Interhaltimgsblatt des'Vorwärts Nr. 3. Sonnabend den H. Januar 1913 I s] Gefdrichte einer Sombe. Von Andreas Strug. Ihre Gedanken fielen gleichsam in Schlummer. Die Menge, die Musik, das blendende Licht, das den Augen weh tat— das schien sie alles zu träumen. Irgendwann hatte sie das alles schon einmal gesehen. Irgendwann hatte sie von diesem mit Teppichen bedeckten Podium, auf dem jetzt drei geputzte Damen saßen, schon einmal geträumt. Die Entdeckung, daß es nur ein Traum war, erfüllte sie mit Glück und Freude,— doch im gleichen Augenblick kam sie zu sich. Entsetzen erfaßte sie. Wie lange hatte ihre Erstarrung ge- dauert? War inzwischen nicht alles schon verloren? Mit einem Ruck wandte sie sich zum Ausgang— mit vor Schreck erweiterten Augen herumsuchend. War es nicht schon zu spät?— Doch welches Glück! Der Mann in der Livree stand da. mit befehlenden Augen, und sprach mit leiser, ruhiger Stimme: „Sieh Dir die Waren an! Kauf! Kauf immer zu! Denk nicht! Kauf, sprich mit den Damen! Denk nicht!..." Es sauste ihr in den Ohren, wie ein fernes Stöhnen drang es zu ihr. Jetzt hatte sie wieder Gewalt über sich, Kraft und Leichtigkeit in den Bewegungen. Was immer sich ereignen sollte, war vernünftig, klar und aufs tiefste durchdacht. Was immer sie auszuführen hatte, war gut, erwünscht und leicht. Sie lächelte wieder ihrem Glücke zu. Durch das-ferne rhythmische Stöhnen hindurch, das stets in ihrem Ohr hing, hörte sie dennoch ganz deutlich, was die lustigen Verkäuferinnen zu ihr sprachen, sie hörte ihre eigene, fremdartig klingende Stimme, ihr Lachen und Scherzen. Dann, als sie an der großen Tür des Hauptein- gangs vorbeikam, sah sie mit ruhigem Auge in die Tiefe der breiten Treppe hinab, wo ihr Schicksal erscheinen mußte. Niemals hatte sie so viel Irische, Heiterkeit und Kraft in sich gefühlt. Die Last der Bombe, welche unter ihrem Jackett an einem Stahlhaken am Gürtel hing, drückte sie nicht mehr. Sie fühlte nicht die geringste Anstrengung beim Gehen. Sie schwebte wie über der Erde. Schon hatte sie alle ihre quälenden unlösbaren Gedanken vergessen. Eine wilde Ausgelassenheit überkam sie, eine Geringschätzung für alles und das aufrichtige Bedürfnis, sich zu unterhalten. Von allen Seiten kamen ihr amüsante Versuchungen entgegen. Zum Beispiel: diesen großen geflochtenen Fantcuil zu kaufen und zuzusehen, wie dieser mächtige und unheilvolle Leo ihn als gehorsamer Diener durch den ganzen Saal tragen würde. Oder sich in dieses Labyrinth der Verkaufsstände verstecken, sich in die Menge hineinwühlen, verschwinden, flüchten und sich innerlich über Leos finstere Blicke totlacken. Unwillkürlich lachte sie dabei laut auf, vielleicht allzu laut. Aber in der Tat, noch nie hatte sie etwas so Komisches gesehen: da steht dieser Harlekin mit gespreizten Beinen, den Regenschirm in der Hand, wackelt nach allen Seiten, macht einige steife, un- geschickte Schritte und fällt plötzlich, ganz überraschend hin. Wie lustig!... „Trink ein Glas Wasser! Trink sofort ein Glas Selter- Wasser. Sofort!..." Sie gehorcht. Sie trinkt mit vielem Genuß ein großes Glas einer prachtvollen eiskalten Limonade. Sie bezahlt einen Rubel. Der Saal verdunkelt sich. Klingel. Sie schaut begierig. Hoch über der Galeric auf einer großen Leinwand fliegt ein lebendiges Landschastsbild vorbei. In der Mitte laufen die Eisenbahnschienen. Von der einen Seite steigen die Flanken der Berge herab, von der anderen wogt und stürmt die Brandung des wunderbaren Meeres gegen die Küste. Von ferne kommt eine Welle, steigt an, sammelt sich, fließt über und bedeckt das Ufer mit einem breiten Mantel. Der Wind trägt eine kernige, salzige Kühle vom Meere her. Es neigen sich vor dem Winde die Äestc der Bäume, weiße Villen, Paläste fliegen vorbei. Die Menschen, die dem Zuge zusehen, verschwinden rasch. Eine bekannte, liebliche Walzermelodie gießt eine saltsame rührende Schön- heit darüber aus. Jemand ruft deutlich und laut die Pro- grammnummer aus:„Fahrt von Nizza nach Monte Carlo!" Niemals werde ich dort sein!— denkt Kama, und Tränen l füllen ihre Augen. Die Musik spielt eine lustige triviale Polka. Mitten auf dem Weg wankt ein Betrunkener. Die Hunde bellen ihn an, ein Radfahrer stößt mit ihm zusammen, und beide kommen auf eine komische Weise zu Fall. Ringsum Lachen. Auch Kama lacht. Der Betrunkene geht weiter. Fällt in eine Schafherde hinein und prügelt sich mit dem Hirten. Hunde reißen ganze Stücke aus seinem Anzug heraus. Irgendein Mensch trägt etwas in einem großen Gefäß auf dem Kopf. Der Betrunkene gerät ihm vor die Füße und wird von oben bis unten mit Kalk begossen. Ringsum Lachen. Auch Kama lacht, obwohl sie wahrnimmt, daß diese närrische Szene auf irgendeine schreckliche Weise mit ihrer Angelegenheit in Ver- bindung kommt. Plötzlich war das Entsetzliche der Tat, die bald, jeden Augenblick geschehen mußte, wie ausgelöscht und ihre Erhabenheit befleckt. Man wird die Augen abwenden müssen von diesem Unsinn und mit dem unterbrochenen aus» gelassenen Lachen sich dorthin begeben, dachte sie... Warum ist das so dumm? Unmöglich!... Ganz unmöglich..., daß es wirklich geschehen soll... Sie weiß, daß sie tun wird, was nötig ist, daß sie werfen wird, wie es sich gehört... aber es wird nicht mehr dasselbe sein. Jetzt weiß sie: nichts wird geschehen. Es wird nicht gelingen. Der Glaube verließ sie. Es blieb nichts in ihr zurück als eine passive gedankenlose Ergebung. Keine Spur eines Wunsches, keine Spur von Angst. Nein... es wird nicht geschehen. Im Halbdunkel sah sie neben sich das Gesicht Leos und den finsteren Glanz seiner Augen als er hinter sich nach dem Eingang des Saales blickte. Sic dachte stumpf: Er hofft noch! Dabei ist es doch ganz unmöglich. Woher ich es weiß? Ich weiß es und irre mich nicht... Nach einer Weile wußte sie gar nichts mehr. Im Kopfe war es vollständig leer. Alles war verschwunden, nur von ferne, wie durch einen trüben Nebel berührte sich die unerbitt- liche, ununterbochen ihre Bahn laufende Wirklichkeit. Sie zählte jeden verflossenen Augenblick und stellte in aller Ruhe fest, daß es bald Zeit sein wird, zu wollen, zu handeln. Wann? Jeden Augenblick... Aber sie verstand es nicht. Im Ohr hatte sie wieder das stöhnende Geklingel. Und auf einmal fühlt sie in ihrem ganzen Körper Leichtigkeit und Frische wiederkehren, und es ist ihr, als komme sie wieder in Betrieb wie eine gut geölte Maschine. Eine fremde Macht schiebt sie, hebt sie hoch über die Erde. Nur in der Seele ist schwere Ohnmacht, düstere, tödliche Trauer. Die Pulver des Arztes scheinen sehr wirksam. Noch nie hat sie solche Kraft in sich gefühlt und zugleich eine solche Unfähigkeit zu denken. zu überlegen. Irgendwoher aus einer anderen Welt, jenseits von alledem, was sich ringsum ereignete, drang fernes, kaum hörbares Geräusch und Geflüster zu ihr. Näherkommend hörte es sich an, wie das Geräusch einer anrückenden Wasser- flut. Gleichsam als Verkündigung dessen, was jetzt geschehen mußte. Schon nahte der entsetzliche Moment, und Kama suchte verzweifelt in sich nach Kraft und Hilfe. Alle Gewalten der Seele schienen auseinandergestoben, und die Augen traf immerzu wie ein gräßlicher Hohn dies wandelnde Brld: wie der Trunkene über die Straße wankt, von Hunden verfolgt, von Menschen mißhandelt. Das lustige Lachen der Gaffer, das jeden Augenblick ausbrach, tat weh. Die heitre Melodie der Musik quälte das Ohr. Plötzlich war der Saal wieder hell, und Kama wandte sich heftig nach der Eingangstiir um. Der Strom des Publikums drängte sich dort hinaus. Das Orchester spielte einen Marsch. Die Damen an den Verkaufsständen räumten auf, der Basar war zu Ende. Draußen regnete es. Sie mußte lange warten, bis ihr Wagen vorsuhr. Mit irren Augen sah sie in die Menge hin- ein, als suchte sie was. Sie begriff nichts. Sie wußte nur das eine, daß sie lebte, morgen leben würde und vielleicht noch manches lange Jahr. Das entsetzte sie, es schien ihr un- möglickr Sie konnte es auf keine Weife fassen. Die nassen Regenschirme, der Straßenkot, der Lärm der vorfahrenden Wagen, die Gewöhnlichkeit dieses ganzen Treibens bedrückte sie wie ein gespenstischer auälender und unsaßlicher Traum. Jemand faßte sie kräftig unterm Arm und schob sie in den Wagen. Ter Wagenschlag klappte dumpf zu. Sie fuhren. Wieder blickte durch das Fenster dieselbe gleichgüllrge wrrk- liche Welt hinein, die so gar nichts von ihr wußte... Vor kurzem erst hatte sie nilt Lust von. rhr Abschied ge- nommen. stolz in dem vollen Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit. Sie war hergefahren wie eine Kimigin, für tue das gemeine Recht der Welt keine Geltung mehr hatte... Jetzt kehrt sie zurück wie eine Vertriebene, wie eine Bettlerin. Wieder ist sie der brutalen Gewalt des nächsten Tages ausgesetzt. Im Laufe dieser Nacht wird sie sich mit ihrem alten Schicksal wieder versöhnen müssen. Sich vor der kleinen Armseligkeit des Lebens beugen, �-ich wieder gewöhnen, wie früher die Erde zu treten und Menschen zu treffen, die bereits für sie verschwunden waren wie Schatten. Sie wird sich wieder ihre Gesichter in Erinnerung bringen müssen, ihre Namen, ihre Bedürfnisse... Sie erkannte init Entsetzen, was es hieß und wie schrecklich eS war, Abschied vom Leben zu nehmen und wiederzukehren! Sie wußte, daß sie nichts mehr interessieren, und daß kein Ding in der Welt sie noch je in Wahrheit an sich binden wird. Sie erwachte wie ein völlig fremder, ver- Zvandelter Mensch. Was sie früher war. war tot. Verschollen. Wie wird jetzt dieser neue Mensch in ihr leben? Ter Wagen hielt. Leo stieg ein.• Die Livree hatte er abgelegt. Er hatte einen Paletot an unfeinen Hut. Er setzte sich hin, ohne ein Wort zu sprechen, eaie fuhren weiter. ..Warum geschah das?" fragte Kama hitzig und scharf. „Darum, weil er nicht kam." „Warum kam er nicht?" „Weil er nicht kam." Ter Wagen rüttelte dumpf weiter, der Regen schlug gegen die Scheiben, und durch die herabsließenden Tropfen sah die Welt trübe aus, unheimlich... „Hören Sie. Leo.. „Ich höre." Sie rückte ganz nahe an ihn heran und sah ihm scharf ln die Augen. (Fortsetzung folgt! Gertrud. Von®. Werner. Gertrud war dreißig Fahre bei Molven-Z lm Dienst. Länger als ein Vierteljahrhundert bereiteten ihre treuen Hände das Eilen, bannten den Staub von den Diöbeln, führten die Befehle au«. Mit zwanzig Jahren war sie zu ihnen gekommen, jetzt war fie fünstig alt. Sie war gealtert bei ihnen, in der kleinen winkligen Küche und der engen Schlaflammcr, wo nach den Anstrengungen des Zages lern Traumgotl sie besuchte. Und sie wünschte keinen anderen Wechsel m ihrem öden Dasein als eine neue Wasserleitung, die sie nie bekam. Wenn bei den SZifireir, die die Damen der kleine« Stadt austauschten, das Gesvräch natürlicherweise auf die Dienstbotenfrage kam. sagten alle zu Frau Malven: „Sie kennen diese Sorge ja nicht. Sie haben Glück, daß Sie ein Mädchen wie Gertrud habend Frau Malven schien von ihrem Glücke gar nicht so überzeugt zu sein. „ES hat alles seine Schattenseiten. Sie hat viele Fehler, und wir müssen vieles bei ihr durchgehen lassen. Aber wir behalten sie doch, wenn man ein Mädchen schon so lange hat!" So wurden auch MalvenS für ihre geduldige Nachsicht gelobt. Denn es war tatsächlich so. Gertrud ließ viel zu wünschen übrig. Wie ein Sturmwind fegte sie immer in die Stube hinein, ganz gleich, ob Gäste da waren oder nicht. Geräuschvoll lief sie auf Holzpantinen umher und machte immer einen ichwerbeichäftigten Eindruck. Wenn sie ein GlaS Wasser brachte, wischte sie sich dabei den Schweiß von der Stirn, und brauchte ebensoviel Anstrengung dazu, wie um einen Hausen Kohlen aus dem Keller zu holen. Dann hatte sie noch eine eigemüinlichs Angewohnheit, und zwar: sie zählte laut vorher alle-Z auf, wa-Z sie zu tun hatte:„Jetzt werde ich die Töpfe scheuern, doch muß ich erst noch etwa? Salz an den Braten tun", oder:„Ich glaube, es wird regnen, da muß ich meinen Schirm mitnehmen, wenn ich aus den Markt gehe." � Mit einem Wort, ihr feblte es an jener ruhig vornehm dienenden Art, durch die sich Mädchen aus feinen Häusern auS- zeichnen. Doch Gertrud hielt fest zu ihrer Herrschaft, wie ein Rad an der Mühle. „Gute Menschen. Herr und Frau Malven." war Gertruds Urteil.„Der Herr sehr gutmütig, sehr eigen und ehrenhaft, die Frau topfguckerisch, ein wenig zu genau bei den Einkäuien. aber warum auch nicht?" Und wenn die beiden sich abends gegenübersaßen in friedlicher Eintracht, dachte die alte Gertrud beim Abdecken oft: Eine zu gute Herrschaft I Gott segne sie J •• Niid doch nicht immer hatte Gertrud ihr Schicksal in» Dienst bei MalvenS gesehen. ES gab eine Zeit, wo sie an gan> andere Dinge gedacht hatte. Das war früher, ganz stüher, im Frühling ihres Lebens. Blutjung war sie noch und hatte Haare, die wie Gold flimmerten. Damals, als sie ihren Liebsten hatte. Ganz gewiß, ein hübscher Kerl war er, ihr Peter, und was er für liebe Dinge sagen konnte I Sie waren einig und wollten heiraten, wenn er seine Jahre abgedient hatte. Als er eingezogen wurde, war sie schon bei MalvenS im Dienst. Er haue versprochen, ihr zn schreiben. Sie wartete vertrauensvoll darauf, am Tage in der kleinen, winkligen Küche und nachts in ihrer engen Kammer. Sie dachte so viel an ihn, an die schönen Abende unter dem schattigen Laubendach, an die Worte, die er ihr gesagt, und das beglückte sie. Ader warum schrieb er nicht, wie er ihr versprochen hatte? Sie sandte ihm lange Briefe und wartete. Warum antwortete er nicht? Ihre Herrichast tröstete sie: Peter habe sie vergessen und sie solle es mir nicht so schwer nehmen. Aber sie glaubte eS nicht Nein, so schttcll konnte er sie nicht vergessen. Sie schrieb eine» Briet nach dem anderen, bat und flehte, sie verteidigte ihr Gluck, ivollte ihre jungeil Träume nicht hergeben.... Ader er gab keine Antwort. Und eines Tages, nachdem er seine Dienstzeit beendet hatte, hörte sie, daß er sich mit einer anderen verheiratet habe. Da erkannte sie. wie gut ihre Herrichast cS doch mit ihr meinte. Als sie sahen, wie unglücklich Gertrud war. sprachen sie ihr mit- leidig zu, schenkten ihr ein schönes, neues Kleid und gaben ihr zwanzig Mark Zulage. Und die Jahre vergingen... Gertrud blieb in der kleinen winkligen Küche. DaS Alter kam. Runzeln... Bergessen... ** « Herr und Iran Malben hatten eine Tochter nach außerhalb ver- heiratet. In den Schulferien kam sie mit dem Mann und den Kindern zu Besuch, und ibre Jugend erbellte das alte Haus mit den ernsten Möbeln, den verschossenen Tapeten. Die alte Gertrud murrte über die viele Arbeit. da$ laute Geschrei und die Unordnung, die die Kinder machten, aber im Grunde ihres Herzens freute sie sich darüber. Die junge Fron hatte ein Kindermädchen bei sich. Ein junges Ding I Sie ging oft aus, und wenn sie in der Küche saß, las sie Briefe, die sie steudig auslachen ließen. „Die find wohl von Deinem Schatz?" fragte die alte Gertrud einmal. „Ja!" Die Aermsie, auch sie betrat den ionnigen Weg. der mit Tränen endet t „Wo ist er?" „Im Regiment." „Und warum gehst Du so oft au-Z?" „Fw trage meine Briefe zur Post und hole mir seine I Ich habe nicht Lust, sie mir ab'angen zu lassen. Hier muß man miß- trauisch iein." „Was sogst Du?" „Das weißt Du nicht? Arme Gertrud. Dir hat Deine Herr» schaft einen schlimmen Streich gespielt. Ich hotte es einmal, wie es die Gnädige dem Herrn erzählte. AlS Du jung warst, haltest Du auch einen Liebsten?" „Ja!" .Und Du schriebst ihm oft?" .Ja!' „Und hast auf seine Antwort gewartet?" „ES kam aber keine, ja. die Männer..." .Sag' nichts Schlechtes über diesen Mann, Gertrud, er hat Dir immer geschrieben, aber Deine gnädige Frau hat Dir die Briefe nicht gegeben. Und zwei- oder dreimal hat sie sich gar freundlich erboten, Deine Briete mit zur Post zu nehmen: aber die sind nie befördert worden. Die sind eben verloren gegangen— mein Gott. ein Brief kann doch unterwegs verloren gehen. Und als Dein Bräu» tigam auf feine wiederhatte Bitte um Nachricht keine Antwort bekam, da hatte er schließlich genug davon." „Was sagst Tu da?" „DaS hat meine Fron unserem Herrn erzählt, und daß sie eS gar nicht recht von ihren Eltern fand. Sie sind die Herrschaften, und darum nehme ich mich in acht!" Gertrud wurde ganz bleich. DaS war's also, er hatte sie fiir treulos gehaltet, und darum eine andere genommen. Die alte Gerttud schmerzte eS nicht mehr. Es waren zu viele Jahre darüber hingegangen. Sie suchte nur nach einer Entschuldi- gung für ihre Herrschaft, fand aber keine. „Guter Gott, warum haben sie das getan?" „Damit Du bei ihnen bleibst, Gertritd!" Die alte Gertrud antwortete nicht. Sie staunte nur, daß man sie für so kostbar, so unentbehrlich gehalten hatte, daß man sie um jeden Preis behalten wollte. Und trotz ihres verfehlten Leben?, ihres geopferten Glücke?, trotz de-5 Betruges, dein sie zum Lpscc gefallen war, trug sie das alles in Geduld. Das Alter hatte sie mürbe, der lang« Dienst ergebe««md duldsam gemacht._ ]Seue Brzäblungeliteratur. Ger hart Hauptmann: A t la n t i Z. sBerlog S. Fisher, Berlin) In diesem Roman von epischer Brcile zeigt sich wieder einmal der Unterschied von Beschreibung und Gestaltung. Gerbart Hauptmann schildert in farbigen Bildern die Fahrt eines See- dampfers und die Begebenheiten auf dem SchifsSkolotz„Roland", aber eS bleibt alles Darstellung aus der literarischen Perspektive und wird nicht zu Lebendigem umgebildet. DaS Schiff scheint nur ein lünst- licher Rahmen für da-Z Wandelpanoraina, das seine Gäste stellen. Ebenso gut konnten sich die Geschehnisse anderswo abspielen. Mit Ausnahme des Schiffbruchs natürlich. Aber auch dieser plastisch herausgearbeiteten Katastrophe fehlt daZ„Atmosphärische". Die Gesellichaftsschilderung hätte ja schließlich zu wenig den Titel Atlantis gerechtfertigt, wen» sie nicht durch ein Ereignis, das im Ozean wurzelt, unterbrochen worden wäre. lind so besinnt sich der Autor, daß diese Menschen, die er uns detailliert vor'ührt lim Grunde uninteresiant wie die jüdische Man- däne mit ihren, Dienstrnädcheir Roja, ebenso Prosiller der Held mit feinen Durchschnittöliebesschmerzen), schon hundertmal a» uns vor- übergezogen sind, nur lebten sie da vielleicht im Berliner Salon oder im Liebeshotel usw. Der UnterhalwnqSlekrüre mußte also eine starke Milieunuance gegeben werden. Kapitän. Kajüte, Schiffsdeck usw. blieben nur Ramen, so rehabilitierten die Kapitel vom Schiff- bruch, wo der Leier endlich etwas Salzgeruch und Meergeickunack auf die Zunge bekommt, den anspruchsvollen Titel l Atlantis— Iver außer diesen� gut und packend geschilderten Vorgang des Dampferuntergangs, bringt in dem Hauptmgnnschen Buch die Stimmung des Ozeans, die Wunder einer Seereise, das Kosmische zun, Bewußtsein? Unglückliche Gerettete werden niit Goethezitaten gelröstet, nichts von der Natur, von dem Ausnahmezustand der Seefahrt verwebt fich mit den Personen, ste bleiben Dutzendtypen, zusammengehalten vom äußeren Rahmen des Schiffes. Zwar find einige dieser Typen pbaniastisch herausgeputzt, wie die innerlich angefaulte Tänzerin Rlara-Jngigerd mit der Salomeseele, aber woS bedeutet dieses Genuhpüppchen, das den jung«, Wissenschaftler Friedrich von Kammacher das Blut vergiftet? Auch dieser glücklich ans dem Schiftbruch geretttte, von den Dämmten der Liebe gepeinigte Medizimnann bleibt mit seiner Leidenschaft nur„Beschreibung" und so wenig wir das Meer iahen, fühlten, so wenig sehen und fühlen wir nach der Landung Amerika. Aus dein Meere hörten wir Theincu wie Frauenfrage, Darwin. Artisteirschicksale. Literatur und Ber- wandieS; in Amerika hören wir von Theateragenteu, KunstauS- ftellungeit und japanischen Stichblättern usw. Also, ein Roman, der m geschickter anschaulicher Schilderung zu unterhalten weiß, des Autors vielfache Kenntnisse verrät und mit einer glücklichen Per- lobung schließt. Friedrich gesundet von der vainphrhaften Tänzerin und findet das Edelweib. Hauptmann aber fand nicht in seinem bunt schildernden Buch, was uns hätte Erlebnis werden können. Johannes V. Jensen, DcS Königs Fall. Roman aus der Hansazeit sBerlag S. Fischer. Berlin). Hoch erhaben über das Literarische, über alle zknnstschreiber und Schönredner, die den Dichterpamaß bekrabbeln, steht der Däne I. B. Jensen. Er ist der eigentliche Dichterhauptmann unserer Zeit. In jedem seiner Bücher gibt Jensen eine neue Welt. Aber jedeSinol fühlen wir diese Welt, leben wir in ihr. Sie steht da und ist selbst lebendig geworden. wir schwimmen in ihrer Atmosphäre. Nach dem Gletscher, diesem bärenstarken, da? Problem des Göttlichen im Renschen bis an die tiefsten Wurzeln bloßlegenden Mythos aus chaotischer Borzeit nun dieser gewaltig aufgerollte Zeitroman, in dem der Dichter, ohne von seiner sprunghast elastischen, geistberegten Natur abzuirren, sich so energisch zusainmenrafst, daß er mit Konzentration ein Kulturbild aus den Kämpfen der Nordländer mit der Hansa zeichnet und zu- gleich ein schwernwtig-myftifcheS Seelcndrama. Ein ungeheures Leiden. eine lähmende Resignation und ein kalter Fatalismus zieht durch das reiche Geschehen dieses dichterisch entworfenen nordischen Geschichls- buches. Jensens großartiger Phantasie und Gestaltungslrast war es ein Leichtes, die Gestalten der Historie so mit Blut zu durchtränken. daß fie wie Zeitgenoften warm und lebendig vor uns stehen. DaS gilt nicht nur von dem ränkevollen unglücklichen König Christian und dem eigentlichen rätselvollen Helden des Buches, dem fahrenden dänischen Landsknecht Michel Thögersen(in dem ein nordischer SimpliziuS Eimplizissimus symbolifiert erscheint), das gilt auch von der kleinsten Nebenfigur. Alles ist Staffage, die notwendig wird zur inneren Charakteristik jener Zeit» Auw die alte Meister- schast Jensens, die Seele der Frauen und die Seele der Landschaft grauenvoll deutlich von innen heraus mit visionärer Krafk zu be- leuchten, ist in diesem neuen Werk des Künstlers wieder faszinierend zu spüren. Camille Lemonnier: Der kleine Nazarener. Autorisierte Uebersetzung von P. Cornelius.(Als V. Band der ausgewählten Werke LemonnierS erschienen bei Arel Junker, Berlin.) Wer die naturalistischen Romane des großen belgisch-stanzö- fischen Erzählers und Zola Ebenbürtigen, seinen„Moloch",„AuS den Tagen von Sedan",„Ein Mann" gelesen hat, der stutzt unwillkürlich und schlägt«och einmal daS Titelblatt auf. Wie? Dieser erfrischend gegenständlich« Schilderer de» ewig Triebhaften, de» kratwoll Natürlicven im Menschen, der soziale Probleme, blutige S-yicksaie emporler Grubenarbeiter, daS Schlachtfeld ix-S Krieges uni> der Liebe mit kolossaler Kraft zu monumentalen Bildern zwang und der romantische, fast spiypinselig und liebevoll i t» Spitzweg detaillierende Maler altmederländiicher Genrebilder sind ein und der- selbe Dichter? Aber wer genauer zuschaut, erkennt auch hier in» Kleinen, Idyllischen und Spießbürgerlichen die Meisterhand LemonnierS. Der Autor führt uns in ein kleines flandrischeK Städtchen,»ine Art holländlscbes Oberammergau. Die Bürger. Fischer, Krämer, fie leben alle nur für ihre große, öfter- lieb« Christus- Prozeifion. die allein drei Chriftusse. einen Palmsormlagchristus, einen dornengekrönten Christus und einen Christus als Kreuzträger im Zuge führt. Die lragikoutischen Schicksale des PalmsonmagchristuS, d«S langhaarigen, schönen blasse:, SeilhändlerS Joo Mabbe, dem die feierliche Pose des NazarenerS auf dem Eselchen so zu Kopf gestiegen ist. daß er auch im Lebe« mit Inbrunst den wohl- und wunSertängen Armeleut.H»land in den Gafien des ebenso bigotte»» wie naschhasten Städtchens spielt. sind in farbiger Weise in dem Buch ausgebreitet. Joo MabbeS Schicksale und seine endliche Erlösung vom Erlöserwahn in deir Armen eines üppige» Weibes lesen wir mit derselben Bewunderung, wie des AulorS grvße Jdeenromane. Auch hier blinkt als Silber- faden im Gewebe der Idylle eine Idee: wie ein„BeharrungS- mem'ch" die LebenSiüge pflegt und hegt und in diesem ScheingliUÜ über der Misere des Alltags schwebt. Und wir bewundern noch mehr, wie Zeinonnier auch in dem KreiS halbüdergeschnappter: Schildbürger daS Menschliche herauszufinden unl» es in das Licht des Berstehens zu rücken weiß. Karl Morburger: Sturmvögel-Erzählungeir aus der russischen Revolution.(Georg Miller, München.) Ein Deutichcr schildert hier russisch« Zustände mit einer Wahrheit un!> Nnerbüliichkeit, als ginge er in den Spuren d«S großen Dostojewski. Die knappen zehn Erzählungen, die als wertvoller Beitrag zur Naturgeschichte der russischen BolkSseele zu betrachten find, handeln von politischen Flüchtlingen und auf«schweizer Universitäten vege» tierenden Revolutionären, die olle de? Rufes der Partei im Barer- tand harren und freudig ihre Aufgabe im Dienste der Idee lösen. Denn die Disziplin bei diesen Politikern ist eine wahre Feuer» disziplin. DaS Leben der„Illegalen", daS immer und ewig vor» Spähern, Schergen, Galgen und lransbaika lischer Zwangsarbeit b«-- droht ist. gibt furchtbaren Stoff, und Karl Morburger schildert diese Freiheitshelden, d»e, wie die von der Kugel getroffene junge Studentin, im Sterben zum erstenmal lächeln, mit plastischer Lebendigkeit. Alle diese noch nicht von der Artzidaschewichen Krank- heil, der„politischen Gleichgültigkeit", angesteckten jungen Propagandisten der Tat leben und kämpfen für die heilige Sach« unl» achten ihr persönliche» Glück im Banne des Altruismus für eine Seifenblase. DaS ist ergreifend. daZ ist rührend, weil es so selbst- verständlich ist bei ihnen. Dieses Buch von den Jüngern eines großen MemchheitSgedoteS ist ein Buch des Glaubens. Jakob Wassermann: Fan st in a. Ein Gespräch über die Liebe.(S. Fischer, Berlin.) Wafiermarm bewies eS schon in seinem großen Roman: Der goldene Spiegel, daß er Philosoph geworden.' Er ist geladen mir Gedanken, er hat sich glücklich heraus- gearbeitet au» der trostlosen Wortschloelgerci und dem OrgiaSmuS des herauSgeftmmelten Raffinements, die man mit Beirüben in seinem Alexander von Babylon auilauchen sah. Aber Wasiermanu ist nicht nur Philosoph, er ist auch der Autor des Büchleins von der Kunst d«S Erzählens und so versteht er natürlich seine Philosophie reizvoll einzukleiden. Faustina dialogifierl mit dem modernen Mann von heute über die Liebe. Faustina ist daS elementar fühlende Weib voll Leidenschaf», die verzückte Jasagerin der Liebe, ste ist diony- fischen Blutes. Er ist der feinnervige Individualist und A»lS- Wähler feiner Genüsse, der die Liebe für seinen Jchkult dressiert imd fich mit ihr drapiert, der Mann apollinischen Blutes. Faustina Hot das robuste Gefühl, er da» schlürfende Gehirn. Bei ihr sitzt die Liebe in» Herzen, bei ihn, im Zcrebralsystem. Faustina hat das Erfülltsein, das Untergehen und Bergeisen, den Rausch, er kontrolliert seine Gesühl«. er liebt mit..Kultur". Ein glänzende» Wortgefecht um die dionysische oder apollinische Auffassung der Liebe hüben und drüben. Leuchtlngeln steigen ans. Faustina will in der Lieb« die unbetünnnerte Affekt entladuna. fie ist aus dem amoureufen Jahr» hundert, er verfolgt mit der Liebe einen Höberen Zweck, die Person- lichkeitSsteigmmg, er ist der Mann unserer Nervenzeit. Der geist- getränkte Dialog gipfelt in dem Fazit, daß unsere Zeit die un- zusammengesetzte Liebe, in der sich der Liebende selbst verliert, vcr- loren hat, dafür aber die differenzierte Liebe, in der der Liebende sich selbst findet, gewonnen hat. Hermann Bang: Exzentrische N o d eklen.(T. Fischer. Berlin.) Die nach dem Tode deS dänischen Erzählers heraus- gegebenen Geschichten handeln von absonderlichen Menschen und Situationen. Bon Artisten und Lustakrobalen, von Löwenbändigern, Kellnern, Wunderkindern und Impresarios. Das wenigstens sind die Lebensbilder und SeelenauSichnitte, in denen Bang fein Eigenstes gibt, in denen er zeigt, wie tief er in die Herzen derer, die am Wege sterben, der ruhmlosen Helden auS der gesellschaftlichen Unter- scbicbte auf seiner rastlosen und vaterlandslosen Weltwanderung zu blicken gelernt hat. Wie er die schwere Kunst mit echt ftandinavischer Meisterschaft versteht, knapp, sachlich und im guten Sinne»un- - 32- literarisch" zu schreiben, zu schildern, anzudeuten. Und doch wie viel Farbe. Glut, soziale« Gewissen, tiefste« menich licke« Fühlen in diesen scheinbar halben, kurzen Sätzen I Die Perle aller Novellen ist vielleicht Chmlot Dupont, die Geitnchte eine« musikalischen Wunderkindes. Ein überlegener, sarkastisch lächelnder Ton de« resignierten Genutzkünstlers und Lebensphilo» sophen Bang wird hier laut. Wie nackt und niedrig stehen sie alle vor uns, die verschiedenen Ausbeuter de« armen, um seine Jug nd geprellten, ewig schlafenden, ewig Zigaretten rauchenden, ewig sieben Jahre alt bleibenden Wunderkindes im Spitzenkragen und viel zu kurzen Hosen: der saubere Bater, der Impresario, dus würdige Publikum, die Journalisten, die da« Ltunstgeschäft machen oder schmeißen. Der Autor gibt scheinbar nur Skizzen. Schattenrisse, und doch bekommen in seiner Gestaltung alle die Entgleisten. Hochstapler, Abenteurer, Exzentrischen und Unglücklichen Fleisch und Blut, der Dichter macht ihre Geschichte nickt zu Tinte und Papier, er hauckt ihnen Leben ein mit einem Schöpferaiem, den die kleinste Skizze Hermann Bangs verrät. Georg Hermann: Die Nacht des Dr. Herzfeld. (Egon Fleische! u. Co., Berlin.) Etwas vom Scköpferatem spürt man auch in diesem Buch, das uuS in einer Nacht die Großstadt und ein Menschenherz bis in seine geheimsten Regungen zeigt. Beides gezeigt in einer neuen Art, nicht geschildert, sondern gestaltet. Der Ver- fasier gibt wieder einmal das Bild Berlin», aber das ist nicht, trotz aller Wahrscheinlichkeitstreue, eine tote Kopie, ein Abklatsch des Seins. das ist eine Durckgeistigung und Beseelung, wie die Zustands sckilderung der Empfindungen de« Dr. Herzfeld eine neue konzentrierte Kunst bedeutet, die sozusagen den„unterirdischen Dialog" mitreden läßt. Dr. Herzseld durchwandert eine Nacht Berlin und der Leser sieht es vor sich dieses Babel in seinen Lastern und seinen Schönheiten. Wie oft sind wir schon von Autoren so durch eine Großstadt geführt worden. Aber ihre Ar» war die beschreibende, Hermann läßt die Dinge. den Ort, die Personen selbst sprechen, sie wachsen vor uns heraus. durchsichtig, hell beleuchtet, das Geistige, das Lebendige jeden Dinges herausgeholt. ES ist eine Art Pantheismus literarischer Art. der hier das Tote mit einem Hauch der Lebendigkeit, und ich möchte sagen des Göttlichen erfüllt, und wie das Empfindungsleben de« nächtlichen Wanderers, der sich am Ende der Wanderung tötet, hier zusammengepreßt ist, durchflutet von Geistigkeit, das hebt das Buch hoch über die traditionellen Schilderungsbücker. eS ist ein„Bildung« buch" in jenem Goetheschen Sinne, daß es vom Autor nicht geschrieben, fondern gebildet wurde._ J-V. Kleines f cuilleton. Da« Stillsitzen der Kinder. Der Schularzt Dr. Samosch in Breslau weift die Eltern darauf bin, daß sie ja nickt glauben tollten. den Kindern das spätere Stillsitzen in der Sckule zu erleichtern, wenn man sie schon vor Schulantritt zum Stillsitzen gewöhne. Im Interesse der Disziplin mag das reckt willkommen sein, im Jnteresie der Gesundheit sicher nicht. Man lasie die ganz kleinen Kinder sich soviel wie möglick in der Luft tummeln. Wenn sie müde sind, sorgt man dafür, daß sie sich legen können. Eine Sitzhaltung, etwa mit ermüdender, schlaffer Haltung, ist eine rech» unzweckmäßige Ruhe- läge. Man beobachte nur cinmc.l die Kinder beim sog. Stillsitzen und man wird sehen, daß die kleinen Körper dabei fortwährend in Bewegung sind. Zum wirklichen Stillsitzen kommen die Kinder beim Schulantrilt noch frühe genug. Da« zirpenfreundliche Japan. Die Japaner sind begeisterte Verehrer der Jnsektenmufik. Seit alterSher lasten sich die Dichter Japans vom Zikadengesang inspirieren. Aber auch die Nickt- poeten im Lande der aufgehenden Sonne lieben in hohem Maße die von diesen Insekten hervorgerufenen, melodischen Töne. Damm ward es Sitte, daß an Orten, an denen besonders kunst- begnadete Zirpen konzertierten, ihre Verehrer sich versammelten. um die Nackt in verzücktem Lauschen zu verbringen. Sie brockten sich dann Matten mit, um sich den Aufenthalt im Freien behaglich zu gestalten. In neuerer Zeit beweist nun der Japaner seine Sympathie für die Nemen Musikanten dadurch, daß er sie zu sich ins Haus nimmt, sich also eine Zirpe hält, wie wir uns einen Kanarienvogel halten. Die Zirpenbaitung ist natürlich ein äußerst billiges Vergnügen, und darum kann sich diesen harmlosen Spaß auch der Unbegüterte leisten. So ist es denn namentlich auch der arme, hartringende japanische Student, der sick ein Grillchen an- schafft, damit er eine kleine Trösterin und Sängerin vorfindet, wenn er nach harter, anstrengender Tagesarbeit in sein düritiges Asyl zurücklehrt. Glücklich dünlt er sich, wenn er gar den kleinen Halbflügler„Zurumulhi" in seiner Klause hat. Der Zurumushi ist Japans bester Sänger auS dem Jnieltenreich. Er ruft wunderbar melodische Töne hervor, die an den süßen, silbemen Klang eines GlöckckenS erinnern, das irgendwo in der Ferne schwingt.' Aber zufrieden ist auch, wer sick einen„Matiumusbi" eingefangen oder erworben bat. Wenn dieses Insekt Proben seiner Tonkunst hören läßt, meint man. es„briuse der Wind durch den Fichten- Wald". Mit Wohlgefallen lauscht der Japaner schließlich auch einer „Kuisuwa-mushi" genannten Grillenart. Ihre„Musik", die sie durch Anemanderreiben der Flügeldecken erzeugt, soll genau so klingen wie das Geräu'ch. daS ein Pferd hervorruft, wenn es an dem Mund- stück seines Zaumes hcrumkaul l Schach* Unter Leitung von S. A l a p i n. Klett f Alaplns Eröffnung Korrelpondenzpartie vor Jahren gespielt.(Dr. Max Lange fit der bekannte Analytiker und tdeoretlker der 70er Jahre.) bringen die Partie, weil wir bis jetzt keine Gelegenheit hatten, ein demonstrierendes Beispiel auch dieser Eröstnungsart unseren Lesern vor- zusuhren.* S. Alapin, Dr. Max Lange j- 1. e2—©4©7—©5 2. Sgl—©2..... Natürlich ist Sßl Der Texizug beabsichtigt das Königsgambit mit 52— k4 ohne Bauernverliist vorzu- bereiten. Der Zug wurde zuerst 185« von Mayerhoser gespielt, jedoch später von Alapin theoretisch und analytisch ausführlich in der Fach. presse behandelt, weShalb die Er- östnung auch„Mayerhoser- Alapin" genannt wird. Die nachstehende Partie wurde eben zur Eruierung de« theoretischen Wertes gespielt. 2...... Sb8— c6 Oder 1...... Sg8— 561; 3. 52—54, 8kSX©4(3...... e5; 4. SX54, SX©«?: 5. De2, De?; 6. 865. De5; 7. Sbc3, c6; 8. 64! 2t und gewinnt): 4«i2— ii3, I)d8— h4t(am besten ist Rubinsteins Zug: 8c5!); 5. g2— g3 Weiß kommt in Vorteil: b..... SXg3: 6. 3X8. et: 7. Dh5l, Del; 8. Se2 2c. 8. d2— d4..... Sluch 3. SM— c3, 8-8—5«; 4. 52- 54 kann mit gutem Spiel geschehen. Hingegen würde jetzt 3. 54,<15 l; 4.©d. DXdä; 5. Sbc3, Da5; 6. 5e, Lg4; 7. d4, 0—0—0 sür Weiß bedenklich sein. 3...... Dd8— h4 3...... ed; 4. 8X64 ergibt die Schottische Partie", was sür Schwaiz wohl am besten war. De, Terlzug sieht nur angriffsreich auS. verliert aber Tempi und Weiß bemächtigt sich schließlich des Angriffs. 4. 64— ckS 1,58— co B. 8©2— gS Sc6—©7 6. SM— d2 Dh4—(6 6...... 856?; 7. 853, Dg4; 8. h3, Dg6; 9. Sh4 mit Damengewinn. 7. 12— 13 1 DI6-h4 7...... Db6; 8. Sc4, 1,12t; Ke2, Dd4; 10. DXD, LXD; 11. c3 jc. verliert einen Bauer. 8. 862— b3 Lc5— b6 9. 65—66 Se7— 06 10. c2— c4 c7X66 11. D41X66 Sg8— 56 12.«©1—61!..... Droht Sg3— 55Xg7t 12...... 856— h5 13. Sg3—£3 Dh4— 68 Slus dem plausiblen Zug 13...... D52 V entscheidet die problemartiae Wendung: 14. DaZ l I, l.c7(nur so 24=(29—68(3 l> ist Sd6t zu parieren), IS.. 1�3 mit Damengewinn. 14. g2— g4 g7— g6 15. 855—©3 Dd8— 56 Vielleicht war 15.... Lc7 nebst 854 verhältnismäßig vorzuziehen. 16. 1)66X56 8b5Xk6 17. c3— c4. Lb6— 68 Aus Lo7 folgte 865. 18. Se3— c4 67—651 Folgende fast nie vorkommende. originelle Kombination ist hierzu beachtenswert: 19.... Le7; 20. Sdef. LXS: 21. cXd6, b6?; 22. Lh6. Tg6; 23. Lg5 JC. 19. Sc4— 66t Ke8—©7 20. g4— g5 856—67 21.©4X65 Sc6Xb4 22. L51— c4!..... DIeS ist stärker als mit SXI-t nebst 65— d6t den Bauer zu retten. Die Originalität der Partie Witt hier besonders zum Vorschein, indem die weißen Türme und Läuser, die bis jetzt als stumme Zeugen der Be- gebenheiten säst nur die weißen Springer und Bauern arbeiten ließen, e r st j e tz t im 22. Zuge(1) in Aktion treten. Dies kommt sonst nirgends vor!...* 22...... Sd7Xc5 23. Sb3Xc5«©7X66 24. ScB—-©4t K66—©7 25. Lei— 62 a7— a5 26. a2— a3 Sb4— a6 27. 65— 66t«©7—58 28. L62— c3 h7— h6 ES gibt nichts Besseres. 29. Lc3Xe5 Th8— h7 30. Se4— 56 Ld8Xf6 31. g5Xl6 Lc8— 67 32. Tal— cl Sa6— b8 ES drohte LXS nebst Tc7. Aus 32.... Lc6 solgt 33. LXS, I-XkSt: 34.«62, bXa6; 35. 67 nebst Tc8. 33. Lc4— b5! Sb8— c6 Es ist klar, daß aus 33.... LXL? Weiß mit 34. Tc8t, Le8; 35. Tel entscheidet. 34. Tbl—©1 Th7— h8 Etwas besser war T68. 35. Lb5Xc6 Ld7Xc6 36. TclXcöl b7Xc6 37. 66—67 Ta8— 68 38. Le5— 66t«58— g8 39. Tel—©7 g6— g6 40.«61— c2••••, Zum Schluß noch ein origineller Königsmarsch, der die Entscheidung herbeisührt. 40. 41. Kc2— c3! 42. Kc3— c4I 43. Kc4— c6 44. Kc5Xc6 46. 53Xg4 46. Te7—©2 47. Ld6— c7 48. b2— b4 Kg8— h7 Kh7— g6 Kg6-16 h6— h5 g5-rg4 h6Xg4 «56— g« Td8— a8 Aufgegeben. verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck m Verlag: VorwärtSBuchdruckerer u.VerlagSanfti:ltPaulSlngerä!Eo..BerlinLW.