Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 242 Freitag den 13. Dezember 1912 (Nachdruck verdolen.1 ÖJ Hlbertine. Roman von C h r i st i a n Krohg. . Ja— Oline, die hatte das alles so gehabt— und noch besser— aber das war was anderes gewesen— ob sie Wohl glücklich darüber gewesen war? Ach was,— immer und ewig diese Oline!-- Blaue Strümpfe— Sie geriet in einen herrlichen, feinen Geruch hinein es war beinah, als wenn sie schon allein vom Riechen fein wurde— das war der große Laden von Daniel Steen— der Geruch wurde stärker � die Tür war aufgegangen— Handschuhe, seidene Regenschirme— die Uhr war übrigens noch gar nicht so viel: sie wollte nur noch einmal schnell nach Steen und Ström hinüberhuschen und sehen, ob da was Neues für den Frühling im Schaufenster lag. Freilich, da gab' es was zu sehen!— Ein ganzer Fächer aus reizenden Sonnenschirmen mit entzückenden Griffen— mit Ringen, um sie über dem Handgelenk zu tragen � und dann die aufgespannten da drinnen— modern, kariert, der rot und blaue war der hübscheste— feine Kleiderstoffe— für den Frühling— wollene— das braune da mit den blauen Streifen würde ihr stehen— ja. ganz sicher— wenn sie dann den hübschen, hellgraukarierten Frühlingsmantel darüber zog— hellgraukariert über braun— ja, ja! Ob sie wohl mal hineingehen konnte und sich den Stoff ansehen? Ach ja, wenn sie Jossa noch bei sich hätte, ging es wohl, dann hielten sie sie für eine feine Dame. Durch das Fenster sah sie hinter und zwischen allen den herabhängenden Falten und Mustern einen schneidigen Laden- gehilfen. der dastand und etwas aufmaß. Ja, aber sie hatte doch nichts, wofür sie etwas kaufen konnte— ach was!— Sie konnte ja nach irgend etwas fragen— sie hielten sie sicher für eine feine Dame, jedenfalls war es ganz Pläsier- lich, einmal zu sehen, ob sie sie für eine feine Dame hielten. Na ja, nun wollte sie wirklich hineingehen! Aber sie blieb am Fenster stehen. „Der rot und blaue Sonnenschirm ist der hübscheste— vier große Lampen mit Milchglaskuppeln brennen im Fenster — � jetzt hat er aufgemessen nun schneidet er ab— Gott, wie fein er frisiert ist— wirklich ein feiner Herr— nein, ich Hab' doch nicht den Mut!" Das Herz pochte schwer und hart— und dann ging sie die Granittreppe hinauf, griff schnell uach dem großen Bronzetürdrücker, die große Glastür mit der dicken Fenster- scheide aus einem Stück öffnete sich leicht und weich, durch eine zweite Glastür ging sie und stand dann in einem großen, großen Raum, der durch zwei Stockwerke ging, mit einer Galerie rivgsherum, von der weiße und cremefarbene Gar- dinen gerade herabhingen. Es war fast wie in der Kirche. Da Waren Säulen, über die feine Teppiche herabhingen— rings an den Wänden, bis ganz hinauf an die Decke waren lauter Rollen zu sehen, überall Rollen— und überall auf den Laden- tischen lagen Stoffrollen. Auf Stühlen an den Ladentischen saßen feine Frauen und junge Damen und befühlten die Stoffe und feilschten um die Preise. Ganz im Hintergrunde führten einige Stufen in die Höhe, und dann ging es wieder hinein, und da saßen einige Damen und schrieben. Nein, wie wonnig! Sie war neben einer Svule stehen- geblieben ein grünes Stück Plüsch war rund um die Säule herumgeschlungen, und aus den Falten guckten chine- fische Fächer heraus. Zu der Galerie führte eine breite Treppe hinauf, über die ebenfalls Gardinen und Teppiche herab- hingen, und vor dem Aufgang waren dicke, schwere Portieren angebracht, genau so wie in der Kirche. „Was wünschen das gnädige Fräulein?" Es war ein reizender junger Mann in kariertem Anzug, das Haar mitten über der Stirn gescheitelt, eine kleine Schere guckte aus der Tasche seiner Weste heraus, die aus dickem, himmelblauem Plüsch war— nie im Leben hatte sie eine so feine Weste gesehen. Sie hatte nicht geantwortet— er verbeugte sich vor ihr und fragte noch einmal; „Was wünschen das gnädige Fräulein?" Ja— sie wollte gern Stoff zu einem Kleide sehen. „Zu einer Gesellschaftstoilette?"— Sie hatten gerade neue Seidenstoffe aus Lyon bekommen, prima Qualität. „Nein, keine Seidenstoffe,— sie wollte gern Stoff zu einem Frühlingsmantel sehen. Hier war ein Probenbuch— wie hatte sich das gnädige Fräulein den Mantel gedacht? Hellgrau kariert— sie hatten, wie sie sah, hübsche dunkelgrau kari'erte Muster— aber keine hellgrauen— mußte es durchaus hellgrau sein? Das war ja schade— aber in wenigen Tagen würde eine neue Sen- dung erwartet— ob sie dann einmal wieder einsehen wolle — Adieu!— Er verbeugte sich— er sah so nett und höflich aus!--- Er öffnete ihr die Glastür, aber im selben Augenblick, als sie grüßte, zwinkerte er ihr mit dem einen Auge zu, und über die eine Seite seines Gesichts huschte ein Lächeln— und in einem Nu war sie draußen auf der Treppe. „Hu!" Sie stieg die Stufen hinab und blieb auf dem Bürger- steig stehen und sah zurück. Was hatte er damit gemeint? Hatte er etwas gewollt — oder hatte sie sich geirrt?— Hu!— Auf einmal überkam sie das alte Grauen— sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.— Wofür hatte er sie nur gehalten? Aber sie bezwang sich- Da erblickte sie Jossa! Die kam schräg über die Straße, auf sie zu. Ehe Albertine noch guten Abend gesagt hatte, sagte Jossa, es sei herrlich, daß sie sie träfe, denn sie sei Helgesen und Smith begegnet. Die ständen beide drüben an der anderen Ecke, es tue ihnen so leid, daß sie neulich nicht gegrüßt hätten, es sei ein Mißverständnis gewesen und solle nie wieder vor- kommen. Und läden sie Jossa und Albertine ein. mit ihnesr in den Garten zu gehen oder in die Oper oder ins Royal, wenn sie das lieber wollten, uüd zu Abend zu essen und Champagner zu trinken, und sie fänden, daß Albertine so hübsch sei— sie sei das schönste Mädchen in der ganzen Stadt.— «„Ach was, Quatsch!" sagte Albertine,„grüße sie nur und sag' ihnen, sie sollten sich Tee kochen lassen, das fiel mir nich im Traum ein, denn ich weiß recht gut, was sie woll'n: ich geb' mich nich mit solchen feinen Herren ab—" „Aber bist Du denn ganz meschugge! Wir brauchen doch bloß im Garten mit ihnen herumzugehen—3 sie wollen sich Dir ordentlich vorstellen lassen." Albertine ging sehr schnell die Straße hinauf, und Jossa trippelt neben ihr her— zwei dunkle Herrengestalten mit hohen Zylindern folgen vorsichtig— langsam auf der gegen- überliegenden Seite der Straße. „Ne. wie dumm Du bist, Tine! Davon kriegt man doch nich gleich ein Kind! Wenn Du nich willst, denn wird da nichts aus, und das is bloß Deine Schuld!" Albertine war stehen geblieben. „Wer war das?" fragte sie. „Wen meinst Du?" „Den kleinen schwarzhaarigen Herrn, der eben vorüber- ging und inich so anglotzte! Da geht er— jetzt geht er über die Straße. Da bleibt er stehen." „Der— Herrgott, kennst Du den wirklich nich? Das is ja doch Polizeiinspektor Winther!" „Polizeiinspektor!"— es war ihr. als wenn auf einmal dia Knie ihren Dienst versagten. „Polizeiinspcktor! sagst Du?"— Sie wandte sich um.— „Gott, da steht er und sieht uns nach!" Sie rannte fast die Straße hinauf, während Jossa hinter ihr herlief. „Bist Du verrückt, Tine?" An der Ecke der Karl Johann-Straße wandte sie sich um. Es war ihr, als stünde er der ganz unten.— Großer Gott. was hatte sie nur einmal getan, daß die Polizei hinter ihr her war? War sie vielleicht zu oft die Straße auf und nieder ge- gangen? Ns ging haNg Wer ubev den Marktplatz— naH Zause nach Hanse— zu der Alten l Sie blieb stehen. Nach Hause?— Und dann— morgen.. dann kam der Polizist mit dem roten �Schnurrbart und dem blauen Zettel: „Bei Zwangsabholung"— und Mutter Olsen kriegt ihn zu sehen. „Gott, ach Gott!— Am Ende durfte sie nicht zu Steen Ünd Ström hineingehen � Gott, da is er!" Wie ein Pfeil flog sie dahin, den Hügel hinab in die große Straße. Tie Leute blieben stehen und sahen ihr verwundert nach. „Tie Polizei ist hinter mir her!" sagte sie halblaut uffd keuchend. „Ich bin gewiß zuviel mit Jossa gegangen— sie ist ge- wiß kein anständiges Mädchen.— Ist er noch hinter mir her?"— Sie ging schnell und wandte sich sehr oft um— nein. jetzt konnte sie ihn nicht mehr sehen. Ob er wußte, wo sie wohnte— kam er Wohl nach Hauiv ZN ihr?— Ob sie zu Oline gehen sollte? Nein— nein— nach Hause— nach Hause— nach Hanse zu der Alten! Die Brostraße hinab— da ging sie ein wenig ruhiger— sie kam sich gleichsam geschützt vor, hier in der alten, be- kannten Gegend'— noch ein letztesmal wandte sie sich um.— Da lag das Haus— das Licht schien so traulich aus den niedrigen Fenstern, aber im Torweg war es schrecklich dunkel, und es währte eine Ewigkeit, bis sie den Türdrücker fand und bis sie in der Stube stand. War es nicht, als zerre jemand sie zurück, als wolle jemand sie wieder hinausziehen? Die Lampe stand da und brannte. Da hingen der Kronprinz und Viktoria— da saß die Alte am Ofen und strickte>— ihre Augen waren ganz rot— sie hatte wohl wieder geweint. „Die Lampe schwält. Mutter!" Sie ging hin und schraubte sie nieder. «Du bleibst ja schrecklich lange aus." „Ja," antwortete sie nur. Mutter Christiansen fragte sie nach allerlei. „Hast Du Oline den Mantel nich wieder hingebracht?" -„Neich das Hab ich vergessen." .„Dann mußt Du es wohl lieber gleich tun?"' -,,Das hat woll Zeit bis morgen!" —--- Am nächsten Morgen goß es. Sie saß den ganzen Tag jim Fenster über der Nähmaschine. Aber sie nähte keinen Stich und sah fortwährend unter der Halbgardine hinaus.— Da kam ein Schutzmann— das Herz stand ihr still— ach was— Unsinn— das war ja der Schutzmann hier in der Straße— er hatte einen Ziegenbart. Sie lachte. Gott, wie dumm und feierlich er aussah. Wenn doch Jossa kommen wollte. Sie hatte sie nach so vielem zu fragen. Aber Jossa kam nicht der Regen war wohl schuld daran. Auch am nächsten Tage kam kein Schutzmann mit rotem Schnurrbart und Vorladung, und sie wurde wieder ein wenig ruhiger. (Forhetzung folgt.) Ftotia und Heinz Kirch« ■ Von Theodor S t o r m. Auf einer Uferhöhc der Ostsee liegt hart am Waffer hin- gelagert eine kleine Stadt, deren stumpfer Turm schon über ein Halbjahrtausend auf das Meer hinausschaut.' Ein paar Kabel- längen vom Lande streckt sich quervor ein schmales Eiland, das sie Vort den., Warder" nennen, von wo aus im Frühling unablässiges Geschrei der Strand- und Wasservögel nach der Stadt herüber- tönt. Bei hellem Wetter tauchen auch wohl drüben auf der Insel, die das jenseitige Ufer des Sundes bildet, rotbraune Dächer und die Spitze eine Turmes auf, und wenn die Abenddämmerung das Bild verlöscht hat, entzünden dort zwei Leuchttürme ihre Feuer und werfen über die dunkle See einen Schimmer nach dem dies- seitigen Strand herüber. Gleichwohl, wer als Fremder durch die auf- und absteigenden Straffen der Stadt wandert, wo hier und da roh gepflasterte Stufen über die Borstraffe zu den kleinen Häusern führen, wird sich des Eindrucks abgeschlossener Einsamkeit wohl kaum erwehren können, zumal wenn er von der Landscite über die langgestreckte Hügelkette hier herabgckommen ist. In einem Balkengestelle auf dem Markte� hing noch vor kurzem, wie seit Jahrhunderten, die sogenannte Bürgcrglocke; um zehn Uhr abends, sobald es vom Kirchturme geschlagen hatte, wurde auch dort ge- läutet,-»nd wehe dem Gesinde oder auch dem Haussohn, der diesem Ruf nicht Folge leistete, denn gleich danach konnte man straffab und-aus sich alle Schlüssel in den Haustüren drehen hören. Aber in der kleinen Stadt leben tüchtige Menschen, alte Bürgergeschlechter, unabhängig von dem Gelde und dem Einfluß der umwohnenden grotzen Grundbesitzerz ein kleines Patriziat ist aus ihnen erwachsen, dessen stattlichere Wohnungen, mit breiten Beischlägen hinter mächtig schattenden Linden, mitunter die niedri- gen Häuserreihen unterbrechen. Aber auch aus diesen Familien mufften bis vor dem letzten Jahrzehnt die Söhne den Weg gehen« auf dem Eltern und Vorfahren zur Wohlhabenheit und bürger- lichen Geltung gelangt waren; nur wenige ergaben sich den Wissen- schaften, und kaum war unter den derzeit noch studierten Bürger- meistern jemals ein Eingeborener dagewesen; wenn aber bei den jährlichen Prüfungen in der Nektorschule der Probst die Knaben fragte:„Mein Junge, was willst Du werden?" dann richtete der sich stolz von seiner Bank empor, der mit der Antwort:„Schiffer!" herauskommen durfte; Schiffsjunge, Kapitän auf einem Familien». auf einem eigenen Schiffe, oann mit etwa vierzig Jahren Reeder und bald Senator in der Vaterstadt, so lautete der Stusengang der bürgerlichen Ehren. Auf dem Chor der von einem Landesherzog im 13. Jahr- hundert erbauten Kirche befand sich der geräumige Schifferstuhk. tür den Abendgottesdienst mit stattlichen Metallleuchtern an den �Wänden prangend, durch das an der Decke schwebende Modell eines Barkschiffes in vollem Takelwerke- kenntlich. Auf diesen Raum hatte jeder Bürger ein Recht, der das Steuermannsexamen gemacht hatte und ein eigenes Schiff besaß; aber auch die schon in die Kaufmannschaft Uebergetretenen, die ersten Reeder der Stadt, hielten, während unten in der Kirche ihre Frauen saßen, hier oben unter den anderen Kapitänen ihren Gottesdienst; denn sie waren noch immer und vor allem meerbefahrene Leute, und das kleine schwebende Barkschiff war hier ihre Hausmarke. Es ist begreiflich, daß auch manchen jungen Matrosen oder Steuermann aus dem kleinen Bürgerstande beim Eintritt in die Kirche statt der Andacht ein ehrgeiziges Verlangen anfiel, sich auch einmal den Platz dort oben zu erwerben, und daß er trotz der eindringlichsten Predigt dann statt mit gottseligen Gedanken mit erregten weltlichen Entschlüssen in sein Quartier oder auf sein Schiff zurückkehrte. Zu diesen strebsamen Leuten gehörte Hans Adam Kirch. Mit unermüdlichem Tun und Sparen hatte er sich vom Setzschiffer zum Schiffseigentümer hinaufgearbeitet; freilich war es nur eine kleine Jacht, zu der seine Mittel gereicht hatten, aber rastlos und in den Winter hinein, wenn schon alle anderen Schiffer daheim hinter ihren Ofen saßen, befuhr er mit seiner Jacht die Ostsee, und nicht nur Frachtgüter für andere, bald auch für eigene Rechnung brachte er die Erzeugnisse der Umgegend, Korn und Mehl, nach den größeren und Neineren Küstenplätzen; erst wenn bereits außen vor den Buchten das Wasser fest zu werden drohte, band auch er sein Schiff an den Pfahl und saß beim Sonntggsgottesdienste droben im Schifferstuhl unter den Honoratioren seiner Vater- stadt. Aber lang vor Frühlingsanfang war er wieder auf seinem Schiffe; an allen Ostseeplätzen kannte man den kleinen, hageren Mann in der blauen, schlotternden Schifferjacke, mit dem ge- krümmten Rücken und dem vornüberhängendcn dunkelhaarigen Kopfe; überall wurde er aufgehalten und angeredet, aber er gab nur kurze Antworten, er hatte keine Zeik;"in einem Tritte, als ob er an der Fallreepstreppe hinauflaufe, sah man ihn eilfertig durch die Gassen wandern. Und diese Rastlosigkeit trug ihre Früchte; bald wurde zu dem aus der väterlichen Erbschaft übernommenen Hause ein Stück Wiesenland erworben, genügend für die Sommer- und WintcrfütteruKg zweier Kühe; denn während das Schiff zu Wasser, sollten diese zu Lande die Wirtschaft vorwärts bringen. Eine Frau hatte Hans Kirch sich im stillen vor ein paar Jahren schon genommen; zu der Hökerei, die diese bisher betrieben, kam nun noch eine Milchwirtschaft; auch ein paar Schweine konnten jetzt gemästet werden, um das Schiff auf seinen Handelsfrachten zu verproviantieren; und da die Frau, die er im Widerspruch mit seinem sonstigen Tun aus einem armen Schulmeisterhause heim- geführt hatte, nur seinen Willen kannte und überdies aus Furcht vor dem bekannten Jähzorn ihres Mannes sich das Brot am Munde sparte, so pflegte dieser bei jeder Heimkehr auch zu Hause eiben hübschen Haufen Kleingeld vorzufinden. In dieser Ehe wurde nach ein paar Jahren ein Knabe geboren und mit derselben Sparsamkeit erzogen.„All wedder'n Dreling umsünst utgeb'nl-- Dies geflügelte Wort lief einmal durch die Stadt; Hans Adam hatte es seiner Frau zugeworfen, als sie ihrem Jungen am Werktag einen Sirupskuchcn gekauft hatte. Trotz dieser dem Geize recht nahe verwandten Genauigkeit war und blieb der Kapitän ein zuverlässiger Geschäftsmann, der jeden ungeziemenden Vorteil von sich wies; nicht nur infolge einer angeborenen Recht- schaffenheit, sondern eben so sehr seines Ehrgeizes. Den Platz im Schifferstuhle hatte er sich errungen; jetzt schwebten höhere Wür- den, denen er nichts vergeben durfte, vor seinen Sinnen; denn auch die Sitze im Magistratskollegium, wenn sie auch meist den größeren Familien angehörten, waren mitunter von dem kleineren Bürger- stände � aus besetzt worden. Jedenfalls, seinem Heinz sollte der Weg dazu gebahnt werden, sagten die Leute doch, er sei sein Eben- bild: die fest auslugenden Äugen, der Kopf voll schwarzbrauner Locken seien väterliche Erbschaft, nur statt des krummen Rückens habe er den schlanken Wuchs der Mutter. Was Hans Kirch an Zärtlichkeit besaß, das gab er seinem Jungen; bei jeder.Heimkehr lugte er schon vor dem Warder durch sein GlaS, ob er am Hafenplatz ihn nicht gewahren könne. Kamen dann nach der Landung Mutier und Kind auf Teck, so hob er zuerst den kleinen Heinz auf seinen Arm bevor er seiner Iran die Hand zum Mlllommen gab. Als Heinz das sechste Jahr erreicht hatte, nahm ihn der Vater zum ersten Male mit sich auf die Fahrt, als„Spielvogel", wie er sagte. Die Mutter.sah ihnen mit besorgten Augen nach; der Knabe aber freute sich über sein blankes Hütchen und lief jubelnd über das schmale Brett an Bord; er freute sich, schon jetzt ein Schiffer zu werden wie sein Bater, und nahm sich im stillen vor, recht tüchtig mitzuhelfen. Frühmorgens waren sie ausgelaufen; nun beschien sie die Mittagssonne auf der blauen Ostsee, über die ein lauer Sommerwind das Schiff nur langsam vorwärts trieb. Nach dem Esten, bevor der Kapitän zur Mittagsruhe in die Kajüte ging, wurde Heinz dem Schiffsjungen anvertraut, der mit dem Spleißen zerrissener Taue auf dem Deck beschäftigt war; auch der Knabe erhielt ein paar Tauenden, die er eifrig ineinander zu verflechten strebte. Nach einer Stunde etwa stieg HanS Kirch wieder aus seiner Kajüte und rief, noch halb im Taumel:„Heinz? Komm her, Heinz; wir wollen Kaffee trinken?" Aber weder der Knabe selbst, noch eine Antwort kam auf diesen Ruf; statt dessen klang drüben vom Bug- spriet her der Gesang einer Kinderstimme. Hans Kirch wurde blaß wie der Tod; denn dort, fast auf der äußersten Spitze hatte er seinen Heinz erblickt. Auf der Luvseite, behaglich an das matt geschwellte Segel lehnend, saß der Zwabe, als ob er hier von seiner Arbeit ruhe. Als er seinen Vater gewahrte, nickte er ihm freundlich zu; dann sang er unbekümmert weiter, während am Bug das Wasser rauschte; seine großen Kinderaugen leuchteten, sein schwarzbraunes Haar wehte in der sanften Brise. Hans Kirch aber stand unbeweglich, gelähmt von der Ratlostg- keit der Angst; nur er wußte, wie leicht bei der schwachen Luft- strömung das Segel flattern und vor seinen Augen das Kind in die Tiefe schleudern konnte. Er wollte rufen; aber noch zwischen den Zähnen� erstickte er den Ruf; Kinder, wie Nachtwandler muß man ja gewähren lassen; dann wieder wollte er das Boot aussetzen .und nach dem Bug des Schiffes rudern; aber auch das verwarf er. Da kam von dem Knaben selbst die Entscheidung; das Singen hatte er satt, er wollte jetzt zu seinem Vater und dem seine Taue zeigen. Behutsam, entlang dem unteren Rande des Segels, das nach wie vor sich ihm zur Seite blähte, nahm er seinen Rückweg; eine Möwe schrie hoch oben in der Luft, er sah empor und kletterte dann ruhig weiter. Mit stockendem Atem stand Hans Kirch noch immer neben der Kajüte; seine Augen folgten jeder Bewegung seines Kindes, als ob er es mit seinen Blicken halten müsse. Da plötzlich, bei einer kaum merklichen Wendung des Schiffes, fuhr er mit dem Kopf herum:„Backbord!" schrie er nach der Steuerseite,„Backbord!" als ob es ihm die Brust zersprengen solle. Und der Mann am Steuer folgte mit leisem Druck der Hand, und die eingesunkene Leincwand des Segels füllte sich aufs neue. Im selben Augenblick war der Knabe fröhlich aufs Verdeck ge» sprungen; nun lief er mit ausgebreiteten Armen auf den Vater zu. Die Zähne des gesahrjjewohnten Mannes schlugen noch aneinander: „Heinz, Heinz, das tust Du mir nicht wieder!" Krampfhaft preßte er den Knaben an sich; aber schon begann die überstanden« Angst dem Zorne gegen ihren Urheber Platz zu machen:„Das tust Du mir nicht wieder!" Noch einmal sagte er es; aber ein dumpfes Grollen klang jetzt in seiner Stimme; seine Hand hob sich, als wolle er sie auf den Knaben fallen lassen, der erstaunt uud furchtsam zu ihm aufblickte. ES sollte für diesmal nicht dahin kommen; der.Jörn deS Kapitäns sprang auf den Schiffsjungen über, der eben rn seiner lässigen Weise an ihnen vorüberschieben wollte. Aber mit entsetzten Augen muhte der kleine Heinz es ansehen, wie fein Freund Jürgen. er wußte nicht weshalb, von seinem Vater auf das grausamste gezüchtigt wurde.— Als im nächsten Frühjahr Hans Kirch feinen Heinz wieder einmal mit aufs Schiff nehmen wollte, hatte dieser sich versteckt und mußte, als er endlich aufgefunden wurde, mit Gewalt an Bord gebracht werden; auch faß er diesmal nicht mehr singend unter dem Klüversegel; er fürchtete semen Vater und trotzte ihm doch zugleich. Die Zärtlichkeit des letzteren kam gleicherweise immer seltener zutage, je mehr der eigene Wille in dem Knaben wuchs; glaubt« ex doch selber nur den Erben seiner aufstrebenden Pläne in dem Sohn zu lieben. ilFortsetzung folgt.! lftudefblicker und Iugenälekriften. i. Soweit der Markt sich überschauen läßt, hält sich die vor ein paar Jahren ins Uferlose Geratene Flut neuer Bilderbücher diesmal in denielben vernünftigen Grenzen, die schon vor Jahresfrist zu be- obachten waren. Die Zeit der Versuche scheint vorüber, der Acker ist bestellt und einige Frucht, die neu gewonnen wurde, wird erfolgreich und vorgezogen weiter ausgesät. Namen wie Gertrud Easpari, Arpad Schmidhammer, Eugen Oßwald, Joseph Mauder beherrschen vor allem das Neuland und haben auch in diesem Jahre wieder für die Welt der Kleinsten mit guten Gaben ge- sorgt. Das Beste aber, was jetzt geschehen ist, wird in der künstlerischen Weiterbildung des ganz wohlfeilen, unzerreißbaren Bilderbuchs sichtbar. Unser wiederholt ausgesprochener Wunsch, das in den nicht eben billigen, für den Arbeiter meist unerschwing- lichen guten neuen Bilderbüchern aufgespeicherte Bildermaterial für wohlfeile Ausgaben zu verwenden, ist jetzt von einigen Verlegen, auigcnommen worden. Das bedeutet etne ganz wesentliche Erleichterung des Kampfes gegen das Schundbilderbuch, das bisher mit wahren Spottpreisen das Angebot für die Kleinsten beherrschte. Am weitesten ist der Verlag von Scholz auf diesem Felde gegangen. Schade, daß dieser Verlag durch seine törichte Teilnahme an den Kotzdeschen Bestrebunaen und Manövern seinen Ruf in der Nassen- bewußten Arbeiterschaft getrübt hat. Aber es mag gesagt sein, daß diese Bestrebungen, wenigstens für das Feld der Kinderbücher, beiseitgehalten wurden. Der Scholzsche Verlag hat jezt unzerreißbare gute farbige Bilderbücher zu sechs und acht Seiten Umfang auf den Markt gebracht, die nur fünfundzwanzig Pfennig kosten. Das eben braucht man. Ein Bilderbuch großen Formats mit neun Seiten Umfang rmd zahlreichen Anschaubildern von Eugen Oßwald„Mein Spielzeug" kostet nur 1 M. Auf demselben Wege treffen wir auch den Leipziger Verlag Alfted Hahn. Aus Gertrud Casparis reizenden Unzerreißbaren mit Versen von Adolf Holst ist ein neun Blatt starkes Bilderbucki„Für die Kleinen" hergerichtet worden, das 30 Pf. kostet. Nun können diese Bilder der Easpari im wahrsten Sinne des Wortes volkstümlich werden. Der Verlag verdient aufrichtigen Dank. Das Arbeitspaar Caspari-Holst sind vortreffliche Erzieher zur farbenfrischeit Fröhlichkeit. Int Stile unk» Umfang des großen„Lustigen KleinkinderbucheS" haben beide Ber- fasser auch etne neue Gabe geschaffen:„Für unsere Ein» jährigen" iAlfred Hahn, 2,60 37k.). Die Bilder Jind kunstlerisH eine Ueberraschung. Sie zeigen eine Entivickelung deS Casparistils zun, noch mehr Einfachen und zugleich Kräftigen hin. Das ist erreicht worden durch ein Abgehen vom schlicht und scharf konturierendei, Federstrich; an deffeit Stelle ist jetzt der derbbreite Umriß mit den, Kohlenstift getreten, der den farbigen Inhalt der Bilder prächtig zu- sammenfaßt und aufleuchten läßt. Wieder ist ein Buch schöner, kindechter Freudigkeit entstanden, asch durch die tanzfingendei, Reime des vortrefflichen Adolf Holst. Nur den Titel des Buches, der für buchsuchende Eltern bestimmt.ist, möchte man durch ein gutes Wort, das dem Kinde eingehen kann, ersetzt sehen. Eugen Oßwald hat wieder auf dem Felde geerntet, auf dem er berufen gut zu ackern versteht. In dem unzerreißbaren Breitbuche „Komm!"(Scholz. 3 M.) gibt er 22 Seiten Tiere, die da? Kind in Haus, Feld und Wald kennen lernt. Dir Bilder sind deutlich und lebendig, die Verse leider nur recht nüchtern lehrhaft, arm an Humor und ig einigem gar nicht kindlich. Das Vorbild alter berühmter Kinderreime, wie sie in dem schönen Schmidhammerschcn Volks- Bilderbuch„Hoppe- Hoppe- Reiter"(unzerreißbar, k>0 Pf.) verwandt worden find, sollte bei solchen Büchern nicht aus dem Auge gelassen werden. UebrigenS ist dies Schmidhammerfche Buch auch eins von den wohlfeilen, die aus dem Bilderschatze teurerer Bücher zusammengesetzt worden find. » Die Saat, die Heinrich Wolgast, der treue Eckehart deutscher Jugendliteratur, mit seiner Sammlung„Schöner alter Kinderreime" vor Jahren ausgestreut, ist kräftig aufgegangen.. Dankbar weist Karl Henniger in seinem mit Klavierbegleitung herausgegebener, Werke„Alte liebe Lieder" dararf hin. Dem vor drei Jahren erschienenen ersten Teile dieser ausgezeichneten Sammlung ist jetzt ein zweiter gefolgt. Der erste brachte Wiegen- und Koselieder, und der neue wandert nun mit den größer gewordeneu Kindern ins Freie hinaus und singt durch Frühling. Sommer. Herbst und Winter fünfzig Weisen, die der VolkSmund meist vor hundert Jahren und länger zurück geschaffen hat.„Im Jahreskranze" nennt sich das Buch. Was eS an Lust und Laune goldig birgt» daS hat Wolgasts Reimbuchyefährte Josef Mäuder auch hier mit den farbcnftohen Zeugniffm seines berühmten Zeichnerhumors durch- streut. Der Münchener Verlag der Jugendblätter hat ein Werk ge- leistet. daS man ehren kann. Der Preis von 8 M. ist nicht zu hoch. So viel kostet jetzt auch das Kaulbach-Güll- Bilderbuch, das derselbe Verlag vor zwei Iahten herausgab, als jin würdiges Gedenkwerk für den berühmten Dichter der Kinderstube, dessen hundertster Geburtstag vor kurzem begangen wurde. Ein Kinderbuch, das seit Jahrzehnten Ruf hat— daS Buch ,J m Freien" mit seinen zwanzig Zeichnungen von Oökar Platsch— ist von, Leipziger Verlage Heyel und Rhode in dritter Auflage heraus- gegeben worden.(1,S0 M.) Platsch hat die Sttmmung Ludwig Richters. Sonnige Innigkeit ist sein Wesen, naiv und sauber sein Sinn. liebevoll friedlich seine zeichnerische Art. �iZie sorgfältig hergerichtete neue Ausgabe hält ein gutes Erbe lebendig. Aus altbekannten Verschen wiederum ist Gertrud Römhildte Büchlein ,S i n g S a n g l" entfproffen(Schreibers Verlag, Eßlingen, 50 Pf.). Ein reizender Einfall I Aus Blättern in Liliput-Format steht je ein Kinderreim mit einem farbigen Bildchen, das an die lang vergangene Zeit Hand- gemalter Bilderbogen erinnert, die zu Stechbuchzwecken in kleinste Teile zerschnitten wurden. Die Bilder sind wunderhübsch in ihrer schelmisch belebten Zierlichkeit; künstlerischer Sinn hat jedes Blatt aufs glücklichste geordnet: An alte Rei ne knüpft endlich auch daS BoltS-Bilderbuch„ Fr öh lich er Rei gen" an(Scholz, 50 Pf.). in dem Hans SchrödterS frische, launige Kunst sich be- währt, und dann daS Bolls- Liederbuch„Rat einmal" (50 Pf.), in dem zu allen Rätselreimen fiirS Kind die Auflösung von M. Langhein in Bildform gegeben ist. DieS Buch ist schätzenswert ouch wegen seiner übersichtlichen Aufreihung des Inhalts, die alles einzelne fürs Auge gut von einander abtrennt. Endlich kam ein „euer Beitrag zu den vielen Versuchen letzter Jabre. neue Fibeln zu schaffen. S-ie stammt von Wilhelm Kotzle, dem Schmidhammer mit dem Besten seiner Bilderkunst geholfen hat:„Des Kindes Fibel"(Scholz), und will den ABC-Schiitzen bis zur Schwelle des Lesebuches hinauf begleiten. Mit Kindergedichten, Märchen, Rätseln schlicht da? lebendig geratene Buch. Auch Gebete mit frommen Bildern stehen auf den letzle» Seiten. Kotzke liebt eS, eigenen Bedürfnissen zuliebe sich über die Bedürfnisse des Kindes zu täuschen. Die Umwandlung der kostspieligen künstlerischen Bilderbücher in wohlfeile Ausgaben erstreckt sich auch auf die Bücher mit neuen Kinderversen, an denen Paula Dehmel, Gustav Falke und andere mitgewirkt haben. So ist für 60 Pf. ein Buch„Schöne Kinder- lieber" mit Bildern von Gertrud und Waltber CaSpari bei Alfred Hahn, Leipzig, herausgekommen, das seinen Titel mit Recht trägt. Im gleichen Verlage erschien auch ein größeres Buch Kindergedichte, dessen Verstext ganz von Paula Dehme! bestritten wurde: „Auf der bunten Wiese"(3 M.) Unter den Neutönern der Kiuderlieddichtung hat die Dichterin einen geachteten Namen. Ihre Werse haben eigene Anschauung, die dem Kinde eingehen kann, und eigene Rhythmen, die sich ebenso gut einschmiegen, weil sie einfach und singhaft sind. Sie versteht sich auf ein lustiges Spielen aus der gesunden Kindnatur heraus, ohne ins Spielige zu verfallen, und die feste Art der bunten Bilder von Else Rehm-Vietor paßt gut zu ihren resoluten Liedern. Gegen den Schluß des Buches hin tauchen einige erzählende Gedichte auf, die leider ohne die gerühmte Einfachheit sind. Dann'wieder Adolf Holst. Er trifft den Nagel auf den Kopf fauch in dem wunderschönen Bilderbuch„Ringsumher"(Scholz 3,00 M.). in dem Eugen Oßwald eine Menge lustiger Erlebnisse mit Tieren, wie die Phantasie des Kindes sie in naiver Ungebunden- heit ausdenkt, farbenkrästig schildert. Die wohlfeilste Sammlung meist neuer Kinderlieder, von Güll und Herz herauf, gibt Schaff- steius Blaues Bändchen„Im Sonnenschein", das von Fritz Philipp Schmidts Feder mit frisch ausgedachten Zeichnungen versehen ist(Schaffstein. Köln, 30 Pf.). Das Büchlei» gehört vor ollem den Großen. Einer, der unter uns lebt, aber mit dem schlicht- gesunden Natursinn der Dichter von Mathias Claudius bis zu Robert Reinick ist Wolrad Eigcnbrodt. In dem Maler Hans von Volkmann hat er einen Gleichgestimmten gefunden, der der Natur so nah ist wie er selber.'Eine warme ruhige Helle durchsonnt das „Heimatbüchlein für u niere Kleinen", das beide gemeinsam schufen. Wer die friedlich-schöne, man möchte sagen, trauliche Romantik unserer blumigen Wiesen und Wald'äume und leichten Täler und sanften Hügel kennt, dem muß dies Buch lieb sein, in dem jedes Blatt sein Lied und sein Bild hat.(Berger u. Söhne, Langen- salza, 1,20 M.) Ein origineller Dichter kurzer VerSgeschickten fürs Ki»d ist Hans Bö tt ich er, ein neuer Name auf diesem Felde. Er bat groteske Einfälle, die ihn zur Besonderheit machen. Einiges ist zwar gedanklich von vorgestern und sollte im kleinbürgerlichen Staube liegen bleiben: das meiste aber hat echte Komik. Wir hoffen diesem Dichter wieder zu begegnen, und gern auch in Ge- meinschaft mit dem Maler Fritz Petersen.„Kleine Wesen" heißt das Buch der beiden.(Schreiber, Eßlingen, 1 M.) DaS Buch für die Jugend„Vom täglichen Brot" versucht sich an einem oft behandelten Thema.(Tb. Schatzky. Breslau, 1.50 M> In Federzeichnungen schildert(Afriede Landsberger, in begleitenden Wersen Amanda Sonnenfeld, wie da? Brot wächst und wird. Das Buch will vor allem unterhaltend belehren, aber leider läßt es ganz aus dem Auge, daß ein Acker voll Aehren noch lange nicht ein fröhliches Sattessen für alle bedeutet. Sonst ist das Buch mit Liebe gearbeitet. Unterrichten will auch das Bilderbuch„für Jung und Alt":„Mit Heidi und Trallala"(Verlag der Jugend- blätter, München, 2,80 M.). Es will das Bilderbuch der hygienischen Erziehung dienstbar machen und be- zieht sich in begleitenden Zeile» ausdrücklich auf das Struwelpeter- Vorbild. Der Bonner Zahnarzt Günther hat eS geschrieben und der berichtet nun in einer ungemein heiter vcr- stffzierten Geschichte, was die Zähne bedeuten und wann sie Lust und Leid bixeiren. Dies Buch, dem Harry Schultz die vergnügtesten Bilder gegeben hat. muß unterstützt werden. Viel- leicht entschließt sich der Verlag, noch eine wohlfeile Ausgabe zu ver- anstalten. In die Reihe der Bildergeschichten nistet sich auch das „Schatten-Liliput" ein, das der Kunstwart-Berlag heraus- gegeben hat(1 M.). Man hat es da mit Schwarzpapier- Scheren- arbeiten zu tun, die vor einem kilben Jahrhundert entstanden sind und jetzt zum ersten Male in Buchform veröffentlicht werden. Diese Echnittbilder bat ein armer Maler, der seine Arbeiten in den Wirtschaften gegen freie Zehrung weggab, geschaffen: Karl Fröhlich. Die Bilder sind technische Wunder und sind mehr. Von dem Staunen über ihre Zierlichkeit kommt man bald zur Freude über das. was sie darstellen, und spürt den Menschen und Künstler, der dahintersteckt und der die kleinen Dinge der Welt mir liebevollem Humor anzuschauen wußte. Dem hat sich c®.um0t Avrnarius' beigesellt, der das Vielerlei der Bildchen lustig aufreihte und mit wohlgelaunten Verschen zusammen- nahte. DaS Kind« an dem Büchlein ihren Spaß haben, ist gewiß, aber nicht bloß Kindern geht es so, und die Erwachsenen möchte man ganz besonders darauf aufmerksam machen. Perantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: kleines Feuilleton. Anatomisches. Ein Geheimnis des Knochengerüstes. Zu den Unbegreiflichkeiten, die man, weil sie gewohnt" und alltäglich sind, als selbstverständlich hinnimmt, gehört auch die Tatsache, daß die Teile de? menschlichen Knochengerüstes nicht auseinanderfallcn, trotz- dem sie doch teilweise nur sehr locker durch sehnige Häute verbunden und durch Muskeln befestigt sind. Die Erfahrung des Metzgers und auch der Hausfrau in der Küche zeigt, daß ein Lostrennen der Knochen von selbst bei den Tieren auch dann nicht erfolgt, wenn man alle verbindenden Teile wegschneidet. Eine feste, die beiden Knochen etwa aneinander leimende Verbindung existiert nicht, da sonst jede Bewegung verhindert wäre. Es ist im Gegenteil eine so ausnehmend große Beweglichkeit z. B. der Hand oder des ArmeS in ihrem Gelenk da. daß darin die menschliche Hand von keinem Apparat ubertroffen ist. Hierauf beruht ja zum Teil ihre außer- gewöhnliche Kunstfertigkeit. Untersucht man den Bau eines solchen Gelenks näher, findet man, daß es sich hierbei im wesentlichen um zwei sich lückenlos be- rührende, genau aneinander angepaßte Kugelflächen handelt, die von einer schleimigen Flüssigkeit, der Gelenkschmiere, überzogen ist, so daß sich ihre Reibung auf ein Minimum verringert. Welche Kraft hält diese beiden Kugelflächen nun zusammen? Hierüber gewährt ein einfacher Versuch Aufschluß, wenn man die konkave Kugelfläche, also die sogenannte Gelenkpfanne, anbohrt und dadurch der Luft Zutritt zwischen die Gelenkflächen gewährt. Sofort fallen die zwei Knochen auseinander und der alte Zusammenhalt wäre auch nicht mehr zu erlangen, wenn auch Gelenkkapsel und Muskulatur unversehrt vorhanden wäre. Die Erklärung dieses Verhaltens ist einfach, wenn auch an sich schwer glaublich. Der Druck der uns umgebenden Luft ist es, der unseren Knochenbau zusammen- hält. An diesen Luftdruck ist der menschliche Organismus so angepaßt, daß sich jede Aenderung des Lustdruckes rächt, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt. Schon auf hohen Bergen, noch häufiger auf Ballonfahrten, die ja bis zu Höhen über 10 000 Meter emporführten ereignet es sich, daß die feineren Blutgefäße z. B. in den Lungen, in der Nase usw. platzen. Sie waren an stärkeren Luftdruck angepaßt und der gewohnte Blutdruck geriet nun in ein Mißverhältnis zu dem schwächeren Lustdruck, mit dem Endergebnis, daß die Blutgeiäße dem einseitig stärkeren Druck nicht mehr standhalten. Aus gleicher Ursache muß der Mensch für immer der Illusion entsagen, jemals auf einen anderen Himmelskörper als die Erde dringen zu können. Wo eine dünnere oder dichtere Atmosphäre herrscht als auf der Erde, versagen seine Blutgefäße— und sein Knochengerüst. Verkehrswesen. Fernsprecher st ati st ik. Seit längerer Zeit ist Stockholm als die telephonreichste Stadt Europas bekannt und sie hat diese Ehren- stellung im letzten Jahre nickt nur erhalten, sondern auch befestigt. Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß sie an sich eine größere Zahl von Fernsprechanschlüssen habe als die viel größeren Weltstädte Berlin, Paris oder London, sondern die Berechnung ge- schiebt gewohnheitsmäßig im Verhältnis zur Einwohnerzahl. In Stockholm bat jeder fünfte Einwohner einen selbständigen Fern- iprechanschluß, in Kopenhagen und Kristiania erst jeder fünfzehnte, in Berlin etwa jeder zwanzigste. Das sind die vier fernsprech- eifrigsten Großstädte Europas. An fünfter Stelle folgt Hamburg mit 4,7 Anschlügen auf je 100 Einwohner, dann erst in weitem Ab- stand London mit 2,8, Paris mit 2,7, Wien mit 2,3 und PeterS- bürg mit 2,2 Proz. Ungefähr in derselben Folge stehen auch die Staatseinnahmen aus dem Fernsprechwesen, die in den skandi- navischen Ländern ebenso wie in Deutschland die Einkünfte aus der Telegraphie weit übertreffen. In Frankreich sind Heide Ziffern etwa gleich, während in Italien, in Rußland und in Spanien die Einnahmen aus den Telegraphengebühren erheblich höher sind. Eine Weltstatistik des Fernsprechers lehrt ferner, daß Europa in der Entwicklung dieses Verkehrszweiges von Amerika weit über- flügelt worden ist. Ueber zwei Drittel aller Fernsprechanschlüffe der Erve entfallen auf die Vereinigten Staaten, nur wenig mehr als ein Viertel auf ganz Europa. Gibt es doch in Europa immer noch einige Großstädte, die nicht eine einzige Fernsprechstelle für öffentliche Benutzung haben. Diese liegen selbstverständlich in der bisherigen europäischen Türlei, und zwar sind es Konstantinopel selbst und außerdem Adrianopel und Saloniki. Auch die Vereinigten Staaten haben übrigens nur eine einzige Stadt aufzuweisen, deren Einwohnerschaft an Telephonfreudialeit noch über der von Stockholin steht, nämlich LoS Angeles in Kalffornien, wo fast jeder vierte Einwohner, auch die kleinsten Kinder mitgerechnet, eltttn eigenen Fernsprecher zur Verfügung hat. Aber die Städte Chicago, Boston, Philadelphia und New Jork haben sämtlich mehr Fern- sprecker im Verhältnis zur Einwohnerzahl als irgendeine Stadt Europas mit Ausnahme der schwedischen Hauptstadt. Im ganzen gibt es jetzt 12l/z Millionen Fernsprechabonnenten auf der Erde,' und die Länge der Fernsprechleitungen würde mit 47>/z Millionen Kilometer die Erde im Aequator mehr als tausendmal" umspannen können._ VorwärtsBuchd�uckerei u. Verlagsanstalt Paul Stnger4:Eo.,BerllnLW.