Unterhaltungsölatt des Horwärts Nr. 250. Mittwoch den 25. Dezember. 1912 Erlöse dichl Von Emst Preczang. Erlöse dicht Kein andrer trägt dein Kreuz als du allein. Was wirfst du deine Stirne in den Staub? Warum zerreibst du die Knie jammernd auf dem kalten Stein? Es hört dich niemand. 5)öre du dich selber. Wir waren Kinder. lind wenn Kinder schrei'n, droh'n Wort und Rute, und süße Wiegenlieder schläfern ein das Kind, das gute. Du sollst nicht ewig Kind und Schläfer sein! Zerbrich den Droheftock. Sing' eigne Lieder. Erlöse dich! In unfern Adern treibt der Vorzeit Blut: Der langen Väterreihe dunkle Spur und Müttererbe umfesseln deine bangende Natur. Du aber werbe um deinen Sinn. Zerbrich die Äast. Denn deine Zeit gebiert die eig'nen Tage. Dein ist der Wille und dein ist die Kraft. Dein ist die Pein. Kein andrer trägt dein Kreuz als du allein. Erlöse dich!_ lKachdrua v«rl>olen.) 17] Hlbertinc. Roman von Christian Kroha. Eduard Vater Kristiansen war am Donnerstag darauf aus dem nordlichen Eismeer nach Hause gekommen und hatte sich jeden Tag betrunken und war rasend gewesen über die Frühlings- jacke und den Hut und alle die Sachen, namentlich aber über die Trikottaille mit dem Schnurbesah. Er bedrohte Albertine mit Prügel, wenn sie spät am Abend nach Hause kam. und eines Tages, als sie trotz seines Ver- botes die Trikottaille anzog, stand er vom Tisch auf, wo er bei der Branntweinflasche saß und gab ihr eine gehörige Ohr- feige. Dann ging sie fort und suchte einen ganzen Nachmittag nach Helgeseu. um ihn zu fragen, was sie tun sollte. Sie wollte gar nicht wieder nach Hause gehen, und so blieb sie denn des Nachts bei Winther, der ihr anbot, sie auszuhalten und ihr zwei hübsche Zimmer z» mieten. Nein, das wollte sie nicht, sie mietete sich selbst eine Stube in der Königinnen- straße. Es war mitten im Julj und schrecklich warm. Sic hatte heute gefaulenzt, gestern war sie bei Winther in Gesellschaft gewesen, mit vcrMliedenen anderen, bis tief in die Nacht hinein, und nun hatte sie keine Lust zum Arbeiten. Schrecklich warm war es und nicht mehr als fünf oder sechs Menschen, die auf der Straße auf und nieder jchlender- ten, wahrend die gewöhnliche Gruppe von Arbeitern und Leuten vom Lande rings um den Musikpavillon standen. Auf den Bänken saßen ein paar alte Herren und Kinder- mädchen, die langsanr die Kinderwagen hin und her stießen-. Erfrischend fuhr ein grüner Wasserwagen die Straß« entlang, aber das Wasser verdampfte gleich wieder. Die Musik da drinnen zog die Pause so sehr in die Länge. wie nur irgend möglich. Endlich sing sie wieder an, es war einer von Teilmanns Festmärschen. Albertine schlenderte auf und nieder mit ihrem großen. hellgelben Sonnenschirm, mit den weißen Zwirnhandschuhcn und dem rosa Sommerkleid. Sie war nicht mehr ganz so blaß und sah ein wenig frisch aus. Aber es war langweilig, allein zu gehen, lind sie sehnte sich beinahe nach Jossa. Wenn es nur erst Abend wäre, dann konnte sie ins Tivoli gehen. Ja, jetzt wußte sie, was sie tun wollte, sie wollte hingehen und sich nach Eduard umsehen. Es mußte jetzt wohl sehr schlecht mit ihm stehen. Essen? Nein, sie wollte vorher nicht mehr essen, es war zu warm und zu langweilig, wenn sie allein war. Ja, sie konnte ja gern noch eine Nummer anhören, sie hatte ja nichts zu versäumen. Und wieder schlenderte sie auf und nieder. Nun war auch die Nummer zu Ende gespielt, und sie sah auf: Da waren nicht mehr viele Leute auf der Straße. Nein. mit der Straßenbahn wollte sie nicht fahren, sie hatte nur noch achtzig Oere, die wollte sie lieber benutzen, um ein paar Weintrauben bei Magnus zu kaufen, wo sie im Fenster lagen und quer über die Straße lockten. Von Magnus ging sie langsam zur Stadt hinaus, in der glühenden Sonne dahmschlendernd. Es war im Grunde gestern bei Winther amüsant ge- Wesen. Aver wenn sie nicht dagewesen wäre, so hätte es ge- wiß noch mehr Trall gegeben. Sie konnte es nicht ausstehen. daß sie fortwährend die ganze Stube auf den Kopf stellen wollten, sie begriff nicht, daß das amüsant sein konnte. Sie konnte sich übrigens eines Lachens nicht enthalten, wenn sie daran dachte, wie verliebt Winther gewesen war, er war ja beinahe über den Fußboden gekrochen, damit sie nur dableiben sollte, und sie hatte nicht gleich nein gesagt, denn sie fand, es war so amüsant, ihn sich so anstellen zu sehen, ihn, vor dem sie so schrecklich bange gewesen war. Nein, sie mußts wirklich über sich selbst lachen, wenn sie daran dachte, wie schrecklich bange sie immer vor der Polizei gewesen war. Un- sinn! Das einzige könnte noch der Doktor da oben sein und das, was Jossa erzählt hatte. Uh! Sie war auch so fruchtbar dumm in allen diesen Sachcit gewesen, aber jetzt war sie nicht mehr so dumm: wenn man nur ein wenig vernünftig war, konnte man alle Männer ver- rückt machen und sie zu allem bringen, was man wollte, nur ein bißchen vernünftig und ein bißchen hübsch— und das war sie ja, jetzt wußte sie es. Nein, sie wollte schon durch- kommen.— Sie sah nach der Seite. Nein, da waren keine Fenster hier in der elenden Brostraße, in denen man sich spiegeln konnte, nur ganz gewöhnliche Läden. Hier draußen machte es nichts, wenn man im Gehen Weintrauben aß, und sie nahm den Beutel und aß fort- während. Eine Straßenbahn rasselte in der Hitze vorüber, dumm, daß sie nicht fünfzehn Oere zurückbehalten hatte. Na ja. jetzt war es auch nicht mehr weit— der schmale Gang— die Lakke- straße— ob sie hinaufgehen und sich nach der Mutter um- sehen und ihr ein paar Trauben geben sollte? Sic nahm eine Traube aus der Tüte und summte„Gine. Du liebliche Maid, komm her zu mir!" Sie schloß die Tüte schnell wieder und richtete sich ein wenig auf. Da kam gerade vor ihr ein feiner, flotter Herr. der einzige, dem sie auf dem ganzen Wege begegnet war. Erging langsam, als sie sich einander näherten, er sah ihr fest in die Augen, während er vorüber ging. Ruhig sah sie ihn wieder an, denn sie war nicht mehr so verlegen wie früher. Er blieb stehen: sie hörte e-?.-- Nein, mein Herr, wenn Sie glauben, daß ich mich umdrehe, so sind Sie schief ge- wickelt. Sich auf der Straße nach einem Herrn umdrehen, ist das Ordinärste, was man tun kann.„Gine, Tu liebliche Maid, komm her zu mir!" Sie war bis an' das Portal des Krankenhauses gelangt und blieb stehen und schellte und stand da und wartete. Ob er wohl noch da stand? Ja. denn jetzt war es etwas anderes, jetzt konnte sie sich gern umdrehen, jetzt war es etwas ganz Natürliches. Ja. da stand er. nicht weit entfernt, und sah ihr nach. Sie mußte ein klein wenig lächeln, als sie in das Portal hineinging.— Ach was!— Er lüftete den Hut ein wenig. Na ja.„Gine. Du liebliche Maid, konim her zu mir!" Sie hatte den Türwart gefragt, nur um etwas zu sagen, Wie es mit Eduard stünde, und er hatte geantwortet, es sei gut, daß sie gerade jetzt komme, denn er habe nicht mehr viele Stunden noch, und er frage so viel nach ihr. Sie blieb erst ein wenig stehen, als verstände sie es nicht, dann lief sie an die Treppe, die außerhalb des Hauses hinauf- führte, erstieg sie schnell, ging dann langsamer die Galerie entlang, vorbei an allen Türen, langsamer und langsamer, je mehr sie sich der Tür näherte, hinter der er. wie sie wußte, lag. Und sie war über Nacht ausgewesen und hatte Cham- pagner getrunken und Allotria getrieben! Aber war es nicht sonderbar, daß sie gerade heute hier herauskommen mußte, gerade heute?— Sie öffnete die Tür vorsichtig, Krankenstubengeruch strömte ihr entgegen. Und sie kannte die niedrige, alt- modische, holzgetäfelte, rosagestrichene Stube: die Gardine wehte ein wenig in der Zugluft, als sie die Tür öffnete, denn das Fenster stand offen, und sie sah den mattblauen, warmen, diesigen Himmel da draußen. In seinem grüngestrichenen Hospitalbett lag Eduard, das Gesicht ihr zugewandt, den Kopf in Mutter Kristiansens Arm, die neben ihm saß. Albertine hatte Hut und Handschuhe abgenommen und den Schirm an das Fußende des Bettes gestellt und löste nun Mutter Kristiansen ab, indem sie Eduard im Arm hielt. Dre Alte mußte nach Hause und sich nach Vater umsehen. „Ist heute draußen nicht wunderschönes Wetter. Tine?" „Ach, es ist zu warm!" „Das ist doch gut, daß es warm ist!— Mich friert," sagte Eduard mit schwacher, heiserer Stimme, und sie mußte sich herabbcugen, um sie zu hören. Er wandte den Kopf von ihr ab. der Wand zu. „Willst Du eine Weintraube haben, Eduard?� „Nein, ich danke." Sie nahm seinen Kopf und drehte ihn herum an ihre Brust. Der lag da mit seinem dunklen Haar, so bleich, ganz fest gegen die volle, weiche Nundung unter dem rosa Kattun. und sie sah nieder auf das kleine Antlitz, das noch kleiner ge- worden war. auf das ungekämmte Haar und die feste, ge- wölbte, kleine bleichgrüne Stirn mit den großen Schweiß» tropfen und den langen, dunklen Wimpern, die den ihren glichen, und auf die hohlen Wangen und die Nasenspitze, dre ganz schmal und scharf geworden war, und auf die Brust mit dem zerknitterten, groben Hemd, und auf die schmalen, kleinen Finger. Draußen kam eine Straßenbahn schnurrend vorüber. ..Du gehst in die Stadt," sagte Eduard.«Nein, wie fein Du bist, Tine— ja— ich Hab es ja immer gesagt, daß Du kommen würdest— wirklich eine feine Dame!" „Warum drehst Du den Kopf nach der Wand, Eduard?" „Ja, das will ich Dir sagen, Tine." antwortete er eifrig der Wand zugewendet,.Madain Larsen hier hat mir so viel erzählt, in diesen Nächten, wenn ich nich schlafen könnt, diese Brustkrankhest, die ich Hab, das is nichts weiter als lauter kleine Tiere. Ja, sie sind so klein, so klein, wie sie überhaupt nur werden können, die, sagt sie, sitzen in meiner Brust und fressen mich auf." Er hustete, sie stützte ihn ein wenig, er wandte den Kopf wieder der Wand zu. „Sie haben noch einen Namen, der schrecklich lang is, und sie sitzen also da drinnen, und jedesmal, wenn ich Atem hole, dann fliegen da mit dem Atem wenigstens ein paar Hundert heraus, verstehst Du, und dann fliegen sie in Dich rein, und dann kriegst Du auch die Schwindsucht, verstehst Du?" Und er hielt standhaft den Kopf der Wand zugewandt, so daß sie nur das uns. kämmte Haar auf ihren Arm lieben dem rosaroten Busen sah. Er hatte lange still dagelegen von Zeit zu Zeit hörte sie seinen schweren Äteinzug. Es war Abend geworden. Mutter Kristiansens war mitgekommen, und der Vater war auch da, er begrüßte Albertine nicht und war ein wenig bezecht, sie spürte, daß er nach Branntwein roch, als er an das Bett herankam. Dann setzte er sich so weit wie möglich von dem Bett ent- fernt an die Tür. Eduard holte tief Atem und hatte hinterher einen hohlen Hustenanfall. Es war jetzt viel mehr Sonne im Zimmer — Abendsonne. Spät am Abend winkte Albertine der Mutter und Kristiansen. Geräuschlos traten sie an das Bett und standen lange regungslos da. Schließlich aber schmerzte Albertine der Arm, der eingeschlafen war, und sie legte Eduard auf das Kissen. Dailn faltete Mutter Kristiansen seine Hände über dem Gesangbuch und drückte ihm die Augen zu. Die Tür ging auf. die Krankenwärterin kam herein, die Gardine flatterte lang über den Fußboden im Zugwind. * „Ja, hier steht es: Bekanntmachungen— Todesfälle, es steht ganz vorn an—" „Daß unser geliebter Sohn Eduard im Glauben an seinen Erlöser, Dienstag, den 15. Juli abends, nach längerer Krank- hcit zu seinem Gott heimging, machen wir hierdurch abwesen- den Verwandten und Freunden bekannt. Maren Kristiansen. Olaves Kristiansen, Maschinist. Statt jeder besonderen Mitteilung." Albertine hatte es aus dem„Tag" vorgelesen: sie lehnte sich gegen den schwarzen Sargdeckel, der an der Wand stand, und im Sarge, mitten in der Stube, lag Eduard, fein und geputzt, das dunkle Haar an der Seite gescheitelt, die Augen geschlossen, mitten auf der Brust einen dunkelgrünen Myrthen- kränz, der auf den Falten des reinen Hemdes schwebte: die bleichen Hände waren steif über dem schwarzen Gesangbuch gefaltet, das goldene Kreuz darauf schimmerte unter den Fingern hindurch. Albertine wie auch Oline und die Mutter waren in Schwarz gekleidet. Oline legte den Kamm neben den Myrthenkranz und ging zu Albertine hinüber. „Zeig mal, steht es da?" „Ja, hier steht es." Sie las es noch einmal halblaut vor, während sie sich über Albertine beugte, die die Zeitung nicht aus den Händen lassen wollte. „Das klingt wirklich ganz fein, nicht wahr?" sagte Albertine. Sie ließ die Zeitung sinken und sah sich in der kahlen Leichenstube mit den unebenen, gekalkten Wänden um. „Wenn er das liest, dann denkt er wieder an mich, wenn er mich auch ganz vergessen hat: ach nein, vergessen hat er mich wohl nicht. Aber vielleicht bekommt er es nicht einmal zu sehen. Ach, ach, wenn es doch auch in den feinen Zeitungen angezeigt wäre!" War es wirklich erst einen Monat her? Es war ihr, als müßten wenigstens zehn Jahre vergangen sein. Ja, es hatte sich viel seitdem zugetragen. Ein Glück, daß er es nicht wußte, und nie, nie im Leben sollte er es erfahren.— Und nun sollte es auch ein Ende haben, hatte sie sich vorgenommen, nun wollte sie wieder nach Hause ziehen, zu der Mutter: die blieb sonst fo allein, und dann wollte sie immer zu Haufe sitzen und nähen. Denn sie hatte die Herren und all ihren Trall satt; das war gar nicht amüsant, nur häßlich. Sie war gewiß anders geschaffen als andere Menschen.— Ja, es hatte sich viel zugetragen!— Na, so schlimm war es übrigens doch nicht: zwei, drei Nächte, die sie nicht zu Hause gewesen war. Was war das gegen Valeria und Jossa und die andern—? Ach, wenn sie doch an Eduards Stelle da läge! Das würde sie gern tun. Mutter Kristiansen klemmte Eduards Hände fester zu- sammen, glättete das glatte Haar ein wenig und zupfte an den kleinen, dunkelgrünen Blättern des Myrthenkranzes herum. „Ja. nu is er so nett, nu es er so nett. Nu wolln wir man zu Hause gehn," sagte Oline. „Vater sagte, er wollte kommen un�ihn sich ansehen," sagte Mutter Kristiansen,„ich glaub, ichwleib so lange hier sitzen: da is doch immer noch irgend was zu pusseln." Sie trat an den Sarg und schob die eine Ecke des Kopf- kissens zurecht. „Ja, denn gehen wir," sagte£Iine;„kommst Du bald nach Haus? Wir wollen den Kaffee für Dich bereit halten, gut und heiß." Ter Torwart ließ sie aus dem Portal des Krankenhauses heraus, und sie standen da draußen in der Brückeustraße, in der stechenden Sonne und dem Staub, der sich gleich auf sie und ihre schwarzen Kleider legte. „Du, Albertine, ich glaub, ich kauf mir ein solch hübsches schwarzes Seidenfichu aus Paris. Du weißt wohl, was ich meine, das kann ich auch immer noch brauchen, wenn die Trauer vorbei is. Mutter muß ihren alten Schal schwarz färben lassen, dann wird er gewiß noch wieder ganz nett. Aber was willst Du tun, Tine? Mit diesen schwarzen Lumpen kannst Du doch nich gehen, und das meiste hast Du Dir ja außerdem noch geliehen, und Trauerzeug mußt Du doch haben. — Ich will Dir was sagen, Tine, Du bist ein Schaf, wenn Du Dir nich von einem von den Herren, die Du kennst, ein schwarzes Kleid schenken läßt und einen schwarzen Sonnen- schirm und schwarze Handschuhe auf alle Fälle." „Ich Hab nichts mit den Herren zu wn, ich kenne sie bloß." Oline lächelte. „Gott, wie dumm Du bist, Tine!" Sie gingen in der Wärme die Straße hinab, und bei der Hirschapotheke begegneten sie dem Vater, dem Tränen in die Augen traten, als er hörte, daß Eduard so hübsch im Sarge liege, und dann taumelte er dahin. Es war am Tage daraus. Eduard war beerdigt, bei Kristiansens hatten sie zu Mittag gegessen, und Oline und ihr Mann und die kleine Tulla und Olsens und Madam Hansen hatten am Nachmittag Punsch getrunken. Albertine stand auf und nahm ihre neuen Handschuhe und den Schleier, den sie an? Hut befestigt hatte. „Wo willst Dil hin, Tine?" „Ich will bloß ein bißchen spazieren gehen. Ich bin ganz betrunken von dem kalten Punsch." Sie ging der Stadt zu, warum wußte sie eigentlich selbst nicht. Ein wenig wirr von dem Punsch im Kopf war sie übrigens, und dann hatte sie plötzlich eine so gräßliche Traurigkeit über alles befallen, sie mußte wieder an alles denken.— Wenn er darum wußte?— Ith! „Herrgott, wie ich doch renne!" Warum beeilte sie sich eigentlich so? Ach ja, sie dachte wohl, daß sie Helgesen noch treffen würde, und jetzt mußte sie mit ihm reden, oder sie mußte ihn doch wenigstens sehen. Kortseymig folgt.) 9] Ftons und f)einz Kirch. Von Theodor Storm. -- Bald danach ging Hans Kirch die Straße hinauf nach seinein Speicher; er hatte die Hände über den Rücken gefaltet, der Kopf hing ihm noch tiefer als gewöhnlich auf die Brust. Auch Frau Lina hatte das Haus verlassen und war dem Vater nachgegangen; als sie in den unteren dämmerhellen Raum des Speichers trat, sah sie ihn in der Mitte desselben stehen, als müsse er sich erst besinnen, weshalb er denn hierher gegangen sei. Bei dem Geräusche des zdoru-Umschgufelns, das von den oberen Böden herabscholl, mochte er den Eintritt der Tochter überhört haben; denn er stieß sie fast zu- rück, als er sie jetzt so plötzlich vor sich sah:„Du, Lina! Was hast Du hier zu sucben?" Die junge Frau zitterte und wischte sich das Gesicht mit ihrem Tuche.„Nichts, Vater," sagte sie;„aber Christian ist unten am Hafen, und da litt es mich nicht so allein zu Hause, mit ihm,— mit dem fremden Menschen! Ich fürchte mich; o, es ist schrecklich, Bater!" Hans Kirch hatte während dieser Worte wieder seinen Kopf gesenkt; jetzt hob er wie aus einem Abgrunde seine Augen zu denen seiner Tochter und blickte sie lange und unbeweglich an.„Ja, ja, Lina," sagte er dann hastig;„Gott Dank, daß es ein Fremder ist!" Hierauf wandte er sich rasch, und die Tocbtcr hörte, wie er die Treppen zu dem obersten Bodenraum hinaufstieg. Ein trüber Abend war auf diesen Tag gcsolgt, kein Stern war sichtbar; feuchte Dünste lagerten auf der See. Im Hafen war es ungewöhnlich voll von Schiffen, meist Jachten und Schoner; aber auch ein paar Vollschiffe waren dabei und außerdem der Dampfer, der wöchentlich hier anzulegen pflegte. Alles lag schon in tiefer Ruhe, und auch auf dem Hafenplatz am Bollwerk entlang schien- derte nur ein einzelner Mann, wie es den Anschein hatte, müßig und ohne eine bestimmte Absicht. Jetzt blieb er vor dem einen der beiden Barksckiffc stehen, auf dessen Deck ein Junge sich noch am Gangspill zu schaffen machte; er rief einen„guten Abend" hinüber und fragte, wie halb gedankenlos, nach Namen und Ladung des Schiffes. Als erfterer genannt wurde, tauchte ein Kopf aus der Kajüte, schien eine Weile den am Ufer Stehenden zu mustern, spie dann toeit hinaus ins Wasser und tauchte wieder unter Teck. Schiff und Schiffer waren nicht von hier, der am Ufer schlenderte weiter; vom Warder drüben kam dann und wann ein Vogelschrei; von der ! Insel her drang nur ein schwacher Swein von den Leuchtfeuern durch den Nebel. Als er an die Stelle kam, wo die Häuserreihe näher an das Wasser tritt, schlug von daher ein Gewirr von Stim. men an sein Ohr und veranlasste ihn still zu stehen. Von einem der Häuser fiel ein roter Schein in die Nacht hinaus; er erkannte es wohl, wenngleich sein Fuß die Schwelle dort noch nicht über- schritten hatte; das Licht kam aus der Laterne der Hafcnschenke. Das Haus war nicht wohl beleumdet, nur fremde Matrosen und etwa die Söhne von Sctzschiffern veetohrten dort; er hatte das alles schon gehört.— Und jetzt erhob das Lärmen sich von neuem, nur daß auch eine Frauenstimme nun dazwischen kreischte.— Ein finsteres Lachen fuhr über das Antlitz des Mannes; beim Schein der roten Laterne und den wilden Lauten hinter den verhangenen Fenstern mochte allerlei in seiner Erinnerung aufwachen, was nicht gut tut, wenn es wiederkommt. Dennoch schritt er darauf zu, und als er eben von der Stadt her die Bürgerglocke läuten hörte, trat er in die niedrige, aber geräumige Schenkstube. An einem langen Tische saß eine Anzahl aller und junger Seeleute; ein Teil derselben zu denen sich der Wirt gesellt zu haben schien, spielte mit beschmutzten Karten; ein Frauenzimmer» über die Jugendblüte hinaus, mit blassem, vermachtem Antlitz, dem ein Zug des Leidens um den nocb immer hübschen Mund nicht fehlte, trat mit einer Anzahl dampfender Gläser herein und per- teilte sie schweigend an die Gäste. Als sie an den Platz eines Mannes kam, dessen kleine Augen begehrlich aus dem grobknochigen Angesicht hervorschielten, schob sie das Glas mit augenscheinlicher Hast vor ihn hin; aber der Mensch lachte und suchte sie an ihren Röcken festzuhalten:„Run Ma'm tzabt Ihr Euch noch immer nicht besonnen? Ich bin ein höflicher Mann, versicbre Euch! Aber ich kenne die Weibergeographie: Schwarz oder Weiß, ist alles eine Sorte!" „Laßt mich," sagte das Weib;„bezahlt Euer Glas und laßt mich gehen!" Aber der andere war nicht ihrer Meinung; er ergriff sie und zog sie jäh zu sich heran, daß das vor ihm stehende Glas umstürzte und der Inhalt sie beide überströmte.„Sieh nur, schöne Missis!" rief er, ohne darauf zu achten, und winkte mit seinem rothaarigen Kopfe nach einem ihm gegenüberfitzenden Burschen, dessen flachs- blondes Haar auf ein bleiches von, Trünke gedunsenes Antlitz herabfiel;„sieh nur, der Jocbum mit seinem greisen Kalbsgesicht hat nichts dagegen einzuwenden! Trink aus, Jochum, ich zahle Dir ein neues!" Der Mensch, zu dem er gesprochen hatte, goß mit blödem Schmunzeln sein Glas auf einen Zug hinunter und schob es dann zum neuen Füllen vor sich hin. Einen Augenblick ruhten die Hände des Weibes, mit denen sie sich aus der gewaltsamen Umarmung zu lösen versucht hatte; ihre Blicke fielen auf den bleichen Trunkenbold, und es war, als wenn Abscheu und Verachtung sie eine Weile alles andere vergessen ließen. Aber ihr Peiniger zog sie nur fester an sich:„Siehst Du, schöne Frau! Ich dächte doch, der Tausch wäre nicht so übel! Aber, der ist's am Ende gar nicht! Nimm Dich in ackt, daß ich nicht aus der Schule schivatze!" Und da sie wiederum sich sträubte, nickte er einem hübschen, braunlockigen Jungen zu, der am unteren Ende des Tisches saß.„He, Du Gründling." rief er,„meinst Du, ich weiß nicht, wer gestern zwei Stunden nach uns aus der roten Laterne unter Deck gekrochen ist?" Die hellen Flammen schlugen dem armen Weibe ins Gesicht; sie wehrte sich nicht mehr, sie sah nur hilfesuchend um sich. Aber es rührte sich keine Hand; der junge hübsche Bursche schmunzelte nur und sah vor sich in sein Glas. Aus einer unbesetzten Ecke des Zimmers hatte bisher der zuletzt erschienene Gast dem allen mit gleichgültigen Augen zugesehen; und wenn er jetzt die Faust erhob und dröhnend vor sich auf die Tischplatte schlug, so schien auch dieses nur mehr wie aus früherer Gewohnheit, bei solchem Anlaß nicht den bloßen Zuschauer abzu- geben.„Auch mir ein Glas!" rief er. und es klang fast, als ob er Händel suche. Drüben war alles von den Sitzen aufgesprungen.„Wer ist das? Der will wohl unser Bowiemesser schmecken? Werft ihn hinaus! Godckom, was will der Kerl?" „Nur auch ein Glas!" sagte der andere ruhig.„Laßt Euch nicht stören! Haben, denk ich, hier wohl alle Platz!" Die drüben waren endlich doch auch dieser Meinung und blieben an ihrem Tische; aber das Frauenzimmer hatte dabei Gelegenheit gesunden, sich zu befreien, und trat jetzt an den Tisch des neuen ©astes.„Was soll es sein?" fragte sie höflich; aber als er ihr Be- scheid gab, schien sie es kaum zu bören; er sah verwundert, wie ihre Augen starr und doch wie abwesend auf ihn gerichtet waren, und wie sie noch immer vor ihm stehen blieb. „Keiiiien Sie mich?" fragte er und warf mit rascher Bewegung seinen Kopf zurück, so daß der«schein der Deckenlampe auf sein Antlitz fiel. Das Weib tat einen tiefen Atemzug, und die Gläser, die sie in der Hand hielt, schlugen hörbar aneinander:„Verzeihen Sie." sagte sie ängstlich,„Sie sollen gleich bedient werden." Er blickte ihr nach, wie sie durch eine Seitentür hinausging; i>n Ton der wenigen Worte, die sie zu ihm gesprochen, war ein so vndcrcr gewesen, als den er �»orhin von ihr gehört hatte; langsam hob er den Arm nnd stutzte s> inen Kopf darauf; es war, als ol> er mit allen Sinnen in eine weite Ferne denke. Es hätte ihm endlich auffallen müssen, daß seine Bestellung noch immer nicht ausgeführt sei; aller er dachte nicht daran. Plötzlich, während am anderen Tisch die Karten mit den Würfeln wechselten, erhob er sich. Wäre die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste auf ihn statt auf das neue Spiel gerichtet gewesen, er wäre sicher ihrem Hohne nicht entgangen; denn der hohe kräftige Mann zitterte sichtbar, als er jetzt mit auf den Tisch gestemmten Händen dastand. Aber es war nur für einige Augenblicke; dann verließ er das Zimmer durch dieselbe Tür, durch die vorhin die Aufwärterin IzinauSgegangcn tvar. Ein dunkler Gang führte ihn in eine große «Küche, die durch eine an der Wand hängende Lampe nur kaum er- hellt wurde. Hastig tvar er eingetreten; seine raschen Augen durch- flogen den vor ihm liegenden wüsten Raum; und dort stand sie, die er suchte; wie unmächtig, die leeren Gläser»och in den zusammen- igefalteten Händen, lehnte sie gegen die Herdmaucr. Einen Augen- blick noch; dann trat er zu ihr;„Wieb!" rief er;„Wiebchcn, kleines Wiebche»!" Es war eine rauhe Männerstimme, die diese Worte rief nnd jetzt verstummte, als habe sie allen Odem an sie hingegeben. Und doch, über das verblühte Antlitz des Weibes flog es wie «ein Roscnschimmer, und während zugleich die Gläser klirrend auf Ken Boden fielen, entstieg ein Aufschrei ihrer Brust, wer hätte sagen mögen, ob es Leid, ob Freude war.„Heinz!" rief sie,„Heinz, Du bist es; o, sie sagten. Du seiest es nicht." Ein finsteres Lächeln zuckte um den Mund des Mannes:„Ja, Wieb; ich wußt's Wohl schon vorher; ich hätte nicht mehr kommen solle». Auch Dich— das alles war ja längst vorbei— ich wollte Dich nicht wiedersehen, nichts von Dir hören, Wieb; ich biß die Zähne aufeinander, wenn Dein Name nur darüber wollte. Aber — gestern abend— es war wieder einmal Jahrmarkt drüben— wie als Junge Hab ich mir ein Boot gestohlen; ich mutzte, es ging nicht anders; vor jeder Bude, auf allen Tanzböden Hab ich Dich gesucht; ich war ein Narr, ich dachte, die alte Möddersch lebe noch; o süße kleine W«eb, ich dacht wohl nur an Dich, ich wußte selbst «nicht, was ich dachte!" Seine Stimme bebte, seine Arme streckten sich weit geöffnet ihr entgegen. Aber sie warf sich nicht hinein; nur ihre Augen blickten traurig auf ihn hin:„O Heinz," rief sie,„Du bist es! Aber ich, ich bin's nicht mehr!— Du bist zu spät gekommen, Heinz!". Da riß er sie an sich und ließ sie wieder los und streckte beide Arme hoch empor:„Ja, Wieb, das sind auch nicht mehr die un- schuldigen Hände, womit ich damals Dir die roten Acpfcl stahl; «b)' save, da? schleißt, so siebzehn Jahre unter diesem Volk!" Sie war neben dem Herde auf die Knie gesunken:„Heinz," murmelte sie,„o, Heinz, die alte Zeit!" Wie verlegen stand er neben ihr; dann aber bückte er sich und ergriff die eine ihrer Hände, und sie duldete es still. „Wieb," sagte er leise,„wir wollen sehen, daß wir uns wieder- ifinden. Du und ich!" Sie sagte nichts; aber er fühlte eine Bewegung ihrer Hand, «lS ob sie schmerzlich in der seinen zuckte. Von der Schenkstube her erscholl ein wüstes Turckcinandcr; Gläser klirrten, mitunter dröhnte ein Faustschlag.„Kleine Wieb," «flüsterte er wieder,„wollen wir weit von all den bösen Menschen fort?" Sic hatte den Kopf auf den steinernen Herd sinken lassen nnd stöhnte schmerzlich. Da wurden schlurfende Schritte in dem Gange Sjorbar, und als Heinz sich wandte, stand ein Betrunkener in der Tür; es war derselbe Mensch mit dem schlaffen gemeinen Antlitz, «de» er vorhin unter den anderen Schiffern schon bemerkt hatte. Er liielt sich an dem Türpfosten, und seine Augen schienen, ohne zu /sehen, in dem dämmerigen Raum umherzustarren.„Wo bleibt ider Grog?" stammelte er.„Sechs neue Gläser! Der rote Jakob kflucht nach seinem Grog!" Der Trunkene hatet sich wieder entfernt; sie hörten die Tür der Scheu istubc hinter ihm zufallen. „Wer war das?" fragte Heinz. Wieb erhob sich mühsam.„Mein Mann," sagte sie,„er fährt vls Matrose auf„England"; ich diene bei meinem Stiefvater hier »als Schenkmagd." Heinz sagte nichts darauf; aber seine Hand fuhr nach der be- ihaartcn Brust, und es war, als ob er gewaltsam etwas von seinem Slackcn reiße.„Siehst Du," sagte er tonlos und hielt einen Ring «empor, von dem die Enden einer zerrissenen Schnur herabhingen; „da ist auch noch das Kinder>piel! Wär's Gold gewesen, es war so lang wohl nicht bei mir geblieben. Aber auch sonst— ich weiß glicht, war's um Dich? Es war wohl nur ein Aberglaube, wcil's ir.och das letzte Stück von Hause war." Wieb stand ihm gegenüber, nnd er sah, wie ihre Lippen sich bewegten. „Was sagst Du?" fragte er. Aver sie antwortete nichts; es war nur, als flehten ihre Augen um Erbarmen. Dann ivandte sie sich und machte sich daran, «wie cS ihr befohlen war. den heißen Trank zu mischen. Nur ein- anal stockw sie in ihrer Arbeit, als ein feiner Metallklang auf dem steinernen Fußboden ihr Ohr getroffen hatte. Aber sie wutzie es, Aerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: sie brauchte nicht erst umzusehen; was sollte er denn jetzt noch mit dem Ringe! Heinz hatte sich auf einen hölzernen Stuhl gesetzt und sah schweigend zu ihr hinüber; sie hatte das Feuer geschürt und die Flammen lohten und warfen über beide einen roten Schein. Als sie fortgegangen war, saß er noch du; endlich sprang er auf und trat in den Gang, der nach der Schenkstube führte.„Ein Glas Grog; aber ein festes!" rief er, als Wieb ihm von dort her aus der Tür entgegenkam; dann setzte er sich wieder allein an seinen Tisch. Bald darauf kam Wieb und stellte das Glas vor ihm hin, und »och einmal sah er zu ihr auf;„Wieb, kleines Wiebchen!" mur- mclte er, als sie fortgeangen war; dann trank er, und als das Glas leer war, rief er nach einem nelien, und als sie es schweigend brachte, ließ er es, ohne aufzusehen, vor sich hinzustellen. Am anderen Tische lärmten sie nnd kümmerten sich nicht mehr um den einsamen Gast; eine Stunde der Nacht schlug nach der anderen, ein Glas nach dem anderen trank er; nur wie durch Nebel sah er mitunter das arme schöne Antlitz des ihm verlorenen Weibes, bis er endlich dennoch nach den anderen fortging und dann spät am Vormittag mit wüstem Kopf in seinem Bett erwachte. «« In der Kirchschen Familie war es schon kein Geheimnis mehr, in welchem Hause Heinz diesmal seine Nacht verbracht hatte. Das Mittagsmahl war, wie am gestrigen Tage, schweigend einge- nommen; jetzt am Nachmittage saß Hans Adam Kirch in seinem Kontor und rechnete. Zwar lag unter den Schissen im Hafen auch das seine, und die Kohlen, die es von England gebracht hatte, wurden heute gelöscht, wobei Hans Adam niemals sonst zu fehlen pflegte; aber diesmal hatte er seinen Tochtermann geschickt; er hatte Wichtigeres zu tun; er rechnete, er summierte nnd subtra- hierte, er wollte wissen, was ihm dieser Sohn, den er sich so nn- bedacht zurückgeholt hatte, oder— wenn eS nicht sein Sohn ivar•— dieser Mensch noch kosten dürfe. Mit rascher Hand tauchte er seine Feder ein und schrieb seine Zahlen nieder; Sohn oder nicht, das stand ihm fest, es mußte jetzt ein Ende haben. Aber freilich— und seine Feder stockte einen Augenblick— um Weniges würde er ja schwerlich gehen; und— wenn es dennoch Heinz wäre, den Sohn durfte er mit Wenigem nicht gehen heißen. Er hatte sogar daran gedacht, ihm ein für allemal das Pflichtteil seines Erbes auszuzahlen; aber die gerichtliche Quittung, wie war die zu be- schaffen? Denn sicher mußte es doch gemacht werden, damit er nicht noch einmal wiederkomme. Er warf die Feder hin, nnd der Laut, der an den Zähne ihm verstummte, klang beinahe wie ein Lachen: es war ja aber nicht sein Heinz! Der Justizrat, der ver- stand es doch, nnd der alte Hinrich Jakobs trug seinen Anker noch init seinen achtzig Jahren! Hans Kirch streckte die Hand nach einer neben ihm liegenden Ledertasche aus; langsam öffnete er sie und nahm eine Anzahl Kassenscheine von geringerem Werte aus derselben. Nachdem er sie vor sich ausgebreitet und dann einen Teil, und nach einigem Zögern noch einen Teil davon in die Ledertasche zurückgelegt hatte, steckte er die übrigen in ein bereit gehaltenes Kuvert; er hatte genau die mäßige Summe abgewogen. Er war nun fertig; aber noch immer saß er da; mit herab- hängendem Unterkiefer, die müßigen Hände an den Tisch ge- klammert. Plötzlich fuhr er auf, seine grauen Augen öffneten sich weit:„Hans! Hans!" hatte es gerufen; hier im leeren Zimmer, ivo, wie er jetzt bemerkte, schon die Dämmerung in allen Winkeln lag. Aber er besann sich; nur seine eigenen Gedanken waren über ihn gekommen; es war nicht jetzt, es war schon viele Jahre her, daß ihn diese Stimme so gerufen hatte. Und dennoch, als ob er ividerwillig einem außer sich Gehorsam leiste, öffneten seine Hände noch einmal die Ledertasche und nahmen zögernd eine Anzahl großer Kassenscheine aus derselben. Aber mit jedem einzelnen, den Hans Adam jetzt der vorher bemessenn kleinen Stimme zngc- scllte, stieg sein Groll gegen den, der dafür Heimat und Vaterhaus an ihn verkaufen sollte; denn was zum Ausbau lang gehegter Lcbeuspltine hatte dienen sollen, das mußte er jetzt hinwerfen, nur um die setzten Trümmer davon lvegzuränmen. -- Als Heinz ctlva eine Stunde später, von einem Gange durch die Stadt zurückkehrend, die Treppe nach dem Oberhaus hinaufging, trat gleichzeitig Hans Adam unten aus seiner Zimmer- tür und folgte ihm so hastig, daß beide fast miteinander in des Sohnes Kammer traten. Die Magd, die oben auf dem Vorplatz arbeitete, ließ bald seine Hände ruhen; sie wußte es ja wohl, daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in der Ordnung war, und drinnen hinter der geschlossenen Tür schien es jetzt zu einem hef- tigen Gespräch zu kommen.— Aber nein, sie hatte sich getäuscht, es war nur immer die alte Stimme, die sie hörte; und immer lauter und drohender klang es, obgleich von der anderen Seite keine Antwort darauf erfolgte; aber vergebens strengte sie sich an, von dem Inhalte etwas zu verstehen; sie hörte drinnen den offenen Fensterflügel im Winde klappern, und ihr war, als würden die noch immer heftiger hervorbrechenden Worte dort in die dunlle Nacht hinausgeredet. Dann endlich wurde es still; aber zugleich sprang die Magd, von der aufgcstoßencn Kammertür getroffen, mit einein Sclirei zur Seite und sah ihren gcfürchtetcn Herrn mit wirrem.«oaar und wild blickenden Augen die Treppe hinabstolpern und hörte, wie die Kontortür ausgerissen und wieder zugeschlagen wurde._ sFortsetznug folgt.) LorwärtsBuchöruckereiu.Verlagöanjw.ll Paul SingerkEo., Verl lnLVV„