Anterhaltungsölatt des vorwärts Nr. 1._ Mittwoch, den 1. Januar 1913 i] Gefchlchtc einer Bombe* Von Andreas©trug. .... Lange hatte diese Frucht gereift... Jahre gingen dahin, vernichteten das Leben und ver- zehrten die Seelen der Menschen. Es stürmte gegen den Feind die Idee und der Haß, es schlugen auf ihn ein die Aufopse- rung vieler Menschen und ihr geduldiges Ausharren in der Pein. Geheimnisvoll, wie auf dem Boden des Meeres, sammelten sich schichtweise die Niederschläge kleiner Taten, wie kaum wahrnehmbare Lebewesen. Bis der Tag kam, da der Wille aus dem Bereich des Wünschens trat. Der Wille wollte Tat werden. Ter eut- flammte Mensch schlug mit dem Kopf gegen die Mauer— er versuchte ihre Kraft mit der nackten Faust. Das war das erste Blut. Für alles hat der Arbeiter ein Gerät: es gibt ein Gerät für Eisen, für den Stein und für jede andere Sache. Es gibt den Hammer und den Meißel, es gibt die Sense und die Axt. Aber diese Arbeit, die wie eine Mauer vor dem ewigen Arbeiter stand, war neu und unerhört. Man mußte zer- stören, man mußte töten... Man baute dieses zerstörende tödliche Gerät unter viel- fachen Ueberlegungen und hitzigem Streit. Es wurde er- wogen von dem kühlen Verstand und von der überströmenden Leidenschaft. Es kamen dabei zu Wort: Politik und Rachsucht, Ueberlegung und Wut, alte erfahrene Weisheit und neuer Wahnsinn. Es stritten miteinander: der Glaube an das bekannte Heut und der Glaube an den ungewissen Morgen. Bis eines Tages die Dynamitbombe auf dem Straßen- damnl rollte. Es war eine Büchse aus Gußeisen mit einem fest zuge- schraubten Deckel. Sie sah nach einem halben Pfund Kakao oder nach einem Kilo ausländischer eingemachter Früchte aus. Sie wog etwa zehn Pfund und war leicht in der Tasche unter- zubringen, die sie jedoch unbarmherzig beschwerte. Ihr Inhalt war äußerst kornpliziert, ihr Aussehen verblüffend gewöhnlich und ihre Bestimmung bekannt. Wo ist der Meister geblieben, der sie einst gemacht hatte, oder ist er ganz und gar verschollen? Es tvar ein in der wissenschaftlichen Welt ziemlich unbe- kannter Chemiker, ein finsteres Individuum, das sich in großer Bedürftigkeit einst in den verschiedensten Universitätslabora- torien von ganz Europa herumgetrieben hatte. Er wollte weder Karriere machen noch Ruhm erwerben, sondern er suchte Wahrheit— oder vielmehr: die chemische Formel fiir eine ge- wisse ungewöhnliche Verbindung, die farblos, wie ein gas- förmiger Körper, geruchlos, unsichtbar, dennoch überall ge- kannt war; in den Fachzeitschristen besprochen, studiert, ge- messen, gewogen und verfolgt durch viele Doktoren Schulze und Müller, entrann sie und hielt sich irgendwo in dem großen chemischen Reich versteckt, und ihre Formel war zurzeit nur dem bekannt, der die Sterne des Hiinmels und die Wässer der Ozeane zählte. Mit der Beharrlichkeit eines Verrückten, von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten, saß der Chemiker, fern von der Heimat, umgeben von Röhtchen, Glasballons, Testillatoren, mitten im stinkenden Atem der Chemikalien elend sich er- nährend und einzig mit der hitzigen Jagd nach seinem geruch- und farblosen, unsichtbaren Ideal befaßt: von Jahr zu Jahr immer wunderlicher werdend und immer mehr von seiner Manie besessen. Er wußte buchstäblich nicht mehr, was in der Welt geschah, und am allerwenigsten war er neugierig zu erfahren, was sich irgendwo in der Ferne, in seinem Vater- lande ereignete. Doch vor dem endgültigen Irrsinn errettete iihn die Revolution. Es wäre unmöglich aufzuklären, wie das eigentlich gesckiah. Vermöge sehr verwickelter und kaum wahrnehmbarer Assoziationen, durch Umbildungen, Diffusions-, Absorptions-, Verdichtungs-, Verdünnungs- und.Kristallisationsprozcssc, durch irgendeinen besonders hohen Druck, durch die geheimnis- volle Verwandschaft diffuser Elemente lind endlich durch den Einfluß eines unbekannten Körpers, den wir mit X bezeichnen wollen, bildete sich im Gehirn dieses Sonderlings die Hypo- these: daß eben dies, was jetzt im Vaterlande so blutig und stürmisch begonnen hatte, ihin kcineswegs gleichgültig sein dürfe. Nach kurzer Zeit schritt der Chemiker zu einer genauen guantitativen und qualitativen Analyse dieser neuen Ver- bindung, die man im gewöhnlichen Leben Sehnsucht nach dev Heimat nennt, und deren Bestandteile so flüchtig, so verschieden und so überraschend sind. Diese Verbindung hatte offenbar ein großes spezifisches Gewicht, denn sie lastete auf der Seele des Cheniikers, bedrückte ihn und ließ ihm keine Ruhe. Die Analyse fiel einem Gehirn, das durch Experimentalmethoden mit ihren Röhrchen, Retorten, Wagen und Reagentien ver- darben war, ziemlich schwer: uach allen noch so gründlichen Untersuchungen blieb auf dem Boden ein hartnäckiger und unauflöslicher Niederschlag zurück, mit dem man gar nichts mehr anfangen konnte!— Zu eben dieser Zeit reiste ein gewisser Genosse als Agent der Revolution durch Europa, auf der Suche nach einem Manne der Wissenschaft, der geneigt wäre, seine Kenntnisse, aber mit ihnen auch sein Leben, dem Dienste der Revolution zu weihen. Er hatte unendliche Besprechungen, und seine Art, zu überzeugen, hinters Licht zu führen und die Leute, die er brauchte, zu terrorisieren, war sehr mannigfaltig. Aber da es sich nicht bloß darum handelte, eine Wohnung zu Parteizwecken abzugeben, nicht um eine Geldnnterstützung, noch um die Her- gäbe eines Passes, sondern um einen Dienst, der einem gleich- sam den Strick um den Hals legte, so ergab es sich, daß jener � Genosse, obwohl ein genialer Agitator, in ganz Europa unter den vielen weit bekannten Männern der Wissenschaft nicht einen fand, der bereit gewesen wäre, seine fachlichen Kenntnisse der Revolution zu widmen. Der Agitator jedoch ließ nicht locker und machte sich daran, ihm völlig unbekannte Chemiker aufzusuckien, deren Adressen er sammelte ivo er sie bekam. In Göttingen warf ihn einer einfach zur Tür hinaus: es war nämlich ein konsequenter und überzeugter nationaler Demo- krat. Ein anderer in Bern erklärte sich gleich einverstanden, versprach alles, verpflichtete sich aufs feierlichste, und das mit einer solchen Blitzgeschwindigkeit, daß der Agitator am Ende der Konferenz erriet, daß man ihn fiir einen Verrückten hielt und sich seiner auf die rascheste und einfachste Weise entledigen wollte. Ein Dritter— es war in Paris— hatte kaum den Vorschlag gehört, der ihni von dem unbekannten Plagegeist auf die natürlichste Weise vorgetragen wurde, blieb sprachlos vor Entsetzen und vergaß in seinem tödlichen Schrecken, daß er einen Flacon mit einer stickstoffhaltigen Säure in der Hand hielt(die Konferenz fand nämlich im Laboratorium statt). Das Resultat war, daß der Gelehrte sich schmerzlich am Fuß verbrannte und sich sechs Wochen kurieren mußte. Doch in- zwischen hatte der unermüdliche Agitator endlich das gefunden. was er brauchte. Die Genossen in der ausländischen Kolonie gaben ihm die Adresse eines gewissen Chemikers, meinten aber zugleich, es sei ausgeschlossen, daß dieser Verrückte, der seine Mutter- spräche fast vergessen hatte, zu irgend etwas noch taugen sollte. Der Agitator begab sich zu ihm, ohne Hoffnung, aber auch ohne Zweifel, getreu seiner Methode, aus irgendeine Weise die Sache einzuhaken, Und siehe da, der Chemiker ging auf alles ein, als hätte er nur auf die Einladung gewartet. Wie es geschah? Wie so grundverschiedene Menschen miteinander sprachen und sich endlich verstanden, warum sich der Chemiker vom Fleck weg in ein Abenteuer stürzte, von dem er keinen Begriff hatte und von dem er nie, auch nicht im Traum, geahnt haben mochte— wie das geschah? Wer weiß es? In jenen Zeiten geschahen eben noch seltsamere Dinge. Eines schönen Tages beendigte der Gelehrte noch einen letzten Kampf mit seinem geruch- und farblosen Feind und verschob den weiteren Feldzug auf unbestimmte Zeit. Er legte seinen weißen Kittel und seine Arbeitsschürze ab, packte seine gesamte Habe, bestehend aus Jahrgängen verschiedener Fachzeitschriften in mehreren Sprachen, zugleich mit feinem einzigen publizierten Werk zusammen, das eine halbe Druck- seite chemischer Hieroglyphen umfaßte, und reiste in das Land« das zu jener Zeit ein brodelnder Tiegel geheimnisvoller Listiger und nmtericller Prozesse war, denen als Bindemittel ein Element diente, allgemein bekannt in der höllischen Chemie des Lebens— ein Element vom flüssigen Aggregatzustand und von roter Farbe.. Die Energie der sozialen Bindungen ent- lud sich gewaltsam, zwischen Anode und Kathode tlossen kräftige Ströme und in der Mitte lagen haufenweise die Leichen. Was hatte der von der Wissenschaft Besessene, diese von den Ausdünstungen des Laboratoriums betäubte Seele dort zu suchen? Logisch gesprochen nichts. Doch zum Glück für den Fortschritt der Welt treten im sozialen Leben, freilich selten. Epochen ein, in welchen die Logik aus den Gehirnen sich zurückzieht und von ferne zusieht, was die Menschen mit sich anfangen. Nach einiger Zeit also ließ sich unser Chemiker in einem weit draußen liegenden Vorort von Warschau nieder, in einem Häuschen, das ihm die Partei gemietet hatte, und arbeitete zugunsten dieser Partei und dem Zarentum zum Tod. Er begann nnt Hausmitteln Werkzeuge zu fabrizieren, welche die Aufgabe hatten, in einem gewissen Maße die Unabhängigkeit des Vaterlandes erkämpfen zu helfen und das polnische Pcole- tariat seinen letzten Zielen näher zu bringen. Das Streben nach dieser Unabhängigkeit war bei unserem Gelehrten ziemlich nebelhaft, von den letzten Zielen hatte er kaum eine Vorstellung,— und dennoch arbeitete er eifrig und ausgiebig, ohne Rücksicht auf sich und auf jene, die seine höllischen Produkte gebrauchen sollten. Er hatte einen sehr soliden Ruf. Man sagte: „Endlich haben wir einen wirklichen Chemiker!" „Er versteht die Sache. Und dabei ist es doch immerhin ein Ruhm für die Partei, daß ein solcher Gelehrter— „Ein wahrer Gelehrter." „Weit und breit bekannt." „Ucberall bekannt." Nicht häufig, alle zwei Wochen ungefähr, betrat ein arm- lich gekleidetes Mädchen das kleine Vorstadthaus. Tu dem Chemiker diese Besuche angekündigt zu werden pflegten, so nahm er einen Hemdkragen um, kämmte sich und warf über das unaufgeräumte Bett eine zerlöcherte Decke, lüftete die Wohnung, fegte die Zigarettenstumniel zusammen, die auf dem Boden herumlagen, schloß sorgfältig die Tür zum Labo- ratorium und wartete ungeduldig. lJortietzung folgt-x _ Rarzwandcrung im Mimer, Von Alwin Rath. In Klausthal, einem Städtchen des Harzes, das mit seinen wirr durcheinandergeschobcncn Gassen und den so malerisch un- rcgellnäßig über- und untcreineinandcr gebauten Giebeln und diese» herben, derben, unter der Fron des Lebens sich mühenden Bergbewohnern reizvoller ist, als die kahle, zu einein nackten Hoch- platcau sich ausdehnende Umgebung, läutet vom Turm das Anfahr- glöckchen für die Bergleute. Eine schwarze Schar sehniger Ge- stalten eilt mit dem Grubenlich� in der Faust dem Schacht zu. Schars, wie lebendig gewordene Silhouetten, heben sich die einzel- ucn, deren hagere Körper alle von den schweren Mühen der Erz- gewinnung in den Felsenstollen genugsam zeugen, von der blenden- den Helle des Schnees ab. der mit weichen Massen jeden Stein, jede Fensterbank, jeden Draht in der Luft dick überquillt. Aus der Hütte hört man das Stöhnen der stählernen Maschincngiganten, in den Pochwerken dröhnen die mächtigen Hämmer, und elektrische Bahnen schleppen über Tage die gebrochenen Erze zu den Aus- bereitungs- und Sortierhäusern, den Wäschen und Pochwerken. Nach einem Einblick in diesen interessanten Betrieb, in dem selbst die Moorwasser des viele Kilometer entfernt liegenden Brockenfeldcs die Kraft des Menschen und der Maschinen mit unterstützen müssen, wenden wir uns unserem weiteren Wanderziele St.-Andreasberg zu. An den ragenden, von oben bis unten eine weihe Schneelitze zeigenden Schloten der Grube„Wilhelm", deren Gebäude russige, schmierige Schnecmützcn tragen, geht's vorbei, und zwischen den vom Schneepflug zu beiden Seiten hoch aufgehäuften kristallen- glitzernden weihen Dämmen hin. Auf den Pfauentcichc», rechts von der Straße, haben sich Burschen den Schnee weggeschaufelt und versuchen, ihrer kleinen, dick eingemummelten Schwester, von der nur etwas wie eine rote vcrfröstclte Nasenspitze zu sehen ist, das Schlittschuhlaufen beizubringen. Es ist eine schwere Mühe, diesen unbeholfenen Beinen etwas Sicherheit auf den schmalen Stahl- schienen zu geben— das Unterfangen wird oft mit Hinpurzeln aller drei gebüßt. Mit ihrem klarsten Winterlicht steht die Sonne schräg über dem fernen Brocken. Nach Westen hin schweift der Blick von der Andreasbergcr Chaussee über all die in sanftem, weißem und bläu- lichem Schimmern aus den Tiefen sich wölbenden Kuppen bis in die Wesertäler und zu den im Duft verschwimmcnd sich andeutenden hessischen Bergen hinüber. In lautloser Stille steht der hohe Tannenwald am Tränkeberg hinauf— wie schwere riesige Fittiche von Albatrossen hängen die kolossalen Wedel der Tannenäste unter der Schneelast zur Erde herunter. Vor uns funkeln auf den Rücken von langsam, knickbeinig sich voran schiebenden Holzfällern die Schneiden der gezahnten, fast mannslangen Sägen. Einige andere Fäller kommen von der Arbeit ihnen entgegen. Sie stecken ver- wundert und interessiert die Köpfe mit den warmen Fellmützen zusammen, und als wir dazu kommen, sehen wir, daß der Mittel- Punkt des Interesses ein Nest voll junger Kreuzschnäbel ist, die im Astloch einer gehauenen Riesentanne gelegen hatten. Kaum der erste graue Flaum ist auf den nackten, nicht gerade schönen kleinen Körpern zu sehen, die sich scheu und kläglich in der Nestmulde zu- sammenducken. Der eine Fäller meint, gestoßener Mohnsamen sei am besten, ein anderer meint, ein Zusatz von Eigelb garantiere dafür, daß der Finder die armen Winterkinder groß bekomme. Tief aus den« Schneewald pochen die Axtschläge anderer Fäller, und manchmal stäubt, wie unter einem Erzittern des ganzen Winter- Waldes, leiser Schneehauch aus den Rändern hoher Zweige. Von dem Wegweiser nach St.-Andreasberg müssen wir die an» gefrorene Kruste abklopfen, um uns vergewissern zu können. Auf der Straße über den Rehberger Graben gehts an dem fast zwei Kilometer langen Oderteich hin, in dem man durch eine Talsperre die einzelnen Quellenarme der Oder aufgesammelt hat, um sie durch einen in den Granitfelsen hiucingesprengten Graben von über sieben Kilometer Länge den Andreasbcrger Bergwerken dienstlich zu machen. Weite Tannenwälder schließen den in malerischen Win- dunzcn sich hinziehenden See in ihren stimmungsreichcn Rahmen. Kurz darauf überholen uns zwei echte Oberharzer„Landgängcrin- nen", die mächtige Buckel haben; denn unter ihren buntgeblümten langen Kragenmänteln tragen sie. Kiepen mit Eiern und Butter zur Stadt. Die eine erzählt uns, daß ihr Mann Köhler im Oste- rodischen ist, der fortwährend an die zwölf Meiler im Brand hat — also so eine Art Engros-Köhler! Aber das Geschäft hätte sonst doch nur wenig mehr auf sich, seit man immer mehr Steinkohlen brennt. Wenn sie einmal in der Woche hinkomme, um Brot und „Zubrot" zu bringen, sehe sie am liebsten zu, wenn nachts sich der Meiler„eimere"; dann sei die Vcrkohlung im Innern beendet und der äußere Erdbewurf werde glühend— das sei schauerlich schön in der schwarzen Nacht anzusehen. Nicht weit vor Andreasberg klopfen die Frauen an das Fenster eines schcuerartigen Holzhauses. Sie laden uns mit hinein zu einer Tasse Kaffee— und wenn wir noch keinen Vogel hätten, könnten wir da drin einen kriegen, setzten sie schalkhaft hinzu und weisen auf die Unzahl von kleinen Kästen mit den gelben wohl» bekannten Ändreasberger Kanarienrollern. Es ist ein unbejchreib» lichcs Trillern und ein unaufhörlicher Frühlingsjubel in diesem großen Holzkasten, von dem außen schwere Eiszapfen hcrabbangen und den der Wintcrschnec in kleinen Bergen ummauert. Aber im Hauptberus ist dieser Kanarienzüchter Bescnfabrikant— wenigstens im Winter. Da sitzen um die Feuerstelle inmitten der„Köte" Frau, Kinder und Hausherr, und alle find eifrig beschäftigt, zierliche Bündel von schmal geschnittenen Rohrreisern mit einem Drähtchen an einem Ende zu umwickeln. Dies Ende wird dann in einen brodelnden Lcimtopf getaucht, in dem aber auch Teer kochen kann, so schwarz ist die Sauce, und zuletzt wirds in eins der Löcher der hölzernen Besenkappe gepropft. Es ist ein fast unausstehlicher Geruch von diesem Geschäft und von den Ausdünstungen der Vögel- körbe im Hause. In der Ecke liegt denn auch hinter einem grünen Vorhang ein krankes Mädelchen. Die Frau, die dabei hockt und allen möglichen Unsinn auskramt, schaut uns nicht gerade freund- lich an. Sie vermutet wohl ziemlich richtig, daß wir nicht viel von ihrer Besprechungskunst halten, mit der sie diesen abergläubischen, um ihr Liebes besorgten Leuten nur das sauer verdiente Geld aus der Tasche schwindelt. Kurz vor dem hoch im Tal sich hinaufziehenden Andreasberg merkt man gleich, daß ein reger Wintersportbetrieb hier gepflegt wird. Weiße langbeinige Schneespinnen kommen auf schnee- umstäubten Skiern von den Höhen niedergesaust und haben ihre gute Mühe, die Unebenheiten des. Terrains zu bewältigen und zwischen den Felskloben hindurchzusteuern. Bewundernd folgen die Blicke diesen eleganten Kurven und Hopsern, diesen Stößen und Bremsvcrsuchen, bis plötzlich eine der Spinnen sich im Schnee ein- wickelt und die zunächst dahinterher Fliegenden, ein einzig stürzen- des Gezappel, ebenso unwiderstehlich zu den weichen Polstern des Winters sich hingezogen fühlen. In dieser merkwürdigen eckten Bcrgstadt. die fast ganz aus Holzhäusern besteht, find die Straßen für die schlittenfahrende Jugend und ebenso für die sportlustigen Fremden, die sich hier in recht bedeutender Anzahl eingesunden haben, unübertrefflich gute Rutschbahnen— wenngleich sie als Rodelbahnen, wegen der hier und da unglaublich scharfen Kurven, weniger zu empfehlen sind.„Ruschelschlitten" nennen die Burschen hier ihre Rodclwcrkzcuge. Einem„Ruschler" passiert es nicht, daß er in den Schnee kippt, wohl aber einem„Rodler"— dann aber unter jubelnden Applaus aller Andreasbergcr Jungen und Mädel? Je weißer der Schneemann sich aus den Schneegebirgen zur Seite der Straße ausrappelt, einer um so echteren Anteilnahme kann er gewiß sein. Auch hier sieht man wie m Klausihal die dunklen Gestalten der Bergleute oft durch die Straßen ziehen. Aber Andreasberg ist nicht mehr das„Mineralientabinett des Harzes". Die unermüdlich nach den kostbaren Metallen der Bergestiefen wühlende Hand des Menschen hat diese Quellen des Reichtums fast gänzlich erschöpft, so daß von den einstigen 300 Zechen, in denen der Bergbau auf Silber, Blei, Eisen, Arsen usw. betrieben wurde, nur noch die Grube „Andreasberger Hoffnung" übriggeblieben ist— in Wahrheit die Andreasberger Hoffnung, da man hier neue Ausschlußarbeiten der- sucht, die indes wenig Erfolg versprechen. Die durch die Erschöpfung der Gruben arbeitslos gewordenen Bergleute sind zum Teil in die Kohlenbezirke der Ruhrgegend abgewandert, oder sie sitzen heute in den heimischen Zigarrenfabriken, in den Spielwarenfabriken, wo sie Hampelkerlchen bemalen, hölzerne Schafe schnitzen. Gänse mit Wackelhälsen neuester Art aus dem Ei schälen, oder sie bauen die kleinen allbekannten Harzer Vogelbauer oder endlich sitzen sie neuerdings auch bor den Webstühlen des Städtchens und lassen die schnurrenden Schiffchen unter den geschäftigen Händen hin- und herflitzen durch die schwankenden Fadenreihcn. Hatten sie früher schon nebenher eine kleine Kanarienzucht, so haben sie jetzt hierauf alle ihre Hoffnung gestellt— aber auch damit ist kein goldenes aus mehr zu bauen, da auch hier die Nachfrage infolge der starken onkurrenz der Großstädte immer mehr sinkt. Nun ist die allerletzte, diesmal wohlbegründete Hoffnung der Sommergast und der Wintersportler. Daß der letztere das Städt- chen bevorzugt, das es allerdings um seiner gesunden Lage und um seiner einzigartigen Anlage auf Bergeshöhen und in wilden Tal- stürzen halber verdient, sieht man an all den lebendigen Schnee- männern, die hier in weihen Sweatern sich herumtummeln. Wer aber die eigentlichen Schneekünstler sind, die da einen kämpfenden Ritter und Drachen oder einen Lohengrin mit Kahn und Schwan oder auch einen weißen Schornsteinfeger, alles in Lebensgröße aus Schnee geformt, in den Straßen vor die Häuser hinzaubern, weiß ich nicht. Selbst die zahme„Wieke", ein Reh, das in die Straßen betteln kommt, sah eines Morgens ihr Kontersei wie ein weißes Marmorbild auf einer Gartenmauer stehen. Datteln und feigen. Bon C. Schenkling. Nur wenig später als das letzte Hartobst erscheinen die Datteln und Feigen auf dem deutschen Markte. Obickon sie bei uns nur Leckereien find, ist eS dow wohl nicht unangebracht, auch aus der Naturgeschichte dieser Südfrüchte etwas zu erfahren. Die Dattel ist die Frucht einer Palmenart, die das Charaktergewächs des breiten Wüstengürtels Nordafrikas und Arabiens mit dem Jndus-Delta als östlicher und den Kanarischen Inseln als westlicher Grenze bildet. Ihr Hauptgebiet ist aber die arabische Halbinsel, woselbst sie allen Landschaften ihre Physiognomie verleiht und allen Bewohnern die Hauptnahrung ist. Von diesem Heimatlande verbreitet sie sich, soweit daS arabisch-afrikanische Trockenklima reicht, strahlenförmig nach Osten, Westen und Norden. Schon frühzeitig war man bemüht, dielen wichtigen Baum auch anderwärts einzubürgen. Die Phönizier, Griechen und Römer, später die Araber und christlichen Völker verpflanzten sie nach den Inseln und Küstenländern des Mittelmeeres, und so finden wir sie jetzt in Gegenden, wo die mittlere Temperatur kaum 15— 16 Grad CelsiuS bcirägt, wie auf den Hyeres-Jnselir an der Südküste Frankreichs, bei San Nemo, Nizza und Genua, zumal aber bei Bordighiera, dem vielbeüichten Winterkurort an der ligurischen Küste, wo ein Dottelwald von mehr als 4006 Stämmen steht, in Dalnratien und Spalato. Da der Baum aber zu seiner vollen EntWickelung wie zur Zeitiginig seiner Früchte 24— 25 Grad CelsiuS verlangt, so trägt an allen diesen Orten die Dattelpalme keine Früchte. Der Baum erreicht eine Durchschnittsböhe von 25 Metern. Seine Krone wird gebildet von etwa 5V Blättern, die durchschnittlich 2 bis 3 Meter Länge erreichen. Erst im achten Lebensjahre beginnt der Bauin zu blühen und zwar entwickelt daS eine Individuum nur männliche, das andere nur weibliche Blüten. Da die Zahl jener nur gering ist sauf 5—6 männliche Exemplare kommen an 1666 weib- lich«) und beide Geschlechter nicht selten in großen Entfernungen von einander stehen, ist eS, um eine sichere Ernie zu erzielen, er- forderlich, künstliche Beirnchiung anzuwenden. Wenn der Blüten- staub vollkommen entwickelt ist, erneigen geschickte Kletterer den männlichen Baum und holen die Blülenkoldcn herunter. Daraus ersteigen sie einen Baum mit Stempelblüten und schütteln üher ihn die männlichen Kolben, befestigen auch wohl männliche Blüten zwischen den Rispen der weiblichen Blürenstände. Die Dattrlfruchl ist länglich oval, unseren Pflaumen ähnlich und eiwa 4—5 Zenti« meter groß. Bei Vollreife nimmt sie eine durchsichtige Farbe an, die zwischen dem Gelb und Purpurrot schwankt und ist von würzigem Geruch und Geschmack. In Größe und Gestalt sind die Dattelfrüchte indes sehr verschieden; diese Veränderlichkeit ist der langjährigen Kullur zuzuschreiben, die zahlreiche Spiclarien erzeugte. So zählte der Reisende Richardson in einer Oase der Sahara nicht weniger als 46 Sorten; in der Umgebung von Murzuk kommen 37 Spielarten vor und in der Nachbarschaft der Stadt Medina in Arabien sollen gar über 166 verschiedene Sorten gedeihen. Wenn auch die Dattelpalme erst mit 36 Jahren ihre größte Fruchtbarkeit erreicht, so liefert sie doch bis zum hundertsten Levens- jähre volle Ernten, nämlich im Durchschnitt 156—366 Kilo Früchte, die in Trauben stehen. In Nubien haben einzelne Bäume 15 Dattel- trauben, von denen jede 36 Kilogramm wiegt, und bei Medina kommen Trauben bis zu 46 Kilo Gewicht vor. Die Datteln liesern dem Araber den wichtigsten Bestandteil seiner Pflanzenkost, gleich eßbar, ob frisch oder getrocknet, gekocht oder ungekocht. Die Früchte können zwei bis drei Monare lang krisch vom Baum genossen und zu allerlei Gerichren verwendet werden, da die einzelnen Dattelarten nach und nach reifen. Eine gute Hausfrau, behaupten die Araber, muß ihrem Manne einen ganzen Monat lang täglich ein anderes Dattel- gericht vorsetzen können. Gelrockner und in Körbe gepreßt halten sich die Datieln mehrere Jahre; sie verderben selbst in der glühendsten Hitze N'cht und sind somit die echien Wüsten- und Karawanen- nahrting. Mit einer Handvoll Darieln und einein Schluck Wasser hält der Beduine sein Mittagsmahl. Freilich, ein Trunk Wasser ist dazu notweiidig, denn die Datteln Wirten erhitzend und trocknend. ivesbaib man sie auch nicht genießt, wenn Wassernot herrscht. Am besten und zuträglichsten sind ne mit Gerstenmehl zu einem Teige geknetet und zu Brot sDattelbroil gebocken. Bei uns kennt man die Datteln im Handel zumeist nur in gepreßter, schrumpflicher Backbirnform und nur als Leckereien. Die zur Ausfuhr bestinimlen Früchte werden ausgelesen und sorgfältig verpackt. Die edleren Sorien kommen überhaupi nicht zum Versand, sondern gehen nach Konstantmopel. es sind dies verschiedene Sorten auS dem Bagdader Gebiet. Für die Anssiihr eignet sich am besten die sehr häufige und zuckerreiche Qualuäl Zehdi. Die besten afrika- nijchen Datteln gedeihen im Diftnkl Jfli. Die Dattel ist eine Beerenfrucht nud besteht ans 16 Teilen Kern« snbstanz. aus 6 Teilen Sctmlen'iioftnnz und 85 Teilen hornigem, aber schmackhaftem, lüßem und erfrischendem Fruckufleisch, das wiederum 36 Proz. Wasser, 36 Proz. Zucker, 23 Proz. Eiweiß und Exiraktivstoffe, 8 Proz. Pektinstoffe. l Proz. Zellulose, 1 Proz. Zilronsäure, einige Mineraibeslandieue und etwas Knmarin enthält, welch letzteres der Fruchr den Woolg. schmack verleiht, wie eS den Waldmeister so angenehm duftend macht. Der Feigenbau ni mit seinen tief ausgeschnittenen herzförmigen Blättern ist ursprünglich im südlichen Asien heimisch. Bon hier nach Syrien, Nordafrika und Südeuropa verpflanzt, wo er an Mauern. Fetten und sonnigen Plätzen verwildert vorkommt, wird er int Jahrlausenden und zwar jetzt m allen Weltteilen rn zahlreichen Spielarten kultiviert. Schon zu den ätlejten Zeiten hatten stch in den Organen seiner Btüie(Slaubgesäßc und Stempel) derartige Umbildiingen vollzogen, daß eine selbütätige Befruchtung auS» geschlossen war und der Mensch sich gezwungen sah, helfend ein- zugrei'en, sofern er die kostbaren Früchie nicht missen wollte. Bereits im Altertume half man sich, einer überloinmene» aber in ihrem W.ä'en unoerfwndenen Regel folgend, dadurch, daß man die Be» fruchtung der kultivierten Feigenbäume förderte, indem man reifende Früchte des wildwachsenden Feigenbaumes, im Orient Geißseige (Koprineus) genannt, im Geäst jener befestigte, sobald das Auge ihrer Früchte sich öffnete, die weiblichen Blüten also empfängnis- iähig waren. Die Feige ist keine Frucht im Sinne der Kirsche, unseres Hart- obstes oder unserer Beeren, sonder» ist gleich dem Kiefern- oder Fichtenzapfen ein sogenannter FrucklstanS und zwar ein um gewandter Radelholzzapfen, der allerdings nicht wie dieser seine Blüten und Früchtchen peripherisch, jviidern innen trägt. Man kann sie auch mit der Blüte der Sonnenro'e vergleiche», indem man sich die Blüten» scheide zu einer Hohlkugel zusammeugezoge» denkt, die die zahlreichen Enizelblüicheii alsdann im Innern trägt. Es blüht und fruchtet also die Feige in dem dunklen Junenranm ihres sonderbaren Blüten» oder Fruchlstandes. Dieser ist geirdlosi. n bis auf eine winzige Oeffnung an der Spitze, durch die ein uoiv winzigeres Insekt auS ans der Ordnung der Haittflügler flilastoptro�a grossornrn) schlüpft, um seine Eier abzulegen. Der Feigenbaum entwickelt jährlich dreimal Blütcnstände, in denen die weiblichen Organe sich so früh entwickeln, daß auf die Narben jeder Blütenscrie nur die einer vorhergehenden Generation entstammenden Pollen übertragen werden können. Den Dienst des Postillon d'amonr versteht aber jene Gallwespenart. Die Weib- chen schlüpfen aus den ersten Blütenstäuben heraus und besuchen die Blüten der nächsten Generation, um an deren sich eben cnt- wickelnden Fruchtknoten ihre Eier abzulegen, vielleicht auch die Narbe mit dem von ihnen mitgeschleppten Blütenstaub zu befruch- ten. Letzteres geschieht aber nur in sehr beschränktem Maße, zu- meist werden die Fruchtknoten zum Zwecke der Eiablage von den Weibchen angestochen und dadurch zu gallenartigen Bildungen, eben zu denen der Feige veranlaßt. Beim Besuch der zweiten Blüte, die in reicklichercm Maße Blütenstaub entwickelt,� bestäuben sich die winzigen Wespen damit und übertragen ihn aus die Rar» den der dritten Blüte. Wenn auch diesmal zahlreiche Fruchtknoten angestochen werden, so bleibt doch ein Teil unversehrt, der dann die Früchte liefert. Beim kultivierten Feigendaum sind die Blüten nun derart verändert, daß die Bcsruchtungsorgane gar nicht zur EntWickelung kommen, so daß männlicher Zeugungsstosf in ausreichender Menge nicht vorhanden ist und die Wespe ihre Eier an den Ovarien nicht ablegen kann. Deshalb schneidet der Fcigenbaucr von Kaprisicus entweder ganze Fruchtzweige ab und behängt damit die Kronen der kultivierten Bäume, oder er durchbohrt einzelne Früchte der wilden Feige mit Binsenhalmen und Befestigt sie an den unteren Aesten, wirft sie auch mit bewundernswertem Geschick in das obere Astwerk der Krone, so daß sie meist da hängen bleiben, wo er sie haben will. Das Insekt wird genötigt, aus den bald welkenden Früchten in die der angepflanzten Bäume überzusiedeln, woselbst es dann in den Blüten den Befruchtungsakt vollzieht, wenn�auch in nur unvollkommener Weise. Seine Anwesenheit in der �Frucht hat zur Folge, daß wegen des größeren Fruchtandranges die Früchte voller und saftreicher werden— die Früchte der Geißfeige werden merkwürdigerweise durch den Stich der Wespe nicht vollsaftig—, wodurch der Ernteertrag bedeutend erhöht wird. Diese Gallwespen- besruckyhnig nennt die Wissenschaft Kaprifikation. Da der kultivierte Feigenbaum männliche Blüten nicht mehr Entwickelt, ist er weiblich geworden; andererseits hat sich die Geiß- feige zu einem männlichen Baum umgewandelt. Schon Vater Linne weist darauf hin, daß die beiden Feigenbaumarten als Mann und Frauf zusammengehörige Formen darstellen, die nicht'aus- einander hervorgegangen sind, sondern mit- und nebeneinander und zwar schon in jedem Anbau durch Naturauslese sich entwickelt haben. Die süßen und nach Verschiedenheit der zahlreichen Spielarten bald mehr bald weniger schmackhaften Früchte enthalten vorwiegend Traubenzucker, gehören zu den gesundesten Obstarten und werden im den südlichen Ländern als Tafelobst und Desscrtfrüchtc sowohl roh als gedörrt und verschieden zubereitet gegessen; sie bilden ein �Hauptnährungsmittel für Menschen und Tiere. Bei uns können sie nur als Leckerei gelten, waren aber früher Heilmittel und er- freuen sich hier und da als Hausmittel noch heute eines gewisien Ansehens. Die Glelterobcrer in Lumpen. Mit dem Ende dieses Jahres gehen auch die hundertjährigen! Erinnerungstage an Napoleons russischen Feldzug zu Entde. Die flehten Ueberreste der einstigen„Großen Armee" des Soldaten- Zaisers retteten sich, von den Kosaken gejagt, noch in den letzten Dezembertagen 1812 in die preußischen Grenzorte hinein. Mit Staunen und mit Grausen sahen die preußischen Bauern diese ge- spenstischeN Gestalten auftauchen, die, mit erfrorenen Gliedmaßen, rauckschwarzen Gesichtern, wilden Eiszapfenbärten und hohlen Hungeraugen, an ihren Türen pochten. Wankende Skelette, die um Brot und Erbarmen flehten in allen Sprachen Europas. Die halbe Welt hatten sie mit ihren Bajonetten erobert, in allen Haupt- Mdten Europas war>der Taktschritt ihres Marsches erklungen; von de»? Palmengärten Palästinas bis zu den Kuppeln des heiligen Moskau hatten ihre Trommeln gewirbelt, den Siegesmarsch des Eroberers. Nun standen sie da, in dürftigen Lumpen, die Vorhut jener Armee von toten Männern, die den endlosen Weg ihres Rück- Marsches bedeckten. Fast eine halbe Million stark waren sie aus- gezogen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel; armselige lFelm tausend kamen zurück unter dem heisern Krächzen der Raben. Ohne Waffen, ohne Gepäck, ohne Kleidung, als geschlagene Welt- eroberer in Lumpen... Die mit Angabe von Vevlustzisfern, Kältegraden und mit aller Phantasie doch kaum zu begreifende Vernichtung dieses Riesen- theeres kann man stückweise verfolgen und miterleben, wenn man die Erinnerungen des Sergeanten Bourgogne fliest, die dieser tfast unmittelbar nach der großen Katastrophe aus ganz frischem Gedächtnis niederschrieb.(„Die Erinnerungen«des Franoois Wourgogne 1812." Verlag Robert Lutz in Stuttgart. Volksausgabe L M.I Mit einfachen Worten erzählt der Sergeant den Todeszug der Armee, so wie er ihn mitgemacht hat. Wie ein Kinofilm gleiten die Bilder an uns vorüber, und man muß oft gute Nerven haben, -um nicht mitunter den Blick wegzuwenden von diesen Szenen nie dagewesenen Kriegsjammers. Aver auch schöne Züge treuester Kameradschaft, edelster Menschenliebe und unerschütterlichen Hetsenmuts finden wir in diesem Prosaepos von Hunger, Winter- Ärlte, Kosakennot und Sterben im Schnee. Wir geben im folgenden eine Episode, die den Krieg und seine Folgen schildert. Als wir aufbrachen, war es noch nicht hell. Wir ließen eine große Zahl Toter und Sterbender auf dem Lagerplatz, und die Menge steigerte sich in erschreckendem Maße, nachdem wir eine Weile marschiert waren. Immer von neuem mußten wir über die tLeiber von Leuten hinwegsleigen, die bei den uns vorausmarschie- renden Truppen tot zusammengebrochen oder sterbend liegen ge- blieben waren. Der Marsch an diesem Tage war entsetzlich, denn lhei einer Kälte von 22 Grad umhüllte uns ein so dicker Nebel, daß -man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Die Lippen «froren aufeinander,-das Innere der Nase vereiste und das Gehirn «erstarrte. Später trat ein Schneesturm ein, der Flecken in einer «Größe mit sich führte, wie solche noch keiner je gesehen ljatte. Die «ganze Atmosphäre schien von Eis zu sein. Gegen Mittag wurde an einem Walde gerastet. Unser Ausenthalt dauerte nicht viel über eine halbe Stunde, in dieser Zeit starben aber mehrere Leute aus «der Stelle, auf welcher sie niedergesunken waren. Viele andere «waren vor Entkräftung schon auf dem Marsche zusammengebrechen. Kurz, unsere Reihen begannen sich zu lichten, und doch standen wir -erst am Anfang all des Elends, das über uns kommen sollte. Wenn -ein längerer Halt gemacht wurde, ließ man den Pferden, die man unbemerkt erwischen konnte, mit einem Messer zur Wer, sing daß Blut in Feldkesseln auf, kochte und genoß es. Ost kam es vor, daß es eben erst ans Feuer gesetzt worden war, wenn wieder aus- gebrochen werden mußte, weifl die Kosaken uns zu sehr auf den Leib rückten. Dabei habe ich aber häufig gesehen, daß eingelno Leute ganz ruhig am Keffel sitzen blieben, während schon die Kugeln hin und her flogen. Mußte schließlich denn doch das Feld geräumt werden, nun, dann wurde der Kessel mitgenommen und unterwegs! mit der hohlen Hand aus ihm geschöpft, mochte dabei Gesicht und Kleidung noch so sehr von Blut besudelt werden. Trat die Notwendigkeit ein, ein Pferd, welches man gerade zeit- legen wollte, im Stich lassen zu müssen, so geschah es oft, daß sich die Mannschaften beim Abmarsch versteckten und dann, wenn alles fort war, wie Wölfe über das Fleisch herfielen. Diese Leute sah man selten wieder, denn wenn sie nicht vom Feinde gefangen wur- den, erlagen sie der Kälte. Ungefähr nach einer Stunde machten wir bei einem größeren Gehölz aufs neue Rast. An dieser Stelle hatte Artillerie über- nachtet. Sie war verschwunden; Menschen und Pferde lagen unter dem Schnee; die Menschen um ihre Feuerstellen, urfld die Pferde noch angespannt an den Geschützen; letztere mußten zurückgelassen wevden. Da und dort fiel unser Blick auf Gewehrpyramiden, die aus dem Schnee hervorragten. Keiner von denen, die diese Gewehre zusammengesetzt hatten, war noch am Leben. Viele ihres Fleisches schon beraubte Pferde lagen hier umher., noch mehr aber fanden wir solche, die lebendig zurückgelassen worden waren und regungs- los da standen; sie ließen sich töten, ohne sich zu rühren. Nach einer Stunde der Ruhe ging es weiter. Wir zogen durch das Gehölz und trafen in gewissen Zwischenräumen auf Häuser, die, vollkommen aus Holz erbaut, großen Scheunen glichen. Wie bei solchen, befand sich auf jeder der beiden Langseiten ein großes Tor, d. h. Einfahrt und Ausfahrt, denn die Häuser dienten als Poststationen. Fast alle drei Stunden fanden sich solche Stationen� ein großer Teil von ihnen bestand aber nur noch aus einem Trümmerhaufen, denn sie waren bei unserem ersten Durchmarsch niedergebrannt worden. Als wir das Ende des Waldes erreicht hatten, sahen wir in kurzer Entfernung wiederum eines jener eben erwähnten Posthäuser. Ich schlug sofort einem neben mir gehenden Sergeanten der Kompagnie vor, dort für die Nacht ein Unter- kommen zu suchen; wir fanden aber, am Hause angekommen, dieses schon so von höheren Ofsizieren, Mannschaften und Pferden überfüllt, daß für uns kein Platz mehr war. Es sollen über achthundert Menschen darin gewesen sein, wie ich später hörte. Wir beschlossen deshalb, uns unter dem Bauch der an einem der Tore angebundenen Pferde niederzulegen. Ruhe fanden wir da aber auch nicht viel, denn es kamen häufig Leute der ringsherum biwakierenden Truppen, die die Bretterbekleidung des Hauses abzureißen ver- suchten, um Holz zum Feuer und für Schutzdächer zu gewinnen. Es mochte elf Uhr sein, als wir plötzlich durch Lärm auf- geschreckt wurden. Die Pferde, welche an der Innenseite des Tores, an dessen Außenseite wir lagen, angebunden waren, trampelten und suchten sich offenbar loszureißen. Ein furchtbarer Tumult ließ sich hören. Qualm drang zu uns heraus. Das Stroh hatte an mehreren Stellen Feuer gefangen. Alle Versuche, die Tore von innen zu öffnen, scheiterten an der Tollheit der Pferde und dem Umstände, daß die Leute, um ein weiteres Eindringen anderer zu verhindern, die Tore noch durch Wchwire Querbalken geschlossen hatten. Dies verhinderte auch das Oeffnen von außen, welches wir sofort versuchten. Inzwischen wurde«der Qualm immer dicker; das Geheul und Geschrei der Eingeschlossenen klang nicht mehr mensch- lich; sie versuchten, sich einen Ausweg durch das Dach zu schaffen, doch als dadurch Luftzug entstand, schlugen die Flammen gleich hoch empor unld rissen die Leute, die mit brennenden Kleidern und abgesengtem Haar sichtbar geworden waren, wieder herab. Inner- halb zwei Minuten war nunmehr das ganze Haus ein Feuenneer, und mit den darin befindlichen, vor Schmerz und Qual heulenden und rasewden Menschen ein echtes Bild der Hölle. Mit vieler Mühe gelang es unseren Anstrengungen endlich, ein Brett loszureißen und durch die dadurch entstandene Oeffnung sieben Menschen zu retten. Sie hatten alle mehr oder weniger schwere Brandwunden und waren mehr tot als lebendig. Noch andere aus diese Weise zu retten, erwies sich als unmöglich, denn sie lagen quer vor der Spalte und waren schon von dem Qualm und dem Gewicht der auf ihnen Liegenden halb erstickt. Wir mußten sie mit den übrigen verbrennen lassen. Mehreren gelang es zwar schließlich doch ncch. sich durch das Dach zu arbeiten und von diesem herabzuspringen, sie waren aber fast alle derartig verbrannt, daß sie uns anflehten, ihren Leeden durch eine Kugel ein Ende zu machen'. Der Schein der Feuersbrunst lockte vereinzelte Soldaten ver- schiedener Regimenter, die in der Nähe umherlagen und an ihren erlöschenden Feuern dem Erfrieren nahe waren, herbei, nicht aber um Hilfe zu leisten, sondern um sich zu wärmen und Stücke Pferde- fleisch auf den Spitzen ihrer Bajonette oder Säbel in die Glut zu halten und zu rösten; noch andere hielten ihre Hände über die Glut, als wüßten sie gar nicht, daß-mehrere hundert ihrer Kameraden, vielleicht eigene Verwandte, das Feuer mit ihren Leibern nährten, und sagten:„Was sür ein herrliches Feuer, da wird«uan doch endlich einmal warm!" und dabei rieben sie sich die Hände vor Behagen._ Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln,---Druck u, Verlag:vorwärtsBuchdruckeretu.Pe:lazSanstsltPaulSingertEo.,BeriinLVV.