hohe Feilster in daI ganze Zimmer hinein. Jossa hatte gar keine Zeit zum Nmsichsehen. „Ach. das Wetter ist herrlich. Oline, und da Hab' ich denn endlich Albertine mit herausgekriegt: sie hat ja fast den ganzen Winter zu Haufe gesessen, sie ist ganz mager und blaß und elend geworden!" „Und weißt Du. was sie in der Stadt von ihr erzählen?" „Na, das kann ja schließlich einerlei sein, ich will keinen Klatsch weiter bringen, das is nich meine Art." „Hab' ich mein Kleid nich sein rausgeputzt? Und waI für eine Tournüre, Du! Denk Dir. da sind ordentliche Federn drin,— was sagst Du dazu? Nein. Du. Albertine muß raus! Aber ihre Sachen sind beim Färber.— ja. man nennt es„Färber", aber Du weißt wohl, was für eine Art Färber das is.— Upd da sagt' ich.-7 ach, was, sagt' ich— und hier sind wir.— Der König is in der Stadt, und dev himmlische Prinz Karl, und Du kannst Dir ja denken, ich muß raus und mir die Beine vertreten, und im Stndenten- hain spielen sie heut'— und—" sie senkte die Stimme— „stell Dir vor. tvas sie von ihr sagen! Sie sagen, sie is zur Kontrolle gewesen und sie hat im Krankenhans gelegen!— Albertine? sagt' ich. div Unschuld selbst? sagt' ich.— sie, die nich' inal verlobt gewesen is die„ich einen einzigen feiner, Herrn kennt— die? sagt' ich— Albertine glaubt ja. daß öS von Valeria ausgeht, aber ich sag' nich. von wem ich cö Hab' — ich erzähl' bloß, was die ganze Stadt sagt." „Ja. das ist die ärgste Lüge, die ich in meinem ganzen Leben je gehört babe." sagte Oline nnd lachte und strich den einen Aermel. der hercckgeglitten war. in die Höhe. „So'n Hase wie Albertine: sie hat wohl nich mal den Mut. sich zu verheiraten— die läuft ihrem Mann in der Hockrzcitsnacht weg?— Herr. Du nicines Lebens, hast Du Dir das Haar abgeschnitten das steht Dir übrigens gut, ober Tn mußt brennen!". �„Ach netn, dos will uS»W. denn dann wemt Mutter; nur mit Miih und Not Hab' ich die Erlaubnis gekriegt,'ne Tournüre unterzubinden." ..lvintter ist verriickt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich mir das Stirnhaar abgeschnitten hatt'; aber brennen »mißt Tu es natürlich. Ich hob' ordentliche Instrumente dazu, eine Brennschere und eine Spirituslampe. Siehst Du?" ,v Albcrtine sah sie an. Ja, sie wußte ganz genau, aus welcher Zeit diese Im strumente stammten, und sie Msaun sich ganz deutlich Olinens Stirnlocken, der vier regelniäßig irisierten Locken, die licbeneinander.auf der geschminkten Stirn lagen. Ihr schauderte. Es war ihr. als greife das Schicksal nach ihr, mit dieser glühenden Zange, die Oline über der Spiritusflamme wärmte, und das Schicksal erschien ihr in Gestalt des häßlichen Polizeistationsgebäudes, au dem die Ilhr wie ein Auge in der Stirn saß. Ja, ans einmal, wie von einem Blitz beleuchtet, stand das Ganze vor ihr; Oline. die durch die Glastür ging, mit großen, Ivallenden Straußenfedern, die vier Locken ans der Stirn, in Pelzmantel, seidenem Kleid und hohen Lackstiefeln mit spitzen Absätzen mitten unter der Sohle. Auf herausfordernd ffreche Weise hatte sie die Füße sehr auswärts gesetzt, als sie die Granitstufen der Treppe hinaufschritt. Albcrtine sah die Stirn an, die jetzt so hübsch und un- schuldig aussah.— Was sie wohl dachte, während sie sich mit dein Brennapparat beschäftigte, der so wenig zu den Wasch- ifraucnarmen und den verwaschenen Fingern paßte? Dachte sie an die Zeit, wo sie nicht nötig gehabt hatte, Mit kaltem und warmem Wasser und grüner Seife herum- guhantiereu, sondern nur au ihren Staat zu denken brauchte — wo sie so viel, viel mehr Geld gehabt hatte wie jetzt— J Ivo sie mit seinen Herren zusammen war. die verliebt in sie waren und ihr goldene Uhren und Ketten und goldene Ringe schenkten und ihr Champagner spendierten? Sehnte sie sich nach dieser Zeit? Ja, das tat sie gewiß, ies wohnte gewiß manch ein sehnsuchtsvoller Gedanke hinter dieser tugeirdsamen Stiri� mit dem glattgescheitelten Haar. Nein, sie kante es nicht begreifen, daß das Schicksal sie wieder ganz frei gegeben, nachdem es �erst einmal seine Klauen in sie geschlagen hatte— und die Spinne da oben, die ließ ja keine Fliege wieder aus ihrem Netz heraus— wenn sie das tat, dann war es ja nicht so gefährlich,— ach was— wenn die Art wieder ganz anständig werden konnte!— Aber das war ja gerade die Sache, daß sie inwendig so beschmutzt wurden, daß sie nie wieder rein werden konnten. Oline spielte wohl nur Koniödie mit dieser Tugend— es war nicht anders möglich— eines Tages mußte es wieder von vorn anfangen— oder auch sie mußte sich das Leben nehmen— aber wie konnte sie dies hier aushalten, mit einem schrecklich murrischeir Mann von einigen Sechzig verheiratet KU sein und die Schande mit sich herumzuschleppen, und sich vom Morgen bis zum Abend abzuarbeiten! Nein, nein! Oline sah aus und sah, wie Albcrtine sie anstarrte. Sie lächelte. Hu— dies Lächeln! Es war dasselbe wie damals— dasselbe Lächeln wie vor dkr Glastür das sie nie wieder vergessen konnte! (Fortsetzung folgt.) - Gr Candide bei den„vulgaren". 1755 ereignete sich jenes Erdbeben von Lissabon, dem das Ver- fcienst zukommt. Voltaire die äußere Anregung zu einer seiner glänzendsten Schriften gegebe» zu haben. Der„C a n d i d e"(oder �„Der Optimismus") erschien 1757 und brachte in Form einer »abenteuerlichen Erzählung eine glänzende Verhöhnung des Leibniz- scheu Optimismus, insbesondere der Lehre von der bestehenden 8&c!t als der besten aller überhaupt möglichen Welten..Hierbei fallen genug Hiebe für einige Dutzend sogenannter Kulturerrungen- schafte» ab, zu denen ja auch die Kriegsgreuel und speziell der preußische Militarismus von ihren Bewunderern gc- «rechnet werden. Der Held der Geschichte, Candide, wächst bei einem «vestfälischen Baron(von 72 Ahnen) auf und gilt als„ein Sohn Der Schwester des Herrn BaronS und eines wackeren und ehrsamen Edelmanns aus der Nachbarschaft; heiraten wollte ihn jenes Fräu- lein nie, denn er konnte nur einundsiebzig Ahnen aufweisen, und ven Rest seines Stammbaumes hatte die imbannherzige Zeit vernichtet." Als Erzieher der Tochter und des Sohnes, sowie des Schwestersohnes wirkt Magister Pangloß, der die„Metaphysico- o m* theologico- nigokogie" lehrt. Dieser Leibmzjünger„bewies wunderbar, daß es keine Wirkung ohne Ursache gäbe, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädigen Herr:, Barons das schönste aller Schlösser, und die gnädige Frau die beste aller möglichen Baroninnen wäre". „Es ist bereits erwiesen," sagte er,„daß die Dinge nicht anders sein können; denn da alles zu einem Endzweck geschaffen, �so strebt alles«wtwendigerweise zum besten Endzweck. Achten Sie wohl darauf, daß die Nasen geschaffen wurden, um Brillen zu tragen — deshalb trägt man sie; die Beine sind augenscheinlich da, um mit Schuhen und Strümpfen bedeckt zu tverden, und— wir haben Schuhe und Strümpfe; die Steine empfingen ihre Form, um bc- hauen zu werden und aus ihnen Schlösser zu errichten; und so haben Ew. Hochgeboren ein sehr schönes Schloß; der größte Baron in der Provinz muß am besten wohnen; und die Schweine wurden geschaffen, um gegessen zu werden, wir essen daZ ganze Jahr über Schweinefleisch; folglich haben die eine Dummheit gesagt, so da behaupten, alles sei gut; man muß vielmehr sagen, alles ist zum Besten eingerichtet." Da Candide mit der Tochter des Hauses überrascht wird, jagt man ihn davon, und nun beginnt seine Leidenszeit erst recht: „Aus dem Erdenparadies verjagt, wanderte Candide lange Zeit, ohne zu wissen, wohin, unter Tränen, die Augen zum Himmel gewandt und oftmals zurückblickend zum schönsten aller Schlösser, das die schönste aller Baronessen barg. Mit leerem Magen legte er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Ter Schnee fiel in dichten Flocken. Candide, ganz starr, schleppte sich am anderen Morgen zur benachbarten Stadt Volberg- hofs-trarbk-dik-dorff, ohne Geld, fast tot vor Hunger und Er- mattung. Betrübt blieb er vor einer Wirtshaustür stehen. Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr.„Kamrad," rief der eine,„sieh da, welch wohlgebauter, junger Mann! Von einem Wüchse, wie wir ihn brauchen!" Sie gingen auf Candide zu und baten ihn verbind- lichst, mit ihnen zu speisen. „Meine Herren," verfetzte Candide mit reizender Bescheiden- heit,„Sie erweisen mir eine große Ehre, aber ich habe kein Geld, um meine Zeche zu bezahlen." „O, mein Herr," erwiderte einer von den Blauen,„Personen, so wohlgctvachsen, und von Verdienst wie Sie, bezahlen nie etwas. Sind Sie nicht fünf Fuß fünf Zoll groß?" „Ja, meine Herren, das ist mein Militärmaß", sagte er und verbeugte sich. „O, mein Herr, kommen Sie zu Tische; wir werden nicht nur bezahlen, sondern auch dafür sorgen, daß es einem Mann wie Ihnen nie an Geld fehlt. Die Menschen sind nur dazu da, daß einer dem anderen helfen soll." „Sie haben Recht," sagte Candide,„das hat mich Magister Pangloß immer gelehrt, und ich sehe wohl ein. daß alles zum Besten geschaffen." Man nötigte ihm einige Taler auf. er nimmt sie und will seine Unterschrift geben; sie wollen nicht; man setzt sich zu Tisch. „Lieben Sie nicht herzlich..." „Ach ja," versetzte er,„ich liebe herzlich Fräulein Kunigunde." „Nein," sprach einer der Herren,„wir fragen Sie, ob Sic nicht den König von Bulgarien herzlich lieben?" „Keineswegs," sagte er,„denn ich habe ihn niemals gesehen." „Wie? den scharmantesten aller Könige nicht? Auf seine Gc- sundheit müssen wir trinken." „O, sehr gern, meine Herren!" Und er trinkt. „Nun ist's genug," sagt man ihm,„Sie sind die Stütze, der Halt, der Verteidiger, der Heros der Bulgaren; Ihr Glück ist ge- macht, Ihr Ruhm verbürgt." Sogleich legt man ihm eiserne Schellen an die Füße und führt ihn zum Regiment. Man läßt ihn Rechtsumkchrt, Linksumkehrt machen, Gewehr auf, Gewehr ab. Legt an, Zielt, Marsch, Marsch, und man verabfolgt ihm dreißig— Stockprügcl; am anderen Tage exerziert er schon etwas besser, und bekommt nur zwanzig Streiche; am darauffolgenden gibt man ihm nur zehn, und er wird von seinen Kameraden wie ein Wundertier angesehen. Candide, ganz verblüfft, konnte sich noch nicht enträtseln, wie er zu einem Heros geworden war. Da fiel es ihm an einem schönen Frühlingstage ein, spazieren zu gehen; er wandelte gerade vor sich hin, im Glauben, es wäre ein Vorrecht für die Menschen- gattung wie für die Tiere, nach Belieben von seinen Beinen Ge- brauch zu machen. Kaum hatte er zwei Meilen zurückgelegt, da holten ihn vier andere sechs Fuß hohe Heroen ein, binden ihn und/ führen ihn in einen Kerker. Man fragte ihn, ganz nach dem Kricgsrcchk, was er lieber wollte, scchSunddreitzigmal Spießruten laufen, oder sich auf einmal ein Dutzend Bleikugeln ins Hirn jagen lassen. Was hals ihm sein Gerede, der Wille sei frei, er wolle weder eines noch das andere— er mußte wählen; Kraft der Gottesgabe, Freiheit genannt, entschloß er sich, sechsunddreitzigmal Spießruten zu laufen. Zwei Gänge machte er. Das Regiment bestand aus zweitausend Mann; das machte für ihn Viertansend Hiebe, die vom Nacken bis zum Gesäß seine Muskeln und Nerven bloßlegten. Als man Vorkehrungen für den dritten Gang machte, vermochte es Candide nicht mehr auszuhalten, er bat um Gnade, man solle so gütig sein, ihm de» Schädel einzu- schlagen. Er erhielt diese Vergünstigung; man verbindet ihm die Augen, man läßt ihn niederknien. In diesem Augenblick kommt der Bulgarenköllig vorbei, er erkundigt sich nach dem Verbrechen des Patienten, und da dieser König ein großes Genie war, so ent- nimmt et allem, was Hxt, Ä-ch Candwe ein junger MetapWiker ist. völlig unerfahren in den Dingen der Welt, und er begnadigt ihn mit einer M'.'rse, die man in allen Blättern und allen Jahr- Hunderten lobpreisen wird. Ein wackerer Feldscherer heilte Eandide in drei Wochen mit Emollientiis, wie sie Dioskoridcs vorschreibt. Er hatte schon ein tvcnig Haut auf dem Leibe und konnte marschieren, als der Bul- garcnköntg dem Könige der Abaren eine Schlacht lieferte. So schön, so leicht beweglich, so glänzend, so wohl geordnet hatte man noch nie zwei Armeen gesehen, wie diese! Die Trom- petcn. Pfeifen, Hoboen, Trommeln und die Kanonen gaben ein solch harnuwischs Konzert, wie es selbst in der Hölle noch nie ge- geben worden ist. Zuerst rissen auf jeder Seite die Kanonen so ungefähr sechs- tausend Mann weg; dann, befreite das Gewehrfeuer die beste aller Welten von ungefähr neun- bis zehntausend Schuften, die ihre Oberfläche verpesteten. Das Bajonett war auch der zureichende Grund für den Tod von einigen tausend Menschen. Das Ganze konnte sich wohl auf dreistigtausend Seelen belaufen. Candide, als Philosoph etwas bänglich, verbarg sich während dieses heroischen Gemetzels so gut als er konnte. Während die beiden Könige, jeder in seinem Lager, endlich das �Hcrr Gott, dich loben wir!" anstimmen liehen, faßte er den Eni- schlutz, anderswo über Wirkungen und Ursachen nachzugrübeln. Ueber Haufen von Toten und Sterbenden stieg er weg und erreichte zunächst ein Nachbardorf; es lag eingeäschert, ein Abarendorf, das die Bulgaren, dem Völkerrechte zufolge, verbrannt hatten; hier sahen Greise, von Kugeln durchbohrt, ihre hingewürgten Frauen sterben, die noch ihre Kinder an blutenden Brüsten hielten, dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, nachdem sie vorher die Natur- Bedürfnisse einiger Kricgshelden befriedigt hatten; andere, halb verbrannt, schrien, man sollte sie endlich völlig töten. Die Erde tvar weithin mit Gehirnen bedeckt und daneben lagen Arme und abgeschnittene Beine. Candide floh eiligst in ein anderes Dorf; es gehörte den Bul- garen, und die abarischcn Heroen hatten es ebenso behandelt. Candide, immer über zuckende Gliedmatzen hinschreitend oder mitten durch Ruinen, sah sich endlich außerhalb des Kriegstheaters, ein wenig Mundvorrat trug er in seinem Quersack bei sichf und vergaß Ttienials Fräulein Kunigunde..." So endet das erste Erlebnis Candidcs, seine Dienstzeit in der preußischen Armee, deren Werber ihn eingcfangcn hatten. Denn die„Bulgaren"— damals ein vager und phantastischer Begriff— sind niemals anders als die Preußen, und dxr..Bulgarenkönig" rst jener Friedrich, den man wegen seiner kleinen Statur ironisch „den Großen" zu nennen pflegt. Unter den„Abaren" kann man sich die Oesterreicher oder auch irgendeine andere Kulturnation voisticllcn, sie gaben der preußischen Soldateska— man mutz immer an die Zusammensetzung dieser Söldnerheere denken— nichts nach. Wenige Jckhre vorher hatte Voltarie den Berliner Staub von den Füßen geschüttelt, und seinem Groll gegen den «lten Fritz machte er nicht am schlechtesten in der angeführten Stelle des„Candide" Luft. Wenn heute von Kriegsenthusiasten die siegreichen Bulgaren den preußischen Truppen gleichgestellt werden, so hat Voltaire vor anderthalb Jahrhunderten den Vergleich um- gekehrt und in keiner schmeichelhaften Absicht angewandt. Wer mag da wohl am meisten recht haben? Sicher ist jedenfalls, daß die schlimmsten Greuel, die den Bulgaren jetzt nachgesagt werden. die Heldentaten der fridcrizianischcn Horden nicht überbieten. Und ebenso sicher ist, daß trotz aller„Humanität" die Summe des Elends und der Leiden bei heutigen Kriegen eher größer als ge- ringer geworden ist, ri. Vierzig Züö[c in der Stunde! In kurzer Zeit schon werden im Plenum, des Abgeordneten- Hauses die Beratungen über Bewilligung der Mittel zur Einrich- tung des elektrischen Betriebes auf den Berliner Stadt-, Ring- und Vorortbahnen beginnen. Die angeforderte Summe beträgt 123 Mil- lionen. Augenblicklich tagt bereits die vorberatende Kommission. und dieser ist vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten eine Denk- schrift zugegangen, die die Vorteile des elektrischen Betriebes er- läutert und sebr viel äußerst interessantes Material über die heute möglichen höchsten Steigerungen des Verkehrs auf Stadtschncll- bahnen enthält. Da ist ganz besonders bemerkenswert der Abschnitt, der die Erfahrungen der von der königlichen Eiscnbahndircktion Berlin nach London zum Studium der dortigen Schnellbahnen entsandten Stu- dienkommission enthält. Diese Ausführungen sind von prinzipieller Bedeutung; denn sie stellen dar, mit welcher Höchstgeschwindigkeit bei dem heutigen Stande der Technik und bei Benutzung vollendet «usgebildeter Anlagen übcrlMUpt eine Personenbeförderung möglich ist. Die Herren haben, mit der Stoppuhr in der Hand, ihre Beob- ochtungen auf der am meisten befahrenen Londoner Schnellbahn- strecke, der Metropolitan- und Distriktbahn, gemacht und sind dabei zu folgenden Ergebnissen gekommen: Es ist möglich, best einer Bahnanlage, ivie die Berliner Stadt- bahn es ist, in der Stunde vierzig Züge in jeder Richtunafaufen zu lassen. Das wäre also ein Andcrthalbminutcn-Ver!«hr7 Diese sehr rasche Zugfolge, die selbst in den Stunden des höchsten Verkehrs wohl noch auf viele Jahre hinaus allen Anforderungen genügen würde, ist jedoch nur möglich, wenn die Bahn elektrisch betrieben wird und selbsttätige Signalcinrichtungen erhält. Denn allein der elektrische Betrieb ermöglicht zwei Dinge, bis zur raschen Abwickelung des Verkehrs unbedingt notwendig sind: rasches Minlaufen der Züge in die Bahnhöfe und rasche Ausfahrt des Zuges vom Haltepunkt. Die Dampflokomotive, deren Triebwerk sehr viel hin- und hergehend« Teil« hat, bedarf stets einer längeren Zeit, bis sie ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht hat. Die notwendige allmähliche Beschleunigung der hin- und hergehenden Gctricbeteils dauert so lange, daß bei dem kurzen Abstand der Stationen, wie sie bei allen Stadtbahnen, und also auch bei der Berliner, vorhanden sind, die Höchstgeschwindigkeit überhaupt nicht erreicht wird. Dis Fahrt der Berliner Stadtbahnzüge setzt sich heute eigentlich nur aus Anfahren und Bremsen zusammen. Zur Entfaltung einen richtigen Fahrtgeschwindigkcit kommt es überhaupt nicht. Aus diesen! Grunde ist die Einlaufsgeschwindigkeit der Züge gering, und das Hinausfahren aus den Stationen dauert gleichfalls viel zu lange, um eine sehr rasche Zugfolge zu ermöglichen. Ganz anders verhält sich der Elektromotor. Er besitzt aus-> schließlich rotierende Teile, die sehr rasch zu beschleunigen sind, Auf diese Weise können die elektrischen Züge auch bei kurzem Sta-> tionsabstand große Fahrtgeschwindigkeiten erreichen und deshalb schnell in die Stationen einlaufen. Wenn man sehr kräftige Brem-- sen anwendet und dafür sorgt, daß alle Achsen der Wagen gebremst! werden können, so ist die Einfahrt in kürzester Zeit zu bewerk- . stclligcn. Beim Ausfahren ist der Motor rasch auf hohe Touren- zahlen zu bringen, so daß auch hierzu sehr geringe Zeiten not-- wendig sind. Freilich muß, um ein wirklich wirksames Ergebnis zu erzielen, noch«ine sehr rasche Abfertigung der Züge auf den Bahnhöfen hinzukommen. Die Studienkommission hat durch eigene Beobachtungen, nicht durch theoretische Berechnungen aus den Fahr- Plänen, ermittelt, daß der Aufenthalt eines Zuges auf einer Sta- tion der am meisten befahrenen Strecke in London im Durchschnitt! 16.4 Sekunden beträgt. Dieses interessante Ergebnis ivird erreicht, obgleich die Londoner Schnellbahnwagcn nur je drei Türen, je eine an jedem Wagenende und eine in der Mitte, besitzen. In Berlin würde man die heutigen Wagen, die eine Tür für jedes Abteik besitzen, beibehalten, was die Abfertigungsgeschwindigkeit nur bc- schleunigen kann. Ein für die schnelle Zugabfertigung wichtiges Hilfsmittel sinb die in London angewendeten Zugankündiger, die ein treffliches Orientierungsmittel für das Publikum bilden. Auf einer großen über dem Bahnsteig hängenden Tafel, auf der alle vorkommenden Zugzicle angegeben sind, erscheinen elektrisch beleuchtete Ziffern„1", „2" und„3", uni dem Publikum anzuzeigen, welche Ziele der nächste. der zweite und der dritinächste Zug haben. Der Stellwerksbeamtc? auf der Station, wo verschiedene Außenlinien sich zur Stammstreck« vereinigen, bedient einen Sender mit einem Zifferblatt, auf dem die verschiedenen Zugziele angegeben sind. Bei der� Abfahrt eines Zuges dreht er den Zeiger des Senders auf die Stelle, die dem Ziel des Zuges entspricht. Tann schließt er mit einem Hebel Stromkreise und bewirkt dadurch, daß je ein Empfängerapparat: auf allen Stationen bis zum Stellwerk auf dem Endbahnhof, wo sich die Linien wieder teilen, die Bormeldung des richtigen Zuges aufnimmt und gewissermaßen aufspeichert. Von dem Empfänger- apparat jeder Station werden die Zeichen an den Zugankündiger auf dem Bahnsteig weitergegeben. Durch jeden Zug, der eine Station verläßt, werden alsdann automatisch die Ziffern auf der Anzeigetafel dieser Station im richtigen Sinne verändert, d. h.i! die„1" verschwindet, die„2" wird in„1" und die„3" in„2" vcr, wandelt, und es erscheint eine neue„3". Bei der in London eingerichteten selbsttätigen Bedienung der Signale wird jeder nicht unbedingt notwendige Zeitaufwand auf. das sorgfältigste vermieden. Nur die Signale der Stellwerke, an welchen Weichen liegen, werden von einem Warter bedient. Signale dagegen, die nicht mit Weichen in Abhängigkeit stehen, sondern lediglich einen Streckenabschnitt begrenzen, werden selbsttätig durch den Zug gestellt. Die Zeit, die der Wärter eines nicht selbsttätigen Blockwerks gebraucht, um den Entschluß zu fassen, den Block nach Durchfahrt eines Zuges zu bedienen, und diesen Entschluß aus- zuführen, muß zu acht bis zehn Sekunden angenommen werden. die beim sebstlätigen Block erspart werden, so daß allein durch die Selbsttätigkeit des Blockwerks die Zugfolge um diesen Zeitraum gekürzt werden kann. Die Signale sind mit einer Fahrsperre aus- gerüstet, die beim Uebcrfahren des Haltesignals den Zug durch An- stellen der Lutsdruckbrcmse zum Stehen bringt. Findet ein Fahrer ein selbsttätiges Signal auf Halt, so hält et. Ist das Signal nach Ablauf einer Minute noch nicht auf„freie Fahrt" gegangen, so setzt der Fahrer die Fahrsperren-Bremsein- richtung seines Motorwagens außer Tätigkeit und fährt, nachdem er den Zugführer mit in sein Führerabteil aufgenommen hat, lang- sam weiter, und zwar so, daß er seinen Zug jederzeit in der Gewalt hat. Er darf erst dann wieder seine volle Geschwindigkeit annehmen-, wenn er die nächsten zwei Signale auf freie Fahrt stehend vor- gefunden und passiert hat. � Auf der Distriktbahn sind nach Aufzeichnungen der Gesellschaft im Juli 1912 auf 2 331 299 Signalstellungen 14 Fehler und im August 1912 auf 1 699 402 Signalstellungen 10 Fehler vorgekommen. Bei solchen Störungen werden bctriebsgesährliche Falschstcllungen nicht hervorgebracht, sondern es geht der Signalslügel auf„Halt" statt auf„freie Fahrt", so daß die Züge aufgehallen werd-n, Bei Einführung des olektrischen Betriebes und dieser Ägncrt- einrichtung, die von der Eisendahndiretiion Berlin wodl in Betracht gezogen rrirD, büiftc also auf den Berliner Stadt-, Ring- und Bor- ortbahnen nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Sicherheit wachsen. Die Gesamtzahl der Passagiere, die� in den geplanten Achtwagcnjügen im Laufe einer SUuide auf Sitzplätzen Gefordert tvctbtn können, wird 24 400 betragen. Lauopfer. Der HauSbau Ist von den ältesten Zeiten an mit einer ge- ibissen Mnftik umgeben gewesen. Der primitive Mensch fürchtete den Zorn der Geister, die sein Werk verderben konnten, und die ibci übler Laune das HauS zusammenbrechen liehen und seine De- wohner töteten. Da war es ratsamer, fie Don vornherein zu versöhnen und ihnen freiwillig das Blntopscr zu gewähren, das sie sich sonst allein holten. Als das kostbarste Geschenk für die Dämonen galt aber immer der Mensch selbst, und so ist der Glaube entstanden, dag nian eine lebende Person darbringen muhte, sollte der Bau gedciben. Solche Sitten finden sich in den verschiedensten Zeiten und Ländern; bald haben sie sich im Spiegel der Legende und Sage erhalten, und bald crzäblen moderne Reisende von ihnen, die solche Bräuche bei den Wilden in den entlegenen Teilen der Welt beobachtet haben. Eine besonders gräfliche Forin dieses Bauopfers war, wie der„New Storker Herald" schreibt, bei den Nr- «mwohnern von Alaska üblich. Als Ruhland dieses Gebiet im Jabre 48>>7 an die Vereinigten Staaten abtrat, war die Sitte dort noch allgemein vorhanden, und die neuen amerikanischen Behörden muhten erst energische Mas-nabmcn ergreifen, che sie dem barba- rischen Aberglauben ein Ende zu bereiten vermochten. Fa. einige .Forscher sind sogar der Ansicht, dah diese Gewohnheit, einen neuen Wohnraum„einzuweihen", noch heute bei mehreren Stämmen des Aukon-GebietS im Geheimen geübt wird. Der bekannte Alaska- Forscher W. G. Chase beschreibt daS Menschenopfer folgender- maßen: Wenn ein Eingeborener eine neue Wohnstättc errichten will, steckt er auf dem daftir bestimmten Platz zunächst ein Quadrat ab. Das ist die Stelle, auf der sich später der Herd, der Mittel- punkt und das Heiligtum des Ht uses, erbeben soll. Dann wird der zum Opfer bestimmte Mensch herbeigeschafft— ein Sklave oder ein Kriegsgefangener— man verbindet ihm die Singen und legt ihn an jene Stelle auf den Erdboden nieder. Darauf wird ein junger Baumstamm ancr ans seine Kehle gelegt; zwei Verwandte des künftigen Hansbcsitzcrs setzen sich ans die beiden Enden des Stammes und drücken dem Opfer den Hals ein. Bei dieser gemüt- vollen Prozedur verdient das offenkundige Bestreben hervorgc- hoben zu werden, möglichst kein Blut zu vergießen. Man dachte wohl, daß der böse Geist sich nun sofort des Leichnams bemächtigt und sich an dem Blute labt; darum sollte der kostbare Saft dem Dämon nicht durch das Ausfließen entzogen werden. Roch bis auf den heutigen Tag wollen die Einwohner von Alaska auf ihr altgewohntes Opfer beim Neubau einer Wohnftätle nicht ver- zichtcn. Freilich müssen sie sich damil begnügen, ein Tier in der beschriebenen qualvollen Weise umzubringen, da die Menschen- opfer natürlich streng verboten sind. In Europa sind Ueberlieferungen, die in diesen Gedankenkreis gehören, gleichfalls vorhanden. Als man im Jahre 1885 die Hu 1-3= worthykirche zu North Devon in England restaurierte, entdeckte man in den Grundmauern den Abdruck eines menschliche» Körpers, ganz ähnlich wie seinerzeit in Algier. Auch sonst haftet an manchen alten Kirchen Englands die Sage von einem Mord, der bei ihrer trrbanung begangen worden sein soll. Vielleicht hängt die weit- verbreitete Vorstellung von„weißen Frauen", die in alten Schlössern und Kathedralen ihr Wesen treiben sollen, mit solchen Opferlcgendcn zusammen. Auch hier haben wir auf jeden Fall den Glauben an bestimmte Geister, die im Hause ihren Eitz haben, und die seinen Bewohnern-nutzen oder schaden können; ein ur- alter Völtergedanke, der fich in den verschiedensten Zonen und Zeiten wiederfindet. Eine besonders schauerliche Sage teilt der dänische Historiker Thiele von den: Bau der Mauern Kopenhagens mit: Die Arbeiten an der Befestigung der dänischen Hauptstadt gingen überall rüstig vonstatten; nur an einer Stelle senkte sich die Mauer immer wieder. Man bot alles auf, um das Öindernis zu überwinden, ober der teuslichc Zauber war nicht zu bannen. Da kam jeniand auf den Gedanken, dort ein Kind lebendig cinzu- mauern, und s» geschah es. Alan kaufte einer armen Frau ihr Mädchen ab und setzte die Kleine samt ihrem Spielzeug zwischen die riesigen Bausteine. In dem Moment war der Zauber über- wunden, und bald war das Kind von dem Mauerwerl umschlossen. Man liörte noch seinen angstvollen Ruf:„Mutter, es ist so duntcl, ich kann dich nicht sehen." Dann verstummte eS. und Kopenhagens Mauer ward glücklich vollendet. So berichtet die alte Sage. Aber noch heute werden auch in den Kulturländern noch genug Menschenopfer bei den großen Bauten dargebracht. ES sind die Bauarbeiter, die nur zu oft das -Opfer ihres schiveren Berufs werden. Scbacfo. Unter Leitung von S. A l a p 1 n. S. Loyd. 2+ C OJ— TOd-T) S ch a ch n a ch r i ch t e n. Die erste Lieferung der 8. Auflage des Handbuches von Bilguer ist erschienen.— D r. Tarrasch lützt im Selbstverläge ein neues Buch, he- titelt„200 Meisterpartien", erscheinen. Die Partien sollen in analytischer Ordnung der Eröffnnngsvarianten aneinander angereiht sein und somit ein Lehrbuch der Eröffnungen ersetzen. Der Ge- danke ist nicht schlecht. Aber durch wirklich gespielte Meisterpartien allein läßt sich selbst bei aiiSfiihrlichner Glofsierimg lein Lehrbuch ersetzen. Denn für viele wichtige Varianten g i b l es keine guten Partien!... Wir pflegten uns in solchen Fällen der Komposition zu bedienen, d. h. die bekannten Meister A t t a k i n s k i und D e f e n d a r o n zu bemühen, die ans gegebene Themata übereinander Partien je nach Bedarf spielen. Es sind dies„Analysen in Partie form". Diese Art von „Konipositionen" wurde unseres Wissens bisher nur von S. Alapin knUimert. Partien sind in der Tat lehrreicher und vor allen Dingen gefälliger als trockene Analysen. Dameugambit. Vom Breslauer Turnier. A. B u r n. E. C o h n, 1. d2— d4 d7— dö 2. c2— 04_ k>7— e6 Leichter sür Schwarz gestattet sich da? Spiel bei 2.... c6 1 z. B.: Sk3, Sffi(Vielleicht auch!!.... clo4!) 4. Sc3, de 4; T». e3. bö; 6. a4, b4!; 7. SM, 8bd7; 8. LXc4. e6; 9. 0— v. Lb7 nebst eoenl. cC— cü. Wegen der Tempoverluste, in Sdt— c3— bl bcstrbcnd, gleicht sich das Spiel aus(clöXot und cT— 06— c5 von Schwarz jmd auch zwei Tempo- verUistc gewesen.) 3. Lbt— eS 8x8—16 Diese„orthodoxe" Verteidigung ist in den letzten Turniemi am meisten angewendet worden. Tr. Tännich empfiehlt 3.... c5, was jedoch wegen 4. edö, od5: 5. dc5 ! oder auch x2— x3) seine Bedenke» bat. Schwarz kann hierauj mit 5.... d4; C. Su4, b3; 7. cbC. ub€; 8. b3 ein?» Angriff erlangen. aber nur auf Kosten von Malerial und ausjichislos im Falle, daß es zum Endfpicl käme. Der Tcxtzug ist immerlün solider. 4. Lei— gü SbS— d7 5. e3— e3..... 5. cdr., Odo; 6. Sx<15?, 8X8!: 7. LXD, Lb4t; 8. Bd2, LXvfl: 9. XXL, XXL ic. 5...... LfS— e7 6. Sgl— 13..... In Beteacht käme hier auch 6. eö!?, eC-, 7. 14, b6; 8. h4, a5; 9. a3-c. Das schwarze Spiel ist fehr beengt. «...... 0—0 7. Lfl— d3 d5Xo4 8. Ld'>Xo4..... Dieser Tcmpovcrlust schadet nicht, well mich Schwarz mit cr, b7— b5 Lc8— 1)7 . rd4; 12. eckt. SJj gefahrlos DdS-aö? Besser Se4. Schwarz konimt in? Gedränge. 13. 8t3— eö!..... Droht SXS. Weiß steht viel besser. 13...... Tt8-e8 14. 12— 14!..... Droht 14— ß, Ivos schwer zu parieren ist. 14...... c5— c4 15. 1.1)3— c2 Sd7— 18 16. 14— 15 Daö— c7? Etwas besser war e6X£)- 17. 15X06 S18Xe6 18. 860X17!!..... Ein feilt berechnetes,. korrektes Opjer. 18. 19. De2-h3t 20. Lg5Xf6 21. Dli5Xh7t 22. d4— d5 Zieht der Be6, Kgsxn Kfl-gS Le7Xf6 KgS— 18. De"— e5 so solgl IXlOf. weil Bg7 gefesselt ist. 28. d5Xe6..... Weist konnte mich TXlGf spielen. Falls hieraus gXkll, so Lo2— gö. 23...... DeaXeSt 24. Kgl— hl DeSXeö 25. Lc2— g6 Ausgegeben. Es kunuie stilgen: 25....'Xe7; 2G. Tdel, DgS; 27. XXiGf sc. Briefkasten., Dr. S. T.. Nürnberg. Zu der Variante 1. 64. 65; 2. 813. Sc6; 3. Lc4, Leo; 4. c3, 816; 5. d4. ed4; G. o