NnttthaltungsSlatt des Horwärts Nr. 4 Dienstag den 7. Januar. 1913 4z GelcKicbte einer Bombe. Von Andreas©trug. Von draußen hörte man bereits Wagengerassel, Schritte vorübergehender Menschen, und bleiches Licht drang durch die verhängten Fenster ins Zimmer. Der Arzt erhob sich, löschte die Lampe, verwahrte die Bombe an dem gewohnten Ort in der untersten Schublade des Schreibtisches und verschloß sie sorgfältig. Er ging dabei vorsichtig zu Werke, wie es sich gehörte, ohne dabei irgendwelche ungewöhnlichen Eindniefe zu empfangen. Dann wusch er sich, kleidete sich an und ging in die Stadt. In der Konditorei, wo er zu frühstücken Pflegte, trank er Kaffee, las die Zeitung und fuhr dann mit der Elektrischen ins Krankenhaus. Er war aufmerksam, beob- achtend, wie immer. Einer seiner alten Patienten, der ihm sehr zugetan war, begrüßte ihn mit den freundlichen Worten: Wann werden Sie endlich dauernd bei uns bleiben? Seine Diagnosen waren klar und scharfsichtig, seine Behandlung der Kranken taktvoll wie immer und von einer Wärme, die bei Spitalärzten selten ist. Der alte Ordinarius beobachtete an diesem Tage ver- stöhlen seinen jüngeren Kollegen. Mit erfahrenem Auge studierte er seine Bewegungen und Blicke: besonders fiel ihm ein gewisses, wie ein Schatten flüchtiges Lächeln auf, das oft zur Unzeit über das Gesicht seines Gehilfen huschte. Der alte Arzt schüttelte in einer traurigen Erkenntnis den Kopf, denn er liebte seinen Assistenten. Um die gewöhnliche Zeit begab sich der Arzt zum Mittag- essen, doch kaum, daß man bei der Suppe war. sprang er plötzlich auf und stürzte zur Verwunderung der Tischgenossen und der Pensionswirtin aus dem Hause. In größter Erre- gung trieb er den Kutscher zur Eile an und sprang atemlos die drei Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Er öffnete vor- sichtig die Tür und blickte in das Arbeitszimmer hinein. Das Zimmer war unverändert, olles befand sich auf seinem Platz. Mit zitternden Händen schloß er den Schreibtisch auf, wobei ihm das Klirren der Schlüssel förmliches Entsetzen einflößte. Er sah hinein und beruhigte sich sogleich. Er setzte sich hin und schrieb in einigen Sätzen die Beob- achtungen dieses Tages in sein Heft. Er war sich genau bewußt, wie er jetzt war, wie er in der Nacht und vor einem Augenblick noch gewesen. Dann kehrte er zum Mittagessen zurück und fragte sich verwundert: Wozu habe ich mir eigentlich einen Wagen genommen, da es doch so nahe ist? Es war verschieden, er war oft noch schlimmer. Er er- innert sich auch ruhiger Nächte und an ungestörten Schlaf. Plötzlich reißt ihn etwas in die Höhe. Er macht Licht und horcht. Er schleicht sich vorsichtig unter die verschlossene Tür des Arbeitszimmers und reißt sie plötzlich weit auf. Mutig erhebt er die 5kcrze— nichts. Was erwartet er eigentlich zu finden? Er weiß es nicht. Mißtrauisch sucht er die Ecke» ab, und der eigene Schatten, der sich an den Wänden bewegt, erschreckt ihn. Dann geht er durch alle drei Zimmer mit der Kerze in der Hand. Er löscht das Licht aus, öffnet ein Fenster und sieht auf die Straße. Er holt die Bombe und trägt sie vorsichtig anS Fenster, wo er sie hinstellt. Er wartet. Endlich hört er Schritte, Stimmen.... Betrunkene kehren nach Hause zurück und grölen mit versoffenen Stimmen. Von ferne hört er einen Wagen,— auch das ist es nicht. Er wartet geduldig. Endlich kommen mitten auf dem Straßen- dämm drei Schatten näher. Sie bewegen sich langsam, man hört oft ihr breites und lautes Gähnen, die Schritte sind hart, schwer. Die Bajonette blitzen. Der Arzt hat gar keine Absichten. Er bricht in ein aus- gelassenes Hohngelächter aus. Er fühlt eine maßlose Be° sricdigung über etwas, er kann sich kaum fassen vor Freude. Inzwischen gehen jene laugsam. ruhig vorbei. Zuweilen nahm er das Etui an sich, trug es ins Kranken- haus, nahm es zum Mittagessen mit und bewegte sich damit so unbefangen, daß er es mitunter ganz vergaß: dabei fühlte er sich wohl und ruhig. Die Bombe in dem gelben Futteral blieb zehn Tage bei ihm. Gegen Ende dieser Zeit hatte der Arzt völlig irrsinnige Augen, und Stunden der Unbefangenheit, wenn er mit Met» schen zusammen war, wechselten mit ganz krankhaften AuS« brächen«b: er notierte sie in seinen Beobachtungen, indem efl sie mit aller Genauigkeit der wissenschaftlichen Terminologie bei Namen nannte. Eines Tages gegen Abend hing sich der Arzt das Etuil mit der Bombe am Riemen über die Schulter und ging damit einige Stunden in der Stadt herum. Er spazierte auf der Marschalkowska hin und her, trat in ein Kaffeehaus ein, befahl sich die Auslagen der Läden. Er stellte sich hin und sah wie! ein Neugieriger zu, wie die Patrouillen die Passanten revi« dierten, blickte den Polizisten herausfordernd ins Gesicht, aber man ließ ihn in Ruhe. Der Arzt wartete auf etwas, bereitete sich auf ein un- gewöhnliches Erlebnis vor— da aber nichts geschah, kehrte er nach Hause zurück.--- Er kam gerade zurecht. Er hatte kaum abgelegt und das fatale Etui wieder in den Schreibtisch verschlossen, als eS dreimal läutete. Auf der Schwelle stand eine fremde Dame in prachtvoller Toilette. Mit großer Verwunderung und mit noch größerer Höflich. keit bat er sie einzutreten und schob ihr einen Sessel hin. Statt sich zu setzen, brach die Dame in Lachen aus. Als seine Ver- wunderung den Höhepunkt erreicht hatte, erkannte er endlich die Genossin 5wma. Er konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Vor ihm stand eine Dame aus der großen Welt, in einem prachtvollen Pelzjackett, fabelhaften Hut, seiden- rauschend, duftend, mit Juwelen geschmückt, ein kokettes Lächeln auf den Lippen. Er verbeugte sich tief. „Meine Hochachtung der Frau Gräfin!" „Mein lieber' Kammerherr, es ist sehr unvorsichtig von mir, so spät am Abend in eine Junggescllenwohnung ein- zutreten, aber ich vertraue Ihrer Ehrenhaftigkeit und Dis- kretion. Es ist eine ernste Angelegenheit." „Ich stehe der Frau Gräfin zur Verfügung." „Ich komme persönlich, die Kronkleinodien holen, tvclche die allergnädigste Fiirstin durch eine Vertraute, wenn auch von geringer Herkunft, Ihnen übergeben hatte. Es tvar in diesen Tagen." „Dem allerhöchsten Befehl soll entsprochen werden, aber Sie werden vielleicht etwas ausruhen wollen, Frau Gräfin? Ich bemerke Spuren der Ermüdung." „Ich kann keinen Augenblick länger bleiben, die Königin wartet auf die Kleinodien. Die Königin kann nicht warten, ebensowenig jener, dem sie zugedacht sind. Der am aller- wenigsten." „Der Glückliche!" „Die Gnade der Königin ist unendlich. Ucbrigens hat sie der Mann längst verdient, und eS schickt sich nicht, ihn warten zu lassen...." „Also heute____" „Ich bedauere, keine Auskunft geben zu können. Ge- heimnis des Hofes... Der Arzt bemerkte jedoch die ungewöhnliche Blässe auf Kamas Gesicht und wie auffallend ihre Augen hinter dem Schleier glänzten. Sie war verändert, sie war ungewöhnlich schön. Und wie seltsam war auch dieser plötzlich improvisierte Dialog! Der Arzt in ihm meldete sich. „Sie müssen eine Weile ausruhen. Das ist ja alles sehr schön, aber schon des Erfolges wegen... „Ich weiß nicht, was Sie wollen. Sie sehen, ich habe es eilig.... Geben Sie mir nur ein Glas Wasser." Als der Arzt mit dem Wasser zurückkam, sagte er: „Wasser, gewiß, aber dieses euer Warschauer Wasser... � Da gehört noch was dazu— für den Wohlgeschmack...." „Ach, lassen Sie nur, ich glaube nicht an Ihre Pulver, Herr Doktcir—" „Pulver, Pulver," murmelte der Arzt bei seiner Apotheke beschäftigt, und fuhr fort:„Wenn ihr die Leute an jene Pillen glauben lasset, mit denen ihr euren Kranken, genannt zarisches Regiment, vergiftet, so glaubt nur auch an meine Pulver. Sehen Sie, Genossin, ich bilde mir nicht ein, die Krankheiten der Gesellschaft mit Bomben heilen zu können, wenn sie auch in Futteralen von hellen: Lsder stecken, aber ich verstehe mich auf die menschliche Hinfälligkeit. Dazu bin ich da. Wie heißt es im Evangelium? Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Das Fleisch, liebe Genossin trinken Sie nur. Die Händchen zittern ja nur so „Gut, wenn es nicht zu scheußlich schmeckt... damit Sie mich in Frieden lassen." „Es schmeckt nach nichts." Sie trank auf einen Zug aus, als sie aber das Glas zurückstellte, geschah es so kräftig, daß es klirrte und in Scherben zerbrach. „Bedeutet Glück!" „Ja. so sagt man. Jedenfalls bitte ich um Entschul- digung." Die Bombe verschwand irgendwo unter dem Jackett oder wo anders. Vielleicht im Muff, dachte der Atzt, der für einen Augenblick aus dem Zimmer ging. „Also, auf Wiedersehen!" „Auf Wiedersehen, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!" Sie rauschte hinaus, elegant, dustig, wie zum Ball. Der Arzt stand am Fenster des dunklen Zimniers und blickte vorsichtig durch den Spalt zwischen der Gardine und dein Fensterrahmen hinaus. Er hörte den dumpfen Knall des zufallenden Wagen- schlags. Zwei starke, dunkle Pferde setzten sich in Bewegung. Auf dem Bock saßen Kutscher und Lakai in reichen Pelz- Mänteln, mit Zylindern auf den Köpfen. Sie fuhren ab. Ter Arzt begann sich in fliegender Hast anzuziehen. Er wollte sofort nach dem Theaterplatz fahren, denn er glaubte, daß sich dort etwas ereignen werde. Die Vorstellung muß schon begonnen haben— dachte er — also weiß man— wie es scheint— daß er zum zweiten oder dritten Akt kommen wird. Was spielt man heute?— Oder am Ende gar vor den, Schloß, wenn er zurückkommt? — Doch wozu dann diese Toilette?— Er lehrte auf der Treppe wieder um. Die Neugierde hatte ihn Verlasien. Was jetzt bald geschehen sollte, schien ihm auf einmal ganz und gar gewöhnlich, und er sagte sich in aller Gemüts» ruhe: Ich werde es ja morgen in der Zeitung lesen. Doch da entdeckte er in dem Augenblick, den er soeben durchlebt hatte, etwas sehr Interessantes, etwas, das eine gewisse Theorie, die er sich ausgedacht hatte, zu bestätigen schien. Er setzte sich an den Schreibtisch und stocherte eifrig mit der Feder in der Tinte herum, um jenen subtilen Moment seines Eindrucks gleichsam auf frischer Tat zu erwischen. Es war da eine große ungeheure Scham in ihm gewesen, unlogisch und durch nichts begründet und dennoch ganz deutlich und unwiderleglich. Inzwischen war sie spurlos verschwunden. Man mußte diese Erscheinung festlegen. So tat er es denn auch in abgerissenen Sätzen, welche kein Hauptwort und kein Zeitwort hatten, dafür aber recht viel Ausrufungszeichen, Fragezeichen und Unterstreichungen. Bald aber sprang er auf und rief nach der Türe gewandt, durch die Kama gegangen war. laut aus: Es gibt keinen Tod! Versteht ihr— Es gibt keinen! Jetzt erst überzeugte er sich, daß eben das, dessen Nicht- existenz er sich auf so unwiderlegliche Weise bewies(etwas spät freilich, aber gründlich!), daß eben dies es war, das seine Gedanken verwirrt, ihn auf Abwege geführt und ihn die ganze Zeit, die er in der Nachbarschaft des todbringenden Gerätes verbracht hatte, gequält hatte. Daß dies es war, was ihn versuchte und ihm befahl, leichtfertig mit der Gefahr zu spielen und Dummheiten zu machen. Dabei war es nur eine Fiktion! Es gibt keinen Tod— schrieb er noch einmal mit großen Buchstaben hin,— und jetzt geschah etwas Seltsames. (ForUtdung folgt.) SleKtrifcbe Vollbabmn» Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über die Ein- fllhrung des eleltrifcheo Betriebes auf der Berliner Stadt- und Ringbahn habe» das Interesse der weitesten Kreise der Berliner Bevölkerung auf diese Frage gelenkt. Die Stadtbahn mit all ihren Borzügen und auch ihren wenigen Nach- teilen ist mit dem wirtschaftlichen und persönlichen Leben des Bcr- Imer» so verknüpft, daß dieses Interesse auch gerechtfertigt ist. Man kann nicht behaupten, daß die preußische Regierung über.. eilt ihre Anträge eingebracht hat; denn schon vor 13 Jahren, im Jahre 1899, wurde V0d einer damals noch existierenden Elektrizitätsgesellschaft, der später von der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (A. E.G.) aufgenommenen Union-Elektrizitätsgesellschaft iU.E.G.)» dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten der Entwurf für die Einführung des elektrischen Betriebes auf der Stadt- und Ringbahn vorgelegt, der dem damaligen Stand der Technik entsprechend, die Verwendung von Gleichstrom, wie er auf allen elektrischen Straßenbahnen gebräuchlich ist, vorsah. In diesen 13 Jahren wur- den nicht nur Studien am grünen Tisch, sondern auch im praktischen Betrieb durchgeführt. Die Entwickelnng des elektrischen Vollbahn-- betriebe» hat dabei naturgemäß erst in den letzten Jahren ein rascheres Tempo angenommen. Im Jahre 1992 wurde, nachdem auf der Wannseebahn Bev- suche mit einem elektrischen Probezug vorgenommen waren, eine noch heute bestehende elektrisch betriebene Vorortlinie Potsdamer Lahnhof— Großlichterfelde eröffnet. Es ist ein merkwürdiger Zu» fall, daß in Grotzlichterfelde auch überhaupt die erste elektrische Straßenbahn in Berlin im Jahre 1881 in Betrieb genommen wurde. Diese oben- erwähnte Borortbahn arbeitet üoch gleichfalls mit Gleichstrom, aber von 559 Volt Spannung, und hat als Stromzu- führung das System der„dritten Schiene", das auch z. B. aus leicht begreiflichen Gründen bei den Berliner Untergrundbahnen gewählr ist, da bei diesen, wegen der geringen Tunnelhöhe, der Strom nicht durch eine Oberleitung zugeführt tvetben kann. Bei dieser Ge- legenheit sei auch erwähnt, daß Berlin überhaupt die Geburtsstätte der elektrischen Bahnen ist. Auf der GeWerbeausstellung vom Jahre 1879 lief, von Werner Siemens gebaut, auf einer Rundbahn von 399 Meter Länge, die erste elektriscbe Lokomotive der Welt und be- förderte bei einer„Geschwindigkeit" von? Kilometern in der Stunde während der Ausstellung 99 999 Personen. Dre Betriebs» spannung betrug 159 Volt, die Motorleistung 15 Pferdestärken. Heute, nach 33 Jahren, sind Vollbahnlinien- in Betrieb, die bei 15 999 Volt Fahrdrahtspannung und Motorleistungen von 2999 Pferdestärken eine Geschwindigkeit von 159 Kilometern in der Stunde aufweisen, eine Geschwindigkeit, die auf über 299 Kilometer gesteigert werden könnte. Bon der größten Bedeutung für die Entwickclung des Vollbahn. betriebes waren aber die Versuche, die im Jahre 1993 auf der Strecke von Niederschöneweide nach SpinÄersfeld mir ein» phasigem Wechselstrom vorgenommen wurden. Die Bor- züge des Wechselstromes für die elektrische Kraftübertragung hatte man schon damals erkannt. Wechselstrom saßt sich in ruhenden Apparaten, Transformatoren, leicht auf hohe Spannungen bringen. Hochgespannte Ströme ermöglichen ihrerseits die Fortleitung der elektrischen Energie auf billigem Wege(dünne Kupferleitungen) und ohne große Berluste. Ter Bahnbetrieb verlangt aber auch einen leicht regelbaren Motor, der ursprünglich nur für Gleichstrom vorhanden war. Des- halb wurden alle Bahnen zuerst nur als Gleichstrombahnen gebaut. Bei diesen Versuchen im Jahre 1993 zeigte es sich aber, daß die Technik in der Zwischenzeit einen Wechselstrommotor geschaffen hatte, der alle guten Eigenschaften des Gleichstrommotors hat. Nur schwerer und teurer war und ist dieser Motor noch heute als der Gleich. strommotor. Dieser Motor ist nur aber ein E i n p ha s e n Wechsel» strommotor. Wechselstrom wird nämlich in der Hauptsache als Dreh- ström verwendet, der zu seiner Fortleitung dreier Drähte bedarf. Einphasenwechselstrom begnügt sich aber mit 2 Leitungen. Beim Bahnbetrieb werden noch dazu die Schienen als Rückleitung benützt, so daß die Einphasenwechselstrombahii, ebenso wie die Gleichstrom- bahn, miteiner einfachen Oberleitung auskommen kann. Die EntWickelung der Stromzuführung für die elektrischen Bahnen ist ein ganz besonderes und wichtiges Kapitel dieser Technik. Die ersten Bahnen benutzten Schienen, die auf dem Erdboden isoliert verlegt wurden, als Leitungen. Bald ging man zur Ober» leiiung über. Zuerst verwendete man geschlitzte Rohre, in denen ein kleiner Wagen lief, der vom Hauptwagen durch ein biegsames Seil nachgeschleppt wurde. Wie gut diese Anlage funktionierte, zeigt die Anlage der Bahn von Osienbach nach Frankfurt a. M., die vom Jahre 1884 bis vor wenigen Jahren im Betrieb war. Tie weitere EntWickelung der Oberleitung vollzog sich in Amerika, wo keine falschen ästhetischen Bedenken gegen die Oberleitungen kämpf- ten. In Teutschland(wir Berliner wissen noch heute ein Lied davon zu singen, siehe: Opernplatz und Brandenburger Tor) suchte man nach verschiedenen Systemen einer unterirdischen Leitungszu- führung. von denen keines befriedigte. Allmählich hat jedoch das Oberleitungsfystcm allgemeine Anwendung gefunden, bis auf Tunnelbahnen usw.. bei denen eine dritte Schiene noch verwendet werden muß. Für Bollbahnen, die hochgespannte Ströme führen. kann jedenfalls kein anderes System Verwendung finden. Mit Rück- ficht auf die hohen Fahrgeschwindigkeiten mußte gegenüber den ge» wöhnlichen Straßenbahnoberleitungen eine Anordnung getroffen werden, bei der der Fahrdraht in kurzen Abständen an einem über ihm liegenden Stahlseil aufgehängt wird(Kcttenoberleitung). Auch für die Isolierung der Leitung mutzten<Ä>czialkonstruktionen geschaffen werden, Isolatoren, die von einem beliebten Kinderspiel- zeug Form und Namen entlehnten: Diaboloisolatoren. Auch die Berliner Stadibahn wird eine nach diesen Grundsätzen ge- baute Oberleitung erhalten. Nach den Bersuchen in Niederschöneweide entschloß sich die Eisenbahnverwaltung dazu, die Vorartstrecken der Hamburg- Altonaer Eisenbahn elektrisch zu betreiben. Gewählt wurde hochgespannter Einphasenwechselstrom von 6000 Volt Fahrdrahtspannung. Seit der Einführung des Betvicbes auf dieser Bahn, die ein voller Erfolg war, nimmt die Elektrisierung der Boll- bahnen durch Einphasenwechselstrom ein rascheres Tempo an. Im Frühjahr des vorigen Jahres waren in der ganzen Welt fast 4000 Kilometer bereits elektrisch betrieben mit einer Motorenleistung von fast'Millionen Pferdestärken. Die Hamburger Bahn er- öffnete 1908 ihren Betrieb mit 54 Doppelwagen und arbeitet heute bereits mit 140 solcher Betriebseinheiten. Nach diesem Erfolge schritt die Eisenbahrwerwaltung zum Ausbau der ersten richtigen Bollbahnstrecke Magdeburg— Leipzig— Halle, von der bereits die Strecke Dessau— Bitterfeld fast 2 Jahre im Betrieb ist, während der Betrieb auf der ganzen Strecke wahrscheinlich Anfang 1914 aufgenommen wird. 72 Lokomotiven werden den Verkehr auf dieser Strecke bewältigen, für die eine Fahrdraht- spannung von 15 000 Volt und eine Wechselzahl von 33J4 in der Sekunde gewählt ist, Zahlen, die wohl für die in nächster Zeit zu bauenden Strecken matzgebend sein werden. Für den Bahn- betrieb ist nämlich aus technischen Rücksichten für Leitung und Motoren eine niedrige Wechselzahl von Vorteil. Für allgemeine Kraftbetriebe ist jedoch in Teutschland allgemein(aus guten Prot- tischen Gründen) eine Wechselzahl von 100(50 Perioden) in Ver- Wendung. Die Benutzung von 33% Wechsel für Bahnzwecke hat nur den Vorteil, datz man diesen Strom, da seine Wechselzahl in einem geraden Verhältnis(1: 3) zu der des üblichen Draht- ströme» steht, leicht in solchen umwandeln kann. Auch die elek- irische Zugförderung auf den schlesischen Gebirgsbahnen arbeitet mit dieser Wechselzahl. Der Betrieb auf diesen Bahnen, der be- sonders deswegen interessant sein wird, weil es sich um G e b i r g s- bahnen handelt, soll im Herbst dieses Jahres zum Teil beginnen. um im Jahre 1915 voll aufgenommen zu werden. Nicht nur in Preutzen, sondern auch in Baden, Bayern und in anderen europäischen Ländern hat man für den Vollbahnbetrieb den hochgespannten einphasigen Wechselstrom mit niedriger Periodenzahl gewählt. In Amerika wurde schon im Jahre 1907 eine der grötzten Privateisenbahngelellschafteix die den Betrieb zwischen New Jork und Boston führt, durch die Gesetzgebung ge- zwungen, den Betrieb auf der 35 Kilometer langen Einfahrtstrecke in New Dork mit Rücksicht auf die Rauchentwickelung und Ver- qualmung elektrisch durchzuführen. Es ist kein Zweifel, datz die Frage des Systems für die elektrischen Vollbahnen bis auf weiteres zugunsten des Einphasen- Wechselstromes von hoher Spannung und niedriger Wechselzahl entschieden ist. Ebensowenig kann man daran zweifeln, datz die Elektrotechnik über eine Reibe von durchaus bewährten Konstruk- tionen von Motoren, Lokomotiven und Oberleitungsmaterialien ver- fügt, die einen sicheren und dauernden Betrieb gewährleisten. Trotz- dem wird die Elektrisierung der Vollbahnen nur sehr langsam und schrittweise vor sich gehen. Vor allein hat man in der Dampf- lokomotive einen auf einer höchsten Stufe der technischen Ent- Wickelung stehenden Gegner, dessen Leischnge» in den meisten Fällen durchaus befriedigen. Die Verhältnisse liegen hier ganz anders wie beim Stratzenbahnbetrieb, wo der Pferdebahnwagen in einem raschen Siegeszuge vom Motorwagen verdrängt wurde. Und dann sind die Borteile der Elektrisierung von Vollbahnen nur in wenigen Fällen von so ausschlaggebender Bedeutung, so datz sie die unbestrittenen Nachteile, die eine solche Umwälzung mit sich bringt(Kapitalinvestierungen, Mehrkosten, neuartiger Betrieb), aus- gleichen können. Zu den Vorzügen des elektrischen Betriebes gehören vor allem die Vorteile, die' durch die Natur des elektrischen Stromes an und für sich bedingt sind: rauchfreier, sauberer und geräuschloserer Betrieb. Diese Borteile allein würden die Einführung des elek- irischen Betriebes auf Stadt- und Vorortbahnen, die durch Stratzen- züge führen, und auf Bahnen, die häufig Tunnels passieren müssen (Schweizer Bundesbahnen) rechtfertigen. Ein weiterer Vorteil, der auch in der Hauptsache für Stadlbahnen in Betracht kommt, ist die Erhöhung der Zugdichte. Bei dem künftigen Betrieb der Ber- liner Stadtbahn hofft man auf eine Zugfolge von eineinhalb Minuten zu kommen, was nur bei elektrischem Betrieb möglich ist. Man kann bei einem elektrischen Betrieb unbedingt grössere Betriebsleistungen als in der Dampflokomotive unterbringen, die natürlich nicht immer voll ausgenützt werden. Was die Frage der Betriebskosten betrifft, so spielen zwar die Stromkosten«ine ziemliche Rolle, find aber doch nicht ausschlag- gebend, da sie je nach den örtlichen Verhältnissen nur% bis% der totalen Betriebskosten ausmachen. Naturgemätz find di» Staaten im Vorteil, die über günstig ge- legene ausbaufähige Wasserkräfte verfugen, die ihnen eine btllige Erzeugung des elektrischen Stromes gestatten. In Preutzen liegen die Verhältnisse insofern anders, als hier unbedingt Tampftraft- werke errichtet werden müssen. Preutzen hat aber durch die Bahn- kraftwerke die Möglichkeit, minderwertige Brennstoffe, die auf Lokomotiven nicht verfeuert werden können, in Dampfkraftwerken auszunutzen. Ausserdem können diese Bahnkraftwerke das flache Land mit billiger elektrischer Energie versorgen. Auch für die Berliner Stadtbahn soll bekanntlich in einem Braunkohlcngebiet, voraussichtlich bei Bitterfeld, ein Dampfkraft- werk errichtet werden. Die elektrische Energie soll dann von Bitterfeld nur durch unterirdisch verlegte Kabel mit einer Spannung von 60 000 Volt nach Berlin geleitet werden. Durch die unter- irdische Verlesung und durch die Verwendung von 6 Paar Kabel hofft man univ« allen Umständen Störungen in der Encrgiezusuhr zü vermeiden. Es sei bemerkt, datz die Verlegung von Kabeln bei dieser Betriebsspannung auch in technischer Beziehung voll- kommen neu ist, da man bisher derartige Spannungen nur durch Freileitungen übertrug. Die Spannung von 60 000 Volt wird dann in verschiedenen Unterstationen auf eine Spannung von 15(XX) Volt transformiert, die direkt der Oberleitung zugeführt wird� Ter Betrieb soll mit Lokomotiven durchgeführt werden. Der Haupt- grund für die Einführung des Lokomotivbctriebes dürste wohl der sein, daß man den vorhandenen Wagenbestand ausnutzen will. Hin- gegen dürfte die Verwendung von Triebwagen eine noch grössere Verkehrsdichte' ermöglichen. Es sollen vorläufig über 250 elektrische Lokomotiven angeschafst werden, wodurch zu anderer Verwendung 570 Dampflokomotiven frei werden. Die Züge werden aus 12 bis 13 Wagen bestehen und an jedem Ende eine elektrische Lokomotive besitzen. In schwächeren Verkehrszeiten werden die Züge geteilt und nur von einer Lokomotive gezogen. Die Lokomotive, die am Schlutz des Zuges fährt, läuft unbesetzt. Der ganze Zug wird von der Lokomotive aus. die an der Spitze fährt, gesteuert. Der elektrische Betrieb wird für das Bedienungspersonal voraus- sichtlich viel einfacher und weniger anstrengend sein als bei dem Dampfbetrieb. Vor allein fällt der Heizerdienst weg. Der tech- nisch ausgebildete Zugbegleiter hat neben dem Lokomotivführer seinen Platz unp kann diesen im Notfall ersetzen. Der Führer selbst, dessen Aussicht jetzt nicht durch Rauchwolken behindert ist, kann seine Aufmerksamkeit in erhöhtem Matze der Strecke und der Beobachtung der Signale zuwenden. Jedenfalls wird auch der elektrische Betrieb die Einführung der selbsttätigen Strcckcnsiche- rung mit sich bringen. Auf Grund aller bisherigen Ergebnisse kann man also hoffen, datz der elektrische Betrieb auf der Stadt- und Ringbahn einen grossen Fortschritt auf dem Gebiete des Verkehrswesens für G�ofe- Berlin bedeuten wird. i. S. Inäianerleben Siidamenhas. Bon H. Singer. Die Rothäute gehören zu den sterbenden Rassen; die Be- rührung mit den Weissen hat ihre Lebenskraft gebrochen, und die Versuche im Norden des Erdteils Amerika, jenen Gang zum Völkertode durch Schutzmatzregeln aufzuhalten, haben leinen son- derlichen Erfolg mehr. In der Süohälfte des Erdteils allerdings bewahrt den Indianer noch vielfach die Abgeschlossenheit seiner Wohnfitze vor schnellem Verschwinden; aber auch hier dringt der Weisse, vom„schwarzen Golde", dem Kautschukrcichtuin. gelockt, immer weiter in die Urwälder vor, und die Arbeit, die ihm dort der Indianer mehr gezwungen als freiwillig leistet, ist nun ein- mal für den roten Mann verderblich, zumal sie ihm häufig in der Hauptsach« mit Branntwein bezahlt wird. Unter solchen Umstäu- den müssen die Bemühungen europäischer Reisenoer, noch mög- lichst genaue Nachrichten über Kultur und Tenien der dem Unter» gang geweihten Völker zu erlangen, als höchst verdienstvoll gelten. Zu den erfolgreichsten Forschern auf diesem Gebiet gehört der schwedische Ethnograph Erland Freiherr v. Norden skiöld. Er hat in seinem dieser Tage in deutscher Uebersetzung erschienenen Buche.Jndianerleben" einige interessante Jnoianerstämme d.'s Chacogebietes von Argentinien und Bolivia geschildert, die ihnr auf seiner letzten Reise, 1908 bis 1909, genau bekannt geworden sind, darunter tue Aschluslay und Choroti am Pilcomayofiuffe. Es sind Halbnomaden mit Jagd und Fischfang als Hauptbeschäf- tigung. während die Frauen durch Sammeln von allerlei etzbaren Dingen in Wald und Steppe zum Lebensunterhalt beitragen. Sie besitzen aber auch einiges Vieh, wie Schafe, Esel und Pferde. Fehden mit Nachbarstämmen, bei denen freilich Vorsicht als der bessere Teil der Tapferkeit gilt, find nicht selten, und man huldigt dann der Sitte des Skalpierens. die sonst in Südamerika nur sehr wenig verbreitet ist. Die Gewalt der Häuptlinge— eS gibt nur Dorfhäuptlinge— ist gering, und ihr Einfluß richtet sich allein nach ihren persönlichen Eigenschaften.. Sie müssen mit ihren Frauen genau so arbeiten, wie die- anderen Dorfbewohner, unl» selbst im Krieg: gehorcht ihnen jeder nur so weit, wie es ihm patzt. Manches ist in einem solchen Aschluslay- oder Chorotidorp anders wie bei uns, was auf dem stark ausgeprägten Kam- m u n i s m u s, auf dem Fehlen ,von sozialen und Vermögens- unterschieden beruht. Es gibt weder Arme noch Reiche; ist der Magen voll, so ist umn reich, ist er leer, so ist man arm. Wird ein Indianer mit zwti Hemden beschenkt, so verschenkt er sicher das eine, damit es für alle reicht. Seine Pfeife raucht niemand allein; sie mutz von Mund zu Mund gehen. Wer viele Fische(je- fangen hat. teilt sie mit dem, der wenizer vom Glück begünstigt wurde. So gebietet das Herkommen. Immerhin gibt es persön- liches Eigentum, und das ist unantastbar. So würde kein Mann etwas, was seiner Frau oder seinem Kinde gehört, fortgeben, ohne sie zu fragen. Die Haustiere haben Besitzmarken, die Schafe z. B. auf verschiedene Art'geschorene Ohren. Im allgemeinen aber be- fitzt feine gonilie metzr,«ls was sie beim Wechsel des DorfplatzeS vequem mit sich fuhren knWi. Diebstahl unter EtammcZmitgliedern ist unbefannt; es Herrscht eben so großer Gemeinsinn, daß niemand zu stehlen braucht. Anscheinend belügt man einander auch nicht. Anders verhält man sich dem Weißen gegenüber; den betrügt und belügt man mit aller Seelenruhe, wenn es dem Stamm keinen Nachteil bringt. Sieht sich der Indianer dabei ertappt, so lacht er den Weißen aus, wie wir cs tun, wenn jemand auf einen Aprilscherz Hereinfällt. Würde sich der Weiße dann ärgern, so würoe er für beschränkt gehalten werden. Weniger harmlos ist die Sitte des Eltern- uiio Kindermordcs; aber es fehlt den Indianern «uch hier das Bewußtsein, daß sie damit etwas Unrechtes oder gar ein Verbrechen begehen. Die Indianerin hält sich.für berechtigt, ihr neugeborenes Kind zu töten; sie ijabe ihm das Leben gegeben, könne es ihm also auch Wieoer nehmen. Indessen beschränkt sich (der Kindcsmord auf den Fall, daß der Vater die Mutter verlassen Hat, oder daß das Kind mißgestaltet ist. Man erzieht die Kinder mit größter Liebe und Nachsicht, und die Kinder hängen ebenso sehr an den Eltern. Tötet der Indianer seinen alten Vater oder seine alte Mutter, so glaubt er, nicht nur sich, sondern auch sie von einer unerträglichen Last zu befreien; denn der Kampf ums Leben ist für Gebrechliche oder Hilflose dort aussichtslos. Die Siegel ist aber doch, daß die Alten, selbst wenn sie blind oder ver- irllppelt sind, von den Kindern unterhalten werden. Wir pflegen zu sagen, daß neben dem Umfange des Seifen- Verbrauches auch die Stellung der Frau ein Maßstab für die Kul- turhöhe eines Volkes sei. Das trifft im gewissen Sinne auf die Hndianer des Chaco zu. Die Aschluslah und Choroti sind grenzen- loS unsauber uno in der Tat primitive Stämme; dagegen sind die Ehiriguano-Jndianer, Nachbarn der Choroti, sehr reinliche Leute, und sie stehen auf weit höherer Stufe. Bei den Chiriguano werden die Mädchen streng gehütet; bei den Anschluslay und Choroti Haben sie bis zur Verheiratung völlige Freiheit. Jede Nacht wird im Freien flott getanzt. Dazu machen die jungen Herren stunden- llang sorgfältigst Toilette und legen auf möglichst originelle Be- malung uno Ausschmückung innerhalb der Grenzen der gerade Herrschenden Mode großen Wert. Weit weniger Gewicht legen die Mädchen auf ihr Aeußeres, und das kommt daher, daß sie bei jenen Bällen die Wählerinnen sind, nicht die Gewählten. Zu Liebesabenteuern ergreift immer das Mädchen die Initiative, und zwar tatkräftig und ungeniert. Die jungen Burschen kümmern sich um das Aeußere der Mädchen wenig, während für diese bei der Wahl vornehmlich die Schönheit des Gesichts, nicht die des Körpers entscheidend ist. Unter solchen Umständen ist es nicht «vunderbar, n>enn Eifersuchtsszenen und Raufereien wegen einer Schönen bei den Burschen nicht vorkommen, daß vielmehr die Mädchen eines begehrten Jünglings wegen mit Boxerhand- schuhen aus Tapirhaut oder gar knöchernen Pfriemen aufeinander losgehen. Rordenskiöld sah zwei Chorotimänncr, die ihm als große Lieblinge der Frauen bezeichnet wurden, und die hatten an Gesiebt und Händen stets Kratzwunden. Und warum? Weil dort das Mädchen seinen Liebsten nicht küßt, sondern aus Zärt- lichkcit kratzt, ihm auch ins. Gesicht spcit! Aber auch den endgül- kigen Gefährten fürs Leben wählt sich bei den Choroti das Mädchen selbst, und es ist ihm dann eine treue und fleißige Hausfrau. Be- greiflicherweise ist indessen die Choroiiscköne. wenn sie endlich ans Heiraten denkt, schon etwas verblüht, und so kommt es, daß sie selten durch äußere Vorzüge die Herrschaft über den Ehemann zu erringen vermag. Immerhin ist sie keine Sklavin, sondern eine freiwillige Arbeiterin; sie hat sich eben den Mann genommen, um für ihn zu arbeiten. Anders bei den Chiriguano, wo der Mann «wirbt uno der Mann ein Mädchen zur Frau wählt, das ihm. auf die Dauer noch gefallen kann. Dort hat die Frau eine höhere Stellung, und sie schafft mit dem Mann gemeinsam fürs Haus. Aus der Arbcitsverteilung unter die Geschlechter ist übrigens zu ersehen, daß auf beide"etwa gleich viel fällt; indessen ist die Töpferei und bei den Aschluslah sogar der Hausbau ausschließlich Sache der Frau. Alte Jungfern gibt es bei den Stämmen des Cbaco nicht und Junggesellen sind spärlich. Als große Merkwürdigkeit wurde Nordenstiölo ein Choroti gezeigt, der niemals eine Frau gehabt Hatte. Leider hat die Moral dieser Wildstämme unter der Berührung tpit den Weißen schon sehr gelitten. Aon der argcnkini- schen Seite findet viel„Feuerwasscr" Eingang, mit dem sich die ziemlich harmlosen eigenen berauschenden Getränke der Indianer nicht messen können. Liemes Feuilleton. Erziehung und Nnterrzcht. .Sonderschulen für hervorragend Befähigte. Mit welcher Weltfremdheit oft bürgerlich.? Schulreformcr an pada- gogische Probleme herantreten, zeigen wieder einmal die Erörtc- rungen über die Errichtung von Sonderschulen für hervorragend töefähigte im Anschluß an den 5tongrcß für Schulreform in Dresden. Die Sozialdcmolratic fordert im Erfurter Programm schon tkül, lluentgeltlichteit des Unterrichts, der Lehrmittel und der IverauH». Redakteur: Alfred Wtelcpp, Neukölln.— Druck u. Beklag: Verpflegung in den öffentlichen Volksschulen sowie in den höheren Bildungsanstalten für diejenigen Schüler und Schülerinnen,' die kraft ihrer Fähigkeiten zur weiteren Ausbildung als berufen erachtet werden". Und auch später in allen offiziellen Kund- gedungen, in Parlament und Gemeinde, ist die Sozialdemokratie ständig für die Einheitsschule eingetreten, d. h. für..einen einheit- liehen und dabei wohl gegliederten Schulorganismus, der alle Kinder vom frühen Lebensalter bis zur Reife der Erwachsenen umfängt, und in dem nichts anderes entscheidet als das Bestreben, jedes einzelne Kind zu größter persönlicher Vollkommenheit zu seinem eigenen Besten und zum möglichst großen Wohle der Ge- famtheit zu erziehen".(H. Schulz:„Die Schulreform der So- zialdemokratie".) Zahllose Intelligenzen aus dem Proletariate gehen heute durch die Klassenschule der Allgemeinheit verloren, die eine ungeahnte Bereicherung der nationalen Kultur bedeuten würden,"wenn die sozialdemokratischen Schulforderungen erfüllt wären. Diese Verluste aber schmerzen unsere Reformpädagogen nicht weiter. Bei ihren Bestrebungen handelt es sich vielmehr um die oberen Zehntausend. Was Martin Häven st ein in dem Aufsatz„Pädagogische Auslese" des Dezemberheftes der„Tat" zur Begründung dieser Forderung anführt, trifft ohne weiteres zu. DaS Beispiel Lassalles zeugt dafür, wie' ein begabter Junge unter dem Unterrichte leiden muß. der nicht auf ihn zugeschnitten ist, der außerstande, ihn vollauf zu beschäftigen.„Wer weiß, wieviel Zer- fahrenheit, Schlaffheit, verbummeltes, direttionsloses Wesen, das man gerade bei unseren hervorragenden Köpfen und Talenten leider häufig findet, auf die schädigenden Wirkungen des Unterrichts zurückzuführen ist, den sie gemeinsam mit der lieben Mittelmäßig- keit empfangen haben." Betrachten wir unter solchem Gesichtswinkel Lassalles Jugend- streiche, so werden sie uns menschlich sehr begreiflich. Genial ver- anlagte und frühreife Kinder brauchen eben auch Lehrer, die ihnen an Temperament, Phantasie, Schnelligkeit und Tiefe des Denkens nicht nachstehen, keine bloßen„Pauker". Dock» mögen solche Argumente noch so durchschlagend sein, sie bringen sich um jeden Kredit, wenn sie nicht angewandt werden für die Forderungen der Einheitsschule, wie sie die Sozialdemokratie für alle die Millionen verlangt, deren Geist heute in der Volks- schule durch einen dogmatischen Religionsunterricht, durch eine ge- fälschte Geschichtslehre und nicht zuletzt durch Prügel systematisch verkrüppelt wird. Havenstein wagt es nicht, dem einzig richtigen Verlangen nach einer Einheitsschule Ausdruck zu geben. Er kennt lmtürlicb aucki nicht die Macht, d»e allein imstande ist, alle die Ideale bürgerlicher Reformer in die Wirklichkeit umzusetzen. Das Proletariat, das am meisten unter den bestehenden Zuständen zu leiden hat, ist der Faktor, der mit der Aufhebung der Klassenberr- schaft auch die Älassenschule beseitigen, die Sonderschulen für Höher- begüterte in'solche für wirklich Begabte umwandeln wird. Wenn Havenstein meint, nur Naumann, vielleicht auch noch ein paar andere, würden im Reicbstage für seine Reformvorschläge zu haben sc.n, so zeigt diese Aeußerung unzweideutig, welcbe Ideologen doch unsere bürgerlichen Schulrcsormer sind, wie nötig sie eö hätten, sich auch einmal ein bißchen mit der Politik zu besänftigen. P. L. Meteorologisches. Ein neues Mittel zur langfristigen Wetter- voran ssage. Die Vertreter der wissenschaftlichen WitterukigS- künde lassen sich auf die Wettervoraussage für längere Fristen von Wocben oder gar Monaten nicht ein und bezeichnen es als das äußerste Entgegenkommen, daß sie jetzt wenigstens auf zwei Tage im voraus den Gang dcrMitterung mit einiger Sicherheit anzw- zeigen nntirnehmcn. Es fehlt allerdings nicht an wichtigen Be- obachtungen, die auf Möglichkeiten eines weiteren� Fortschritts hinweisen. aber sie haben praktische Ergebnisse bisher noch nicht ge- zeitigt. Namentlich ist es die. Mccresforschung gewesen, die neue Aussichten für die Wettervoraussage eröffnet hat, insbesondere die Arbeiten über die Wärmeverhältniffe der Nordsee mit Rückficht auf das Klima des nordwestlichen Europa. Jetzt hat Professor Bassett in einem Vortrag vor der Meteorologischen Gesellschaft in London darauf Hingewiesen, daß eine neue Grundlage für langfristige Wetterprophezeiungcn auch in der Irischen See zwischen Groß- vritannicn und Irland gewonnen werden könnte, und ztvar in Be- obachtungen des wechselnden Salzgehalts dieses Meeresteilcs. Untersuchungen während der letzten IS Jahre haben gezeigt, daß der Salzgehalt und die Temperatur im nördlichen Atlantiscken Ozean und in den angrenzenden europaischen Gewässern im Ab-- lauf von etwa einem Jahr eine periodische Veränderung erleidet. Das Wasser ist im Winter und Frühling verhältnismäßig salziger und wärmer als. im Sommer und Herbst. Professor Bassett hat nun im besonderen festgestellt, daß die Veränderungen des Salz- gchalts in der Irischen See der Entlvick«ung bestimmter jahreS- zeitlicher Witte rungstypen vorausgehen. Er befürwortet daher regelmäßige Messungen dcö Salzgehalts an einer Reihe von Plätzen zlvischen dem Vorgebirge Holyhead in Wales und dem südlichen Vorgebirge der Insel Man und glaubt, daß sich danach der allgc- meine Verlauf der Witterung nicht nur für die Britischen Inseln, sondern auch für einen erheblichen Teil von Europa wenigstens für eine Zeit von vier bis fünf Monaten wird voraussagen lassen. LortBaittBuchdrnckerel u.VeriagsanstaU Paul S>ngerfcCo.,Berlm SVl.