Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 239. Dienstag� den 10. Dezember. 1912 KNachdru» vervoien.) 6] Hlbertinc. Roman von Christian Krohg. Vtt. wie schrecklich unanständig und liederlich gerade dies tugendhafte Aussehen war— so ehrbar, wie sie da stand, aber mit diesem Lächeln— und die feine, elegante Nickelschere in der Hand hielt— ja. Oline war das Schicksal, das hinter ihr drein war, lächelnd, die Brennschere in der Hand, um nach ihr zu fassen und sie durch die Glastür da oben zu schieben. Sie sah sich im Spiegel an. Ja, sie glich Oline entsetz. lich, nein so, wie sie damals vor der Glastür gestanden hatte. -- Nein, nein, nein! Sie wollte ihr Haar nicht brennen lassen, sie wandte sich ab. Kein Ueberreden half-- nein, nein! Lieber wollte sie gar nicht zur Musik gehen— wenn sie nachdachte, hatte sie auch gar keine Zeit— und dann hatte sie Kopfschmerzen.— Nein, heute nicht!— Sie wollte wieder nach Hause gehen— sie hatte keine Lust. Zum Teufel auch, warum konnten sie sie denn nicht in Ruhe lassen! „Pfui, wie abscheulich Du bist. Jossa!— Nein, der Regenmantel ist viel zu fein für mich— ich weiß recht gut, was Valeria sagt, wenn sie den sieht." „Brenn Du nur lieber Jossa, Oline,— ihre Locken sind schon ganz ausgefallen--". Ja, Jossa wollte gern gebrannt werden, und Oline machte ihr vier steife, regelmäßige Locken nebeneinander aus dem gelblich-grünen Haarwust, der bis in Jossas kleine Schweinsaugen herabhing. Albertine wollte nach Hause, und bald saß sie wie ge- wohnlich hinter der Halbgardine, eifrig bei ihrer Arbeit, und ließ die Nadel mit rasender Eile prickeln. Aber bleicher und bleicher wurde sie mit jedem Tage, und die hohe Bogenlinie des Busens wurde flacher und flacher, und es war. als senkten sich die kräftigen und geraden Schultern vornüber, und wenn Madam Christiansen den Rücken ansah, war es ihr, als spanne sich die graue Kleider- taille runder und runder darüber, und sie war nicht mehr so lustig und auch nicht mehr so fleißig wie sonst, und plauderte fast gar nicht mehr, während sie dasaß und nähte. Und das Lachen hatte sie ganz verlernt. Und es reihten sich dabei so viele Gedanken aneinander, die sicher sündhaft waren— und wenn sie so ein Hase war, wie Oline sagte, so daß sie in der Hochzeitsnackt ihrem Mann weglaufen würde, warum dachte sie dann unausgesetzt daran? Denn das tat sie ja— immer und ewig, beständig ver» folgte es sie. und das war gewiß auch sündhaft. In der Hochzeitsnacht weglaufen— ja, das würde sie gewiß tun. War das denn, weil sie ein Hase war? Sie fand, es müßte so schrecklich genierlich sein, und sie fand auch, daß es sündhaft lein müsse, obwohl Gott die Ehe eingesetzt hatte— und die Ehe war ja auch ein Gesetz, und war von der Obrig- keit gestattet— aber nein! Sie begriff nicht, wie man das tun konnte— sie wußte nur, daß es häßlich und ekelhaft war, und sie sah zu der Alten hinüber und fand es sonderbar, daß die es hatte tun können— ihre eigene Mutter! War sie selbst denn anders bcjckiaffen als andere Menschen? Ja. das mußte sie wohl sein— aber daß sie daran denken mußte.— das war häßlich und gewiß unrecht— ein Glück, daß niemand wußte, daß sie fortwährend so was dachte. Und als Mutter Christiansen sie in der Bibel lesen sah, ersann sie eine List, um sie hinaus zu bringen. Sie fragte, ob sie am Sonntag mit ihr in die Kirche gehen wolle. Nein, sie hatte anfänglich keine weitere Lust dazu, aber schließlich ging sie denn doch darauf ciu, und.�un Sonnabend ging Mutter Christiansen auf eigene Faust zu Oline und lieh Regenmantel und Pelzmütze und ein Paar Handschuhe von ibr. Es war im Laufe der Woche trübes Wetter mit etwas Regen gewesen, aber am Sonntag war es schön und klar mit leichten, sommerlichen Wolken, und das Ganze war frühlings» mäßiger und frischer geworden. Sie gingen in die Erlöserkirche. Wie reich und fein war es da drinnen mit einer so hohen. hohen Wölbung und Säulen und Teppichen und den breiten Treppen und der feierlichsten Stillt und den geputzten Menschen mit feinen Gesangbüchern und in den stramm» behandschuhten Händen, mit feinen Damen und feinen Kindern, und selbst die alten Frauen sahen so feingekleidek aus, als wenn alles nur gut und schön sei. Mutter Christiansen wurde bange. Sollte sie auch die Schwindsucht bekommen?— Sollte sie auch die Tochter elender und elender werden sehen? Mußte sie auch dies Kind an das Krankenhaus abgeben, von woher sie nur hin und wieder auf Besuch nach Hause kam, bis sie schließlich ganz wegblieb? Ach nein, es lvar wohl nur Mangel an frischer Luft? Und sie bettelte und bat sie. hinauszugehen. „Ich will Dir auch gern mein Umschlagetuch schenken, wenn Du es haben willst."— ja. sie konnte es sich ja ihret» wegen färben lassen, wenn sie nicht so damit gehen wollte. Aber Albertine lächelte nur. Was aber die Alte am meisten besorgt machte, war, daß sie so gut und fügsam geworden war. sie hatte angefangen, im Neuen Testament zu lesen, was sie sonst niemals tat. Sie las alles von Maria Magdalena, was sie nur finden konnte,— vielleicht würde sie da Aufklärung über das finden können,— über das alles, was sie nicht verstand,— wis Oline dazu kommen konnte, so etwas zu tun, und warum es nun war, als habe sie nichts getan, nur weil ein alter Mann von sechzig Jahren sie geheiratet hatte— und dann stand da, daß niemand eine? Stein auf sie werfen solle, aber sie fand, daß alle sie mit Steinen bewarfen— und sie fand auch, daß sie sie mit Steinen bewerfen sollten— und dann hielten sie auf einmal auf, weil ein alter Kerl sie ganz für sich ollein haben wollte! Stein, sie verstand keinen Muck von dem Ganzen— und dann las sie im Alten Testament, was da über diese Dinge stand, aber auch dort fand sie keine ordentliche Erklärung— sie fand, daß das Ganze häßlich und ekelhaft war. Wenn sie es nur lassen könnte, immer und ewig hierüber zu grübeln und daran zu denken— aber es kam immer wieder, und Olinens Lächeln war beständig im Gefolge dieser Gedanken— das verliebte, häßliche Lächeln draußen vor der Glastür, das ihre hübschen, gut gepflegten Zähne mitten in dem anständigen, ehrenhaften Gesicht mit dem glatten Scheitel ohne Stirnlöckchen blicken ließ. Sie wollte nicht mehr daran denken, was ging es s i e an? Und die Leute waren so sanft und freundlich gegen- einander, sie ließen ihre Nachbarn aus ihren Gesangbüchern singen, wenn sie sich auch gar nicht kannten, und der Pfarrer war so fein und sah so milde aus. Sie fühlte sich wohl in dieser ordentlichen, feinen Gesell- schaft— im Anfang hörte sie nur danach, ob nicht etwas von Maria Magdalena kam— aber sie fand, es war so be- haglich, den Laut von der Stimme des Geistlichen in das Ohr hineingehen zu lassen— es war ein so angenehmer, wohl- tuender Tonfall— bald au«, bald nieder— regelmäßig,— dies war wohl der Friede, von dem sie gehört hatte, daß man ihn in der Kirche fand— sie hatte das bisher niemals ver- standen, aber nun verstand sie es, und sie freute sich darüber. — ja, es war wirklich Friede, der sich auf sie herabgesenkt hatte— was ging all das Häßliche sie auch an?— Sie hatte ja nichts Unrechtes getan und wollte es auch nickt tun, nein, nie im Leben. WaS machte es, daß die Leute sagten, sie habe unter Kontrolle gestanden und im Krankenhaus gelegen— und die Glastür da oben— was brauchte sie daran zn denken? Sie atmete tief ans— man konnte so gut atmen hier in diesem hohen, stillen Raum— nein, es war wohl alles nur Unsinn und törichtes Zeug, das, woran sie beständig dachte — man brauchte wohl nicht alles zu verstehen— aber der Friede, von dem sie redetci,, den fühlte sie deutlich in sich, namentlich wenn die Orgel zn brause» begann— das war so herrlich— es war. als werde es licht in ihr— das war der Friede— sie konnte sehr gut an etwas anderes als an Oline und all das törichte Zeug denken, und fing an, an etwas anderes zu denken. Sie war seit langer Zeit zum erstenmal fröhlich, und sie sah sich um und betrachtete die Damen und die seinen jungen Mädchen und ihre Hüte und Mäntel— ob sie hübsch waren oder nicht— sie war so fröh- lich— am Ende war auch sie ein Kind Gottes, da sie diesen Frieden begreifen konnte— und dann war da ja keine Ge- fahr.—„Der Herr behüte und bewahre Dich! Der Herr lasse sein Antlitz über Dir leuchten und gebe Dir seinen Frieden I" Sie erhob sich so wie die andern, und sie hatte ein Ge- fühl, als sei jetzt alles aus einmal gut— sie war nur be- trübt, weil er aufhörte zu reden— weil diese tiefe, ruhige. milde Stimnie schwieg, die so lieblich und feierlich stieg und sank, stieg und sank, es war, als trage sie schon den Frieden !in sich— aber dann brausten sogleich die Orgeltöne durch die hohe Wölbung— auch in ihnen lag dies Milde, Gute, Fried- liche, und froh und versöhnt mit sich und der Welt verliest sie das Gotteshaus. —--- Der blaue Mantel da war nicht übel— im Ge- dränge sah sie nichts weiter als den Hut— und den Früh- lingsinantel— hellgraukariert, so wie sie einen hatte haben wollen— ja. sie mustte sehen, dast sie sich einen hellkarierten Mantel anschaffen konnte, dann konnten der Wintermantel und der Hut gern bis zum Herbst stehen bleiben, jetzt hatte sie doch keine Verwendung dafür— ja, solchen Mantel wollte sie haben, es war doch auch an der Zeit, jetzt daran zu denken. wo das Wetter so schön wurde. Sie war so fröhlich. Und dann ging sie nach Haus und nähte wieder. Am nächsten Sonnte g, als sie aus der Kirche kam, stand Jossa da draußen und wartete auf sie und wollte sie durchaus ■mit in den Kunstverein haben— da sei es so amüsant am Sonntag, denn dann seien alle die feinen Leute da; nur des Alltags gingen die in der Karl-Johann-Straste. Und es war auch wirklich amüsant da, und da waren viele feine Leute mit hübschen Kleidern, aber die Bilder, fand sie, waren häßlich und grob und glotzig; nur zwei Porträts ge- sielen ihr, denn die waren fein und hübsch und hatten Aehn» lichkeit mit den Bildern vom Kronprinzen und Viktoria da- heim, aber sie waren nicht ganz so gut gemalt. Als sie aus dem Kuustverein kamen, hörten sie! die Musik im Studentenhain spielen. Gott, wie lange war es her, seit sie die Musik gehört hatte?— Und sie war kurz davor, im Takt zu gehen, obwohl sie wußte, daß das nicht fein war. Sie freute sich, daß sie den hübschen Mantel an hatte, und sie freute sich, wenn der Wind ihn ein wenig aufhob, so daß das feine Atlasfuttcr an den Besatzblenden zum Vorschein kam. „Gott," sagte Jossa,„da sitzen Helgescn und Smith am Fenster im Grand-Hotel— Du kannst mir glauben, das sind reizende Herren— und so flott in Zeug— mit denen Hab ich Champagner getrunken und Zigaretten geraucht— den Abend hatten sie viel Geld, aber sonst haben sie fast nie so viel, daß sie ein Glas Bier bezahlen können— aber das schadet nichts, denn sie sind so freundlich und amüsant Smith, den liebe ichl" Albertine sah einen Augenblick auf. Das Gesicht des einen sah sie nicht, aber das des anderen war wirklich hübsch, fand sie, und er sah so ernsthaft aus und hatte einen Scheitel an der Seite. Die beiden nickten Jossa zu, die wieder grüßte und nickte, so daß das schimitziggelbe Stirnhaar auf und nieder tanzte. „Du. Jossa— Tu solltest nicht zu Herren hineingrüßen, die im Grand-Hotel sitzen, das ist nicht feinl" Sie gingen ein paarmal aus und nieder und begegneten Helgesen und Smith, die aus dem Cas6 herausgekommen waren. (Fortsetzung folgt.) Zwei ßänhc. Sieben B l ä t t e r aus einem Weltwinkel. t. Anna Kattzarine, so hciht die junge Frau jetzt. Und sie trägt jetzt ein seidenes Kleid und einen Hut mit Bändern daran und einen Spitzenkragen um die S-tiultern. Wie vornehm ist sie ge- worden, die kleine Frau Anna tratharine! Wenn ich an ihr vorüber- gehe, dann ziehe ich den Hut bis tief auf die Hüfte, sie aber nickt kaum merNich mit dem hübschen, �schmückten Köpfchen und wendet fich dann gleich an ihren Mann, der den armen Schulmeister natürlich nicht sieht, und wenn er ihn sieht, nicht grützt. Wie sie ihn an» lächelt, den breitschulterigen, rotbackigen Hosbauer mit den sechs Gäulen, den dreißig Kühen und dem großen stattlichen Haus, daS ehemals ein Schloß gewesen sein soll. Hat die hohe Schule besucht, der Hosbauer hat flott gelebt, der Hofbauer, hat eine Frau mit Geld gesucht und da hat ihm meine Annekett gefallen... Bist du gleich still, albernes Schulmeisterlein I Meine Annekett I Als ob die Anna Katharine jemals mein ge- Wesen wäre I Hatte keinen Anspruch auf sie, durfte keinen Anspruch auf sie erheben. Aber ich habe sie geliebt und ich liebe sie noch. Gott verzeih' mir die Sünde I „Wer aber seines Nächsten Weib ansieht, ihrer zu be» gehren..." Steht es nicht so in der Schrift? O, aus der kleinen Annekett ist eine Dame geworden, da sie da? Faltenröckchen �auszog und das Häubchen—„Schwartenmagen" nennt es der Spötter— ablegte. Hat immer hoch hinaus gewollt— daS kleine, reizende Persönchen. Keiner war ihr gut genug; der Hofbauer aber soll sich dreimal be- sonnen haben, bevor er sie nahm. „Sie ist mir zu klein!" soll er gesagt haben. ES ist wahr, sie geht neben ihm her wie ein Püppchen, und ich fürchte, er wird sie eines Tages zwischen seinen Tatzen zerdrücken, meine kleine liebe Annekett. „Hofbauer, wenn ich mich auf meinen Geldsack stelle, dann bin ich größer wie du!" hat die Annekett gesagt, und da nahm er sie und deit Geldsack. 2. Wenn ich vor der Orgel sitze, dann habe ich die ganze Kirche bor mir samt der Gemeinde und dem Pfarrer. Den Pfarrer sehe nur von hinten, und da er hinten keine Augen hat. sieht er mich nicht. Gräme mich darum nicht, habe nichts gegen den Pfarrer, aber— besser ist besser! Denn er ist mein Herr, und Sonntags will ich Frieden haben. Man wird mich verstehen. Bin ein Träumer von jeher und träume auch oft in der Kirche. Aber anders wie die Bauern, denen während deS PredigttexleS schon die Augen zufallen. Ich träume mit offenen Augen. Sehe die Alten un'd Jungen, die abgerackerten, früh verblühten Weiber und die frische Jugend. Wie lange wird eS dauern und die Mädchen dort in der letzten Bank werden hohlwangig und mit gekrümmtem Rücken als Weiber in der ersten Bank auf der anderen Seite sitzen? Arbeit macht das Leben süß! heißt es. Mich dünkt'S manchmal, als sei daS eine säuerliche Süßigkeit. Meine Annekett hat's besser verstanden. Sie kann jetzt die Madam spielen: gleich einer altdeutschen Hausfrau bindet sie sich einen Schlüsselbund um die Hüsten und erteilt Befehle. Klimpert nebenbei ein wenig aus dem Klavier und fährt Sonntags zweiipännig in die Stadt, ins Theater. O die glückliche Annekett! Und in der Kirche hat sie einen Stuhl für sich. Ich muß mich besser ausdrücken: keinen Stuhl, fondern eine ganze Bank. Dort sitzt sie, beneidet von alle», und keine wagt es, sich neben sie zu setzen. Würden lieber stehen bleiben, die arbeitsmüden Weiber, bevor sie an das Recht der Hofbäuerin aus einen eigenen Kirchenstuhl lasteten. Sie blickt nicht mehr herauf zur Orgel, wie ehemals, da die Anna Katharine nach die Annekett war. Und doch spiele ich heute noch meinen Choral allein für sie. „Schulmeister, gestern haben Sie prächtig gespielt!" sagte eute der Pfarrer zu mir.„Warum spielen Sie nicht immer o gut?" Ja, wenn die Annekett jeden Sonntag in der Kirche wäre! 3. In einer Ecke unter der Empore, wo eS bei hellichtem Tage düster ist wie in einem Keller, steht eine Bank. Die Tradition und die pharisäerische Grausamkeit machten sie zur So.... dank. Das ist der Platz für die gefallenen Mädchen. ES ist furchtbar! Aber fast immer sitzt ein armeS Geschöpf drauf, mit blassen Wangen und scheuem Blick. Arme Büßerinnen, die für die Sünden der andern büßen I Ich inag nicht Hinblicken, denn es packt mich dann, als müßte ich in den stillen Sonntagsfriedcn hineinschreien � eine gewaltige Anklage. Sitzt nicht hier und dort einer, ein Ehrenmann in der Reihe der Braven, der den Platz mit der armen Sünderin teilen müßte? Pfarrer! Predige nicht von Liebe, nicht von Vergebung, da du daS mit ansehen kannst, ohne Rührung I Pfarrer! Sage es ihnen, daß sie Unrecht tun! Er sagt eS nicht. Ich werde es den armen Mädchen sagen müssen, daß sie lieber daheim bleiben sollen, als sich so demütigen vor der ganzen Gemeinde. Schweige, Schulmeister, schiveige l Du kannst eS nicht ändern, Die Tradition ist heilig und daS Weib mutz der Welt Sünde tragen... 4. Heute ljaBe idj lange, lange aus Frau Anna Katharina nieder- gesehen. Ich konnte nicht mehr sehen als das runde Kinn. Neben ihr sah der Hosbauer und auf der anderen Seite sahen ihre drei Söhne. Sie sind schon groh, beinahe erwachsen. Wie die Zeit herumgeht I Anna Katharine ist dick geworden. Sie ist schon lange nicht mehr schön. Man munkelt allerlei, als ob auch der Hofbaner anfange, den Geldsack und seine Frau zu vernachlässigen. Er i>t ein Lebemann. Ob ich Frau Anna Katharine noch einmal lieben könnte? Im Traume— ja I In Wirklichkeit— nein l „Die hai's schön I" sagen die Dorsfrauen. Es scheint so. S. Auf der H.... bau? in der dunklen Ecke sitzt wieder eine. Eine junge und feine I Hab' sie in der Schule gehabt, hatte meine Freude an dem wuseligen, aufgeweckten Ding. Schade, dachte ich oft, dah das nicht in einem reichen Haus groh wird. Mühte ein Wunder von einem Weib geben! Hat sich auch s o gemacht. Ist groh und schön geworden. Selbst mir altsm Knaben lachte das Herz Kn Leibe, wenn ich sie leichtfühig dahinspringen sah. Gott bewahre dich, schöne Mag- dalene I Sie ist beim Hofbauer gewesen und jetzt sitzt sie auf dieser Bank. Eine geknickte Blume, die kein Gärtner mehr aufrichten kann! Denn die raue Faust der Tradition und der scheinheiligen Sitt- lichkeit lastet auf ihr. Sie werden sie so mürbe machen, dah sie selbst den Wunsch verlernt, schön und froh sein zu wollen. Armes Ding, du dauerst mich I Bist in die falsche Wiege gelegt worden. Du seist eine Sünderin, sagen sie. Ich sage Dir: Nicht du hast gesündigt, sondern daS Schicksal hat gesündigt an dirl Warte nur, wenn wir wieder auf die Welt kommen, dann wollen wir vorsichtiger sein! In die verkehrte Wiege lassen wir uns nicht mehr legen! lieber bleiben wir drautzen! Für uns ist hier ja doch nichts zu holen. Hart müssen wir sein, schlau niüssen wir sein, aber warme Herzen habe» dürfen wir nicht. Liebe ist Sünde I Lah die Orgel rauschen, Schulmeister. Singe mit den Choral! Schlage um Gottestvillen nicht noch in deinen allen Tagen ein Seitenpfädchen ein, wo Sünder und Sonderlinge gehen.... S. Wenit ich mich umsehen will in der Kirche, muh ich eine Brille auf die Nase setzen. Bin kurzsichtig geworden. An schönen Sommerragen fliegen zuweilen zwitschernde Schwälb- lein durch die Kirche. Manchmal kommt auch ein Rolschwänzcheil herein und setzt sich, mir nichts, dir nichts, auf das dornengekrönte Haupt des Heilandes. Der Pfarrer hat das nicht gern, und doch sollte er den Vögelein dankbar sein. ES hält ihm die ganze Gemeinde inunter. Ist nicht mehr so besucht die Kirche wie früher. Es sind viele leere Bänke da! Die Zeiten haben sich geändert. Ein neuer Geist ist ins Land gezogen. Der Pfarrer zürnt darüber, ich aber lächle manchmal vergnügt in mich hinein, denn eS ist mir, als sei das ein guter Geist, der alte Traditionen, die nie was getaugt haben, um- wirst und dem inneren und äutzeren Menschen mehr Raum macht zur Eiilwickelung. Die Jungen begraben lachend eine alte Zeit, und wir, die wir ein Stück dieser alten Zeit sind, stehen trotz alledem mit dem Gefühl der Wehmut dabei. Wie Rost hängen die alten Gewohnheiten und Anschauungen an uns. Gott sei dank, dah er heruntergesegt wird I sage ich. Aber es ist doch eine schnierzliche Reinigung. Soll ich mich nicht freuen, dah der H.... stuhl schier aus der Mode gekommen ist? Mädchen, die heiher und früher liebten, als ihnen gut war, gibt'S noch. Aber sie werden nicht mehr ver- achtet; auf den abscheulichen Stuhl in der dunklen Ecke setzt sich keine mehr. Recht so! Aber es setzt sich auch sonst niemand auf den Stuhl: lieber würden sie sich auf die kalten Fliesen setzen, als dort Platz nehmen. Die Erinnerung an die Schinach lebt noch. 7. Frau Anna Katharine, du hast kein Glück gehabt mit deinem Gcldsack und deinem Hofbauer! Der Hofbauer hat den Geldsack klein gemacht und dann ist er gestorben. Gerade noch früh genug, um dir die Möglichkeit zu lassen. weiter zu wohnen in dem Saudsteiuhauß, das vor langer Zeit ein Schloh gewesen sein soll. Das Tor hängt schief in den Angeln und an der Kette liegt ein inagerer Köter. Stille ist's auf dem Hof. Keine Kuh rasielt, kein Pferd wiehert Vehr. Und die Krippen sind leer. Die Arinut guckt aus laufeud staubigen Ecken und Löchern. Aber eS ist eine vornehme Armut. Arme Anna Katharine. Du bist alt geworden, bist noch kleiner geworden. Setzest eine Brille auf das Naschen, wie ich, wenn du dein Gesangbuch vor dir liegen hast. Und ich kann dir ins Gesicht sehen! keine Bänder und Federn versperren mir den Weg. Faltige Wänglein sehe ich und rotgcräuderle Augen. ES ist nichts übrig geblieben von der Schön- heil als der kleine Mund. Doch mich dünkt, als drücke auch er sich schämig zurück. Aber noch sitzt die Annclett auf ihrer Bank. Allein fitzt sie da, Sonntag für Sonntag und niemand wagt es, sich neben sie zu setzen. Hier respektiert das Volk noch das Herkommen! noch scheut es sich vor der Besitzergreifung der Herrenbank. Anna Kalharin, die du heute noch auf deiner Bank sitzest wie eiir Käuzchen, vor dem sich das übrige sonnen- und lebensfrohe Ge- vögel fürchtet, Anna Kalharin, wenn du nicht mehr bist, dann wird die Herrenbank eine Zeitlang verwaist stehen, aber dann wird das junge Volk sich darauf niederlassen und eS werden vor dein Herrgott nicht mehr zweierlei Menschen sein. Dann möchte ich noch einmal auf die Welt kommen! H. Diefenbach. I�oräiscbe GrzibUr. Die Beobachtungen und Feststellungen, die hier über da§ gleiche Thema vor Jahresfrist angestellt wurden, lassen sich nur wieder- holen und in verstärktem Matze betonen. Die an und für sich viel- leicht gar nicht so unberechtigte und unerfreuliche literarische lieber- produklion der skandinavischen Länder wird durch die an der Ver- deutschung interessierten Ilebersetzer und Verleger in einer Weise gefördert, die für die Produklion aus dein deutschen Bücbcrmarkt keineswegs inehr als berechtigt und erfreulich erscheint. Die Möglich- keit zu dieser Konkurrenz ist leicht erklärt. Jeder neu gebackene Autor der nordischen Länder, deren Gesamtcinwohnerzahl nicht die von London er- reicht, hält sich ohne weiteres für befugt, seinen Leserkreis auf das Aus- laiid, das heitzt fast immer Deutschland, und nur dieses, a»Szu- dehnen. Die relativ geringe Zahl der einheimischen Lei'er berechtigt, seine, den deutschen Öriginalaut-ir ul ierbietenden Honoraransprüche befähigen ihn dazu. Gerade der in kleinen Verhältnissen heiniische Schriftsteller lätzt sich ganz anders als der Engländer oder Franzose mit einem unbedeutenden Bruchteil dessen znsriedcnstellen, was bei einem Volke von 80 Millionen als Minimalentlohnung literarischer Arbeit angesehen wird. In diesen für das geistige Leben schon nicht ganz gesunden Konkurrenzkampf bringt das Hellhörice Unternehmertum neuerdings ein Moment hinein, das die ganze Entscheidung über diese Frage des literarischen Marktes immer mehr von einer Machtprobe zwischen skandinavischen und deutschen Verlegern abhängig macheu dürfte. Nämlich: fast die gesamte skandinavische Literatur ist mit ganz un» erheblichen Ausnahmen in zwei grotzen Verlagsunternehmungen monopolisiert, für Dänemark- Norwegen in dem Gyldendalscheu zu Kopenhagen, für Schwede» in dem Stockholmer von Albert Bonnier. Dieser letztere hat nun soeben in Leipzig eine deutsche Filiale seines Verlages errichtet mit der Hauptabsicht, die deutschen llebersetzinigeii derjenigen seiner Autoren, die er dazu für(geschäftlich) ivürdig er- achtet, selbst herauszugeben. Auch bei dem Ghldendalschen Verlag ist dieselbe Möglichkeit bereits erörtert worden. All diese Feststellungen berühren geWitz den inneren Wert der zahlreichen übertragenen Werke nicht; aber die zugrunde liegenden ivirischastlichen Faktoren ermöglichen immerhin, diesen Werl nicht über Gebühr zu erhöben. So gewinnt die skandinavische Literatur für uns eine Bedeutung, aus Grund deren man sich bereits für berechtigt hält, ihre für das Ursprungsland, doch keineswegs für die Weltliteratur klassischen Werke neu herauszugehen. M e l r A a r o n G o I d s ch m i d t s Roman„Ein Jude"(verlegt bei Axel Juncker. Berlin �V. 15, Preis 4 Mark broschiert) ist solch ein Buch. Der Name Goldschmidt ist manchem wohl noch aus der LebenS- geschichle des jüngeren Ibsen erinnerlich, und unsere Philologen, die den norwegischen Dramatiker aus daS allmählich wankende Posta- ment erhoben haben, wutztcn nach ihrer selbstgenügsamen Methode zwischen ihm und dem dänischen Publizisten irgendwelche Gedanken« fäden aufrührerischer Färbung zu knüpfen. M. A. Goldschmidt, der 181!) in einer jüdischen Familie auf Seeland geboren wurde, diente der bürgerlichen Opposition des Vormärz mit seinem Witzblatte „Der Korsar" in den Jahren 1840— 16, während er sich in der Folgezeit langsam, aber stetig in das konservative Lager hinüber- mauserte. Ans den letzten„Korsaren"-Jahren stammt nun diese halb kämpferisch-bekennende, halb rornantisierende Lebensgeschichte, die vor 60 Jahren bereits einmal verdeutscht worden ist, zu einerZeit inithin, als man der auswuchernden Reaktion bei unS damit eine Forderung bürgerlicher Gleichberechtigung entgegenhalten konnte. Heute gilt uns feine Tendenz selbstverständlich al? überholt durch das weit um- sassendere Programm deS ökonomischer. Ausgleichs. M. A. Goldschmidt mag die Prüfungen seines Helden Jakob Bendixen bis zu einein Grade am eigenen Leibe erfahren habe»! denn es ist der typische Durcbgangskoiiflilt des sich emanzipierenden Juden, der über den Handels- und RituSgeist der Tradition hinausstrebend denn» noch nicht voll von der christlichen Gemeinschaft aufgenommen werden will. Hier macht ein Ehepaar die Unvereinbarkeit fichtbar. Und man kann die UeberzeuglmgStraft de» Buche» auch Ste noch daraus erschließen, daß der menschliche Wert, der den gen Bendixen zum sozialen Aufstieg berechtigen soll, ein durchaus erlebter ist, daß der Dichter in einem echten Heimatgefühl und in der Aneignung der besten dänisJlen Zivilisiert hert sich seine? neuen Baterlandes würdig zeigt, und daß er seinen ganzen Konstikt in diesem nationalen und zwilisierten Geiste ohne Verzerrung und Einseitigkeit durch einen lebensvollen Realismus präzisiert. Dagegen fällt die zweite Hälfte des RomanS künstlerisch wie gedanklich wesent- lich ab. Der Mann des sozialen Uebergang? muß auch hier der literarischen Vergangenheit noch ihren Tribut zollen. Er schickt seinen Byronschen Weltschmerz, mit dem ihn die verlorene Liebe ver« wundet hat, in eine> omantische Landflucht und läßt seinen Helden sich in Algier und Polen kriegerisch betäuben, eine wenig kurzweilige Exkursion, die die Geschichte ebenso weit von dem glaubwürdigen Erlebnis entfernt, wie Jakob Bendixen von seiner Heimat und seinem inneren Berufe. Was an dem Goldschmidtschen Romane heute noch als be- deutungsvoll zu erkennen ist. erinnert immer wieder zwingend daran, daß die moderne ErzähiungSkunst. Hand in Hand mit den bürgerlichen Freiheitsbestrebungen deS 13. Jahrhunderts, ja oft geradezu in ihrem Dienste entstanden ist. Das poetische EpoS des Mittelalters und der Renaisiance wurde realistiscke Gegenwarts- Prosa von einer fast praktischen Absicht, wie die glänzende, festliche und luxuriöse Hof- und Adelstracht als solche und in ihren Nachäffungen durch den puritanisch-sachlichen AltagS- rock des Bürgers verdrängt wurde, und nahm als Ge- sellschaftSroman, mit der demokratischen Welle, sseinen Weg von England nach Frankreich, Deutschland und dem Norden. Diese demokratische, sozial orientierte Abstammung der modernen erzählenden Prosa darf man nie vergessen, wenn eS sich um Scheidung zwischen steriler Atelierkunst und fruchtbringender Neuschöpfung-handelt. Längst hat das Bürgertum feine politischen und kulrurellen Ideale gegen die Sicherung seiner materiellen Macht in Kauf gegeben, und die zeitgemäße Erneuerung dieser Ideale ist nur auf dem völlig umgepflügten Boden möglich, den der Sozialismus bestellt. Ringsherum in Europa haben wir führende Geister des Schrifttums, die in bald bewußterer, bald ge- füblsmächtigerer Verbindung mit ihm stehen: in England Bernard Shaw, tn Frankreich Anatole France, in Rußland Gorki; auch Srrindberg durfte man nach seiner eigenen Erklärung dazu rechnen. Doch nirgends andwS ist loljl eine solche Repräsentation im künstlerischen Lager so dürftig wie in Deutschland. nirgends verhältnismäßig so stark wie in dem Zweimillionenlande Däne- «nark. Darum ist aber auch gerade dort da» prinzipienlose Literaten- tum, die gefällige Selstbespiegelung der in Lust und Leid so gemüt- lichen, dabei engen und flachen„Kopenhagenerei" so leicht durchschaut. Eine wurzellose, ja wurzelkranke Begabung wie Karin Michaelis schreibt vielleicht einmal in ihrer unbewußten Eufant- terriblemanier ein an sich unbeträchtliches Bück, wie„Das gefährliche Alters, das als Sensation die instinktlose Gesetzlichkeit im Ehebett wie ein kaltes Sturzbad überkam. Aber was sie im übrigen von ihresgleichen weiß und wünscht, bleibt ein« Eingebung des Augen- blicks und der Laune, die im besten Falle einem draufgängerischen Rawrkinde angehören, häufiger der verschmökerten und verderbten Phantasie einer unleidlichen Sentimentalen. Man kann ihre Geschichtchen unter dem Sammellitel„Jens Himmel- reich" jRkünchen, Albert Langen) kaum mit M. Andersen R e x ö S äußerlich gleichartiger Auswahl»Die K ü st e der Kindheit"(ebenda) zusammenhalten, ohne diese schon durch die Parallele zu schädigen. Gewiß sind das auch im Verhältnis zu seinen eigenen großen Arbeiten nur Werkstatt- proben, die bald wie Landschaftäskizzen, bald wie Figurenentmürfe au« Pelles Bornbolmer Welt anmuten, die oft Meisterprobeu, oft nur Um- und Grundrisse ohne Ausfüllung und Ausführung dar- stellen. Dennoch sieht man allenthalben als Erstes die Persönlich- keit am Werke, die ihren Platz hält und ihren Mann steht in Sturm und Wogenruhe de« Erdballs, in den Riederlagen und Triumphen der Lebenskämpfer. Hier— wie in dem ganzen bisherigen Zu- sammenbang— ist nicht die Rede von Tendenzdichtung, von einem progranrmatisch zuirchlgcrücklen Moralichema anstelle lebendiger Psychologie und zur höheren Ehre eines noch unereichten Ideals. Nein, Nexö selbst steht schon mit allen seinen Sinnen. mit seiner klarste» Ueberlegung und seinem vollsten Herzen inmitten einer Welt von neuentdeckten Kräften: hier spürt man keine tragischen Schranken inehr, die wankende Macht den unterjochten Hirnen und Leibern bereitet hat: hier gewinnt oder verliert das Geschöpf sein Schicksal aus erster Hand der Q h'ipsung selbst; hier steht der Mensch vor der Ramr allein und gibc uns ein optimistisches Vorgefühl deffen. daß es trotz Not und Qual„der Mühe wert" ist,„ein Mensch zu sein". Jeppe«akiaer und Johan Skjoldborg gehören wert mehr ihrem rnnersten Geiste nach alS Sozialisten zu Nexö, denn auf Grund ihrer Stoffe alS Jütländer der literarischen „jütischen Belveguns" an, die sich etwa mit Joh. B. Jensen verbinden würde. Jensen entdeckte sich erst den Bauern des jülischeu Himerlandstriches, als er in dem Kopenhagener Klima keinen feiten Boden unter den Füßen gewrnnen kannte und nachdem Nexö, Sljold- borg und Ankjaer bereit« Bauerngeichichleu geschrieben halten: aber Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Druck u, Verlag: seine gewiß imposante Jongleurkunst, die die Uebermenge sinnlicher Eindrücke mit einem wahren Straußenmagen verspeist und zu immer neuen sprachlichen Zellkombinationen verarbeitet, bleibt doch vor dem Ganzen des Weltbildes so haltlos und klein, daß er— womöglich ohne es zu ahnen— heute dieser Macht deS Tages, morgen ihrem feindlichsten Gegenspiel ebenso begeistert dienen würde. Man kann ihn selbst Skjaldsborg gegenüber durchaus nicht unbedenklich als den fähigeren Künstler bezeichnen. Denn zu diesem Vermögen der Kam- Position, wie es Skjoldborg in der unseren Lesern bekannten Er- Zählung„Sara"(Leipzig 1912, Verlag Georg Merseburger) er- weist, könnte sich Joh. B. Jensen? flackerndes, in Einzelwirkungen verhrennende« Talent kaum je vor einer so umfangreichen Novelle zusammenballen. Skjoldborgs bewundernswert gelassene Stoffverteilung, die ansprechende Sauberkeit der Sprachführung, die ganze mit diesen Mitteln erzielte, abgeklärte Stimmung dieser ländlichen AlltagStragödie, der in Liebe gefallenen und in Kindesnot zerstörten Häuslerstochter, verrät gewiß das reifere Alter und den im Lebens- beruf einst den Büchern näher alS dem Leben stehenden Autor und ist deShalh für die Herbheit und Unerbittlichkert der Ereigniffe um einige Grade zu geglättet und zu wohlwollend. Jeppe AakjaerS berühmte Gesindegeschichte von dem un- ehelichen Knecht, deffen erwachte und erprobte Selbständigkeit ihr daheim niedergehaltenes Recht in Amerika zu finden hofft.»Die Kinder des Zorn"(Leipzig 1912, G. Merseburger) ist dazu das völlige Gegenstück. Sie hat das Ungestüm, die Empörung, die Zu- verficht der Jugend, die der 43 jährige Aakjaer in seiner Lyrik noch immer künstlich am reinsten auszumünzen versteht: aber sie vermag mit diesen seltenen Gaben im Formellen nicht Maß zu halten, sie redet oft. statt zu verlebendigen, sachlich belehrend oder agitatorisch daher und spart in ehrlichem Ueberschwang nicht empfindlich an die Sinne greifende Naturalismen, die nur deswegen und nur dann kraß er- scheinen, weil und wenn sie eben neben solcher grauen Belehrung und sachlichen Agitation stehen. Immerhin sind»Die Kinder des Zorn«" in ihrer Schwäche typisch für den R o m a n z i e r Aakjaer und deshalb beachtenswert genug. Aakjaer, noch mehr als Skjoloborg, geht ja in seiner praktischen öffentlichen Wirksamkeit auf die Be- sreiung de« ländlichen Proletariats, der Länder, aus, die von so eminenter Bedeutung für die Erschütterung des dominierenden, bru- talen und kulturfeindlichen Bauernregiments im dänischen Landtag ist und— einmal durchgesetzt— im Bunde mit dem vorausgeeilten Erwachen der Industriearbeiter die soziale Demokratie in Dänemark errichten helfen wird. Aakjaer ist in diesem Sinne ein kleiner jüt- ländischer Björnson, der stark begeisterte Lyriker und Agitator im politischen Tageskampf, der darüber manche Gelegenheit zur künst- lerischen Reife in größeren Ausformungen drangeben muß. Bei Johan Falkberget, dem schon genannten norwegischen Proletarierdichter, laffen sich ähnliche Einschränkungen keineswegs so einleuchtend mosivieren: eS läßt sich auch vor feinem neuen Roman aus dem Bergarbeiterleben:„In deräußerstenFinsternis" (Leipzig 1912, Georg Merseburger) noch immer nickt die Zelle er- gründen, aus der ihm der große Wurf und die volle Künsllerschaft der eignen Persönlichkeit erwachsen könnte. Er vermag sich und uns noch immer nicht von der qualvollen Last des Erlebten zu befteien, das als solches uns wohl seine drückende Wucht mitteilt, insofern wir den Amor als unseren Mitmenschen darunter leiden sehen. Auch seinesgleichen betrachtet er von außen scharf im Detail der Bersklavtheit und deS grenzenlosen PariatumS, das eine harte Natur zu der Gier der Grubenherrcn häuft: aber sowie er sozial über die eigene Sphäre hinausstrebt, ja sobald er nur der stummen Stimme des Innern Sprache geben will, muß er sich mit merkwürdigen Anleihen bei einem auserlesen, leben?- fremden Schrifttum beHelsen, oder er gibt zwei Zeilen von der Seelenlosigkeit einer Zeitungsnotiz, anstatt das entscheidende Er- lebniS, dem all das gedrängte und gehäufte Aeußere bisher nur Voraussetzung war, nach allen Seiten hin sich ausblühend entfalten zu lassen. A. F. C. • „Pelle der Eroberer*, der große proletarische Roman von Martin Andersen Nexö ist jetzt auch in einer deutschen Buch- ausgäbe erschienen. Der Jnsclverlag hat sich das Verdienst er- worden, ihn in zwei starken Bänden herauszubringen(Preis 8 M.. geb. 10 M.). Manche unserer Leser, die sich immer wieder un- geduldig erkundigten, ob und wann dieser ihnen liebgewordene Roinan als Buck vorliegen würde, können ihn nun sckön gedruckt zu dauernder Freude sich erwerben. Vor allem aber sollen unsere Partei- und GewerkschaftSbliotheken ihn allen denen zuführen, die ihn noch nicht kennen. Ein starker Künstler hat hier da- Leben eines modernen Proletariers gestaltet, wie er auf dem Lande aufwächst, als Lehrling in die kleine Stadt kommt und dann m der Großstadt zum Bewußt- sein erwacht und ein Kämpfer und Streiter wird und ein Stück Neuland anbaut. Das Einzelschickjal ist zum Symbol der ganzen Klasse erhoben und proletarisches Empfinden und Denken erfüllt diese farbige, lcbenstrotzende Welt. Zum ersten Male hat ein Pro- letarier das Epos seiner Klaffe geschrieben. Und wir sind stolz darauf, daß«vir hier zuerst den proletarischen Dichter den Lesern einer Klasse zuführen konnten. Heute hat Pelle sich die Proletarier aller Länder zu Leiern erobert: unserem Beispiele sind bereits die ührenden Parteizeitungen Dänemarks, Norwegens, Schwedens und Frankreichs gefolgt._ VorwärlsLuchdruckereiu.VerlagsanjtaltPaulSingertCo.,BerlinSVV.