Nnterhaltungsblatt des'Dorwarts Nr. 2. Freitag� den 3. Januar. 1913 2z Geschickte einer Kombe. Von AndreasStrug. Die Begrüßung war stets herzlich. Der Chemiker ver- beugte sich linkisch, lächelte wild mit gefletschten schadhaften Zähnen wie ein Irrsinniger, und das Mädchen erhob ihre großen traurigen Augen zu ihm, in welche der verwilderte Einsiedler nie zu blicken sich getraute, es sei denn verstohlen. ..Was gibts Neues in der Welt?— Ich bin ja hier wie abgeschnitten." Im Grunde interessierte ihn nichts, was in der Welt vor- ging, denn er war ja sein Leben lang nicht anders jetzt von allem abgeschieden, aber man mußte ja von etwas reden, man mußte doch irgendwie anfangen. Die Gespräche mit..Kama" waren für den Chemiker eine unsagbare Wonne. Ihre Stimme allein, mochte sie sagen. waS sie wollte, versetzte jene Teilchen, welche die Substanz feines Gehirns, oder sagen wir seines Herzens bildeten, in ungewöhnliche Vibration. Der Einsiedler, fiir den bis vor kurzem alles außerhalb den engen Sphäre gewisser Kohlen- stosfverbindungen ganz fremd war, versank besinnungslos in den traurigen Augen des unbekannten Mädchens, ohne sich über das Wesen seiner Umwandlung irgendwie Rechenschaft geben zu können. Die Frauen hatten für ihn nie exisliert, und auch jetzt war es nicht die Frau, die einen solchen Ueber- sckiwang bewirkte. Es war ganz einfach ein Wunder, oder viel- mehr eine chemische Reaktion, welche über alle Gesetze und Hypothesen, die der Wissenschast bekannt sind, weit hinausging. Ihre Gespräche drehte» sich hauptsächlich um politische Dinge und um Parteiangelcgenheiten. Kama bemerkte gleich- bei ihrem ersten Besuch im Laboratorium mit Erstannen, daß der geheimnisvolle Präparator, fiir den sie eine unendliche Verehrung hegte, von den einfachsten Dingen aus dem Um- kreis der Probleme der Bewegung, die der gewöhnlichste Trupvier der Partei wissen mußte, keinen Begriff hatte. Abgesehen von der Konstituante in Warschau, von der Kampforganisation und ihrer Taktik, welche zurzeit die Partei in zwei Lage teilte, und von anderen strittigen und verwickel- ten Fragen, von denen er nichts wußte— davon abgesehen, entdeckte die Genossin Kama, daß der Chemiker noch irgend- welche Illusionen nationaldemokratischer Art pflegte und nickt einmal den geziemenden Abscheu vor den Leuten der KDK.*) empfand. Kama brachte die eisernen Bestandteile für die Bomben, die notwendigen Chemikalien sowie Dynamit ins Labors- torium und Volte die fertigen Produkte ab. Sie war das einzige Wesen, das unmittelbar Zutritt zum Laboratorium batte, durch sie wurde die Korrespondenz geführt und von ihr erhielt der Chemiker Instruktionen, Bestellungen und das Geld für seinen Unterhalt. Sie hielt es deshalb für ihre heilige Pflicht, den unwissenden Einsiedler in die soziale Weisheit einzuführen und weiterzubilden. Sic war siolz da- rauf und brachte ihm jedesmal ein Paket mit den laufenden Nachrichten, mit welchem sich der Chemiker die Nächte hin- durch, eifrig und begierig, diese schwierigen Tinge zu ver- stehen�abmühte. Trotzdem blieben die Bestrebungen der Ge- nossin Kama ohne Erfolg. Unser Chemiker las und las die Publikationen der Partei, hörte mit Andacht Kamas Er- läut'erungen, ober sein von den Ausdünstungen der chemischen Küche betäubtes Gehirn konnte in keiner Weise die Erschein»»- gen fassen: sie wälzten sich vor ihm heran wie aus empörter Flut, unbändig und unbegreiflich, allen Theorien. Voraus- sichten, Befürchtungen und Hoffnungen hohnsprechend. Sft bat er stotternd, indem er fremdartige Worte da- zwischen warf, um Ausklärung, aber seine Lehrerin konnte durchaus nickt erfassen, was er eigentlich wissen wollte. Tann stellte es sick gewöhnlich heraus, daß der Genosse irgend etwas sehr Wichtiges nicht wußte, etwas, das gleichsam für die klare Erkenntnis der Dinge und Ereignisse die Voraussetzung bildete. Kama war sehr geduldig und taktvoll, aber er be- reitete ihr derartige Ueberraschnngen, daß sie oit alle Rücksicht und Pädagogik vergaß und ihrem Erstaunen Luft machte. SDK.— Sozialdemokratische Partei. „Aber wie denn, das haben Sie nicht gewußt?— Ja, was machen Sie in diesem Fall bei uns?" „Sie wissen doch, was ich mache, Genossin Kama" ant-- wortete mit trauriger Stimme der Verbrecher. „Aber was hat Sie bloß dazu bewogen? Sie sind ja durchaus nicht Sozialist. Wenn Sie entdeckt werden, kostet es Sie den Kopf: und wofiir. wollen Sie sich denn aufopfern, wenn Sie nicht einmal wissen—" Der arme Chemiker vermochte darauf nichts zu erwidern-. Er hätte nie geglaubt, daß der Sozialismus etwas sc» Schwieriges sei. Er versprach, sich zu bessern, gab sich Mühe, quälte sich, aber von der Wahrheit war er immer gleich weib entfernt. Dafür machte er seine Sache ordentlich. Die Pro» dukte, die aus seinem Laboratorium kamen, waren unfehlbar, Doch er funktionierte nicht lange. Eines Abends, Kama war es kaum gelungen, alles was bestellt und fertig war, fortzubringen, überfiel die Polizei in Begleitung von Soldaten und Sappeuren das Haus. Mit großer Vorsicht wurden die Flaschen, Retorten, Chemikalien, Schachteln mit Gelatine, die feinen mit Watte umwickelten Kapseln, welche explosibles Quecksilber enthielten, ferner Dynanntknödel, Tiegel und andere Geräte der höllischen Küche Zusammengetragen und weggebracht. Den Chemiker be- arbeitete man ein wenig mit den Gewehrkolben, fesselte ihn gehörig und lieferte ihn unter der Eskorte einer ganzen Soldatenabteilung in die Zitadelle ab. Als man ihn schlug, krümmte er sich und blinzelte vor Schmerz, aber in seiner Seele war nichts als die größte Freude, die er je in seinem Leben erfahren baite. Denn die Genossin.Kama war glücklich entkommen. Auch freute er sich darüber, daß die bestellte Bombe, welche zu einem außerordentlichen Zweck benötigt und dazu init be» sonderen Vorrichtungen versehen war. der Konfiskation ent- gange» war. Dann aber quälte er sich, daß er versäumt hatte, Kama seine neue Erfindung aufzuzeichnen und zu übergeben, die eine neue, sichere und unfehlbare Zündung betraf. Er war stolz auf die Erfindung und hatte der Genossin ausführlich von ihr erzählt. Sie halte aufmerksam zugehört, aber er wußte, daß dies keinen Zweck hatte, denn die Chemie war für Kama womöglich ein noch fremderes Gebiet als für ihn Sozia» lismus und Politik. Diese Erfindung mußte der Revolution zweifellos Vorteile bringen, aber seine eigentliche Absicht dabei war, Kama selbst vor Gefahr zu schützen, wenn sie die Bomben transportierte. „Das ist nun für immer Zlim Teufel!" dachte der Chemiker, schon wie er in seiner Zelle im Pavillon X saß, indem er seine von den Stricken zerschnittenen Armen rieb und ein wenig Blut spuckte nach der Behandlung mit dem Gewehr- kolben. Zugleich aber machte er. halb verwundert, halb neugierig, die Wahrnehmung, daß er jetzt in einen seltsamen Abschnitt seines Lebens eingetreten war. daß jeder Gedanke ihm neu und ungewöhnlich erschien und fein ganzes einfaches Leben ein unbegreifliches Rätsel: ein Leben übrigens, das nicht lange mehr— Doch da? gehört nicht mehr Zur Sachs, denn wir erzählen ja nickt die Gcfchichle des Chemikers. Also es war eine schwere Büchse aus Gußeisen. Gegen Zufälle auf der Reise und zum Schutz vor den Einflüssen der Kälte und der Feuchtigkeit war sie in einem eleganten Futteral aus gelbem Leder geborgen, wie es die feinen Damen ge- brauchen, um Riechflacons und Kosmetiken in ihrem Reise- Necessaire unterzubringen. Als Kama da? Laboralorinm verließ, blieb sie ungefähr zwanzig Schritt vor dem Häuschen stehen und blickte achtsarn nach rechts und nach links, längs der dämmerigen Gasse. Die Schnüre der gelben Flämmchen liefen glsichmcjßig an beiden Seiten dahin. Es war düster und öde in der Vorstadt und nirgends die Spur einer Gefahr. Erst einige Minuten später begegnete sie einigen Droschken, die. eine hinter der anderen, im Galopp an ihr vorbcijagtcn. Tie Bajonette starrten heraus — offenbar führte man Soldaten zu einem Handstreich. Einen Augenblick später widerhallte das Pflaster von einer Abteilung benitcner Polizei. Kama zitterte am ganzen Leibe. Das Ge- siainpf und Gerassel riß plöhlich in der Nähe ab— schreck� lich nah. Sie blieb, eine Weile vor sich hinstarrend, stehen, flüsterte: „So"— und ginfl ihres Weges. Sie ging lange, sehr lange, an den Anbauten der Eisenbahn vorbei bis zum großen hell- erleuchteten Bahnhof, der voller Bewegung und Lärm war. Auf der anderen Seite des Platzes stellte sie sich hin und schaute mit einer gewissen Erwartung in die bewegte Meuschenmasse. Sie wartete— aber alles war nur mit sich selbst besaßt und unbarmherzig alltäglich. Sie stürzte fort und begann eilig zurückzukehren, von einer sinnlosen Ergriffenheit getrieben. Es war eine heftige . schmerzende Unruhe in ihr, etwas wie ein Vorwurf und zu- gleich ein irrsinniger Wunsch nach Vernichtung. Sie hastete � an den schwarzen Zäunen der Höfe vorwärts, an einem langen Drahtzaun vorbei, hinter welchem lange Reihen Frachtwagcn standen, ging immer schneller, während sie noch mit einem Rest von Vorsicht den schweren Gegenstand, der am Riemen unter ibrcin Paletot hing, mit der Hand festhielt. Plötzlich gellte dicht an ihrem Ohr die Pfeife einer Lokomotive. Dies ließ sie innehalten. Sie sah aus die Uhr und flüsterte:„Ich erreich es noch." Sie nahm ihr Taschentuch heraus und trocknete sich lange und sorgfältig das Gesicht, denn ihre Tränen hatten nicht nur Gesicht und Schleier, sondern auch den Vorderteil des Jacketts naß gemacht. Als sie vor dem Bahnhos in eine Droschke stieg, waren die Tränen schon gefroren und lagen wie Perlen aus dem grauen Tuch. � ..Bitte, fahren Sie langsam und vorsichtig." Leicht und rasch entführten sie die Gummirädcr gegen die Stadt. Die Gassen von Praga, die breiten und düsteren, schoben sich an ihr vorbei, die lärmvolle, von Menschen voll- gedrängte Brücke lag hinter ihr. Straßen voller Menschen, Glanz und Bewegung. Alles schien Kama heute so verändert und unfaßlich: als würde sie gleichsam in eine fremde Welt hineinfahren, bevölkert von Geschöpfen von unbegreiflichen, gebeimnisvollen Schicksalen, unter Wesen, welche unWiderruf- lich z» etwas Schrecklichem verurteilt sind und ahnungslos durch die Straßen gleiten, wie im Traum. Ihre Bedürfnisse waren keine Bedürfnisse, Freude und Trauer geheuchelt, ihre Stimmen klangen tot, ihre Bewegungen waren erlogen, und alles, was sie taten— unnötig wie sie selbst, wie ihre Eristenz, wie die ganze Stadt, das Land, die Welt— Es war der Hauch des unerbittlichen Todes, der für einen Augenblick ihr lebendiges menschliches Gehirn oergiftete. Alle werden sterben, dachte sie, indem sie auf die bewegten Mcnschenmassen blickte. Dieser einfache Gedanke, der allem »vas lebt vertraut ist, lastete auf ihrer Seele mit einem unge- heueren Druck. Wozu leben sie?— Diese Frage entriß sich ihr in einem schauerlichen irrsinnigen Schrei. Als sie die Bombe an den verabredeten Ort einem ner- vöscn Herrn der gebildeten Stände zur Ausbewahrung brachte, bewunderte dieser wie immer ihre unerschütterliche Ruhe. Er bat sie auszurubcn, bot ihr Tee an und eröffnete gewandt ein Gespräch. Es führte stets und unveränderlich auf den gleichen Punkt: von ihr soviel als möglich zu erfahren, was und wie sie fühlte und was in ihr auf den Fahrten mit so delikater Ladung vorging._. lLortietzung solgt.x SibinlcKe Hypen. 1. Der Namenlose. De? Namenlose lVagabund, Bummler. Brodjaga des Straf- gcscbbuches) ist ein Mensch, der sich weigert, seinen Namen, seine Herkunft und seinen Stand anzugeben. Es ist dies in Rußland ein schweres Verbrechen und wird, selbst wenn dem Betreffenden ein anderes Vergehen nicht nachgewiesen werden kann, mit vier Jahren NerbcsserungSanstalt, denen dann lebenslängliche Niederlaffung in den cntlcgendsten Gegenden Sibiriens folgt, bestraft. Der Namenlose ist keineswegs eine neue Figur im sozialen Körper Rußlands, ist nicht etwa ein Produkt der lebten Zeit. Schon im 17. Jabrhundert und besonders unter Peter dem Großen während der großen Kirchenkrise, als die Altgläubigen von der nowatorischen Regierung, diesen Dienern des Antichristen, nichts wissen wollten, zogen es viele vor, die engere Heimat zu verlassen, jede Registralion zu verweigern und als Namenlose aufs Schafott oder nach Sibirien zu wandern. Auch jetzt kommt es in den stark von Mystizismus durchtränkten Volksschichten noch vor, daß rcli- giöse Eiferer ein schweres Kreuz auf sich nehmen wollen und, chnc ein Verbrechen zu begehen, Namenlose werden. Seitdem verschwindet der Namenlose nicht auS den russische i, Gerichten. Mit dem Abnehmen der religiösen Welle haben den- selben Kniff die gewöhnlichen kriminellen Verbrecher rezipiert. Bei den kolossalen Entfernungen Rußlands und seinen weiten, schwach oder gar nicht bevölkerten Gegenden ist es dem Verbrecher natür- lich viel leichter, zu entkommen, als sonst wo, und ist ja auch jetzt noch das Prozent der unbestraften Verbrecher in Rußland uncnd- lich größer als in anderen Staaten. Ost kommt es daher vor, daß ein bei einem unbedeutenden Diebstahl verhafteter Dieb in Wirk- lichkeit viel schwerere Verbrechen auf dem Gewissen hat. und daher seinen richtigen Namen nicht sagen will. Er nennt falsche Namen, wird zur Agnoszicrung von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, oft Dausende von Kilometern, und muß zugutcrletzt bekennen, daß er seinen Namen nicht angeben will, wird zum Namenlosen und wandert nach Sibirien. Dieses Manöver war umso ver- lockender, da bis auf die allerlebte Zeit wegen Uebcrjüllung aller Gefängnisse die Namenlosen ihre vier Jahre gar nicht absaßen, sondern direkt nach Sibirien deportiert wurden. Selbstverständlich werden auch viele Rezidiwisten*), um der erhöhten Strafe für das zweite und dritte Vergehen zu entgehen, namenlos, und das gelingt ihnen bei der mangelhaften Organisation der russischen Polizei sehr gut, obwohl sie schon mehrfach photographiert und anchropolo- gisch gemessen sind. Aber die bei weitem meisten Namenlosen gibt natürlich Sibirien selbst ab. Bekanntlich bleiben von alle» Depor- tterten bloß 20 Proz. am angewiesenen Orte dauernd leben; die übrigen nehmen, vom Hunger getrieben, dem Wandcrstab in die Hand, um aus den Einöden herauszukommen, und dann beginnt das alte Lied von neuem: neues Verbrechen, Verhaftung. Namen- loser. Wie groß die Zahl der Namenloie» tami mit Bestimmtheit nicht gesagt werden, da niemand von all den Geflohenen weiß, ob sie noch leben oder nicht, oder unter neuem Namen ausgetreten sind. Jedenfalls muß aber ihre Zahl mit vier oder gar fünf Nullen geschrieben werden; ob LOOGV oder 50 000? Wer weiß es? Viel- leicht gar 100 0001 Die letzten vier Jahrzehnte haben endlich noch eine Kategorie Namenloser geschaffen:— die politischen Namenlosen. Bekannt- lich haben sich die russischen Sozialisten und sonstigen Revolutionäre aller Gatnmgen das russische Paßsystem trefflich zu Diensten ge- macht. Sobald ein Genosse merkt, daß er der Polizei ins Auge gefallen ist(spioniert wird, einem Verräter aus eigener Mitte be- könnt ist usw.), so wird er illegal, d. h. er verlätzt den Ort, wo man ihn kennt, nimmt einen fremden Namen und Paß, oder auch fabriziert sich letzteren im schlimmsten Falle selbst. So gelingt es oft, jahrelang den, Gefängnis zu entgehen.�*) Es kommt nun vor, daß. einmal abgefangen, so ein„illegaler" nicht erkannt wird und auch selbst sich weigert, seinen richtigen Namen zu nennen, be- sonders, wenn ihm ohnedies eine längere Haft droht. In Sibirien wurden die Namenlosen bis INI bei den Jakuten angesiedelt, und erst seit dem lausenden Jahre wird ihnen der Wohnort etwas näher im Gouvernement Jrkutsk angewiesen. In der Ansiedelung sind sie den übrigen Deportierten an Rechten ganz gleich gestellt. Wenn ein Namenloser an dem ihm angewiesenen Wohnorte fünf Jahre lang lebt und kein neues Verbrechen begeht, so gilt sein neuer Name als schon so gut wie echt, und er erhält z. B. sogar die Erlaubnis, auf diesen neuen Namen eine Ehe ein- zugehen. Aber die Namenlosen, das unruhigste Element der sibi- ri scheu Bevölkerung, bleiben selten am Flecke sitzen. ES zieht fia mit Gewalt zurück in die Heimat, wie fern sie auch sein mag. Es gibt viele unter ihnen, die den 6— 10 Tausend Kilometer zählenden Weg von Oslsibirien nach Rußland mehrere Male zu Fuß zurückgelegt haben. In den Dompfbadestuben. die die sibirischen Bauern hinter ihren Gehöfte» stehen haben, kann man oft de-S Nachts Feuer sehen— es übernachten dort vorbeiwandernde Namenlose und sonstige Flüchtige. Niemandem fällt es ein, sie zu behelligen, denn das hieße, eine Zehntausende zählende, zu ollein bereite Armee sich seind machen. Eine direkte Begegnung mit der Polizei ausgenommen, droht den Flüchtigen die Gefahr, abgefangen zu werden, erst im europäischen Rußland. In von der Eisenbahn abseits gelegenen Orten wird noch jetzt die alte Gewohnheit aus- recht erhalten, zur Nacht in der Badestube ein Krug Milch und ein Stück Brot bereit zu stellen. Der Namenlose ist eine Lieblingsfigur des russisches Volks- epos. Unzählige Lieder werden von ihm und den Mühsalen seines Lebens und Wandern» gesungen. Kein Wunder! Wie viele von ihnen sind unterwegs in dem unendlichen sibirischen Walde zu- gründe gegangen, in den reißenden Flüssen ertrunken, von wilden Tieren gefressen, wie viele erfroren? Wer hat sie gezählt! Roch nicht ferne ist die Zeit, da die zu beiden Seiten des Baikalsecs ') Die Zahl der Rczidiwistcn-Verbrecher in Rußland ist sehr groß. Laut der offiziellen Statistik bilden die Rezidiwijtcn 35 Proz. der gesamten Gefängnisbevöllerung, während sie in Deutschland bloß 4—0 Proz. ausmachen. Von den Gründen dieser Erscheinung ein anderes Mal, wenn von dem russischen Gefängniswesen die Rede sein wird. ") Wie schwer solch ein Leben ist, mag sich der Leser selbst vorstellen. Jeder Verkehr mit Verwandten und Bekannten muß abgebrochen werden, anständiger Verdienst ist wegen Mangel an Empfehlungen sehr schwer zu finden, man muß beständig aus der Hut sein und möglichst wenig besitzen, um Wohnung und alles, was darin ist, jeden Augenblick im Stich lassen zu können. wohnenden Burjaten für jeden erlegten Flüchtigen 5 Rubel von der Krone ausgezahlt erhielten. Und es gibt unter den Namenlosen auch viele wirklich epische Gestalten, viele, deren ganze Vergangen- heit von Blut trieft, aber in Sibirien wird nicht viel nach Ver- gangenheit gefragt. Das rusfifche Gerichtswesen ist noch so Mangel- Haft, noch so viele werden auch jetzt noch ganz unschuldig ver- urteilt, und was speziell die Namenlosen anbetrifft: das Volk hat noch so gut die Zeiten im Gedächtnis, wo flüchtige Leibeigene namenlos wurden, um nur nicht zu ihren grausamen Herren zurückzukehren, daß alle Deportierten auch jetzt noch oft einfach.die Unglücklichen" genannt werden. * Tief im finsteren sibirischen Walde, weit abseits von mensch- lichen Ansiedelungen, liegt eine Goldgrube. Ein paar hundert Mann arbeiten dort schwer für kleinen Lohn und schwere Krankheiten. Ter Eigentümer wohnt in der Stadt und streicht seine Millionen ein. Unweit der Goldgrube aber schleicht durch den Wald der Namenlose, einen kleinen Kessel an der einen Hüfte, einen cack Zwieback an der anderen, einen Knotcnstock in der Hand. Es gibt Poeten, die sagen würden: er ist freier als der Arbeiter der Goldgrube und deren Eigentümer. Andreas Murin. Oer l�aubenkolonift. Der Winter, der uns im Vorjahre feine ganze Strenge fühle!, ließ und überall in den Garten so große Verwüstungen anrichtete, führt diesmal— Bis auf weiteres, möchte ich einschränkend hinzu- fügen— ein gar mildes Regiment. Die scköne Weihnachtszeit brachte uns Ftühlingstemperatur und nun fällt milder Regen, der die Knospen irre macht, ja hier und da, in geichützten Lagen, schon zum Sckiwellen bringt. Das ist eine Bedenkliche Erscheinung und deshalb die Rückkehr zum normalen Winrerwettcr wünschenswert. Viel mehr als die Kälte scheut der Gartenfreund den Winter- regen, der zwar sehr nützlich ist, aber doch die Arbeit im Freien erschwert und selbst unmöglich macht. Der Boden wird weich und schlammig, die Füße werden kalt, die Beine schwer, die Kleider naß. die Finger steif, man fühlt stch unbehaglich, fröstelt und zieht sich nach jedem Versuch, sich draußen irgenvwie zn betätigen, bald wieder verärgert in daS behagliche Zimmer zurück. Natürlich ver- mißt man hier alle die Freuden, die uns der Garten zu besseren Zeiten bietet. Da ist dann da? Verlangen erklärlich, daß man wenigstens etwas von all der Blütenfülle de« Frühlings in die räumlich beschränkte Häuslichkeit bannen möchte, in der stch jetzt unser Leben in der freien Zeit fast auSickiließlich abspielt. Es gibt verschiedene Mittel und Wege, dies bescheidene Ziel zu erreiche». Seit Jahrzehnten hört man im VolkSmnnde von den sogenannten Barbarazweigen. Tante Röschen in Franz.-Bnch- holz erklärt, daß sie diese Zweige aus ihrer frühesten Jugend her kenne, und das will viel sagen, denn sie ist steinall, bildet sich aber ein, daß die-Z außer ihr niemand wisse, weil sie sich gut zu konservieren versteht. Nach allem Volksglauben werden die Barbarazweige, daS sind mit Blutenknospen besetzte Zweige ziemlich früh blühender Ziersträucher, am sogenannten Barbaratage, dem 4. Dezember, draußen geschnitten, mit heimgenommen und im Zimmer in eine mit Basier gefüllte Vase gestellt, wonach sie dann unter Einwirkung der warmen Lust mehr oder weniger vollständig zum Blühen ge- langen. Die Sache hat ihre Richtigkeit, aber der Volksglaube be» findet fich in der Annahme aus dem Holzwege, daß das Schneiden der Zweige ausgereckmel am 4. Dezember erfolgen müsse. Dieser Tag ist hierstir ein sehr stüher, für viele Blütensträucher ein viel zu früher Termin, denn erst jetzt ist die Zeit gekommen, zu der dies Treibverfahren mit sicherm Erfolg ausgeführt werden kaiiit. Die Berufsgärtner haben in den letzten Jahren, unterstützt durch die Wissenschaft, verschiedenartige Verfahren ausgeklügelt, durch die sie immer größere Erfolge in der Frühtreiberei schön blühender Ge- wachse erzielen konnten. ES handelt sich hier um keine Barbara-, sondern vielfach um eine wahrhaft barbarische Treiberei. Man unter- scheidet das sogenannte E i s v e r f a h r e n von den eigentlichen Treibmethoden. DaS Eisverfahren ermöglicht eS, vorn Hochsommer bis zum Januar Pflanzen im vollen Flor zu bieten, die sonst nur im Borsommer blühen. Im zeitigen Frühling, bevor sich das neue Wachstum regt, bringt man die Kandidaten für dieses Verfahren, namentlich Maiblumen, Horlensien, Schneeball. Winterhärte Azaleen und japanische Lilien in die Eiskeller der Brauereien oder in die großstädtischen Gestierhäuser. um sie über die Jahreszeit hinwegzutäuschen. Aus diese Weise wird die Winter- ruhe um Monate verlängert, dann läßt man die Eiskandidaten langsam austauen, bringt sie in die Glashäuser, in denen fich nun, bei sehr mäßiger Temperatur, das lange zurückgehaltene Leben mächtig entfaltet. Die vollbeblätterten Maiglöckchen, die wir jetzt in den Schaufenstern sehen, wurden auf diese Weise herangezogen. Die schönen, weißen, trornpetenförmigen Lilien der Blumenhandlungen, der japanischen langblumigen Lilie angehörig, verdanken ihr Dasein durchweg dem Eisverfahren. Dies Verfahren ist aber in neuester Zeit mehr und mehr durch die modernen Treibverfahren zurückgedrängt worden, die alle darauf hinauslaufen, die Modeblumen unserer Zeit mehr oder weniger vollständig um die ihnen von der Natur vorgeschriebene Winterruhe zu betrügen. Dies wurde zuerst erfolgreich durch daS fogenannts Aetherverfahren erreicht. Hierbei werden die Gewächse in einen feuersicheren, dunkien, lustdichr verschließbaren Raum gebracht, um dorr durch 48 Stunden Äeiherdämpien ausgesetzt zu werde». Je noch den Pflanzenarren und je nach der Frübzeitigkeit ist daS pro Hektoliter Lustraum zu gebende Aelherquantum zu bemessen, es schwankt zivi'chen 40 und 60 Gramm; man kann de» Aelher auch durch Chloroform ersetzen. Die„betäubte" Pflanze wird auS der Dunkelkammer sofort in daS warme Treibbaus gebracht und beginnt sich dann verblüffend ralch zu entwickeln. Am erfolgreichsten ist dies Verfahren in der Vorruhe, o. h. gleich nach dem Laubsall im Spät- herbst. In neuester Zeit hat man noch rassiniertere Verfahren ans- geheckt. Stich- und Verletzungsmethoden: man sticht die Blütcnaugcn der zn treibenden Pflanze mit einer feinen Nadel an, oder spritzt erwärmtes Wasser in die lebenden Gewebe ein. Von Grausamkeiten kann man ja bei Pflanzen nicht gut reden, aber diese letztgenannten Versahren sind doch zu umständlich, um in der Praxis allgemein Verwendung finden m können. Das beste der modernen Versahren ist die sogenannte Warmwaflerbehandlung. Die zur Frühtreiberei bestimiitten Pflanzen kommen in cm warmes Wasserbad, dem sie bei der frühesten Treiberei 12 Stunden, nach weiterem Fort- schreiten der Jahreszeit dann nur noch 10. 8 Stunden und weniger ausgesetzt werde». Die Temperatur dieser Bäder schwankt je nach Pflanzenart und Frühzeitigkeit zwischen 30 und 40 Grad Celsius. Dies Verfahren könnte auch wohl vom Liebhaber angewendet werden, wäre es nicht vielfach mit Schwierigkeiten verbunden, die Wasiertemperatur durch 8—12 Stunden ans gleicher Höhe zu halten. Dazu muß man sich schon eines Waschkesiels bedienen, unter dem für die ganze Badedauer cm sehr mäßiges Feuer zu unicrhalten ist. Dia Wassertemperotur muß mit einem Thermomeler andauernd kontrolliert werden. DaS Warmwasserbad wirkt rein örtlich. Maiblumen werden ganz in daS warme Wasser gcbeltet, von Blüten- und Treibsträucherir taucht man nur die Kronen so ein, daß die Zweigenden nicht cm die Kesselwandungen anstoßen, denn dort würden die Knospen ver- brennen. Eine bencre Ausnutzung des Kesselraumes kann durch bor- sichligeS Zusammenbinden der zu badenden Kronen erreicht werden. Aber nicht nur bei Pflanzen, sondern auch bei abgeschnittenen Aesten,— den sogenanmen Barbarazweigen— kann das Wasserbad erfolgreich zur Anwendung gelangen. Wir wenden unS nun wieder, nachdim wir einen Blick hin-cr die Kulissen der modernen Blumcntreibcreien getan haben, unseren bescheidenen häuslichen Verhältnissen und den Barbarazweigen zu. Solche Zweige können wir jetzt von srühen Süß- und Sauerkirschen. von allen möglichen früh blnhende?r Ziersträuchern schneiden, mit Ausschluß der am allerfrühestcn blühenden, wie Scheinquitte, Forsythie, Taphne und ähnlicher, die so eigensinnig sind, sich nicht direkt in die warme Stube, sondern zr nächst in den Keller, reo sie so lange in kaltem Wasser stehen bleiben, bis der Frost heraus- gezogen ist, was in 8— 8 Tagen der Fall sein dürfte. In der Wohnung ist eS ratsam, die geschnittenen Zweige nochmals mit scharfem Messer schräg nachzuschneiden. Dies Nachschneiden ge- schieht am besten unter Wasser. Die so behandelten Zweige werden hübsch und leicht in einer mit Wasser gefüllten Vase angeordnet, warm, wenn auch dunkel gestellt, und täglich wiederholt mit einem Zerstäuber besprengt. Auch tägliche Erneuerung des Wassers ist empfehlenswert. Bald schwellen die Knospen, die Schuppcnhüllen fallen und die Blätter entfalten sich am vollkommensten natürlich da, wo sich gleichmäßige Temperatur und gewissenhafte Behandlung geltend machten. Zu beachten ist, daß fast alle künstlich zu treiben- den Pflanzen die'-oonne hassen, unter ihrem Einfluß rasch welken und trauern, und sich dann nicht wieder erholen. Mehr Freude als solche Barbarazwcige machen unter Umstän- den bewurzelte Pflanzen, die wir bei einfacher Behandlung zu� Blüte bringen können. An erster Stelle stehen hier die Treib- Hyazinthen und Treibtulpen. Um diese aber früh zur Blüte bringen zu können, muß man sie schon im September in Töpfe pflanzen. Die Töpfe werden dann gut angegossen, im Keller dunkel gestellt und, wenn möglich, hier noch handhoch mit Erde bedeckt, weil sich sonst die Zwiebeln gelegenilich der beginnenden Bewurzelung leicht herausheben und dann frisch gepflanzt werden müssen, was ohna nachteilige Wachstumsstörung nicht abgeht. Für die Folge hält man die Erdbedeckung und dadurch auch die Erde in den Töpfen mäßig feucht. Nach 2 bis 3 Monaten haben sich'kräftige Triebspitzcn ge- bildet, die auch auf eine erfolgte reiche Bewurzelung schließen lassen. Jetzt befreit man die Töpfe von der Erddeck« und bringt sie an die Fenster einer warmen Stube. Es ist hierbei ganz gleichgültig. welche Himmelsrichtung das�Fenstcr hat, denn neben der geschilder- ten Vorkultur ist warmer Standort die Hauptbedingung für eina befriedigende Weiterentwickelung. Die Sonne ist den genannten Blumenzwiebeln nicht feindlich wie anderen Trcibgewächscn; sie fördert sogar die Entwickelung. später freilich aber auch das raschere Verblühen. Aber die Blüte entfaltet sich in voller Schönheit auch ohne jeden Sonnenstrahl. Nur kleinere, bescheidenere Tr�ibzwie- deichen, wie Frühlingssaffran, die blauen sibirischen Meer- zwiebelchen, die winzigen Muskathhazinthen, ja selbst Schneeglöckchen wollen sich ohne etwas Sonne nicht entfalten; sie eignen sich deshalb nur für das allerspätcste Treiben im Monat März. Ein sehr interessantes Treibverfahren ermöglichen uns auch die, auf die bekannten, mit Waffer gefüllten Gläser gesetzten Hya- zinthenzwiebeln. Dieses Verfahren ist für den Liebhaber teshalh besonders wertvoll, keil es ihm die Ausnutzung de» sckmalen Naumcs zwischen den Doppelfenstern ermöglicht: die Gläser haben zlvischen beiden Fensterflügeln reichlich Platz. Da» Aufsetzen der Zwiebeln auf die mit Wasser gefüllten Gläser darf erst im Oktober erfolgen. Auch diese Gläser werden erst 2 bis 3 Monate lang im Keller dunkel gestellt. Erst wenn die Triebspitzen stark geworden und die Wurzeln bis zum Boden der Gläser herabgcwachsen sind, erfolgt die Aufstellung zwischen den Doppelfenstern. Dann bedeckt man aber jede Tricbspitze zunächst noch mit einem Papierhütchen, um sie gegen das Licht zu schützen. Nach 2 bis 3 Wochen wird dann die Bedeckung endgültig abgenommen. In den Samenhandlungen erhält man jetzt angetriebene Hyazinthenzwiebeln auf Gläsern, die weit genug vorentwickelt sind, um sofort zwischen die Doppelfenster gebrach: werden zu können. Bei eintretendem Frost mutz man aber aufpassen, weil sonst die Gläser gefrieren und platzen. Ist die» gc- schchen, so müssen sie in einen ganz kalten, dunklen Raum gebracht werden, in dem das gefrorene Wasser erst nach Tagen allmählich auftaut, denn sofortiges Warmstellen hätte den Verlust der Wurzeln und damit der Zwiebel überhaupt zur Folge. Auf dem Lande sieht man oft mit Moos umwickelte Rahmen von innen gegen die äusseren Fensterflügel gepresst. Diese Rahmen sind im Winter ein vor- Zügliches Mittel gegen das Eindringen von Frost und kalier Zug- luf: zwischen die Doppelfenster. Wo ihre Anbringung zu umständ- lich oder unmöglich erscheint, da öffne man bei gelinder Kälte lieber Nachts die inneren Fensterflügel etwas, damit die wärmere Zimmer- tust Zutritt hat, während man bei strenger Kälte die Gläser vom Abend bis zum Morgen in das Innere der Stube stellt. Es gibt nichts Einfacheres als die Kultur der Hyazinthen auf Wasser. Die gesunden Wurzeln halten das Wasser frisch, kranke verursachen natürlich das Faulen. Ist das Wasser faul, so kann auf Erfolg micht mehr gerechnet werden. Man fördert die Gesunderhaltung des Wassers, indem man in jedes Hyazinthenglas eine kleine Messer- spitze Kochsalz gibt, das zugleich als Nährsalz dient. Uebrigens ist das Rahrungsbedürfnis der Zwiebeln sehr gering, da sie alle zur Blatt- und Blütenentwickelung notwendigen Nährstoffe in der vorausgegangenen Vegetationsperiode aufgespeichert haben, die sie auf Gläsern natürlich auch verbrauchen. Die Folge hiervon ist das Zusammenschrumpfen der vorher vollen, schweren Zwiebeln nach der Blüte: die Zwiebeln sind dann fast wertlos geworden und un- geeignet, im nächsten Jahre wieder auf Wasser oder in Töpfen getrieben zu werden. Man kann sie aber langsam einziehen lassen, bis Oktober trocken aufbewahren und dann in den Garten pflanzen. Durch Hobe Wärme kann die Blütenbildung auf Wasser zu treiben- der Hyazinthen nicht beschleunigt werden; sie müssen dauernd zwi- schen den Doppelfenstern, also kühl stehen; wir müssen uns deshalb in Geduld fassen. Die Blüte fällt in den März. Stellt man die Gläser in verzeihlicher Ungeduld zu früh hell und zu warm, so bleiben die Blüten stecken, d. b. die Aehrc kommt nur unvollkommen aus der Zwiebel heraus, während die Blätter rasend wachsen; das Viesultat ist dann«in verkümmerter Flor. Hübsche, billige und während des ganzen Winters unaufhörlich dankbar blühende Pflanzen für Doppelfenster, sind auch die chine- fischen Schlüsselblumen oder Primeln. Man hat sie mit einfachen »md gefüllten Blumen, weih, gelblich und dann vom zariesten Rosa vis zum tiefsten feurigsten Rot. Prachtvoll ist die rosa blühende Sorte Morgenröte. Diese Primeln lieben Sonne, aber leine Wärme. Vorübergehender Frost schadet wenig oder gar nicht, wenn man die gefroreneu Töpfe kalt und schattig stellt, damit sie langsam auf- tauen. Werden sie warm gestellt oder von der Sonuc getroffen. dann sind die Pflanzen verloren. Oft ist der Raum zwischen den Doppelfenstern so knapp, daß er für die oben meist 10 Zentimeter weiten Primeltöpfe nicht genügt. In diesem Falle zimmert man stch ein schmales Fenstcrbänkchen von der Länge des ganzen Fen- sters. Die Füsse des Bänichens sollen so hoch sein, dass sie die unteren Fensterrahmen etwas überragen, stellt man die Primel- töpfchen auf dieses Bänkchen, so hak man nun dafür den weiteren Raum zwischen den Scheiben zur Verfügung, der vollständig aus- reicht. Hd. kleines feuilleton. Hygienisches. Die Kleidung a l S Ursache von Erkältungen. Die Londoner Zeitung„Daily Mirror" hat einen bekannten Londoner Arzt darüber gefragt, wober die in der jetzigen Jabreszeit so zahl- reichen Erkältungen kämen und wie man sich am besten gegen sie schützen könnte. Es ist interessant, dass der befragte Arzt die Ursache der Erkältungen hauplsächlich in der unzweckmässigen Art der Kleidung sieht, speziell beim männlichen Geschlecht. Die weibliche Kleidung, sag» er, sei im ganzen viel besser den hygienischen Anforderungen angepatzt. Sie ist leicht, gewährt den Gliedern ziemlich viel Freiheit, gibt der Lust an den Stellen, wo eS erwünscht sei, freieren Zutritt und schützt den Körper gleichmässiger als die männliche. Letztere ist nach ihm in vielen Punklen völlig töricht und mutz unter gesundheitlichem Gesichtspunkt radikal um« gestaltet werden.____ «erantw. Redakteur:«lsred Wielepp, Neukölln. Druck u. Verlag: An d«r Spitze steht in dieser Hinsicht die Weste, die über- flüssig ist, sobald man die Jacke zuknöpft, andererseits durch ihre Zusammensetzung auS dickem Tuch und ganz dünnem Futterstoff Erkältungen des Rumpfes geradezu fördert. Aver auch der üblichen langen Hofe erklärt der Gelehrte den Krieg: sie hätte beispielS- weife zur Folge, dass, wenn die Beine nass würden, auch die Strümpfe feucht würden, woraus mancher Katarrh entstände. Man sollte unbedingt die alte. Jahrhunderte hindurch üblich gewesene und auch jetzt zu Sportzwecken getragene Kniehose wieder ein- führen, die dem Körper grössere Bewegungsfreiheit und mehr Lust, infolgedessen bessere Blutzirkulation gewähre und in jeder Hinsicht alS gesünder bezeichnet werden müsste. Ein dritter Teil der männlichen Kleidung, der abgeschafft werden sollte, sei der steife Kragen. Er hindere stärker, als man gemeinhin glaubt, den Blutumlauf in Hals und Kopf und ver- zärtele Hals und Brust. Auch hierdurch entständen viele Erkältungen. Besonders interessant ist, dass der Gelehrte auch das Kahlwerden und frühe Ergrauen der Haare beim männlichen Ge- schlecht in der Hauptsache auf die äusserst nachteilige Belastung und Einschnürung des HalseS mit dem hohen steif» leinenen Kragen und dem warmen Rockkragen zurückführt, indes die Frauen den Hals teils ganz frei, teils wenigstens nur mit leichtem durchlässigen Stoff umhüllt tragen. Er tritt deshalb für eine Art der Matrosenjacken, jedenfalls aber für Abschaffung der Stärkwäsche ein, an deren Stelle weiche Kragen mit Jabots treten sollen. Ein letztes Stück der männlichen Kleidung, wogegen er sich mit grosser Schärfe wendet, ist der warme steife Filzhut, der den Schädel fast hermetisch gegen die Ausscnluft absperrt, die Blut- Zirkulation stark beeinträchtigt, den Oberkopf erhitzt. Beim Ab» nehmen des Hutes wird dann der Kopf plötzlich kalter Zugluft aus» gesetzt. Kein Wunder, wenn daS dem Haar, ja dem ganzen Körper nicht gut bekommt. Es ist bemerkenswert, dass die Ausführungen deS Londoner ArzteS sich durchweg mit den Anschauungen decken, wie sie die deutsche „Gesellschaft fiir Reform der Männertracht" aufgestellt hat. Aus der Natur. Die Sippe der Irrlichter. Die Irrlichter haben für die Gegenwart eigentlich etwas noch viel Geheimnisvollere« als für jene Zeiten, in denen unsere Märchen geboren wurden Trifft man doch heute nur selten jemand, der auf Treu und Glauben versichern kann, ein Irrlicht in Wirklichkeit gesehen zu haben. Deshalb braucht man ja an der Möglichkeit deS Vorkommens nicht zu zweifeln, ob- gleich eine zuverlässige Kunde von Irrlichtern während deS letzten halben Jahrhunderts selbst in Sümpfen und Torfmooren, wo sie an- geblich hingehören, immer seltener geworden ist. Zweifler, die alle Erzählungen über Irrlichter in da? Gebiet der Sage und anderer Ge- burten der Einbildungskraft verweisen wollen, mögen daran erinnert werden, daß man schon in der Zeit des alten Aristoteles sich den Kopf über diese geheimnisvollen Lichter zerbrach. Fiir die Natur» Wissenschaft gehören sie heute zu den aufgeklärten Tatsachen, aber eigentlich auch nur insofern, als die Chemie nachgewiesen hat, dass sich aus dem Boden Gase entwickeln können, die sich in Verbindung mit Wasser von selbst entzünden. Dagegen hat noch niemand cm Irrlicht selbst eigentlich analysiert, wie man auch noch niemals eine? solchen habhaft geworden ist. Dieser Umstand, dem das Naturwunder auch seinen deutschen Namen verdankt, scheint auch dieser einfachen chemischen Erklärung zu widersprechen, da sich mit dieser das Hin» und Herhüpfen des Flämmchens nicht vereinigen lässt. Alle Leute, die ein Irrlicht gesehen zu haben behaupten, haben eS mit keiner Art von künstlichem Licht vergleichen wollen, am ehesten noch mit einem phosphoreszierenden Glanz. Die meisten Beobachter von Irrlichtern stimmen übrigen? dahin übercin. dass sie stet» verschwinden, ehe sie wirklich nahe heran- gekommen sind, und diese Eigenschaft drückt sich ja auch in dem Gebrauch aus, den unsere Märchen von dem Irrlicht machen. Dass in völliger Dunkelheit und Einsamkeit das Auge ähnlich wie da» Ohr die Natur mit Gespenstern bevölkert. ist an sich begreiflich, und der aufgeregten Einbildung«» kraft ist jedenfalls die Mehrzahl der Berichte über Irrlichter zuzuschreiben. Wo will man nicht schon überall Irrlichter gesehen haben. Ist eS doch höchst verdächtig, wenn von Irrlichtern die Rede ist, die mit einem bläulichen, blassen Licht, wie Tolenkerzen auf Gräbern hockend, gesehen worden sind. Die Schotten haben fiir die Irrlichter den hübschen Namen„Jakob mit der Laterne" oder auch einfach„Latemenmännchen". DaS Volk bat immer eine grosse Scheu vor dieser Erscheinung und gibt den Rat, entweder in der entgegengesetzten Richtung die Flucht zu ergreifen oder sich wenigstens flach auf die Erde zu werfen und den Atem anzuhalten. Besonders aber soll man einem Irrlicht nicht mit einem anderen Licht nahen. In manchen Gegenden ging die Angst so weit, dass man in der Nacht mir Kanonen in die Sümpfe hineinschob, um die Irr- lichter zu vertreiben, und daS soll in der Tat geholfen haben, in- dem die Luflerschiittening der Schüsse die Lichter auslöschte. Einem einzigen Mann soll eS einmal gelungen sein, sich von einem Irrlicht Feuer zu holen, aber er hat eben bisher noch keinen Nachahmer ge- sunden. Die nüchterne Gegenwart ist allen solchen gespensterhaftcir Ausgeburten der Natur spinnefeind, und so wird man wohl wirklich weit reisen müssen, um heute noch ein echtes Irrlicht irgendwo auf der Erde anzutreffen._ sorwärtSBuchdcuckere>u.VerlagSanstaitPauiSmgertEo.,BerUnS�V.