Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. S. Mittwoch, den 3. Januar. 1913 sz Sefckickte einer Sombe. Von AndreasStrug. Er hörte plötzlich einen dumpfen unterdrückten Knall, der die Scheiben klirren und die Lampenflamme erzittern rnachte. Alles verschwand— dann überzog sich die öde Gasse wie mit einem Schleier, und in der Mitte im Strasienkot lag Kama, erschlagen, geschändet, in den rauchenden Fetzen ihrer kostbaren Kleider. Neben ihx der abgerissene Kopf mit dem zerschmetterten Gesicht, ringsherum zerstreut die Reste eines Menschen, der vor einem Augenblick noch lebte, vor einem Augenblick hier bei ihm war. Der Arzt brach schluchzend in ein schreckliches, krampf- Haft nervöses Weinen aus und wand und wälzte sich auf dem Diwan. Er fühlte eine große Erschlaffung. Er fühlte eine Leere im Kopf. Der Reihe nach, eins nach dem andern, hörten die Dinge zu existieren auf. Er fiel in einen tiefen Schlaf— nach der Tortur der letzten Tage. Auf dem Schreibtisch brannte hell die Lampe und be- leuchtete ein Dutzend zerstreuter, wie im Fieber beschriebener Blätter, und im Zimmer schwebte noch der feine Duft des Parfüms, den Kama dagelassen hatte. 1- Die Bombe schmiegte sich an den jungfräulichen Körper, lastete und drückte: ihre kalte Berührung machte erschauern. sie strömte eine Kälte aus, als hätte sie ihr tödliches Werk schon begonnen. Der lebendige warme Körper erbebte unter der frostigen Berührung des Todes. Das Herz fühlte die Kälte des Nichts... Die Pferde jagten vorwärts, leicht hüpfte der Wagen auf den Gummireifen dahin. In das halbdunkle Innere blickten der Schimmer und die Gestalten der Welt; sie flog an ihr vorbei, gewöhnlich und alltäglich und dennoch so fremd. Der Lärm der Straße drang dumpf und wie aus weiter Ferne herein. Etwas entfernte sie bereits von der Welt, ent- fernte sie vom Leben. Alle Sorge schloß die Tür hinter sich. Es rissen die Ge- danken ab, Vorsätze, Befürchtungen, Hoffnungen hörten auf. Es blieb nur eine einzige Sache auf der ganzen Welt zurück: das war ihre Tat. In einer unendlichen Wüste stand sie ihr Auge in Auge gegenüber und saugte sich an ihr fest mit töd- licher Liebe. Alle Wünsche, alle Ktäfte der Seele und alle Macht des Verstandes hatten nur noch eine einfackie Aufgabe: vergessen waren die mühseligen Vorbereitungen, Ausein- andersetzungen, die gefahrvollen Schwierigkeiten. Alles schien leicht, und die Seele atmete erleichtert, als wäre es schon vollbracht. Es blieb nur noch eins— dieses Letzte, Rasche und Leichte. Dahin trugen sie jetzt die Pferde im schnellen Trab, und eö lächelte ihr das sonnige Glück des Triumphes. In diesem letzten Augenblick war ihr diese vornehme Eleganz angenehm, dieser Luxus, den sie nie gekannt hatte. Sie empfand ihre eigne Schönheit, und die Tat, die sie be- absichtigte, erfüllte sie mit Stolz. Schöne reine Gedanken schössen wie flammende Blitze hervor. Die Wirklichkeit hörte auf, das Leben sckMieg. Sie bedauerte nichts was sie verließ. In diesem Augenblick war sie unendlich mit einer wonnigen Selbstliebe in ihre Tat verliebt, in ihre neue Welt, in sich selbst. Und sie fühlte die kalte eiserne Last des Geschosses aus sich wie die Berührung einer nie gekannten, berauschenden Wollust. i»* m Düster starrt auf die Weichsel und über die Weichsel hin- weg aus das weite öde Land das königliche Schloß. Seine gewaltigen Formen sagen der Seele nichts inehr.— Wann ist es gewesen, jenes Einst?... Aus alten Ruinen weht uns die Trauer der großen Ver- gangenheit an, doch dies Schloß steht da, tot, rcgierungsmäßig, befleckt von der durch Jahrhunderte geübten Gewalt, die dort Kasernen errichtet hat. Der Bewohner der Residenz hat längst vergessen, wer und wessen Recht dort einst geherrscht hatte. Er mußte vergessen, denn es wäre allzu bedrückend, daran zu denken. Doch lassen wir die Könige. Man kann auch ohne Könige leben. Etwas anderes ist es, das dem Sohne deS Landes nahe geht... Wenn er mit dem Auge der Erinnerung auf dies weiland königliche Schloß blickt, tritt ihm ein widerlicher Schatten vor Augen. Wie ein Gespenst von jenseits des Grabes streckt es seine von Verwesung noch feuchten Knochen nach dem lebendigen Menschen aus— und der Mensch will doch leben, der Mensch will ruhig leben!— Er hat es gelernt, diesen hart- näckigen, von überall nach ihm greifenden Alp sich vom Leibe zu halten. Er kann bereits vergessen, nicht bemerken, aus dem Wege gehen, ja sogar zu seufzen hat er aufgehört. Viel, sehr viel kann er schon. So lassen wir es denn... Die alten Bäume auf der Schloßterrasse erinnern sich noch jener besseren Zeiten. Sie blicken wie einst zu den oberen Fenstern hinein, mit dem selben Gleichmut fiir alles, was jetzt geschieht, wie für das, was einst geschah. Es stehen noch dieselben Mauern, es sind noch dieselben Malereien auf den Decken. Die gemalten Gesichter der Musen und Göttinnen lächeln. Ihre Nacktheit ist noch frisch. Und ebenso ihre kuß- bereiten Lippen. Die Kränze und Girlanden sind nicht ver- welkt. Es hängen auf ihren alten Plätzen die alten Porträts. Sie schauen noch immer mit stolzen Blicken um sich, als wüßte» sie nicht, daß man sie nur zum Hohn an den Wänden gelassen hatte. Alles ist geblieben: die alten Gegenstände, durch Jahrhunderte angesammelte Reichtümer, die von Jahr zu Jahr kostbarer werdenden und von der Zeit immer mehr ausbleichenden Gobelins, die nachgedunkelten Bilder berühmter Meister, die einst mit Gold aufgewogenen venezianischen Nippes auf den Kaminen, die Beute alter Siege, von allen Enden der Welt zusammengebracht... Alles, alles ist geblieben. Die toten Sachen haben über- lebt, und was gelebt hat, ist ausgestorben. Lange schon spiegeln die riesigen Spiegel nur noch die öden Wände. Wann haben diese Wände, wann hat das alte Warschauer Schloß zum letztenmal Polnisch sprechen gehört? Die Salons. Der weiße, der blaue Salon, der Thron- saal: Hier wurden auf pompösen Festen die fremden Ge- sandten empfangen, als die Nation noch den anderen Nationen ebenbürtig war: als in diesem Saal auf dem polnischen Thron ein polnischer König saß... Doch sprechen wir nicht vom König... Als die Nation frei war! Die Korridore. Die großen Vorzimmer. Die breiten Treppen. Auf den Stufen stand zu beiden Seiten Heiduck an Heiduck, und sah mit den finsteren Blicken des Sklaven aus den vorbeiziehenden Pomp. Die glänzende Ritterschaft. Die schönen Frauen in der reichen und blendenden Farbenpracht ihrer Gewänder. Die Hetmane, Wojewoden, mächtig genug. Thron und Königreich zu erschüttern. Die Großen des Reiches, die Purpurträger der Kirche... Das italienische Orchester erklingt. Es tönt rings die polnische Sprache. Sie sind bei sich, sie amüsiicren sich, denn sie dürfen es. Auch später hat sich Polen amüsiert. Auch jetzt noch, und wird es in alle Ewigkeit tun. Doch seit hundert Jahren weiß Polen nicht mehr, was eine wirkliche Unterhaltung ist. Einst gab es Leben und die Kraft war lebendig... Sie ruhe in Frieden. Ein Labyrinth von Zimmern. Durchgängen, Stockwerken, Erkern. Durch diese Zimmer wurden die Geliebten des letzten Königs eingeführt. Hier genoß er die Liebe der Frauen der vornehmsten Geschlechter, der auserwählten unter tausend Schönheiten. Hier verging ihm rasch die Zeit... Es irren noch durch das Schloß Seufzer, Geräusche, Schluchzen, höhni- sches Lachen. Aber es ist Täuschung. Nichts ist da alS Oede... Ein langer, breiter, mit Teppichen belegter Korridor. Hier stand Kordyan Wache in polnischer Uniform. Es erfaßte ihn die dunkle Nacht voller Träume, Klagen, Prophezeiungen von Rache, voller kraftloser Versuchung. Er fühlte den Feind und fühlte die Waffe in der Hand. Und schritt über den langen Korridor, über die weichen Teppiche. Es war ein langer Weg. Es guälten ihn die schattenhaften Gedanken, die tödliche Unkraft schlug ihm in die Knie: er wankte, zauderte — die Waffen noch in der Hand und schon ein Sklave. Er irrte umher und hielt geheime Zwiesprache mit den Schatten- Ta packte ihn das Entsetzen bei den Haaren und schleuderte ihn zu Boden, aus die Schwelle des Schlafzimmers. Ter Zar erwachte und blieb am Leben. Nichts davon ist geblieben. Qede gähnt ringsum aus dem tiefen Schweigen eines jeden Winkels. Es war einst und ist vorbei. Aber es wohnen auch jetzt noch Meirichen hier. Trcht neben den ausgestorbenen Flügeln und Stockwerken kocht es von neuer lebendiger Bewegung. Ein Leben voller Arbeit, Jntriguen, Schwierigkeilen. Es wiinmeln die Menschen wie Ameisen durch die Höfe und Zimnier. Sie sind wie zu Hause— diese Fremden. Von diesem Korridor führen breite Stufen nach einem anderen Flügel. Vorzinrmer. Wachtstuben, wo ein Häuflein Soldaten lungert. Eine Tür.' Vor ihr steht ein Soldat Wache und bohrt seinen erschrockenen Blick in jeden, der vorübergeht. Hier ging um diese Abendstunde ein Mann in Generals- uniform in seinem Arbeitszimmer nachdenklich auf und ab. Ein Hund der zarischcn Meute, ein Knecht der Knechte, ein Sklave, der in den Vorzimmern der Minister auf allen Vieren herumkroch,— und hier unumschränkler Herr, Prokonsul, Vormund, Wächter und Henker, General und Gouverneur. Er residiert im königlichen Schloß wie ein König, und hat eine Macht, wie sie kein König von Polen je besesien. Er schritt durch sein großes Arbeitszimmer auf und ab und lang- weilte sich. Schon lange langweilt ihn alles. Der Luxus, der ihn umgibt, und der Schrecken, den er im Lande durch seine unbeschränkte Macht verbreitet. Es langweilen ihn die aus- gesuchten Diners, die guten Weine, die Ehren, die Ergebenheit seiner Beamten, feine glänzende Karriere und das Unter- schreiben der Todesurteile, die er täglich zu bestätigen hat. Am meisten jedoch langweilt ihn dies Arbeitszimmer selbst, in dem er ganze Tage zubringt, in dem er ißt, schläft, arbeitet, empfängt, und das für ihn seit einer gewissen Zeit die ganze Welt bedeutet. Schon seit mehreren Monaten hat sich der General nicht aus dem Schloß gerührt. Seit einigen Wochen verläßt er sein Arbeitszimmer nicht mehr. Er ist in seine Arbeit vertieft, erzählt man sich in der Beamtenwelt. Er ist krank, sagen die Offiziere, welche ihn schon lange nicht mehr auf Truppenplätzen gesehen haben. Er hat Angst, sagt die öffentliche Meinung in Warschau. tFortsetzung folgt.) Arbeitslos. Eine Geschichte von Alfons P e tz o l d. Zehn Wochen war er schon arbeitslos. . Drei Kinder und ein Weib, das den Keim neuen Lebens in sich klopfen hörte, darbten mit ihm. Der Zins war im Rückstand; den letzten Wcrtgegenstand hatte die Not durch das Fenster gierigen Trödlern in die Hände ge- warfen. Er sah vor sich ein— Bettlerleben. Trotz der starken Hände— der Arbeitsfreude. Heute schleicht er wie ein geschlagener Hund aus dem Hause. In seinem Magen klunkcrl kaltes Wasser— sein Frühstückstrunk. Eine Rinde alten, harten Brotes, die er dazu aß, hat einen bitteren Geschmack in seinem Munde hinterlassen. Seine Füße schleppen sich wie die eines Hinfälligen schwer über das von der jungen Sommersonne beglänzte Pflaster Und bitter und schwer ist ihm der Weg, den er geht. Zum Armcnrat? Noch nie haben sich seine Hände, diese Eisenbcsieger, zu einer demütigen Bitte gefaltet. Und noch niemals hat sein Mund sich für eine Bitte um Brot geöffnet. Und jetzt?? Wo ist sein Stolz geblieben? Bei seinem Weib und seinen hungernden Kindern! Er denkt: Wenn ich jetzt nicht krieche wie ein Wurm und bettle wie ein elender Krüppel, so muß ich ein Mörder werden. Und brennender als die Schamröte in seinem Gesicht fühlt er die Liebe zu den Seinen in seinem Herzen glühen. Seine Augen suchen das Tor des Hauses, in welchem der Armenrat wohnt. Führerlos stolpern seine Füße über die Kante eines Pflaster- Peines. Das hat weh getan! Ja, ja! Diese Steine im Leben. Er dringt in die Philosophie der Armut ein, die die logikreichste fp, trotzdem sie nur aus einigen Sätzen besteht Seine Augen blendet ein weißes Emailschild, auf dem in schwarzen Buchstaben zu lesen ist:..Josef Seidclhuber, Bürger, «tadtziegeldeckermeister und Armenrat." Er ist am Ziel. Ihm ist, als wenn die weiße Tafel die große Sonne wäre, die ihm mit ihren Flammen die Augen ausfreffcn will. Unschlüssig steht er vor dem Haustor. Gibt es gar keinen anderen Ausweg? Er schaut mit hungrig-fragenden Blicken die Vorübergehen- den an. Doch diese hasten teilnahmlos vorüber. Es muß sein! Er beißt die Zähne aufeinander, tritt ins Haus und steigt die wenigen Stufen empor, die zu der Wohnung des Ärmenrates führen. Vor einer hohen, braunen Flügeltür bleibt er stehen. Noch einmal packt ihn die Angst vor diesem Schritt der Ver- zweiflung. Er kann noch immer umkehren. Er fühlt sich von jemandem am Rock gefaßt und von der Tür weggezogen. Schon will er folgen. Da sieht er vor sich das Bild seiner Gegenwart: die trostlose Leere seiner von der Not ausgeraubten Stube und darin sein Weib mit den drei Kindern, die vor Hunger still geworden sind mitten im frohen Lachen. Er umkrampft mit der linken Hand die Türklinke und klopft zaghaft, mit langsamem Knöchelschlag an. Eine Weile ist es still. In diese bange Minute hinein hört er eine verirrte Brumm- flieg« an dem Gangfenster summen. In ihm ist kein klarer Gedanke; nur eine verschwommene Vor- stellung steigt in seinem dumpfen Gehirn auf und flüstert ihm hohnlachend ins Ohr. daß er gleich dieser Fliege gesangen sei, ein- gesperrt in dem Käfig der Not. Mechanisch geht er zu dem Fensters um das sonncnsüchtige Tier- chen hinauszulasien. Da hört er hinter sich eine helle Stimme: „Ham Sö ang'löut'?" Hastig dreht er sich um. In der geöffneten Tür steht ein junges Mädchen, wohl die Dienftmagd. Er nähert sich ihr, nimmt den Hut vom Kopf und spricht leise und zögernd: „Bittschön, Jräul'n, i mächt' den Herrn Armenrat sprech'n!" „Warten S' a Wengerl!" Die Tür fällt ins Schloß. Nach einer Weile öffnet sie sich wieder; die Stimme des Dienst- Mädchens singt: „Tret'n S' ein!" Diese junge, fröhlich-starkc Stimme tut ihm eigentümlich wohl und weckt ihn ein wenig aus seiner Betäubung. Die kühle Dämmerung eines Vorzimmers umfängt ihn. Wieder tönt die fingende Stimme: � „Geh'n S' nur g'rad aus! Da gnä Herr is scho im Schreib- zimmer." Die Kühle, die hier herrscht, hat ihm den letzten Rest von Be- klommenheit genommen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Mit festem Schritt geht er auf«ine verhangene Tür zu. schiebt den Vorhang beiseite, drückt auf die Klinke und— sieht sich vor einem dicken, älteren Mann stehen, der sich gerade mit feistem Be- Hagen in einen Lehnstuhl zurücksinken läßt und eine Zigarre an- zündet. Indes der vom Elend verfolgte Arbeiter mit hastigen, einander fressenden Worten seine Leidensgeschichte dem dicken Mann er- zählt, raucht dieser ruhig seine Zigarre und wirft ab und zu ab- wägende Blicke auf die Gestalt des vor ihm Stehenden. Die Hände des Armenrates sind große, aufgedunsene Fleisch- schwämme und erzählen von der Trägheit und dem Nichtstun ihrer Tage. Das Gesicht kommt vor lauter Gesicht gar nicht zum Borschein. Er befühlt mit seinen hervorstehenden Kugelaugen jede Sehne, jeden Muskel des Arbeiters und prüft sie mit Rückficht auf die Fülle ihrer Kraft und Geschmeidigkeit. Als der Arbeiter geendet, schnauft der Dicke einige Male; dann prustet er: „Ja, wissen S', mei liaber Mann, dös is ja g'wiß alles recht traurig! Do is oba schwer z'helfen, weil mir halt gar so wenig Göld in da Armenkaffa ham. Aber wissen S' wos? Sö woll'n ja arbeit'n, nöt? Seg'n S', i brauch' g'rad an Hilfsarbeiter, der wülli is und a wengerl wos leisten kann. Wenn S' woll'n. könnan S' murgen oder heut no bei mir anfang'n. I zahl' Jhna zwa Kronen und achtzig Heller per Tag. Dös is a Sechserl mehr, wia dö andern ham; aber weil S' a Familienvater san, tua i dösk Alsdann! San S' anverstanden?" Der Arbeiter kann kaum vor Freude„ja" sagen und will voll Dankbarkeit die Schwammhände des Armenrates abküssen, der ihm jetzt die Adresse des Hauses sagt, auf dessen Dach gearbeitet wird. Die weiße Glut der Sommersonne hat ihren Höhepunkt erreicht. Es ist ein stilles Sieden in der Lust, das alles mit seiner trockenen Hitze verbrüht. Pferde, Hunde, Menschen kriechen wie ermattete Insekten über die glühenden Steine des Sirc�rikpflasters. Die weißen und grauen Flächen der Häuser mit ihren Mil- lionen Glasaugen sind gewaltige Reflektoren, die die Sonnenwärme in mächtigem Gestrahle zurückgeben. Auf ihren himmelnahcn Dächern lechzen die roten Ziegelzungen nach einem Tropfen Feuchte. Auf dem Dache eines fünfstöckigen Hauses keucht der Arbeiter von vorhin unter einer Last von Dachziegeln, die er aus einer Bodenluke zu dem steil aufragenden Dachfirst schleppen mutz. Das ist jedesmal ein mühseliger und gefährlicher Gang. Die schwindelnde Tiefe und der brennend heitze, glatte Weg über das Dach hinauf! Aber die Not, die er zu Hause weitz, und die Sorge, die im Herzen sitzt, sind furchtbare Lehrmeister. Schon neun- und zehnmal hat er den Weg hinter sich und ruht sich oben beim Rauchfang eine Weile aus. Er denkt dabei immer des Geldes, das er heute am Abend nach Hause bringen wird. Er hört schon den Jubel der Kinder. Und steht aus den Augen seines Weibes den Kummer fliehen! Darüber vergißt er fast seinen Hunger, der ihn mit kalten Händen ergriffen hat! Wenn er so hindämmert, weckt ihn immer der Vorarbeiter, der die Ziegel in die offene Stelle des Daches einfügt. ..Sö! hör'n S'! Pass'n S' auf. daß Jhna dö Sunn not abi wirft! Dö hat's heut' wieder gnädi." Und wieder steigt er auf und ab. Immer stärker bedrängt der Hunger seinen Leib; drückt ihm mit der einen Hand den Magen zusammen und hämmert mit der Faust der anderen Hand auf sein Gehirn los. ..O! das tut verteufelt weh!" Wieder ruht er ein wenig aus. Er drückt den schmerzenden, glühheitzen Kopf in die Hände und läßt das Kinn auf den harten Knien ruhen. So träumt er hin, betäubt von Hunger und Sonne. Der Vorarbeiter ist auf der anderen Seite des Schornsteins beschäftigt und sieht ihn nicht. Der Arbeiter träumt, daß er zu Hause sei. Die Kinder sttzen fröhlich um ihn und stopfen die hungrigen Mäulchen mit Butterbroten. Vor ihm steht ein Glas Bier, aus dem er und seine Frau zuweilen trinken. Endlich wieder einmal ein bijserl Geld im Hause! Wie das alle fröhlich macht! Jetzt mutz er aber schlafen gehen, erstens wegen dieser dummen Kopfschmerzen und dann heißt es. morgen frühzeitig aufstehen. Seine Frau schlägt ihm nasse, kühlende Tücher um die Stirn. O, wie das wohltut! Und wie sein und weich heute das Strohbett ist! Ah!— ..Sö! Hör'n S'! Hör'n S'! Um Gottes willen! Festhalten!" Der Vorarbeiter schreit es mit schriller Stimme, die sich über- schlägt. Aber der Körper des Arbeiter rollt übers Dach, immer schneller und schneller. Der Borarbeiter schließt vor Grauen die Augen und gräbt vor Entsetzen seine Zähne in die Hand ein. Unten auf der Straße klatscht es breiig auf. Di« Passanten stieben in wilder Flucht auseinander. Ein Wachtmann schüttelt den Schauder von der Seele und untersucht den Körper des Abgestürzten. Ein Arm bleibt in seinen Händen. Er weiß genug. Er reißt von einem Komfortablcrgaul die Decke herunter, wirft sie über die Leiche und geht, die Anzeige zu erstatten. ktexeuwakn und fjcxenprozcITc� Das Zeitalter, das in unseren Geschichtsbüchern den Namen des Zeitalters der großen Entdeckungen und Erfindungen oder der Renaissance führt, das ist die Periode von der Mitte des 1ö. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, gehört zu den merkwürdigsten Epochen in der ganzen Weltgeschichte. Die Gegensätze, die sich im stillen im Schöße der mittelalterlichen Gesellschaft entwickelt hatten, platzten da mit Heftigkeit aufeinander: der neue Staat und die Geschichte der Hexenprozesse von Soldan- Hepp e.(Georg Müllers Verlag, München und Leipzig. 2 Bde.) Dieses Werk gehört zu denen, die eine Geschichte haben und ihrer auch wirklich würdig sind. Zuerst erschienen vor etwa 76 Jahren (1843), eroberte es sich sofort die führende Stellung auf dem Ge- biete der historischen Erforschung des Hexenprozesses wie des Hexenwesens überhaupt. Was bis dahin nur im Nebel der historischen Erinnerung lag, erschien jetzt, da die Quellen erschlossen und die Toten zu sprechen gezwungen wurden, in seiner wahren, grauenerregenden Gestalt. H. Heppe, der Schwiegersohn des Verfassers G. Soldan, gab 1879 eine Umarbeitung des Buches heraus, die durch das neue.seit 1843 bekannt gewordene Material bereichert war. Die uns jetzt vorliegende dritte Auflage ist wiederum eine von Max Bauer durchgeführte Neubearbeitung, wo- neue Kirche gingen au» den Trümmern der alten hervor. Gewaltig waren auch sonst die Widersprüche, in denen sich jene gärende Zeit bewegte. Während auf der einen Seite KopernikuS."Kepler, Galilei. Giordano Bruno, Bacon und andere mehr den Geist der neuen Wissenschaft verkündeten uni dem menschlichen Denken. daS vordem in Fesseln der kirchlichen Tradition lag, neue Wege der Forschung wiesen. loderten in ganz Europa die Flammen der Scheiterhaufen empor und Hunderttausende von unschuldigen Opfern wurden hingemordet, weil sie durch vermeintliche Zauber- künste den Gott der Liebe sollten beleidigt haben. Das Kapitel über Hexenwahn und Hexenprozosse ist eines der denkwürdigsten. zugleich aber der grausigsten nicht nur jener Zcitperiode, sondern auch der ganzen Weltgeschichte. Es ist so, als ob alles Finstere und Bcstialisch-rohe,� das sich im Laufe der Menschheitsgeschichte konserviert und angesammelt hatte, hier einen verzweifelten Kampf um die Existenz gegen den neuen Geist, gegen die Heranbrechente neue Ordnung der Dinge führte. Der Glaube an Zauberbi und Zaubever wurde nicht im Mittelalter geboren. Noch viel weniger bildet er das charakte- ristische Merkmal des Christentums. Man trifft ihn in mehr oder minder scharfer Ausbildung bei den meisten primitiven Völker- schaften an; besonders üppig entfaltet er sich in den großen Reld- gionen des Orients, von woher er durch das entstehende Christen- tum gierig aufgesogen wird. Im Christentum macht dieser Glaube eine tiefgehende und folgenschwere Umbildung durch. In keiner Religion sind„Erdenglück" und„Seelenfrieden" so tief von ein» ander geschieden, nirgends ist der Gegensatz zwischen dem jen» seitigen Reiche des Guten und dem irdischen Jammertal so weit und so rücksichtslos auf die Spitze getrieben, als im Christentum. Die Religion der römischen Lumpenproletarier behielt diesen Zug jahrhundertelang, freilich manchmal sehr stark durch die Heuchelei gemildert; in seinem Lichte wurde auch der Begriff des Zauber- Wesens ein anderer, als er vordem war. Der primitive Mensch betrachtet die Zauberwerke, die ihm eine Getvalt über die Kräfte der Natur vortäuschen, mit einem Gefühl von Ehrsurcht und Dankbarkeit; ihm fällt es nicht ein, den Zauberer, den er für einen Gottesdiener hält, als einen Missetäter zu betrachten. Im Christentum wurde das anders, da hier jedes Streben nach der Beherrschung der Natur als Abfall von Gott, als Ketzerei betrach- tet wurde. Galten doch selbst die größten Naturforscher des Mittel. alters. Albert der Große und Roger Bacon, für gefährliche Zauberer und. Ketzer! Diese Auffassung des Zauberwesens schlummerte in der christ- lichen Kirche bereits seit ihren Anfängen. Im 14. Jahrhundert kam der Zeitpunkt heran, sie in die Tat umzusetzen. Zu dieser Zeit häuften sich ganz besonders die Angriffe weitester Kreise gegen den katholischen Klerus, mehrten sich auch die Versuche, die Organi- sation der Kirche auf neue Grundlagen zu stellen. Und gleich- zeitig begann auch der Kampf der aufstrebenden Naturwissenschaft nnd Philosophie gegen die überkommenen Glaubenssätze und die überlieferte Naturverachtung. In die Verteidigungsstellung ge- drängt, ging die Kirche nun selbst zum Angriff über. Wie die Anti- modernistenenzyklika von heute im wesentlichen die Antwort auf die antikirchliche Gesetzgebung von Frankreich, Portugal u. a. ist, so gab das Papsttum des'S. Jahrhunderts in der sogenannten Hexenbulle vom Jahre 14 8 4 ihre Antlvort auf die Oppositionsbestrebungen damaliger Zeit. Dieses Dokument, unter dem die Unterschrift Innozenz VIII. prangt, eröffnete daS eigentz. liche Zeitalter der Hexenverfolgung, die vordem nur vereinzelt hier und da aufgetreten war.„Gewißlich," so heißt es in dieser denkwürdigen Bulle,„es ist neulich nicht ohne große Bcschwehrung zu unserer Ohren gekoinmen, wie das in einigen Theilen de? Oberteutschlandes, wie auch in den Mäinzischen, Cällnischen, Trier- scheu, Saltzbergischen nnd Bremenscken Ertzbistümcrn, Städten, Ländern, Orten und Bistumern sehr viele Personen bchderley Geschlechts ihrer eigenen Seligkeit vergessend und von dem catho- lischen Glauben abfallend, mit denen Teufeln, die sich als Männer oder Weiber mit ihnen vermischen. Mißbrauch machen und mit ihnen Bezauberungen, und Liedern und Beschwerungen, und ande» ren abscheulichen Aberglauben und zauberischen Uebertretungen, Lastern und Verbrechen, die Geburthen der Weiber die Jungen der Thiere, die Früchte der Erden, die Weintrauben und die Baumsrüchte, wie auch die Menschen, die Frauen, die Thiere, das Vieh, und andere unterschiedene Arten Thiere, auch die Weinberge» Obstgärten, Wiesen, Weiden, Korn- und andere Erdfrüchte, der- derben, ersticken und umkommen machen und verursachen, unv selbst die Menschen, die Weiber, allerhand groß und klein Vieh und Thiere mit grausamen sowohl innerlichen als äußerkichen bei auch die letzten Forschungen über die Hexcnfrage gebührende Beachtung gefunden haben. Wenn wir auch heutzutage strengere Anforderungen auf die geschichtliche Reproduktion der Vergangenheit stellen,, wenn uns sogar die reichsten und zuverlässigsten Quellenstudien nicht mehr genügen und wir vor aitm nach Aufdeckung der Kulturzusammen» hänge verlangen, so steht auch in dieser Beziehung das Werk von Soldan-Heppe turmhoch über vielem anderen modernen. Dvs Kulturbild, das er cntwirst. zerslattert nicht in geistreichen Pointen; etwas schwerfällig in der Ausführung, beruht es auf der ehrlichen Durchdringung der politischen und rechtlichen Verhält- nissc, die den Greuel der Hcxcnprozesse geboren und genährt haben. Eckmertzen und Plagen belegen und peinigen, und eben dieselbe Menschen, datz sie nicht zeugen, und die Frauen, daß sie nicht empfangen, und die Männer, daß sie den Weibern, und die Weiber, dasi sie den Männern die ehelichen Werke nicht leisten könne», verhindern. Ueberdieses den Glauben selbst, welchen sie bei Empfangung der heiligen Taufe angenommen haben, mit cid- brüchigem Munde verleugnen. Und andere überaus viele Leicht- fertigkeiten, Freuden und Laster, durch Anstiftung des Feindes des menschlichen Geschlechtes zu begeben und zu vollbringen, sich nicht fürchten, zu der Gefahr ihrer Seelen, der Beleidigung göttlicher Majestät und sehr vielen schädlichem Exempel und Aergeruitz." Was hier in der pfäffisch-barbarischen Sprache als Hexen- verbrechen aufgezählt wird, wurde drei Jahre später in ein juristi» sches System gebracht, durch„historische" Beispiele erläutert und erhärtet, und darauf ließ sich dann ein Gebäude von beispielloser .Scheußlichkeit errichten. Dieses Werk,„das verruchteste und zu- gleich das läppischste, das verrückteste und dennoch unheilvollste Buch der Weltliteratur", wie es ein Kulturhistoriker nennt, ist aus der Feder von zwei Dominikanermönchen, Jakob Sprenger und Hein- rich Justistor geflossen, denen Innozenz VIII. als seinen„ge- liebten Söhnen" die Bekämpfung der Hexerei in Deutschland über- trug. Das von ihnen verfaßte Buch ist der sogenannte„Sexen- Hammer"(Malleus nialeficarum), die Bibel aller Hexender- folger bis in das 18. Jahrhundert hinein. Einige Stilprobe» werden genügen, uns einen Begriff von dem Charakter dieses Buches zu geben, das nur ein Görres ein „in den Intentionen reines und untadelhaftes Werk" nennen konnte. An die Spitze der ganzen Ausführung stellen die beiden Gottesmänner den Satz: wer die Hexerei leugnet, ist selbst ein Ketzer. Damit wird die Behauptung:„es gibt Hexen, die mit teuflischer Hilfe den Menschen schaden", zu dem Range eines kirchlichen Dogmas erhoben. Gleich darauf wird die Autorität der Kirche und der Heiligen Schrift zur Beantwortung der Frage in Anspruch genommen, ob der geschlechtliche Bund zwischen Hexen und Teufel zur Erzeugung von Menschen führen kann. Die Frage wird bejaht, wie überhaupt die Phantasie beider Mönche mit Bor- liebe bei den geschlechtlichen Dingen verweilt, dabei das Scheuß- lichste und Schändlichste erdichtend. So wird eingehend untersucht, in tvelcher Weise die Schwarzkünstler den ehelichen Akt stören köi en; ob und wie sie das männliche Glied vom Körper trennen können, und lvas dergleichen krankhaften Blödsinns mehr ist. Die Lehre vöm Bunde der Hexen mit dem Teufel, die der Angelpunkt des„Hexenhammers" ist, findet ihre Krönung in der detaillierten Beschreibung, wie die Hexen vom Teufel verführt werden, ihm den Treueid leisten, durch die Luft fliegen, mit den Dämonen sich vermischen. Ticrgestalt annehmen, Hagel machen. Krankheiten be- wirken usw. Alles, was je von der geängstigten Volksphantasie in diesen Punkten geschaffen, von der Sage und Religion ver- wertet worden ist, wird hier fleißig zusammengesucht und � als reine Wahrheit vorgetragen. Der Richter hat dann den betreffen- dxn Einzelfall der Zauberei auf diesen Tatbestand zu prüfen. Strotzt der„theoretische" Teil des„Hexenhammers" von Blödsinn und Schmutz, so rst die praktische Anleitung zum geeicht- kichen Verfahren gegen die Hexen in buchstäblichem Sinne des Wortes mit Blut geschrieben. Das gerichtliche Verfahren, das hier empfohlen wird und das tatsächlich später den Einzug in die gv- samte Gerichtspraxis gefunden hat. ist das sogenannte In- qu i si t i onsverfahren. bei dem der Angeklagte, aller Ver- teidiguugsmittel beraubt, nicht nur der Gnade oder Ungnade der Richter, sondern auch der Rache seiner ärgsten Feinde schutzlos Preisgegeben war. Sein Wesen bestand darin, daß die alte Regel des germanischen Rechtes:„wo kein Kläger, da ist auch kein Richter", durch den Grundsatz, daß zur Einleitung des Prozesses und Verhaftung des Angeklagten schon das böse Gerücht oder die Denunziation genüge, abgelcht worden war. Keinem Verhafteten durfte aber ein Belastungszeuge genannt werden. Zugelasien als Zeugen wurden alle möglichen Personen, die nach dem alten Rechte tsonst ausgeschlossen waren: Mitschuldige, Meineidige, die aller- -nächsten Familienverlvandten, aber auch die Feinde des Angeklagten. Die Hilfe eines Rechtsbeistandrs und das Recht der Berufung an eine höhere Instanz waren im Jnquisitionsprozeß ausgeschlosien. Dem Inquisitor war verboten, Milde und Schonung zu zeigen. Kein Widerruf, keine Versicherung der Uebereinstimmung mit dem Glauben der 51irche konnte den Angeschuldigten retten: aus den Klauen der Inquisition gab es meistens nur einen Ausweg— den Tod durch den Arm des Henker». Und endlich, um das Maß voll zu mache», wurde die unschuldige Familie des Verurteilten ihres .Eigentums durch die gesetzlich ausgesprochene Konfiskation beraubt. Wie unter der Herrschaft dieses Verfahrens die Untersuchung wegen Zauberei aussah, kann man sich bei der UnWirklichkeit des Verbrechens schon lebhaft vorstellen. Brach z. B. ein Hagelwetter los und es wurde zu gleicher Zeit eine alte Frau im Felde be- tnerh, so war man überzeugt, dieses Wetter rühre von ihrer Zauberei her.. Doch der Hexenprozeß wäre niemals das geworden, als was er in der Geschichte der Menschheit dasteht, hätte die Jw- quisition nicht das Mittel gehabt, die Angeklagten zum„frei- willigen" Geständnis zu bringen. Dieses Mittel war die Folter. «der Hauptbestandteil aller Beweisführung, das eigentliche Symbol des Hexcnprozesses. Ihre ausgesuchte, entsetzliche Grausamkeit er- preßte den unglücklichen Angeklagten die ungeheuerlichsten Selbst- Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Beschuldigungen und Beschuldigungen Mitangeklagter, die dankt als freiwillig erfolgt in das Protokoll eingetragen wurden. Mit der ausführlichen Beschreibung der übrigen Folterungsarten wollen wir die Leser verschonen. Es genügt zu erwähnen, daß sie gewöhnlich in drei stufenweise anzuwendenden Arten oder Grade ein- geteilt wurden. Der erste Grad umschloß den Marterstuhl, das Festbinden der Hände auf dem Rücken, die Daumenstöcke und die Peitsche. Der zweite Grad fügte ein die Haut zerschneidendes Einschnüren, sowie das Anlegen und Zuschrauben der Beinstöcke hinzu. Der dritte Grad verordnete das Ausrecken der Glieder auf der Leiter mit dem gespickten Hasen oder, nach der Schwere des Verbrechens,„andere geeignete Mittel", die die Foltergrade ver- schärften. Hatten die Richter auf solche unmenschliche Wtzise das Geständnis des Gefolterten erpreßt und es gab kaum einen unter Tausend, der der fortgesetzten Anwendung der Tortur stand- halten konnte—, so war der Prozeß zu Ende. Scheiterhaufen oder besten Falles die„Begnadigung zum Schwerte" beschlossen dann den Justizmord und erlösten den Unglücklichen aus seiner Qual. Die Hexenprozesse wüteten etwa drei Jahrhunderte lang und haben Hunderttausende von Opfern gefordert. Ihr Hauptplatz war Deutschland, das innerlich zcrissenste, von Kriegen und Plagen aller Art am meisten heimgesuchte Land. Das Auftreten der Re- formation hat den Hexenprozessen keinen Einhalt geboten. Eher das Gegenteil: der verbohrte Teufelsglaube Luthers hat dem Hexcnwahne nur frische Nahrung geliefert. Erst das 18. Jahr- hundert mit seinem Geiste der Aufklärung hat das Ende des blutigen Spukes gesehen. Aber seine Ausläufer reichen sogar in unsere Zeit hinein. Noch im Jähre 1877 wurden in Mexiko fünf Hexen gerichtlich verbrannt. Der Hexenglaube aber wohnt nicht nur jenseits des großen Ozeans. Man braucht nur auf das flache Land, in den Herrschaftsbereich des Klerus hinauszugehen, um noch den Geist des„Hexenhammers" zu spüren und mit dem Ge- fühl innerer Beschämung zu gewärtigen, wie oberflächlich trotz aller Anstrengungen die Wirkung der Aufklärung auf die in Banden ökonomischer Rückständigkeit lebende Volksmasse bis heute noch geblieben ist._ Kleines feuilleton. Aus dem Tierreiche. Heimisches Vogelleben im Januar. So erfreulich ein so milder Winteranfang, wie der diesjährige für den Vogel- schützer sein mag., so wenig interessant erscheint er doch dem wissen- schaftlich arbeitenden Ornithologen; denn so reichlich er in strengeren Wintern Gelegenheit findet, an seltenen nordischen Vögeln er- sehnte Beobachtungen zu machen, so wenig des Interessanten bietet ihm ein gelinder Winter, der nur die allergewöhnlichsten nordischen Gäste bis zu unseren Breiten herabzuführen vermag und selbst diese nur in verschwindend geringer Anzahl. Freilich, wenn in Petersburg Tauwetter herrscht, dürfen wir auf die prächtigen Hakengimpel nicht rechnen, und solange die nordischen nahrungs- reichen Seen, Küsten und Teiche noch eisfrei sind, haben all vie zahlreichen nordischen Schwimmvögel keine Veranlassung, ihre stille, friedliche Heimat mit dem lärmenden und schießlustigen Mittel- europa zu vertauschen. Aber die munteren, ewig zänkischen Berg- sinken werden wir doch hin und wieder auf den Brachfeldern beobachten können, wie sie wogenden, zuckenden Fluges von einem Distelgestrüpp zum anderen eilen. Vielleicht ist uns sogar das Glück beschieden, der farbenduftigen Seidenschwänze ansichtig zu werden, wie sie mit ruhiger Gefräßigkeit in kürzester Frist einen Ebereschenbaum seiner leuchtend roten Beeren entkleiden. Die ein- fach, aber gefällig gezeichneten Schneeammern streichen auf den Fluren umher und kommen bei strenger Kälte bis in unsere Höfe. um vor den Scheunen in Gesellschaft von Buchsinken. Feldsperlingen und Grünlingen nach ausgeschüttetem Unkrantgesäme oder nach ver- streuten Gctreidekörnern zu suchen. Haubenlerchen und Gold- ammern leisten ihnen dabei gerne Gesellschaft. Dem freien Felde dagegen drücken jetzt die Krähen das charak- teristische Gepräge auf, und ihr rauhes, mißtöniges Krächzen, sowie ihre traurigen Priestergewänder beleben fast allein und ausschließ- lich die öde, trübe, neveldampfende oder schneebedeckte Landschaft. Am Waldrande treiben sich lockend und"zwitschernd die lustigen Leinzeisige umher, um sich von Zeit zu Zeit ermüdet in kleinen Trupps auf den höchsten, biegsam dünnen Zweigen der lichtwipfe- ligcn Birken und Erlen niederzulassen, sich da vergnüglich im Winde auf und nieder zu schaukeln und dazu in ungezwungenem Verein ein schlicht gesellig Liedchen anzustimmen. Der Nadelwald aber widerhallt vom Gelock gelber und roter Kreuzschnäbel, und gar prächtig stechen die satten Farbentöne dieser„nordischen Papageien" ab von dem dunklen Grün der Nadelbäume, vom keuschen. Weiß der glitzernden Schneekristalle. Noch schöner fast nehmen sich in solcher Umgebung die großen nordischen Gimpel aus, deren weh- mütige Flötentöne so recht hineinpassen in die erstorbene, traurige. wintertole Landschaft. Ja, farbenduftig, harmlos, zutraulich ist alles, was der Norden im Winter zu uns herabsendet, und es wäre nur zu wünschen, daß diesen lieblichen Kindern stillfricdlicher Gegenden bei uns ein besserer Empfang zuteil würde, als dies vielfach geschieht. Hier haben die Vogelschutzvereine ein noch gar weites Arbeitsfeld vor sich._ K. F. vorwärtsBuchdruckerelu.VerIag»anstaItPaulSingertCo..BerllnLW.