Anterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 9 Dienstag oen 14. Januar 1918 Gcrcbichte einer Bombe. Von Andreas©trug. „Hören Sie gut zu, und betrügen Sie mich nicht. Ich bin nur eine Frau, aber es war nicht nötig, mit mir Proben anzustellen und solche 5?unststücke. Wenn diese Maskerade, diese Bombe, dies Herumgehen im Basar und dies dumme Einkaufen... verstehen Sie mich?— wenn das alles wieder nichts war als eine solche pädagogische Probe... nun so mögen Sie wissen, daß Sie es jetzt endgültig verdorben haben. Ich werde nichts mehr tun. Ich will nicht leben. Ich kann nicht. Verstehen Sie mich! Ich bin nun genügend belehrt, dressiert, erfahren! Man kann mir schon etwas Wichtiges, Schwieriges anvertrauen. Aber ich werde jetzt nichts, auch das Geringste nicht mehr tun. Verstehen Sie?— Der Mensch ist keine Maschine, die man mit der Kurbel andrehen kann. In mir ist etwas kaputt gemacht worden. So— jetzt wissen Sies. Wie habe ich Sie angefleht, keine Proben, keine Komödie, keinen Betrug mehr mit mir anzustellen. Ich habe Ihnen gesagt, daß das alles nicht mehr nötig ist und ge- schworen, daß ich es gut machen werde... Einmal nur, aber gut... und jetzt.. „Niemand hat Sie betrogen. Es war durchaus keine Probe. Es war eine Aufgabe." „Warum kam er nicht?" „Weil er nicht kam. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt." „Ich glaub es nicht." „Schön." „Ja, wie sollte er es denn gerade zu diesem dummen Basar so eilig haben, wenn er seit einem halben Jahr über- Haupt nicht ausgefahren ist?" „Er hatte nun diese Laune. Sie können ihm ja schließ- lich nicht wehren, zu tun, was er will." „Aber woher wußten Sie es denn? Wober hatten Sie die Gewißheit?" „Das gebt Sie nichts an." „Lassen Sie mich!— Lassen Sie halten, ich will aus- steigen." „Nein." „Mensch! Nein... Unmensch! Uebermensch! Henker! Vernichter! Verstehen Sie doch endlich, was ich will! Ich kann nicht leben. Keine Stunde länger. Heute will ich meine Arbeit tun. Ich weiß wie und wieso. Die Sache wird gut. Lassen Sie mich nicht ohne Verdienst sterben. Sie werden es morgen erfahren und selber zugeben, daß es gut gemacht war. Und niorgcn um diese Stunde werde ich ein Fetzen sein, kein Mensch, ein Haufen Elend. Ich will nicht. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nur für eine Tat ausreiche. Ich will inei» Wort halten. Leben Sie wohl!" Leo riß ihre Hände von der Türklinke zurück. Wie in einer Zange hielt er ihre beiden Hände in feiner einen Hand fest, und mit der andern suchte er unter ihrem Jackett. Er riß an ihr herum,— ein Knopf siel ab— löste die Bombe vom Gürtel und ließ ihre Hände los. Kama griff nach der Büchse, hielt fest und zog sie zu sich herüber. In diesem Augenblick erhielt sie einen mächtigen Schlag mit der Faust auf die Hand. Der Arm erstarrte ihr, sie ließ los. Leo steckte die Bombe in die Tasche seines Paletots. Sie fuhren schweigend weiter. Kama erkannte die Straßen nicht mehr. Irre Gedanken gingen durch ihren Kopf. Auf einmal war es ihr, als hätte sie alles vergessen, was war. Sie wußte weder Wer noch wo sie sei. Sie. erinnerte sich nur, daß jemand sie Heftig geschlagen hatte. Wer? Warum?— Sie fühlte sich schuldig. Was habe ich getan?— Sie fragte wie ein Kind, das weint, Weil ihm geträumt hat, es sei gechlagen worden. Etwas wie ein Nebel verdichtete sich um sie, verdunkelte alles, machte alles möglich und zugleich unwahrscheinlich. Sie fühlte dicht neben sich die Gegenwart von etwas Schrecklichem. Es war ein Mensch, den sie iiirchtete, vor dem sie erichrak wie der Hund vor dem erzürnten Herrn. Im Kopfe sauste es. Und die Orte, an denen sie vorbeikamen, schienen ihr immer phantastischer. i l Es eröffneten sich unermeßliche Weiten, bald Meere von Licht, [bald Meere von Dunkelheit � Endlich kam sie zu sich. „O Gott, o Gott! Was wir» mit mir geschehen?" seufzte sie, ohne zu bemerken, daß sie es laut sprach. „Sie werden eine Woche ausruhen, sich ausweinen, aus- schlafen, ausschimpfen, und in acht Tagen, Mittwoch um zwölf Uhr inittags wollen wir uns in der Jnstitutsgasse treffen. Wir werden weiter überlegen. Es muß gelingen. Wir wollen einen teuflischen Streich aushecken. Dieser Schuft muß ausfahren. Ich werde ihn dazu zwingen. Ich will ihn aus seinem Schloß ausräuchern. Und nicht genug,— er muß dorthin kommen, wo ich auf ihn warten will „Und ich." „Sie?... Genossin Kama, Sie werden uns helfen, wir werdeil zusammen die Sache beraten, aber im letzten ent- scheidenden Moment werden Sie nicht dabei sein." „Doch!" „Nein. Sie haben mir eben erst einige Worte gesagt, die ich mir gemerkt habe." „Man darf sich an solche Dinge nicht halten. Es war vielleicht Unsinn..." „Nein. Es war die Wahrheit. Es gibt Menschen, welche auf einmal verbrennen, und Sic scheinen mir eben ein solcher zu sein. Sie haben mir das schon einmal gesagt, aber ich glaube nicht an Gerede, ich glaube das, was ist. Jetzt erst weiß ichs. Sie sind ein verlorenes Mädchen. Sie wollen schön sterben. Sie vermögen nicht, bis zum letzten Augenblick zu leben. Sie sterben zu früh, Genossin. Sie sind auf diesem Basar wie auf den clysäischen Gefilden herumgegangen, schon im Jenseits. Sic vermögen es nicht, bis zum letzten Moment intensiv zu leben und alle Kräfte der Seele in Bereitschaft zu halten. Ein wahrer Kämpfer aber lebt mit vollem Bewußt- sein bis-zur letzten Sekunde, bis die Bombe ibn zerreißt. Und wenn man ihn ergreift und abführt... Was hätten Sie getan, liebe Kama, wenn die Spitzel Sie auf dieser Kirchweih umstellt hätten?—_ Sagen Sie'-?." „Sie hätten mich herausgehauen. Es waren dort wohl noch mehr von unseren Leuten dabei; ivaS Sie mir freilich nicht zu sagen geruht haben." „Sie irren sich. Es war niemand da außer uns beiden. Aber darum handelt es sich nicht. Ich hätte Sie nicht heraus- gehauen. Und was dann?" „Ich hätte die Bombe fallen lassen und wäre mit den Spitzeln zugrunde gegangen. So,— jetzt wissen Sie's!" „Ja, und einigck Dutzend unschuldiger Leute mit. Wundervoll! Kampf aus Tod und Leben mit einer Karne- valsgesellschaft! Dazu sind wir ja da! Sie haben schön be- standen! Jetzt liaben Sie sich selber bewiesen, daß Sie für gewisse Aufgaben nicht geeignet sind. Das genügt." „Nein, nicht wahr! Ich hätte ganz anders gehandelt. Ich meinte es ironisch..." „Kann sein. Aber ich halte mich nicht daran, was und wie Sie sprechen. Ich weiß, daß Sie gewiß so und nicht anders gehandelt hätten. Und das weiß ich erst jetzt." „Das ist Starrsinn. Das nenne ich: eine fremde Seele ausspionieren. Das ist unwürdig!" „Desto besser. Eben dieses Ausspionieren ist meine Pflicht Ich bin ein Spitzel der Revolution und ihr Henker." „Dann spionieren«sie doch beim Feind. Sie dürfen Ihre eigenen Leute nicht mißhandeln!" „Ich weiß, was ich darf." „Sie kriechen in meine Seele hinein." „Mit den Stiefeln. Ja, so sagt mau. Ich bin nicht artig. Nicht angenehm. Dazu achte ich die Menschen zu sehr..." Leo hielt inne. Der Regen peitschte die Scheiben. Auf dem Alexanderplatz umgab sie eine Abteilung trabender Husaren. Einige Minuten lanr fuhren sie eingehüllt in die Wolke der Nester. Schon Weit von ihnen, in den dunklen Alleen lachte Leo plötzlich seltsam auf. „Weil ich den Menschen achte. Und auch Sie. Darum spreche ich, wie ich denke und wie cS nötig ist. Leo,— sagen Sie— ein Stück Holz. Leo,— eine Maschine! Ach, Ge- nossiu..." Kama horte mit Erstaunen. Nie hatte Leo so gesprochen. Seine Stimme war verändert, bebte und brachchor Bewegung ab. Schon fühlte sie Tränen in den Augen. Sie erkannte die gewaltige Last, dte dieser kalte, un'entimentale Mensch, der die Leute ruhig und pedantisch in den Tod schickte, aus seiner Seele zu tragen hatte. Unter dem Eindruck dieses Erstaiuiens kam sie zu' sich, vergaß ihr ganzes Unglück. Und wie er weiter sprach, glaubte sie zu träumen. Diese Stimme voller Rüh- ruug! Diese herzliche Ansprache! War das Leo! Leo... „Waren Sie dabei als wir damals Michael ausschickten? Wir haben ihn direkt ins Jensens geschickt. Es war gewiß. daß er von dort unmöglich lebend zurückkehrt. Sie vcrab- schiedeten ihn mit Ihrer schönen Herzlichkeit wie eine Schwester, wie eine Liebende. Ich habe ihm Unannehmlich- keiten bereitet und befleckte mit Kleinlichkeiten, mit dummen Scherzen die letzten Augenblicke. Als er fortging, schlug er heftig die Tür zu und brummte:„Viech!" Haben Sie das Wort gehört?" „Ich Habs gehört." „Und haben genau das gleiche gedacht. Sie dachten nur an eins: daß ein lieber uns teurer Mensch in den Tod geht. Ich aber— ich dachte daran, daß dieser Mensch nicht unnütz zugrunde gehe. Ich denke stets nur daran, daß es gelinge. Sie haben Michael weich gemacht, bezaubert. Was sehr ge- sährlich ist. Ich sah, was in ihm vorging. Man mußte ihn ernüchtern, aufrütteln, mit beiden Füßen auf die Erde stellen; ihn mit Kleinigkeiten beschästigen, den Fluß seiner Gedanken unterbrechen, welche die Erde schon verlassen hatten. Endlich ihn ärgern, daß er fluchte und böse würde. Damit er es a,ls etwas Alltägliches, Gewöhnliches tue, damit er immer mehr vergesse, daß er bald sterbe muß. Man mußte dies alles mit dem Allcrgewöhnlichsten vermischen, mit der Prosa d�s Lebens, mit dem Dreck, mit dem Mist... so daß er staune, wie ein Mensch im letzten Augenblick, während er.einen andern in den Tod schickt und selbst zurückbleibt, ein so zynischer Idiot sein kann. Und er ging fort und war tief verletzt. Beleidigt... Ich weiß nicht, ob dieses Wort das ausdrückt, was er damals fühlte. Ich aber muß es ertragen. Muß in meiner Rolle bleiben... obwohl ich weiß... denn ich weiß gewiß, daß ich Michael nicht irgendwo unter den Sternen loiedersehen werde, uni ihm zu sagen, was das war... Ihr redet da so unter euch: Leo hat keine Nerven. Leo hat kein Herz. Leo kann nicht lieben. Das ist nur ein Maschinist, der uns wie-Urtou.itr/t aufzieht. Er sieht nie den Menschen in uns..." Kama schwieg. Denn in der Tat pflegte man von Leo genau in solchen Ausdrücken zu sprechen lForckevuiig folg:.) 1[ Oer Lebensabend. Eine Bnuerngeschichtc von Hermann Stenz. Es war ein heißer Julitag. so um die Mittagsstunde herum. Die breite bergige Landstraße von Ruiding her fuhr zwischen den beinahe waldlosen Hügeln ein mit bäuerlichem Hausrat beladencr Wagen. Ein kräftiger von zwei feisten Braunen gezogener Leiter- wage». Altes solides Möbel war's, so von der Art, wie es sich im Gebirge durch Generationen forterbte. Da hatte jedes Stück, vom bunt bemalten mit der Jahreszahl 1808 versehenen Ztleider- schrauk bis zur eichenen Truhe, Charakter, hatte Ausdruck, war klobig und breit wie die Menschen, zu denen es gehörte. Stand gerade so fest wie die dazugehörigen Bauern auch, deren bunte Westen, grellfarbige kleine Schlipse sowie sonstigen Kleidungsstücke in der Wahl ihrer Farben und ihres Schnittes etwas genau so Ucdcrlicscrtcs waren lvie die aufgepinselten Tulpen- und Rosen- motivc der Kasten, Betten, Truhen. Es lag in der Zusammen- stell uug der kräftigen wenig gemischten Farben von Möbel und Klciderzierrat Kern, gesunde Freude am Bunten, Lebendigen. Die schwarzledernen Kummete der beiden Braunen loa reu mit Messing- scheiden und Tliftcn reich verziert, je ein grcllrotes schwarzfransiges Tuch hing daran herunter. Und der Handgaul trug einen großen Strauß dunkel. oter, duftender Gartennelkcn an der cincn Kopfseite. Man konnte schier meinen, daß er sich des Schmuckes beimißt sei, so stolz und kräftig hob und senkte er den Kopf. Der mittel- große, übermäßig breitsckubcig gewachsene Bauer, anfangs der Dreißig, welcher die Ross> führte i-atie sich ein leuchtend rotes Nagerl hinter'» Ohr gestea: und knallte fröhlich mit der langen Peitsche, so daß es in den Kaltfelsen der Täler dutzendfach wider- hallte. Er halte auch alle» Anlaß dazu, aufgeräumt zu sein; denn die beiden Alten zogen aus, vr ,1 heute ab da war er alleinig Herr im Hofe. Sein liefgebräimle*, breiteckigcs Gesicht mit den ganz hell abstechenden Augen und der Porzellanpfeife im linken Mundwinkel spiegelte eine gewisse verhaltene Zufriedenheit wider. Neben ihm der Alte, mit dem gleich bärenhaft gedrungenen Gestell, war sein Vater. Zwei Reihen große silberne Talerinöpse, lauter Georgi- und Marientaler, zierten eine Weste, deren violetter dunkler Saint mit grünen, kleinen Blättern, orangegelben und rosenroten Röschen bestickt ivar. Vater und Sohn trugen steif- schaftene, um die stnöchel in ringartige Falten gelegte Stiefel, die ihnen vorne bis über die Kniescheibe reichten und um die Knie- kehlen stark ausgeschnitten waren. Schwer und dumpf wie der Säbritt ihrer starthufigen Gäule war auch der Schritt der Bauern. Schlvarze,-zffeustehende Tuchjacken kurzen Schnittes, schwarz- gefärbte, anliegende Hirschlederhosen und niedere, runde Kastor- hüte aus Biberfilz gleicher Farbe vervollständigten den Anzug, der in seiner ganzen Gediegenheit mehr kostete wie der auf Seide ge- arbeitete Salonanzug eines Siadtmemchem Ter Sonntagsstaat der wohlhabenden Bauern vom nördlichen Teil Oberbayerns, den die zwei trugen. Hinter den beiden ging eine gleich kräftig gebaute Frau, Mitte der Fünfzig, sich in den vom braunen Rock und der buntgestickten Schürze starkgeschnürten Hüften wiegend. Ucber deir dunklen, langärmeligen Spenser hing eine fünffache schwersilberne Halskette, deren halbhandgroße flache Silberichlietze reich mit Granaten und blauen Halbedeliteinen beletzt war. Das schwarz- seidene rund um den Kopf geschlungene Tuch, plattanliegend, lief auf dem Nacken geknotet in zwei bis an die Ellbogen reichende breite Zipfel ans. Am Arme hängend trug sie eine''chivarzlackierte, korbähnliche, große Ledertasche, deren eine Langseite in grellen Farben mit merkwürdig runden Blumen und naiv angeordneten weißen Punkten bemalt loar. Die Männer unterhielten sich laut, ohne dabei die qualniende Porzellanpfeife aüs den Zähnen zu lassen. „Alio, wiae ausg'macht. Fünf Klafter Buachaholz, erstklasiig's, zwoa Klafter feichtern's, a zwoazentncrige vsan af Martini, fünfhundert Oar af's Jahr oateilt, fufz'g Maßl'n Schwarzmehl, dreiß'ge Weißmehl, drei Sack Kartoffel, hundert Köpf Kraut und oan Sack Ruab'n", sprach der Alte durch die Zähne. „Ja und nacha no an Hafa Buttaschmalz", tönte es hinter ihnen. „Js scho recht, Muatta, soll sie nix fahl'n. Oes kriagt'S as Enkerne. Bals a gnat's Jahr is, no mehr«. Braucht's Enk nix abgeh' z' lass'n", beruhigte der Junge, während die Alten über die breiten Gesichter glänzten. „Hoatz is Vata, ma kunnt af da„Linden" ebba do a Maß Vier trinka," meinte der Sohn. Der andere nickte nur mit dem Kopf. „Grnaß die Gott, Strasser," schrie der Lindcnpeter schon von weitem,„wollt's Enk Ruha macba. Dös sell sag' i a„ wann ma amal sechz'ge vorbei is, nacha g'hörts oan. Recht a so!" „Woll Peter, is a so. Bring drei Maß und für d' Rösscr a oane. Soll'n heut a ebbes Extras Hain." Vor dem einsamen, lindenumschatteten Wirtshaus stehend, leerte jedes seine Maß Bier in langen, durstigen Zügen, vor dem Antrinken in den Krug blaiend, daß die weißen Flocken nach allen Seiten spritzten. Behaglich und breit wischten jic sich m-it dem braunen Handrücken den Mund. Während der Wirt mit den drei Gästen plauderte, näherte sich der Sohn desselben, einen gefüllten Maßkrug tragend, den Gäulen. Der durstige Handgaul hob, das Bier witternd, die Nase. Die Lis'l aber warf schnaubend den Kopf in die Höhe und trat hellauf wiehernd einen Schritt vorwärts. „Bleibst net steh', Luada," lachte der stämmige Bursch und hielt dem Nelkengeschmückten den Krug ans Maul. Gierig sog dieser einen Teil des Bieres. „Halt stad, hiatzt kummt d' Lis'l dro." Die kriegte den Rest zu saufen. Dann erst erhielten sie Trink- Wasser. „Muatta, kunnst deugerscht a wcngl aufsitzen!" meinte der junge Bauer, bevor sie weiter fuhren. �„Na it, müatzt Mi ja schämet, bal i wiarr' a Schpitalerin in-5' Stodt eiziagat, i konn's no a so damacha," war die Antwort. Der Lindcnpeter und sein Junge schauten, unter den riesigen Linden stehend, von denen das Wirtshaus seinen Namen hatte, dem abfahrenden Wagen nach. „Kunnst d' as a bald gmüatli macha, Vata," brummte der Sohn, strich sich den dichten Schnurrbart und besah den Alten von der Seite. „I kumm no früha genua zum Privatisieren und Du zu Deine Sorg'n. In a paar Jahrl langt's a," war die bissige Antwort. „Ja, aba d' Leni und i, mir möcht'n do—" „Was möcht's? Hätt'st Dir oane g'suacht, dia wo mehra mit- kriagt, wiara Häuslerstochter, nacha langat'S iatzt schol" Der Peter ging ins Hau». Der Junge schaute eine Zeitlang vor sich hin, fing dann einen Sandler zu pfeifen an und schritt zum Kicsanfladen in die Grube, welche mit zum Besitz des Linden- Wirtes gehörte.' « Arn Eingang des kleinen Städtchens standen beidseitig /eine lange Reihe niedriger zweistöckiger Häuser. Manche von ihnen zeigten eine merkwürdige Neigung sich auszubauchen und eines lehnte sich spitzgiebelig an das andere, als wollten sie sich gegen- fettig stützen. In luftigen Farben gckalttc Wände, grellfarbig ge- strichcne schmale Haustüren und Fensterrahmen gaben der ganzen Straße ein heiteres. icbensfrendigeS Aussehen, dem die spitzen alten Giebel mit ihre» Türchen und Lulen, die Steinbänie vor dem Hause, die tiefgele>zenen Fensterstöcke� der Erdge chesse und einge- mauerten Heiligenbilder noch einen Stich ins Kleinbürgerliche ver- liehe». Vor eineni dieser Häuschen hielt der Wagen. Aus den Fenstern ringsum streckten sich neugierige Gesichter. Eine Anzahl Kinder sahen zu, wie die Strasserleute ihr Zeugl abluden und in das obere Stockwerk schafften. Kostete manchen Schnaufer, bis das letzte die enge kurze Treppe hinauf gezwängt war. Dann gab der Sohn den beiden Alten die Hand und mit einem kräftigen„Pfüat Gotl" schied er. Es liegt Kern im Abschiednehmen der Menschen jener Gegend. Selbst für lange Zeit scheiden sie mit einfachem Handscklag und kurzem Grufz. Tränen gelten beim Abschiede den Männern als Schande und auch die Frauen üben darin Zurückhaltung. Nur betz einer Leiche leisten sich die Weiber einen Ueberflust an solchen. Zwischen Eltern und Kindern werden von kleinauf wenig Zärtlich- keilen ausgetauscht. Zärtlichkeiten unter jung Verheirateten sind spärlich, vor andern ganz ausgeschlossen. Selbst der Verkehr unter Liebenden ist ein viel rauherer wie anderswo. Und trotzdem haben sich diese Bauer» gerade>so lieb, halten ebensogut zusammen, wie die in Abichiedstränen und Küssen schwimmenden Groststäoter. Das große Sehnen der begüterten Bauern jener Gegend ist es, einmal iam Lebensabend statt in ihrem Dorf im Äustragstüberl zu leben, in die Stadt ziehen und dort in einfacher Behaglichkeit privatisieren zu können. Und eine Dreiherrenleiche am Lebcnsend. So eine schöne Leich' mit Musik, Leichensängern und drei Geistlichen. Wenn so ein Bäuerlein sechzig alt ist und die Zinien seines verkauften oder an die Jungen abgegebenen Hofes erlauben ihm das einigermaßen, dann mietet er sich im Städtchen eine kleine Wohnung. Stube, Kammer und Küche genügt ihm für sich und seine Frau. Zwei Betten in der Stube, eines in der Kammer für kommende Besuche. Und Betten sind das! Nirgends kann man ihresgleichen treffen. So auch bei den Strasserleuten. Keine Blatratzen, nein, sckön gleichmäßig gestopfte Strohsäcke, die ihre Füllung jedes halbe Jahr erneuern. Ein weiches Feder- Unterbett, Leintücher, so rauh wie Sackstoff, aber ge'und, zwei riesige Kopfkissen und als Glanzpunkt federgefüllte Zudecken, in jeder das Kleid einer Gänseherde. Wer das erstemal in ein solcbes Bett gerät, der verirrt sich darin. Unaufhaltsam und rettungslos sinkt er in die Tiefe. Ein ledcrüberzogcncs, niedriges Sofa stand hinter dem massiv eichenen Tisch. Hunderte von breitköpfigen Messingnägeln waren rings um den Ledcrrand eingeschlagen. Der Uhrkasten wie die plumpen Stühle waren gleich dem Tisch aus schwerem Eichenholz. Die Betten und der zerlegbare zweitürig« Kleiderschrank aus dickem Tannenholz angefertigt, blaugrau gestrichen und mit bunten Tulpen- und Rosenmotiven bemalt. In der Ecke hinter dem grünen Kacbel- ofen da hing ein großer, lindenholzgeschnitzter Herrgott, palm- tätzchengeziert, ein ewiges Lichte! davor; neben der Tür ein kleiner Zinnkcssel, das Weihwasser enthaltend. schmiedeeisernes, ge- brauchsblankes Beschlag zierte die truhenähnliche Eicbenkommode. Schlecht waren nur die beiden Heiligenbilder an der Wand, ordi- närer, greller Oeldruck, nicht die glanzvergoldeten, platten Nahmen wert. (Fortsetzung folgt.) Vom ScKlittfcKiiK. Von C. S ch e n 1 l i n g. Bis tief in die nebelgraue Ferne altnordischer Götterzeit läßt sich die Kunst des Schlittschuhlaufens verfolgen. Die nordische Sage schreibt ihre Erfindung den Göttern zu; kein Sterblicher durfte sie für sich m Anspruch nehmen. Der Asc aller, der Gott des Gesanges, war es, der den Kothurn zuerst an den Fuß legte, um über die un- wegsaoien Pfade, wie sie der Winter erzeugt, leicht dahin eilen zu können. Aus diesem Hinweis läßt sich gleichzeitig auf das Alter des Schlittschuhs schließen: er war bereits der altgermanischen Welt bekannt. Den federleichten Schlittschuh unserer Tage kannten freilich die Nordländer nicht. Das Modell des Schlittschuhs jener Zeit wurde im Schweizer Lande aus einer Moorschicht zutage gefördert. Unter verschiedenen Stein- und Knochenwerkzcugcu, die gelegentlich einer Nachgrabung ausgehoben wurden, fand man auch einen Schlitt- schuh, der aus einem Pferdeknochen verfertigt war. Ungefähr Ä Zentimeter lang, ist der Knochen sowohl an den Seiten als auch an der Basis geschliffen, so daß eine Schiene von etwa 3 Millimeter Breite und 25 Zentimeter Länge der Unterlage aufsteht. Der Fund erregte seinerzeit gerechtes Aufsehen. Zuerst zweifelte man wohl, es hier mit dein Ur-Schlittschuh zu tun zu haben. Da kam aus Schweden die Kunde von einem ganz ähnlichen Fund. Der schwedische Schlittschuh zeigte nicht nur ausgeschliffene Kanten, die dem Fuß Halt verliehen, sondern an der Spitze des Knochens bc- fand sich auch eine Ocffnung und am entgegengesetzten Ende eine Kerbe, durch die wahrscheinlich ei» Riemen gezogen wurde. Solche Schlittschuhe, deren Alter man beiläufig auf 3053 Jahren schätzt, hat man auch im Sprecbett bei Berlin und Spandau, in den Gegenden von Moorfield und Jinsbury in England, wie auf der 'ganzen Linie von Norwegen bis Ungarn gefunden. MerkwiH-ig aber ist, daß der Knochenschlittschuh aus der Pfahlbauzeit bis in- frühe Mittelalter hinein sich in seiner Gestalt erhalten hat. So er- zählt der Londoner Chronist Fritz Stephan aus dem 13. Jahr- hundert ausdrücklich, daß die Londoner Jugend„Knochen" unter die Füße binde und mittels dieser schnell über das Eis dahin gleite. Theodor Storm gibt in seiner Novelle„Auf der Universität" eine originelle Schilderung des Eisbahnvergnügens und sagt u. a.:„Von alt und jung auf zweien und auf einem Schlittschuh, sogar auf � einem untergebundenen Kalbsknöchlein wurde die edle Kunst des 1 Eislaufens geübt." Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die allmähliche Ver- vollkommnung des Schlittschuhs verfolgen zu wollen. Erwähnt sei nur, daß vor etwa einem halben Jahrtausend in. Holland der erste hölzerne mit einer Eiscnschicne versehene Schlittschuh auftauchte. Heute wird namentlich in Amerika und Rußland ein großer Luxus in Schlittschuhen entfaltet. Schlittschuhe aus Gold und Silber, die das Sümmchen von 20 003 Mark kosten, sind durchaus nichts Un- gewöhnliches. Die Kunst des Schlittschuhlaufens hat natürlich auch ihre eigene Literatur. Ihr Beginn kann bis in die tiefste Vorzeit zurück- geführt werden. Eine sachliche und technische Literatur dieses Sports beginnt aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- Hunderts. Das Hauptvcrdienst in dieser Hinsicht gebührt Klop- stock. Wie durch sein echt deutsches Lied, so gewann er auch durch sein Interesse für den Eislauf die Herzen der Jugend. Es schien ihr fast unvereinbar mit der Pietät für den Dichter des„Messias". nicht auch dem Eislauf zu huldigen wie er. Am liebsten pflegte Klopstock diesen Sport in den Mondscheinnächten:„Nur ein Gesetz! Wir verlassen nicht eh' den Strom, bis der Mond am Himmel sinkt!' Die vielfachen Spöttereien über diese, angeblich seinem Alter nicht angemessene Liebhaberei störten den Dichter nicht im geringsten. Er war von dem hohen Wert des Eissports fest überzeugt und teilte die Ansicht der Pädagogen des 16. und 17. Jahrhunderts nicht, die eine entschiedende Abneigung gegen)as Schlittschuhlaufen be- kündeten, da es ihnen zu gefährlich, ja zu wild dünkte. Selbst seine Poesie stellte Klopstock in den Dienst des geliebten Sportes. so u. a. in den herrlichen Oden„Der Eislauf"(176-i) und„Die Kunst Tialfs"(1767), wie auch in den„Winterfreuden". In dem zuletzt genannten Gedicht bedauert der Trciundfiebzigjährige schmerzlich, nunmehr dem Kristall der Flüsse Ade sagen zu müssen. Selbst Goethe wurde durch solche Motive bewogen, noch im Mannesalter die Kunst des Schlittschuhsports zu erlernen, lieber diese Episode seines Lebens sagt er u. a.:„Bei eintretendem Winter tat sich eine neue Welt vor uns auf, indem ich mich zum Schlitt- schuhlaufcn, das ich vorher nicht versucht hatte, rasch entschloß. Diese neue frohe Tätigkeit waren wir Klopstock schuldig, seiner Begeiste- rung für diese glückliche Bewegung. Ich erinnere mich ganz genau» daß an einem heiteren Frühmorgen ich aus dem Bette springend. mir verschiedene Stellen aus Klopstocks Öde zurief. Mein zaudern- der, schtvankender Entschluß war sogleich bestimmt, und ich flog strccklings dem Orte zu, wo ein so alter Anfänger mit einiger Schicklichkcit seine ersten Hebungen vornehmen kann." Nicht nur den Tag verbrachte Goethe mit seinen Genossen auf dem Eise. sondern bis in die Nacht wurde diese herrliche Bewegung fortgesetzt und zu Ehren Klopstocks diese oder jen- Eislauf-Ode in deklama- torischem Halbgesang rezitiert.„Wenn wir uns im Dämmerlicht zusammenfanden," fährt Goethe fort,„erscholl das ungeheuchelte Lob des Stifters unserer Freuden. Solchen Dank verdient sich ein Mann, der irgendein irdisches Tun durch geistige Anregung zu ver- edcln und würdig zu verbreiten weiß."?luch Goethe hat den Eis- lauf poetisch verherrlicht und sobald er mit Klopstock zusammentraf. unterhielten sich beide nicht über Kunst und Poesie, sondern schwärmten vom Eislauf. Seitdem de» Schlittschuhsport, der bisher nur als ein Knabenspiel angesehen wurde, solche Protektoren gefunden hatte, erscheinen bis zur Gegenwart in den Zeitungen und Zeitschriften nicht nur Aufsätze und Abhandlungen, sondern auch Werke über diesen Sport, wie sich die Fachzeitschriften in seinen Dienst stellen. Medizinische Autoritäten, wie Hpgieniker und Männer des Turnwesens weisen auf den gesundheitlichen Wert dieser Lcibesübung hin. und zahlreiche Jugendschriften besprechen und empfehlen die Pflege dieses Sports. Wie die Holländer die ersten Schlittschuhe mit einer Eisen- schiene bauten, so haben sie auch die ersten Schlittschuhe aus Stahl fabriziert; sie waren auch die ersten, die den Eislauf zu einer Kunst gestalteten— sie schlugen nämlich zuerst„Bogen". Im allgemeinen gehört der Schlittschuh im Lande der Kanäle zu den Notwendig- keiten des Lebens. Oft bildet dort das Eis den einzigen Verkehrs»- weg. Da muß denn Groß und Klein, Alt und Jung, Männlei« wie Weiblein die Kunst des Eislaufs wohl verstehen. Daher kommt es auch, daß man dortlands das möglichst schnelle Laufen zu be- herrschen trachtet. In Holland gibt es seit langem Schlittschuh- Wettläufe. Zu diesen treten die Männer in Sweater und Knie- hosen a» und die Frauen in Röcken, die im Schnitt den Balletteusen- kleidcrn einigermaßen ähneln. Von Holland aus gelangte der Sport nach England, wo er bereit- zu:>:it tz'.r Königin Elisabeth: gepflegt wurde. Den Stahlschlittschuh scye.nt wngland zur Zeit Karls des Zweiten kennen gelernt zu haben, denn 1662 wird seiner zum erstenmal Erwähnung getan. Wie sehr die Engländer den Eissport lieben, beweist die Tatsache, daß man dort weite Reisen unternimmt, um ihm huchigen zu können. Wir Deutsche lassen uns immer erst ein wenig notigen, ehe wir etwas Neues unternehmen. So sand das Vergnügen am Schlittschuhlauf erst im 18. Jahrhundert bei uns Aufnahme, und zwar zuerst nur als tzerrenbelustigung. Das Verdienst, dem Sport eine größere Jüngerschar zugeführt zu haben, gebührt un. streitig dem Nationalökonomen Max Wirth, dessen Schriften über Schlittschuhlauf wohl im weiteren Kreise der Schlittschuhläufer be- Zannt sein dürften. In seinen Aufsätzen forderte er wiederholt zur Bildung bon Vereinen zur Herstellung und Auffindung guter und sicherer Eisbahnen auf und suchte nach Kräften die Konstituierung von Schlittschuhläuferklubs anzuregen, wie solche in den meisten Städten Englands und Amerikas bereits existierten. Seine Vor- schlüge sind auf guten Boden gefallen, denn die Zahl der Verehrer der der Gesundheit so dienlichen Kunst wächst ununterbrochen. Der beste Beweis dafür ist die Schöpfung künstlicher Eisdahnen in den großen und größeren Städten, woselbst man sich in den heißesten Sommertagcn dem Eissport hingeben kann. Das Vcrtzienit, den gesundheitlichen Sport auch in der Frauen- weit, insbesondere in der Berliner, eingeführt zu haben, gebührt der Opernsängerin Henriette Sontag, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin tätig war. Auch der Geigerkönig Joachim war ein eifriger Schlittschuhläufer, obschon er es zur Wollendung dieser Kunst nicht gebracht hat. Während seines Aufenthaltes in Hannover soll ihm auf der Eisbahn sogar eine drollige Geschichte passiert sein. Beim Anschnallen der Schlitt- schuhe fragte er den Helfer, wie er sich zu verhalten habe.„O, et js janz liccht, Herr Konzertmeister"— Joachim war in Hannover eine populäre Persönlichkeit—„Sei smieten det eene Veen herut und denn det ander, un denn lofet Sei!" Gesagt, getan. Aber «nur Schritt und der Herr Konzertmeister saß auf dem Eise.„Ja, (ja. Herr Konzertmeister, et is janz liccht, aber so liecht wie det Weigelinspiclen is et denn doch nicht" Wie schon erwähnt, machten sich. auch Pädagogen und Volks- erzieher um die Pflege des Eissports verdient. In der Erziehungs- «nstalt des Schweizers Fallenberg zu Hofwyl wurde er mit Eifer gepflegt. Guts-Muths schrieb eine warme und liebevolle Lobrede auf den Eislauf und auch Turnvater Jahn tat da» Seine für die Einbürgerung des Sports. So eroberte er sich immer weitere 'Kreise. Zur höchsten Vollendung kam die Kunst aber in Amerika. welchem Lande wir auch die heutige Form des Schlittschuhs(der in Halifax in Neuschottland fabrizierte Armee-Klub-Schlittschuh) wie den.Kunstlauf verdanken. In den sechziger Jahren hielt man es noch für ein Wunder, daß Fish Smart mit Schlittschuhen eine englische Meile in 3 Minuten lief, aber ein halbes Jahrzehnt später brauchte I. Donovhue zu derselben Entfernung unter ähn- Ziehen Bedingungen auf dem Hudson nur 2 Minuten 12% Sekunden. Er legte also über 27 Meilen in der Stunde zurück. Der Amerikaner Si. Nilsson lief vor etlichen Jahren eine englische Meile iin Montreal unter gewöhnlichen Bedingungen in 2 Minuten 4iy, Sekunden. Gelegentlich des bekannten Schlittschuhwettlaufs in DavoS brauchte Seyler, der deutsche Champion, zu 10 000 Meter 18 Mintuen 5 Sekunden, während Scnsburg, ein Münchener, in einer Stunde 10 englische Meilen 200 Uards lief. Damit schlug er Edington-Oxford, der fast 19 Meilen gemacht hatte. Diese Leistungen früherer Zeit werden bei den heutigen Eis- jlaufwcttkäiupfen teils er eicht, teils übertroffcn. Zu Weit- und Kunstlauf treten verschiedene aus dem englischen Schlittschuhsport übernommene Eisspiele, so Bandy(Hockey) und Curling. kleines feuilleton. Hauswirtschaft. N e n e K o ch b ii ch e r. Spezialgebiete innerhalb der Kochkunst vehandeln einige kleine Druckschriften, die uns zur Besprechung vorliegen. He reu quirl, herausgegeben von Frau M. Woldmaun(Druck und Verlag von H. Sievers u. Co, Nachf. F. W. Goebel, Braun- schweig, 40 Seiren) berücksichtigt die Bedürmisse der kleinbürgerlichen und proletarischen Küche. Es ist im allgemeinen recht brauchbar. Zu bemängeln ist nur. daß auch dieses moderne Kochbuch gleich den rneisten seiner Vorgänger vorschreibt, Reis, grüne Gemüse, Sauer- kohl, Pilze u. dergl. vor der eigentlichen Zubcxeitung abzubrühen oder abzukochen. Da das Gemüsewasser nicht mit verwendet wird, bedeutet dieses langst überlebte Verfahren eine Vergeudung der für den Körper io wichtigen Nührsalze und damit eine Eniwcrtnng der sonst so zuträglichen Genmiekost. Moderne F i i ch l ü ch e von Elsricde Beetz.(Verlagsanstalt Emil Abigs, Wiesbaden. Preis 1 M. 77 Seiten.) Alle», die in fremden Haushaltungen, in Restaurants oder Kantinen häufig in die Lage komme«, Fischgerichte zu bereiten, ist dieses Kochbuch durch- aus zu empfehlen. Zur Verwendung im Arbeiterhaushalt ist es als Spezialkochbuch zu umfutlgreich und zu teuer. Die Konditorei in jedem Haushalt.(Zimmermannscher Verlag, Chemnitz. 62 Seite».) Das für 20 Pf. käufliche Hcftchcu enthält 7S erprobte und verhältnismi.ßig billige Vorschrinen zur Selbftherstcllung von Torten, Kuchen und Teegebäck. Wir loünscheu unseren Leserinnen nur daS Wrrlichaftsgeld, das nötig ist, «erautw. Rebakteur: Alftetz Wirlep»,' Neukölln.— Druch u. Vexlag: um diese leckeren Dinge de? öfteren auf den Tisch bringen zu können. „Die Schnellküche" bon Angela von Baltz(Verlag von Emil Wirr, vormals I. I. Christen, Aaren. 65 Seiten) ist ein sehr originelles, kleines Hilfsbuch, daS sich an Alleinstehende, als: An« gestellte, Arbeiter, Studierende. Alpinisten, Jäger. Touristen usw. beiderlei Geschlechts wendet. Diese sollen zur Selbstherstellung einer gesünderen, reichhaltigeren und billigeren Kost angeregt werden, als fie das Gasthaus bietet. Wenn das Büchlein auch speziell für schweizerische Verhältnisse berechnet ist, so können seine Vorschriften doch auch in Deutschland mit großem Nutzen befolgt werden. Es werden besonders solche Speisen berücksichtigt, die ihrer zeitraubenden Herstellung wegen bisher von Alleinstehenden gewöhnlich gemieden wurden. Voraussetzung dabei ist die Benutzung der in unserer Hauswirtschaft- lichen Ecke so oft erwähnten Kochliste oder anderer Kochapparate. In einem besonderen Abschnitt wird die Schnellküche für alleinstebende Frauen, Angestellte und Studentinnen behandelt, die bei sitzender Lebensweise einer leicht verdaulichen und nahrhaften Kost bedürfen. Zum Schluß gibt die Verfasserin eine genaue Anleitung zu einer rationellen Beköstigung. bei der allerdings Milch, Eier, Speck und Heringe verwendet werden und zeigt an dem Speisezettel einer Woche, wie man schon beim Früh- stück die Miltagsmahlzeit, während dieser die Abendmahlzeit usw. vorbereiten kann. Natürlich läßt dieses System sich beliebig aus» bauen und verändern, einmal durch Einfügen von Fleischgerichten, die in den anderen Abschnitten behandelt werden, dann durch Fort« lassen der Speisen, die im Bratofen oder in einem der modernen Brat- und Backapparate hergestellt werden mästen und deshalb für viele alleinstehende Frauen überdaupl nicht in Frage kommen. Die Beköstigung der Erwerbstätigen, die ohne Familienanschluß zu leben gezwungen sind, ist gewöhnlich so elend, daß den in der „Schnellküche" gegebenen Anregungen zu eigener Verpflegung im Interesse der Erhaltung von Gesundheit und Arbeitskraft recht weile Verbreitung zu wünschen ist. Verhehlen darf man sich freilich nicht, daß hierbei nur ein kleiner Teil der arbeitenden Frauen in Bewacht kommen kann, da da? Wobnen in einer Scvlakstelle, niedrige Löhne sowie weite Wege von und zu der Arbeitsstätte auch die einfachste Art einer rationellen Selbstbeköstigung unmöglich machen. tv. kt. Volkskunde. Der fliehende Pfannkuchen. Volkssagen und Volks' märchen fast aller Völker weisen, wie wenig bekannt sein dürfte- eine reizvolle Erzählung von dem zur Faschingszeit unerläßlichen Pfannkuchen auf. Es ist an zunehmen, daß die Erzählung von Ruß- land ausgeht und wie alle Märwen und Sagen in den verschiedenen Ländern eine dem Geiste des Volkes entsprechende Veränderung erfährt. Es ist leicht zu verstehen und offenbart den Humor« vollen Sinn des Volkes, wie seine Phanlafie sich gerade den Pfannkuchen fliehend vorstellt. Diesen rundlichen, nied« lichen, überall beliebten Kuchen, der im braunen Fette lustig schmort und tanzt.. wie leickt tanzt er auS der Pfanne hinaus.... lind das Märchen ist fertig: Eme russische Bäuerin backt auf Wunsch des Bauern, ihres Galten, einen Kuchen. Als er schön fertig ist, stellt fie ihn ans Fenster zum Abkühlen. Der Pfannkuchen rollt auf einmal hinab, auf die Bank, von da auf den Flur, vom Flur zur Tür hinaus und dann die Treppe hinab auf den Hof. Und von da läuft er weiter auf die weite Landstraße hinaus. Er begegnet nacheinander einem Hasen, einem Wolf, einem Pferd. Sie wollen ihn natürlich effen, aber der Pfannkuchen entläuft ihnen und singt jedem einen SpottverS... bis er einem Fuchs begegnet, und dieser überlistet ihn natürlich.„Lieber Pfann- lu*en", spricht der Fuchs,„komm' näher und setz' dich auf meine Schnauze, denn ich höre schlecht". Der Pfannkuchen tut es und singt sein Spoltliedchen. Der Fuchs dankt und möchte das Liedchen uocti einmal hören. Der Pfannkuchen soll sich nun auf seine Zunge setzen. Der Pfannkuchen tut auch dies und jetzt ist eS um ihn geschehen. Jmereffant sind die Varianten der Geschichte vom„fliehenden" Pianukuchen. wie sie in Band IH der Nalursagen(B. G. Tcubner, 1910) nachzulesen sind. In Ostpreußen heißt es: Drei Mädchen buken ein Kuckelchen und keine hatte Lust, eS aus dem Ofen zu nehmen. Während sie darüber Rat hielten, entlief daS Kuckelchen... Da begegnet es einem Hasen, einem alten Hund einem Schwein. Jetzt ist daS Schwein der Ueberlister. Aber es ist doch nicht ganz io geschickt, wie der in allen Listen wohlgeübte Fuchs. ES gelingt ihm nur, den halben Kucken zu erscknovpen... die andere Hälfte wühlt sich, da sie doch nicht entlaufen kann, tief in die Erde ein. Das Schwein eilt davon und ruft seine Schweine-Kameraden zu Hilfe. Sie wühlen alle... vergebens. Und sie wühlen bis auf de» heutigen Tag.... Der Pfannkuchen, der sich in diesem Falle so mitleidlos dem Begehren der S-Vweine entzieht, zeigt sich in einem anderen Falle, und zwar diesmal in Hannover, verständnisvoll und mitleidig: er entläuft drei allen Weibern, begegnet einem Haien, einem Wolf. einer Zicke, einem Pferd, und keiner kamt ihn erwiichen. Da kommen drei Waisenkinder des Weges und bitten ihn herzinniglich:„Bleib, wir haben den ganzen Tag noch nicht« gegessen." Da hüpfte der Pfannkuchen den Kindern in den Korb und ließ sich effen... VorwärtöBuchdruckerelu.Vcrlagsaustlllt Paul SlngertEo., Berlin ZVV,'