Mnttthaltungsvlatt des Horwürts Nr. 246 Donnerstag ven 19. Dezember. 1912 lSZachdruik(petCoten.) 181 Hlbertine. Roman von C h r i st i a n Krohg. Die Musik, die vor der Fahne des Schulschiffes herging. spielte:..Ja. wir lieben das Land,. und der Zug marschierte in die Markkstrasie hinein. ..Immer langsam voran! Immer langsam voran!" ..Hurra— a!" „Wenn er bloß aushalten kann!" „Ach Gott, wie schön!" „Ne,— seh doch bloß all' die Kinder!" „Ach ne. ach ne, wie schön!" Frauen und Mütter gingen auf dem Bürgersteig: einige steckten die Köpfe zum Fenster hinaus. Eduard marschierte taktfest zwischen den andern mit seiner Flagge. Die Augen strahlten, die Wangen glühten. „Siehst Du. Tine! siehst Du. er sieht schon viel besser aus: er wird gewiß wieder-ganz gesund, wenn es nur erst wärmer wird!" Rings um sie her wurde ununterbrochen geschwatzt und gelacht. „Ach ne— ach ne— sieh doch mal all die Kinder da!" „Ach ne— wie schön!" „Was für'ne Schule is' das denn?" „Sic Hab' ich auch'ne Ewigkeit nich' gesehen!" „Ein Glück, daß das Wetter heut so schön geworden is'!" „Siehst Du ihn noch, Tine— ja, da is' er!" „Hurra— a— q— o— o— a— a— a!" „Wo woll'n wir nu hin, Tine?— Ich glaub', sie ziehen nach dem Park!" „Ja, wir müssen rund um das Schloß herum, da oben, denk' ich, wird mehr Platz sein." „Hurra— a, der König soll leben! Hurra— a!" „Nu glaub' ich, spielen sie wieder„Norwegens Söhne"." sagte Albertine und sah nach der Musik hinüber.-- Ja. es war heute wirklich herrliches Wetter— und wie hübsch die Stadt heute war! Sie glaubte, sie hätte sie noch nie so schön gesehen mit all den Flaggen und all den kleinen hellgrünen Blättern an den Bäumen, und die Karl Johann-Straße mit den unzähligen Flaggen oben auf den Häusern und den vielen, die in die Straße hineinhingen, und es war ganz schwarz von Leuten — und Äkershus-- und der Fjord. Ja. es war gut, daß sie doch mitgegangen war. wenn eS auch ärgerlich war. daß sie hier in dem alten, häßlichen Winterkleid herumgehen sollte, während alle die andern ihre neuen Frühlingsmäntel anhatten. Sie kam sich wie eine Ausgestoßene vor: aber das half nun nicht, der siebzehnte Mai war nun doch ein so besonderer Tag.— Hurra!— hätt' sie beinah in die Luft hinausgerufen. „Hurra— a— al" tönte es den ganzen Zug entlang und weiter rund um das Schloß herum und kam auf der andern Seite wieder heraus, da. wo sie hinaufströmten, und dann fingen die ersten wieder von neuem an— und so ging es bis ins Unendliche. „Wo is' er nu, wo is' er nn?" rief Madam Kristiansen, die im Gedränge an der Ecke des Postgebäudes in die Klemme geraten war.„Ach, Gott bewahr' mich!" „Ja, wir werden ihn schon finden, laß mich Dir nur das Tuch ein wenig gerade rücken." Während der Druck sie weiter führte, um die Ecke herum, zupfte Albertine der Mutter das Tuch zurecht und steckte ein paar dünne, graue Haarsträhnen, die sich losgelöst hatten, hinein. „Du sckgvitzst so. Mutter, komm, laß Dich ein bißchen abtrocknen!" „Ich glaub' er is' noch immer hinter uns." „Ach— wir werden ihn schon finden." Sie waren an die Festung gelangt. „Sieh, da is' die Fahne vom Schulschiff, siehst Du wohl? Die Flagge gerade unter der Rednertribüne! Wir wollen sehen, daß wir dahin kommen, denn da steht er ja." „Ja. wir wollen sehen, daß wir da hinkommen!" „Ach ja, verzeihen Sie!" „Siehst Du ihn nu?" „Ja— da— da is' er!" „Ja— da is' er! Leih mir mal Dein Taschentuch. Tine, ich will mir den Schweiß abtrocknen. Hu, gräßlich, wie warm es is'!— Die Sonne scheint schon ganz heiß!" „Hurra— a—a!" Fanfare. „Guck, da is der, der die Rede halten soll. Gott, wie fein!— Weißer Schlips und weiße Handschuhe, das is gewijj ein ordentlicher Student," sagte Mutter Krist.iansen. Fanfare. Der Student nahm die Mütze mit dem Troddel ab. Die Sonne schien auf seinen jugendlichen Kopf. Hinter ihm schimmerte die blaue Luft. Endlich trat Stille ein. Er begann. Jnngens! Ihr habt ja alle mit Stolz und Begeisterung unsere alte Königsgeschichte gelesen. Harald Haarsager, Olaf Trygoason, Svere und Haakon haben Glanz über die Geschichte unseres Landes ausgebreitet lind die Freiheit deS alten Norwegens gewahrt. Und Norwegen ist geehrt lind gefürchtet worden, aber weil der Bruder das Schwert gegen den Bruder erhob lind Norwegen befleckt ward von dem Blut seiner eigenen Kinder. traf das größte Unglück unser Land, es büßte seine Freiheit ein, und vierhundert lange Jahre mußten unsere Väter dem Befehl einer fremden Macht gehorchen. Da war es Nacht in Norwegen. Aber gottlob, brach ein neuer Tag an. Im Jähre 1814 erhob sich Norwegen nach der langen Nacht— und zwar mit einer solchen Kraft, daß alle Ketten und Banden zerrissen, und es frei und stark dastand. Und mit unseren Urgroßeltern beginnt eine neue und herrliche Zeit für Norwegen. Der 17. Mai 1814 ist der erste Gedenktag, und unser Vater und unser Großvater haben ihrer mehr hinzugefügt. Und wenn Du nun heute hier stehst und Dein Hurra jubelst— da versprichst Du zugleich, daß auch Du, wenn Du ein Mann wirst, die Freiheit und Ehre unseres alten, lieben Norwegens schirmen wellst. Und die Flagge, die Du in Deiner Hand schwingst, ist! das Zeichen der Freiheit. An dem Tage, wo Du sie verlierst, büßt Norwegen seine Freiheit ein. So halte sie denn fest, auf daß Norwegen sein teuerstes Gut nicht verliere, sondern frei und fest dasteht wie seine eigenen Berge! Norwegen lebe hoch! „Hurra, hurra— a— a! Hurra, hurra— a— n— a— a— a— a— a— a!" Fanfare. Man sah die Flaggen nicht mehr in langen Schlangen» Windungen, sondern überallhin ausgesät. „Nu müssen wir aufpassen, daß Eduard uns nich Wiedel wegkommt," sagte Albertine. „Da is er!" In der Menge entstanden größere und größere Oeff« nungen. Man blieb hier und da in Scharen sieben. „Na ja, das war das Vergnügen, eine hübsche Redek Ja, nu müssen wir mal sehen, daß wir wieder nach Haus kommen!" „Nein, Mutter, wir gehn noch nich nach Hause," sagte Eduard. Seine Augen blitzten, und seine Wangen waren stark gerötet.„Ich spendier ein Glas Bier, wenn Ihr wollt, es is ja der 17. Mai! Oder wollt Ihr vielleicht lieber! Limonade?" Er steckte die Hand in die rechte Hosentasche. Sie lachten, aber sie dankten ibm, sie wollten am lieb» sten Bier haben, es konnte gut tun. ein Glas Bier zu trinkem Albertine meinte, sie wollten in den Pavillon hinaufgehen» da wäre es am feinsten und hübschesten, und es war sd amüsant, da zu sitzen und die Leute zu betrachten, und sie wollten durch die Kirchenstraße und die Karl Johann-Straße gehen. Hätte sie doch nur ihren neuen FrüblingSmantel gehabt. — Herr Gott, da saßen jc. Helgesen und Smith und tranken. — Die fingen aber früh an. na ja, beute war ja der 17. Mai.— Hoffentlich hatten sitz es nun aufgegeben, sie zu grüßen.— Jedenfalls würde sie nicht wieder grüßen.— Nein!— Ja. aber!— Sie neigte den Kopf und erwiderte den Gruß.— Ach. hätt sie m doch bloß den neuen Früh» — 982— fingSmautel Kehabtl— Ja, zu Pfingsten. Ka scllten sie sehen. Es war wirklich riahr. was Jussa sagte, hast sie fein in Zeug waren, namentlich Helgesen, er war gewiß der feinste Herr in der Stadt. Ein Glück, daß die Alte nicht gesehen hatte, daß sie grüßten, denn hätt das Fragen und Ausforschen wohl kein Ende gehabt. „Du, Mutter, der Lehrer hat mir versprochen, daß ich Zunr Herbst wieder einen Platz auf dem Schulschiff haben soll, ich Hab ihm gesagt, denn war ich wieder gesund," sagte Eduard. „Ja. heut geht es Dir wirklich viel besser, mein Jung! Wenn es bloß erst'n bißchen wärmer werden wollt! Das Hilst viel besser als der Doktor." „Ach was! Es geht mir schon viel besser, ich Hab viel lauter Hurra gerufen uls all die anderen: das haben sie selbst gesagt." „Ja, ich Hab Dich Hurra rufen hören, mein Jung! Ganz deutlich!" Sie waren an den Pavillon gekommen— es wimmelte dort schon von Leuten. Eduard fand trotzdem einen Tisch. von dem gerade jemand aufstand. „Ja. nu müßt Ihr Euch bitte wtzen.— Heda! Kellner! Hören Sie? Bringen Sie uns erne Flasche bayrisch Bier und drei Gläser!" Endlich kam das Gewünschte. „Was inacht das?" Er hielt die kleine durchsichtige Hand mit dem blauen Anker fest geschlossen. „Vierzig Oere." Er öffnete die Hand und legte ein fünfzig Oerestück auf das Teebrett. Der Kellner wollte ihm zehn Oere geben, aber er lehnte sich zurück und sagte:„Nein, behalten Sie das bitte, das ist für Sic! �— Es war sehr reichlich," sagte er,„aber es is ja nur einmal im Jahre der siebzehnte Mai!" Dann nahm er die Flasche, trocknete die Oeffi.ung mit der Handfläche ab, schenkte einen Tropfen in sein eigenes Glas, füllte die anderen bis zum lieberschäumen und schenkte dann sich selbst ein. Sie saßen eine Weile schweigend da. „Ja, nun nrüßt Ihr zugreifen," sagte Eduard und nahm sein Glas— er huste' e—„Bitte ichön!" Sie griffen zögernd nach ihren Gläsern, -„Prost, Mutter! Prost. Tine!" -..Prost, Eduard!" „Der siebzehnte Mai soll leben „Hurra!" Sie tranken. Er nahm die Flasche Und berteilte den Rest gleichmäßig. „Ne. was für schönes Wetter wir doch gekriegt haben!" „Ja. am siebzehnten Mai is immer," er bekam einen Hustenanfall,„is immer sckwnes Wetter!" Er hatte sein Taschentuch herausgeholt und hielt es vor den Mund; als er es weg nahm, war ein wenig Blut dar- flitf; er sah hastig zu den anderen hinüber, die Alte hatte es nicht gesehen, dahingegen Alberhne, er lächelte ihr zu und schüttelte den Kopf.„Ach was!" sagte er und steckte das Taschentuch in die Tasche. Sie saßen eine Weile da. „Mir deucht. Du bist so blaß. Eduard, nu. find ich, is es genug für heute. Du bist gewiß müde.— Ein andermal kannst Du länger draußen sein. Na, mein ich. gehen wir nach Hütts. Es is doch noch Eis in de� Luft. Du!" „Komm, ich will Dich führen!" Sie schlenderten langsam die Straße hinab— Mutter Kristiansen ließ sich von Eduard führen, Albertine ging auf der anderen Seite. „Ne. was doch für schönes Wetter is!" sagte Eduard. Schließlich kamen sie an das Reichstagsgebäude. „Herr du meines Lebens! War das nich Jossa? Ne, wie fein die war!" „Gntcn Tag. guten Tag! Gut. daß ich Dich treffe. Na. was sagst Du denn zu mir! Magst Du den Mantel leiden? Fjong, was? Und der Hut! Pariser Modell!— Haben wir nich herrliches Wetter?— Herr i« Eduard. Tu bist auch draußen? Willst Du mein Schatz fein? Heut woll'n wir uns'iien lustigen Tag machtn!— Komm nu, Tine,— Du Willst doch nich schon nach Haus gehen? Bist Du matt?" Nein, sie konnte gern noch ein wenig mitgehen, Fortsetzung folgt.» 51 r>ana und f>cmz Kirch. Bon Theodor Storm. Seitdem waren fünfzehn Jahre hingegangen. Die kleine Stadt erschien! fast unverändert; mir daß für einen jungen Kaufherru aus den alten Familien am. Markt ein neues Haus erbaut war, daß Tclegraphendrähtc durch die Gassen liefen und auf dem Post- Hausschilde jetzt mit goldnen Buchstaben!„Kaiserliche Reichsposl" zu lesen war; wie immer rollte die See ihre Wogen an den Strand. und wenn dco Nordwest vom Lstnordost gejagt wurde, so spülte das Hochwasser an die Mauern der Brennerei, die auch jetzt noch in der roten Laterne ihre beste Kundschaft hatte; aber das Ende der Eisen- bahn lag noch manche Meile landwärts hinter dem Hügelzuge, sogar auf dem Bürgermcisierstuhle saß trotz� der neuen Segnungen noch im guten alten Stile ein studierter Mann, und der Magistrat be- hauptctc fein altes Ansehen, wenngleich die Senatoren jetzt in „Stadträte" und die Deputierten in„Stadtverordnete" verwandelt waren; die Abschassung der Bürgerglocke als eines alten Zopscs war in der Stadtverordnetenversammlung von einem jungen Mit- gliede zwar in Vorschlag gebracht worden, aber zwei alte Herren hatten ihr das Wort geredet; die Glocke hatte sie in ihrer Jugend von manchem dummen streich nach Haus getrieben; weshalb sollte jetzt das junge Volk und das Gesinde nicht in gleicher Zucht gehalten werden? Und nndfrwie vor, wenn es zehn vom Turm geschlagen hatte, bimmelte die kleine Glocke hinterdrein und schreckte die Pärchen auseinander, die auf dem Markt am Brunnen schwatzten. Nicht so unverändert war das Kirchfche HauS geblieben. Heinz war nicht wieder heimgekommen,£t war verschollen; es fehlte nur. daß er auch noch gerichtlich für tot erklärt worden wäre; von den jüngeren Leuten wußte mancher kaum, daß eS hier jemals einen 'Sohn des alten Kirch gegeben habe. Damals freilich, als der alte Marten den Vorfall mit dem Briese bei seinen Gängen mit herum- getragen hatte, war von Vater und«ohn genug geredet worden; und nicht nur von diesen, auch von der Mutter, von der man nie- lwais redete, hatte man erzählt, daß sie derzeit, als es endlich auch ihr von draußen zugetragen worden, zum erstenmal sich gegen ihren Mann erhoben habe.„Hans! Hans!" so hatte sie ihn angesprochen, ohne der Magd zu schien, die' an der Küchcntür gelauscht hatte; „das war Dein Recht nicht ohne mich zu tunl Nun tonnen wir nur beten, Haß der Brics nicht zu dem Schreiber wiederkehre; doch Gott wird ja so schwere Schuld nicht auf Dich laden." Und Hans Adam. während ihre Augen voll und tränenlos ihn ansahen', hatte hierauf nichts erwidert, nicht ein«terbenswörtlein; sie aber hatte nicht nur gebetet; überall hin, wenn auch stets vergebens, hatte sie nach ihrem Sohne forschen lassen; die Kosten, die'dadurch verursacht wurden, entnahm sie ohne Scheu den kleineren Kassen, die sie verwaltete; und Hans Adam, obgleich er bald des irnie wurde, hatte sie still gewähren lassen. Er selbst tat nichts dergleichen; er sagte es sich beharrlich vor,'der Sohn, ob brieflich oder in Person, müsse anders oder nie- malS wieder an die Tür des Elternhauses klopfen. Und der Sohn hatte niemals wieder angeklopft. Hans Adams Haar war nur um etwas rascher grau geworden; der Mutter aber hatte endlich das stumme Leid die Brust zernagt, und als die Tochter aufgewachsen war, brach sie zusammen. Nur eins war stark in ihr geblieben, die Zuversicht, daß ihr Heinz einst wiederkehren werde; doch auch die trug sie im stillen. Erst da ihr Leben sich rasch zu Ende neigte, nach einem heftigen Anfall ihrer Schwäche, trat eS einmal über ihre Lippen. Es war ein frosihcllcr Weibnachtsmorgen, als sie, von der Tochter gestützt, mühsam die Treppe nach der oben gelegenen Schlafkammcr emporstieg. Eben, als sie auf halbem Wege, lief auf- atmend und wie hilflos um sich blickend, gegen das Geländer lehnte, brach die Wintersonne durch die Scheiben über der Haustür und erleuchtete mit ihrem blassen Schein den dunklen Flur. Da wandte die kranke Frau den Kopf zu ihrer Tochter:„Lina," sagte sie ge- heunnisvoll, und ihre matten Augen leuchteten plötzlich in bc- ängstigender Verklärung,„ich weiß es, ich werde ihn noch wieder- sehen! Er kommt einmal so, wenn wir es gar nicht denken!" „Meinst Du. Mutter?" fragte die Tochter fast erschrocken. „Mein Kind, ich meine nicht; ich weiß eS ganz gewiß!" Tann- hatte sie ihr lächelnd zugenickt; und bald lag sie zwischen den weißen Linne» ihres Bettes, welche in wenigen Tagen ihren- toten Leib umhüllen sollten. In dieser letzten Zeit hatte Hans Kirch seine Frau fast keinen Augenblick verlassen; der Bursche, der ihm sonst im Geschäfte nur zur Hand ging, war schier venvirrt geworden über die ihn plötzlich treffende Sclbftverantwortlichkeit; aber auch jetzt wurde der Name des Sohnes zwischen' den beiden Eltern nicht genannt; nur da die schon erlöschenden Augen der Sterbenden weit geössner und wie suchend in die leere Kammer blickten, hatte Hans Kirch, als ob er ein Versprechen gebe, ihre Hand ergriffen und gedrückt; dann hatten ihre Augen sich zur letzten Lebensruhe zugetan-. Aber wo war, was trieb Heinz Kirch in der Stunde, als seine Mutter starb? ..». Ein paar Jahre weiter, da war der spitze Giebel des Kirchschen Hauses abgebrochen und statt dessen ein volles Stockwerk auf das Erdgeschoß gesetzt worden; und bald hausete eine junge Wirkschast in- den neuen Zimmern des Oberbaues; denn die Tochter hatte den Sohn eines wohlhabenden Bürgers aus der Nachborstadt geheiratet, der dann in das Geschäft ihres Palers eingetreten war, Hans T — 983— Kirch begnüg de sich mit den» Räumen fos alten Unterbaues; die Schreibstube neben der Haustür bildete zugleich sein Wohnzimmer. Dahinter, nach dem Hofe hinaus, lag die Schlaskammer; so saß er ohne viel Treppensteigen mitten im Geschäft und konnte trotz des anrückenden GreiscnalterS und seines jungen Partners die Fäden noch in seinen Händen halten. Anders stand es mit der zweite» Seite seines Wesens; schon mehrmals war ein Wechsel in den Ma- gistratspcrsoncn eingetreten; aber HanS Kirch hatte keinen' Finger darum gerührt; auch, selbst wenn er darauf angesprochew wanden, lein Für oder Wider über die neuen Wahlen aus seinem Munde gehen lassen. Dagegen schlenderte er jetzt oft. die Hände auf dem Rücken. bald am Hasen, bald in den Bürgerpark, während er sonst auf alle Spaziergänger nur mit Verachtung herabgesehen hatte. Bei an- brechender Dämmerung konnte man ihn auch wohl draußen über der Bucht auf dem hohen Ufer sitzen sehen; er blickte dann in die offene See hinaus und schien keinen der Wenigen, die vorüberginge», zu bemerken. Traf eS sich, daß aus dem Zlbendrot ein Schiff hervor- brach und mit vollen Segeln aus ihn zuzukommen schien, dann nahm er seine Mütze ab und strich mit der andern Hand sich ziitemd über seinen grauen Kopf.— Aber nein; es geschahen ja leine Wunder mehr; weshalb sollte denn auch Heinz aus jenem Schiffe sein?— Und HanS Kirch schüttelte sich und trat sast zornig seinen Heim- weg an. Der ganze Ehrgeiz deS Hauses schien jedenfalls, wenn auch in anderer Form, jetzt von dem Tochtermann vertreten zu werden; Herr Christian Martens hatte nicht geruht, bis die Familie unter den Mitgliedern der Harmoniegejellschast figurierte, von der be-> kannt war, daß nur angesehenere Bürger zugelassen wurden. Der junge Ehemann war, wovon der Schwiegervater sich zeitig und gründlich überzeugt hatte, ein treuer Arbeiter und keineswegs ein Verschwender; aber— für einen feinen Mann gelten, mit den Honoratioren' einen vertraulichen Händedruck wechseln, etwa noch eine schwcrgoldene Kette auf brauner Samtweste, das mußte er da- neben haben. Hans Kirch zwar hatte sich anfangs gesträubt; als ihm jedoch in einem stillen Nebenstübchcn eine solide Partie„Sechs- undsechzig" mit ein paar alten secbefahrenen Herren eröffnet wurde, ging er auch mit seinen Kindern in die Harmonie. So war die Zeit verflossen, als an einem sonnigen Vormittage Im September Hans Kirch vor seiner Haustür stand; mit seinem �strahlen krummen Rücken, seinem hängenden Kopfe, und wie gewöhnlich beide Hände in den Taschen. Er war eben von seinem Speicher heim- gekommen; aber die Neugier hatte ihn wieder hinausgetrieben; denn durch das Fenster hatte er linkshin auf dem Markte, wo sonst nur Hühner und Kinder liefen, einen grossen Haufen erwachsener Menschen, Männer und Weiber, und offenbar in lebhafter Unter- Haltung miteinander, wahrgenommen; er hielt die Hand ans Ohr, um etwas zu erhorchen; aber sie standen ihm doch zu fern. Da löste sich ein starkes, aber anscheinend hochbetagtes Frauenzimmer �md seiner hohnlachenden„Dedikaaon an Apoll'; hecheln mit aus der Menge; sie mochte halb erblindet sein, denn sie fühlte mit rhm„Philister, Michel und Lakaien", daß die Wolle stiebt; lassen einem Krückstock vor sich hin; gleichwohl kam sie bald rasch genug gegen das Kirchsche HauS daher gewandert.„Julel" brummte Hans Adam.„Was will Julc?" Seitdem der Bruder ihr vor einigen Jahren ein grösseres Dar- sehen zu einem Einkauf abgeschlagen hatte, waren Wort und Gruss nur selten zwischen ihnen gewechselt worden; aber jetzt stand sie vor ihm; schon von weitem hatte sie ihm mit ihrer Krücke zugewinkt. Im ersten Antrieb hatte er sich umwenden und in sein Haus zurück- gehen wollen, aber er blieb doch.„WaS willst Du, Jule?" fragte er.„Was veraktordieren die da auf dem Markt?" „Was die verakkordicren, Hanö? Ja, leihst Du mir jetzt die 10» Takvr, wenn ich Dir's erzähle?" Er wandte sich jetzt wirklich, um ins Haus zu treten. „Nun, bleib nur!" rief sie.„Du sollst» umsonst zu wissen kriegen; Dein Heinz ist wieder da!" Ter Alte zuckte zusammen.„Wo? Was?" stiess er hervor Und fuhr mit dem Kops nach allen Seiten. Die Speckhökerin sah tuit Vergnügen, wie seine Hände in den weiten Taschen schlotterten. „Wo?" wiederholte sie und schlug den Bruder aus den krummen Rücken.„Komm zu Dir. Hans! Hier ist er noch nicht; aber in Hamburg beim Schlafbas in der Johannisstrasse!" Hans Kirch stöhnte.„Wcibergewäschl" murmelte er.„17 Jahre fort; der kommt nicht wieder— der kommt nicht wieder." Aber die Schwester liess ihn nicht los.„Kein Weibergcwäsch, Hans! Der Fritze Reimers, der mit ihm in Schlafstelle liegt, hat's nach Haus geschrieben." „Ja, Jule, der Fritze Reimers hat schon mehr gelogen!" Die Schwester schlug die Arme unter ihrem vollen Busen um- einander.„Zitterst Du schon wieder für Deinen Geldsack?" rief sie höhnend.�„Ei nun, für dreissig Neichsguldew haben sie unseren Herrn Christus verraten, so tonntest Du Dein Fleisch und Blut auch wohl um dreissig Schillinge Verstössen. Aber jetzt kannst Du ihn alle Tage wieder haben! Ratsherr freilich wird er nun wohl nicht mehr werden; Du musst ihn schon nehmen, wie Du ihn Dir selbst gemacht hast!" Aber die Faust des Bruders packte ihren Arm; seine Lippen hatten sich zurückgezogen und zeigten das noch immer starke voll- zählige Gebitz.„Nero! Nero!" schrie er mit heiserer Stimure in die Haustür, während sogleich das Ausrichten deS grossen Haushundes drinnen hörbar wurde.„Weib, verdammtes, soll ich Dich mit Hunden von der Tür hetzen!" Frau Jules sittliche Entrüstung mochte indessen nicht so tief gegangen sein; hatte sie doch selbst vor«iuem halben Jahre ihre einzige Tochter fast mit Gewalt an einen reichen Truntcnbold der- heiratet, um von seinen Kapitaliei- in ihr Geschäft zu bringen; es hatte sie nur gereizt, ihrem Vrn kr, wie sie sp!ter meinte, für die hundert Taler auch einmal etwas auf den Stock zu tun. lln!» so war sie denn schon dabei, ihm wieder gute Worte zu geben, als vom Markte her«in älterer Mann zu den Geschwistern trat. Es war der Krämer von der Ecke gegenüber.„Kommt, Nachbar." sagte dieser, indem er Hans Adams Hand fasste,„wir wollen; in JhC Zimmer gehen; das gehört nicht auf die Strasse!" �Forttegung folgt.) Zwei deutTebe ftumoriften. Seit 1876 liegt Adolf Glahbrenner im Grabe und dt« bürgerliche LiteraturgeschicbtSschreibung sargte nur notdürftig seinen Namen ein. Aber war Glahbrenner auch wirklich tat? Oder hatte wirklicb kein Zopfträger befürchret. d»ss der Geist»es Verstorbenen nocb immer lebendig sei? Doch! Denn die Berliner königliche Bibliothek hält ja noch bis zum heuttgen Tage mehrere seiner Schriften als„Nicht verleihbar" ängstlich verschlossen. In verkleisterten Bureaukratenhirnen spukt eben noch immer der.Wacht- stubengeist des vormärzlichen Polizeistaates, gegen den Adolf Glass- brenner(„91. Brennglas") unerschrocken zu Felde gezogen.... Es war also an der Zeit, sein scharfes Oetvaffen aus dem Grabe un- verdientet» Vergessens heraufzuholen, damit eS dem sozialistischen Arbeiterproleiariat in seinen gegenwärtigen wie zukünftigen Kämpfen nütze. Dieser Aufgabe hat sich nun unser Genosse Franz Diederich unterzogen, indem er Adolf GlassbreniierS Werke durchmusterte, um die zündenden Gedanken und geistfunkelnden Satiren Seite an Seite zu einem stattlichen Bande zu vereinen.„Unterm BrennglaS" bcisst das im Verlag der Buchhandlung Vorwärts erschimenc Brich.„Ein Brennglas ist ein nützlich Gerät in der Arbeit des Lebens... Ein höchst unbequemes Matz für mancherlei lästiges Erdenzeug, das aus umwallten Schlupfwinkeln hervor ungestraft Raub, Blutsaugerei und AergercS treiben darf... Es hat zu seinem Teile Macht überS Sonnenlicht, kann dessen zu dolchspitzem, heißem Bündel zusammenschließen und mit dieser Glutpieke todschmei zlich sengen, diu Pelz brennen und Feuer anstiften. Eine peinliche Macht, ein Greuel allem. waS kein Licht vertragen kann."... Mit diesem Gleichnis leitet Diederich seine vier Druckbogen umfassende Einleitungsstudie ein. Es ist eine Gemeinde voll historischer Gerechtigkeit, gesättigt von sprachlicher Feinheit, eine markig ertönende Fanfare, die uns hernach gleich zu Glahbrenner selbst hinüberträgt. Da lauschen wir nun seiner„Silvesterrede", die«in Bündel Neujahrswünsche ausschüttet, uns von ihm allerhand Fabeln, Parabeln und Geschichten aus Fabelhasten Ländern" berichten und wandern an seiner Hand im Berliner Voll" umher. Ja. hatte er nicht zuerst gezeigt„Wie«S ist und— trinkt"? Hatte er eS nicht gelehrt, zu juchzen und zu tanzen? Lüste er nicht den goldenen Humor, daß cS nun nach langer Dumpfheit das Zwerchfell»wr Lachen schtnelte? War er nicht der Urheber, der Beflügler des eigentlichen Berliner Volks- witzeS? Aber es kam der Augenblick, da das neckische Tändeln dem Ernst der Zeilwirren weichen nmßte. Jetzt galt eS, das Volk aus sie hinzulenken, eS politisch denken zukehren. Der politische Satiriker steht wuchtig da und das Volk selber wird durch ihn aufgerüttelt, befeuert, um durch seinen Mund zu murren, zu protestieren, laut anzuklagen. Ei, und wie seine„Guck- kästner", Schuster, Schneider, Handschuhmacher und sonstigen Typen zu politisieren verstehen! Das»st kein Kannegießern mehr. daS ist Einsicht und Wollen! Selbst Rentier Buffey nskiert'ue Lippe und sogar unterm Kittel deS GendarniS regt sich, was man ketzerische Gedanken nennt.... Nachdem wir dam»„Chinesisches" gekostet, eine„Fahrt nach Utopien" gewagt, zurückgekebrt, allerlei„Nullen, Esel und Schufte" gebüttelt und alles„Drüber oder drunter" purzeln gesehen haben, stürzen wir unS in die„Revolution". Den Toten im Friedrichshain gilt der Schwur: Zu kämpfen, wie sie— oder für die Freibeit zu fallen wie sie. Was find die ehedem so zahmen Giickkasienmänner jetzt für Revolutionäre! Aber— tckjon schwirren unheimliche Gespenster durch die Luft. Der Bureau» kraie schnauzt wieder, der Zensorstist verhunzt die Preßfreiheit. Zwar sieht man noch ein Puppentheater, mit„Komödianten in Purpur und Seidel Noch führt ihr sie am Strick! Kinderchen, nehmt euch in acht!" Eb gedacht, ist sie schon da, die-- „Rrrreaklion I" Ach und nun?„Wir sind wieder ganz in der alten Polizeiwirtschast I Wir hatten früher zu wenig Polizei. Die Ereignisse im März waren eine geschichtliche Notwendigkeit:� die 183 Helden im Friedrichshain mußten für die späieren Schutzmänner ihr Leben aushauchen".. Und, wie folgt, preist der Guckkästner die Ereignisschau des Jahres 184? im Berliner Guck'aste» Unter den Linden an:„Immer'ran, meine Herrichasten! lPathctisch):� Hür jenießen Sie das janze wcltjeichichtliche Jahr 1819 � vor Einen Silbersechser mit den Portrait Seiner Majestät der Krone von Preußen I Wohlfeiler iS es mir nich möglich 1 1 1 Rückwärts, rückwärts Roderigo I Die„Rede des deutschen ReichSnnrrcn an daS vereinigte Deutschland" öffnet daS Tor zum„FunkerparadieS". So haben wir denn Adolf Glassbrcnner, den politischen Satiriker - 984- vor uns, wie wenn er heute lebte. So ftd, so schneidend, so mit reihend aktuell tont seine Rede, schwirren seine Pfeile, wie dazu- mall Und U? Bilder seiner zeichnerischen Mitstreiter bel gleiten sie. Glahbrenner ist wieder uns-r l Das gemäh seiner Be- deutung künstlerisch gediegen ausgestaltete Buch kostet stilvoll ge bnnden nur 3 M.— Im Anschluß hieran mag ein Weichen über Glahbrenner von Robert Rodenhauser lNikolasiee. Verlag Max Harrwitz) erwähnt sein. Der Verfasser schätzt den Dichter lediglich vom literarwissenschaftlichen Standpunkt ein. Zunächst gibt er über Glahbrenners Leben einige neue dankenswerte Aufschlüsse. Sodann wird in drei großen Kapiteln Glahbrenners Schriststellertätigkeit, in einem vierten seine Abhängigkeit von deniJoeen des„jungen Deutichland und endlich im Schluhkapitel der Dichter(als solcher) mit philologischer Gründlichkeit behandelt. Dem Büchlein, das als„ein Beitrag zur Geschichte des jungen Deutschland und der Berliner Lokaldichtung" Werl und Geltung hat, sind ein Dichterporträt(stniestück) nebst ver- schiedenen Bildern und ein vollständiges Verzeichnis der Werke Glahbrenners beigegeben. O* Von wesentlich anderer Art ist Wilhelm Busch, nämlich Nur-Humorist und als solcher niemals seine gutbürgerliche Herkunft verleugnend. Zum politischen Satiriker gebrach eS ihm an Neigung und Schärfe, obwohl er lebhaftes Interesse für alle Zeitpolitik bekundete: denn in Mechtshausen hielt er neben anderen Tagesblätteru und Wochenschriften ja auch den„Vorwärts", den er täglich fleihig studierte. Gegen die Schcinsrvmmigkeit, überhaupt gegen den mit dem Kirchtum verknüpfte� Schwindel, hat Busch aber doch einige Male mit kräftiger Satire losgeschlagen. Das war, als der Kulturkampf tobte. Man besehe sich daraufhin den„heiligen Antonius", die„fronime Helene" und den„Pater FiluciuS". Sein Reich waren alle menschlichen Tor- heiten und Schwächen. Ihnen ging er zu Leibe mit einem Humor, der so urwüchsig als unerschöpflich ist. Millionen Menschen haben sich, wie man zu sagen pflegt, daran zn Tode gelacht und andere Millionen werden noch lachen. Da ist nun zur passenden Zeit ein Neues Wilhelm Busch-Album(bei der Verlagsanstalt für Literatur und Kunst Hermann Klemm. Berlin-Grunewald) erschienen, das alles enthätt, was in dem(alten) Buschalbum fehlt. Es gibt in vier Büchem eine reiche Sammlung bekannter� doch auch neuer Geschichten, Schnacken und Schnurre«? Bilderbogen usw. mit lölio Zeichnungen, von denen manche hier zum ersten Male veröffentlicht werden. Ob freilich Busch seinen gesamten künstlerischen und literarischen(bereits von de» Erben herausgegebenen) Nachlaß aufgenommen haben lvürde, steht dahin. Es sind im ganzen doch viel Schnitzel und Späne darunter. Immerhin gewährt eS Vergnügen, Einblicke in die Lebenswerkstatt eines so eigenartige«« Mannes tun zi« können, sei es auch nur, um den oft so seltsam verschlungenen Wegen nachzugehen, auf denen Phantasiespicle heilerer oder ernster Art allmählich ihre Ausgestaltung bis zu völliger Reife erlangt haben. Höchst interessant wäre eS gewesen, zu sehen, wie der Huinprist sich mit Stoffen aus dem«nodernen Verkehrsleben und Sport abgefunden hätte. Allein, er verlieh««icht die Sphäre eines idyllischen Daseins. Es bot ihm beqirem, was er brauchte. Aber in dieser eirgumzirkten GeniütSheimat schaltet und waltet er als unübertrefflicher Meister. Der innigen Hinneigung zum Kleinleben und zur Natur ver- danken wir ja gerade mich alle«neuschlichen wie tierischen Genrebilder, deren künstlerische Vollendung so bewunderns- wert ist, wie die Situattonskomik und Drolerie, mit der sie geschaut, erdacht und gegeben sind. Hairs Huckebein, der Unglücks- rabe, Schnorrdiburr oder die Bienen, das Rabennest, der Frosch und die beiden Enten, der Hahnenkampf, Affe und Schusterjunge, Esel und Bauer, der Wurstdieb usiv. zeugen davon. So originell der Zeichner, so koirgenial ist auch der Dichter. Büschs Reime geben tiefe Lcbcirsweisheit mit überwältigendem Humor durchsättigt wieder: beide sind darin auf die kürzeste Ausdrucksformel gebracht, ohne ihre Allgemeinverständlichkeit zu verlieren. Viel Buschverse gehen als geflügelte Worte um. Dies neue Btischalbum wird sich also wieder als Verjager aller Sauertöpfigkeit und Gricsgrämerei er- weisen. Es beherbergt in sich sozusagen den ganzen Busch— für nur 20 M. Wem S zuviel auf einmal ist. der mag zu den Einzelausgaben greifen. Solche sind jetzt auch von seltneren Schöpfungen Büschs zu haben. Wir nennen da die Auswahl „L i« st ige Zoologie(bei Walter, Leipzig, geb. 1 M.), soivie zwei Sammlungen Neinerer Schnurren mit Bildern(beide bei Braun lind Schneider, München. Preis in Pappkarton je 1 M.). Es«nutz aber beinerkt werden, daß sowohl die meisten Bilder und Humoresken in den« Neuen Wilhelm-Busch-Album enthalten sind. ___ ErnstKreowsli. Kleines f euilleton» Aus der Borzeit. Borgeschichtliches Brot. Von dem Brotbacken in der vorgeschichtlichen Zeit Dänemarks und Schwedens und von der da« maligen Sitte der Brotopfer geben, wie wir ver„Umschau" ent- nehmen, Getreidekörner Kunde, die verkohlt vorgefunden oder in Ab« druck an den Wänden von Tongefähen aus verschiedenen Epochen nachgewiesen worden sind. In Schweden finden sich nach den Er- mittellingen von Sarauw schon mährend der Steinzeit zwei Arte» Weizen und Gerste. Getreideabdrücke aus der Bronzezeit finden sich dagegen in Schweden llicht. Erst während der älteren Eisenzeit tritt der Roggen zuin erstenmal in Golland auf. In Dänemark ist der Roggen nicht nachgewiesen, was aber nur aus Zufall beruht, Dc gegen bar sich der Hafer in Däneinark au» der Bronzezeit und der römischen Periode aus Funden feststellen lassen, während er im vor�eschichllichen Schiveden noch nicht nachgewiesen ist. Außerdem sind in Schweden verschiedene Brotfunde gemacht worden. In Gräbern der Wikingerzeit von Björko hat man schon früher kleine, zu Koble verbrannte Mafien von ovaler Form vorgesunden, die oft zu mehreren auf einem dünnen Eisendrahl aufgezogen waren. 190S wurde auf einer vorgeschichtlichen Burg in Oerlergötland ein durch Brand verkohltes Stück von etwa 7 Zentimeter Durchmesser und 4 Zentimeter Dicke ausgegraben, das zum Teil aus Gerstenmehl bestand. Ein neuer Brolfund ist 1911 von Eric Flach an einer anderen Stelle in Oestergötland gemacht worden. In einem Männer- grab der Wikingerzeit(800—1050 n. Chr.) fand sich ein Brot, das aus einer dichten, verkohlten Masse bestand und die Form einer flachen Scheibe hatte. H. V. Rosendahl hat festgestellt, daß diese» Brot aus grobgeinahlenen Ackererbsen und Ficbtenrinde gebacken war. Dieser Fund ist der älteste Beleg für die Erbsenkultur in Schwede««, die aber bei den gerinanischen Völkern, wahrscheinlich auch im Norden, schon weit früher geübt worden ist. Als ältestes Vorkommen der Erbsenkultur auf indogermanischem Gebiet bezeichnet Schnittger die schweizerischen Pfahlbauten. Völkerkunde. Das Schicksal der Neger in den Vereinigten Staaten. Nach der Volkszählung vom Jahre 1V10 entfallen auf 1000 Einwohner der Vereinigten Slaaten 880 Weihe und 107 Schwarze; die übrige«« 4 sind Indianer, Chinesen und Japaner. Vor dreihig Jahren war das Verhältnis ein anderes; es kamen auf 805 Weihe 131 Schwarze. Es scheint sonach, daß die schwarze Bevölkerung von der weihen in ganz bedeutendem Maße verdrängt wird. Nun ist aber Nordamerika bevölkerungsstatistisch insofern ein besonderes Land, als fein Bevölkerungszuwachs nahezu zur Hälfte von der Einwanderung gedeckr wird. Im Lichte dieser Tatsache gewinnt das mitgeteilte statistische Ergebnis ein ganz anderes Aussehen. Im Laufe der letzten dreihig Jahre hatte sich der weihe Volksteil beinahe ver« doppelt, er ist von 43 Millionen auf deren 81 angewachsen, aber in dieser Zunahme von 33 Millionen stecken 18 Millionen Ein« gewanderte. Zieht man diese 18 Millionen samt ihrem Nachwuchs ab, so wird die Zunahme der lveihen Stammbevölkerung eine viel geringere. Die Neger siird in der gleichen Zeit von 0 Millionen rnis über 9 Millionen angewachsen, eine Zunahme von erheblich mehr als 50 Proz., bei der die Einwanderung so gut wie gar keine Rolle spielt. Weit entfernt also davon, von dem weihen Manne verdrängt zu werden, erweist sich die schwarze Bevölkerung sogar fruchtbarer als der weihe Vollsteil. Jedoch bildet die gröhere Fruchtbarkeit nicht das einzige Mitte! der schwarzen Rasse, sich erfolgreich zu behaupten. Der Neger ringt sich«nit großer Zähigkeit wirtschaftlich empor: er betreibt eine Bildungsarbcit, von der man außerhalb des Landes kauin eine Vorstellung hat, uild dieser verdankt er ein ganz bedeutendes An« wachsen seines Einfluffes. 1863, als Abraham Lincoln alle Sklaven für frei erklärte, konnten nur 5 Proz. lesen und schreiben, heute ist der Prrzentsatz auf 65 ge« stiegen. Negeranalphabeten im Süden haben während des Jahr» zehnts von 1900 bis 1910««m 15 Proz. abgenommen, während bei den Weihen die Analphabeten niir um 4 Proz. zurückgingen. Wie schlecht die Schulverhältnisse überhaupt noch im Süden stnd, zeigt sich darin, daß unter 100 Weihen 7 weder lesen noch schreiben können. Dabei sind freilich auch die unwissenden Eingewanderten zu berück- sichtigen. 2 700 000 Negerkinder besuchten im letzten Jahr die Elementarschulen in den Vereinigten Staaten, 650 Neger gelangten zu akademischen Würden und höheren Lehranstalten. Man zählt jetzt 35 000 Neger als Lehrer, 2000 als juristische Anwälte und 37000 als Geistliche. Die meisten Neger stehen fest im Baun der verschiedenen Religi- onen. Das versteuerte Eigentum der Neger ist mit600 Millionen Dollar eingeschätzt. 62 Banken, viele Fabriken und große Plantagen sind im Besitz von Negern. Die„Nationale Liga von Negergeschästs- leuten" hat viele schwerreiche Mitglieder. Unterstützungsvereine, Orden, Versicherungs-, Erziehungs- und religiöse Gesellschaften von Negern verfügen oft über ungeheuere Verinögen. 400 Zeitungen werden von Negern für die Neger herausgegeben. Es gibt 890 000 Negerfarmer davon sind 213 000 Eigentünier der Farmen. Fast die Hälfte aller landlvirtschaftlichen Arbeiter in den Südstaaten sind Neger. Die ganze Lebenshaltung der Neger hat sich in den letzten zehn Jahren stark gehoben und damit hat zugle-.ch die früher sehr hohe Sterblichkeit schnell abgenommen. Diese Rate be« trägt heute 21 pro Tausend gegenüber 15 pro Tausend bei den Weihen. Ans politischem Gebiete haben die Neger in den Südstaaten, in denen 8 749 000 von den 9 823 000 wohnen, seit einigen Jahren durch eine systematische Entrechtung viel verloren, aber sie haben auf dem«virtschaftlichen Gebiete inimer mehr festen Fuß gefah« und werden sich ihre persönlichen Rechte nicht auf die Dauer nehmen lassen. Heute ist das Negervotum noch ganz in den Händen der Politiker der alten Parteien, aber schon macht die sozialistische Partei Anstrengungen, den Negern politische Aufklärung zu bringen. Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckere, u.VerlagSanstalt Paul SingertCo., Berlin LV/,