Hlnterhalttmgsblatt des vorwärts Nr. 7. Freitag� den 10. Januar. 1918 7] Gcfcbichte einer Bombe, Von AndreasStrug. Gr kannte den russischen Soldaten. Gr kannte seine dumpfe tote Seele. Gr wußte, daß dieser Mann auf das Gebrüll des Kommandos hin gegen Vater und Mutter ins Feuer geht wie eine Maschine. Er zog also die Schraube der Disziplin fester an, und bis vor kurzem hörte man in dem ihm unterstellten Kreise nichts von soldatischen Verschwörun- gen und Unruhen. Hier umgab den Soldaten von allen Seiten ein feindliches, fremdes Volk, Gegen diesen Grbfeind, den Polen, hetzte man ihn in der Kirche, in den Kasernen, in den Untcroffiziersschulen mit patriotischen Flugschriften. Aber es half nichts. Der Soldat verbrüderte sich mit den polnischen Verschwörern und Meuchelmördern... Woran sollte man unter solchen Umständen noch glauben? Der General begann zu trinken. Gr traiik einsam die Abende hindurch. Das erhielt ihn noch aufrecht— und er konnte wenigstens die Nacht fest durchschlafen. Sonst raubte ihm der Gedanke, daß Rußland untergeht, die Ruhe und machte ihn wahnsinnig. Gr bliöte den Soldaten, die Wache vor dem Schloß standen, mit Schrecken in die Augen. Und wenn er ihre ver- störten, erschreckten Blicke sah. die dienstlich starr auf ihn ge- richtet waren, glaubte er ihnen nicht. ..Gr durchsticht mich mit diesem verdammten Bajonett!" dachte er. Da es gegen eine solche Gefahr kein Mittel gab. verließ er sein Arbeitszimmer und die anstoßenden beiden Gemächer nicht mehr. Dafür begann er mit großem Giser Berichte zu verfassen, und die zentralen Gewalten bekamen auf Grund dieser Dokumente die entsprechende Vorstellung von seinem Amtseifer. Einst erschrak er, als er die offizielle Benach- richtigung aus Petersburg erhielt, daß ein Großfürst und seine Gemahlin nach dem Auslande zu reisen beabsichtigen und Warschau passieren würden. Dies allein hätte ihn zwingen können, seine Festung zu verlassen. Aber der geniale Direktor seiner Kanzlei legte ihm sofort das Konzept eines Telegramms vor, folgenden Inhalts: Seine Person sei unausgesetzt von den Revolutio- nären verfolgt, daß angesichts dessen selbst ein so kurzer Augenblick wie die Begrüßung Ihrer Kaiserlichen Hoheiten auf dem Bahnhof geeignet wäre, Ihre Hoheiten durch ein verräterisches Attentat, das dem Warschauer Generalgouver- ueur drohte, zu gefährden: daß die anarchistischen Glemente selbst davor nicht zurückschrecken würden, die geheiligten Per- soncn Ihrer Hoheiten zu opfern: daß er es also unter solchen Umständen für seine heilige Pflicht hielte usw. Unter diesen Umständen reiste der Großfürst über Wir- ballen, oder er reiste gar nicht,— und der General hatte Ruhe. Zuweilen hatte er Anfälle von Widerstand, höllischer Langeweile und Scham. Er fuhr aus, er fuhr dennoch aus! Die gepanzerte Equipage aus dem'Kaiserlichen Marstall fuhr vor, eine Kavallerieabteilung, die mit ihren Ltörpern und ihren Pferden ihn vor den Kugeln decken sollte, stand bereit. Er zog den protegd corps invulnerable ein, fabriziert von den französischen Sck»vätzern zum Schutz der russischen Bureaukratie. Er fuhr aus. Aber seit einem halben Jahr kam er nicht weiter als bis zum Tor. Im letzten Moment zog sich das Herz in sich zusammen, es packte ihn ein Krampf. Es war die Angst., Und die Zeit verfloß. Immer noch erhob die Hoffnung ihr Haupt. Immer noch stellten sich für einen, der gehenkt wurde, zehn neue in die Reihe. Die Menschenmassen wogten, und immer heftiger erbebte der Unterbau des Reiches. In dem geheimen Album des Generals hatten sich die Photo- graphien der verurteilten Revolutionäre, deren Todesui'kcile er bestätigt und die er in ein besseres Jenseits befördert hatte, zu Dutzenden angesammelt. Zuweilen in gewissen bösen Augenblicken, saß er da und betrachtete diese jungen Gesichter. Es tvaren Augen darunter, die ihn herausfordernd wie einen Feind ansahen, solche, die gedankenlos, gleichgültig blickten, in manchen lag die Erstarrung des Schreckens, und in vielen sah man deutlich ein Schauen in die unergründliche Tiefe des Todes. Der General empfand kein Mitleid, noch sonst irgendeine menschliche Regung: denn wenn er die Todes- urteile unterschrieb, erfüllte er nur seine Pflicht, und im übrigen waren die Revolutionäre lben das für ihn, was er für sie war. In dieser Galerie der Verurteilten befand sich ein junge? Gesicht, das er bei der Durchsicht stets vermied. Allzu er- regend, allzu scharf sahen diese Augen geradeaus in die seinen. Man konnte sich an diese Augen, die von jenseits der Welt herübersahen, unmöglich gewöhnen. Auf den ersten Blick hatte ihm dieser Knabe gefallen, und so sehr, daß er fast geneigt war, ihn zu begnadigen. Aber er war allzu vieler Verbrechen überführt, und der General liebte es. gerecht zu sein. Der Knabe starb und begann nach seinem Tode sich zu rächen. Als der General nach einiger Zeit seine Photographie betrachtete, blickten ihn die Augen gespenstisch an. Sie tvaren klar, durchdringend, unerbittlich— alles wissend und alles aussprechend. Zum erstenmal im Leben durchzuckte den General etwas wie ein entsetzlicher Zweifel.' War das, was er tat, auch gut?.War es notwendig?—.Aus den Aiigen des Gehenkten traf ihn WtchrHeit, jene urewige Unfehlbarkeit, welche dort herrscht, wohin der verurteilte Knabe gegangen war. Mit Mühe gewann darauf der General das Gleich- gewicht zurück,— und eine Zeitlang wurde niemand gehenkt. Aber eines Tages kam er wieder zu sich und zur ErfnlUmg seiner Pflichten. Mit der Kraft der Logik, mit angespannte- ster Willensarbeit, mit erzwungenem Hohn und mit Trunken- heit überwand er die geheimnisvolle Macht seines Feindes aus dem Jenseits. Und als alles wieder im alten Geleise war, nahm er das Album heraus und fragte den Schatten mit einem höhnischen Lächeln: Und was sagst du jetzt? „Du stirbst!" antworteten unmittelbar die Augen. Es war in diesem Blick wieder jene durchdringende un- erbittliche Wahrheit. Und das spöttische Lächeln auf dem er- bleichten Gesicht des Generals erstarb— er sah seinen eigenen Tod, sein eigenes Grab unmittelba.' vor Augen. Er sah sein feierliches Leichenbegängnis, wie es sich huxch die Straßen von Warschau hinzog. Die gaffende Menge, daS Militär- spalier. Seitdem öffnete er das Album nicht mehr und hörte auf, die Bilder der Verurteilten zu sammeln. � Und eben an diesem Abend sollte nach langen Monaten endlich das epockrale Ereignis vor sich geben: er sollte in der Tat ausfahren. Die Vorbereitungen wurden im tiefsten Ge- heimnis getroffen. Die ganze Geheimpolizei war zusammen- gezogen. Die Straßen besetzt. Eine ganze Husareneskadron sollte im letzten Moment herbeigerufen werden. Der General bereitete sich wie ein Held zn diesem Auftreten vor. Er sollte auf einem von der polnischen Aristokratie veranstalteten Wohltätigkeitsbasar erscheinen. Er mußte sich zeigen. Dies war für ihn»vichtig, zugleich wollte er selbst schrecklich, gern wieder belebte Straßen sehen, Menfckten, Leben. Es war in ihm jene unwiderstehliche Sehnsucht eines Gefangenen, der ein halbes Leben dafür hingeben würde, um nur einen Augenblick in der Freihcit/unter Menschen zu sein. Alles war bereit. Der Oberpolizeimeistcr und der Ghef des Geheimdienstes verbürgten, sich für die Sicherheit und hoben hervor, daß niemand außer ihnen beiden das Ziel dieser Vor- bereitungen kenne. Gegen neun Uhr kam die alarmierte Husaren-Abteilung herbeigesprengt. Der Wagen, von zwei Adjutanten mit über- trieben kühnen Mienen begleitet, stand bereit. Der General kam schon im Pelz' die Treppen herab, heimlich unter dem Mantel sich bekreuzigend. Das- Herz schlug ihm heftig, immer heftiger. Er wankte und stürzte hin. Der herbeigerufene Arzt konstatierte Symptome einer nervösen Hcrzerkrankung. Es wurde ein Konsilium abgehalten und ihm strikteste Ruhe empfohlen. Und der General begann zu überlegen, wie er sein Gesuch um einen zweimonatigen Urlaub abfassen sollte. * fr fr Das Orchester spielte lärmend das letzte Stück. Es klang, als seien die Musikanten frob, endlich nach Hause gehen zu können. Es war ein sehr geräuschvoller Marsch. Vor einer Weile noch glomm in Kamas Sinn ein FiinWjen Hoffnung, vop einer Weile noch hätte sie trotz allen Augenscheins nicht zugegeben, daß die graue Wirklichkeit des Lebens alles zer- treten und alles verhöhnen könnte, was so unerhört war. Seit zwei Stunden lebte sie in einer Art Ekstase mitten unter Wundern, über aller Wirklichkeit. Sie bewegte sich in der Menge, fühlte sich wohl, lächelte, sah und hörte alles rings um sich. Seit zwei Stunden erlebte sie die berauschende Wollust, die menschlichen Dinge von jenseits der Welt zu be- trpchten. Das Gewöhnlichste erschien seltsam; fremdartig, allen andern unbekannt und nur ihr zugänglich war die Be- dcutung gewisser Worte, Klänge, Farben. Formen. In einem Augenblick verwandelte sich plötzlich das innere Wesen jeder Sache'. Wie verzaubert war sie unter die sestliche. sich amü- sierende Menge getreten, und ihr Geheimnis im Innern. nahm sie an der allgemeinen Unterhaltung teil. Sie war froh, heiter, beschwingt. Die Zeit verslog ihr rasch in dem Lärni und in der Aus- gelassenheit des karnevalistischen Basars. Sie ging an den Berkaussständen herum, kaufte mit überlegter Auswahl Dinge, die ihr lieb waren und gab reichliche Spenden. Ter Diener, der hinter ihr herschritt, hatte die Arme voll Sachen. „Bitte, gnädige Frau, lassen Sie es inich in den Wagen hinuntertragen. Ich habe kaum noch Platz." „Ja. warum, denn?— Was ist denn?" „Schweig! Sieh inich nicht so an... Es kann jeden Augenblick.. Er ließ einige Pakete fallen, und während er sich danach bückte, flüsterte er: � „Wenn er eintritt, stehst Du am Eingang bei iem. Verkaufsstand für Bücher. Du rührst Dich nicht. Siehst Dir die Bücher an. Wenn es Zeit ist, sage ichs Dir. Nimm Dich im letzten Augenblick zufanimen. Vor dem Hause wimmelt es von Spitzeln. Er kommt bestimmt. Tu wirfst aus aller Kraft ihm vor die Füße, auf fünf Schritt Entfernung..." Zwei elegante Herren drängten sich an ihr vorbei und iahen ihr frech und lustig in die Augen. Der Ticner ver- stuminte und entfernte sich. � Sie hatte es versäumt, ihn etwas zu fragen. Es war etwas sehr Dringendes.. Als er fortging, formten sich Plötz- lich alle ihre Gedanken zu Fragen. Sie schössen vorbei, sie blätterte in ihnen, indem sie nach etwas sehr Wichtigem suchte. Es war eilig. Jede Minute war berechnet. Und sie mußte dieses Allerdringlichste gleich finden... sie mußte Antwort darauf haben. „Gott gebe, daß ichs erreiche!— Gott gebe..." ..Was wird in einer Stunde mit mir fein? Niemand weiß es. Niemand, der lebt." „Wozu lebt man? Was bedeutet diese Menge? Wozu ist dieser Basar?" „Was habe ich zu tun? Warum weiß ich plötzlich nicht, was ich zu tun habe und wo ich bin?" „Was wird morgen für ein Tag sein? Ein seltsamer Tag. Schon ohne mich.. „Warum habe ich mich von meiner Mutter nicht verab- schiedet? Warum denke ich dran? Wird sie meinen Brief verstehen?" „Warum kann ich jetzt nicht denkeir? Warum möchte ich schreien, rufen— ich weiß selbst nicht, was!" „Warum spielen sie jetzt etwas, das ich von zu Hause kenne, wie ich noch klein war?— Es ist von Mozart." .nit seinstem Stroh leicht ausgepolstert ist, hat er für den Winter wahre Kornkammern in seinem Bau angelegt. In diesen schmarotzt er nun. solange es sein Bauch auShält, und rollt sich endlich zum Schlaf zusammen, wobei er den Kopf zwischen die Hinterbeine steckt. Dann ist da? Tier zuletzt wie tot!„Die Glieder fühlen sich eiskalt an und lassen sich schwer beugen, schnellen auch, wenn man sie ge- waltsam gebogen hat, wie bei toten Tieren, sofort wieder in ihre frühere Lage zurück," erzählt ein Beobachter. Im Dezember öffnen die Hamster zuweilen die Löcher, treiben sich elwas in den Feldern im Schnee herum, wobei Raben, Bussarde und Wiesel meist im Stu hinter ihnen her sind. Auch der Iltis, den der Landmann unver- ständigerweise erschlägt, wo er thn trifft, ist ein Todfeind des Hamsters und folgt ihin ebenfalls wie das große Wiesel in seinen Bau. Nickit nur daraus ersieht man eine gewisse Jntelligenzstufe des Winterschläsers, dast er klugerweise vielfach sich große Vorräte an- legt, sondern auch besonder» daraus, dast er sogar sich die richtigen AbsührungSmittcl für seinen nach dem Winterschlaf gründlich ver-- stopften Darm zu verschaffen weist. So sucht sich der Bär. der sich meist in irgend einem offenen, nur durch Gebüsch geschützien Loch einfach vollständig einschneien lästt, zu allererst im Frühling die scharssaure Moosbeere oder er friht auch Moos selbst, was beides die gewünschte Wirkung prompt erzielt. Einer, der seinen Namen mit Fug und Recht trägt, ist der Siebenschläfer, der volle sieben Monate im Jahre schläft. Dieses mit seinem buschigen Schweif unserm Eichhörnchen ähnelnde Tier' kommt au» Südeuropa bis nach Mitteldeutschland herauf, wo es in trockenen Eichen- und Buchenwaldungen haust. Von unglaublicher Gesräßigkeit, plündert uüd würgt es alles, was seinem Magen be- kömmlich erscheinen lömuc, Obstbäume, Nester. Beerenbüsche, und fäilt selbst übet kleinere Tiere her, wie«» sa mich unser Eichhorn macht, das ein schlimmerer Räuber ist. als man gewöhnlich annimmt. Einmal in seinen? Winternest eingeschlafen, kann man den Sieben- schläfer ruhig wegtragen— erst im warmen Zimmer erwacht er allmählich— ist aber sehr schlechter Laune. Einen etwa? possierlichen Eindruck macht eine ans dem Wintcr- fchlaf erwachende Haselmaus. F. Schlegel, der seiner Haselmaus für den Winterschlaf einen eigens gebauten kleinen Stuhl gab. schreibt in interessanter Weise davon:„Da sitzt sie, eine Pclzkugel. den Kopf auf die Hinterkiibe gestützt. den Schwanz seitwärts über das Gesicht gekrümmt. Zwischen den festgeschlosienen Augen und dem Mundwinkel wölbt sich die eingeklemmte Wange hervor. Nimmt man das Tier in die hohle Hand, beginnt es zu atmen, reckt sich. streckt sich; die Zehen der eingezogenen Borderfütze kommen tief aus dem Pelz unterm Kinn hervor. Noch ist das Gesichlchcn in verdrieb- lichr spalten gelegt. Sie läßt Töne hören wie Pfeifen und Piepen, blinzelt niit dem einen Auge ins Taglicht, aber wie geblendet kneift cS der Langschläfer wieder zu." Ich selbst fand mal im Winter so eine kleine Pelzkugel, als ein Bauer ein Loch in die steinharte Erde schlug, um ein krepierte? Schwein zu verscharren, Sie flog auf der Schippc ein Stück durch die Luft und schlug auf die Erde, aber er- wachte erst hernach im warmen Zimmer. Auch unsere Schlangen, Frösche, Schnecken und all daö kleine Jnseitenvolk, das unsere Sonnncrwiesen belebt, venmimmeln sich in der kalten Winterszeit in einen tiefen Schlaf. Schlangen, ins- besondere unsere Kreuzotter, lieben es. zu vielen zusammen in einem tiefen Erdloch zu überwintern. So fand man, wie Treisie an Lertz schreibt, bei Abtragung bedeutender Sandsteinwände in einem Stein- Irnich ein solches Kreuzotternlager 1 bis 2 Meter unter der Erdober- fläche, Anfangs glaubten die Arbeiter einen Hausen Stricke zu sehen, nachdem sie aber den ersten mit der Hacke hervorgezogen und als Kreuzotter erkannt hatten, holten sie auch die übrigen in vec- schiedenen Klüften hervor und schlugen sie tot. v, Homcyer fand 15 bis 25 Stück zusammen unter einem Wachholderstranch, im' Wurzelstock. Die Jltisie wissen von den Winterschlafstätren der Ottern, holen sich von den ziemlich Wehrlosen Vorrat, und man trifit öfter Kreuzottern mit durchgebisienem Rückgrat im Winterlager des Iltis, Wie die Schnecken der Tropen sich während der heistestcn Jahreszeit eindcckeln, so unsere während der kältesten. Unsere Weinberg- schnecke z. B. gräbt sich im Herbst unter mosigem Boden F»sZ in lockere Erde hinein, verschliefet das Gehäuse mit einem soliden Kalkdeckcl und zieht sich weit in die Schale zurück, wobei der Zwischenramn noch durch mehrere dünnen Häute quer abgeteilt wird. Das Tier atmet sehr laugsam wie ein Hühnchen im Ei durch die poröse Kalkwand deS Gehäuses, aber die Atmung ist so verringert, das; ein Naturforscher sogar behauptete, sie finde nicht statt im 'Winterschlaf, und der Herzschlag höre gänzlich auf. A. R. kleines feuilleton. Kulturgeschichtliches. Die Entdeckung der Photographie. Die erste Form eines pbotographischen Verfahrens stammt, wie G. Leimbach in seinem Werkchen„Das Licht im Dienste der Menschheit"(Verlag von Quelle u, Meber in Leipzig) schreibt, aus dem Jahre 1727, und Swar von dem Halleschen Arzt Jobann Heinrich Schulze. Nachdem dieser durch einen Zufall die Lichtcnipfindlichkeit eines Silberprä- lpäratrS erkäunt hatte, benutzte er Sck,abloncn. um seinen Freunden die Schwärzung des Präparates durch das Licht vorzuführen. Der Wersuch Schutzes läßt sich mit einem Blatt Eelloidinvapicr leicht ausführen. In der einen Abbildung sieht man das lichtcmpfind- lliche Papier mit einer Schablone bedeckt, die das weifee Papier nur innerhalb d-S Schriftzugcö freigibt. Belichtet man das mit einer tsolchen Schablone abgedeckte Papier, so hebt sich der Schriftzug jetzt sschwarz auf bellcin Grunde ab, sobald man die Schablone entfernt. Diese einfache Anwendung eines lichtempfindlichen Stoffes zu einem graphischen Verfahren hat I. H. Schulze zum Vater der gZbotograpbie gemacht. ' Obgleich manche Forscher sich dem Studium der chemischen Wirkungen des Lichtes widmeten, wurde lange Zeit auf dem Ge- tbicte des Lichtsckriftvcrfahrens kein wesentlicher Fortschritt erzielt. Die vielfachen Bemühungen, das in der esmera obsenra durch eine Linse entworfene Bild festzuhalten, scheiterten. Dagucrrc. einem französischen Maler, gelang dies zum ersten Male, wenn auch moch sehr unpollkommen, mit Hilfe von phosphoreszierenden Eub- stanzen. Das Zusammcnarbciicn Daguerres mit Nicöphore und Fsidore Niepce führte zu einem weiteren Fortschritt, der Bild- Erzeugung auf jodierten Silberplattcn, also auf Jodsilbcr. Doch, Brst der'Zufall sollte diese Methode wertvoll machen, Daguerre hatte eines Tages eine Anzahl Jodsilbcrplaiien zu kurz belichtet, und da sie rein Bild zeigten, in einen mit Cbcmi- Zalien gefüllten Schrank gestellt. Als er sie nach einigen Wochen Iberausnahm, fand er zu seinem gröfetcn Erstaunen ein Bild darauf. (Sta l urlich vermutete er sofort, dafe irgcndrine der Ehemikalicn, die der Schrank barg, das Bild srzeugt habe. Er nahm darauf eine Substanz nach der anderen aus dem Schranke heraus, erhielt aber immer wieder Bilder, wenn er zu kurz belichtete Platten in den Schrank stellte. Schlicfelich entdeckte er in einer Ecke des Schrankes eine Schale mit Quecksilber als die Ursache. Da das Quecksilber schon bei gewöhnlicher Temperatur verdampft, so vermutete er, dafe� diese Dämpfe das vorher unsichtbare Bild hervorriefen. Ein Versuch ergab die Richtigkeit dieser Vermutung, und Daguerre hatte damit eine Entdeckung von weittragendster Bedeutung gemacht. Der grofec Schritt vorwärts bestand in der Abkürzung der Be- lichtnngszeit, es war nur noch der 60.— 8l>.' Teil der frühereu er- forderlich. Arago nahm sich der Daguerrcschen Entdeckung! die dlescr vergeblich im großen einzuführen sich bemühte, an, brachte den Ankauf durch die Regierung zustande und gab sie der franzö- fischen Akaoemie mit warmen Worten bekannt, die darin gipfelten: „Frankreich bat diese Erfindung adoptiert und ist stolz darauf, sie der ganzen Welt als Geschenk zu übergeben!" Psychologisches. Zur Psvchologic der Träume. Die neuesten For- schlingen über die Psychologie des Traumes stellt der Leiter der psychologischen Abteilung an der llniversität London, William Bro>vn,'iii einem Aufsatz des„Strand Magazins" zusammen, wo« bei er besonders die Theorien der deutschen Gelehrten Schcrner und Freud berücksichtigt. Das Stoffliche unserer Träume stammt aus Erinnerungen an vergangene Erfahrungen: am häufigsten tauchen Erlebnisse der frühen.Kindheit in den dämmernden Visionen des Schlafes ans. Häufig sind die Ereignisse des Traumes uns ganz fremd, aber genaue Nachforschung kann doch erweisen, daß sie erlebte Dinge widerspiegeln. Ein interessantes Beispiel dafür crzäblt Dclboeuf, Im Jahre 1862 träumte er, daß er zwei Eidechsen im Schnee fand, sie aufnahm, wärmte und in einem Loch in einer Mauer verbarg, wobei er ihnen als Nahrung ein be- stimmtcs Farnkraut hinlegte, das er im Traum deutlich mit dem botanischen Namen Xsplenium ruta muralis belegte. Beim Erwachen konnte er sich nicht erinnern, dafe er jemals den Namen des Farnkrauts gehört hatte. Sechzehn Jahre später jedoch geriet ihm zufällig das Herbarium eines Freundes unter die Hände, in dem unter dem betreffenden Farnkraut der lateinische Name von seiner Hand geschrieben stand. Er hatte zwei Jahre vor dem Traum einem Freunde das Herbarium eingerichtet. Fünfzehn Jahre nach dem Traum entdeckte er die Geschichte von den zwei Eidechsen in einer alten Zeitschrift vom Jahre 1861, so daß er also nun die Erinnerungsbilder auf ihre wahre Ursache zurückführen konnte. Charakteristisch für die Träume ist es, dafe Vorfälle durch sie wicdcrcrwcckt werden, die im alltäglichen Leben als völlig un- bedeutend erscheinen und daher gar nicht bemerkt werden. Auf dieser Tatsache beruht die Theorie, dafe das Träumen der. Weg sei, durch den der Geist die unwichtigsten Ereignisse des Tages aus- scheidet, die, wenn sie in der Erinnerung blieben, ihre normalen Funktionen stören könnten. Eine besondere Eigenschaft der Träume ist die aufecrordent- liche Schnelligkeit, mit der sie ablaufen. Der Bruchteil einer Sekunde kann für einen langen und komplizierten Traum genügen. Das klassische Beispiel dafür ist ein Traum, den Maury berichtet. Er träumte, dafe er in Paris zur Zeit der Revolution lebte; nach vielen Abenteuern und Bildern, die an ihm vorüberzogen, wurde er verhaftet, vor das Rcvolutionstribunal gebracht, vernommen und zum Tode verurteilt. Von einer zahllosen Menge gefolgt, wird er zum Schafott geführt, der Henker bindet ihn fest, das Beil saust nieder, er fühlt seinen Schlag und— wacht auf, in Angstschweife gebadet; die Stange des Bettvorhanges ist ihm auf den Nacken gefallen. Es ist wahrscheinlich, dafe der ganze lange Traum durch diesen äufeeren Reiz hervorgerufen wurde und sich in dem Moment abspielte, der zwischen dem Niederfallen der Stange und dem Er- wachen des Träumenden lag. Andererseits hat man aber auch beobachtet, dafe die Vorgänge des Traumes sich in ihrem Verlauf dem Reiz, der das Erwache» hervorruft, anpassen. Hildebrandt gibt dafür drei Illustrationen, die zeigen, wie das Ertönen eines Weckers auf den Träumenden wirkt. Er träumt, dafe er am Oslermorgen, in Fciertagskleidnng, das Gebetbuch in der Hand, durch eine schöne Frühlingölandschaft wandelt; er gelangt vor eine liebliche Dorfkirche, und wie er in den Hof tritt, vernimmt er den leisen Klang der Osterglocken. Auf einmal aber gehen diese hellen zarten Töne in ein schrilles Gc- bimmel über: die Weckuhr mischt sich mit ihrem Lärm darein. Man hat auf experimentellem Wege untersucht, welche Emp- findungen solch äufeere Reize im Traum hervorrufen. Maury kitzelte mit einer Feder einen Schlafenden an Lippen und Nase; dieser träumte von einer schrecklichen Marter, bei der ihm eine Gipsmaske auf das Gesicht gelegt und fortgerisien worden war. so dafe die Haut mit abging. Einem anderen Schläfer liefe man Wasser auf die Stirn tropfen. Er träumte, er sei in Italien und schwitze furchtbar: doch schlafe sich die angenehmere Vorstellung daran, dafe er, um seinen Durst zu stillen, weifeen Wein von Orvicto trank. Bei der Deutung der Träume ist daher der Auf- wachreiz stets zu beachten, doch mufe er in Einklang gebracht werden mit der Gemütslage des Träumenden. Kerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln,— Druck u. Berlag:yorwärtSP>lchdruckereiu.BerlagSanjtoltPautS->ngerzcEo.,Perl!nZVX.